Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

15. Feb. 2018
von Don Alphonso
594 Lesermeinungen

205
29618
 

Die Früchte des Zorns im Donaumoos

Look at the faces, listen to the bells, it’s hard to believe we need a place called hell
INXS, Devil inside

Wenn ich mit anderen über Heimat rede, ist das immer eine reichlich elitäre Angelegenheit, denn meine Wohnorte, egal ob der immens erfolgreiche Wirtschaftsraum an der Donau oder das Tegernseer Tal, sind in sich elitär. Ich argumentiere natürlich lieber mit dem Tegernseer Tal, denn es ist nicht nur eine der reichsten Regionen des Landes, sondern auch stark von einer Heimatkultur geprägt, und obendrein schön.


Sehr schön.

Atemberaubend schön.

Man muss nur so ein Bild zeigen und das Wort “Heimat” dazu schreiben, und viele finden das gut. Denn es ist schön, rein und, weil kaum Menschen zu sehen sind, unschuldig. Raunzt mich einer an, dass da unten auch Nazis wohnten, die die Natur vergötterten, raunze ich zurück, dass sie das bildungsfern angesichts eines Heiligen Berges der Deutschen Literatur sagen, auf den Thomas Mann mit Familie sich persönlich von Bauernburschen hat hoch tragen lassen.

Dann zeige ich noch ein Bild von unserem Wetter oben mit Blick auf die Nebelschwaden darunter und sage bedauernd, dass das Leben im Nebel manchen die Laune und den Blick trübt, man muss das verstehen, diese schlechte Laune. Wenn ich auf der genau anderen Seite des Landes leben würde, in Hamburg nämlich, und für die Zeit Social Media machen würde, oder von Berlin aus schriebe – dann hätte ich angesichts der dortigen Zustände auch mehr Probleme, Heimat anzuerkennen. Denen fehlt einfach einer von Thomas Manns Zauberbergen und die Landschaft, in der August Macke malte. Von der Enge einer Mietwohnung in Berlin heraus würde ich vielleicht auch schreiben, dass man den Begriff der Heimat dem rechten Rand überlassen sollte [http://www.zeit.de/kultur/2018-02/heimatministerium-heimat-rechtspopulismus-begriff-kulturgeschichte/komplettansicht]. Und wäre mein Arbeitsplatz nicht das Gipfelplateau des Wallbergs, und wären im flammenden Licht der Sonne nicht alle Gleitschirmflieger, Bergsteiger und Rodler, egal ob blond oder alt oder indisch wie jener Herr, dem ich das Bremsen auf dem Rodel erklärte, so schöne Menschen, wie es hier jeder ist, hätte ich die Industriekloake der Alster vor mir und dahinter nur noch den Wattensumpf des Eismeeres, in dessen Schlick die deutsche U-Boot-Waffe gammelt, würde ich vielleicht auch nach einem Interview zu Indianerkostümen den Deutschen raten, sich doch mal als, wörtlich, Kartoffeln zu verkleiden.

Bei der Zeit bin ich mittlerweile geneigt, bei solchen Aussagen von Vorsatz auszugehen, denn schon 2016 machte das Blatt Furore, als es in Bezug auf die auf sich aufmerksam machte. Nun also bringt die Zeit im Kartoffelkontext ein Interview mit einer Dresdner Wissenschaftlerin, die im Bereich “Critical Whiteness” arbeitet und erklärt, warum gewisse Kostüme kolonialrassistisch sind und gefährliche Stereotypen reduplizieren. Es ist wenig erstaunlich, dass die Zeit nach Trans-Kindern und Regenbogenfamilien nun auch diese Strömung der Social Justice Bewegung aus den USA entdeckt, und dem Deutschen dazu noch hineindrückt, er sollte doch als Kartoffel gehen. Bis vor ein paar Jahren war das Wort in dieser beleidigenden Form lediglich in linksradikalen und antideutschen Kreisen verbreitet. Und, wenn man einer Autorin von Bento glauben kann, die früher auch schon durch unsensible Aussagen aufgefallen ist, als Schimpfwort innerhalb türkischer Kreise für Deutsche.

Kurz, während ich auf dem Berg sitze und ein schönes Bild meiner Heimat nach dem nächsten mache, wird in der Zeit unter dem Nebel Heimat als Begriff des rechten Randes umgedeutet, schon deutschen Kindern wegen ihrer Verkleidung Kolonialrassismus unterstellt, und die Mehrheitsgesellschaft im antideutschen Duktus kritisiert. Es gibt, so lese ich allenthalben, keine unschuldige Heimat, die Natur sei nur vorgeschoben, und weil es durchaus so sein mag, könnte ich nun behaupten, dass ich von meinen thomasmannesken Bergen herab gerodelt bin, dem Inder “brake! Brake!” vor einer tückischen Eisplatte zurief, und dann ins Donaumoss fuhr, um eine Antwort zu schreiben.

Das wäre leider gelogen, die Wahrheit ist, dass meine Ciabattabäckerin am letzten Samstag in Urlaub ging und ich Brot vorbestellt hatte. Also setzte ich mich am Samstag ins Auto und fuhr zum Wochenmarkt. Oder besser, ich habe es versucht, denn offensichtlich haben viele Berliner und Norddeutsche die antideutschen Kommandos nicht verstanden, und verstopften in beide Richtungen die Autobahn der heimatlichen Berge. Das ist nicht nur ein Armutszeugnis für den Erziehungsjournalismus, sondern auch der Grund, warum ich eine Stunde zu spät auf dem Wochenmarkt angekommen bin. Da blieb mir also nichts anderes übrig, als ins Donaumoos zu fahren. Nach Karlshuld, am Faschingssamstag.

So wie der Tegernsee der Inbegriff des Tourismusbayern ist – voller Kultur und Berge und Sonne und Reichtum und einem glasklaren See – ist das Donaumoos das genaue Gegenteil. Es ist ein ehemaliges,m menschenleeres Sumpfgebiet, das ab 1795 entwässert wurde. Es ist dort sehr oft immer noch oft neblig, der Boden ist schwarz und wenig fruchtbar, kilometerlang ziehen sich die Dörfer an Strassen entlang, mit kleinen, gedrungenen, alten Häusern, aus denen die Armut spricht, und wo sie auf den Abriss warten, für wenig gelungene Neubauten. Man hat im 19. Jahrhundert vor allem Menschen aus der zu Bayern gehörenden Pfalz dort angesiedelt. Sie sprachen anders, und das merkt man bei echten Leuten “de ausm Moos kumma”, immer noch: “Des is a andere Rass“, sagen wir in Bayern. “Dea kimmt ausm Moos” war früher eine abwertende Bezeichnung und bedeutete arm, fremd und ungebildet. Neben Pfälzern wurden dort auch Sträflinge und sozial schwierige Elemente angesiedelt, weshalb bei uns, in der Stadt, lange auch das Wort “Zuchtheisla” ein Synonym für Menschen aus dieser Region war. Die Entwässerung des Donaumooses war vor allem ein Projekt der Landgewinnung für den bayerischen Staat, aber nicht für die neuen Bürger: Meine Heimatstadt war damals Landesfestung, und die Dörfer, die südlich davon angelegt wurden, waren mitten im Schussfeld. Bei Hagau ist heute noch eine grosse, offene Batterie im Gelände erkennbar: Hätte sich der Feind hier angenährt, hätten bayerische Kanoniere ohne Zögern die Siedlungen der Pfälzer und der Armen zerschossen.

Man sagt immer “Der ersten Tod, der zweiten Not, der dritten Brot”, wenn es um Besiedlung geht, aber im Donaumoos stimmt das nicht. Von 1795 bis nach dem 2. Weltkrieg war das hier die Armenhaus des Landes Bayern. Noch im meiner Klasse der 80er Jahre waren viele Söhne der Bauern nördlich der Donau, aber kaum jemand aus dem Moos. Die alte Abneigung der Bürger, die durch den Spruch “Über die Donau zieht man nicht” zum Ausdruck kommt, hat ihre Ursache in der Fremdheit der Kolonisten. Und natürlich ist “Kardoffe” und “Kardoffebauer” im Sinne eines unfähigen, ungebildeten und sozial fragwürdigen Landbewohners seit jeher eine schwere Beleidigung. Dass es besser wurde, dass das Moos heute mit Immobilienpreisen aufwarten kann, unter denen Hamburger winseln und Berliner nach Lichtenberg umziehen, liegt allein am Boom der großen Stadt mit ihren weltweit begehrten Autos. Langsam werden die alten, schlimmen Geschichten vergessen, die noch Teil meiner eigenen Jugend waren. Eine Generation ist das vielleicht her. Und man sollte denken, dass Menschen mit dieser Geschichte Jahrhunderte langer Diskriminierung geläutert sind , wenn sie in der türkischen Pizzeria Dolce Vita einen schnellen Imbiss nehmen, bevor sie später im Tanzlokal Octagon Discofox bei der Ü30-Party tanzen.

Wie gesagt, ich kenne die Leute hier, manche sind Freunde, und wenn ich während des Studiums von München nach Hause geradelt bin, wurde ich hier immer gastfreundlich empfangen. Ich finde das alles hier, das Leben, die Schautafeln, mit denen Geburtstage und Hochzeiten in aller Öffentlichkeit gefeiert werden, überhaupt nicht peinlich. So ist das halt hier. Man muss diese soziale Wärme aus der Geschichte verstehen: Heimat war für diese Menschen der nasskalte, schwarze Boden, das kleine, niedrige Haus, die Familie und das Dorf. Es sind 21 Kilometer in die Stadt, früher eine Tagesreise hin und zurück. Wenn hier im November wochenlang Nebel herrscht, rückt man zusammen. Diese Heimat ist nicht schön und sie ist nicht touristisch, und trotzdem sind hier die Gärten voll mit weißblauen Fahnenmasten. Man hätte die Leute vor 110 Jahren mit Feldbatterien über den Haufen geschossen, wenn der Feind durch ihre Dörfer gekommen wäre. Trotzdem hängen hier an den Feiertagen die Fahnen des Freistaates. Sie haben kein internationales Essen jenseits der Pizza, der Gasthof heisst Scharfes Eck, und ist gleichzeitig Dorfmetzger, 21 Kilometer von der Stadt entfernt.

Davor ist ein Kreisel, und als ich dort ankam, sperrte die Polizei den Weg. Am Samstag war der Pferdefaschingszug. Voran schritt die Gemeindekapelle Hohenwart in regionaler Tracht mit langen Röcken und Hosen und mit einem Trommler, der den Marschtakt vorgab.

Und dahinter kamen die Pferde und die Maschgerer, manche als Einhörner und manche, natürlich, als Indianer.

Und danach kam eine Person in Einhornkostüm und kehrte alle Pferdeäpfel gleich wieder zusammen, damit die Strasse sauber ist.

Es ist leicht, über Heimat in den Bergen zu reden und leicht, als Publizist oder Forscherin oder Social Media Mitarbeiterin im Kreise eines multikulturellen Umfelds die Auffassung zu vertreten, die Kinder hier seien auf eine dumme Art rassistisch, und statt der Fahnenstangen sollte man lieber in Kartoffelkostüme investieren. Es passiert nichts, weil die wenigsten hier zur Kenntnis nehmen, was Critical Whiteness Forscherinnen auf Basis staatlicher Transferleistungen und gefeierte Autoren über sie denken. Das Donaumoos ist keine Gegend von schönen Geschichten, ich kannte einen, der betrunken schwimmen wollte und nie am anderen Ufer ankam, und das Bauernhofsterben macht den Menschen hier schwer zu schaffen. Sie haben oft mit ihren schwarzen Böden den Baugrund, mit dem sie vermögend oder sogar reich werden können, während Süsskartoffeln heute für Biokonsumenten auch garantiert aus Asien kommen sollten. Es ist nicht gerade viel Heimat hier, und beim letzten Donauhochwasser drohten viele die Existenz zu verlieren. Damals war ich auch hier. Das war alles nicht schön. Die Leute hier sagen, dass man halt vor der Flut nicht davonlaufen kann. Und generell war es eine Fehlentscheidung, das Moos zu besiedeln. Nur hat man 1795 seinen Wert als Naturraum nicht erkannt. Jetzt ist es halt die Heimat, die sie haben. Auch die Heimat dessen, was in Hamburg und Berlin als rechter Rand gilt.

Es gibt hier drei grössere Parteien, die in Fragen der Heimat rechts von jener CSU sind, bei deren linken Rändern nach allgemeiner Vorstellung spätestens der rechte Rand beginnt – ich las gerade einen Beitrag, dass jetzt sogar die Kabarettistin Lisa Fitz unter Rechtsverdacht steht. Jedenfalls, die AfD, die Freien Wähler und die separatistische Bayernpartei Jedem 4. ist die CSU nicht hart rechts genug.

Die bevorzugten Parteien üblicher Journalisten sind SPD, Grüne und Linke. Die haben in Karlshuld zusammen gerade einmal 20%.

Natürlich wird viel über ein Ministerium gespottet, das sich Heimatministerium nennt und eigentlich vom Zuschnitt her, nüchtern betrachtet, ein Ministerium für Infrastruktur und ländliche Raumentwicklung ist. Wenn jeder 4. Rechts von der CSU wählt, ist das ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit und der Meinung, dass diese Heimat hier jetzt auch einmal an der Reihe sei, dass die Sparkasse gefälligst ihre Filiale behalte und die nächste Poststelle nicht 10km entfernt in einem Supermarkt ist. Der in meinen Berufskreisen so vielgeforderte Breitbandausbau ist hier kein Problem, die Frage ist hier -und noch verschärft im Osten des Landes – inwieweit die Lebensqualität noch verschlechtert wird, während der Staat drüben im Oberstimm für viel Geld für neue Sicherheitskräfte für das Transitlager ausgibt. Man kann das alles ignorieren und lächerlich machen, die Leute als Kartoffeln beschimpfen und als Rassisten und als rechten Rand. Was juckt einen in Berlin schon der Milchpreis, was bedeutet in Hamburg der Hochwasserschutz an der Donau, wenn schon Indianerinnen auf Pferden und die positive Aufladung als Heimat andere zum rechten Rand machen. Zum Feind. Zu Kartoffeln halt. Wenn sie sagen, der Staat und die Medien müssen gegen Rechts aktiv werden, dann meinen sie das hier.

Natürlich geht die Zeit hier nicht ins Scharfe Eck und erklärt bei Bier und Weisswürsten, warum man rechter Rand ist und gefälligst andere Kostüme tragen sollte. Hier bei uns, auf beiden Seiten der Donau, kommt die AfD und legt Listen zur Abschaffung des “Staatsfunks” aus, die Leute kommen gern, und niemand steht davor und demonstriert. Der rechte Rand ist hier längst die Mehrheit.

Die alte Feldbatterie bei Hagau dagegen ist überwachsen, dahinter ist ein Baggersee vom Kiesabbau, und daneben liegt Daddy’s Boazn, wo man sich nach dem Eisstockschiessen aufwärmen kann. Niemand würde die Dörfer hier heute noch mit Kruppgeschützen beschießen, aber die Verachtung, die Abwertung, die als richtig betrachtete Ausgrenzung, die Achtlosigkeit und die Herabwürdigung zum Kartoffel, die gibt es heute noch. Wer den Aufstieg der Rechten in breiten Schichten sehen will, ein Aufstieg, der die Linken zum bedeutungslosen Rand verkommen lässt wird hier bei uns fündig. Wer die Ursachen finden will, sollte auch nach Hamburg und Berlin fahren.

15. Feb. 2018
von Don Alphonso
594 Lesermeinungen

205
29618

 

10. Feb. 2018
von Don Alphonso
700 Lesermeinungen

153
30374
 

Her mit den leicht bekleideten Romanen

Sie schaut her, und ich schau hin – Schwupps! – Heidi, nun bin ich drin!
Demetrius Schrutz

Ich bin – eigentlich – der ideale Kunde für Verlage. Und wenn mein wohlgesonnenes Auge auf dem stetig wachsenden Bücherstapel am Sofa ruht, verzeichnen mich die deutschen Verlage sicher auf der Seite der wirklich guten Kunden. Immer noch. Der Buchmarkt lebt, ähnlich wie Konzertveranstalter, von Menschen wie mir. Von einem kleinen Teil der Bevölkerung, der Zeit und Geld hat und wirklich gern liest. Von denen, die wirklich noch in kleine Buchgeschäfte gehen. Wenn ich in Bad Tölz bin, zum Beispiel, gibt es eine hübsche kleine Buchhandlung. Da gehe ich praktisch immer hinein und kaufe ein Buch. Da gibt es, wie in der dummen, kleinen Stadt an der Donau oder in Wasserburg, einen Buchhändler, der selbst liest und mir zutreffend sagen kann, was mir gefallen könnte.

Manchmal lese ich auch den Waschzettel und sage mir: Das probieren wir mal. Das sind dann meistens die Rohrkrepierer, bei denen ich nach 50 Seiten den Eindruck habe, man müsste mir die Innenwände meines Gehirns mit Kernseife ausschrubben. Natürlich mag man das unter denen, die nicht nur aus Freude lesen, anders sehen, aber einmal lieh sich meine Mutter am Tegernsee ein Werk eines eher akademischen, deutschen Nachwuchsautors aus und rief mich an, nur um mir mitzuteilen, dass das Buch ganz schrecklich sei und sie nicht gedenke, da auch nur einen einzigen weiteren Absatz zu lesen. Manchmal kaufe ich Bücher, weil ich mir sage: Es mag sein, dass es mir beim ersten Anschein nicht gefällt, aber man muss alles mal probiert haben. Dadurch kam ein in den Medien Vielgerühmter mit beachtlicher Preissiegerliste in meiner Wohnung, und ich fand ihn selbst ganz schrecklich. Früher empfand ich es als persönliche Niederlage, ein Buch nicht auszulesen, Inzwischen bin da radikal: Es gibt keinen Grund, sich von so einer Person nach einer gewissen, ernsthaften Abmühung am Text auch nur eine weitere Minute Lebenszeit vergällen zu lassen. Ich lasse mich schließlich auch nicht zwingen, Leberkäse zu essen. Im Sommer darauf griff meine Mutter ins Regal und lieh sich ein Buch von Deborah Levy aus, weil sie dachte, es könnte spannend sein. Das habe ich mir damals rein äußerlich auch gedacht, sicher irgendeine französische Poolgeschichte, und wir beide fanden es dann belastend. Da bin ich auf Cover und Waschzettel hereingefallen.

Wenn man eine weitere Wohnung bezieht, wächst eine Bibliothek der dort gekauften Bücher, und daher habe ich etwas Überblick über meine immer noch häufigen, aber seit Studentenzeiten klar abnehmenden Erwerbungen. Zwei von drei Büchern sind Monographien und Ausstellungskataloge über Kunst, denn ich gehe in kein Museum, ohne mir nicht mindestens ein Buch zu kaufen. Das ist geblieben, wie es schon immer war. Bei Belletristik könnte ich nun geschickt ablenken und Ihnen die bibliophile Ausgabe der Prínzessin Brambilla dem Verlag Artur Wolf, Wien, zeigen, und erzählen, wie ich dieses Buch im Privateinband mit Kennerblick aus einer roten Plastikkiste auf dem Flohmarkt zog. Ich könnte versonnen im weimarschen Musenhof von Wilhelm Bode blättern und sie darauf hinweisen, schauen Sie mal, dass das Buch noch 1919, ein Jahr nach der Revolution, von Mittler&Sohn, königliche (!) Hofbuchhandlung verlegt wurde, und gemütlich in eine Debatte über monarchistische Kultur in der Weimarer Republik abrutschen. Seit 1901 hatte dieses Werk damals bereits 17.000 Exemplare verkauft, und es liest sich erfrischend. Und es ist als Buch nach 100 Jahren mit seinem Dünndruckpapier der allerschlechtesten Zeit immer noch in einem famosen Zustand.

Ich lese also auch “alte Schinken”, die andere achtlos dem Wohnungsausräumern überlassen. Ich habe meine Vorlieben und gebe für eine gute Gestaltung der Bücher auch gern mehr Geld aus. Ich komme aus einem lichten Tale und singe ein Lied, das lautet “Kommet zu mir, Verleger, bringt mir Eure Güter, die jungen, heissen Feger, die delektieren die Gemüter”. Aber das Tal wird zu einer nebligen Schlucht, und während überraschenderweise der grässlich klingende Titel Krematorium von Rafael Chirbes tagelanges Lesevergnügen nahe an Gabriel Garcia Marquez lieferte, rutschte meine Stimmung bei Veronique Ovalde, Die Männer im allgemeinen gefallen mir sehr, zunehmend in den Abgrund Bei manchen schlechten Büchern lese ich hinten wenigstens nach, was aus den Figuren wurde, aber mittlerweile ist mir das mitunter egal.

Es ist nicht durchgehend so, dass “alle jungen Frauen und alle deutschen Autoren” langweilig wären, und nachdem ich Nora Gomringer persönlich erlebt habe, habe ich ihre Bücher gekauft und mit Genuss gelesen. Ich stehe nur in Buchläden vor den Regalen und merke selbst, wie spanische oder portugiesische Namen und deren Titel meine Aufmerksamkeit bekommen. Das ist nicht neu, in meiner Jugend galt zum Beispiel Jorge Amado als absolute Pflichtlektüre für jeden, der sich auf amüsante, linksliberale Art mit den Kulturen und Widersprüchen Südamerikas auseinander setzen wollte. Es kann sein, dass “Das Nachthemd und die Akademie” heute noch einen neuen Verleger fände, aber “Dona Flor und ihre zwei Ehemänner”, “Die Geheimnisse des Mulatten Pedro” und “Die Abenteuer des Kapitäns Don Vasco Moscoso“? In einem Land, in dem Mohrenapotheken wegen ihres Namens unter Druck gesetzt werden, wäre Amado einer der ersten Kandidaten für das Autodafé der Bildungsfernen. Was glauben Sie, wie oft bei Amado Frauen, gern auch mit Hinblick auf ihre teilweise afrikanische Abstammung – Amado geht damit ganz offen um – auf den Hintern… Das könnte man heute nicht mehr neu verlegen. Dauernd reden die Leute und Sex, Essen und soziale Gerechtigkeit – zwei von drei Themen haben im von jungen Frauen dominierten Verlagswesen gar nichts mehr verloren. Aber ich merke beim Lesen, dass Amado, Ibargüengoitia und andere immer noch bei jüngeren Autoren Lateinamerikas durchscheinen.

Das geht auch in Italien, wo das Erbe von Calvino nicht unbedingt vergessen ist. Aber wenn ich vor Deutschen stehe, und die machen klar die Mehrheit in Buchläden aus – da denke ich mir: Wenn ich das jetzt kaufe, und es ist schon wieder ein Literaturbetriebsprodukt mit Blick auf Studienaufenthalte in Rom und Stadtschreiberposten in Bochum, dann denken die Verlage, sie könnten sich das leisten, und publizieren noch mehr von dieser Sorte. Meine Experimentierfreude bestätigt sie in der Einfallslosigkeit anämischer Stilisten, die wahrhaft schöne Themen nur in ironischer Verblendung oder gestelzter Distanzierung aufnehmen, mit dem klaren Ziel, überall ein Problem zu sehen. Oder eine Nazigeschichte. Oder ein Vergewaltigungstrauma. Oder eine ansteckende Krankheit. Oder einen Mutter-Tochter-Konflikt, den ich auf meinem Sofa nicht lesen will, und auch nicht gern im Regal meiner geschätzten Buchhandlungen sehe.

