Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

14. Aug. 2018
von Anna Wronska
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Geplante Geburt: Einmal „Kinderkriegen light“, bitte?

© dpaSchnitt, zack und fertig? So easy ist das mit dem Kaiserschnitt leider nicht.

Ich habe lange überlegt, ob ich wirklich einen Beitrag zu diesem Thema schreiben soll. Denn ich wusste, dass ich mich damit auf vermintes Terrain begebe. Und auf ein sehr intimes noch dazu. Andererseits: Sie werden mich wohl kaum an der Supermarktkasse darauf ansprechen. Und: Es gibt Dinge, die müssen einfach raus.

So wie mein zweites Kind. In wenigen Wochen schon. Und ich habe mich entschieden, dass das per geplantem Kaiserschnitt passiert. Bemerkenswert viele Menschen haben mir seitdem ihre Meinung zu ihrer (mich betreffenden) bevorzugten Gebärmethode mitgeteilt, der überwiegende Teil von ihnen ungefragt. Ja ich weiß, vielleicht hätte ich selbst schlicht den Mund halten sollen. Es geht ja niemanden etwas an, durch welche Art von Öffnung mein Kind erstmals die Welt erblickt. Aber so etwas wie Diskretion hält die Leute ja leider auch nicht davon ab, zu fragen: Und? Wann GENAU ist es soweit? Und wie organisiert ihr die Geburt? Wer bleibt beim großen Bruder, wenn das Kleine sich auf den Weg macht?

Wenn man nicht lügen oder sich irgendetwas zusammenstammeln will, kommt man unweigerlich zu der Antwort, dass im Zuge der Geburtsplanung alles weitgehend terminiert und organisiert sei. Die Top Drei meiner bisherigen Lieblingsreaktionen bzw. Reaktionstypen darauf lauten, in aufsteigender Reihenfolge:

3. „Ach?“ (große Augen, Mund leicht offenstehend, auf weitere Erklärung wartend)

2. „Oh.“ (besorgter Blick, Lesart: „Das tut mir leid. Was stimmt nicht mit dir/euch?“)

1. „Mach das bloß nicht! Diese Wehen MUSS man einfach erlebt haben!“ (in anderen Worten: „Mittendrin statt nur dabei! Am besten mit Krawall und Remmidemmi, dann weißte erst richtig Bescheid! Come on, haben doch vor dir schon Millionen andere Frauen geschafft!“)

Stimmt, aber es sind auch Millionen Frauen und ihre Kinder bei der Geburt krepiert, nur fiel das über lange Zeit nicht weiter auf. Ich habe mir bei der oben genannten Erstplatzierten nicht die Mühe gemacht, meine Entscheidung zu begründen, hier tue ich es kurz: Bei der Geburt meines ersten Kindes vor knapp vier Jahren gab es zu Beginn unerwartete Komplikationen, die letztlich eine sogenannte „eilige sekundäre sectio“ erforderlich gemacht haben (nicht gleichbedeutend mit einem Notkaiserschnitt). Die Stunden zuvor, in denen es aussah, als könnte das Ganze furchtbar schief gehen, waren die längsten und schlimmsten in meinem Leben, und das „erlebt zu haben“, wünsche ich niemandem. Auch, wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass es sich wiederholt – auszuschließen ist es nicht. Da hilft es mir, wenn ich die Ungewissheit zumindest über den Verlauf der Geburt mithilfe der modernen Medizin in nicht unerheblichem Maß reduzieren kann.

Das zweite ausschlaggebende Argument für den Kaiserschnitt ist die zeitliche Planbarkeit der Geburt. Nicht, weil ich zu einer bestimmten Zeit noch arbeiten oder urlauben oder zur Pediküre müsste, sondern, weil wir einen fast vierjährigen Sohn haben, für den ebenfalls bald ein neues Kapitel beginnt. Mein Mann und ich wollen für ihn rund um die Geburt möglichst viel Normalität und wenig Ausnahmezustand. Bei einer spontanen Geburt besteht das Risiko, dass es nachts um drei losgeht, und da die Verwandtschaft weit weg wohnt und Ben noch nicht bei Freunden oder Nachbarn übernachtet hat, wäre das ein echtes Problem. Ein gewisses Risiko bleibt freilich auch bei einem terminierten Kaiserschnitt bestehen – es könnten ja trotzdem vor dem Termin spontane Wehen einsetzen, aber dann greift eben ein Notfallplan, der da heißt: Mama allein ins Krankenhaus, Papa bleibt bei Ben.

Die Menschen in unserem näheren Umfeld, die diese Beweggründe kennen, haben meist Verständnis für unsere Entscheidung und halten sich mit Besserwissereien zurück. Oft sind es nur kleine, unbedachte Formulierungen, die mich aufhorchen lassen: „Wir wollen es erst einmal normal probieren“, zum Beispiel. Eine Bekannte, heute fast 60, erzählte mir über ihren 20 Jahre zurückliegenden Kaiserschnitt, dass sie bis heute bedaure, es nicht „selbst geschafft“ zu haben. Eine Freundin berichtete mit folgenden Worten von der Geburt ihrer Tochter: „Meine Hebamme wollte schon einen Arzt zum Kaiserschnitt holen, aber ich habe mich geweigert, und dann haben sie eben zu viert auf meinen Bauch gedrückt, bis das Kind da war.“ Sie klang stolz, dem Rat der Hebamme nicht gefolgt zu sein. Ich freue mich ehrlich für sie, dass alles gut gegangen ist. Aber vier Leute, die mir mein Kind mit aller Macht aus dem Leib pressen, weil die Geburt von selbst nicht vorankommt? Nichts für mich.

Im Übrigen könnte man trefflich darüber diskutieren, was eigentlich heutzutage eine „natürliche“ oder „normale“ Geburt ist, bis zu welchem Punkt man sie „selbst geschafft“ hat und ab wann nicht mehr: Erst ab der OP? Oder ab der Wehen-Einleitung? Ab der PDA? Ab dem „Draufstemmen“ oder dem Einsatz von Saugglocke/-zange? Ist das überhaupt von Belang – oder geht es nicht einfach darum, dass Mutter und Kind heil aus der Sache herauskommen?

Meine Klinik hat mir zu meiner Kaiserschnitt-Entscheidung übrigens nicht gerade applaudiert – entgegen aller Berichte/Vorurteile, wonach Kaiserschnitt-Geburten für die Krankenhäuser risikoärmer und gleichzeitig lukrativer seien. Die Ärztin klang vielmehr regelrecht mahnend. „Wir unterstützen Sie bei Ihrer Entscheidung, hätten Sie aber ebenso bei einer vaginalen Geburt unterstützt.“ Und, mit Blick auf die Erfahrung der ersten Geburt: „Sie verhindern durch den geplanten Kaiserschnitt keine erneuten Komplikationen, sondern schaffen Risiken für andere.“ Erst fand ich das etwas irritierend, mittlerweile finde die Sachlichkeit der Ärztin eher beruhigend professionell. Sie hat ja nun einmal Recht damit. Außerdem dürfte sie als Expertin wissen, dass eine Schwangere die Entscheidung für einen Kaiserschnitt in der Regel nicht mal eben trifft, weil es nach einer vaginalen Geburt vielleicht untenrum nicht mehr so schön aussähe.

Hier zum Vergleich eine Auswahl der Risiken/möglichen Komplikationen versus der Vorteile der jeweiligen Geburtsarten (laut Infoblatt meiner Klinik):

a) Natürliche Geburt (nach Kaiserschnitt bei einer früheren Geburt): Riss der Narbe, verstärkte Blutungen mit evtl. Notwendigkeit von Bluttransfusionen oder auch der Entfernung der Gebärmutter, Gerinnselbildungen, Infektionen von äußeren Wunden oder inneren Organen, Verletzungen benachbarter Organe, Sauerstoffmangel oder Verletzungen des Kindes.

Vorteile: unverletzte Gebärmutter, keine Bauchwunde, kürzerer Krankenhausaufenthalt, geringere Schmerzen nach der Geburt.

b) Kaiserschnitt: Vorübergehende Anpassungsstörungen des Kindes (Atemprobleme), Wundheilungsstörungen und/oder Entzündungen (z.B. der Gebärmutter, Vereiterung der Bauchdecke, Bauchfellentzündung), erhöhtes Risiko für Placenta praevia (Mutterkuchen an der falschen Stelle) bei späterer Schwangerschaft.

Vorteile: Keine Verletzungen des „Geburtsweges“, keine notfallmäßigen Entbindungsoperationen.

Suchen Sie sich aus, was Sie reizvoller finden. Es dürfte deutlich werden: Nur weil ein geplanter Kaiserschnitt berechenbarer ist, ist er keinesfalls risikofrei oder bequemer oder einfacher. Ja, mir sind bei der Geburt von Ben vor vier Jahren sechs oder zwölf oder 24 Stunden Wehen erspart geblieben, und wer weiß, was noch alles. Aber so eine Bauchwunde ist auch nicht schön, erst recht nicht mit einem Neugeborenen im Arm. Ich habe danach lange gebraucht, bis ich wieder ohne Schmerzen aufrecht stehen, ihn tragen oder lachen konnte. Und diesmal ist auch noch ein lebhafter großer Bruder mit im Spiel.

Auch wenn ich mich bisweilen selbst daran erinnern muss, weil ich insgeheim dann doch ständig diesen leidigen Drang verspüre, es jedem recht zu machen und mich für alles zu rechtfertigen: Ein Kind zur Welt zu bringen, ist keine Mutprobe, und ich behaupte, ich bin durch einen Kaiserschnitt (oder auch zwei) nicht mehr oder weniger Frau und Mutter als eine Frau, die auf natürlichem Weg geboren hat. Seien wir ehrlich: Wenn wir es einmal geschafft haben, sitzen wir doch ohnehin alle lebenslang im gleichen Boot.

14. Aug. 2018
von Anna Wronska
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09. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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Warum Eltern nie wirklich mitspielen

© Picture AllianceWer am Sonntagmorgen Brettspiele spielen muss, darf dabei wenigstens den Kopf auf der Tischplatte ablegen.

Wenn es eine Zeit gibt, zu der ich nicht empfänglich bin für Einladungen zu Brettspielen, dann ist das sonntagmorgens um acht. Vor allem wenn es sich um eine Einladung zu „Mensch ärgere dich nicht“ handelt – dieses Spiel habe ich schon als Kind gehasst. Eigentlich finde ich solche Einladungen auch noch um neun und um zehn Uhr ziemlich anstrengend. Meine jüngste Tochter (vier Jahre) hat aber für solche Empfindlichkeiten kein Verständnis, sie will jetzt spielen und zwar mit mir, nicht irgendwann in einer ungewissen Zukunft „nach dem Frühstück“, „später“, „wenn alle wach sind“. Nein, jetzt. Außerdem hat sie in der Regel meine Frau auf ihrer Seite („jetzt bist du mal dran“) und den ollen Schiller („Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“).

