Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

Als Vater ein Trottel?

| 17 Lesermeinungen

© Picture AllianceObacht: Väter schubsen an. Das kann doch nur schiefgehen ..?

Die Tagesmutter unseres Sohnes sagte eines Tages meiner Frau gegenüber diesen verhängnisvollen Satz: Sie könne schon erkennen, an welchem Tag Elias von seinem Vater und nicht der Mutter morgens angezogen und gebracht werde. Schiefe Mütze, Flecken vom Frühstück auf dem Pullover, die zu kurze und wahrscheinlich längst ausgemusterte Hose ausgewählt.

Der Vater, das in Fragen der Kinderfürsorge inkompetente Wesen.

Ich muss zugeben, dieser Satz der Tagesmutter fiel nur einmal. Und wahrscheinlich hatte sie an diesem Tag allen Grund dazu, ihn auszusprechen. Wahrscheinlich musste es morgens schnell gehen. Aber natürlich gibt es Tage, an dem es auch für die Mutter morgens schnell gehen muss – und das Kind nicht in Rosenblütenduft gebadet zur Betreuung gebracht wird. Oder die Mütze nicht gefunden wird, das ist bei uns der Running Gag.

Das ist normal, fällt allerdings bei der Mutter kaum auf. Denn die Erzählung, der Vater als Tollpatsch und – in Kinderangelegenheiten – trotteliger Betreuer, ist uralt und ein „beliebtes“ Motiv, wie man kürzlich wieder einmal der Werbung entnehmen durfte.

Zum Muttertag veröffentlichte die Supermarktkette Edeka ein Werbevideo, das auf YouTube einen veritablen Shitstorm auslöste. Nun ist Aufmerksamkeit in der Werbung gewollt – ob das teils vernichtende Echo allerdings von den Werbestrategen des Unternehmens und der Agentur Jung von Matt eingepreist war, darf bezweifelt werden. Der Film preist den Einsatz für den Nachwuchs, ob im Babyalter oder später bei Teenagern. Gezeigt werden allerdings Schwarz-Weiß-Sequenzen von Vätern, die sich irgendwie bemühen, aber dabei alles versemmeln, was es nur zu versemmeln gibt.

Der Vater vergisst den Deckel auf dem Mixer für Babynahrung. Das Kind schreit, der Brei fliegt dem Überforderten um die Ohren.

Ein anderer Vater kämmt die Tochter, die vor Schmerzen schreit, weil er ihr dabei fast die Haare ausreißt.

Ein weiterer Vater ist nur mit sich selbst beschäftigt und merkt gar nicht, dass das Kind ein wichtiges Anliegen hat.

Die Botschaft ist wenig subtil: Manche Väter wollen vielleicht gute Väter sein, sie können es aber einfach nicht – und echte Fürsorge ist eben Mutterkompetenz. Das Video endet mit der Pointe: „Danke Mama, dass Du nicht Papa bist.“

Der Werbefilm ist natürlich Satire – und deswegen kein Anlass für Shitstorms oder gar irgendwelche Boykottaufrufe gegenüber Edeka. Aber der Film ist wiederum auch nicht augenzwinkernd genug, um eine intelligente Botschaft zu vermitteln, über die jeder Vater lachen kann. Er pflückt die am niedrigsten hängenden Trauben, indem er alte Motive des Väterbashings reaktiviert und zugleich ein antiquiertes Frauenbild transportiert. Der Film ist deshalb vor allem eins: furchtbar spießig.

Aber der Reihe nach: Sexistische Diskriminierung trifft meistens Frauen, aber in Ausnahmefällen eben auch Männer. Sie tritt dabei in asymmetrischen Herrschaftsbeziehungen auf, also dann, wenn sich Menschen in schwächeren Positionen befinden. So wie Schauspielerinnen, die auf die Launen eines berühmten Filmproduzenten angewiesen sind, um eine Rolle zu bekommen. Da solche Berufswelten noch immer arg männerlastig sind, trifft es vor allem Frauen.