Im Ergebnis dominieren zwar Frauen die Bestsellerlisten, aber sie tun es mit geringer werdenden Umsätzen. Das kann ihnen gleichgültig sein, der Ruhm ist ihnen gewiss. Aber auf der Kundenseite finde ich wie viele andere weniger, was ich einfach gerne haben will. Ich ertrage nur einen gewissen Anteil Experiment auf sicherer Freude, ich werde ungehalten, wenn jedes dritte Buch ein Flop ist, und kaufe dann lieber noch eine Kunstmonographie.

Es macht mich nicht ungebildeter, mein Schwerpunkt verlagert sich, und wenn ich dann höre, dass der Buchhandel mit Einbrüchen zu kämpfen hat, denke ich mir nur: Ach? Soso. Ja, das mag sein. Wissen Sie, früher wurden Buchgeschäfte gleichermaßen von Männern und Frauen besucht, heute stelle ich oft fest, dass auf einen Kunden drei, vier Kundinnen kommen. Vielleicht bin ich nicht der einzige, der nicht schon wieder Bücher über Ekzeme und SS-Opas lesen will.

Literatur war nie die Literatur für alle, aber früher angelte die gewerkschaftliche Büchergilde Gutenberg den Arbeiter wie den besseren Sohn mit Büchern von B. Traven – ein weisser, deutscher Mann, der die grausame Geschichte von indigenen Völkern für seinen eigenen Weltruhm benutzte und an Hollywood verkaufte. Man fühlt geradezu das aufgeregte Tastenhämmern von Schwarzrandbrillenträgern, die einen Rollkragenpulli tragen und sich deshalb trotz Tätigkeit für SPON für Feuilletonisten halten, um so einen Kolonialrassisten zur Strecke zu bringen, denn bei Christian Kracht konnten sie sich damit ja auch schon ins Scheinwerferlicht inquisitionieren. So trägt der Betrieb dazu bei, dass das eine in die Vorschauen kommt, und das andere vielleicht eher nicht, und wer will schon den verbliebenen Markt der mittelalten, weissen Frauen mit sozial korrektem Bewusstsein gefährden, um verlorene Leserschichten anzusprechen, denen nur mit viel Sex und Gewalt eine undogmatische Ahnung der richtigen Einstellung angeboten werden konnte.

Also, komplizierte Gouvernantenliteratur kaufe ich nicht, um Verlage nicht auf falsche Ideen zu bringen, Amado kann man auch drei, vier mal lesen, ohne dass es langweilig werden würde, es kostet auch nichts, und Museen freuen sich natürlich, wenn teure Werke über Bustellis laszive Porzellanarbeiten, Photographie im Moulin Rouge oder die Beziehungen zwischen Rom und den Barbaren zum Festpreis verkauft werden. Ich bin Kunde, man liefere nach meinem Plaisier: Hic Rhodus, hic salta. Tanja Blixen hat es doch auch geschafft, auf 65 Seiten sieben Skandale der besseren Kreise mit Sex und Gewalt unterzubringen: Beziehungen können ohne 180 Seiten Leiden an der deutschen Geschichte formvollendet scheitern.

Und Wagenbach möchte ich von der Kritik meistens ausdrücklich ausnehmen.

10. Feb. 2018
von Don Alphonso
700 Lesermeinungen

153
30374

 

04. Feb. 2018
von Don Alphonso
452 Lesermeinungen

141
32954
 

Die Aufgabe der Klimaziele und Dämmplatten

DIN EN 13169 EPB

Jede Region des deutschen Landes pflegt Eigenheiten, die dazu angetan sind, dass sich alle anderen mit Schaudern abwenden: An der Nordsee werden schleimige Muscheln als Delikatesse gehandelt, in Niedersachsen wird etwas als “Brot” verkauft, das bei uns Backstein heißt und in der Architektur verwendet wird, in Berlin halten sie einen und ich habe schon einmal nicht fetttriefende Krapfen in Hessen gegessen, da war der Marmeladeanteil bei weniger als 0,2%. Allerdings sollte ich mich nicht beschweren, denn auch meine Heimat kann beim Wettbewerb der Absonderlichkeiten, wie immer, einen Spitzenplatz erreichen. Wir haben den Leberkäs. Stur behauptet der Bayer, es würde sich nicht um aufgekochte Schlachtabfälle, Darminnereien, Hirn und zerkleinerte Küchenrollen handeln, die mit Blut für roten und Urin für weißen Leberkäse entsprechend gefärbt werden, sondern um eine Spezialität. Aber ich komme von hier und kenne die echten Rezepte aus der alten, schlechten Zeit und habe nie verstanden, wie die Menschen in meiner Heimatstadt jeden Tag brav zum Metzger L. pilgern konnten, um dort am Mittag dieses Gericht so sehr in Senf zu tunken, dass es nicht mehr nach dem schmeckt, was es wirklich ist.

Aber wie auch immer, der Metzger K. alteingesessen seit dem 18. Jahrhundert an dieser Stelle dort unten im schlechten Viertel der Stadt, musste vor 14 Jahren schließen. Nicht etwa, weil der Einheimische nicht weiter zu Mittag dort Senfflecken auf sein erst 5 Tage getragenes und damit sehr frisches Hemd geträufelt hätte, sondern weil moderne EU-Forderungen in dem alten Gemäuer nicht mehr zu erfüllen waren. Man hätte die Produktion, die man im ganzen Viertel gerochen hat, aus der Altstadt weg verlagern müssen. Dazu sahen sich die Eigentümer nicht mehr in der Lage, zumal deren Kinder ein Professor in den USA und eine Lektorin in München wurden, und so wurde die Metzgerei geschlossen. Das barocke Haus wurde vorbildlich restauriert, und über dem Bereich, in dem früher der Leberkäs produziert wurde, mauerte man ein sogenanntes Townhouse kubistisch auf. In den Augen der Hiesigen fügte sich der Kasten nicht ins Bild, denn dort, wo andere ihren Giebel hatten, war hier einfach nur die Mauer der Dachterrasse.

Und während ansonsten von den Bürgern versucht wird, den Umbau ihrer Häuser in der Altstadt mit wenig Aufwand zu betreiben, war hier ein richtiger Architekt anwesend, der dem Vernehmen nach ganz von sich aus bereit war, das Objekt auch noch nach den Umweltidealen der Merkelepoche mit Schaumstoff einzupacken. In der Althausszene herrscht ansonsten die Überzeugung vor, niemals einen alten Putz zu entfernen, denn so gut wie der alte Putz wird kein neuer. Der aufgestockte Kubus jedoch wurde eingepackt, neu verputzt und grün bemalt. Schaut her, sagte das Ensemble, ich bin nicht mehr die Quelle Eurer heiß geliebten Schlachtabfälle mit Hirn und Augen und Reinigungspapierbeimischung, ich bin ein neues Haus, ein Vorbote der Zukunft, ich sehe aus, als würden die Bewohner nicht einen Kaffee trinken, sondern ein kenianisches Spitzengewächs zelebrieren. Einst roch ich nach Tod und Verwesung, hinter meinen Mauern wurde Fleisch durch den Wolf gedreht wie der Schulz durch die Koalitionsverhandlungen. Heute bekommen wir jeden Donnerstag die Zeit und verachten jeden, der seinen täglichen Bedarf nicht mit einem abgasfreien Spaziergang durch die pittoreske Altstadt erledigen kann. Hier ist mit einer Ausnahme fast jedes alte Haus so saniert, dass kein Oida Schdodara die Schleifmühl, in der der kubistische Gentrifiziererbrocken liegt, noch als das erkennen würde, was sie früher war: Ois Glosscheamviadl fiad Hobara, Heislleid und Graddler.

Diese Hybris und die Trennung des Einheimischen von seiner Lieblingsspeise bei seinem Lieblingsmetzger sorgten dafür, dass das Haus nicht nur ein Haus, sondern auch ein Symbol für eine wenig erbauliche Veränderung war: Neue Verordnungen hatten nicht nur einen Traditionsbetrieb hinweg gerafft, sondern auch noch Dämmplatten in die Stadt und an ein herausragendes Gebäude gebracht. Obwohl Dämmplatten so nahrhaft wie Leberkäs oder Berliner Spitzengastronomie sind, blieb in den rachsüchtigen Köpfen der Einheimischen der Eindruck: Unsere Metzger nehmen sie uns, und dann zwingen sie uns Styropor auf, für den Klimawandel. Vor dem Klimawandel gab es hier unten jährlich drei, vier Überschwemmungen, wenn die Schneemassen in den Alpen tauten oder einfach mal schlechtes Wetter war, monatelang waberte der giftige Donaunebel, und im Winter musste man jeden Morgen nach den eisigen Nächten Schnee räumen. Jetzt hat sich der Mensch endlich aus der späten Eiszeit herausgeheizt – prompt muss der Metzger schließen, und das alte Haus mit immensen Kosten eingeschäumt werden. Wie bei anderen Herausforderungen der Merkelzeit darf man ja den Mund nicht mehr aufmachen, aber gerade populär war diese Veränderung, die in die Altstadt kam, ohne dass man sie von der Stadtmauer mit Kanonen hätte beschießen dürfen, bei uns nicht.

Die Bauarbeiter kauften gegenüber bei der Bäckerei ein, die zur Mittagszeit dann ebenfalls Leberkäs angeboten hat, erzählten der Verkäuferin von den Problemen beim Umbau und wie es so ist, wusste dann auch die ganze Stadt, dass nicht alles glatt ging. Es kam einfach viel zusammen, und wer hier lebt und vorbei geht, schaut wissend das Gebäude an und denkt sich: Das war keine gute Idee. Was da passiert ist, was da der Stadtgesellschaft angetan wurde, da muss man sich Sünden fürchten. Das kann nicht gut gehen. Und tatsächlich, wenn man genau hinschaut, sieht man inzwischen Verfärbungen im Putz entlang mutmaßlicher Schaumplattenkanten. Irgendwas, vermutet man, stimmt da hinter der Fassade nicht, sonst gäbe es die schwarzen Linien nicht.

Und besonders resistent gegen mechanische Belastungen ist der Umbau trotz Armierungsfolie auch nicht. Sie kennen das: Wenn man etwas nicht besonders mag, weil es einem gegen die eigenen Wünschen zugemutet wird, dann sieht man plötzlich jedes fragwürdige Detail. Zumal auf die besitzende Klasse nicht nur die Dämmplatte für das Klimaziel, sondern auch der Energieausweis für dreiste Mieter aus dem Norden dazu kommt, die, wenn es ihnen nicht passt, doch in ein gedämmtes Kasterlhaus ins Donaumoos ziehen sollen, zu den anderen Zuchthäuslern, die da vor 150 Jahren zwangsangesiedelt wurden, zefix owara.

Also, das Haus war ein Anlass für schlechte Laune, obwohl es eigentlich die Altstadt verschönerte und ein klarer Gegensatz zu dem Haus dahinter gewesen ist, das seit Jahrzehnten unrestauriert vor sich hin bröckelte. Nun aber geschah es, dass dessen Besitzer dieses ältere Haus ohne Genehmigung hat abreißen lassen, ein Frevel der besonderen Art, der in unserer kleinen Stadt für sich schon ein Skandal ist. Aber wie es nun mal so ist, das andere Haus ist weg, und jetzt sieht man von hinten erst, wie die Isolierung wirklich gemacht wurde.

Warten Sie, warten Sie, das ist noch gar nichts, dass dieses topmoderne Ensemble hintrücks der alte, überklebte Schleifmühlslum wie eh und je ist. Seit Tagen steht der Stadtbewohner vor dem Desaster und schaut sich nicht nur die alten Kacheln alter Bäder an, sondern auch, was da alles am verhassten, sagen wir es gradaus, wie es ist, Schaumstoff zu erkennen ist. Da wurde nämlich ganz schön mit Schaum rumgeschmiert.

Und was ist dieses schimmlig aussehende, dunkelgrüne Zeug da?

Diese Abstände zwischen Isolierungsschicht und Mauer, gehören die wirklich so? Man hört doch so viel von Schimmel an Grenzflächen, die das Wasser nicht verlassen kann. Und wie schaut es mit dem Kamineffekt aus, wenn das einmal brennt und von beiden Seiten Sauerstoff nachkommt? Man fragt ja nur, nicht wahr. Und da, ui, schaugn’S nur, pfeigrod, die Platte, die ist unten schon in sich geborsten. Wie ist das eigentlich im Winter, wenn da Feuchtigkeit eindringt und gefriert, reisst das nicht die vorhandenen Spalten noch mehr auf?

Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang mit diesen komischen Linien auf der anderen Seite? Nemmas’es ned peasenlich, ma frogd ja nua, so wengam Mitleid. Jo, es is fuachtboa, fuachtboa, sog i Ehana, fuacht-boa. Es ist eine Sensation, und die Merkelregierung wird wieder Millionen für Plakate ausgeben müssen, die für Dämmung werben: Aber wir sehen, wie das ist, wenn einmal das Nachbarhaus weg bricht. Eigentlich müsste hier den ganzen Tag ein Vogt des Umweltministeriums stehen und Anweisungen verteilen, wie der Bürger die Schäden zu beurteilen hat und warum das alles kein Problem sein kann, wo es kein Problem sein darf. Ich war gestern auf dem Wochenmarkt und habe allen gesagt, sie sollen schnell herüber laufen und sich das anschauen, aber die meisten kannten es schon. So ist das hier bei uns, es kam halt einfach viel zusammen.

Es gibt Eisbärenvideos im Netz und Forscher, die schon vorher wissen, was sie in Antarktis und der Sahara als Belege für die kommende Katastrophe finden wollen, aber die Dämmerei ist allgemein verhasst, und was man hier jetzt bei uns findet, das will man nicht zwingend am eigenen Haus. Für Wochen und Monate sieht jetzt jeder, wie das wirklich ist, und wir sind alle gespannt, wie das mit dem Neubau laufen wird. Denn der Abreißer hatte keine Baugenehmigung, das kann sich noch sehr lange hinziehen, und so lange wird der Nordwind Regen gegen die offene ´Mauer peitschen, neben der das offene Styropor mit seinen Rissen und Fugen klebt. Es wird ein epischer Großversuch, wir haben alle schon Photos gemacht, um die Entwicklung zu dokumentieren, und warten gespannt auf den Tag, an dem zu erkennen ist, wie die Wand darunter wohl aussehen mag. Altstadt, Laufnähe, jeder kennt jeden und es is wias is, sagen wir in Bayern. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm, aber die Klimaziele haben wir innerlich schon aufgekündigt, bevor Merkel und Schulz erklären, warum die Nation an ihren eigenen Vorgaben scheitert, und was nun an Projekten getan werden muss, auf die hier auch keiner so wirklich Lust hat. Kein Eisbär kann so hungrig sein wie ein Bürger, der den Leberkäs vom K. kannte und ohne Aussicht auf Befriedigung seiner Gelüste an der ehemaligen Metzgerei vorbei gehen muss. Das verstehen die hohen Herren und Damen in Brüssel und Berlin nicht. Sie schicken Forscher für ihre Wunschergebnisse um die Welt und erwarten, dass sie am Ende von den Hiesigen die Wunschergebnisse bei der Wahl bekommen.

Dass sie sich da mal nicht so täuschen, wie ein Dämmplattenbewohner.

04. Feb. 2018
von Don Alphonso
452 Lesermeinungen

141
32954

 

02. Feb. 2018
von Don Alphonso
613 Lesermeinungen

153
36259
 

Kein Mitleid mit Millenials

Sei still Bub, lass sie reden, was wir tun, geht niemand etwas an.

Nachdem noch kein Reichtum vom Himmel gefallen ist, wurde er hier unten irgendwie erschaffen, und wie es immer so ist: Des einen Vermögen ist das, was der andere nicht hat. Das sorgt natürlich dafür, dass es hier, in meiner kleinen, dummen Stadt an der Donau, unausrottbare Legenden über die bekannten Familien gibt, die man nicht laut sagt, sofern mehr als 200 Leute in einem Saal sind. Kein Ton! Also, zum Beispiel, da ist die Familie B., Sanitärdynastie, da sollen die Schwestern 1890 den Erstling, der wegen Frauengeschichten nichts taugte, mit Ratzengift aus dem Weg geräumt haben, aber der Firma tat es gut. Bei den G.s lief das Immobilienvermögen wieder zusammen, nachdem eine Tante mit Neigungen, alles der Kirche zu vermachen, in 17 Meter Höhe aus den Fenster schlafwandelte, so um 1927 war das. Gewissen Konditorenclans wird nachgesagt, dass sie Kakerlaken an Stelle von Korn gern mitverbacken haben, und die angesehene Familie K. hat jahrzehntelang über einen sudetendeutschen Hausmeister ein Haus vermietet, das rot angemalt war, und eine nackte Frau im Schaufenster zeigte, zu sehr hohen Preisen an durchreisende Damen. Naja. Sie kennen das sicher auch, diese Indiskretionen und Gerüchte, schauderhaft, das sagt man doch nicht.

Aber immerhin blieb das unter denen, die wussten, um wen es ging, und es stand nicht etwa, Gott bewahre, offen im Internet, das wäre ja schrecklich, und würde die besseren Kreise mit manchen Scharten und Schrunden versehen. Es ist wenigstens keine pauschale Herabwürdigung von Vermögenden, die auf die ein oder andere Art, gut oder böse, das Hab und Gut der Familien mehrten. So etwas machen wir hier nicht, das wäre ja langweilig. Gemacht wird es allerdings im Berliner Tagesspiegel von einem gewissen Christopher Lauer, seines Zeichens früherer Piratenpolitiker im Abgeordnetenhaus zu Berlin, und heute, soweit ich weiss, Mitglied der SPD, wo man dieses Talent angesichts der eigenen ruhmreichen Wahlsiege gern haben wollte. Ich habe seine Karriere etwas aus den Augen verloren, aber nun gibt es im Netz auch eine Textfassung . Lauer, mit Geburtsjahr 1984 tatsächlich Millenial, sprich der um das Jahr 2000 herum volljährig geworden Jugend, kritisiert im Zuge der #diesejungenLeute-Kampagne generell ältere Semester, die den Jungen die Chancen rauben. , sondern auch schon umfassend einen anderen Standpunkt eingenommen, so dass sich jeder eine gefällige Sichtweise erwählen kann. Allerdings ist da ein Satz von Lauer, bei dem ich auch etwas anmerken möchte:

Die ältere Generation, insbesondere die Baby-Boomer, die fliegen ja ins gemacht Nest, ne? Wirtschaftswunder, stabile Sozialsysteme, gute Löhne, feste Arbeitsplätze, nicht soviel Konkurrenz, und man konnte sich Wohnungen für 50.000 Mark kaufen, und die dann easy-pisi abbezahlen, weil man eben wusste, dass man fest angestellt ist.

Es geht ihm um Personen wie meine eigenen Eltern, und weil es meine Eltern sind, habe ich zu dieser Goldenen Zeit, von der der nachgeborene Lauer da berichtet, auch etwas beizutragen – ich restauriere gerade eine Wohnung aus jener Zeit. Zum Beispiel, dass man in halbwegs akzeptablen Lagen halbwegs guter Städte niemals Anfang der 70er Wohnungen für 50.000 D-Mark bekommen hätte, die für eine Familie ausreichten. Diese Zeit, in der die jungen Leute selbst zwischen Berufsanfang und Familiengründung standen, war alles andere als sicher, 1973 gab es eine Ölkrise und 1979 noch einmal. Dazwischen lag Rezession und RAF-Terror. Von 1964 bis 1969 herrschte bei Audi mit damals 12.000 Mitarbeitern in der Region eine schwere Krise, die die Wirtschaft der ganzen Region in ihren Grundfesten erschütterte: Es war nichts sicher, niemand konnte wissen, wie es weiter ging, die Eltern eines Bekannten mussten ihre Drogerien aufgeben: Trotzdem kostete damals ein kleines, älteres Haus mit Garten schon 150.000 Mark.

Aber daran führte damals kein Weg vorbei, denn dem Bürgertum, das Dutzende von wenig schmeichelhafte Begriffe für Mieter kannte, war es unvorstellbar, selbst in den sozialen Wohnungsbau zu gehen. Auch viele Gastarbeiter, die in die Stadt kamen, legten jeden Pfennig beiseite, um sich ein eigenes Haus leisten zu können. Beim Abbezahlen von Bankschulden halfen in den 70er Jahren die relativ hohe Inflation, die auf der anderen Seite das Geldvermögen verrnichtete, und die teilweise erheblichen Lohnsteigerungen, sowie die steuerliche Absetzbarkeit von Krediten. Vor allem half aber eine Sparsamkeit, die aus heutiger Sicht teilweise groteske Züge hat: Zahnpastatuben wurden zerschnitten, um alles heraus zu holen, Spülmittel wurde verdünnt, und der mir als Paradies erscheinende Apfelstrudel und der Zwetschgendatschi waren in der Erntezeit alles, was es an Süßspeisen gab. Kein Sirup, wir haben eigenen Apfelsaft, kein grüner Wackelpudding, weil zu teuer, keine Barbie und kein MonChichi, weil damit fangen wir erst gar nicht an, Fußballsammelbilder galten als Teufelswerk, und nie konnte mein Vater es sehen, wenn ich eine Digitalkamera ohne Bereitschaftstasche trug. Der Anblick einer ungeschützten Kamera war ihm unerträglich, denn er wusste, was Objektive früher gekostet hatten, und wie man sie begehrte. Es war einfach eine andere Welt.

Aber eben auch eine, die Prioritäten gesetzt hat, und nach Familie, Immobilie und Abitur für die Kinder kam ganz lange Zeit: Nichts. Rückblickend habe ich überhaupt nicht den Eindruck, dass meine oder andere Eltern die Kinder kurz gehalten hätte, ganz im Gegenteil, die Kindheit war schön und erlebnisreich und viel, viel besser als das, was die Generation davor in der Nachkriegszeit an Armut, Kälte, Beengung und Hunger erleben musste. Die Freizeit dieser Tage würde nicht mehr dem heutigen Sicherheitsdenken entsprechen, und die gebauten Häuser waren Symbole der Überwindung der Nachkriegsnot. Sie war aber ganz sicher nicht easy-pisi. Tischgespräche drehten sich oft um Finanzen, Belastungen und Kosten, denn meine Eltern wollten und bekamen ihr eigenes Haus im eigenen Garten. Niemand hat sich deshalb beklagt, das haben alle bauenden Eltern eisern gegen alle Krisen und Unsicherheiten durchgezogen. Dieser Wille zum Eigentum hat die Gesellschaft verändert: Hatten 1993 noch 38,8% der Bevölkerung Wohneigentum, sind es jetzt 52,4%. Das ist im internationalen Schnitt immer noch seher niedrig, in Italien und ähnlichen Ländern ist die Partnersuche ohne Wohneigentum eher schwierig. Da sparen 4, 5 Generationen an Häuser hin: Das sind Leute, die den deutschen Weg als „easy-pisi“ bezeichnen könnten.