Wenn meine Tochter mit der Spielesammlung vor meinem Bett steht, wäre ich lieber kein Mensch. Sondern ein Kopfkissen oder eine alte Socke – für die interessieren sich Kinder nicht, die dürfen erst mal liegenbleiben. Aber: keine Chance. „Willst du Rot oder Blau?“ Warum überspringen Kinder generell die Einleitung, das Vorwort, wenn sie spielen wollen, warum scheinen sie so unempfänglich für die Signale ihres erwachsenen Gegenübers? Könnten die nicht einfach etwas langsamer vorgehen? „Papa, möchtest du dir vielleicht erst einen Kaffee machen“, zum Beispiel? So was in der Art. „Rot.“

Wir bauen die Spielfiguren auf. Mensch! Ärgere! Dich! Nicht!

Es hätte auch andere Möglichkeiten gegeben. Die Nuklear-Option, die 100-Prozent-Lösung: Tablet oder Handy in die Hand drücken, zurück ins Bett. Ich mach das manchmal, natürlich nicht oft, natürlich nicht, und ich plädiere dann vor meinem inneren Richter immer auf Notwehr, verweise auf pädagogisch wertvolle Apps oder Filmchen, die das Kind statt der Interaktion mit dem Erziehungsberechtigten konsumieren kann. Wer‘s immer ohne Elektronik macht, werfe den ersten Stein. Und ich spare mir jetzt die ideologisch aufgeheizte Debatte über die mediale Verwahrlosung des Nachwuchses für einen späteren Blog-Beitrag. Aber so viel scheint mir gut belegt in dieser Sache: Die Trägheit des Erwachsenenherzens ist es, Acedia, die die Kinder lieber in die Fänge der Elektronik entlässt als mit ihnen Brettspiele aufzubauen oder noch eine Runde Ching, Chang, Chong zu spielen.

Die interessantere Frage ist doch die: Ist Spielen mit Kindern für Erwachsene tatsächlich so unattraktiv wie Wäsche sortieren müssen oder Spülmaschine ausräumen? Und zwar nicht nur sonntagmorgens, sondern immer? Warum bekommen Kinder auf ihre Einladungen zum gemeinsamen Spielen von Erwachsenen oft so deprimierende Rückmeldungen wie „Ich muss erst noch…“, „Sehr gern, aber…“ oder „Okay, nur ein kurzes Spiel“. Man zeige mir einen Erwachsenen, der aus vollem Herzen antwortet: „Na klar! Coole Idee.“

Die Wahrheit, die kleine Kinder ahnen und große sehr bald verinnerlicht haben, ist ziemlich niederschmetternd: Die meisten Erwachsenen wissen gar nicht mehr, wie man spielt. Wenn sie mit Kindern spielen, imitieren sie einen Mitspieler, aber sie sind es nicht. Sie spielen „Mensch ärger dich nicht“ (oder andere Spiele), ohne wirklich gewinnen zu wollen. Sollen sie in eine Rolle schlüpfen (Kristalleinhorn, Luuk Skeiwoker, Eiskäufer), bewegen und sprechen sie genauso wie immer. Dabei weiß jedes Kind, dass das nicht funktionieren kann. Der erwachsene Homo faber erledigt seine Spielpflichten beim kindlichen Homo ludens, macht seinen Haken auf der familiären To-do-Liste – und wendet sich dann wieder etwas Produktiverem zu. „Jetzt reicht es doch mit dem Spielen. Ich muss doch noch….“ Oder er freut sich darauf, irgendwann „freie Zeit für sich“ haben zu können. (In ihrer freien Zeit lesen die Erwachsenen dann kluge Bücher, in denen steht, wie wichtig und positiv das gemeinsame Spielen mit Kindern ist.)

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09. Aug. 2018
von Janosch Niebuhr
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07. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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(K)ein Kind macht glücklich!

© dpa picture alliance Klare Ansage an einer Wiener Hausfassade

Wer es sich mit Eltern so richtig verscherzen möchte, der sollte mal en passant fallenlassen, wie schön und erfüllt ja ein Leben ohne Kinder sei. Beim Geburtstagsbrunch vielleicht. Oder beim Kaffeetrinken. Nur als Testballon. Viel Spaß! Das sorgt für Stimmung und Heiterkeit, und man erfährt nebenbei, wie sehr an sich unspektakuläre Aussagen zur ideologisch aufgeladenen Debatte taugen. Dazu kann jeder was sagen: Wir Eltern waren ja auch mal kinderlos und haben dazu eine Meinung. Und die Kinderlosen kennen Kinder-Beispiele aus der eigenen Familie, die vielleicht abstoßend sein mögen. Wie auch immer: Die Debatte erfüllt alle Kriterien einer Schwarz-Weiß-Betrachtung, und am Ende heißt es nur noch: Bist du für oder gegen Kinder?

Die Frage, ob wir Kinder wollen, stellen wir uns alle irgendwann im Leben. Teenager haben dazu häufig eine Meinung („ja, später bestimmt!“), bei Studierenden zwischen 20 und 30 hat man eher den Eindruck, dass sie das Thema scheuen; zumindest scheint es manchmal meilenweit weg von der Lebensrealität junger Erwachsener vor allem in den akademischen Großstadtmilieus zu sein. Dem Vernehmen nach sind Kinder in den Berlin-Neuköllner Kneipen und vorm „Späti“ in Kreuzberg nur ein Randthema, aber durchaus ein Thema, das noch mit einigem Abstand durchdiskutiert wird. Spätestens mit 30 gibt es dann kein Entrinnen mehr, wenn die ersten Gleichaltrigen Familien gründen – und man selbst in Gesprächen mehr oder minder deutlich aufgefordert wird, Farbe zu bekennen. „Wollt Ihr eigentlich Kinder?“ ist eine häufig gestellte Frage, auf die man sich besser eine gute Antwort überlegt, sonst findet man sich in allerlei gestammelten Rechtfertigungsschleifen wieder.

Etwa zur gleichen Zeit trennen sich die Freundeskreise ein bisschen in Spreu und Weizen – in die, die bei den Partys bis in die Puppen bleiben, und die, die früher ins Bett gehen, weil das Kind am nächsten Morgen um sieben auf der Matte steht. Für jene, die länger bei der Party bleiben, ist der Fall klar: Kinder zerstören das Privatleben. Doch ist das wirklich so? Auch in dem Alter, da man gerade mehr oder minder dem Studentenleben entwachsen ist, kann man differenzierter sein: Kinder „zerstören“ (besser: beeinträchtigen) zwar einen Teil des früheren Privatlebens, aber sie schaffen auch ein neues. Sie helfen, sich weiterzuentwickeln. Ob Kinder glücklich machen, ist hingegen umstritten: Studien zeigen, dass sie das nicht zwangsläufig tun. Andere argumentieren, dass Eltern ab 40 wieder glücklicher werden, wahrscheinlich deshalb, da bei den meisten Paaren die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind.

Je nachdem, ob Sie zur Partei der überzeugten Kinderlosen oder der Familienfans gehören, werden Sie den ein oder anderen Aspekt stärker gewichten und akzentuieren. Der einzig sinnvolle Lebensentwurf ist jedoch keine der beiden Möglichkeiten. So wie sich manche den Islam oder den Katholizismus zur einzig wahren Religion zurechtinterpretieren, so scheinen die Vertreter dieser beiden Zivilreligionen – Eltern-Fanatiker und Kinder-Ablehner – ihre Messen nicht weniger entschlossen zu zelebrieren. Dabei bringen Kinder Vor- und Nachteile, über die man sich im Klaren sein sollte. Genau wie Kinderlosigkeit. Mehr aber auch nicht: Letztlich muss das Bauchgefühl stimmen, wenn man sich für Kinder entscheidet. Ein paar Überlegungen können helfen:

Was für Kinder spricht

  • Kinder schaffen viele schöne Momente im Familienleben, erfreuen Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel, sorgen für eine schöne Atmosphäre.
  • Kinder lassen einen auch mal wieder Dinge sehen, die man als Erwachsener völlig vergessen hat. Wie schön es zum Beispiel sein kann, den Flug eines Schmetterlings nachzuvollziehen, ohne gleich  über das Artensterben nachzudenken.
  • Kinder bewahren das eigene Erbe, und hier vor allem die gemeinsamen Erlebnisse, die Geschichte der Familie, vielleicht die Namen.
  • Durch Kinder lassen sich neue Kontakte knüpfen, mit anderen Eltern und Familien.
  • Kinder bringen Kindergeld – und die Möglichkeit, Elternzeit zu nehmen.

Was gegen Kinder spricht

  • Kinder kosten Geld. Dazu gibt es eine Reihe von Rechnungen: Nimmt man die laufenden Konsumausgaben, dann belaufen sich die Kosten bis zum 18. Lebensjahr auf rund 130.000 Euro. Danach geht es aber munter weiter: Wohnung, Studium, Geldgeschenke.
  • Kinder kosten Nerven. Sie sind anstrengend, verlangen ihren eigenen Zeittakt, sorgen für mangelnden Schlaf.
  • Kinder können Berufsaussichten behindern. Teilzeit gilt noch immer als Karrierekiller, Elternzeit ist allen Beteuerungen zum Trotz auch nicht immer und überall beförderungsförderlich.
  • Kinder erschweren die Sozialkontakte mit Leuten ohne Kindern.

Die Debatte ist natürlich nur was für Menschen, die den Luxus der Entscheidung haben. Wer ungewollt kinderlos bleibt, wird Kinder entweder durch die rosarote Brille sehen oder sie gleich verdammen. Wer hingegen ungewollt Mutter oder Vater wird, mag sich die Freiheit der Kinderlosigkeit zurückwünschen. Aber nehmen wir die Fälle freier Entscheidungen, dann haben beide Wege etwas für sich – und sind vielleicht sogar gesellschaftlich wünschenswert, vor allem da sie Verständnis füreinander voraussetzen, also Empathie, und im besten Falle erzeugen. Das kann nur Gutes bewirken. Dazu ein paar Überlegungen:

  • Wer kinderlos bleiben möchte, kann Tatkraft und Geld in andere Projekte stecken. Das muss nicht zwangsläufig egoistisch sein, wie Eltern Kinderlosen gerne unterstellen (Partys und Rucksackreisen), sondern kann auch ein Ehrenamt oder die Pflege der Eltern sein. Muss aber nicht. Wer weit herumgekommen ist und seine Zeit nicht im Hüpfburgenparadies verbracht hat, ist für eine Gesellschaft genauso wertvoll.
  • Wer Kinder hat, braucht das Verständnis kinderloser Freunde. Es ist eben nicht so, dass das Kleinkind morgens länger schläft, wenn man es abends später ins Bett bringt. Wer mit Kind am nächsten Tag verreist, braucht mehr Zeit zum Packen – und hat vielleicht auch keinen Nerv mehr fürs Bierchen am Abend vorher. „Spießig“ (der Generalvorwurf mancher Kinderloser in Richtung Eltern) ist man deswegen lange nicht.
  • Auch Eltern finden Eltern nervig, die sich nur noch über ihre Kinder definieren. Wer bei Whatsapp oder Facebook dauerhaft nur seine Kinder als Profilbild präsentiert oder sich selbst nur noch als „Mama“ bezeichnet, könnte zu wenig an Eigenem haben. Küchenpsychologie? Vielleicht. Und Erfahrung!
  • Andersherum gilt auch: Wer auf Geburtstagseinladungen schreibt, die Kinder seien zuhause zu lassen und nicht erwünscht, nimmt die Spaltung der eigenen Bekanntschaft und des Freundeskreises in Kauf. Ich würde da jedenfalls nicht mehr hingehen wollen. Nicht, weil ich partout das Kind auf eine verrauchte Party schleppen möchte, aber ich habe keine Lust auf Leute, die solche Regeln erlassen – wie auch nicht auf solche, die gegen Kinderspielplätze in der Nachbarschaft prozessieren oder nur noch in kinderfreie Hotels fahren. Die sind mir einfach unsympathisch.