Männer – das schwache Geschlecht

Bei der Kindererziehung sind Männer das vermeintlich schwache Geschlecht. Sie haben sich den Bereich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erst mühsam erkämpfen müssen – gegen Klischees beim Arbeitgeber, bei der Gesellschaft insgesamt und im eigenen Kopf, der in dieser Frage vor allem ein Produkt der Erziehung ist. Manche Väter zierten sich einst sogar, den Kinderwagen zu schieben oder sich den Säugling umzubinden. Oh Gott, was denken bloß die anderen Passanten?

Das hat sich gewandelt. Kindererziehende Männer sind in meiner Generation (Jahrgang 1979) schlichtweg Realität – ganz anders als in der Generation der Väter. Zwar tragen im Schnitt noch immer mehr Frauen die Hauptlast und -verantwortung, aber die Väter haben aufgeholt. Erziehung und Betreuung werden heute eher aufgeteilt, in meinem Bekanntenkreis gibt es zudem mehr Väter, die den Löwenanteil übernehmen. Unverständnis oder gar dumme Sprüche ernten manche dennoch zur Genüge.

Wer sich darüber wundert, dass manche Väter bei diesem Werbeclip etwas dünnhäutig reagieren: Dünnhäutigkeit ist natürlich kein „Privileg“ von Frauen, die sich angegriffen fühlen. Wer sich seiner Position nicht sicher ist, reagiert sensibel, manchmal auch hypersensibel. Das trifft für Migranten zu, die von manchen angefeindet werden und sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, aber auch für Frauen, die zwar keine Minderheit sind, aber im Berufsleben mitunter so behandelt werden. Und eben für Männer, die ihre Kinder erziehen und die Betreuung übernehmen. Wahrscheinlich ist die Aufregung um den lapidaren Edeka-Clip so zu verstehen, dass sich viele davon eher gesellschaftliche Unterstützung erwarten, als noch verspottet zu werden.

Denn auch Satire ist ja ein Herrschaftsinstrument – aber umgekehrt: Die Schwachen pieksen die Starken, sie karikieren sie, machen sie zum Gespött und legen sie damit ein Stück in ihrer Allmacht frei. Nur: In Sachen Kindererziehung sind die Frauen noch immer die Diskursträger, das Maß aller Dinge. Deshalb ist das Werbevideo so mutlos, weil es die Chance verpasst, die Mutter zum Muttertag (liebevoll) durch den Kakao zu ziehen – und sich stattdessen an den Vätern abarbeitet.

Wer holt die Mutter vom Sockel?

Der Vater als Trottel ist hingegen ein leichtes Opfer, weil er es schon immer war. Von den Paukerfilmen der sechziger Jahre über Al Bundy und Homer Simpson gehört der trottelige Familienvater zum kulturellen Standardrepertoire in der Popkultur. Verständlicherweise, weil der Vater als Instanz in Zeiten autoritativer Hegemonie über die Familie vom Sockel geholt werden sollte. Aber bei der Kindererziehung steht die Mutter auf dem Sockel der Verehrung; wer holt sie einmal – in kluger und nicht diffamierender Weise – herunter?

Apropos Mutter: Mütter bekommen im Werbevideo auch ihr Fett weg, aber anders als erhofft. Die Kehrseite des trotteligen Vaters ist die perfekte Mutterfigur, die alle Wünsche und Bedürfnisse des Kindes schon im Schlaf erschnüffelt und sich im Gegenzug selbst aufgibt. Wer kennt sie nicht, die Mutter, die zwar zwei Stunden das Abendessen kocht, am Schluss aber die abgezählten Schnitzel noch „an die Männer“ verteilt und selbst nur Brokkoli kaut? Das Mutterbild, das dieses Video transportiert, ist, gelinde gesagt, leicht antiquiert.

Ach ja, da würde mir schon was einfallen, wie man ein süffisantes Video zum Muttertag konzipiert. Jung von Matt, übernehmen Sie! Also, für nächstes Jahr.


