Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

Und raus bist du

| 8 Lesermeinungen

© Picture AllianceWar’s das mit der Karriere? Für Herzogin Catherine (hier mit Baby Louis auf dem Arm) war diese Frage schon mit der Heirat in die Königsfamilie beantwortet. Anderen stellt sie sich später.

Vergangene Woche war plötzlich mein letzter Arbeitstag. Die letzten Wochen vor der Babypause waren nur so an mir vorbeigerauscht. Das große Kundenprojekt, in das ich mein ganzes Herzblut gesteckt hatte, übernehmen jetzt die Kollegen. Und ich sortiere Babyklamotten.

Jammert die etwa, fragen Sie? Nein, tut sie nicht. Aber ich definiere mich nun mal auch über meinen Beruf, er gehört zu mir. Die Aufgaben und die Menschen, denen man sich im Job stellt: Das macht etwas mit einem. Man wird gesehen, man wird gebraucht, und man wird bezahlt. Als Mutter (oder Vater) in Babypause bzw. Elternzeit wird man „nur“ noch gebraucht – freilich auf eine existenzielle Art und Weise. Anerkennung gibt es hier in einer ganz anderen Dimension. Es kommt etwas unfassbar großes Neues, aber es geht, zumindest temporär, auch etwas verloren. Daran musste ich mich auch vor und nach der Geburt meines ersten Sohnes erst gewöhnen.

Nun ist dieses mulmige Gefühl wieder da. Ich bin bestimmt schon aus dem E-Mail-Verteiler gelöscht, es meldet sich gar keiner mehr… Bin ich jetzt schon wieder weg vom Fenster? Der letzte Wiedereinstieg ins Berufsleben ist noch nicht lange her; kriege ich das noch einmal hin? Und wie sieht dieses Leben künftig aus, mit zwei Kindern? Fakt ist: Nach der Geburt von Ben vor fast vier Jahren bin ich nie in meinen alten Job in der Medienbranche zurückgekehrt; der Führungsposten, den ich mir kurze Zeit zuvor hart erarbeitet hatte, war futsch (was allerdings in erster Linie an unserem Umzug lag). In Berlin bin ich, in einem teilzeitkompatiblen Bereich der Kommunikation und ohne Führungsverantwortung, wieder eingestiegen, als Ben noch keine zwei Jahre alt war. Ich wollte wieder arbeiten, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ihn jeden Tag für acht Stunden und mehr abzugeben. Im Berater-Sprech nennt man es wohl „Downshifting“ – die Karriereleiter hinuntersteigen.

Musste das so kommen? Nein, ich hätte ja auch in Vollzeit wieder einsteigen und versuchen können, halbwegs nahtlos an die Elternzeit anzuknüpfen. Es gibt Mütter, die das tun – freiwillig oder unfreiwillig. Ich habe freiwillig darauf verzichtet. Mit wachsendem Babybauch wuchs mein Bedürfnis nach einer Auszeit von der Jagd nach dieser „Karriere“. Denn die brachte neben viel Freude und Bestätigung auch reichlich Frust, Selbstzweifel und Arbeitstage, die auch abends im Bett nicht endeten und im Kopf sowieso niemals.

Vielleicht hätte mich das ohne die Schwangerschaft irgendwann zermürbt, vielleicht auch nicht. Aber es kam mir gelegen, mich dieser neuen Aufgabe zu widmen, von der ich ahnte, dass sie größer ist als mein berufliches Ego. Ich habe also meine Karriere gegen mein Kind getauscht. Und auch wenn ich das nie bereut habe, fällt es schwer, das auszusprechen. Denn wahrscheinlich wirkt es in Zeiten der (längst nicht vollendeten) Emanzipation wie ein Verrat an jenen, die für sie kämpfen. Dabei bin ich auch Feministin! Aber ich werde mich nicht entschuldigen. Denn ich habe mich entschieden.

Ich will nicht behaupten, dass sich Kind und Karriere zwangsläufig gegenseitig ausschließen. Ich kenne Mütter in Führungspositionen, die auf Podien über New Work und Work-Life-Balance referieren; die ihre Arbeitgeber dafür preisen, dass sie dank neuster Technik heutzutage immer und von überall für sie arbeiten können. Die beim Lunch-Treffen mit den Kids noch kurz was in den Laptop hämmern, auf dem Spielplatz ein paar Mails beantworten, kleinen Moment noch, dann guck ich wieder, Schatz. Und die damit glücklich und zufrieden sind.

Ich habe das selbst ausprobiert und nach meiner Rückkehr ins Berufsleben, trotz Teilzeit und auch ohne Führungsposten, sehr viele Mails auf Spielplätzen beantwortet. Ich habe im Home Office mit einem Kunden telefoniert, während mein Kind neben mir auf die Dielen kotzte. Und festgestellt: Das tat meinem Sohn nicht gut, und mir auch nicht. Ich will keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn das nichts anderes als die Summe und damit letztlich die Vermischung von beidem bedeutet. Denn mehr als 100 Prozent kann ich nicht geben, schon gar nicht für mehrere Sachen gleichzeitig. Muss man alles wollen, was man (unter großen Opfern) schaffen könnte?