Aber nicht die Wütenden in Berlin, wo Herr Lauer sagte:

„Wohnungen kaufen kannste Dir heutzutage abschminken, wenn Du n einer Stadt wie Berlin oder sonstwo leben willst, weil es ist halt astronomisch teuer. Wenn Du nicht gerade irgendwo in der Uckermark leben möchtest.“

Berlin war, abgesehen von einem kurzen Hype in den späten 90er Jahren, finanziert durch dummes, deutsches Zahnwaltgeld aus dem Süden, spottbillig. Es wurde in den 90er Jahren viel zu viel mit überzogenen Renditeerwartungen gebaut, die Fonds gingen reihenweise pleite, und als dann noch die New Economy zusammen brach, wurde Berlin wirklich günstig. 2008 kam die Finanzkrise dazu, die Banken wurden mit Geld geflutet, und die Zinsen sanken auf Null: Das enorme Überangebot, die Krisen und der Umstand, , machten Berlin zur billigsten Hauptstadt von Lissabon bis Peking. Und die jungen, zugewanderten Menschen fanden es prima, dass sie alle paar Monate mit einer Robbe in die nächste, bessere Mietwohnung umziehen konnten. Man wollte flexibel sein, sich nicht festlegen, keine Verantwortung übernehmen, und so stand ich eines Tages in einer wirklich schönen, sonnigen Altbau-Wohnung am Humboldthain, und ein zerknitterter Makler ganz ohne Porsche verlange dort für den Quadratmeter keine 700 Euro. Mehr war damals einfach nicht zu erzielen. Selbst die abgelegenen Dörfer meiner Heimat waren teurer als Berlin.

Das war nicht nur eine kurze Phase. Vom Ende der New Economy 2002 bis zum vollen Ausbruch der Eurokrise 2010 waren Immobilien schlichtweg unterbewertet, und speziell in Berlin extrem günstig zu bekommen – ich kenne einen geplatzten Fonds in Charlottenburg, bei dem der Quadratmeter Wohnfläche nur 500 € erbrachte.. In meiner Familie herrschte Ende der 80er Jahre noch die Überzeugung, dass Kaufen in München langfristig erheblich günstiger als die Mieten wäre. Der – zugegeben kleine – Preis war, dass kein Kind auf die Idee kommen konnte, den Wohnort Knall auf Fall zu wechseln. In Berlin erfand man eine Mieterbewegung und dachte, es werde schon gehen, egal wie viele andere Prekäre, Kanzleien, Firmensitze, Künstler, Zweitwohnsitzhabenwoller, Hostelbetreiber, Migranten innerhalb und außerhalb der EU und AirBnB-Weitervermieter in die Stadt zogen. Die Bevölkerung ist arm und kann sich oft keinen Kauf leisten. Aber die Paradiesvögel der digitalen Boheme, die ich kennenlernte, waren oft nicht wirklich arm, sondern auf der Suche nach der Hauptstadt und Projekten und nicht gezwungen, wie Egon Plawumkowski um 9 Uhr Toiletten anzuschließen. Man probierte etwas aus. Man hatte eine Idee, Man wollte etwas Neues machen, vom Esoterik TV bis zur Bitcoin-Börse. In der Lauerklasse der Berliner Öffentlichkeit gibt es viele, die jahrelang suchten und heute politischen Aktivismus betreiben. Easy-Pisi halt. Immer tun, was einem richtig erscheint, wie: Aufstand der Millenials gegen die fetten, eingerosteten, alten Privilegieninhaber, gegen die Leute, denen bis 2003 von nassforschen Vermögensverwalter erklärt wurde, Immobilien seien ein Klumpenrisiko mit Nullrendite.

Für die Aufpeitschérei braucht man einen Anlass, einen Dreh, einen Spin, und Neid ist da eine starke Waffe, wenn es zur Umverteilung, zur sozialen Gerechtigkeit, zum BGE kommen soll. Die Erzeugung des Neids geht nicht mit Wochenendausflügen ins Schambachtal statt Kurzflügen nach London, das geht nicht mit Wählscheibentelefon mit Kostenliste statt iPhone, das geht nicht mit Leberwurstsemmel statt Angus-Beef-Burger, das geht nicht mit einem 15 Jahre betriebenen Schwarz-Weiss-Fernseher statt Netflix und Amazon Prime, und es geht auch nicht mit Zwetschgendatschi statt Essenlieferung mit 25€ Mindestbestellwert. Das muss man ausblenden, um die Alten als Reiche zu diffamieren, die sich angeblich auf wenig lautere Art bereichert haben. Man muss ihre seit 1973 nicht mehr existierende Vollbeschäftigung und die Bedrohung durch Kurzarbeit und Frühverrentung verschweigen, um Praktika und prekäre Beschäftigungen dagegen zu halten. Ich sage es nur ungern, aber wer eine falsche Lebensentscheidung trifft und trotz Hochschulbildung Berufe wählt, die nicht gut bezahlt werden, hätte seine Studienentscheidung überdenken sollen. Das ist das Risiko, das diese Leute – und ich gehöre mit meinem Studium selbst klar zu ihnen – eingegangen sind. Manchmal geht es gut, manchmal macht man Photos und Texte am Markt einer Stadt vorbei, in der sich jeder zweite zum Künstler berufen fühlt. Es gibt hierzulande deutlich schlimmere Schicksale als unzufriedene Millenials des westdeutschen Besitzbürgertums, die sich nicht genug gefördert sehen und eine Wohnung in Mitte zum Uckermarkpreis erwarten. Und meine Bäckereiverkäuferin, die jetzt mit 30 Jahren und ihrem Freund neben ihren Eltern ein Haus in einem Vorort baut, erscheint mir deutlich gesetzter.

Die Risiken meiner Eltern waren ganz andere. Diese Risiken wurden ernsthaft besprochen und überwunden. Keiner hätte sich bei uns mit einem vulgäre Video beim Tagesspiegel über die Lage beklagt. Man hat die Zähne zusammen gebissen und getan, was getan werden musste, und das alles auch ohne die Untaten, die früheren Generationen nachgesagt wurden. Man hat es getan, und nicht öffentlich über die eigenen Probleme geredet.

Sondern nur über ökonomisch passende Stürze der Tanten und peinliche Auftritte der Kinder anderer Leute.

02. Feb. 2018
von Don Alphonso
613 Lesermeinungen

153
36259

 

27. Jan. 2018
von Don Alphonso
755 Lesermeinungen

186
41702
 

Kreuzberger Nächte werden kurz gemacht

Lakaien befolgen Gesetze, Könige sehen Zusammenhänge.
Gabriel Lorca

Da ist also dieser aufgeplatzte, blaue Sack auf dem Boden, voll mit Bauschutt, und er liegt schon etwas länger hier. Ratten und Mäusen gefällt das.

Und ich stehe davor, schaue in den bleigrauen Berliner Himmel, aus dem es tröpfelt, und denke daran, dass oben in Bayern, bei mir vor dem Haus, dieser Regen als Schnee herab kommen wird. Ich muss schneller als der Wind sein, denn wenn der Regen erst bei uns ist und gefriert, muss ich, wie jeder Hausbesitzer, das Eis vom Trottoir kratzen und den Schnee räumen. Das macht man halt, meine Vorfahren haben es gemacht, ich mache es auch. Hausbesitz bedeutet einfach, dass man beim Schneefall dort sein und die Verantwortung übernehmen muss. Aber hier in Berlin hat einfach jemand einen blauen Sack mit Bauschutt abgelegt. Weiter vorn steht eine Autotürverkleidung.

Mit Kleidungsstück. In Grün. Das hat jemand hier gelassen, und keiner will es. Ich will es beseitigen, das ist so in mir drin, denn wenn auf meinem Bürgersteig vor dem Haus etwas ist, räume ich es weg. Ich kann mich einen ganzen Tag lang über Zigarettenpackungen ärgern, ich fege nicht den Weg, sondern Leute an, wenn sie Zigarettenkippen vor meinen Augen wegwerfen: So ist nun mal meine Natur. Und wenn es schneit; zieht mich meine Natur eben nach Hause an die Schaufel und den Eishacker. Wie alle anderen auch. So sind wir nun mal. Selbst wenn die Gemälde drinnen mal wieder abgestaubt werden könnten. Aber die Strasse ist frei.

Das hier sind ein paar traurige Radreste – wer in Berlin Ersatzteile braucht, kauft eher nicht bei Ebay, sondern montiert wohl einfach etwas ab. Bei uns bekommen Schrotträder orange, datierte Aufkleber, um feststellen zu können, ob sie noch bewegt werden. Ist das nicht der Fall, bekommen sie einen Zettel, dass sie in zwei Wochen entfernt sein müssen. Sind sie dann nicht entfernt, werden sie abgeholt. So ist das bei uns. So sind wir. Wir können nicht anders. Wir können das alles gar nicht sehen.

Wir sehen es, verdrehen die Augen, richten sie zum Himmel und denken uns: Warum. Weil, es ist doch so: Das sieht hier überall so aus. Gleichzeitig aber, und das haben wir beim Verdrehen der Augen gen Himmel auch gesehen, beschmieren sie nicht nur ihre Häuser, sie bemalen sie auch. Zum Beispiel mit einer bukolischen Landschaft mit Hügeln, kugelrunden Figuren, zartrosa Himmel und einem netten, kleinen Einzelhaus, ganz anders als die riesigen Blöcke der Gründerzeit.

Niemand malt in dieses Bild einen blauen Müllsack, geplatzt wie die Karriere einer Modebloggerin, eine ausgerissene Türverkleidung wie ein seiner Heimat entflohener Schwabe, und Räder, funktionsunfähig , in diese arkadische Landschaft. Was auf der Strasse ist, ist hier auf der Strasse, und was die Wunschvorstellung ist, ist an der Wand. Zumindest 1 Mensch hier denkt an eine Welt, die so heil ist wie ein Tourismusprospekt, und Tausende. Zehntausende sehen das. Diese Menschen hier haben blaue Müllsäcke, aber auch eine Vorstellung davon, dass es so nicht sein muss. Der hungrige Steinzeitmensch saß auf den Essensresten, malte fleischige Bisons in Höhlen und schnitzte rundliche Frauen aus Bein, hier malen sie eine grüne Landschaft und runde, zufriedene Figuren mit Lächeln, während sie bei Mülltüten sitzen. Das nennen Optimisten den menschlichen Fortschritt, aber: Das ist nicht alles.

Denn natürlich quetschen sie hier gebrauchte Kinderwägen und unbequeme 90er-Jahre Stühle der Postmoderne zwischen die Zugangswege der Baustellen. Das ist kein Zufall, das ist Absicht, sie wollen damit den Arbeitern, die hier die Gebäude sanieren, erschweren. Nicht jeder ist einverstanden mit den steigenden Mieten und der Aufwertung des Viertels. Manche kleben auch klassenkämpferische Zettel im Rot der Revolution an die Wände. Sie laden zu Kiezversammlungen ein, die so gut besucht wie die Wahlkampfstände der SPD sind, und halten sich dann wie die SPD berechtigt, für das Volk zu sprechen. Sie wollen ihren Kiez so, wie er früher war, so wie bei mir daheim auch viele in die gute, alte Zeit zurück wollen, als hier nicht nur Schnee geräumt, sondern auch jeden Sonntag morgen ordentlich gefegt wurde, egal ob am nächsten Morgen die Stadtreinigung noch einmal fegte oder nicht. So war das nämlich früher, am Sonntag um 11 fegte der Bürger und am Montag um 6 Uhr kam der Reinigungswagen und hatte nichts zu tun. Sauberkeit, fast so sinnlos wie Vandalismus.

Sie wollen also ihren alten, modrigen, braunkohlegeheizten Kiez behalten, und die Extremen rammen dafür alte Kinderwägen in Einfahrten, sie werfen auch mal Steine durch die Fenster und zünden hin und wieder Autos an, und die Bevölkerung meint oft, das gehört irgendwie dazu gehört. Sie kleben Gedichte von Brecht und Aufrufe zur Revolution an Säulen, und sie schrecken auch nicht vor, wie ich Single finde, schlimmsten Taten bei der Wohnungskäufervergraulung zurück, wie dem Eltern-Kind-Trommeln.

Aber ich habe ja den Traum an der Wand gesehen, und deshalb noch etwas genauer hingeschaut, und wir wissen ja, jede Kultur trägt den Keim ihres eigenen Verderbens in sich. Und während einen zerschlagene Kaugummiautomaten aus leeren Augenhöhlen anstarren, während Sticker noch von Revolution und Aufbegehren künden, ist daneben eine saubere Schaufensterscheibe.

Der Berliner wird das nicht beachten, er denkt sich halt, dass wieder eine junge Frau versucht, aus ihrem Schneiderhobby einen Beruf zu machen. Irgendwas mit Mode. Stoff kreativ aneinander fügen. Teil der Do-it-yourself-Bewegung, kleines Kiezhandwerk, gegen Globalisierung, bio, was man halt damit so verbindet. Aber so einfach ist das nicht, denn Nähen ist eine relativ komplexe Arbeit. Nähen erfordert eine hohe Präzision und Vorausdenken, Struktur und Hingabe. Schlecht angezogene Menschen gehen vorbei und denken an das Rattern einer Nähmaschine. Aber ich gehe vorbei, sehe die bis in die Kanten saubere Scheibe und weiß, dass bei uns früher die Frauen um so begehrter waren, je besser sie nähen konnten. Nähen ist ein Handwerk, das den Menschen formt. Näherinnen müssen wissen, wo welche Knöpfe sind, wie viel Stoff sie vorrätig haben, wann etwas fertig sein muss und wie man mit Kunden über längere Zeit ernsthaft kommuniziert. Näherinnen sind, wenn sie wirtschaftlich überleben wollen, alles, nur nicht Berlin.

Und natürlich hat hier niemand etwas gegen Erscheinungen, die Näherinnen bei uns in Miesbach kennen: Dass ein wahrhaft dickes Auto vorfährt und eine Frau aussteigt und erklärt, zu welchem Anlass sie welches Kleid ohne Rücksicht auf die Kosten braucht. Das bedeutet aber, dass das Auto dort nicht zerkratzt werden sollte, das bedeutet einen sauberen Weg und ein sauberes Fenster, und tatsächlich liegt hier kein zertretenes Rad und kein blauer Müllsack herum. Nähen ist ein Geschäft der guten und dauerhaften Kundenbeziehung, ganz anders als Ausverkauf im Ramsch ein graues Stück Kleidung, das man gerne mal auf einer Türverkleidung liegen lässt. Es gibt hier in dieser Ecke etliche Näherinnen. Sie müssen versuchen, sich zu erhalten. Sie können es sich gar nicht leisten, wie Berlin zu sein. Die Herzen der Konsumkritik fliegen ihnen zu, aber ein Herz für den Schlendrian können sie sich nicht abrechnen. Eher linke Projekte tun das übrigens auch nicht:

Und das ist nicht das einzige Beispiel für Verbotskultur, weiter vorne mahnt ein Schild, man sollte doch bitte nach 22 Uhr Rücksicht auf die Anwohner nehmen – darunter auch die Mutterkindtrommelterroristen, die in der Nacht zu Ruhespiessern werden – und leise sein. Schön leise. Und keine Motorräder mehr starten. Vermutlich leben hier Leute, die nach 22 Uhr die Motorräder geschoben sehen wollen.

Das ist schon eine ganz andere Welt als jene, die nebenan im Plakat hochgehalten wird.

So geht das hier immer weiter, Dreck, Schmierereien und dazwischen dann wieder die neue Berliner Verbotskultur der kurzen Kreuzberger Nächte mit Ruhe ab 22 Uhr – bei uns am Tegernsee fängt man da erst langsam an, auf den Biertischen zu tanzen zu “ich bin die Antonia aus Tyrolia” und “Sweet little Rehlein”. Es sind Hinweise auf eine Liberalität mit Grenzen. So fing das vor 12 Jahren auch im beliebten LSD-Viertel in Mitte an, und ein Club nach dem anderen musste wegen des Lärms schließen. Bei uns in Bayern wird man nicht glücklich, wenn man gegen die Glocken von Kühen und Kirchen prozessiert, aber hier geht das noch, der Tanzpalast von gestern ist die Lärmbelästigung von heute.

Die Ruppigkeit im Umgang macht keine Ausnahme für Subkultur. Irgendwann beschweren sie sich bei der Hausverwaltung, wenn der Schnee im Winter vor dem Haus liegen bleibt, denn wenn sie einmal mit einer Forderung durchkommen, legen sie sofort die nächste Beschwerde auf den Tisch. Weil sie können. In Bayern wird die Anspruchshaltung durch die Eigenverantwortlichkeit gedämpft. Hier wird erwartet, dass andere das erbringen, was man für wünschenswert hält. Verspiesserung ist nur eine Wandlung der Ansprüche an andere, aber nicht eine Anpassung der Methoden zur Durchsetzung. Die Miete soll nicht mehr als 5 Euro pro Quadratmeter kosten, aber die Leute, die das Mieterparadies für ihr gutes Leben ausnutzen, sollen beim sturzbetrunkenen Fall aus der Kneipe nach 22 Uhr ihren Oberschenkelhalsbruch still erdulden; und für das Blut die Müllsäcke verwenden.

Die werden sich noch wundern, wie kurz die Kreuzberger Nächte noch werden, denke ich mir, als ich zu meinem Auto gehe. Die Anfänge für den Kulturkampf sind gemacht, es werden sicher noch Näherinnen pleite gehen und Autos zerkratzt. Aber draußen am Autobahnring kosten kleine Wohnungen auch schon 480 Euro pro Monat und damit doppelt so viel, wie meine 75m² hier 2004 in einer anderen Gentrifizierungslage gekostet haben. Wer jetzt hier ist, wird kaum mehr umziehen, sondern vom Mieterschutz profitieren, altern, und neue Ansprüche entwickeln. Es wird alles teurer, aber nicht besser, und nie so wie auf dem bunten, arkadischen Wandgemälde. Ich lasse das Auto an, und sollte ich jemand aus dem Mittagsschlaf gerissen haben, weil mein Verbrennungsmotor etwas laut ist, so mag man mir das hier verzeihen:

Schon im Thüringer Wald bedeckte der Schnee alles Leben, und ich hatte es wirklich eilig, nach Hause zu meiner Schneeschaufel zu kommen.

27. Jan. 2018
von Don Alphonso
755 Lesermeinungen

186
41702

 

23. Jan. 2018
von Don Alphonso
Kommentare deaktiviert für Das Ende der Mittelmeerroute im Görlitzer Park

267
39118
 

Das Ende der Mittelmeerroute im Görlitzer Park

Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden.
Walter Serner, Letzte Lockerung

Wenn man die Plantagen sehen will, in denen Afrikaner ihre Schulden bei den Schleppern abarbeiten, muss man in Sizilien nur etwas weg vom Strand. Wie es der Zufall will, war ich am gleichen Strand, an dem das Zentrum für politische Schönheit einmal eine Rettungsinsel ins Wasser brachte, als ersten Teil einer erhofften Brücke von Afrika nach Europa. Seitdem hat man – typisch Sizilien – von dem Projekt nichts mehr gehört. Vom Strand aus in die Hügel, die ganze Strecke runter bis nach Agrigent, ist das Land, in dem die letzten Orangen und ersten Erdbeeren reifen. Damals gab es noch keine Hot Spots für Migranten, damals wurden die Clandestini mit Schnellbooten an die Küste gebracht, und dann arbeiteten sie dort oben die Kosten ihres Transports ab, zum Wohle der sizilianischen Landwirtschaft und der deutschen Konsumenten, die es für selbstverständlich halten, wenn sie ein Netz Orangen für 2 Euro bekommen.

Danach machen sie sich auf den Weg. Vor der Flüchtlingskrise blieben sie meistens in Italien, bis dann die Deutschen auf den skandalösen Umgang mit Migranten auf Lampedusa aufmerksam wurden, und die Regierung Berlusconi das Problem für Italien erleichterte, indem sie Migranten mit Papieren ausstattete und sie gen Norden in Züge steigen ließ. Ich habe sie als staatlich eingestellte Kirchenwächter in Abbazia Isola gesehen, wo sie besser Englisch als die Italiener sprechen, und in Pisa, wo sie als fliegende Händler von schwer bewaffneten Sondereinheiten auf Distanz zum Dom gehalten werden. Ich sah sie als Erntehelfer in den Hügeln rund um Staggia Senese und streitend auf einem Platz in Padua. Ich bin mit ihnen von Mantua nach Verona mit dem Zug gefahren, für den sie keine Karte hatten, aber das war damals in Ordnung, denn in jener Zeit fuhren sie alle in Richtung deutscher Grenze und nie zurück nach Mantua. Sie wurden auf dem Meer abgeholt, sie konnten in Italien einen Asylantrag stellen, und wer das nicht tat, hatte binnen weniger Tage das Land zu verlassen. Und deshalb gab es an manchen Tagen im Bahnhof von Mantua eine klar schwarzafrikanische Mehrheit.

Ich bin ihnen in Rosenheim entgegen gefahren und habe sie auf ihren neuen Turnschuhen vom Bahnsteig zum Empfangszelt begleitet. Afrikaner, aber auch viele Pakistanis, die offensichtlich schon lang in Italien waren, und sich in Deutschland bessere Bedingungen erhofften. Vor ein paar Wochen gingen in der Nacht vor meinem Haus zwei Gruppen, beide rund 20 Mann stark, aufeinander los: Araber gegen Afrikaner, die sich nicht verstehen. Die Afrikaner sind bei uns südlich der Stadt in einem Lager untergebracht, um ihre Abschiebung wegen schlechter Bleibeperspektive, so nennt man das heute nach dem Ende der Euphorie, beschleunigt durchführen zu können. Es gab da ein paar Ereignisse, die die Bürger hier verstörten, und “Männergruppen” in der Stadt, die alle zum erstaunlich guten Ansehen der AfD in meiner Heimatstadt beigetragen haben dürften. Das da draußen, die frühere Kaserne meiner Schulkameraden: Das ist das eine Ende der Mittelmeerroute. Manche finden das hart, Pro Asyl beschwert sich über die Sackgasse der Migration, die bei uns bereitet wird, während der Innenminister den Bürgern mehr Polizei verspricht.