Vielleicht wäre es hilfreich, von den Funktionszuschreibungen wegzukommen: Kinder sind nicht für irgendwas da; sie müssen ihren Eltern weder Sinn verschaffen, noch ihr Erbe weitertragen, noch ihnen die Angst vor dem Tod nehmen (sie tun das alles auch, aber es ist nicht ihr Sinn!). Kinder machen einen auch nicht zum besseren Menschen, der durchs Kinderkriegen etwas Besonderes für die Gesellschaft leistet. Das muss man Eltern sagen, wenn sie behaupten, Kinderlose könnten das, was mit Familie zusammenhängt, nicht beurteilen. Der Satz „da spricht ein Blinder über Farbe“ ist die erste Stufe der Verirrung, danach kommen manche auf die absurde Idee, eine kinderlose Person könne keine Familienministerin werden. Grotesk – oder muss ein Arbeits- und Sozialminister zuvor Hartz IV bezogen haben, um zu wissen, worüber er spricht? Es ist gerade gut, wenn jemand (auf den ersten Blick) Fachfremdes für gelegentlichen Perspektivwechsel sorgt. Insofern erübrigt sich auch der ideologische Blick aufs Kinderkriegen: Der Geburtstagsbrunch ist gerettet, wenn alle begreifen, wie bereichernd die Perspektiven kinderreicher und kinderloser Menschen sind.

07. Aug. 2018
von Martin Benninghoff
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02. Aug. 2018
von Anna Wronska
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Wer ist hier der Spross?

Was tun, wenn das Kind zum Schlaumeier wird und auf die strikte Einhaltung unserer eigenen Erziehungsregeln pocht?

Das Benehmen bei Tisch ist bei uns eine heikle Angelegenheit. Insbesondere dann, wenn wir Besuch haben, beschert unser fast vierjähriger Sohn uns immer wieder peinliche Momente.

Zum Beispiel solche: „Papa! Du hast ohne Tischspruch angefangen! Du kaust schon!“

Oder solche: „Das Wort SAGT man nicht!“

Oder solche: „Nicht so viel nehmen! Sonst bleibt nichts mehr für die anderen!“

Regelmäßig bleibt meinem Mann und/oder mir dann der Bissen im Halse stecken und wir werfen uns über den Tisch panische Blicke zu: Gar nicht gemerkt… Was haben wir wieder Falsches gesagt/gemacht? Was? WAS? Und wenn wir uns gar nicht mehr anders zu helfen wissen, lautet die Reaktion schon mal: „Ich war’s nicht, das war doch der Papa/die Mama!“

Auch jenseits des Esstisches spielen sich unschöne Szenen ab. Wenn es morgens auf dem Fußweg zur Kita mal etwas hektisch wird und wir deshalb nicht an jeder Einfahrt stehen bleiben, heißt es: „Mama, du hast nicht geguckt, ob ein Auto kommt! Mannometer!“ Nicht weniger unangenehm ist es, wenn der kleine Schlaumeier lautstark das Verhalten von anderen Leuten kommentiert: „Der auf dem Fahrrad hat keinen Helm auf – nicht gut, oder?“ Oder „Die Frau hat eine Zigarette, igitt!“ Aber immerhin trifft die Schmach dann zur Abwechslung mal andere.

Sie sehen: Wir haben ein Luxusproblem – unser Kind bringt uns (und anderen) Manieren bei. Das ist keine Koketterie; Ben ist mitnichten stets ein Inbegriff des wohlerzogenen und vernünftigen Kindes, er kann auch anders. Doch ein paar Regeln und „Weisheiten“, die wir ihm vermittelt haben, hat er sich gemerkt. Und zwar so gut, dass er uns immer mal wieder erinnert: beispielsweise daran, dass wir gemeinsam und erst nach dem Tischspruch anfangen (wobei Ben das Tischspruch-Ritual selbst aus der Kita mitgebracht hat). Dass es „schlimme“ Wörter gibt, die man nicht sagen darf. Dass man auf andere Rücksicht nehmen sollte.

Ich weiß, ich weiß, das wird sich wieder legen. Es kommen Zeiten, da hört er uns gar nicht mehr zu, wenn wir Regeln aufstellen; und wenn doch, wird er sie hinterfragen oder gleich aus Prinzip das Gegenteil exerzieren, um es uns so richtig zu zeigen. Aber bis dahin ist noch etwas Zeit (oder etwa nicht?).

Im Moment ist es noch erschreckend einfach: Was wir Ben als Wahrheit verkaufen, glaubt er uns – wenngleich schon mal eine beachtliche Kette an „Warum?“-Nachfragen folgt, aber die sind meist harmlos. Was wir ihm vorleben, macht er nach. Wenn wir uns nicht an das halten, was wir zuvor selbst zur Regel erklärt haben, irritiert ihn das, und wenn er uns darauf hinweist, dann mit echter Entrüstung in der Stimme.

Das ist in gewisser Weise rührend: Es zeigt, wie sehr Kinder sich an ihren Bezugspersonen orientieren und ihnen vertrauen, wenn es um das Lernen erster Spielregeln in der Gesellschaft, sogenannter „Manieren“ (was auch immer das genau heißt) oder um „richtig“ oder „falsch“ geht. Genau darin liegt aber auch die Krux. Wir als Eltern müssen uns darauf festlegen, was die Spielregeln sind – und uns darin auch noch untereinander einig sein, sonst ist das Chaos programmiert („Aber Mama hat doch gesagt…“). Wir müssen eine Definition davon haben, was „richtig“ und was „falsch“ ist, was „gut“ ist und was „schlecht“, um ihnen Werte vermitteln zu können. Das mag beim Verhalten im Straßenverkehr noch einfach sein, aber je größer die Kinder werden, desto kniffeliger werden die Themen und Fragen. Und nicht selten gibt es in der Welt da draußen nun einmal nicht nur „richtig“ oder „falsch“, nur kann man das einem Vierjährigen schlecht erklären. Er wird in seinem Leben eigene Definitionen davon suchen und finden, aber im Moment, glaube ich, braucht er klare Ansagen und Verlässlichkeit.

Deshalb sollten wir Erwachsene uns nicht zuletzt daran messen lassen, ob wir selbst dem gerecht werden, was wir von den Kleinen einfordern, denn die Argumentation „Ich darf das und du nicht, weil ich erwachsen bin“ ist pädagogisch wohl eher ungenügend. Im Alltag fällt das aber oftmals schwer. Da muss es manchmal einfach schnell gehen, und das tägliche Ritual, auf das wir sonst so sehr bestehen, fällt aus. Da wird die „absolute Ausnahme“ schleichend zur Regel, weil es bequemer ist („Ausnahmsweise noch eine einzige Folge Paw Patrol!“ … Ok, noch eine, aber dann ist wirklich Schluss!“). Da wird geflucht und gestritten und das letzte Stück Kuchen gierig verschlungen anstatt geteilt (also, so stelle ich mir das zumindest vor… bei anderen).

Andererseits: Man muss das Ganze bei allem Verantwortungsbewusstsein natürlich nicht immer todernst nehmen; nicht jede Abweichung von der Regel, nicht jede verbale Entgleisung eines genervten Elternteils führt beim Kind zu Traumata. Meine Erfahrung ist zum Beispiel: Ohne einen gepflegten polnischen Fluch oder eine kleine Schimpftirade wäre das Leben mit seinen Gemeinheiten manchmal schlechterdings nicht zu ertragen. Weil das so ist, haben mein Mann und ich uns darauf geeinigt, dass wir „schlimme“ Wörter und Lästereien einfach ausbuchstabieren, damit Ben sie nicht mitbekommt. Das hat im Übrigen einen positiven Nebeneffekt: Bis man „H-I-M-M-E-L-H-E-R-R-G-O-T-T-N-O-C-H-M-A-L“ oder ein polnisches Äquivalent buchstabiert hat, ist die Wut in der Regel ohnehin verflogen.

Hat man sich hingegen schon zu tief hineingeritten, hilft in der Regel immer noch eins: „Entschuldigung“ sagen. Auch, wenn es schwer fällt. Zugeben, dass man einfach sauer, aber das Wort trotzdem doof war. Oder dass man schlicht vergessen hat, an der Einfahrt stehen zu bleiben. Denn diese eine Sache können Kinder Erwachsenen bemerkenswerter Weise immer noch besser beibringen als umgekehrt: die Fähigkeit, zu verzeihen und nicht nachtragend zu sein.

 

 

 

 

 

02. Aug. 2018
von Anna Wronska
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31. Jul. 2018
von Tanja Weisz
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„Das haben wir so nie besprochen!“

© dpa picture allianceUrlaub mit Freunden? Mit einem Teenager gilt das nur bedingt.

Der Familienurlaub war ganz anders geplant.

Zunächst mal: Er war gut geplant. Vor Monaten schon begannen lange Gespräche über mögliche Ziele („Ans Meer, ans Meer“ und „Großstadt wäre cool“), ganz konkrete Ziele („Louvre, klar, da waren doch gerade Beyoncé und ihr Mann“), über die Dauer („nicht nur eine, besser zwei, aber auch nicht drei Wochen“), über Hoffnungen beider Seiten („Ruhe“ , „gemeinsame Unternehmungen“, „Abwechslung“) – und sogar übers Budget, auf dass den Wünschen nicht der familiäre Ruin folgen möge.

Es war diese Art von Planung, die den Berliner Flughafen hätte retten können, die dann bei der Umsetzung aber an etwas völlig Unwägbarem  scheitert. In diesem Fall: an den Gefühlen eines Teenagers.

In der Großstadt will die Tochter das Hotelzimmer nicht verlassen, wer ist schon Beyoncé, am Meer hat sie keine Lust zu baden, viel zu voll hier. Wieso man überhaupt hierhergekommen sei? „Das haben wir so nie besprochen!“, trägt sie mit aufrichtiger Überzeugung vor. In ihrer Wahrnehmung wird sie – wieder einmal – durch unfassbar rücksichtslose Entscheidungen Erwachsener geknechtet,  gezwungen, geknebelt. Die Folge: dumpfes Brüten. Schweigen wie im Kartäuserkloster. Dieser junge Mensch in der Blüte seiner Jahre versinkt in einer schlammpfützigen Stimmung, die alles Farbige zu verschlingen scheint.