So wie ich den Feminismus bzw. den Kampf für Emanzipation verstehe, geht es ihm um Wahlfreiheit – und nicht so sehr darum, wie das Ergebnis dieser Wahl ausfällt. In meinem Fall ist es eben zufällig das konservative Modell. Das eigentlich Schlimme ist doch aber, wenn es diese Wahlfreiheit nicht gibt.  Wenn Eltern die Entscheidung, wie viel Beruf/Karriere und wie viel Familie sie sich „leisten“, nicht frei treffen können. Und das ist leider sehr, sehr oft so. Die alleinerziehende Mutter hat in der Regel keine andere Wahl, als schnell nach der Geburt und in Vollzeit wieder in den Job zurückzukehren. Das hat dann nichts mit Karriereambitionen, sondern mit purer Existenzangst zu tun. Frustrierend ist auch, wenn der Gehaltsunterschied zwischen den Eltern so groß ist, dass der schlechter bezahlte Elternteil – meist ist es die Frau – beruflich kürzer treten muss, weil die finanziellen Einbußen zu groß wären, wenn es der andere über längere Zeit täte.

Letzteres wäre übrigens auch bei uns der Fall. Mein Mann verdient um einiges besser als ich. Er hat sich zwar nie gegen den Ernährer-Part gesträubt – ehrlich gesagt wurde er aber auch schlicht nie gefragt, ob er es nicht lieber (zumindest zeitweise) umgekehrt hätte. Insofern war die Wahl, die wir getroffen haben, auch nicht völlig frei von äußeren Umständen. Allerdings wäre es bei uns mit großer Wahrscheinlichkeit selbst bei ähnlicher Bezahlung auf das Modell hinausgelaufen, das wir jetzt planen: Mein Mann nimmt zwei Vätermonate und etwas Urlaub, und für mich ist die Karriere erneut auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Weil es für uns beide – nicht nur für mich – so okay ist und wir uns gegenseitig unterstützen.

Das berufliche Ego ist derweil noch da. Es hält sich im Moment im Hintergrund. Früher oder später wird es sich wieder melden. Wenn mit den Kindern alles gut ist. Ob das dann in eine echte Karriere mündet oder einfach „nur“ in einen Job, der mir hilft, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und nicht sehenden Auges in die Altersarmut zu rutschen, weiß ich nicht. Vorerst habe ich mit meinem Kind, bald mit zweien, den Job meines Lebens.


8 Lesermeinungen

  1. Sie hätten vor der Ehe dafür Sorge tragen müssen,,
    dass Sie einen Mann mit Brüsten heiraten. Was, gibt es immer noch nicht? Schade! Also werden Sie sich eine gewisse Zeit mit der Brutpflege beschäftigen müssen. Aber keine Sorge: Sie werden entlohnt und zwar immateriell: durch ein Kind, seine Nähe, sein Lächeln, durch Familie und im Alter durch Unterstützung. Aber Vorsicht. Das gibt es nur, wenn Sie Ihr Kind nicht als Karrierehindernis ansehen. Das schreibt ein Vater von drei Kindern, der immer den Spagat zwischen Ernährerrolle und Kinderpflege auf sich nahm und im Nachhinein vom Gericht in einem Scheidungsverfahren mit Umgang aller 14 Tage „belohnt“ wurde, während die Kindsmutter … Aber lassen wir das, das ist eine andere Geschichte.

  2. Wahlfreiheit vs. Wahlpflicht
    Keine Sorge – ob Sie nun beruflich oder familiär Karriere machen – es muss in erster Linie Ihnen, Ihrem Partner und den Kindern gut tun. Niemandem sonst! Nach der Geburt meiner Kinder habe ich beide Male direkt wieder angefangen zu arbeiten – zunächst Teilzeit; als die Kinder jeweils im Kindergarten waren, wieder Vollzeit. Das beruhte einerseits auf dem Verlangen nach intellektueller Bestätigung, hauptsächlich aber aus finanziellen Zwängen heraus. Jetzt, da die beiden groß sind (20 und 14 Jahre alt), habe ich ein Studium begonnen und starte nochmal durch. Ich fühle mich jung genug dafür, weiß meine Kinder durch ihre Selbstständigkeit gut versorgt, wenn ich abends und am Wochenende lerne, und habe wieder richtig Lust auf „richtige Karriere“ (wie man das fälschlicherweise landläufig so sagt, auch wenn es grundfalsch ist). Genießen Sie die Zeit mit den Kindern – sie ist unersätzlich!