Es ist jetzt 2018, und vermutlich schade ich keinem, wenn ich noch von einem Gespräch mit einem Innenpolitiker hier in Bayern erzähle. Der sprach recht offen darüber, dass man durchaus Interesse an arbeitenden und integrierten Migranten habe – bei uns am Tegernsee beispielsweise gibt es jede Menge freie Stellen im Bereich Tourismus, . Die anderen, das sagte er mit einer wegwischenden Handbewegung, wollten sowieso nicht bleiben, und wer konnte, ginge in den Norden in die großen Städte, Ruhrgebiet, Berlin, Hamburg. In meiner Heimatstadt waren eine Weile etliche Asylbewerber in einem bestimmten Park am Hauptbahnhof: Solche Ansätze mit vermutetem Drogenhandel wurden dann, ähnlich wie auch in München, schnell und nachhaltig von der Polizei unterbunden. Ich trinke noch nicht mal Alkohol, das ist der einzige Punkt, an dem ich die Scharia befürworte, und ich mag keine Drogen: Nachrichten über aufgeflogene Netzwerke und deren Verurteilung . Geschichten über Vollbeschäftigung von Asylbewerbern in der Gastronomie als Ende der Mittelmeerroute gefallen mir natürlich besser. Es gibt aber auch noch andere Enden, womit wir beim Görlitzer Park in Berlin wären.

Dort hat, so würde man das mehrheitlich in Bayern sehen, der Rechtsstaat aufgegeben, und lässt den Handel mit Drogen weitestgehend ungestört geschehen. Hin und wieder kommt es zu Streitereien und Gewalttätigkeiten, im weiteren Umfeld gab es auch Tote, und der Attentäter Anis Amri, der in der Nähe meines Hotels den Anschlag am Breitscheidplatz verübte, war hier auch eine Weile im Drogenhandel tätig. Ich kam über die Görlitzer Strasse, sah einen Parkplatz, wendete – und da kam auch schon ein junger Mann aus dem Park, nickte mir zu und zeigte etwas in seiner Hand. Es war Samstag Vormittag, es war kalt, es regnete, und Männer aus der Subsahararegion machten gut die Hälfte der anwesenden Personen im Park aus.

Ich stellte also das Auto beben einem Sperrmüllhaufen ab, und ging hinein. Es gibt Routen, an deren Eingang und Verlauf man als Kunde betrachtet und mit leise geflüsterten Angeboten bedacht wird. Sobald man die Augen hebt und die Männer anschaut. Es gibt einzelne Personen und kleine Gruppen, je mehr Passanten, desto mehr Angebot.

Es gibt auch noch kleine Nebenwege, und wenn man dort geht, wird man nicht mehr angesprochen. Dann löst sich jemand aus einer Gruppe und geht einem nach. Ich sehe jetzt nicht wie der klassische Drogenkonsument aus und überlegte, was ich meinem Bewacher sagen sollte: “Pardon, ich mag nur gerne weichen Boden” oder “Ach so, Sie haben nur kleine Mengen dabei und hier in den Büschen sind vielleicht größere Vorräte – darum geht es mir nicht”. Sobald man sich wieder auf den Hauptwegen fortbewegt, in einem öffentlichen Park, ist man zwar nicht unbeobachtet, aber das ist auch alles.

Es regnet. Es ist kalt. Die Herren haben alle Kapuzen und sind dick gekleidet, aber man sieht ihnen auch an, dass sie frieren und unzufrieden sind. Sie sind sehr nass. Sie sind hier, damit etwas passiert, aber nach 20 Minuten habe ich nur einen einzigen Weißen gesehen, der sich länger mit einem dieser Anbieter unterhielt. Die junge Frau, die ihren Hund Kot absondern ließ und ihn nicht einsammelte, war bis dahin deutlich illegaler. Die R. hatte mir am Vorabend geraten, Nachts hinzufahren, da sei mehr los: Jetzt, unter der Bleidecke des frühen Samstags, war es wirklich auf eine deprimierend-apathische Art interessant.

Denn die Mittelmeerroute hat viele Enden, die Plantagen Siziliens, die organisierten Bettler in Mantua, die Rebenschneider im Chianti, die Azubis im Kolpinghaus, und die Grenzstation am Brenner, die inzwischen wieder fest installiert ist, um Aufgefangene vom Betreten Österreichs abzuhalten. Möglicherweise haben sich unsere Wege auch irgendwann schon gekreuzt. Und möglicherweise ist es auch genau das, was Innenpolitiker bei uns in Bayern wissen und wollen: Wer dem Verfolgungsdruck ausweicht, der geht eben dorthin, wo man sich an nichts stört. Das hier ist der Ort. Ziemlich viele Berliner, die mich wegen meiner Sicht der Dinge nicht schätzen, beschweren sich über geklaute Fahrräder und finden den lockeren Umgang mit dem Görlitzer Park gut, wo an den Laternen solche Anzeigen hängen.

Es kann legal sein, so wie in den Drogen hier angeblich so viel Streckmittel sein soll, dass sie vielleicht gar nicht mehr illegal sind, aber ich hätte bei diesen Rädern Bedenken. Die Grünen in diesem Bezirk wollen eine andere Drogenpolitik mit der Legalisierung “weicher” Drogen. Sie haben hier mit Rot-Rot-Grün eine Sonderzone entwickelt, in der Drogenhandel durch die Leute möglich ist, die ganz unten in diesem Geschäft sind. Die Orangen aus Sizilien sollen leicht verfügbar sein, die Drogen für Touristen aus Australien sollen leicht verfügbar sein. Dafür stehen sehr nasse Afrikaner im Regen und schauen Menschen erwartungsvoll entgegen, die reflexartig wegschauen. Man hat ihnen dafür den öffentlichen Raum überlassen, und das führt zu kunsthistorisch grotesken Situationen.

Denn in Parks des Rokoko gibt es auch Blumenarkaden wie am Haupteingang des Görlitzer Parks. Dort wechseln sich Säulen und teils frivole, teils mythische Statuen ab, und mitunter auch exotische Figuren, die von der Versklavung von Arabern und Afrikanern in jener Zeit erzählen, und in Stein als Leuchterfigur gehauen wurden. Hier im Görlitzer Park wechseln sich Säulen und junge Männer in dicken Jacken ab, die von einem Bein aufs andere wechseln und dort oben gut sichtbar hoffen, dass jemand mit ihnen ins Geschäft kommen will. Der übliche Berliner würde sich vor Abscheu winden, würde man hier die rassistischen Figuren des Rokoko aufgestellen. Dass hier echte Menschen aus fernen Ländern im Regen frieren, soll angeblich “tolerant” sein.

Man redet sich das hier schön, es seien Menschen, die sich eben auf ihre Art behaupteten und ihren Lebensunterhalt verdienten. Es kommt der sehr speziellen Partytourismusbranche entgegen, und manche mögen darin etwas verrucht Mondänes erkennen, wie in den 20er Jahren, als es viel härtere Drogen noch in der Apotheke gab. Manche denken vielleicht, die Geschäfte helfen den Familien in Afrika. Vielleicht reden sich auch die Kunden der Zuhälter jener Frauen an italienischen Nebenstrassen, so wie in Citadella Mantova bei der alten Kartonfabrik, diese Form der erzwungenen Prostitution schön.

Jetzt sind sie halt da, und ein Druckmittel eines Bezirks gegen eine Drogenpolitik die sich nach meiner bescheidenen Meinung ganz sicher nicht ändern wird, wenn das hier die sichtbaren Folgen sind. Es ist ein schönes Beispiel für die unterschiedlichen Bewertungen der Lebensrealität in Deutschland, und das, womit hier die Grünen die Wahlen gewinnen, ist exakt jene Befürchtung, mit der bei mir daheim die AfD zur Volkspartei aufsteigt. Es ist ein Endpunkt der Migration, und wenn sie einen Händler mit zu vielen Drogen auf dem Weg erwischen, kommt eben ein anderer. Ich höre bei dieser Debatte immer, dass jeder Mensch zählt, aber das hier erscheint mir wie eine politisch gewollte Benutzung. Und was man mit diesen Leuten tun würde, oder was diese Leute tun würden, wenn Cannabis legalisiert und an ihnen vorbei vertrieben wird, kann auch niemand so genau sagen. Wenn sie auf harte Drogen umsteigen, werden sie dann als Kriminelle eingesperrt, oder geht dann das Spiel der Toleranz und des öffentlichen Raums als Umschlagplatz erneut los? Will man wirklich weiterhin eine Zone, in der Migration und Drogenhandel so offensichtlich zusammen kommen?

Nur um das klar zu sagen, mein erstes Drogenangebot war beim Essen in der Kastanienallee 2002, als ein weißer Deutscher sich über den Tisch lehnte und Haschisch mit einem Aussehen anbot, das jetzt nicht wirklich eine Werbung für eine liberale Drogenpolitik war. Aber als ich Richtung “Kotti” zurück fahre, läuft ein Afrikaner gestikulierend einem Weißen nach, bis der stehen bleibt und etwas austauscht. Ein anderer, der offensichtlich aufpasst, kickt frustriert einen Coffee2Go-Becher vor meine Reifen. Es regnet weiter. Es bleibt kalt. Ein ungemütlicher Wind kommt aus dem Norden und zieht unter die Brücke. Es gibt zu viele Drogen und Anbieter, und zu wenige Käufer. Es ist ein Ende der Mittelmeerroute, mit dem man sich so arrangiert hat, wie bei mir daheim mit den Meldungen von untergegangenen Booten, und mit den Hallen im Voralpenland, die sich auf wundersame Weise leeren, weil das, was bei uns angeboten wird, auch nicht das ist, was sich viele erwarten.

Wie immer, wenn die Differenz zwischen Realität im Regen oder im Mittelmeer und Ansprüchen an die eigene Ethik hoch ist, nagt an den Menschen ein schlechtes Gewissen, und das macht die Konflikte dann auch so unerfreulich. Die einen sehen die Niederlage des Rechtsstaates in Cottbus und Bautzen, weil die Bürger dort gegen Flüchtlinge ungehindert mobil machen können, die anderen sehen die Niederlage hier, weil sie 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, das erleben können, was sie befürchten. Die einen machen die Dystopie der anderen, und viele denken, wenn der Staat hier nachgibt, müssen sie es eben selbst in die Hand nehmen. In Österreich ist es schon nach Rechts gekippt, in Italien wird es absehbar bei den nächsten Wahlen nach Rechts kippen, Dänemark und Schweden ändern ihre Politik, und in Deutschland zerbrechen an diesen Fragen die Parteien des linken Lagers. Ich finde es gut, dass es am Eingang der Abbazia Isola jetzt einen Türsteher gibt, der das Altarbild des Quattrocento schützt, die Torststeher in Berlin dagegen finde ich, ehrlich gesagt, abschreckend. Ich sehe nur nicht, wie man diesen Konflikt lösen kann.

Denn gleich gegenüber des Eingangs ist, vor den großmütterlichen Gardinen eventuell mit Goldkante, ein Schild mit einem Hund, der in angeblich 5 Sekunden an der Tür ist. Da hat jemand Angst. Hier ist es nur ein Fenster, bei mir daheim sind es sehr viele.

 

+++HINWEIS: Sieht so aus, als mache „jemand“ hier sehr viel Last auf dem Server, daher gerade keine Kommentarmöglichkeit, ich habe dauernd 502+++

23. Jan. 2018
von Don Alphonso
Kommentare deaktiviert für Das Ende der Mittelmeerroute im Görlitzer Park

267
39118

 

19. Jan. 2018
von Don Alphonso
994 Lesermeinungen

203
43421
 

Das grüne Herz der Nation im Praxistest

Schaut auf diese Stadt!

Ich belüge die R. schamlos mit der Behauptung, die französische Tarte Tatin sei eigentlich eine bayerische Erfindung und hiesse bei uns G’foina Apfekuacha. Als solcher sei er schon im 18. Jahrhundert bei uns bekannt gewesen, wo ihn erst durchreisende Soldaten Napoleons entdeckt hätten. So vergeht der Abend der Stützen der Gesellschaft im Grosz.

Auch nach 2 Stunden Überziehen hat der Roadster nachher keinen Strafzettel, dafür wird später im “Lass uns Freunde bleiben” ganz offen geraucht, vermutlich, weil Raucher noch nicht wie in Bayern ausreichend diskriminiert und physisch attackiert werden. Ich bringe die R. später heim und stelle fest, dass die Tiefgarage hier schon um 23 Uhr schließt. Deshalb bin ich um 8 Uhr morgens schon wieder auf der Strasse vor dem Hotel und lese, dass hier auf einem bunten Einwegplakat gegen den Climate Change gekämpft wird:

Der Klimawandel in Berlin wirkt vermutlich schon, anders kann ich es mir nicht erklären, wieso hier im Januar immer noch Blätter fallen und liegen bleiben, die bei uns in den Bergen bereits im Oktober von den Bäumen gefallen sind, und im November restlos weggereinigt wurden.

Auf einem Verteilerkasten steht gut sichtbar ein Fläschchen von Sekt aus der DDR, und es ist noch halb voll.

Nebenan wirft ein junger Mann in Warnweste ein früher mal schönes, jetzt aber ramponiertes Eddy Merckx Corsa Extra Rennrad in Blau, so wie ich eines in Rot habe, an die scharfe Metallkante eines Metallgitters. Das Oberrohr macht einen schrecklichen Laut, dann schlingt er eine blanke Kette um das Rad. Ich steige in den Wagen und fahre ihn hinunter in die sichere Tiefgarage. Was halt sicher so ist, wenn da steht, aus versicherungstechnischen Gründen sei der Zugang nur mit Parkschein erlaubt – an einem Zugang, der mit zerbrochenen Scheiben so aussieht.

Im Hinterhof gibt es eine kleine Sitz- und Spiellandschaft, mit der jemand wohl noch in den Zeiten der Mauer den Westberlinern etwas Gutes tun wollte. Zudem gibt es dort praktischerweise Abfalleimer. Trotzdem steht ein Einwegbecher mit der Aufschrift “Für alle, die genießen wollen” auf dem Brett für alle, die Mensch ärgere Dich nicht spielen wollen.

Der Abfalleimer ist keine 5 Meter entfernt, ich werfe den Bescher weg. Auf der Tischtennisplatte, der längst das Netz fehlt, modert ein alter Prospekt, darunter sind die Reste der Neujahrsfeierlichkeiten. Heute ist der 19. Januar, in meiner von der CSU und einem Klimakillerbauer dominierten Heimatstadt kam am 1. Januar um 8.12 Uhr die Straßenreinigung und hat alles sauber gemacht.

Reinigung jede Woche heißt es bei uns, Jam every Day heißt es hier auf dem Sticker über dem zersplitterten Sicherheitsglas.

Daneben ist eine Sitzgruppe: eine offensichtlich obdachlose Frau ist dort, in ihren Parka eingehüllt, und hat ihre Besitztümer in einer Plastiktüte neben sich. Kein Photo an dieser Stelle. Gegenüber laufen im Wirtschaftshaus die Daten von der Berliner Börse über den Grossbildschirm, die Chefin der Weltbank sagt irgendwas.

Vor dem Wirtschaftshaus steht ein Baum. Jemand hat Stücke der Rinde auf blaues Plasik geklebt, und dort deponiert, Das muss schon etwas länger her sein, und noch jemand hat dazu ein paar Plastikeimer gestellt.

Daneben ist ein offenes Rohr, aus dem Regenwasser in der Schmutzbrache versickert. Wissen Sie, ich habe ja mit Immobilien zu tun: Wenn man bei uns das Regenwasser in den öffentlichen Grund ableitet, ist das illegal. Das muss alles in Rohre, das wird dann auch gemessen. und muss wegen der Sauberhaltung der Umwelt bezahlt werden. Hier nicht.

Hier hat jemand, vermutlich von Seiten des Staates, Steine abgelagert, um solche Brachflächen vermutlich zu beseitigen. Das muss eine Weile her sein, sie modern schon.

Die Raucher – mutmaßlich aus den hiesigen Büros, dabei ist übrigens eine Organisation für Wasserstoff- und Brennstoffzellen, das ist angeblich die Zukunft der Biomobilität – nutzen die Steinanhäufung sekundär als Aschenbecher.

Jemand war so schlau, seinen Fahrradständer anzuketten. Er hatte das Pech, dass es den Vandalen nicht um den Besitz, sondern um die Zerstörung ging.

Gegen solche Leue werden hier vermutlich auch solche Gitter verbaut. Die einen laufen frei herum, die anderen zäunen sich ein, und warten darauf, dass sie nicht betroffen sind.

Nach diesem St-Florians-Prinzip ist es üblich, ein Rad umzuwerfen, es kaputt zu treten und dann liegen zu lassen. Ich bin jetzt zwei Tage hier, es liegt immer noch genauso da wie vorletzte Nacht.

Andere rammen ihr grünes Leihrad, das durchaus über einen Ständer verfügt, lieber in steinerne Balustraden eines alten Gebäudes.

Und noch mal anderen ist es gelungen, goldene Luftballons in die Bäume steigen zu lassen, wo deren Restfetzen nun im Wind hängen. Die Baumfrevler, ich habe nachgeschaut, hat man übrigens nicht zur Ergötzung der Öffentlichkeit an die Bäume gekettet.

Machen Sie so etwas besser nicht am Tegernsee, wir reagieren da nicht so friedlich. Zerbrechliche Rotkäppchenflaschen vor dem Radständer sind auch so eine besondere Form der radlerfeindlichen Gedankenlosigkeit, die bei uns nicht hingenommen wird.

Unter der Brücke der S-Bahn gammelt immer noch das Relief eines Malers vor sich hin. 2004 war ich öfters in dieser Ecke, es gibt hier nicht viel Schönes, und ich dachte mir: Man könnte das vielleicht irgendwie schützen? Es gammelt weiter. Es ist halt da.

Unter der Hohen Kunst hat jemand eine Flasche der Rewe-Marke Seven Oaks geleert, und dazu noch etwas anderes mit Akohol. Wer an dieser Schmalstelle nicht auf der Strasse radeln will, fährt unweigerlich dort hinein.

Warum hier in der Unterführung dieses Stillleben aus Äpfeln und Mandarinen ist, ob es Bedürftigen helfen oder die Stadttaubenplage befördern soll – wer weiss. Es ist einfach so.

Es ist auch noch ein Rad hier, dessen Kette schon recht lange in ihren Kurven eingerostet sei dürfte, und ein eilig entsorgter Weihnachtsbaum der hiesigen, bürgerlichen Gesellschaft.

Ein Plakat verkündet mit einer strahlend weißen Bergesspitze, dass der inneralpine DJ Ötzi der Stadt seine Aufwartung machen wird, mit Party! Ohne! Ende! Dessen Liedgut gilt Berlinern nach vorherrschender. politisch korrekter Denkart als sexistisch, aber das stört hier ebenso wenig wie Graffiti mit Worten, die aus Gründen des Antirassismus aus dem Denken verbannt werden sollen. Hier ist es noch Rebellion, hier ist es Party, dann darf es sein.

Was das wohl sei mag? Clubkarte für ein Bordell? Roter Samt schimmert zwischen blankem Aluminium, jemand hat es wohl verloren, eine Besonderheit zwischen all dem anderen Müll in dieser – für Berlin an sich gar nicht schlechten – Strasse.

Während ich das schreibe, fährt ein Transporter mit ausländischem Kennzeichen auf den Hof. Drei Gestalten mit Kapuzenjacken springen heraus, gehen zum Container mit Wohnschrott und durchwühlen ihn fachkundig. Ein paar Stücke nehmen sie mit, ein paar Stücke lassen sie liegen. In den zwei Stunden zwischen Verlassen des Hotels mit Blick auf die Aufforderung, den Klimawandel zu bekämpfen, und eben jetzt, sind das vermutlich die einzigen, die wirklich ihren Teil zur Bewahrung der Schöpfung durch Recycling beitragen.

Schon bald werden die grosse Lampe und das kleine Kinderrad auf einem Flohmarkt der Region stehen, und Lena aus Heilbronn wird beides kaufen, die Lampe für sich und das Rad für ihre Tochter. Wenn die in der kostenlosen und keimreichen Kita ist, wird Lena bei Facebook schreiben, wie wichtig doch der Mentalitätswandel ist, und dass wir alle mehr für die Umwelt, die Reinheit der Luft, für das Klima, die Polkappen, die Eisbären und die nächste Generation tun müssen. Dann geht sie einkaufen, umkurvt geschickt die Obdachlose vor dem Lidl, und nimmt noch einen Coffee2Go mit. Für alle, die das Leben in Berlin genießen wollen. Und genau wissen, dass diese Stadt und ihre Menschen die Politik bestimmen sollten. Niemand versteht hier, was der Dobrindt mit seiner konservativen Revolution will, es läuft doch alles prächtig, wenn man erst einmal das Menschheitsproblem des Patriarchats beseitigt und das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt hat.

Diese komischen Bayern immer, was die nur haben?

19. Jan. 2018
von Don Alphonso
994 Lesermeinungen

203
43421

 

17. Jan. 2018
von Don Alphonso
687 Lesermeinungen

186
35911
 

Die Verachtung des neuen Deutschlands für seine alten Ideale

Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument.
Karl Marx

Also, Sie kennen das ja auch, wenn Sie schon einmal eine Fäkaliengrube der frühen Neuzeit im Keller ihres Barockpalastes ausheben mussten, um darin stilsicher Ihre Leichen zu vergraben: Es kommen kubikmeterweise Fäkalien heraus. Es finden sich bergeweise Scherben von irdenem Geschirr. Hin und wieder stößt man auf ein Henkelchen einer Favenceschüssel, oder auf einen zerbrochenen Weinbecher aus Waldglas. Aber nur ganz selten und nur, wenn Ihr Palast wirklich bedeutungsvoll war, finden Sie nördlich der Alpen auch mal ein Stück eines venezianischen Glases. Und noch seltener sind darin rosarote Färbung und Goldflitter. Wenn Sie das finden, dann wissen Sie: Sie wohnen wirklich standesgemäß. Also, wenn Sie so einen Palast mit Fäkaliengrube haben natürlich. Das hier ist so ein venezianisches Glas, wenngleich auch aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber dafür unzerbrochen.

Ich habe es natürlich nicht aus meinen Fäkaliengruben im Keller, sondern von einem Antikmarkt in Mantua, und als ich es sah, hatte ich schon einiges gekauft, und hatte fast so wenig Geld übrig wie die SPD Wähler. Ich habe nicht einmal nach dem Preis gefragt, aber der Händler machte daraus kein Geheimnis, als er mich Deutschen das Glas begutachten sah. Und nannte einen so niedrigen Preis, dass mir das gute Stück fast aus der Hand gefallen wäre: Bei uns im Antiquitätenhandel hätte man früher ein Vielfachen bezahlt. Aber die rosagoldene Schale ist gross, und der Italiener lebt wegen der Euro-Krise eher beengt. Also trennt man sich öfters von den guten Stücken, als es für den Preisen gut tut. Man entkulturiert sich von einer großen Vergangenheit des eigenen Landes und dem nationalen Kunsthandwerks unter dem Zwang der Ereignisse. Die Deutschen dagegen sind die Herren des Euro und ihrer eigenen Leibeigenschaft von Banken und Wirtschaft: Wenn die sich von der früheren Größe des Landes, vom alten Luxus, vom Überfluss der errafften Geschichte trennen, dann tun sie es mutwillig. Und je wichtiger den Deutschen etwas früher war, desto böswilliger vernichten sie es ideologisch. Heute wird das Auto auf 80km/h auf Landstrassen von einer Partei gedrosselt, deren Wähler so einen Klimazielruinierer als Statussymbol des eigenen Erfolgs betrachteten. Davor vernichtete man schon den Ruf des Porzellans.