Im Urlaub soll ja am besten alles anders sein, tiefenentspannt, aber auch abwechslungsreich, gerne mit einer Prise Abenteuer. Das Ganze nehmen wir dann in der großen Harmoniepackung mit Schleife drum. Aber, Überraschung, der Teenager hat Mundfaulheit und Smartphoneverwachsung, Zahnbürstenphobien und Aversionen gegen Kleiderschränke mit in den Urlaub genommen. Man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, wie schnell mangelnde Hygiene und Klamottenteppiche in kleinen Hotelzimmern für Krawall sorgen können. Insbesondere wenn die Mutter noch unnötigerweise Ordnungsliebe, den Hang zu Routinen und einen gewissen Drang zum Erziehen-Wollen in den Koffer gepackt hat.

Und so kommt es, dass Mutter und Tochter schon bald getrennte Wege gehen. Soll das Kind doch verdammtnochmal in dieser Hotelzimmermüllhalde vergammeln, ich geh jetzt alleine weg.

Ich spazierte schließlich durch ein pittoreskes Hafenstädtchen in der Normandie, trank meinen Café au lait wann immer es mir passte, ließ mich durch Läden, Kirchen und enge Kopfsteinpflastergassen treiben und fand es herrlich. Dann sah ich diese Straßenkünstlerin, die nur mit Holzstäbchen und Farbe die phantastischsten Tierwesen aufs Papier zauberte, und ich wusste sofort, wer das genauso schön finden würde wie ich. Aber sie war halt nicht bei mir, und das Teilen, das Miterleben des Moments, fiel aus. Es war eine Crux: Ich wollte gerne gemeinsam Dinge erleben, aber ich konnte es nicht erzwingen.  Was früher noch mühelos durch Bestechungsversuche mit Eis oder gemeinsamem Fußball-Kicken zu erreichen war, gelingt heute nicht mal mehr durch gutes Zureden.

Zähneknirschend begann ich, meine Erwartungen zu entrümpeln.

Von den vielen interessanten Orten,  die es in der Normandie zu sehen gibt, verabschiedete ich mich gedanklich – bis auf zwei. Weil sie mir wichtig waren, hatte ich diesmal auch nur leichte Gegenwehr zu überwinden. Den Mont-St-Michel eroberten wir im Abendlicht, nach allen Besuchergruppen, genossen einen leichten Schauder in leeren Gewölben und die spektakuläre Aussicht über die Küste. Ein Ort, den man schon auf Postkarten gesehen hat, zieht immer. Ich wollte ihr aber auch einen Soldatenfriedhof in der Normandie zumuten. Dort fanden wir das Grab eines Jungen, der nur vier Jahre älter als sie geworden ist. Es war dann nur noch ein kleines Stück zum Meer, denn den Namen Omaha Beach kannte sie zumindest schon aus einem Musikvideo. Doch dort an der Küste zu stehen und über den Kanal zu blicken, weckte plötzlich ihre Lust zu fragen.

Ich habe gelernt: Wenn ein Besichtigungsmenü erstellt wird, immer die kleinste Portion wählen.

Unerwartete Reiseziele beeindrucken Teenager.

Und vor allem: Man sollte diese Postkarten-Erwartungen an Friede und Freude zuhause lassen.

Richtig entspannt wurde es erst dann, als ich entspannen konnte. Als ich wirklich akzeptierte, dass wir an einem Tag erst um 18 Uhr gemeinsam das Urlaubsquartier verlassen würden, um an den Strand zu fahren (vorher war die Ebbe die Freundin des Teenagers). Wir folgten keinen Schildern,  sondern unseren Blicken zum Meer, entdeckten über eine kleine schmale Piste tatsächlich einen abgelegenen Sandstrand, an dem wir ausgelassen in den Wellen herumplantschten. Nach einer Stunde waren wir erschöpft, salzverkrustet und sandig und fuhren mit einem Dauergrinsen in die Stadt zurück. Im Restaurant schaufelte ich mir die Muscheln und die Tochter die doppelte Portion Fritten hinein, beide leicht verwahrlost aber glücklich. Statt Dessert zeigte sie auf ein altertümliches Karussell, Holzpferde und Kutschen, Flugzeuge und bunt angemalte Elefanten.  Kinder und winkende Erwachsene. Wir setzten uns in eine Kutsche, winkten den Erwachsenen und waren so zufrieden mit uns wie im ganzen Urlaub nicht.

Da waren sie, die Momente, die wertvolle Erinnerungen schaffen. Die alles Gezanke überlagern können, die bleiben. Viel länger als eine Karussellfahrt.

Auf der Heimfahrt seufzt das unfassbare Kind: „Das war ein schöner Urlaub“.

31. Jul. 2018
von Tanja Weisz
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26. Jul. 2018
von Martin Benninghoff
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Tagesmutter: Eierlegende Wollmilchsau statt schräger Vogel

© Picture AllianceDie Auswahl einer Tagesmutter ist Vertrauenssache.

Elias weiß noch nicht, was ihn im nächsten Monat erwartet. Bisher drehte sich die Welt einzig und allein um ihn. Die Mama war nahezu Vollzeit für ihn da, unser Heim sein Kosmos, die Welt da draußen zwar ein Ausflugsziel, aber keines, wo es ihn nach festem Stundenplan hinzieht. Freundschaften mit anderen Kindern spielten für ihn eher eine untergeordnete Rolle, nur bei Besuchen und auf dem Spielplatz traf er auf Gleichaltrige. Die Welt muss für ihn so ausgesehen haben, als sei das ganze Leben so… schön, idyllisch.

Das wird sich ab August ändern, wenn unser 20 Monate alter Elias zur Tagesmutter und meine Frau wieder arbeiten geht. Aber weniger schön und weniger idyllisch wird es deswegen lange nicht. Es wird nur: anders.

Wir sind froh, dass der nächste Schritt in seiner und unserer Entwicklung endlich kommt, er wäre wohl schon früher eingetreten, hätten wir wegen Umzug nicht abwarten müssen. Und doch: Wenn das Kind aus dem Schutzraum zu Hause in die externe Betreuung wechselt (früher sagte man „Kindergartenkind“), dann ist das ein Schritt ins große Unbekannte. Wie wird das neue Familienleben funktionieren? Für Elias, der heute noch ein anderes Leben lebt als schon nächsten Monat? Für die Mutter, die sich auf den Job freut, aber auch ein Stück loslassen muss? Und für mich, da ich künftig in einem halbwegs starren Korsett eines geregelten Wochenablaufs stecke zwischen Kind hinbringen und Kind abholen – mit nur wenig Ausbruchsmöglichkeiten? Schon beim Schreiben dieser Zeilen wird mir ganz anders.

Aber kein Grund für Horrorgeschichten, Elias ist ja nur stundenweise in Betreuung: 20 Stunden wird er fürs erste zur Tagesmutter gehen, die wir nach einigem Suchen haben finden können. Das war nicht leicht, und an einen Kitaplatz war in der Rhein-Main-Region schon mal gar nicht zu denken. Also Tagesmutter, die möglichst eierlegende Wollmilchsau sein sollte. Eine, die zu bestimmten Zeiten kann. Zu der wir den Kleinen mal mittags bringen und an einem anderen Tag erst um 17 Uhr abholen können. Die sich darauf einlässt, dass die anderen Kinder morgens zum Frühstück gebracht werden, Elias aber erst am späteren Vormittag. Letztlich fand meine Frau eine geeignete Kandidatin, die zwar Wert auf ihre Tagesstrukturen und Rituale legt, aber auch offen für Sonderwünsche ist.

Geeignet – das muss ja keine Selbstverständlichkeit sein. In unserem Land, in dem man kein Moped ohne Versicherungskennzeichen fahren darf, ist das Tagesmuttergeschäft noch immer relativ ungeregelt, wobei sich manches verbessert hat und es mittlerweile auch gesetzliche Vorschriften gibt. Immerhin ist die Bindung ans Jugendamt gestärkt. Tagesmütter, die ganztags betreuen, müssen eine amtliche Pflegeerlaubnis vorweisen sowie ein makelloses Führungszeugnis und einen Gesundheitsnachweis. Geschützt ist der Beruf aber nicht (Journalist darf sich auch jeder nennen!), und eine langjährige Ausbildung wie Erzieher- und Erzieherinnen in Kitas genießen sie in der Regel auch nicht. Unsere hatte mal ein italienisches Restaurant. Auch nicht schlecht, dann schmeckt die Pasta bestimmt gut und nicht wie aus der Packung. Aber reicht das? (Übrigens: Es gibt auch Tagesväter, allerdings noch viel weniger als Tagesmütter.)

Wir haben uns persönlich ein Bild von ihr gemacht. Meine Frau war bei ihr, Tage später saß auch ich auf ihrem Wohnzimmersofa. Wir haben zwei Stunden geplaudert, uns ihre Räumlichkeiten angesehen, geschaut, ob die Chemie stimmt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass wichtig sein soll, ob die Tagesmutter bei dem Termin Kaffee kocht. Das hat sie dann wohl versäumt, aber wenn das alles ist? Wichtiger war für mich zu sehen, wie sie mit dem Kleinen umgeht, der im Hintergrund gespielt hat. Ob sie duldsam oder cholerisch reagiert? Souverän oder hektisch? Wir sind keine Hardcore-Alles-Muss-Perfekt-Sein-Eltern, die sofort klagen, wenn uns was krumm kommt. Aber wo weder Ausbildungsstandards noch Erfahrungsberichte Auskunft geben, braucht es andere vertrauensbildende Maßnahmen. Zumal es unter Tagesmüttern eine Reihe „schräge Vögel“ gibt, wie sich meine Frau auszudrücken pflegt – als Kinder- und Psychotherapeutin speist sich ihr Urteil aus der Berufspraxis.

Es ist ja nicht nur die Bastelstunde am Donnerstag, sondern ein großer Teil der Woche, die Elias künftig bei ihr im Haushalt verbringt, gemeinsam mit drei oder vier ihm noch fremden Kindern. Die Tagesmutter hat uns überzeugt im Umgang mit ihm, und gefallen hat uns ihre Motivation, sich in Kursen weiterzubilden, was sie einmal die Woche macht. Sie, die gar nicht mehr so jung ist, ist neugierig geblieben, nicht abgestumpft und lernbegierig – eine sympathische Einstellungsvoraussetzung. Der Rest, nun gut, da sind wir Anfänger und unerfahren, das werden wir sehen, wenn Elias erst einmal bei ihr ist.

Fragen, die uns bei der Auswahl geholfen haben:

Örtlichkeit

  • Ist die Wohnung geräumig, freundlich und sauber?
  • Gibt es genügend Spielzeug und Orte des Rückzugs für die Kinder?
  • Wo kann das Kind mittags schlafen?
  • Garten? Spielplatz in der Nähe?