  3. Großes Lob
    Das Lesen Ihrer Artikel ist ein Genuss.

  4. Karriere und Elternschaft anders denken
    Es liegt auch an unseren Vorstellungen, wenn wir immer in die gleichen Muster zurückfallen: warum geht nur 100% Karriere oder 100% Mutterschaft, warum akzeptieren wir nicht mal ein gesundes Mittelmaß und machen Kompromisse? Ich kenne viele Karriereväter, die erleben erst mit der zweiten Frau das Glück, ihre Kinder aufwachsen zu sehen, und viele Mütter, die mangelnde berufliche Erfolge durch den Wettbewerb über die Erfolge der Kinder kompensieren. Warum gibt es nicht mehr Väter, die mehr als die üblichen zwei Vätermonate machen (möglichst noch auf Reisen mit der ganzen Familie), sondern einfach mal Familienalltag erleben. Warum gibt es nicht mehr Mütter, die ihren Perfektionismus vergessen und einfach akzeptieren, dass etwas weniger Familie und mehr Beruf auch glücklich machen und das Fundament legen für die Zeit nach den Kindern? Andere europäische Eltern machen es uns doch vor, dass Familie und Karriere vereinbar sind, und das sind gewiss keine Rabenmütter und erfolglos

  5. Beide Teilzeit ist ein guter, machbarer Ansatz.
    OK, es ist vielleicht eine Frage des Geldes, aber meine Frau und ich sind beide auf Teilzeit (85%) und das, obwohl ich derjenige bin, der deutlich mehr verdient. Aber die finanzielle Optimierung sollte nicht im Vordergrund stehen – sonst greift in der Tat fast immer das tradierte Muster. Wir beide arbeiten soweit im Beruf, dass es keine Alibi-Jobs sind (was bei 50% dann doch der Fall ist); meine Frau hat dadurch neben der Familie einen Job der alles mit sich bringt, was ein Job so geben kann: einen wesentlichen Beitrag zum Haushaltseinkommen, eine (andere) intellektuelle Herausforderung, andere soziale Kontakte, andere Erfolge, aber auch ganz profan Rentenanwartschaften für die Altersvorsorge und ein Fulltime-Job, der ihrem Können entspricht, wenn die Kinder groß genug sind. Für mich wiederum ist Familie dadurch kein Abend- oder Wochenendjob, sondern ich bin „an meinen Tagen“ dann voll in der Verantwortung und damit auch meinen Kindern näher. Kurzum: ich kann es nur empfehlen.

  6. Wahlfreiheit
    Genau dieser Punkt ärgert mich seit Jahren in der Diskussion: Feminismus heißt für mich nicht, dass alle Frauen die selben Entscheidungen treffen müssen, wie die meisten Männer, sondern dass Frauen die selben Wahlmöglichkeiten haben sollten, wie Männer, und umgekehrt. Wenn die Wahl dann das konservative Modell ergibt, sollte das genauso akzeptiert und als feministisch fundierte Entscheidung gesehen werden, wie beide Teilzeit oder Vollzeit arbeiten.- Und es gibt einfach unterschiedliche Kinder. Es gibt die, die gesund sind und strahlend durch’s Leben gehen aus einer Veranlagung heraus, und es gibt die, die dazu von einer liebenden Person immer wieder ermutigt werden müssen und die krankheitsanfällig sind. Dann geht es nicht anders,als selbst in der Karriere zurück zu stecken will man der Verantwortung diesem Kind gegenüber gerecht werden. Und ehrlich gesagt, was gibt es Wichtigeres und Zukunftsträchtigeres? Es wird Zeit, dass dies auch wieder öffentlich anerkannt wird.

  7. Dass die intellektuelle Betätigung in einem Durchschnittsjob anspruchsvoller ist,
    als bei der Betreuung von Kindern, ist einer der Irrtümer, die in Deutschland grassieren und zur Folge haben, dass auf die Ausbildung der Kindergärtnerninnen auch so wenig Wert gelegt wird. –
    Tatsache ist, das kommt sehr auf die Kinder und den Job an.
    Selbst bei mir als Akademikerin, die an interessanten Projekten arbeiten durfte, war sehr viel Leerlauf im Job, sehr viel unnütze Diskussionen, sehr viel Verwaltungsunfug… Im Vergleich dazu war die Zeit mit den Kindern enorm intellektuell anspruchsvoll.
    Allein, die unerwarteten Fragen zu beantworten… Aber auch das Auffangen von Schulproblemen -und das bei Kindern, die an sich keine Probleme hätten haben sollen und inzwischen alle in Regelstudienzeit und weit überdurchschnittlich abgeschlossen haben… Die Arztbesuche… Drogenprobleme bei Freunden der Kinder… Elternvertretertätigkeit, mit den sehr unterschiedlichen Interessen der zu Vertretenden… Ich habe in der Zeit so viel (kennen) gelernt, wie sicher in keinem Job m

  8. Sie haben völlig recht
    Ich hätte es weder seelisch noch körperlich ausgehalten, mich die ersten 2 Jahre von meinem Kindern zu trennen. Und heute mit 65 finde ich, ich hätte insgesamt meinen Kindern eher noch mehr Zeit widmen sollen. Nur sollten Mütter oder Väter wenn sie Kinder betreuen unbedingt einen Ehevertrag abschließen sonst kann es ein böses Erwachen geben.
    Claudia Marquardt

Hinterlasse eine Lesermeinung