Wie das Auto ist auch das Porzellan ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaftsgeschichte – grad so, wie die Fayence und Gläser für die Italiener. Porzellan wurde in Deutschland neu erfunden, um sich von der Abhängigkeit von den Chinesen zu befreien. Weil die Herstellung ein komplizierter Prozess ist, mussten viele Erfindungen gemacht werden, von denen wir bis heute profitieren. Porzellan war immens teuer, die nötigen Kapitalmittel erzwangen Konzentrationsbemühungen jenseits der alten Zunftordnungen, und es war ein Luxusgegenstand der absoluten Selbstverwirklichung: Vor der Porzellanentdeckung durch Johann Friedrich Böttger 1708 musste man an Tellern und Figuren kaufen, was die Chinesen lieferten. Aber mit den eigenen Arkanisten konnte man eigene Vorstellungen verwirklichen, und sich auch selbst in den Mittelpunkt stellen. Es entstanden Hofmanufakturen, in denen das eigene Leben und – idealisiert – das der Landbevölkerung dargestellt wurde, in 20cm hohen, weissen Püppchen, die damals schon pro Stück den normalen Nettomonatslohn eines höheren Beamten kosteten.

Nichts hat sich seitdem eigentlich geändert. In der Manufaktur Nymphenburg bekommt man die erstklassigen Kommödianten des Franz Anton Bustelli ab etwas über 4.000 Euro, es kann aber auch leicht fünfstellig werden. Es gibt noch Menschen, die das kaufen, aber die wenigsten werden die Stücke noch als Tischzier bei Banketten verwenden, wie sie eigentlich gedacht waren. Es sind Vitrinenstücke, und genau so wurden sie auch aufbewahrt, als die wahrhaft grosse Zeit der Porzellanfiguten begann. Denn während die frühen Manufakturen oft mit der französischen Revolution und den Krisen der napoleonischen Zeit schliessen mussten, entstanden neue Firmen für das zu Reichtum gelangte Bürgertum vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Biedermeier wurde vom Historismus und vom Wiener Barock abgelöst, und in jener Zeit des Rückgriffs ergötzte man sich auch wieder gern an alten und neu geschaffenen Figuren. Oder wie man es heute pauschal nennt: Kitsch.

Das hier ist so ein Stück, das das Pech hat, nicht von einem bedeutenden Künstler des Rokoko, sondern nur von einem Modellierer des späten 19. Jahrhunderts entworfen zu sein. Wie so oft bei Kitsch sind auch diese Stücke mit hohem Aufwand verbunden gewesen, und waren für den Bürger damals richtig teure Luxusgegenstände. Aber es war nur Nachahmung einer vergangenen Zeit, es ist nicht alt genug, und es war so populär, dass die schieren Mengen auf dem Antiquitätenmarkt den früheren Luxus zum Ramsch machen. Heute will das kaum jemand mehr. Viele haben auch nicht die passende Einrichtung. So etwas bleibt beim Erbfall liegen, und selbst die Nachlassverwerter können damit nichts anfangen, wenn es nicht Meissen, Augarten oder Nymphenburg ist. Und in den Augen meiner Zeitgenossen ist es süßlich und kitschig, wie sie die beiden da um den Übergabe einer Rose zusammen winden. Die 68er haben mit dieser falschen Romantik gründlich aufgeräumt. Mit den 68ern begann der totale Niedergang der Porzellanindustrie, und das gnadenlose Wegwerfen.

Dabei sind die Ideale, die von diesem Paar verkörpert wurden, in der Entstehungszeit alles andere als rückschrittlich gewesen. Das Bürgertum eignete sich um 1870 eine Geschichte und einen Luxus an, die seine Vorfahren 1770 in aller Regel nicht hatten. Das Bürgertum wollte aber eine gute Vergangenheit zur Selbstlegitimierung, und kaufte daher Möbel und Kunst der untergegangenen Epoche. Was es nicht gab, wurde eben nachgemacht, so wie diese Tanzgruppe. Wer sich mit der Zeit um 1770 beschäftigt, weiß natürlich, dass damals die Zwangsverheiratung erheblich wichtiger als jene freie Liebe in der Natur war, die hier vor Augen geführt wird. Man muss die beiden Tänzer als Boten der neuen Zeit betrachten, in der Frauen ihre Rechte einforderten und sich nicht mehr wie ein Stück Vieh für die Steuereinnahmen einiger Dörfer verhökern ließen. Die Bürgerfrauen des 19. Jahrhunderts hatten gewisse Erwartungen an die Männer, und wenn man sich das Paar anschaut, dann sieht man: Er schmachtet sie an, und sie weiß, dass er etzad der Katz ghert, wie man in Bayern so schön sagt.

Es zeigt also im Rosenkavalier und der Angebeteten eine bestimmte Art des Courtoisie, ein an sich adliges Verhalten, das das Bürgertum durch den Kauf so einer Preziose als Standard für das eigene Benehmen neu definiert. Es ist eine selbstbewusste Aneignung und Überhöhung, denn die Paare des 19. Jahrhunderts sind feiner, prächtiger und pompöser als die frühen Originale, die Blicke sind nicht mehr manieristisch, sondern emotionaler, und die Gestik wird deutlich dynamischer. Es ist eben alles in Bewegung zu jener Zeit, Klassengrenzen lösen sich auf, die Wirtschaft brummt, der nächste Krieg ist noch Jahrzehnte entfernt, und die eigene Vergangenheit ist allen reichlich heilig, speziell die in der guten, alten Zeit mit echter Leibeigenschaft und ohne Notwendigkeit von Sozialistengesetzen. Franz Blei gräbt dazu die Lustbarkeiten jener Epochen aus, und vergisst die Schattenseiten: So wird der Tanz des Adels auf der sommerlichen Blumenwiese von 1770 im Salon von 1870 gern gesehen.

Aber das ist nichts gegen den Luxus, den wir uns leisten, wenn wir das für Kitsch halten. Es ist heute möglich, diese Tänzer zu belächeln, weil man auch ohne jede Konsequenz und Tanzübung im Schlamm bei Wacken moshen kann. Man schiebt heute keine Hände mit Rosen weg, sondern gleich ganze Profile bei Tinder. Man verfällt sich nicht mehr, weil man die Sexualpartner bei Nichtgefallen jederzeit wechseln will. Man will sich nicht mit zerbrechlichen Figuren belasten, die kaum den zweijährlichen Umzug überstehen. Man hat in Jeans und T-Shirt keinen Bezug mehr zu Kleidung, die erst nach einer Stunde richtig am Körper saß. Und Prestige und Luxus sind nicht mehr im Porzellan zu finden, das als Goldrand nicht in die Spülmaschine kann, und als Starterset nur ein paar Euro kostet. So weit muss man erst mal kommen, dass man den Luxus früherer Zeiten so verachten kann.

Denn in weiten Teilen der Welt wäre es auch heute nicht möglich, frei mit einer Frau so oder anders zu tanzen. Eine Frau würde nach solchen Bewegungen als entehrt gelten. Es gibt Regionen, in denen man diese Frau nach dem Tod des Mannes in den Selbstmord treiben würde, und andere Regionen – zu denen auch die westliche Welt mit ihren Migrationsströmen gehört – in denen man manche Frau schon als Kind an der Klitoris verstümmelt hätte. Es gibt politische Partner unseres Landes, die ihre Bewohner auspeitschen würden, würden sie ein Tänzchen wohl wagen. Es gibt Regionen, in denen die Männer das Geld verspielen, das ihre Frauen im Strassenbau verdienen, und Regionen, in denen die freie Liebe nichts, überhaupt nichts zählt. Wir leben in einer freien Gesellschaft, die es uns erlauben würde, den Kitsch nachzustellen und auf Blumenwiesen zu tanzen. Diese Welt umfasst noch nicht einmal das Mittelmeer und nur einen kleinen Bruchteil der heute lebenden Menschen. Der Rest ist immer noch reichlich nah an den Dystopien des Rokoko, durch die Voltaire seinen Candide stolpern lässt. Unser Kitsch ist nicht einmal die ferne Hoffnung für andere. Er ist einfach nicht verständlich.

Es liegt mir fern, den aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten zu bemühen, aber im Prinzip stehen wir auch nur über einer historisch reich gefüllten Abfallgrube dieses Planeten, in der manches Relikt verführerisch funkelt und von frühem Luxus kündet, und anderes eher nicht, und gern übersehen wird, selbst wenn es schrecklich riecht. Wir werfen in dieses Loch unsere eigene Vergangenheit und unterschiedslos ihre Flausen, Dummheiten, Stärken und Ideale, weil wir es können, und weil wir denken, wir wären weiter und etwas Besseres. Souverän ist, wer über Kitschzustand entscheidet. Wir tun das mit der sorglosen Leichtigkeit eines Porzellanpaares, mit aufgemalten Lächeln der Selfies und so selbstvergessen, wie man 1770 nicht mit einer Revolution rechnete, und 1900 nicht das Rattern der Maschinengewehre und dem Gestank der chemischen Waffen ahnte. Es geht uns sehr, sehr gut, so gut, dass wir alle paar Jahre neue Möbel kaufen, statt die einen Vitrine von Tante Gerdi zu behalten, die längst vom Entrümpler abgeholt wurde. Die Erwartungen an die Zukunft sind groß, Geschichte ist etwas für Romantiker und andere Rechte. Den Klassenkampf lagern wir an die roten und schwarzen Steuereintreiber aus, und das porzellanweiße Mobiltelefon kommt auch wieder aus dem fernen China. Manche denken möglicherweise, dass das Frauenbild in Porzellan schon ziemlich patriarchalisch ist, während an der Grenze der Türkei Leute warten, die in Syrien gern Sexsklavenmärkte gehabt hätten, und der Meinung sind, man sollte uns allen den Kopf abschneiden, und unsere Leichen dann in die Abfallgruben werfen, mit allem, was uns heilig und was uns Kitsch ist.

Auf den Tag genau seit 9 Jahren schreibe ich dieses Blog über das Alte Europa, seine Eliten und seine materielle und geistige Natur. Und es mag sein, dass das Alte Europa kaum snobistischer und kitschiger als in diesen Tänzern sein kann, und ich damit einen kulturellen Tiefpunkt in unserem voralpinen Pralinen-und-Lederhosengraben auslote. Trotzdem: Seien wir froh, dass Teile unserer Geschichte so viel besser sind, als die absehbare Zukunft so vieler anderer.

17. Jan. 2018
von Don Alphonso
687 Lesermeinungen

186
35911

 

14. Jan. 2018
von Don Alphonso
850 Lesermeinungen

119
35924
 

Warum aufgeklärte Europäer Kopftücher tolerieren sollten

Ein kleines Blickgeplänkel sei erlaubt dir!
Doch denke immer: Achtung vor dem Raubtier.
Marlene Dietrich, Nimm Dich in Acht vor blonden Fraun

Wie jeder echte Freund der Aufklärung bin auch ich dafür, dass Frauen Kopftuch tragen können.

Ernsthaft, ich meine das wirklich so. Ich habe überhaupt nichts gegen Kopftücher, einige meiner besten Freundinnen tragen sie, wenn ich sie mit dem Roadster spazieren fahre, um ihre Haare zu schützen, und auch sonst finde ich es richtig, wenn Frauen es aus praktischer Notwendigkeit heraus tun. Oder, ich bin ja kein Kostverächter, aus, sagen wir mal, Neckerei. Denn bevor Frauen sich im Europa des feministischen Fortschritts , machten sie neckische Spielchen mit dem heute ansonsten so verrufenen Schleier. Hier mal ein Beispiel aus der Zeit um 1820, als zufällig ein Windstoss den Schleier vor dem Schlafzimmerblick und der Haarpracht der Schönen lüftet.

Das war natürlich nicht immer so, schon die Paulusbriefe tern sich auf, wenn es darum geht, dass Frauen gefälligst die Haare zu bedecken hätten. Von da an führte das Abendland in seiner christlichen Ausführung einen oftmals erbitterten Krieg gegen das Zeigen der weiblichen Haarpracht, und verlangte allerlei Bedeckung. Die Stadtratsbeschlüsse des Mittelalters sind so voll mit Kleidervorschriften, so dass frühere Forscher tatsächlich an das christliche Mittelalter mit seinen verschleierten Frauen glaubten, und nicht umsonst fanden auch die Nazis – ebenfalls Kopftuchfreunde für das züchtige Deutsche Mädel – den verhüllten Figurenschmuck des Bamberger Doms so arisch schön.

Heute sind wir etwas schlauer, und wenn wir beispielsweise in Hall in Tirol vor dem jüngsten Gericht von 1466 stehen, dann wissen wir beim Anblick der Sünderinnen zweierlei: 1. Schleier bringen überhaupt nichts, wenn Frauen und deren Maler ihre sekundären Geschlechtsmerkmale durch besondere Betonung herausstellen. 2. Bei den Damen mit den goldenen Haaren finden sich kleine Teufel in den damaligen Luxusfrisuren. Zurecht. Wir können beispielsweise bei den bösen Gerüchten über die Königin Isabeau de Baviere nachlesen, dass zu exakt jener Zeit die Türen der Paläste vergrößert werden mussten, um Frauen mit ihrem – oftmals mit an der Spitze angestecktem Schleierchen – Durchlass zu gewähren.

Im gleichen Hall in Tirol werden später natürlich auch Heilige mit Perlenketten in der Haartracht dargestellt, dann in der Renaissance differenziert sich das früher einig frauenverachtende Christentum aus: Es gibt für die Rechtgläubigen Konkurrenz seitens der lutheranischen Ketzer. Und weil die asketischen Lutheraner aussehen wie von Cranachs Gehilfen gemalt, wird man bei den Papisten im Barock, die Marktlücke gnadenlos ausnützend, auch zunehmend tolerant für weibliche Schönheiten. Man schnitzt sie schelmisch und steckt sie in goldene Gewänder.

Natürlich gibt es auch noch Schleier, Maria wird dieses Attribut behalten, aber wie wir alle aus unserem Kunstgeschichtestudium wissen nicht wahr, ist der Schleier auch hier spätestens auf dem Weg von Duccios Madonnen zu den blonden, zarten Marienmädchen der Gebrüder Lorenzetti zu einem leichten Gespinst geworden. Die Endphase ist dann im Rokoko erreicht, in dem Heilige nach den Moralvorstellungen der taz und der Bundesfrauenministerin rumlaufen, als müsste man die Scherginnen der Staats-NGO Pink Stinks und andere Helferinnen auf sie hetzen. Und bei Maria muss man schon genau hinschauen, um da noch einen Schleier zu finden. Wir befinden und hier, wohlgemerkt, in einer der wichtigsten Kirchen des ansonsten zurückgebliebenen Alpenraumes.

Und das alles ist noch gar nichts gegen das, was bei mir Atheisten daheim so an Portraits hängt, oder sich gerade frisch aus Nymphenburg eingefunden hat: Es ist der Gipfel der Aufklärung um 1750, als Franz Anton Bustelli seine berühmten und derb-lüsternen Figuren der Comedia del Arte gestaltet. Ein Zierpüppchen mit jenem weißen Inkarnat, das man zu dieser Zeit an den menschlichen Vorbildern mit Schminke aus teurem Bienenwachs schuf. Die Dame kommt aus einer Epoche, in der die Morgentoilette auch ohne jedes Duschen zwei Stunden einnehmen konnte, und weil die Frisuren so kompliziert waren, nahm man gerne auch gleich Perücken.

Dieses goldene Zeitalter der Aufklärung und Sexualität ist beim Thema Haare obsessiv, die Autoren jener Zeit haben da einen klaren Fetisch, und gemacht wird das, um zu repräsentieren und zu gefallen. Was immer es auch sein mag: Solange es nur teuer ist und Blicke auf sich zieht, wird es auf den Kopf gesteckt, damit auch jeder die Frisur sieht. Perlenketten:

Komplizierte Arrangements aus diversen Zierstücken:

Brillanten.

Im Sommer, zum Nachstellen des unschuldigen Landlebens, nur ohne Hunger, Pocken und Steuereintreiber, auch schon mal Blumen.

Und egal ob die scheinbar natürlichen Haare des Empire nach griechischem Vorbild, oder die vielen geölten Löckchen und Zöpfchen des Biedermeier: Manches davon mag einfach und natürlich aussehen. Aber als Historiker weiß man, wie viel Zeit und Geld sich Frauen damals in die Haare steckten.

Manche strenge Bürgersfrau, die Klosterschwestern und auch Alte machten da nicht mit, und trugen Schleier und Hauben, wie sie teilweise auch nötig waren, um die Kunstwerke darunter zu schützen. Bezeichnenderweise wissen wir aber, dass diese keuschen Hauben aus feinstem Gespinst vom Putzmacher auch wieder sehr teuer sein konnten.

Wie auch immer, das Angeben mit den Haaren und Perücken ist eine nahtlos durchlaufende, europäische Tradition bei Frauen vom Stand. Und wenn Frauen heute, wie es Mode ist, ihre Haare über die Schultern nach vorne legen, ist das ein Rückgriff aus Frisurenideale des Rokoko. Damals hat man das nämlich auch schon gemacht, und in Predigten ereiferten sich Priester in der Annahme, das geschehe, um Männern die eigenen Vorzüge zu verdeutlichen. Da hatten sie auch recht.

Woher kommt das? Früher war die Frage gleichgültig, weil jede nicht prüde Frau nach oben wollte, und alle diesem Ideal nacheiferten, von der Perücke der Savoyenprinzessin bis zum Peek-a-Boo-Bang von Veronica Lake. , wenn Frauen im Namen des Islam und im krassen Gegensatz zu den ersten Gastarbeiterinnengeneration verschleiert einher gehen. Meines Erachtens hing das früher mit der Monogamie in Europa zusammen: Es gab einen einzigen Ehepartner, man musste sich aus Gründen der Versorgung ziemlich treu sein, es gab nur diese eine Ehefrau zur Herausstellung des eigenen Vermögens und Prestiges, und was man hatte, das zeigte man dann auch. Je mehr Haare, desto mehr Möglichkeiten, weiteres Vermögen hineinzustecken. Das ist die europäische Tradition, mit christlicher Ursache und weltlicher Wirkung.

Andere Religionen kennen dagegen die Polygamie, und das bedeutet, dass ein extremes Ungleichgewicht herrscht: Denn die einen konnten wegen ihres Reichtums so viele Frauen haben, wie sie heiraten oder auf den Sklavenmärkten kaufen konnten. Und die anderen, die riesige Unterschicht des seit 1700 niedergehenden osmanisch-arabischen Reiches, bekam eben öfters keine Frauen. Im christlichen Europa tinderten die Eltern die Paare zusammen, im Orient pflanzte sich der Reiche fort und der Ärmere hatte das Nachsehen. In so einer Kultur, mit einer kleinen Elite und vielen Frauen, und einer grossen Masse unvermittelter Männer, ist es nur logisch, dass man die Frauen ins Serail sperrt, sie vor den lüsternen Blicken anderer verschleiert, und einen ebenso fanatischen wie absurden und frauenfeindlichen “Ehrenkodex” vertritt. Durch den Einfluss des Kolonialismus der westlichen Welt war das eine Weile auf dem Rückzug, aber jetzt kommt es wieder. Sogar im KiKa mit einem Mann, der auf Facebook Pierre Vogel toll findet und laut Ausweis 20 Jahre alt sein soll. Naja. Trotzdem bin ich nicht generell gegen Verschleierung, denn:

Mit Müh und Not kann ich hier wirklich eine einzige Kopftuchfrau aus meiner Sammlung zeigen, eine Schafhirtin aus Italien um 1840. In diesen Kreisen, die sich jetzt nicht so arg oft portraitieren ließen, gibt es tatsächlich auch bei uns in Europa öfters Kopftuch. Aus praktischen Gründen, so wie im Roadster auf dem Weg nach Riccione, nur halt mit Schafen. Und ganz ehrlich, nicht jede Frau kann zwei Stunden den Putz herrichten und Geschmeide in die Haare stecken: Ich bin also gegen ein striktes Kopftuchverbot, und auch mancher neckische Schleier gefällt mir. Es kommt eben immer darauf an, wie man es macht. Also, bei der Klassengesellschaft.

Bei der Polygamie – nun, da bin ich der Meinung, dass das Alte Europa seinen eigenen, erfolgreichen Weg geht und Don Giovanni hat. Sein Decamerone. Sein Cosi fan tutte. Seine Margarete von Navarra. Seine Belle de Jour. Alles 100% kopftuchfrei übrigens.

Das ist erbaulich. Ich möchte dieses Konzept nicht nur an der Wand behalten. Es ist ein gutes Konzept, denn es macht Frauen schön, und daher sollten wir dafür einstehen.

14. Jan. 2018
von Don Alphonso
850 Lesermeinungen

119
35924

 

07. Jan. 2018
von Don Alphonso
547 Lesermeinungen

165
33808
 

Der Entkolonialisierungssieg und seine Grenzen

Seht ihr unseren Stern dort stehen?

Heute sind noch die Sternsinger unterwegs, und diverse antideutsche Medien aus Berlin lassen es sich natürlich nicht nehmen, gegen diese alte, katholische Tradition  Einspruch zu erheben. Es sei ja wohl Blackfacing, dass man da ein Kind schwarz anmale, das dann einen schwarzen König aus dem Morgenland darstelle. Das sei voll kolonialistisch! Das kann man zwar theoretisch so sehen, praktisch möchte ich die werten Kollegen darauf hinweisen, dass sie auf diese Art eine phantastische Gelegenheit auslassen, antideutsch zu sein: Denn zu der Zeit, als die Drei Könige angeblich dem Stern folgten, saß der heutige Deutsche noch auf Sumpfeichen und nagte allenfalls die Knochen zivilisierter Römer ab, so wie der Berliner ja auch heute noch im Sumpf sitzt und von dem lebt, was das halbromanische Kulturvolk der Bajuwaren ihm schickt. Jedenfalls hatte damals nur der Römer afrikanische Kolonien, der Germane war dazu nicht in der Lage und selbst Gegenstand kolonialistischer Bemühungen. Verschweigt man an dieser Stelle geschickt, dass man anhand des römischen Limes noch heute die deutsche Bildungsgrenze festmachen kann, könnte man die frühere koloniale Inkompetenz den germanischen Nachfolgern auch hineindrücken, statt sich bei uns noch mehr verhasst zu machen. Schließlich hetzen Medien hier gegen Kinder, die eigentlich etwas mit guter Absicht tun.