Persönlichkeit

  • Ist die Tagesmutter offen und reagiert sie adäquat auf Nachfragen?
  • Welche Aus- und Weiterbildungen hat sie absolviert?
  • Kann man mit ihr eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen?
  • Wie ist das Umfeld? Eigene Familie, eigene Kinder?

Als erstes kommt die Eingewöhnung. Elias und meine Frau besuchen die Tagesmutter bereits in diesem Monat auf einem nahegelegenen Spielplatz, damit sich der Kleine an seine zukünftige Auch-Bezugsperson und die anderen Kleinkinder gewöhnen kann. Anfang August folgt die eigentliche Eingewöhnung, die ich ein paar Tage übernehme. Es ist sinnvoll, dass dies eine Person tut oder maximal zwei Personen, um das Kind nicht weiter zu verwirren. Für Elias wie für alle Kinder ist die Umstellung ein tiefer Einschnitt in den gewohnten Tagesrhythmus.

Kleinstkinder, die nur wenige Monate alt sind, gewöhnen sich am schnellsten ein, bei Älteren ist es schwieriger. Wir stellen uns das folgendermaßen vor: Am Anfang wollen wir den Kleinen für ein, zwei, drei Stunden in die Betreuung geben. Ich bleibe dabei, auch wenn ich mich im Hintergrund halte, im Zweifelsfall bin ich aber als Backup-Bezugsperson da – das soll Elias wissen. Vielleicht können wir die Dauer am dritten Tag steigern. Am vierten Tag sollte dann der erste Trennungsversuch folgen: Weint das Kind, und die Tagesmutter kann es auch nach einer angemessenen Zeit nicht beruhigen, kann man nochmal in den Raum gehen. Grundsätzlich ist es nicht unser Ding, aus allem den großen Abschied zu zelebrieren, das verunsichert das Kind nur. Aber natürlich sind nicht wir die, die das bestimmen, sondern Elias, dessen Reaktion ich beim besten Willen nicht vorhersehen kann. Da hat jedes Kind seine individuellen Eigenarten.

Nicht alles behagt: Es tritt neben den Eltern und der Familie eine weitere Bezugsperson in das Leben des Kindes, die – zeitlich gesehen – mehr vom Kind hat als zum Beispiel die Großeltern, die wegen der geografischen Distanz nicht immer zur Stelle sein können. Selbst die krude Vorstellung, dass sich Elias irgendwann mehr zur Tagesmutter hingezogen fühlen könnte als zu uns Eltern, keimt gelegentlich auf, auch wenn das ein wenig realistisches psychologisch bedingtes Mätzchen zu sein scheint. Die Schraubpresse, in die unser Alltag alleine durch die festen Zeiten der Tagesmutter gezurrt wird, gefällt mir nicht. Andererseits bringt eine Tagesmutter ein Mindestmaß an Flexibilität mit. Sie hat auch andere Vorteile im Vergleich zur größeren Kita: Das Kind ist in einer Kleingruppe untergebracht, der Betreuungsschlüssel ist im Vergleich zur Kita gut. Darin spiegelt sich auch so etwas wie ein Familienleben wider, inklusive Essens- und Schlafenszeiten im privateren Umfeld. Zudem ist die Tagesmutter eine konstante Bezugsperson, in der Kita wechseln die Erzieher und Erzieherinnen hingegen.

Aber es gibt auch Nachteile: Was passiert, wenn die Tagesmutter krank wird? Manche sind Netzwerken angeschlossen, so dass eine Kollegin einspringt, andere Einzelkämpferinnen. Ist sie ihrer Aufgabe gewachsen? Körperlich und mental? Und ist ihr Erziehungsstil und ihre Persönlichkeit wirklich das, was wir für den Kleinen erwarten? Das ist schwierig zu beurteilen, theoretisch könnten die ersten Eindrücke täuschen. Sollte es allerdings wirklich Probleme geben, kann man immer noch reagieren – aber von vorneherein das Schlimmste anzunehmen, wäre unrealistisch und ressentimentgeladen. Und: Eine Tagesmutter kostet natürlich. In unserem Fall wahrscheinlich um die 300 Euro im Monat, inklusive Verpflegung. Das Jugendamt hält durch Zuschüsse die Kosten insgesamt auf erträglichem Niveau.

Ob das in unserer grenzenlosen Naivität angedachte Arrangement klappt? Keine Ahnung, das werden wir schon sehen. Nicht alles wird perfekt funktionieren. Und wahrscheinlich wird Elias auch mal eine Träne weinen, andererseits wird es Zeit, dass er seinen Radius langsam aber sicher erweitert und ein wenig vom Rockzipfel vor allem der Mutter lässt und endlich mehr mit Gleichaltrigen zu tun bekommt. Und sollten sich Probleme auftun, hilft die alte Regel: Schätzungsweise 100 Milliarden Menschen lebten und starben bereits auf der Erde, mehr als sieben Milliarden bevölkern sie aktuell. Wir sind mit diesem Thema also nicht allein, auch wenn sich die Betreuungssituation in der, sagen wir mal, Jungsteinzeit doch ein wenig von der heutigen unterschied. Dafür lagen Wohnhütten und -höhlen näher am Arbeitsplatz. Aber das ist ein anderes Thema.

26. Jul. 2018
von Martin Benninghoff
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24. Jul. 2018
von Janosch Niebuhr
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Ehret die Muscheln, hortet die Bilder!

© Picture AllianceHerrlich, wenn sie basteln. Noch schöner, wenn man ihre Basteleien unauffällig entsorgen kann.

Es ist dieses kleine, miese Gefühl des Verrats. Verrat am eigenen Kind. Da hilft weder Logik noch Ablenkung. Auch das Wiegen in falscher Sicherheit, das Verlassen auf elterliche Raffinesse kann den Stachel nicht lösen, den ich mir selbst ins Herz gerammt habe: „Das wird sie schon nicht merken“ oder „Irgendwann ist dann auch wirklich kein Platz mehr“ oder „Ich hab ihr ja gesagt, dass ich mich gefreut habe“. Alles vergeblich. Die „guten Gründe“ sind keine mehr. Ich habe es tatsächlich getan. Und jetzt fühle ich mich… ach, egal.

Und so ist es passiert: Seit etwa sechs Monaten stand das von meiner jüngsten Tochter gebastelte Papp-Aquarium auf der Fensterbank in meinem Büro. Schuhschachtelgroß war es, auf der Innenseite mit blauem Tonpapier tapeziert, hier lebten bis vor kurzem eine rothaarige Meerjungfrau, zwei gelbe Fische, sechs Muscheln und ein grüner Zauberstein. In Art und Umfang ein beeindruckendes Erstlingswerk für eine Vierjährige, und ich war ehrlich begeistert, als sie es mir zeigte. Vielleicht war meine Begeisterung etwas übertrieben, jedenfalls stellte meine Jüngste mir sofort das Papp-Aquarium auf den Schreibtisch und sagte: „Schenk ich dir!“

Kunst liegt im Auge des Betrachters. Nur wohin mit ihr, wenn es täglich neue gibt?

Erwachsene sind selten auf so viel unreflektierte Herzensgüte vorbereitet. Oder auf spontane Gabendarreichungen außerhalb der dafür vorgesehenen Kalendertage. Denn im Laufe ihrer Sozialisation lernen sie, selbst kalkuliert zu schenken, sie wägen ab, das eigene Zeit- und Geldbudget fließt in ihre Überlegungen, Interessen und Vorlieben der zu Beschenkenden, Bildungshintergrund, Wohn- und Lebenssituation. Vor allem wollen Erwachsene mit Geschenken nicht peinlich sein oder lästig oder im Weg stehen. Sie wollen sich nicht verletzlich machen, nicht angreifbar durch ihre Gaben. Weshalb Erwachsene eher Amazon-Gutscheine verschenken als Selbstgemachtes. Oder sie verständigen sich gleich darauf, sich nichts mehr gegenseitig zu schenken, weil man „doch schon alles hat“ und selbst besser weiß, „was man wirklich braucht“.

Vierjährige stehen noch am Anfang dieser Sozialisation. Für sie sind Geschenke toll, also sollen jene Menschen Geschenke bekommen, die man gern hat. Egal wie lang der Abstand zum nächsten Gabenfest ist oder wie groß oder klein oder shabby chic das Geschenk ist. Auch weil das Ding, das Bild, das Papp-Aquarium, in das man so viel Energie und Zeit gesteckt hat, jetzt eine andere Bestimmung braucht – es ist ja fertig. Was Vierjährige – wie schon erwähnt – dabei notwendigerweise ignorieren, sind die Externalitäten ihrer guten Tat.

„Dann stellen wir das mal auf das Fensterbrett.“ Meine Begeisterung muss da schon etwas flachatmiger geklungen haben, aber meine Jüngste merkte davon nichts. Das Papp-Aquarium hatte seinen Platz in meinem Büro gefunden – neben dem selbstgebastelten Fotorahmen mit seinen quietschbunten Quadraten, den mir meine älteste Tochter geschenkt hatte, neben der aufgesägten Erdnussdose mit der aufgesteckten leeren Klopapierrolle („Fabrik mit Schornstein“) von der mittleren, neben dem Stapel mit noch unsortierten Aquarellen, Wachs-, Filz- und Holzmalstift-Gemälden. Die meisten dieser Werke sind klar adressiert, „für Papa von“. Bei anderen – wie dem Papp-Aquarium – ist der Eigentumsübertrag durch konkludentes Handeln oder mündliche Erklärung der Künstlerin erfolgt. Will heißen: Aus diesen Geschichten komme ich nicht mehr raus, ohne Gefühle zu verletzten.

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24. Jul. 2018
von Janosch Niebuhr
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19. Jul. 2018
von Chiara Schmucker
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Wider den Erstausstattungswahn!

© GettyHer mit den Babysachen! Irgendwann braucht man das bestimmt alles mal.

„Ich bin Minimalist“, sagte die Hebamme – und ich strahlte. Ich nämlich auch. Das war vor zwölf Wochen. Ich wollte keinen Kinderwagen anschaffen, keinen Wickeltisch, keine Wärmelampe, keine Babywanne und keinen Kinderkleiderschrank, der größer ist als mein eigener. „Ein Baby kommt absichtlich klein“, sagte ich immer. „Das hat einen Grund.“ Außer einem Tragetuch und ein paar Bodys wollte ich all das einfach auf mich zukommen lassen.