17 Lesermeinungen

  1. Wenn wir nicht mehr über uns selber lachen können, wird es finster ...
    Ich staune nur welche Spaß befreite Interpretationstragweite aus diesem Spot gezogen wird. Jeder Vater (und auch jede Mutter) wird sich in der einen oder anderen Szene mehr oder weniger wieder finden. Ist er (sie) deswegen ein Trottel? Nein! Denn das ganze ist eine Ansammlung von witzigen Peinlichkeiten, die weder Väter generell zu Trotteln abstempeln, noch Mütter auf irgendwelche Rollen reduziert.

    Meine Frage wäre eher:“Wann habt ihr zum letzten mal gelacht – nicht über andere, wie es euch Stefan Raab beigebracht hat, sonder über euch selber?!

  2. Ich kaufe gern bei Edeka.
    Was dieser ideologisch verkorkste Spot mit Edekas Kernkompetenz im Lebensmittelhandel zu tun hat, erschließt sich mir allerdings gar nicht. Ist das eine Form von Political Correctness? Dann aber wohl für diejenigen, die arm an Geist sind.

  3. Ja, es gab schon witzigere Clips
    und manche hatten – jedenfalls einige Zeit – regelrecht Kultstatus. Drum: ein Versuch, dieses Mal nicht gut geglückt und abgehakt. Muss man sich nicht sonderlich drüber aufhalten. Frau auch nicht.

  4. Schöne neue Welt.
    Sowohl Edeka als auch der Autor haben offenbar eins verstanden: Ein moderner Ehemann ist ein Mann, der in seiner Jugend das getan hat, was seine Eltern wollten, und der später das tut, was seine Frau will. Und der wahrscheinlich niemals das tun kann, was er selbst möchte. Grüße aus dem glücklichen, weder erziehenden noch erzogen werdenden Singlekosmos. 🙂

  5. Vatertag kommt noch
    Immer mit der Ruhe. Dass man am Muttertag nicht die Mutter kritisiert, ist doch irgendwie normal. Mich würde es nicht wundern, wenn Edeka und Jung von Matt für den Vatertag demnächst auch noch was in der Pipeline hätten. In viralen Clips zu besonderen Anlässen war Edeka jedenfalls schon öfters gut.
    Ansonsten fand ich den Clip auch als Vater von drei Kindern eigentlich witzig. Man darf ihn halt nicht versuchen als Rollenbild zu deuten oder als echte Kritik verstehen. Es ist ein Werbeclip, der sich dem Mittel der Satire bedient, mehr nicht. Und den Deckel auf dem Mixer würde ich nicht vergessen, aber wenn das Baby mal auf den Brei-Löffel haut oder die Schüssel runterschmeißt, das kennt man ja durchaus. Da sehe ich den Vater auch nicht als „Trottel“, sondern als „momentan mit der Situation überfordert“. Das kann nebenbei auch Mamas passieren. Aber um das darzustellen ist der 29.05. dieses Jahr wohl wirklich das bessere Datum.

    • Glauben Sie, dass Herr Benninghoff einen Spot mit vertauschten Rollen genauso lässig sieht?
      Also allein die Transformation des letzten Bildes: Eine hässliche Alte, die aus der Küche kommt und wieder nur ungeniessbares Zeug gekocht hat und dann der Sohn, der den Vater mit höhnischer Kopfbewegung annickt und beide gehen zum Grill um die Ecke und kaufen sich ein richtig großes Steak: „Danke das Du nicht Mama bist.“

      Das Echo auf diesen Spot wäre Weihnachten noch zu hören. Und Lachen wäre wohl nicht dabei.