Vielleicht glauben die antikolonialistischen Mitarbeiter von Vice und taz aber auch, dass ihnen später mal die Stalinsinger helfen, wer weiss. Das Sternsingen haben bei uns übrigens nicht alle gemacht, es gab ja auch Heidenkinder, und…

Also, nur unter uns, wenn die Antideutschen wüssten, was wir als Kinder… wir haben soga’ Aste’ix gek’iegt, wo nicht nu’ ’öme’, sondern auch Pi’aten zu sehen wa’en und eine’ davon wa’ im Mastko’b und de’ wa’ fett und schwa‘z und hatte einen Sp‘achfehle‘… wir fanden das lustig… ich glaube, wenn ich weiter erzähle, schickt Bundeszensurminister Heiko Maas selbst heute noch das Jugendamt zu meinen Eltern. Denn das ist nach heutigen Standards sicher schon ein Verbrechen, ganz im Gegensatz zu dem, was man Herrn Kachelmann angetan hat, und was der amtierende Justizminister bei Twitter 2011 kommentierte:

Also, das alles ist natürlich schrecklich, so wurden wir groß, und es kann nicht überraschen, wenn nun allenthalben begonnen wird, Säuberungen durchzuführen. Berlin geht mit gutem Beispiel voran und gibt den Strassen im afrikanischen Viertel Namen, die nicht mehr an die unselige Kongo-Konferenz erinnern, und macht sich dabei ganz, ganz klein. Zwischen mir und dem deutschen Kaiserreich, in das alle Teile meiner Familie mit den 1866er und 1871er Kriegen zwangseingemeindet wurden, und zu dem niemand auch nur ein einziges Mal befragt wurde, liegt inzwischen wirklich viel: Eine Weimarer Republik, eine NS-Dikatur und eine Bonner Republik. Es ist mir nicht ganz eingängig, warum ich mich als Mischung diverser Südvölker, die sich an der Donau sammelten und entweder für den bayerischen König oder die Socialdemokratie waren, für das Vorgehen damaliger Berliner Kolonialbehörden und Truppen in Afrika verantwortlich fühlen soll. Die heutige SPD, die momentan im Internet Zensur-Gesetze vertritt, kann schließlich auch nichts dafür, dass sie mal Freiheitsfreunde und Charaktermenschen wie Ferdinand Lasalle und Kurt Schumacher in ihren Reihen hatte. Ich habe nicht das geringste mit jenem Kolonialismus zu tun, der heute linke Aktivisten dazu antreibt, “Mohrenstrassen” umzubenennen und einen Dachdecker namens Neger zu diffamieren. Und ehrlich gesagt, habe ich da auch noch ganz andere Kaliber daheim.

Sie werden vielleicht denken, das sei eine lediglich Esterhazyschnitte. Da haben Sie recht, aber dass sie aus einer Konditorei stammt, die vom stellvertretenden CSU-Bürgermeister meines Dorfes gegründet wurde – das mag in Zeiten der ausgerufenen “konservativen Revolution” schon bedenklich sein. Dafür ist das Bild schön bunt, wird man sich vielleicht sagen, nicht nur so weiß wie der Zuckerguss, es wirken viele Farben zusammen, und wenn man nicht genau hinschaut… wenn man es aber tut, könnte ich mich genauso gut schwarz bepinselt im Bananenrock auf den Alexanderplatz stellen und vor Vertreterinnen der Ministerien für Justiz und Frauen singen:

Ich trage nur ein Feigenblatt mit Muscheln, Muscheln, Muscheln
und gehe mit ’ner Fidschi-Puppe kuscheln, kuscheln, kuscheln.
Von Bambus richte ich mir eine Klitsche ein.
Ich bin ein Fidsche, will ein Fidsche sein!

Geschrieben Friedrich Hollaender und Robert Liebmann, die beide früher schon ihre Erfahrungen mit deutschen Regierungsverboten machten, weil solche jüdisch-frivolen Texte nicht zum züchtigen Gedankengut des deutschen Volksgenossen passten. Sich schwarz bepinseln lassen wie ein Fiji oder ein Sternsinger jedoch ist nichts gegen die historischen Komplikationen auf diesem Bild. Zum Beispiel das Tablett.

Das ist grün und gold und wurde zu einer Zeit in China hergestellt, als das Land von europäischen Kolonialmächten in Einflusssphären aufgeteilt wurde. China würde von der früheren Regionalmacht zu einer Art verlängerten Werkbank der Europäer, die um 1900 herum der Meinung waren, dass sich daheim jeder kolonialen Luxus in Form von Lackarbeiten leisten können sollte. Natürlich war das keine Kunst mehr wie jene Stücke, die um 1750 das Herz einer Adligen in roter Seidenrobe erfreuten, sondern nur noch, bestenfalls, Kunsthandwerk. Und das stammte aus einer Arbeitsform, die wir heute klar aus Ausbeutung bezeichnen würden.

So weit, und damit kommen wir zur nicht unbedingt vollendet geschmackvollen, aber dafür victorianischen Teekanne aus Silber, kam es, weil Europa seit der Eröffnung der Seidenstrasse eine negative Außenhandelsbilanz hatte. In Fernost wuchsen Gewürze und entstanden Luxuswaren wie Porzellan, in Europa kaute man Biorüben und malte mit Öl auf Leinwände, die kein Chinese kaufen wollte. Chinesen ließen sich vor allem mit Silber bezahlen. All das schöne Edelmetall, das Spanier in Mexiko durch hungrige Indios und afrikanische Sklaven an das Tageslicht förderten, gelangte auf den europäischen Markt. Sei es, weil Spanier mit dem Blutsilber flämische Spitzenstickereien für ihre Frauen bezahlten, sei es, weil Briten die Spanier und ihre Flotten ausplünderten. Niederländer und Briten nutzten das Silber dann zum Handel mit den Chinesen, die damit reich wurden. Bis die Briten doch etwas fanden, für das Chinesen ihr Silber freiwillig hergaben: Opium.

Es gibt einen unschönen Kausalzusammenhang der extrem üppigen und schweren Silberkannen aus England und der gezielten Opiumverelendung der Chinesen im victorianischen Zeitalter. Die Folge waren Opiumhandelskriege, die die Chinesen verloren, und die die Tür für Europas Kolonialismus öffneten. Man muss sich das drogensüchtige China jener Tage vorstellen wie einen Görlitzer Park, und die Verwaltung des Staates wie das Funktionieren der Berliner Flughafenplanung, während das Silber in den Taschen der dealenden Invasoren aus kriminell agierenden Feindstaaten endete: Der Umstand, dass bei mir auf dem Lacktablett eine Silberkanne steht, wäre ohne den – ohne Berlin bespiellosen – Niedergang Chinas im 19. Jahrhundert undenkbar.

Auf dem Gemälde dahinter ist übrigens noch eine Adlige zu sehen, mit genau jeder Spitze um den Hals, die mit dem Blutsilber aus Amerika teuer gekauft wurde, mit einer zur Schau gestellten Überbrust, die eindeutig das Ziel verfolgt, reiche, weisse Männer zu erfreuen, gekleidet in einer roten Seidenrobe. Um 1750 kann sich keine Adlige so eine Robe leisten; ohne dass unter ihrem Clan Dutzende von Leibeigenen in Schweineställen hausen, oder ihr Liebhaber es bezahlt – beispielsweise durch den damals üblichen Betrug beim Aufstellen von Regimentern für die Kabinettskriege. Das Bild stammt in etwa aus der Epoche des siebenjährigen Krieges, vor dessen Hintergrund Voltaires Candide spielt. Angesichts der Kosten für so ein Gemälde mussten noch weitere Leibeigene den ein oder anderen Winter hungern, denn schon damals gab es zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen sahen gut aus und die anderen hatten keine Zeit für Luxussorgen.

Um das alles noch zu verschlimmern – und ich schwöre, ich habe das erst gemerkt, als das Photo bereits gemacht war – ist das Porzellan laut Marke von Sophienthal, und zwar die Form Fein Bayreuth. Es mag eine Form der klassischen Moderne sein, aber entworfen wurde sie schon im NS-Staat. Die Firma Sophienthal gehörte ab 1936 zum Rosenthalkonzern, der 1937 still “arisiert” wurde, und bot damals dem überzeugten Nazi die Möglichkeit, gutes Porzellan ohne jüdischen Namen zu kaufen. Ich habe es hier beim Einzug als Gebrauchsgeschirr neben meinem echten Rosenthal auf dem Flohmarkt in Gmund gekauft, 200 Meter vom privaten Wohnhaus von Heinrich Himmler entfernt, und ganz ehrlich: Es ist vermutlich kein Zufall, dass gerade in meiner Nazibonzen-Region so ein Geschirr bei Villenräumungen in Kisten anfällt.

Die Esterhazyschnitte ist , der sein unterdrücktes Volk an die Österreicher verriet.

Das war jetzt nur eine kleine Ecke meiner Wohnung, und wir haben noch nicht über den Seidenteppich aus persischen Kinderhänden an der Wand dahinter gesprochen, oder über das aus Skalvenarbeit stammende Quecksilber für die Spiegelproduktion. Und dann regen sich Berliner Medien auf, weil bei uns Mütter jedes dritte Gesicht schwarz bemalen, weil Kinder um die Häuser ziehen, freundliche Lieder singen, einen gut gemeinten Segen an die Türen schreiben und Schokolade für sich und Geld für die Kollekte sammeln. Das sei kolonialer Rassismus, da habe man gefälligst “aware” zu sein. Ich schenke mir aus der echten Blutsilberkanne einen fair gehandelten Bio-Assam in die potenzielle Himmlertasse und kann nicht aufhören, mich zu wundern, denn angeblich machen die Substanzen, die progressive Autoren von illegal hier lebenden Drogenkriminellen aus Afrika und ihrer Mafiastruktur dahinter kaufen, milde, ruhig und nachsichtig. Es gibt noch einiges mehr an kolonialem Erbe, und damit meine ich nicht nur den deutschen Drogenkonsumenten zweckdienlichen Afrikaner, der bei Abschiebung durch einen anderen ersetzt wird, oder den dicken, indischen Teppich aus der Zeit der Vizekönige, auf dem meine Füße warm bleiben, sondern auch den offensichtlich unsterblichen Spruch “am deutschen Wesen soll die Welt genesen”. Der steht nach meinem aufgeklärten Dafürhalten für die krasse Fehleinschätzung der eigenen, scheinbar guten Absichten, die aus den egoistischen, aber erträglichen Mitmenschen von Nebenan erst die Völkermörder, Sklavenschinder und Arisierer gemacht haben.

Sternsinger treten moralisch durchaus bescheidener auf, und bekommen dafür Spenden und Süßigkeiten.

07. Jan. 2018
von Don Alphonso
547 Lesermeinungen

165
33808

 

31. Dez. 2017
von Don Alphonso
590 Lesermeinungen

143
34373
 

Unsoziales Abrutschen wie ein reicher Sünder

It was a dark and stormy night.
Snoopy nach Edward Bulwer-Lytton

Naja, also, was heißt schon “die Reichen”. Wieder ist ein Jahr um, wieder wurde viel an den Reichen kritisiert, weil sie noch reicher wurden, weil sie von Aktien und Immobilien und Erbschaften profitieren, weil der Staat zu wenig tut, um sie mehr bluten zu lassen, weil sie sich abschotten und nur untereinander Sex haben, was übrigens, das darf ich Ihnen hier versichern, überhaupt nicht stimmt. Das alles ist, um es mit Don Giovanni zu sagen “un impostura della gente plebea! La nobilità ha dipinta negli occhi l’onestà.” Danach beschwatzt Don Giovanni Zerlina, auf sein Schloss mit ihm zu kommen, so war das früher und so ist es heute dem Vernehmen nach noch immer, also habe ich gehört. Immer diese Legendenbildung, als ob es “die Reichen” gäbe und ein Philanthrop wie Bill Gates auch nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem Bodensatz jener nicht ganz Armen zu tun hätte, die wirklich rudern und kämpfen müssen, um am untersten Ende der bundesamtlichen Definition von Reichtum bleiben zu können. Laut Bundesbank gehört man schon mit einem Nichtwirklichvermögen von 468.000€ in Deutschland zu den Reichen – dafür reicht eine von den Eltern gekaufte Studentenbude in Münchner Toplage, wie sie eigentlich jeder hat, allein schon aus.

Also, ich denke, wir sind uns da einig, liebe Leser: Reich ist nicht gleich reich und man soll das Erbschaftskind nicht mit dem Sozialwohltatenbade ausschütten. Von außen betrachtet – und dieses Außen beinhaltet nun mal leider auch viele Vertreter der schreibenden Zunft, die gar nicht wissen, worüber sie da schreiben, wenn sie über Berufskinder eine Meinung haben – von außen betrachtet also mag das eine homogene Masse sein, und ich war gestern am Tegernsee spazieren, da kann es wirklich so wirken: Da schliddern alle unterschiedslos auf den Eisflächen am Wasser, da rufen wir einheitlich Hoppla, wenn wir die Beine in die Luft werfen, unsanft auf dem Hintern und dem uniformartigen Schneiders-Salzburg-Lodenmantel landen, und der immer gleiche Sanka holt im 10-Minuten-Takt klassenlos alle ab, die nicht mehr auf die Beine kommen. Ich habe mich gerade noch fangen können, und so, wie es hier zwei Arten von Reichen auf dieser Welt gibt, die einen liegen auf dem Sofa und die anderen in der Chirurgie, ist es auch in allen Bereichen. Fast. Es gibt da eine Ausnahme, und die will ich Ihnen verraten Da sind sich alle, die ich kenne, doch einig, Es ist nämlich so:

Das hier könnte das schönste Bild nach der Wintersonnenwende sein, denn es ist tatsächlich der Blick aus meinem Schlafzimmer auf die frisch eingeschneite Alm, über der gerade die Sonne erstrahlt. Viele junge Männer haben da, wo ich inzwischen faltige Triefaugen habe, noch einen richtigen Schlafzimmerblick – mag sein, aber ich habe eben diesen Schlafzimmerblick. Auch nicht schlecht, und er bleibt! Oder wie wäre es damit:

Das ist der Sonnenuntergang unten bei Seeglas, für mich nichts Besonderes, in der Wirtschaft kennen sie mich, ich bin da dauernd und eigentlich sollte man meinen, man hat sich irgendwann an den Blick gewöhnt – aber es stimmt nicht. Seit fast 10 Jahren wohne ich hier. Ich habe hunderte von Sonnenuntergängen von diesem Ort aus. Alle sind toll. Egal ob direkt in die Sonne oder mit Blick hinüber zum Hirschberg.

Oder in Tegernsee auf dem Weg zu meiner Konditorei, wo man mich auch kennt.

Alle Bilder sind schön. Aber das schönste Bild, das ist das hier.

Jetzt werden Sie vermutlich sagen, dass es sich bei diesem Bild um eine schlecht ausgeleuchteten, kitschig bekerzten Baum im Garten handelt, und das Bild einfach in der Nacht geschossen wurde, als hier 20cm Neuschnee herunter kamen und ich einfach faul auf einem dänischen Sessel an der Heizung saß. Und wissen Sie was? Sie haben recht. Es ist ein vom Schneesturm gepeitschter Baum in einer dunklen, langen Nacht im Garten. Und ich habe einfach zum Fenster hinaus photographiert. Draußen hat es gut minus 10 Grad. Es ist nicht schön. Aber das hier war zwei Stunden davor mein leider auf dem oberen Parkplatz vergessenes Auto.

Es handelt sich nicht um ein sportliches SUV, sondern um einen sehr niedrigen SLK mit Neuschnee nach zwei Tagen Arktissturm oben drauf. Es ist das Auto, mit dem ich eigentlich den Tegernsee wegen des Wetters verlassen wollte, weil das Wetter wirklich erbärmlich war, und ich mich schon gezwungen sah, meine strategischen Nudelvorräte anzugreifen. Also kehrte ich den Wagen ab und gedachte, ihn für das letzte Abtauen in die Tiefgarage zu stellen. Die Tiefgarage liegt unter der Anlage, man muss einen nicht wirklich steilen Berg hinunter, aber als ich einmal auf dieser Strasse war, kam das Áuto ins Rutschen. Es rutschte an der Tiefgarage vorbei, und ich schaffte es mit einigem Lenkradgewirbel, so quer auf die Strasse zu gelangen, dass das Auto keinen Weidezaun und keine Hecke fällte. Es war etwas glatt, deutlich zu glatt jedenfalls für 272PS an der Hinterachse bei vorne liegendem, schweren V6-Motor, trotz nagelneuer 225er Winterreifen hinten. Die Jungmänner hier legen 100 Kilo Sandsäcke in den Kofferraum, wenn sie mit ihren 3er BMWs auf den Kurven das Schicksal herausfordern, ich dagegen hatte nur ein leeres Reindl (wie sagt man da auch Hochdeutsch?) für die mitgenommene Weihnachtslasagne. Nach einer Stunde und unzähligen Unterlegungen der Reifen mit den Autoteppichen hatte ich den Wagen dann gerade noch rechtzeitig entlang einer Schneewehe am Strassenrand bugsiert, als von oben ein BMW, auch mit Heckantrieb, aber ohne Sandsack dorthin herunterrutschte, wo ich vorher stand. Es war glatt, und alle dramatischen Details dieser Nacht würden Sie zwar nicht ermüden, sondern erheitern, aber ich möchte sie dringend verdrängen. Sonst kaufe ich mir noch einen Landrover. Oder gleich einen alten Unimog. Wie jeder Kluge hier und dann zeige ich den Grünen, was Dieselfeinstaubklimaerwärmung wirklich ist.

Also, es war glatt, sehr glatt, ich war nicht als einziger in der misslichen Lage, und der BMW-Fahrer musste sich vom Notdienst sagen lassen, dass viel los sei und man nicht versprechen könnte, dass es jemand zu uns hinauf schaffen würde. Der Sturm pfiff dramatisch und die Eiskristalle prickelten im Gesicht. Am nächsten Morgen sah die Senke automobilistisch aus wie ein prähistorischen Teersumpf voller Mastodone und Säbelzahntiger, denn es kamen noch einige und blieben auch, aber da war ich schon zurück in meiner Wohnung, auf dem Sessel an der Heizung, schaute auf den sturmgepeitschten Baum und dachte mir: Was wäre jetzt eigentlich passiert, wenn mir das vor 11 Jahren geschehen wäre?

Der Tegernsee ist restlos über die Feiertage ausgebucht. Der ADAC kommt nicht durch. Ich hatte vielleicht noch 15 Liter im Tank. Und die Nächte sind sehr, sehr lang und kalt. Das nächste Hotel ist von hier aus nicht weit entfernt – nur liegt dazwischen die Mangfall, 70 eisige Höhenmeter mit 20% hinunter und 70 weitere Höhenmeter mit 14% wieder hinauf. Auf ungeräumten Gehwegen. Ob sie etwas frei gehabt hätten? Und was, wenn nicht? Hier habe ich einfach mein Auto in der Schneewehe stehen lassen, bin zurück in meine Wohnung, habe ein heisses Vollbad genommen, eine Tee gekocht und noch eine Esterhazytorte wie die hier gefunden.

Und tiefgekühlte Semmelknödel. 4 Stück! Wer nie in einer dunklen und stürmischen Nacht liegen bleibt und dann 4 Semmelknödel in kochendem Wasser tanzen sieht, und in seinen eigenen Hüttenschuhen mittanzt, der weiß nicht, was Glück bedeutet. Obwohl die Wohnung nicht ganz billig war – man hätte damals für den gleichen Preis Slumlord für 4 Journalisten in Berlin werden können – hat sie sich gelohnt, denn ein temporär leeres Konto ist immer noch besser als eine temporäre Nacht ohne Unterkunft im Schneesturm. Es ist das Beste, was man in so einer Situation haben kann. Leben wie die Marmeladenfüllung im puderbezuckerten Krapfen.

Und das ist übrigens auch der Punkt, in dem sich alle Reichen, die ich kenne, einig sind: Kein einziger hat jemals gesagt: Dieser Fluchtort, nur für mich selbst und mein Vergnügen – den habe ich viel zu früh gekauft. Alle, wirklich alle, denken nachher, dass sie die jeweilige Liegenschaft eigentlich schon viel, viel früher hätten kaufen sollen. Denn jeder hat gern irgendwann seine private, wirklich private Sicherheitszone mit einem Postfach, an dem fast nichts ankommt, und in der man verweilen kann, wenn draußen die Stürme toben. Man schaut hinaus auf die vom Sturm gebeutelte Tanne und denkt sich: Zum Glück bin ich hier. Es ist warm, der Tee ist fertig, alles ist gut und wird gut bleiben, was immer auch daheim passiert.

Liebe Leser, noch nie hatte ich so viele Kommentare wie in diesem Jahr, noch nie hatte ich so viel Arbeit mit diesem Blog, und trotz aller Stürme, die darüber hinweg gefegt sind: Ich hoffe, für Sie war das hier auch so ein guter Ort. Und wo immer Sie sein mögen: Rutschen Sie besser als ich mit meinem Auto ins neue Jahr, und finden Sie den Platz, der Ihnen 2018 Ruhe, Zufriedenheit und ein Stück Torte garantiert, was immer auch kommen mag.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und die gute Zeit bei den Stützen der Gesellschaft.

31. Dez. 2017
von Don Alphonso
590 Lesermeinungen

143
34373

 

27. Dez. 2017
von Don Alphonso
587 Lesermeinungen

129
26937
 

Soziale Stille für Poschardt, Katalanen und menschliche Obergrenzen

Possunt quia posse videntur!
Vergil

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen wohnen am Tegernsee und die anderen können zwar hierher fahren, aber wenn es Winter ist, und wenn es Nacht wird, und sich so gegen halb fünf die Sonne vom makellos blauen Himmel zurückzieht und die sternenklare Finsternis aufsteigt – dann wird es kalt. Und dann können die anderen entweder nach Hause fahren oder noch 2, 3 Stunden in Gaststätten herausschinden. Ein paar verlorene Seelen treiben sich noch mehrere Stunden am anderen Ufer im Casino herum und verschwenden das Geld. Aber so gegen 5 ist es am See doch recht ruhig.

Ich wohne dort am Ende der Zivilisation. Im Westen ist der Friedhof, im Norden liegen eine Alm und das tief eingeschnittene Tal der Mangfall, und gegenüber ist nur noch ein einziger Bauernhof. Dann kommt schon der erste Berg, und bis zum Inntal in gut 40 Kilometer Entfernung nur noch ein paar Almhütten, Kuhställe und einen kleineren Ort. Wer in der Region verloren geht, dessen Überreste finden sie manchmal nach 40 Jahren wieder, wie am Riederstein, und manchmal auch gar nicht. Die Berge steigen hier schnell empor, sie wurden manchem Piloten im 2. Weltkrieg zum Verhängnis, und einige sollen noch irgendwo in dieser ziemlich verlassenen Gegend liegen. Im Grenzbereich zwischen Deutschland und Österreich haben sich nicht umsonst einige Nazis recht lang verstecken können. Da ist einfach nichts. Vor allem ist da nichts, was Lärm machen könnte.