Doch heute muss ich gestehen: Ich habe es nicht geschafft. Der Sog der Babyerstausstattung hat mich erfasst und mit sich gerissen. In einer Mischung aus Verantwortungsgefühl, Nicht-nein-sagen-Können und Das-ist-jetzt-aber-wirklich-einmal-besonders-niedlich-oder-absolut-praktisch-und-das-müssen-wir-einfach-haben stapeln sich im künftigen Kinderzimmer jetzt Reisebett und Babybay, Kinderwagen mit Sportsitz, Wanne und Maxi-Cosi, eine Wiege samt Himmel, Tragetücher und eine komplette Garderobe in Größe 50 bis 68 – genug für die ersten drei Monate im Leben eines Würmchens, das momentan die Größe einer Ananas hat und sich nicht für Wolle-Seide-Bodys, Nestchen, erste Stofftiere oder Wickelaccessoires interessiert. Mein Mann sagt: „Reicht bis zum Abitur.“

Das Schlimmste daran: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich am Ende bin. Mal fällt mir mitten in der Nacht ein, dass ich noch kein Mobile für über den Wickeltisch habe („aber womit soll das Kind sich denn dann zehnmal am Tag beschäftigen?“), dann erzählt mir eine Freundin, dass das Wichtigste am Kinderwagen das Sonnensegel ist – denn schnöde abgehängt mit einem Tuch könne die Luft im Wagen nicht zirkulieren. Schon sehe ich mein armes Baby wild gestikulierend, schwitzend und schreiend unter einer Stoffwindel im Kinderwagen liegen, nur weil ich in einem Anflug von Übermut glaubte, abwarten zu können, welche Anschaffungen wirklich sinnvoll sind. Ich will später nicht schuld sein, wenn mein Baby eine Aversion gegen den Kinderwagen entwickelt. Also kaufe ich nicht nur Sonnendach, sondern die passende, originale Regenhülle direkt mit. Könnte sein, dass das No-Name-Produkt für unseren Kinderwagen zu groß ist, sagt die Verkäuferin im Babyladen, die inzwischen zu meiner Vertrauten geworden ist. Kein Problem, wenn es doppelt so viel kostet wie im Drogeriemarkt. Nur das Beste für das Kind.

Das mag sich nun alles sehr lustig anhören. Die Wahrheit ist: Es ist verdammt schwierig, sich dem Erstaustattungswahn zu widersetzen. Gerade beim ersten Kind. Denn bei vielen Produkten schwingt mit, dass sie vor allem aus Sicherheitsgründen unentbehrlich sind – oder dass eben alle sie haben. Auch Gespräche mit Freundinnen sind nicht immer zielführend. Die eine Freundin rät dringend zum Wickeleimer, die andere sagt, das sei nicht sooo wichtig, aber man solle auf jeden Fall in Nachtlichter und gute Babyphones investieren, am besten mit Kamera, dann könne man später auch schauen, ob das Kleinkind sich beim Legospielen verschluckt oder die Wickelkommode ausräumt, wenn es wieder einmal verdächtig still ist.

Ich schaue mir Youtube-Videos über die größten Fehlkäufe an und denke: Okay, es geht immer noch verrückter. Ein Kopf-Anschlagsschutz für die Wickeltischkante, ein Cooler für Prenahrung, eine Schildkrötenlampe, die Sterne an die Zimmerdecke projiziert, oder ein Schirmchen für den Kinderwagen, das vor allem dem Kind im Gesicht baumelt – immerhin habe ich das nicht angeschafft. Zumindest noch nicht.

Nun ist unsere Wohnung nicht besonders groß, und tatsächlich habe ich viele Anschaffungen weniger für mich als für die Menschen getätigt, deren Hilfe ich brauchen werde, wenn ich bald auch wieder ein bisschen Zeit für mich haben möchte. Oder kann ich ernsthaft von meinen Schwiegereltern verlangen, dass sie sich bei 30 Grad einen transpirierenden Säugling um den Bauch binden oder bei Glatteis einen Maxi-Cosi über den eisigen Bordstein bugsieren, nur weil ich keinen Kinderwagen will? Wickelt mein Mann genauso gerne im Sitzen wie ich? Vielleicht noch animiert von dem Hinweis, dass die meisten Unfälle von Babys Stürze vom Wickeltisch sind? Vielleicht sind die Anschaffungen doch nicht so überflüssig, wie ich anfangs dachte. Und außerdem ist vieles ohnehin geliehen oder geschenkt.

Ich hoffe nur eins: Dass ich den Absprung finde, wenn ich feststelle, dass Windeleimer oder Tragehilfe, Beistellbettchen oder Wickeltisch doch nicht zu uns passen. Denn wie sagte die Hebamme: Sie kaufen das ja alles für sich, nicht für mich. Stimmt nicht ganz: Ich kaufe es für mein Baby, für mich, aber eben auch ein bisschen für die anderen.

19. Jul. 2018
von Chiara Schmucker
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17. Jul. 2018
von Anna Wronska
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Die wichtigsten Randfiguren unserer Gesellschaft

© Picture AllianceFriedlich und konzentriert: So haben diese Kinder vermutlich für ungefähr 12 Sekunden in diesem Kreis gesessen. (Finden Sie die Erzieherin?)

Wenn ich meinen Sohn von der Kita abhole, bleiben mir manchmal ein paar Minuten, um ihn zu beobachten, bevor er mich bemerkt oder irgendjemand krakeelt: „BEN! ABGEHOLT!!!“ In diesen Momenten sehe ich zu, wie er sich als Teil eines ersten sozialen Gefüges außerhalb der Familie benimmt, wie er mit anderen spielt, spricht oder streitet. Meistens ist das überaus beglückend: Mein Kind hat seinen Platz in dieser Gruppe, und es geht ihm gut.

In der Regel ist dann auch mindestens einer der (weiblichen und immerhin auch zwei männlichen) Erzieher in der Nähe, und es ist ebenso interessant zu beobachten, wie sie sich als „Rudelführer“ verhalten und von den Kindern als solche auch akzeptiert werden. Ein Gedanke drängt sich mir dabei immer wieder auf: Wie schaffen die das, mit bis zu 30 dieser Kinder gleichzeitig? Jeden Tag?! Ohne dass es ihre eigenen sind? (Letzteres scheint mir bei Eltern eine extrem hilfreiche Einrichtung der Evolution zu sein: Die emotionale Bindung an sein Kind begrenzt die Momente, in denen man es an fahrende Händler verkaufen oder auch verschenken möchte.)

Spricht man diesen Gedanken aus, erntet man meist nur ein müdes Lächeln der Erzieher, wobei müde hier mitunter wörtlich zu nehmen ist. Dabei hat er einen ernsten Kern. Die jüngsten Kinder in unserer altersgemischten Kita sind gerade mal ein Jahr alt, die ältesten sechs. Man darf davon ausgehen, dass jedes von ihnen das Wertvollste im Leben seiner Erziehungsberechtigten ist. Und dass jedes von ihnen auf seine Art Aufsicht und Zuwendung braucht. Ein Gedanke, der mir wenige Tage nach Bens Geburt das erste Mal und seitdem immer wieder mal durch den Kopf ging: Wenn man so einen kleinen Menschen sich selbst überlässt, physisch und/oder emotional, dann geht er einfach tot. Für das Universum mögen wir ein Niemand sein, aber für unsere Kinder sind wir ganz schön wichtig.

Wenn wir selbst nicht für sie da sein können, weil die meisten von uns arbeiten müssen oder wollen oder beides, muss diesen Job zeitweise jemand anderes übernehmen. Beispielsweise die Erzieherinnen und Erzieher in der Kita. Wir geben also unsere Kinder in die Obhut dieser Menschen, auf dass sie sie für einen Teil des Tages 1. am Leben erhalten und 2. idealerweise daran mitwirken, sie zu anständigen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen.

Und dann passiert etwas Eigenartiges: Wir gewöhnen uns daran, dass das einfach so funktioniert. Auch mein Mann und ich sind darauf angewiesen. Das Problem dabei ist weniger die Gewöhnung, sondern das „einfach so“. Denn so einfach geht das nicht. Kinder machen ja nicht nur Lärm und Dreck oder hauen und zanken. Ab einem gewissen Alter fordern sie einen mit ziemlich komplizierten Fragen heraus. „Warum können denn nicht beide Fußballteams gewinnen? Dann muss keiner traurig sein!“ Oder: „Sterben wir Menschen auch aus, so wie die Dinos? Sterbe ich dann auch?“ Sie blicken zu uns Erwachsenen – ob Eltern oder andere Bezugspersonen – auf, nehmen sich ein Beispiel an uns und glauben uns jedes Wort. Diese Verantwortung wiegt ganz schön schwer. Nicht zuletzt müssen Erzieherinnen und Erzieher bisweilen auch noch „nebenbei“ versuchen, auszubügeln, was in  den Familien schief läuft. Immerhin: Sie haben in der Regel Erfahrung in solchen Dingen und vor allem eine gewisse Distanz zu ihren Schützlingen. Sie können und müssen im Alltag, gerade im Umgang mit Gefahren und Konflikten, gelassener bleiben.

Es mag sein, dass nicht alle Erzieher für ihren Beruf brennen, ihn als gesellschaftliche Verantwortung und als ihre Lebensaufgabe begreifen. Aber ich glaube, dass es doch die meisten von ihnen tun. Denn einer Sache kann man sich relativ sicher sein: Sie machen ihren Job nicht für das Geld. Und nicht für die gesellschaftliche Anerkennung.

Das führt zu einer Reihe von Fragen, auf die ich einfach keine Antwort finde: Wie konnte es passieren, dass Menschen, die sich beruflich um Kinder kümmern, in dieser Gesellschaft so eine Randnotiz sind – wo sie Eltern doch in der wichtigsten aller Aufgaben unterstützen? Wo doch ebenjene Gesellschaft mehr denn je auf die Mitarbeit aller ihrer Ebenen angewiesen ist, damit der Anstand nicht verloren geht, damit Menschen mit Herz und Verstand „nachwachsen“? Oder, meinetwegen ökonomisch argumentiert: Wo doch ein großer Teil des Erfolgs unserer Wirtschaft darauf beruht, dass Eltern berufstätig sein können? Warum verdienen Erzieherinnen und Erzieher trotzdem im Durchschnitt oft weniger als 2600 Euro brutto (öffentlicher Dienst), Kinderpfleger rund 2200 Euro? Und wie kann es eigentlich sein, dass ich in Berlin für einen Ganztags-Kitaplatz lediglich 23 Euro Verpflegungsgeld bezahle, während es in Bayern rund 700 Euro für einen Halbtagsplatz wären?

Bei uns muss die Kita die Eltern jedes Mal separat anzapfen, wenn beispielsweise ein größerer Ausflug oder ein Fest geplant wird. Sie hängt dann Listen aus, in die man eintragen kann, was man spendet. Ein Mal habe ich angekreuzt, dass ich auch eine Packung Kaffeepads für die Erzieher mitbringe, und als eine Mitarbeiterin später etwas verschämt zu mir sagte, sie sei nicht sicher gewesen, ob sie „so was“ auch in die Liste aufnehmen dürften, hätte ich sie fast in den Arm genommen. Das hätte sie ohnehin verdient, weil sie trotz der widrigen Umstände eine motivierte und engagierte Erzieherin ist.