  6. Ick lach mir schlapp!
    Da fällt mir glatt ein, dass ich mich noch um meine Väterrente kümmern muss, denn so billig kommen die Damen hier nicht davon. Mein Vor- und Nachteil war das Studio oder Atelier in-house. Machte die Oma in den Anfangsjahren mal wieder Quatsch, konnten die Kinder angeplärrt kommen. Ansonsten waren meine Arbeitszeiten an den Tagesabläufen der Blagen ausgerichtet. Von 8 – Mittag schaffen. Dann frisch kochen, gemeinsam essen, Hausis, und ab 14.45h war Papa-Taxi gefragt. 2x Ballet, 2x Musikschule, Nachhilfe, zig mal Reiterhof etc. um schließlich die Nachtschicht zu beginnen.

    Nicht hilfreich war die Inkonsequenz der Mutter in vielen Situationen. Ich muss nicht immer diskutieren, wenn es gerade net passt. Sehe mich nach wie vor privilegiert, da ich für die Kinder immer da war – anders als die Väter, die sich tagsüber um die Karriere kümmern konnten, ansonsten von der Familie nichts mitbekamen (Foto auf dem Schreibtisch . . . ). So hat jeder seinen Blickwinkel.

  7. Danke!
    Ich bin auch so ein empfindlicher Vater und zucke zusammen, wenn beim Elternabend die „Muttis“ gebeten werden, sich um das Picknick zu kümmern. Und auf selber Gebasteltetes aus dem Kindergarten zum Vatertag hoffe ich mit mittlerweile 4 Kindern nun schon seit 13 Jahren vergeblich.
    Aber: es gibt gewiss größere gesellschaftliche Probleme. Aber etwas mehr Bewusstsein würde uns schon gut tun.

  8. Die tolle Werbewelt
    Die Sache ist doch ganz einfach, fasst alles wird von der Werbung über die Frau verkauft und somit ist die Frau toll (sie bestimmt schließlich das Kaufverhalten) und der Mann ein Esel, Trottel oder wie immer sie ihn bezeichnen wollen. Im Bereich Konsum fristet er ein Schattendasein und die Frauen und der Werber machen sich über ihn lustig. Die Frauen finden sich in ihrer Rolle super (endlich nimmt sie jemand erst) und man kann ihnen, auf diese Art alles mögliche andrehen. Emanzipation sieht anders aus aber das ist den Werbern vollkommen egal. Werbung ist einer der Schlüssel zur Verdummung!

  9. Werbung ist weiblich.
    Ist doch irgendwie logisch, Werbung ist zu 90 % auf Frauen zugeschnitten, weil davon ausgegangen wird, dass Frauen in der Familie beim Kaufen das Sagen haben. Auch Werbung für Autos, früher eher eine Männerdomaine, ist heute fast nur noch fürs weibliche Publikum bestimmt. In der Werbung können Frauen immer alles besser, dass müsste jedem schon mal aufgefallen sein. Man kann niemanden was verkaufen, wenn man die Kunden (Kundinnen !) nicht umschmeichelt. Also Männer, nehmt es locker und hört auf eure Frauen ;).

  10. Der Autor hat leider nichts verstanden.
    Sie haben leider nichts verstanden. Wahrscheinlich weil Sie versuchen alles im Blickwinkel des Feminismus zu deuten. Erst mal gab es keinen „Shitstorm“. Die Menschen waren entrüstet und haben das massenhaft gezeigt. Ein „Shitstorm“ definiert sich anders. Typische ideologische Sichtweise: Protest zum „Shitstorm“ deklassifizieren, Spot als eigentlich frauenfeindlich aufzeigen, erklären das Männer „die Macht“ haben und nicht diskriminiert werden können, gefolgt von leichtem Spot über die „Dünnhäutigkeit“. Ihr Text ist nicht der erste der exakt diesem Muster folgt. Die Werbung hat auch nichts mit Werbung der 50er und 60er zu tun. Das konstruieren Sie allein aus Ihrer Ideologie.

    Wenn ein hässlicher Vater mit Affengesicht auf dem Sofa fläzt, noch nicht einmal in der Lage ist zu essen, hübsche Frau mit Tochter sich schutzgebend umarmen und von ihm weglehnen, ist das für Sie „Satire“?
    Gott sind Sie emotional taub auf einem Ohr…

Hinterlasse eine Lesermeinung