Tagsüber ist es anders, im Sommer sind hier Kühe mit ihren Glocken und im Winter jauchzen Kinder beim Rodeln, aber so gegen 10 sind auch die letzten Menschen im Winter in ihren Häusern, und dann wird es bis zum frühen Morgen still. So still, dass ich ab und zu beim Lesen aufschrecke, weil ich denke, ich müsste doch etwas gehört haben – bis ich bemerke, dass es die Abwesenheit jedes Geräuschs ist, die mich die ersten zwei, drei Nächte so irritiert. Geräusch ist etwas, das ich hier selbst machen muss, mit meinen umgeblätterten Seiten, mit dem Tee, der aus der Kanne in die Tasse gelangt, mit den Tonmöbeln und CDs, und da merke ich schnell, dass ich hier überhaupt nicht laut aufdrehen muss: Ich höre auch die feinen Details, weil es einfach dieses Grundrauschen nicht gibt.

Als ich in München gelebt und daheim Radiosendungen produziert habe, war da um die Nulllinie bei der graphischen Aufnahmedarstellung herum dieser breite Streifen: Die Hintergrundgeräusche der Stadt. Man kann das künstlich mit einem Gate wegfiltern, Mikrophone haben oft auch einen Schalter, der unter 50Hz die Lautstärke stark reduziert. Eigentlich ist es nicht schlimm, man hört es nach einer Weile nicht, weil das Gehirn des Menschen in der Lage ist, dieses Grundrauschen zu ignorieren: Wir hören es, aber wir nehmen es nicht wahr. Aber es ist in den Aufnahmen zu sehen, und da draußen gibt es genug Lebewesen, die sich unsere Ignoranz nicht leisten könnten.

Deshalb gibt es hier bei uns zwei Arten von jagdlich wirkender Bekleidung: Es gibt Trachtenjacken mit künstlich ausgestellten Stoffrollen an den Schultern und einen eingenähten Knopf oder gar Schulterklappen, damit das Gewehr dort hält und bei der Bewegung nicht abrutscht – wie schnell fällt so ein Drilling zu Boden und entlädt sein Schrot in den Allerwertesten des zu seinem Sitz aufsteigenden Jägers. Das ist aber nur Vortäuschung, so eine Art Relikt aus einer Zeit, als man wirklich noch Tiere erschießen musste, weil man sie essen wollte: Der Unterschied zwischen echter Jagdkleidung und dem, was ich Gewalt ablehnender Vegetarier trage, ist das Futter. Echte Jäger tragen nicht die bunte Kunstseide im Inneren der Jacken: Hier in den Bergen ist es so still, dass Rehe auch noch das Knistern der Seide des Futters erlauschen können. Ich nehme das noch nicht einmal wahr, wenn ich Jacke ausziehe.

Diese Möglichkeit, einen Ort aufzusuchen, an dem man sich nichts anzuhören hat – das ist eines dieser Privilegien, von denen manche denken, man müsste sich deshalb von ihnen anhören, dass man privilegiert wäre und sich dessen bewusst sein sollte. Also bewusst im Sinne von “Oh Gott, wie mag es erst den Armen in Afrika, in Kreuzberg und an der Elbekloake bei Hamburg gehen”. Mit Demut und einer gewissen Betroffenheit, und man sollte vielleicht sein Privileg nutzen, um politisch richtige Botschaften zu verbreiten. Das wird von Menschen in meinem Beruf oft verlangt. Aber der Punkt ist, wenn ich das hier in die Nacht hinein tun würde, verschreckte ich nur die im Winter besonders gefährdeten Rehe, die Nachbarn denken sonst was von mir und passen auf, dass ihre Katzen nicht mehr bei dem Irren, der in die Nacht brüllt, auf dem Sofa liegen. Es ist still hier. Es erwartet niemand, dass ich die Stille unterbreche. Es ist in Ordnung, wenn es hier ruhig ist. Noch nicht mal schamerfüllt leise wimmern muss ich hier. Ich kann so sein, wie ich will, solange es nicht lauter als das Geräusch der Kuchengabel auf dem Porzellan wird.

Ich bekomme schon mit, dass draußen, im Norden, in den grossen Städten, die Rotationsmaschinen rattern und die Server brummen, weil es die Zeit ist, in der man soziale Ungleichheit beklagt: Immobilien werden teurer und für meine Kollegen weniger erschwinglich. Jeff Bezos wird reicher, weil meine Kollegen bei Amazon bestellen und nicht beim Buchhandel kaufen. Ulf Poschardt muss vorgeführt werden, weil er die wohlfeile Moral der mit der Migrationskrise reich gewordenen, staatsnahen Religionspfründeinhaber mit ihren Zwangsabgaben, Konkordaten. Milliardenvermögen und teuer verkaufter Macht der Sessel in den Medienaufsichtsbehörden ein wenig billig findet. Vom Norden, wo die Lichtverschmutzung am Horizont eine ewige Dämmerung erzeugt, kommen die Störgeräusche mit dem Internet, aber es ist wirklich die letzte Quelle des Lärms, und man kann sie hier ganz einfach abschalten. Einer wie ich hat in der Welt der anderen eigentlich keine Existenzberechtigung, warum sollte ich ihnen bei mir eine Lärmberechtigung geben?

Ich lächle lieber, weil mein Buch nicht aus dem Spanischen, sondern aus dem Katalanischen übersetzt ist, in der Sprache der Spalter und Aufrührer, die sich nicht mit einem scheinsolidarischen Schicksal mit Spanien abfinden wollen. Viele werden das nicht gerne hören, aber ausnahmsweise sage ich es in die Nacht hinein: Die Solidarität, die so viele so hoch leben lassen, muss immer aufs Neue bewiesen werden, sie steht nie für sich, sie ist ein unabsehbar teures Versprechen auf Ewigkeit, dessen Bruch einem auch ewig angekreidet wird. Denn, wie manche so moralisch schön sagen, es gibt bei ihnen keine Obergrenze für Menschlichkeit. Meines Erachtens ist es ein wenig anders, Menschlichkeit bedeutet nun mal, dass sie menschlich ist, und alles Menschliche hat seine Grenzen: Wenn mir dieses begrenzt Menschliche ohnehin angekreidet wird, weil ich irgendwann nicht mehr kann und mir ein Video mit einer zusammengeschlagenen Rentnerin, die auch meine Verwandte sein könnte, zu nahe geht, wenn ich nicht finde, dass ich mir zu Weihnachten etwas von einem Pfarrer oder einem Erziehungsjournalisten anzuhören habe: Dann fahre ich vermutlich besser, wenn ich von Anfang an betone, dass meine menschlichen Privilegien zuerst einmal keine Obergrenze haben sollten. Mit der Kuchengabel aus Silber fängt es an, mit der Meinungsfreiheit, oder hier eben, Schweigefreiheit und Anhörfreiheit, hört es auf.

Denn wir leben nun mal in einer multioptionalen Gesellschaft, in der es immer zwei Arten von Menschen gibt, die einen tun es und die anderen nicht: Die einen wollen Abtreibungsrechte und die anderen Kinder, die einen wollen Homo-Ehen und die anderen ihre klassische Familie, die einen wollen bezahlbare Mieten bezahlen und die anderen gern im Eigentum wohnen. Multioptional bedeutet, dass es nebeneinander existieren kann, im Gegensatz zu Gesellschaften der Uniformierung, die nur einen Propheten, Führer oder Stellvertreter Gottes auf Erden kennen. Wenn es so ist und sein soll, muss man auch damit leben, dass manche Option in den Augen der Mehrheit falsch und weniger wünschenswert ist. Ich kenne das von mir selbst, ich fand es früher falsch, dass andere am Tegernsee wohnen und ich nach Hause fahren muss – das tut die Mehrheit derer, die nach Hause fahren, vermutlich noch immer, aber ich wohne jetzt hier und bin damit zufrieden. Man muss mir diese Unzufriedenheit nicht dauernd mitteilen, es reicht, still Immobilienanzeigen zu lesen, und nicht denen zur moralischen Last zu fallen, die anders sind, und aller Wahrscheinlichkeit nach auch bleiben werden. Ich stelle mich schließlich auch nicht – oder nur ganz selten – hin und sage, was in meinem Augen eine erhebliche Fehlentwicklung unter all den schönen und möglichen Optionen ist.

Ich bin ganz still und leise in einer geräuschlosen Nacht und dankbar, dass hier bis zum Auftauchen der Sternsinger keinerlei Last des sozialen Engagements auf mir liegt. Das war früher normal. Aber mit der JuSoziierung der Meinung bei gleichbleibender Gier und Abscheulichkeit unterschiedslos aller Beteiligten – oder ist jemand in Ihrer Bekanntschaft schon Franz von Assisi geworden? – entstand ein Klima der Empörung, dessen Abwesenheit eben auch ein Privileg ist. Sogar ein sehr grosses Privileg. Mag sein, dass es für manche soziale Kälte bedeutet, für mich ist es dagegen ein wenig soziale Stille. Zumindest für ein paar Tage.

27. Dez. 2017
von Don Alphonso
587 Lesermeinungen

129
26937

 

24. Dez. 2017
von Don Alphonso
476 Lesermeinungen

136
26509
 

Eine kleine Kulturgeschichte des Gender Pricings

Die meisten Frauen wählen ihr Nachthemd mit mehr Verstand als ihren Mann.
Coco Chanel

Zu Weihnachten soll man bekanntlich an andere denken, denen es nicht so gut geht, das habe ich auch gemacht, denn jemand hat mich auf die Weihnachtswünsche einer gewissen Frau hingewiesen, die über sich sagt, Feminismus wäre ihr Jihad. Sie heisst Hengameh und schreibt in der taz, “Kartoffeln” hätten eine “deutsche Dreckskultur”. Zu Weihnachten wünscht sie sich von ihrer Amazon-Wishlist beispielsweise Augenrandbemalungsfarbe – dafür gibt es sicher ein Spezialwort – für 79,90 Euro. 79,90! Ganz ehrlich, zweierlei: Als Radrestaurator verwende ich für Lackschäden billigen Nagellack, der hält auch auf Haut bei der Fazialrestaurierung und ist wasserfest. Und zum anderen: 79,90 Euro gebe ich vielleicht im ganzen Jahr für Reinigungsmittel aus, und zwar für mich und für meine Fahrräder. Und ich habe wirklich viele Fahrräder. 79,90 Euro für Augenmalerei! 160 D-MARK! Da kommt man von Federn auf Stroh! Also, ganz ehrlich, wenn ich nach taz-Tarifen bezahlt werden würde, würde ich andere Prioritäten setzen. Aber formal ist wohl doch etwas dran am sogenannten Gender Pricing, das die Antidiskriminierungsstelle des Bundes beim Verschleudern von Steuergeldern für bei einer Untersuchung herausgefunden haben will.

Ich habe da so einen Verdacht, dass bei dieser Stelle keine Historikerinnen arbeiten, sonst hätten sie den geschichtlich langen Blick auf diese Fragestellung, und dann wüssten sie, dass alle angeblichen Probleme des “Gender Pricings” dem Untergang der Leibeigenschaft vom 17. bis zum 19. Jahrhundert geschuldet sind. Denn so, wie die gleichmacherische Massengesellschaft die Erfindung von Massenvernichtungswaffen nach sich zog, zog auch das Ende der Leibeigenschaft das angebliche Gender Pricing nach sich. Schauen Sie, da oben ist das Gemälde einer Hofdame aus Neapel, also von einem der reichsten Höfe des Rokoko – sie hat ein winzig kleines Parfumgefäss in der Hand. Parfum war damals bei den Reichen unerlässlich, weil sie sich selten wuschen, öfters Pockennarben hatten, und alles mit Puder, Perücken, Make Up aus Wachs und eben stark riechendem Parfum überdeckten. All das war immens teuer und stand nur einer kleinen Schicht zur Verfügung, die das zur sozialen Distinktion brauchte. Damals waren Zwangsheiraten üblich, niemand achtete auf Klimbim wie Wohlgeruch oder Charakter, nur Stand und Vermögen waren wichtig, das Geschlecht war ohnehin vorgegeben.

Genauso war es auch bei der Unterschicht, denn die war leibeigen und musste sich bei der Partnerwahl auch dem Diktat der Reichen unterwerfen, wie Sie alle vermutlich aus La Nozze di Figaro wissen. Diese Schicht – denken Sie an Zerlina und Masetto – hatte keinen Anlass für Wohlgerüche, wichtiger war das nackte Überleben, und wer Geld hatte, investierte es sicher nicht in Phiolen mit teuren Duftstoffen, die aus Indien nach Europa verschifft wurden. Parfum war früher eine Sache von Wenigen, während Skorbut eine Sache von Vielen war. So hatte eben jeder seine Prioritäten, bis das bürgerliche Zeitalter anbrach, und eine neue Schicht den Zugang zum billigen Parfum fand – dem Kölnisch Wasser, das zusammen mit mehr Reinlichkeit den Geruch des 19. Jahrhunderts dominierte. Und zwar bei Mann und Frau, was damals dafür sorgte, dass beide für den gleichen Geruch den gleichen, aber gemessen an den sonstigen Ausgaben immer noch horrenden Preis zahlten.

Erst die durch die Beendigung der Leibeigenschaft mögliche Industrialisierung, der technische Fortschritt und der steigende Wohlstand breiterer Gesellschaftsschichten, deren Grossväter noch vom Geruch der gehüteten Schweine dominiert waren, machten das Parfum zum Gegenstand des Massenkonsums. Raddampfer brachten billig und schnell die Geruchsstoffe, die Industrie lernte das Extrahieren im Hektoliterumfang, Industriealkohol wurde verfügbar, und der gesellschaftliche Wandel erlaubte es Frauen, ihre körperlichen Vorzüge auf einem zunehmend liberalisierten Heiratsmarkt zur Geltung zu bringen. Der Wohlgeruch wurde beim Konkurrenzkampf und der körperlichen Annäherung unverzichtbar, und langsam entstand eine Schicht von Duftherstellern, die sich auf jenen Massenmarkt der Konsumfreudigen spezialisierte, der heute noch das Wirtschaftsleben dominiert: Frei in seinen Kaufentscheidungen, nicht mehr an die Scholle gebunden, und aufgrund fehlender Hektar und Kühe anderweitig gezwungen, das soziale Prestige auszudrücken. Natürlich war Parfum teuer, aber es war eine Anfangsinvestition bei der Partnersuche, die sich langfristig rentieren sollte.

Denn mit dem Massenparfum wurde auch die bürgerliche Ehe schick: Dauerhaft, auf Erwerb ausgerichtet, patriarchalisch an der Oberfläche und innen von der Fähigkeit der Frau dominiert, den Männern zu erklären, was für sie das Beste ist. Natürlich war der Wohlgeruch des Backfischs mit 19 Jahren noch teuer und wichtig, aber seit 1900 ist es danach üblich gewesen, den Bund der Ehe einzugehen und dem Partner, Advent für Advent, in die Arme zu nehmen, den frisch eingedufteten Hals entgegen zu halten, und ihm, wenn er den Geruch lobte, zu sagen: Das ist Geruch X von Anbieter Y, den mag ich auch sehr, leider habe ich davon nicht mehr viel. Jeder Mann wusste, was das bedeutet, begab sich zu Anbieter Y und kaufte, weil er sich mit all den Flaschen nicht auskannte, einfach alles, was Y von X zu bieten hatte. Das war zwar immens teuer, aber die Männer kauften nichts Falsches und die Frauen bekamen, was sie wollten, ohne dass sie es extra aufschreiben oder darüber diskutieren mussten, und Hersteller lieferten neue Wünsche verursachende Proben mit. Und so wurde Weihnachten dann ein glückliches Fest für alle Beteiligten. Natürlich war der hohe Preis damals auch schon Gender Pricing, aber eben Gender Pricing für kluge Männer, die genau wussten, von welcher Ehekrise sie beim leichtesten Druck der Zügel freudig wiehernd weg zu galoppieren hatten. Die Branche gedieh, wuchs und testete jedes Jahr neue Preisgrenzen aus, die jedes Jahr von dem Männern in Erwartung eines “Oh, das ist ja, also Schatz, wirklich, das ist.. Das wäre wirklich nicht…. Danke! Danke!!!!” mannhaft genommen wurde. Was man halt so macht, wenn man Frauen nicht mehr mit dem Niederstechen eines Konkurrenten imponieren kann.

So war das 1910, 1930, 1950 und 1970 zeichnete sich dann langsam eine Veränderung ab, zu jenem Zeitpunkt, als Mitarbeiterinnen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zur Welt kamen: Damals begann die Emanzipation der Frau, die sexuelle Revolution und der weibliche Wille, als alleinstehende Frau durch das Leben zu gehen. Die moderne Frau nahm sich ihre Rechte, selbstbewusst, eigenständig, ohne Interesse, sich ein Leben lang nur an einen einzigen Mann zu binden, experimentierfreudig und flexibel, gut verdienend und stolz, ihr Leben selbst zu meistern. Ich komme auch aus dieser Generation, und sie war eine gute Generation, speziell für Singles mit Lust an der Ausschweifung: Nur wenige Beziehungen wurden so alt, dass man zu Weihnachten ohne unkeusche Anspielung Parfum hätte verschenken können. Der Parfummarkt wurde vom Männeropferplatz zu einem der Hingabe von Frauen, und die Hersteller merkten, dass sie weiterhin die Preise erhöhen konnten: Denn an die Stelle der Anfangsinvestition in eine Beziehung trat die dauernde Konkurrenz zu stets jüngeren Frauen, und wenn Frauen sich auch nur beschwerlich Jahre mit plastischen Operationen zurück kaufen konnten: Mit einem Parfum gelang es schnell, bei den Männern neue und teure Duftmarken zu setzen, oder wenigstens diese 21-jährigen Ischen-Assistentin da vom Land mit dem Billigfusel zu demütigen, die sich an den Chef ranwanzt – so wurde es im Familienkreis nach dem Driving home for Christmas kolportiert.

Das alles wurde stoisch ertragen, hingenommen, und mit dem Gefühl, man sei sich das einfach wert, auch von Frauen konsumiert. Nut gibt es inzwischen neben erfolgreichen Frauen und erfolgreich verheirateten Frauen auch noch eine dritte Kategorie: Frauen, die mit 45 eventuell doch Juniorersatzprofessorinnen für Sozialwissenschaften werden, Gerechtigkeitsstiftungsangestellte mit Zeitverträgen, Projektemacherinnen in Berlin, Kulturmitwirkende mit unklaren Förderungsgarantien des Staates, Berufsfeministinnen der Dritten Welle und Antidiskriminierungsstellenforschungsdurchführerinnen. Man hat das Abitur geöffnet, irgendwo müssen auch die ganzen Nicht-MINT-Studentinnen hin, und das führt zu einem akademischen Proletariat mit zumeist bürgerlichen Vorfahren und Ansprüchen, aber ohne bürgerliche Familienplanung und Einnahmequellen. Es kommt zu Frauen, die in der Schulpause einen DM-Haul gemacht haben und glauben, ab 25-Jährige auch ein Recht auf Chanel-Haul zu haben. Und für diesen Zielkonflikt aus Anspruch, Genderideologie und Ausführung gibt es nun zwei Lösungswege:

Entweder frau stellt eine Wishlist ins Netz und erwartet, dass andere den Preis einer Tankfüllung für ihren Roadster zahlen, damit auch eine Antideutsche Augenrandmalfarbe bekommt – ein, wie ich bemerken möchte, recht chancenarmes Unterfangen selbst zur Weihnachtszeit. Oder frau kommt zum Schluss, dass es ungerecht ist, wenn Männer universellen Felgenreiniger aus dem Kfz-Bereich zur inneren und äusseren Pflege von Körper, Rad, Auto, Bad, Geschirr, Fenster, Rokokogemälden und Rennrodel verwenden (Sie glauben gar nicht, wie leicht man solche Plastikflaschen verwechseln kann und wie wenig Unterschied das macht), und Frauen statt dessen für jede Anwendung ein teures, rosa gestaltetes Mittelchen erwerben müssen. Es ist nur so, dass Frauen früher ihren Männern aufgeschrieben haben, was für ein Mittel sie mitzubringen haben. Jetzt sorgen eben unterschiedliche, genetisch bedingte Ansprüche an Sauberkeit für scheinbar sexistische Preise – wenn man nur den aktuellen Zustand und nicht den Kontext betrachtet.

Ich sehe das anders. Von Hatschepsut bis Gina Lollobrigida haben Männer Parfums unter schwierigsten Bedingungen aus Indien herangesegelt, es mit technischen Erfindungen günstig gemacht, es Frauen geschenkt und selbst, wenn es sie ruinierte, liebevoll gelächelt und unter dem Baum gesagt: “ach Schatz, das ist mir doch eine Freude und Ehre gewesen”. Seit 4000 Jahren haben wir das gemacht, wir sind dafür im indischen Ozean ertrunken, haben Bergamottegestank erdulden müssen und zugeschaut, wie das Parfum des letzten Jahres achtlos beim Nahen des Geburtstages weggeworfen wurde. Wir haben 4000 Jahre lang erlebt, was Gender Pricing wirklich sein kann. Manche Frauen sehen sich nun vor der schwierigen Wahl, ob sie wegen des Preises empört sein und auf Kölnisch Wasser umsteigen sollen, oder nicht doch zum Entschluss kommen, dass sie sich das Geld für sich allein, ganz allein, wert sein sollen.

Kurzfristig mag sich das ungerecht anfühlen. Aber langfristig sind das eben die Nebenwirkungen einer Moderne, die glaubt, keine Leibeigenschaft zu brauchen und jedem Anteil an Allem zu verschaffen. Das kostet dann eben. Wir Männer wissen das, und heben zum Festtag daher die mit Felgenreiniger gespülten Gläser auf die Frauen, die uns zahlen lassen. Und auf jene, die uns gar nicht erst in die Gefahr der Fehlinvestition bringen.

Offenlegung: Ich habe erhebliches Mittel für CDs, Bücher. Tee und Basteldinge in den Fachgeschäften meiner Heimatstadt für Frauen ausgegeben.

24. Dez. 2017
von Don Alphonso
476 Lesermeinungen

136
26509

 

20. Dez. 2017
von Don Alphonso
503 Lesermeinungen

148
61935
 

Weihnachtsgeschenke aus dem sexuellen Minenfeld der Alten Musik

Ob es Gott gibt oder nicht, wissen wir nicht. Also lasset uns ihm Opfer darbringen.
Konfuzius

Ich weiß gar nicht, was die Leute immer für einen Gehauf mit Geschenken machen. Bei mir gibt es immer das Gleiche. Kinder von 0 bis 6 sind noch Analphabeten und bekommen von mir nach dem Kaiserschmarrn auf dem Gipfel eine Rodelfahrt die Neureuth hinunter, und zwar ohne ihre störenden Eltern. Das härtet sie ab, sie erleben zum ersten mal ein echtes Risiko, und sie können in der Schule damit angeben. Mein Onkel hat das mit mir ähnlich gehalten, und schauen Sie, was aus mir wurde. Kinder von 6-10 bekommen Schmalzgebäck vom Wochenmarkt und das Buch Grossvaters Karpfen von Kathrin Jacobsen, denn da geht es erstens um meine kleine, dumme Heimatstadt und zweitens darum, dass man keiner Kreatur etwas zuleide tun soll, außer natürlich man kommt mit so einem Kind von der Rodelbahn ab und fliegt in die Bergwaldbotanik, aber das gehört dazu und die Eltern sind ja nicht dabei.