Sind die Erzieher im teuren Bayern folglich noch viel motivierter (weil besser bezahlt?), sind Kinder zufriedener als hier in Berlin, ist die Ausstattung besser? Ich weiß es nicht, aber ich ahne, dass diese Rechnung nicht aufgeht und das Finanzierungsmodell in der Kinderbetreuung einer grundlegenden Überarbeitung bedarf. Es kann nicht sein, dass der Wohnort oder das Haushaltseinkommen darüber entscheidet, ob ein Kind gut betreut wird. Und dass der Beruf des Kinderpflegers oder Erziehers etwas für Idealisten ist – nicht aber für Menschen in Ballungsräumen mit 12 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter, die womöglich auch mal eigene Kinder bekommen möchten und die irgendwie ernähren müssen.

Das Traurige ist: Es wird nicht gelingen, den Erziehern auf einen Schlag die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie schon immer verdienen. Es bräuchte einen grundlegenden Wertewandel, hin dazu, jene Menschen stärker zu würdigen, die sich beruflich um andere Menschen kümmern. Vielleicht trägt die Digitalisierung dazu bei – jedenfalls hoffe ich sehr, dass auch in Zukunft keine Roboter, sondern Menschen unseren Kindern ihre Fragen beantworten und sie trösten, wenn sie sich in der Kita das Knie aufgeschlagen haben. Das Gute ist: Wir können als Eltern schon jetzt etwas für diesen Wandel tun, und es kostet auch gar nicht viel. Es muss ja nicht gleich eine Umarmung sein; aber wir können beim Abholen des Kindes täglich eine Sekunde innehalten für einen gar nicht so banalen Satz wie diesen: „Ich danke euch! Bis morgen!“

17. Jul. 2018
von Anna Wronska
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12. Jul. 2018
von Martin Benninghoff
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Viel besser als in Spaßbädern!

© Picture AllianceKinder in den Bergen: Passt das?

Für einen Tag durfte ich mich wie Reinhold Messner fühlen. Frei. Ungebunden. Im Alleingang auf die Gipfel. Ohne Zuhilfenahme von Hilfsmitteln, im puristischen Alpinstil eben. Ohne den Aufwand einer Expeditionslogistik. Ja, denn so fühlt es sich normalerweise an, wenn meine Frau, unser 20 Monate alter Sohn Elias und ich im Hochgebirge unterwegs sind, und wir für den Kleinen Cracker, Früchte, Brot, Käse, Trinkflasche, Sonnenhut, Sonnencreme, Strumpfhose, Hose zum Wechseln, T-Shirt zum Wechseln, Fleece, Windeln und Regenjacke einpacken und eine Sonnenbrille, die er ohnehin niemals aufsetzt. Selbstredend bin ich dabei in Personalunion Gipfelaspirant und Basislager-Sherpa, schleppe genannte Utensilien wie ein Yak zwischen Baumgrenze und Gletscherseen und natürlich auch wieder zurück, da er die meisten Nahrungsmittel in der Höhe sowieso verschmäht.

Was hatte sich mir in der vergangenen Woche also eine Chance eröffnet, als mir meine Frau mitteilte, wegen ihrer Erkältung an diesem Tage nichts unternehmen zu können und doch lieber mit Elias im Tal bleiben zu wollen. Hosianna, eine argumentative Steilvorlage, um mit gutem Gewissen einen Ego-Trip ins Gebirge zu unternehmen. Ganz alleine! Ohne Vorräte für die nächsten drei Jahre, nur mein kleiner Rucksack und ich. Herrlich! Das Kind mitnehmen? Wäre doch unverantwortlich, was, wenn ich mir einen Fuß bräche, und der Kleine alleine auf sich gestellt plötzlich dort oben ausharren müsste? Nein, nein, das lassen wir mal lieber sein. Die Fakten sprachen definitiv für meinen Alleingang, und der elterlichen Vernunft soll man nicht widersprechen.

Vom Mölltal  im österreichischen Kärnten stieg ich über die Nossberger Hütte und die Niedere Gradenscharte auf 2800 Metern Seehöhe zur Lienzer Hütte im Osttiroler Debanttal. Die schwere „Deuter“-Trage hatte ich zuhause gelassen, ebenso wie die schweren Gedanken, die sonst permanent beim Kind hinten in der Trage lagern: Ist dem Kleinen zu kalt? Warum schläft er so lange? Schadet ihm die Höhe? Einfach nur steigen, dem inneren Trott folgen, Alpenrosen anstarren, an vereisten Bergseen hocken und Murmeltiere erschrecken. Herrlich! Aber wie es so ist, hängen die Gedanken dann doch irgendwann wieder beim Kind: Wäre das nicht auch nett für den Kleinen hier? Und: Passen Kleinkinder und Hochgebirge überhaupt zusammen? Schwierige Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe – und die mir auch an diesem Tag wieder ins Bewusstsein rückte.

Wenige Meter unterhalb der drahtseilversicherten Scharte stieg mir ein Vater mit seinem schätzungsweise drei Jahre alten Sohn entgegen. Der Vater sah aus wie ein Bergführer oder wie Leute, die eben aussehen wollen wie ein Bergführer. Teure Funktionskleidung, die von „Mammut“, Gletscherbrille, sonnengebräunter Skilehrer-Teint. Der Sohn hockte lässig und entspannt auf den Schultern, während sich der Vater eher wie eine alte Dampfzahnradbahn am steilsten Streckenabschnitt den Berg hinauf quälte. Also doch kein Bergführer. Die beiden hätten ein tolles Paar für den Katalog „Unverantwortlich, aber größtmöglich cool“ abgegeben. Weiter unten schleppte ein Vater, im normalen Leben wohl eher couch potatoe denn Spitzenbergsteiger, seine vielleicht vier Jahre alte Tochter in einer Trage den Hang hinauf, schwitzend, schnaufend, schlecht gelaunt statt freundlich grüßend. Kurz darauf schob eine Mutter ihren sieben oder acht Jahre alten Sohn mit der flachen Hand unterm Hintern voran, und der Junge sah nicht so aus, als wolle er dem Geröllhang noch einen Höhenmeter abtrotzen. Ist das noch kindgerecht oder schon unverantwortlich?

Die Frage treibt mich um, seit wir mit dem kleinen Elias in die Berge fahren. Wahrscheinlich muss man sich selbst gegenüber so ehrlich sein und zugeben, dass es geeignetere Reiseorte für Klein- und Kleinstkinder gibt als alpine Regionen. Natürliche Strände, wo die Kinder buddeln können, und künstliche Badelandschaften zum Beispiel, wo sie in lustig-bunten Rutschen dem Wellental entgegen schlittern. Aber was nutzt es dem Nachwuchs, wenn der Vater wegen schlechter Laune im Spaßbad kurz vorm Amoklauf steht, weil er die ganze fritten- und chlorgeruchgeschwängerte Umgebung selbst unter Ausreizung sämtlicher Toleranzspeicher nicht eine Sekunde ertragen kann? Oder ihm der Bissen am Cluburlaub-Massenspeisungsbuffet im Hals stecken bleiben würde, so dass sich die Abneigung schon in bloßem Gedanken als psychologische Schmierinfektion in eine ernsthaft-somatische Magen-Darm-Erkrankung transformiert? Die gute Laune wäre ohnehin nur Fiktion, und aus dem Spaß- würde schnell ein Hassbad. Dieser Preis wäre selbst fürs Kindeswohl zu hoch.

Also fuhren wir im vergangenen Jahr in die Berge, obwohl der Kleine gerade einmal ein Dreivierteljahr auf dem Buckel hatte – und dieses Jahr wieder. Natürlich beherzigten wir die Regeln der Anpassung, schraubten unser Tourenprogramm bis zur Unkenntlichkeit auf das Mindestmaß herunter und sorgten für eine langsame Höhenakklimatisierung. Für Kleinstkinder sollte bei 2000 Höhenmetern Schluss sein, dort oben nimmt der Mensch in etwa so viel Sauerstoff im Blut auf wie in den künstlich erzeugten Druckverhältnissen im Flugzeug. Auch sollten sie nicht länger als vier Stunden am Tag bewegungsunfähig in der Trage sitzen, immer genügend trinken und vor der Sonne und Kälte geschützt sein. Hundertprozentig vernünftig haben wir uns damals nicht verhalten: Als wir Elias einmal auf 2500 Höhenmeter in die hochalpine Region mitnahmen, gefiel uns nach einer Zeit sein Allgemeinzustand nicht wirklich, er wirkte müder und passiver als sonst. Also stiegen wir sofort ab. Wären wir gleich besser in niedrigeren Gefilden geblieben. Passiert ist nichts, aber schön war anders.

Ein solcher Fehler ist uns nicht mehr passiert. Mittlerweile ist Elias mit seinen 20 Monaten ohnehin stabil genug fürs Hochgebirge. Kleinkinder wie er können bei entsprechender sorgfältiger Höhenanpassung bis zur 2500- oder (bei optimalen Wetterbedingungen) gar bis zur 3000-Meter-Marke aufsteigen, allerdings müssen Eltern unbedingt auf die Hitze und Kälte achten. Das Kind kühlt unheimlich schnell aus oder überhitzt. Solange Elias begierig in der Landschaft herumschaut und mit den Murmeltieren schäkert, kein Problem. Während er schläft, kontrollieren wir aber häufiger seinen Allgemeinzustand, sorgen zwischendrin für ausreichend Pausen und Abwechslung beim langem Sitzen in der Trage. Und für spannende Pausen in Alpenvereinshütten oder Almen, die was für Kinder bieten, wie Spielgeräte, Alpakas im Garten, oder Bäche vor der Tür, wo sich Staudämme bauen lassen. Das Hochgebirge ist eine abwechslungsreiche Spielwiese voller Kraxeleien und Aktivitätsangeboten – schöne Aussichten und Panoramen interessieren Kinder natürlich nicht.

Letztlich ist am wichtigsten, dass die Eltern kinderfreundliche Touren planen, die deutlich unterhalb ihrer eigenen Leistungsgrenze angesiedelt sind, damit immer Kraftreserven und genügend Erfahrung mit im Rucksack sind. Und dass die Touren insgesamt nicht länger als vier, fünf Stunden dauern und schnelle Abstiege jederzeit möglich sind. Über die Niedere Gradenscharte hätte ich Elias also locker mitnehmen können, über den Stüdlgrat am Großglockner, eine mittelschwere Kletterei, allerdings natürlich nicht. Wenn man das beherzigt, lassen sich die Interessen der Eltern mit denen der Kinder einigermaßen unter einen Hut bekommen. Nicht immer und nicht perfekt. Aber einigermaßen harmonisch. So harmonisch, wie der Besuch im Spaßbad niemals sein könnte. Dann schon lieber Murmeltiere erschrecken!

12. Jul. 2018
von Martin Benninghoff
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10. Jul. 2018
von Janosch Niebuhr
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Helft mit, liebe Kinder, sonst verklage ich euch! Es ist zu eurem Besten

© Picture AllianceEindeutig ein gestelltes Foto – Kinder lächeln nicht, wenn sie im Haushalt mithelfen sollen.