Kinder von 10 bis 14 lasse ich ganz allein auf einem Gasser Supersport die Neureuth hinunter in die aufsteigenden Gruppen von Schadmünchnern fahren, und es haben noch alle überlebt, nur die Eltern würden sterben, wenn sie wüssten. Ab 14 bekommen sie dann “Cafe Morelli” von Giancarlo Gemin, damit sie die Schönheit Italiens erahnen, und ab 16 gibt es dann Italo Calvinos “Ritter, den es nicht gab” und “der geteilte Visconte”. Danach folgen Jan Graf Potockis “Handschrift von Saragossa” und ab 18 gibt es Pitigrillis “Kokain”. Mut, Vegetarismus, Draufgängertum, Liebe zum Alten und Ambivalenten, ein gerüttelt Maß an Ideologiekritik und das beste Basiswerk zum Umgang mit dem anderen Geschlecht – niemand versteht besser als ich, was Kinder so brauchen. Wirklich niemand. Bei Eltern ist es auch nicht schwer, denn die meisten meiner Bekannten sind vom alten Schlag und hören Musik auf Stereoanlage und CD. Eigentlich reicht es da, wenn ich die hübschen Neuerscheinungen des Jahres erneut erwerbe und zusammen mit Beutegut vom Wochenmarkt und vom Teehaus überreiche. Zumindest war das früher so.

Aber jetzt hat metoo auch die klassische Musik erreicht, und Gerüchte, die der Spiegel hielt, gelten jetzt als Missbrauch, der eine Karriere beendete. Für mich ist das nicht so schlimm, denn James Levines Repertoire fängt dort an, wo meines aufhört, und somit war Levine noch nie unter den Künstlern, die ich zu verschenken beliebte. Aber weil eine der von mir geschätzten Neuerscheinungen die Oper Persee von Jean-Baptiste Lully ist, und Lully wiederum ein Päderast und auch sonst ein echtes Scheusal war, habe ich mir so gedacht, ich hebe den vielleicht auf, bis sich die Wogen der Empörung etwas geglättet haben. Allerdings ist gleich die nächste CD voll mit Musik für Papst Leo X. Leo X. wurde als Giovanni di Medici geboren und erst zum Kardinal, als sein Vater Lorenzo di Medici Giovannis Schwester Maddalena mit dem Sohn des damaligen Papstes zwangsverheiratete. Als Papst Leo X. hatte Giovanni fraglos auch seine guten Seiten, denn als Visionär erkannte er frühzeitig, dass Luthers Ketzereien Deutschland nichts als Religionskriege, uckermärkische Pastorentöchter, Kirchen ohne Prunk, zuckerreduzierte Plätzchen, abgebrochene Theologinnen bei den Grünen und auch nach 500 Jahren Irrlehre noch eine Schule in einem abgefallenen Landesteilen hervor bringen würde, die auf die ““  achtet. Aber das Privatleben von Leo X. ähnelte doch stark dem des Herrn Weinstein – nach allem, was man so hört, mit Jünglingen als Ziel seines Verlangens, nun, was soll ich sagen, also, ich habe ja noch ein paar andere CDs.

Zum Beispiel die Komponistin Elisabeth Jaquet de la Guerre und Messen von Loyset Compere. Was könnte denn unverdächtiger sein? Schließlich war de la Guerre eine Frau, geradezu eine Protofeministin, ein unverdächtiger früher Stern am Komponistinnenhimmel am Hofe Ludwigs XIV. Ganz anders als Lully, der eine schwangere Sängerin so schlug, dass sie ihr Kind verlor, sollte man denken, bis man da auf ein gewisses Detail stößt, nämlich: Ihre Förderin und Freundin war , Mätresse von Ludwig XIV und Hauptperson der sog. Giftaffaire, mitsamt schwarzen Messen, Kindermorden und anderen extremen Taten. Im Zuge des Skandals verließ auch da La Guerre den Hof wohl nicht ganz freiwillig, und ich denke, ich sollte vielleicht zu Weihnachten dann doch lieber die gänzlich unverdächtigen Messen verschenken. Messen, die Comore für Galeazzo Maria Sforza komponierte, den Herzog von Mailand. Allerdings lässt eine kurze Recherche auch ahnen, dass Sforza den Sohn des florentinischen Botschafters sexuell missbrauchte und wegen sexueller Übergriffe auf die Frauen anderer Männer ermordet wurde, übrigens auf dem Weg zu exakt so einer Messe – also, nun, ich mein, naja, was haben wir denn sonst noch so?

Ah, Francesco Gasparini, sehr schön! Endlich mal ein unbefleckter, tugendsamer Komponist jenseits aller Skandale, mit seiner berühmten Oper Il Bajazet von 1719. Dagegen gibt es eigentlich nichts zu sagen, wäre 1719 nicht die Zeit der Türkenkriege gewesen, und bei Bajazet handelt es sich um eine Oper, die mit islamkritischen Untertönen das schaurige Ende eines gegen die Christen erfolgreichen Sultans in Gefangenschaft schildert. Und zwar durchaus mit Häme und Schadenfreude. Kann man noch guten Gewissens so ein klar islamfeindliches Werk empfehlen, selbst wenn dem neuen Sultan am Bosporus auch nicht umfassend von allen eine lange Regierung gewünscht wird? Eher nicht, man will ja nicht von der Sittenpolizei des NetzDG weggelöscht werden. Die patriarchalisch geprägte CD “Sicilianae” ist ebenfalls nur mit Kopfhörer im Kämmerlein zu genießen. Denn für den öffentlichen Vortrag der Liedtexte wäre man im Iran, in Schweden und Berlin-Kreuzberg schneller im Gefängnis als jeder gemeine Mörder, so freizügig wird da über Frauen und ihre Charaktereigenschaften gesungen, und so offen wird da Sexualität begehrt.

Weitere Optionen für weihnachtliche Geschenke? Da mag Chantal Santon Jeffery noch so dezent auf dem Umschlag der CD den Blick senken, aber Alessandro Stradella ist ebenfalls nicht im Post-Weinstein-Zeitalter hinnehmbar. Stradella soll neben seiner Karriere als Komponist zeitweise in Rom auch als Kuppler und Zuhälter gearbeitet haben, und brannte in Venedig mit seiner minderjährigen Schülerin durch, auf die ein Patrizier meinte, Ansprüche zu haben. Weitere Eskapaden machten es 1682 schwer, unter seinen vielfältigen, bei Amouren erworbenen Gegnern einen Bestimmten für den an ihm verübten Mord verantwortlich zu machen. Ich glaube zwar, dass ohne so einen Charakter keine Barockarie brillant werden könnte, aber auch hier nutzte einer seine Machtposition im Kulturbetrieb reichlich für Freuden aus. Franz Xaver Richter dagegen soll sogar für seine Zeit ein extremer Säufer und patriarchalischer Bonvivant gewesen sein. Dessen christliche Werke kann man in dieser Zeit unmöglich über Chia-Samen und vegan Italosyrian Fusion Food erklingen lassen.

Tafelmusik von Andreas Christoph Cramer verbietet sich auch, denn sie wurde zu den Banketten des Salzburger Erzbischofs – ein rücksichtsloser Protestantenvertreiber, Hexenverbrenner, durch und durch korrupt und nebenbei auch bei der Belagerung von Wien ein Beihelfer beim Türkentotschlagen. Es ist wirklich ein Graus, was alles so zu lieblichen Klängen damals getan wurde. Auch die CD L‘Angle & Le Diable verbietet sich, wird dabei doch Musik von Jean-Marie Leclair gespielt. Der war zwar einer der bekanntesten Violinvirtuosen seiner Zeit, aber er misshandelte seine Frau so, dass sie sich von ihm trennte – und als eine Hauptverdächtige galt, als Leclair 1764 mit drei Messerstichen in einer Blutlache tot aufgefunden wurde – was seinem Ruf als Teufelsgeiger noch Auftrieb verschaffte.

10 CDs. 10 mal Zuhälter, sexuelle Dienstleister, Verbrecher, massenhaft Kindsmissbraucher, Wüstlinge, Vergewaltiger, Meuchelmörder und fast durchwegs Sexisten als Komponisten oder Auftraggeber. Man kann über Weinstein und andere fragwürdige Vertreter des Kulturbetriebs sagen, was man will, aber sie stehen da in einer eindeutigen Tradition. Erst die 11. CD mit Trompetenkonzerten von Johann Melchior Molter ist, zumindest nach meinem Wissen, unbelastet, aber das liegt vielleicht auch nur an der dürftigen Recherche. Und ich kann nicht jedes Jahr nur Molter verschenken, denn auch Vivaldi hat so seine düsteren Aspekte und immer nur den Protestanten Bach hält auch niemand aus. Politisch korrektes Schenken ist schwierig geworden, jede Nicht-Jihad-und-Kopftuch-Barbie im rosa Traumhaus ist weniger kompromittierend als das, was ich für empfehlenswerte Musik halte. Würde man an meine bevorzugten Komponisten aus dem Regal werfen, wie Netflix es mit Kevin Spacey tat, oder die demokratische Partei mit Al Franken – dann müsste ich vermutlich von der schwedischen Religionspolizei genehmigte, nordische Popmusik hören. Oder die Gedichte von Ayatollah Khomeni. Auch in Nordkorea soll es noch sittenstreng zugehen, was man so hört. Aber die europäische Musikgeschichte ist das reinste Minenfeld der Moral, nachdem wir dazu übergehen, die erfahrungsfreien Sexvorstellungen der Grünen Jugend Kreuzberg auf Vergangenes zu übertragen. Man passe gut auf, wenn man sich dort hinein begibt.

Entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss noch Chia-Samen kaufen gehen. Muss das übrigens wirklich Samen heissen? Das kann man doch auch gründlich beim Schenken missverstehen.

20. Dez. 2017
von Don Alphonso
503 Lesermeinungen

148
61935

 

15. Dez. 2017
von Don Alphonso
563 Lesermeinungen

143
31230
 

Als die Kulturrevolution ein Dirndl trug

Es ist mit der Liebe wie mit den Pflanzen. Wer Liebe ernten will, muss Liebe säen.
Jeremias Gotthelf

Es gibt Kunst. Die hängt im Museum.

Und es gibt Kunst, die man früher zwar für Kunst gehalten hat, und so teuer wie Museumskunst bezahlte, oder auch deutlich teurer – aber über die ist die Kunsthandelsgeschichte hinweg geschritten, weil sie sich am Neuen und Außergewöhnlichen orientiert. So habe ich beispielsweise hier ein Portrait einer Gesellschaftsdame der Klimtzeit aus einer Salzburger Sammlung mit gesicherter Herkunft, das in Duktus, Expression und Farben genau das verkörpert, was man 1910 als Avantgarde begriff – die Wiener Moderne macht sich darin breit und zündet sich in den Rauchfarben eine letzte Vorkriegszigarre an. Es ist die richtige Epoche und die richtige Region, denn die Kunst war damals zwischen dem blauen Land und Wien entlang der Alpen ausgestreckt, und wenn ich nach Italien radle, komme ich nach ein paar Metern an exakt jener Stelle am Oberbuchberger Hof vorbei, an der August Macke seine Tegernseelandschaft malte.

Was ich aber gerade gekauft habe, ist um 1870 entstanden, und wie man aus der Kunstgeschichte weiß: Damals malten die Franzosen Kunst, und die Deutschen eher Kitsch. Denn um 1870 erschlossen die Eisenbahnen langsam die Bergwelt, darin eröffneten die Grand Hotels, man zog zur Sommerfrische auf die Alm, und erwarb alpenländische Mode für eine Art Bergkostümfest. Im Biedermeier beginnt die Neigung der Damen, das Dirndl der Bäuerinnen zu tragen, weil sie in den eng geschnürten Kleidern mit Wespentaille kaum laufen können. Und ihre Gatten kaufen zur Erinnerung Bilder, die die dort meist weniger komfortabel untergebrachten Künstler oft eher im Aquarell denn in Öl festhalten. Denn so ein Ölbild braucht seine Zeit, ein Aquarell kann am Wochenende gemalt und am Montag bereits an due Gattin des Kommerzienrates verkauft werden. Und so entsteht eine Bildgattung, mit der man Kunsthistoriker jagen kann, aber so war das damals eben, es gab zwei Arten von Künstlern auf dieser Welt: Die einen schnitten sich ein Ohr ab und wurden wahnsinnig, die anderen trafen den Geschmack der Kurgäste, knüpften Kontakte und bekamen Lehraufträge für akademisches Malen in Schwabing. Und ich, ich habe schon ein gewisses Faible für diese Anbiederungskunst, weil sie ein Relikt eines guten Lebens ist, das in dieser Form heute bei allem Fortschritt nur noch wenige genießen. Aber eigentlich will ich auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf den Mann, der schemenhaft unten links im Bild zu sehen ist.

Es ist 1870, es gibt kein mobiles Telefon, es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, es gibt kein Auto und das Fahrrad hat noch nicht die Berge erobert. Wer in den Bergen an Seen lebt – hier übrigens wahrscheinlich der Schliersee – wandert oder fährt mit dem Kahn. Um von Neuhaus nach Schliersee mit so einem Kahn zu rudern, braucht man schon eine gewisse Kraft und Ausdauer, und weil die Kähne hier so störrisch sind, auch ein großes Geschick. Das ist nicht Venedig mit seinen Gondoliere, die einen durch die Lagune rudern, das sind die Berge, hier ist der Mann noch ein Mann und packt an. Es gibt keinen Zug und keinen Fahrplan, er muss das Boot vom Ufer ins Wasser schieben, und dann die schweren Ruder durch das Wasser ziehen. Das macht man nicht einfach so zur Gaudi. Man macht es, weil es einem wirklich wichtig ist. Sei es, weil man fischen will, sei es, weil am anderen Ufer eine schöne Fischerin wartet. In diesem Fall ist der Mann ein Glückspilz, er ist über den See gerudert und tatsächlich, die Fischerin ist da, herausgeputzt, und erwartet ihn schon.

Wer sie ist? Man sieht hinter ihr in die Küche des Hauses, da sind Teller und Bottiche sauber aufgeräumt. Offensichtlich ist sie nicht nur in ihrem Festtagsgewand eine ordentliche, sorgsame Frau, die gut haushalten kann. Sie ist vielleicht nicht reich wie die Bürgersgattinnen, die auf solchen Portraits gern opulenten Schmuck tragen, aber auch nicht arm. Vermutlich hat sie ihn schon von weitem kommen sehen, denn sie erwartet ihn auf der Terrasse und hat etwas hinter ihrem Rücken versteckt: ein kleines Gebinde aus Blumen und Kräutern, wie es in Bayern im Sommer gern geweiht und dann als Glücksbringer an den Hut gesteckt wird. Man erkennt die Beziehung zwischen den beiden: Er schwenkt seinen Miesbacher Stöpselhut, sie hat etwas für seinen Hut.

Auch sonst ist das Bild erotisch aufgeladen. Wenn man genau hinschaut, hängt neben ihr an der Hauswand ein Kescher, mit dem man Fische fängt, daneben hängt ein Netz, in dem sich so mancher verheddert, und rechts neben der Treppe schlängelt sich junges, heller Grün mit Ranken, herzförmigen Blättern und gierigen, kleinen Greifarmen. Es ist kein Zufall, dass sich die Pflanze da mitten vor die Frau schlängelt. Vor ihr steht ein Topf, und in dem Topf ist ein Stecken, an dem sie eine Blume aufrichtet: Es ist Lychnis chalcedonica, in unromantischen Deutschlandteilen als Scharlachlichtnelke bekannt, aber bei uns in den Alpen heißt sie nur “brennende Liab“. Die junge Frau züchtet da also nicht irgendwas. Es hat alles seine Bedeutung, die roten Blüten wie auch der Stock, an dem sie gedeihen.

Und später rudert er sie vielleicht zum Tanz ans andere Ufer, sie wird dekorativ auf der Bank sitzen, und er wird sich in die Riemen legen. Ich bin übrigens schon selbst mit Frauen auf diesem See gerudert, das ist wirklich sehr romantisch und man macht das besser nicht mit begehrenswerten Frauen weil das endet nämlich äh wo war ich ach so ja also er wird sie rudern und dann gehen sie tanzen. Er wird sich um sie sorgen und sicher über den See bringen, so wie sie sich um ihn gesorgt hat, und ihm ein Gebinde mit Blumen und Kräutern aus ihrem Garten gemacht hat. Der Maler kannte seinen Spitzweg und seinen Conrad Ferdinand Meyer, er wusste, wie man mit Anspielungen arbeitet, und mehr erzählt, als einfach nur ein Treffen am See. Es zeigt zwei Menschen, die sich umeinander bemühen, die Stunden damit zubringen, dem anderen etwas Gutes zu tun, die bereit sind, sich hinzugeben, ohne dass es bereits Sex sein muss. Draussen tobt hier 150 Jahre später ein Wintersturm, aber ich sitze auf dem Sofa, und mir gegenüber ist es Sommer, und zwei Menschen werden sich gleich in die Arme fallen. Das mag nicht Kunst sein, es hat zu wenig abgeschnittene Ohren und entsetzte Schreie, und zu detailgenau ist es auch, aber ich mag das.

Man muss natürlich die darin zum Ausdruck kommende, bürgerliche Moral nicht mögen, das Saubere, die gebremste Offensive, die Ritterlichkeit und die Monogamie, in der sich diese beiden finden werden. Es wird so sein, denn der Weg zu ihr führt entlang eines Geländers mit Herzerln zu einer Brüstung mit dem Kreuz des kirchlichen Segens. Und natürlich werden Fortschrittliche unserer Tage voll Verachtung auf oder   herabschauen, die die höchst erfolgreichen Fortschrittlichen jener Tage waren, und deren Umkreis das Bild entstammen dürfte: Zeigt es doch die Frau im alpinen Experimentallabor der Geschlechter als durchaus selbstbestimmt und im Vordergrund, was mehr als nur eine Verkaufsmasche gegenüber dem bürgerlichen Publikum und den weiblichen Begehrlichkeiten gewesen sein dürfte. In einer Zeit, in der im bäuerlichen Umfeld Zwangsheiraten noch völlig normal waren, ist die Übertragung einer sich langsam wandelnden, bürgerlich-emanzipierten Moral auf das Landvolk zu sehen. Dahinter mag sich damals auch viel Falsch und Selbstbetrug verborgen haben, denn es zeigt den guten Anfang, aber nicht die spätere Ernüchterung. Es ist kein Beckmann und kein Grosz, und man muss schon etwas genauer hinschauen, um angesichts der Anspielungen zu erkennen, dass es etwas mehr als nur bergromantischer Kitsch ist. Keine Suffragette muss dafür schirmschwingend durch das Bild aus den Bergen für den Bürgersalon ziehen, und trotzdem erzählt es etwas über die Gleichheit der Geschlechter, und wie Beziehungen funktionieren können, wenn das Wetter schön ist, und die Beteiligten sich umeinander intensiv bemühen.

innen, gegen – ein neues, modisches Brauchtum der Tinder-Wegwisch-Ära – sind dafür natürlich kaum zu gewinnen, zwischen Stress, Zeitmangel, Erfolgsdruck und dauernder Gereiztheit. Die Einzelkämpfergesellschaft sieht die Beziehungssache auch eher pragmatisch und frei von zartromantischer Färbung, aber dafür durchaus unter dem Aspekt der Nützlichkeit und Effizienz. Da geht es nicht mehr um das Aufhalten von Türen oder gar um das Rudern über den See, da wird auch am Hut nichts mehr angesteckt, um Besitzansprüche öffentlich zu machen. Flexibilität ist auch in Dingen der Zuneigung erwünscht, und die dauerhafte Liebe ist wohl das einzige, an das noch weniger als an die Rente geglaubt wird. Ich wäre der Letzte, der bestreiten würde, dass auch dieses moderne Bild stimmig ist, und kitschig ist da überhaupt nichts. Die blanke Realität mit Leistungsdruck und stetig aufs Neue enttäuschten Erwartungen erlaubt gerade noch einen kleinen Balkon aus Beton mit Blick auf die gegenüber liegenden Häuser, und der mögliche Sexualpartner kommt im Minutentakt aus den grauen Massen der öffentlichen Verkehrsmittel. Es mag schon sein, dass die Heidi-artige Phantasie weit weg von der Realität war, aber man durfte damals noch träumen. Ich weiß nicht, was Menschen , die anderen die langfristige Beziehung, das Plätzchenbacken und das Vorlesen auf dem Sofa schlecht reden, von ihrem eigenen Leben erwarten. Andere wollten es genau so, und sie wollen es noch immer.

Und dazu gehört auch die Symbolik, die gerade um diese Zeit mit all ihren Mistelzweigen, Schaukelpferden und Christbaumkugeln kaum weniger anspielungsreich als so ein Alpenaquarell ist. Die Leute erwarten das von ihrem Leben, und wenn sie genug Zeit und eine reich beschnitzte Hütte am See hätten, würden sie es vielleicht auch im Sommer wieder genau so haben wollen. Mit gegenseitigem Bemühen und dem Wissen, dass der andere einen nicht bei der nächsten besseren Gelegenheit über Bord wirft. Ein Leben ohne Emails, hinter denen Monster lauern, und ohne eine Welt, die in all ihrer Komplexität niemals hinter den Bergen verschwinden will. Die Moderne hat uns den Kitsch genommen und kokoschkantig gemacht, sie hat uns die zarten Aquarellfarben ausgetrieben und stellt uns vor die Wahl, ob wir es schreiend bunt oder monochrom kühl wollen. Es gibt kein Zurück, und wer gern etwas bewahren würde, heisst heute Modernisierungsskeptiker und landet schneller in einer Bertelsmannstudie unter den Problemfällen, als er Netzwerkdurchsetzungsgesetz sagen kann. Weihnachten ist so eine Art Retrokarneval, da darf man sich, weil es die Wirtschaft fördert, ein paar Tage kollektiv der Moderne verschliessen und bei allen drei Teilen von Sisi im TV mit 157cm Diagonale aus China weinen.

Echte Reaktionäre mit überkommenen Rollenbildern haben dagegen einen Hammer und betrachten sie Welt wie ein Aquarell, für das sie jederzeit und an allen Orten einen neuen Nagel einschlagen, um zu zeigen, dass es immer auch ganz anders geht.

15. Dez. 2017
von Don Alphonso
563 Lesermeinungen

143
31230