Der Paragraph 1619 des Bürgerlichen Gesetzbuchs hätte mein Lieblingsparagraph werden können. Mit ihm hätten sich ein für alle Mal diese anstrengenden Diskussionen in unserer Familie beenden lassen können. Nie wieder bitten, schimpfen, flehen, nie wieder bestechen müssen, bestrafen, drohen. Einfach nur diesen wunderschönen juristischen Schachtelsatz mit seinen 37 Wörtern zitieren – und Ruhe wär‘: „Das Kind ist, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten.“ Und dann und wann hätte ich noch die Überschrift erwähnt, mit würdevoller Stimme: „Bürgerliches Gesetzbuch (BGB).“, „Paragraph 1619“, „Dienstleistungen in Haus und Geschäft“.

Das Kind. Ist verpflichtet. Den Eltern. Dienste zu leisten. Ja, liebe Kinder – das ist geltendes Recht! Und da ist mehr gemeint, als mal einen Trampelpfad im eigenen Zimmer freizuräumen oder die eigenen Kleider kategorienfrei im Schrank zu verteilen. „Hauswesen und Geschäft“ heißt es hier allumfassend. Und da fällt mir eine ganze Menge ein, von A wie Abfalleimer leeren bis Z wie Zahnpastaspritzer vom Badezimmerspiegel kratzen.

Wie gesagt: Paragraph 1619 BGB hätte das Zeug gehabt, mein juristischer All-Time-Star zu werden. Er hätte spielend Hesses Stufengedicht in meinem Langzeitgedächtnis ersetzen können. Aber dann habe ich es tatsächlich mal versucht mit der juristischen Keule. Nach dem Mittagessen. Was natürlich der härteste aller möglichen Realitätschecks ist.
„Eine von euch räumt jetzt die Spülmaschine aus, die andere deckt ab.“ Keine Reaktion.
„Wisst ihr eigentlich, dass Kinder im Haushalt mithelfen MÜSSEN. Das steht sogar im Gesetz.“

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10. Jul. 2018
von Janosch Niebuhr
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05. Jul. 2018
von Tanja Weisz
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Die fremden Freunde aus dem Internet

 

Neulich war sie wieder bei uns. Das nette grünhaarige Nerd Girl, das meine Tochter bereits im Alter von zwölf Jahren im Internet kennen gelernt hatte. Die beiden verkrochen sich stundenlang in ihre Zimmerhöhle, sahen Filme, hörten Musik, ernährten sich still bescheiden von Rührei am Morgen und Pizza am Abend, und gingen sogar ab und zu an die frische Luft, um sich etwas Sonne auf die Nerdnäschen scheinen zu lassen.

Die beiden treffen sich seit einem Jahr in jeder Ferienzeit, mal bei uns, mal bei der anderen Familie. Und wenn sie nicht zusammen in einem Raum sind, verbindet sie ihr Messenger zu jeder Tageszeit.

Man könnte das ja schräg nennen, dieses Kennenlernen übers Internet. Sollte man nicht eher Freunde in der Schule oder der Freizeit suchen, vor der Haustür, in der gleichen Stadt? Und ist das nicht ein Zeichen sozialer Kompatibilität, dass man lernt, sich mit dem Menschenpool in greifbarer Nähe auseinander zu setzen und sich einige davon zu Freunden zu machen?
Ja, das hab ich auch mal gedacht.

Aber dann erzählte meine Tochter von ihrer neuen Freundin, mit der sie Dinge online bespricht. Ich wollte nicht allzu skeptisch wirken, aber die wirkliche drängende Frage, woher sie denn wisse, dass dieses Wesen kein 35 jahre alter Mann sei, kam ganz ohne mein Zutun über meine Lippen.

Tochter: „Na, wir haben doch schon geskyped, ich weiß, wie sie aussieht!“

Mutter: „Du hast einen Skype-Account???“

(Einer dieser Momente, in denen man sich über die Umsicht der eigenen Brut freuen sollte, man aber trotzdem gerade in eine andere Ohnmacht fällt.)

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05. Jul. 2018
von Tanja Weisz
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03. Jul. 2018
von Anna Wronska
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Und raus bist du

© Picture AllianceWar’s das mit der Karriere? Für Herzogin Catherine (hier mit Baby Louis auf dem Arm) war diese Frage schon mit der Heirat in die Königsfamilie beantwortet. Anderen stellt sie sich später.

Vergangene Woche war plötzlich mein letzter Arbeitstag. Die letzten Wochen vor der Babypause waren nur so an mir vorbeigerauscht. Das große Kundenprojekt, in das ich mein ganzes Herzblut gesteckt hatte, übernehmen jetzt die Kollegen. Und ich sortiere Babyklamotten.

Jammert die etwa, fragen Sie? Nein, tut sie nicht. Aber ich definiere mich nun mal auch über meinen Beruf, er gehört zu mir. Die Aufgaben und die Menschen, denen man sich im Job stellt: Das macht etwas mit einem. Man wird gesehen, man wird gebraucht, und man wird bezahlt. Als Mutter (oder Vater) in Babypause bzw. Elternzeit wird man „nur“ noch gebraucht – freilich auf eine existenzielle Art und Weise. Anerkennung gibt es hier in einer ganz anderen Dimension. Es kommt etwas unfassbar großes Neues, aber es geht, zumindest temporär, auch etwas verloren. Daran musste ich mich auch vor und nach der Geburt meines ersten Sohnes erst gewöhnen.

Nun ist dieses mulmige Gefühl wieder da. Ich bin bestimmt schon aus dem E-Mail-Verteiler gelöscht, es meldet sich gar keiner mehr… Bin ich jetzt schon wieder weg vom Fenster? Der letzte Wiedereinstieg ins Berufsleben ist noch nicht lange her; kriege ich das noch einmal hin? Und wie sieht dieses Leben künftig aus, mit zwei Kindern? Fakt ist: Nach der Geburt von Ben vor fast vier Jahren bin ich nie in meinen alten Job in der Medienbranche zurückgekehrt; der Führungsposten, den ich mir kurze Zeit zuvor hart erarbeitet hatte, war futsch (was allerdings in erster Linie an unserem Umzug lag). In Berlin bin ich, in einem teilzeitkompatiblen Bereich der Kommunikation und ohne Führungsverantwortung, wieder eingestiegen, als Ben noch keine zwei Jahre alt war. Ich wollte wieder arbeiten, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ihn jeden Tag für acht Stunden und mehr abzugeben. Im Berater-Sprech nennt man es wohl „Downshifting“ – die Karriereleiter hinuntersteigen.

Musste das so kommen? Nein, ich hätte ja auch in Vollzeit wieder einsteigen und versuchen können, halbwegs nahtlos an die Elternzeit anzuknüpfen. Es gibt Mütter, die das tun – freiwillig oder unfreiwillig. Ich habe freiwillig darauf verzichtet. Mit wachsendem Babybauch wuchs mein Bedürfnis nach einer Auszeit von der Jagd nach dieser „Karriere“. Denn die brachte neben viel Freude und Bestätigung auch reichlich Frust, Selbstzweifel und Arbeitstage, die auch abends im Bett nicht endeten und im Kopf sowieso niemals.

Vielleicht hätte mich das ohne die Schwangerschaft irgendwann zermürbt, vielleicht auch nicht. Aber es kam mir gelegen, mich dieser neuen Aufgabe zu widmen, von der ich ahnte, dass sie größer ist als mein berufliches Ego. Ich habe also meine Karriere gegen mein Kind getauscht. Und auch wenn ich das nie bereut habe, fällt es schwer, das auszusprechen. Denn wahrscheinlich wirkt es in Zeiten der (längst nicht vollendeten) Emanzipation wie ein Verrat an jenen, die für sie kämpfen. Dabei bin ich auch Feministin! Aber ich werde mich nicht entschuldigen. Denn ich habe mich entschieden.

Ich will nicht behaupten, dass sich Kind und Karriere zwangsläufig gegenseitig ausschließen. Ich kenne Mütter in Führungspositionen, die auf Podien über New Work und Work-Life-Balance referieren; die ihre Arbeitgeber dafür preisen, dass sie dank neuster Technik heutzutage immer und von überall für sie arbeiten können. Die beim Lunch-Treffen mit den Kids noch kurz was in den Laptop hämmern, auf dem Spielplatz ein paar Mails beantworten, kleinen Moment noch, dann guck ich wieder, Schatz. Und die damit glücklich und zufrieden sind.

Ich habe das selbst ausprobiert und nach meiner Rückkehr ins Berufsleben, trotz Teilzeit und auch ohne Führungsposten, sehr viele Mails auf Spielplätzen beantwortet. Ich habe im Home Office mit einem Kunden telefoniert, während mein Kind neben mir auf die Dielen kotzte. Und festgestellt: Das tat meinem Sohn nicht gut, und mir auch nicht. Ich will keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn das nichts anderes als die Summe und damit letztlich die Vermischung von beidem bedeutet. Denn mehr als 100 Prozent kann ich nicht geben, schon gar nicht für mehrere Sachen gleichzeitig. Muss man alles wollen, was man (unter großen Opfern) schaffen könnte?

So wie ich den Feminismus bzw. den Kampf für Emanzipation verstehe, geht es ihm um Wahlfreiheit – und nicht so sehr darum, wie das Ergebnis dieser Wahl ausfällt. In meinem Fall ist es eben zufällig das konservative Modell. Das eigentlich Schlimme ist doch aber, wenn es diese Wahlfreiheit nicht gibt.  Wenn Eltern die Entscheidung, wie viel Beruf/Karriere und wie viel Familie sie sich „leisten“, nicht frei treffen können. Und das ist leider sehr, sehr oft so. Die alleinerziehende Mutter hat in der Regel keine andere Wahl, als schnell nach der Geburt und in Vollzeit wieder in den Job zurückzukehren. Das hat dann nichts mit Karriereambitionen, sondern mit purer Existenzangst zu tun. Frustrierend ist auch, wenn der Gehaltsunterschied zwischen den Eltern so groß ist, dass der schlechter bezahlte Elternteil – meist ist es die Frau – beruflich kürzer treten muss, weil die finanziellen Einbußen zu groß wären, wenn es der andere über längere Zeit täte.

Letzteres wäre übrigens auch bei uns der Fall. Mein Mann verdient um einiges besser als ich. Er hat sich zwar nie gegen den Ernährer-Part gesträubt – ehrlich gesagt wurde er aber auch schlicht nie gefragt, ob er es nicht lieber (zumindest zeitweise) umgekehrt hätte. Insofern war die Wahl, die wir getroffen haben, auch nicht völlig frei von äußeren Umständen. Allerdings wäre es bei uns mit großer Wahrscheinlichkeit selbst bei ähnlicher Bezahlung auf das Modell hinausgelaufen, das wir jetzt planen: Mein Mann nimmt zwei Vätermonate und etwas Urlaub, und für mich ist die Karriere erneut auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Weil es für uns beide – nicht nur für mich – so okay ist und wir uns gegenseitig unterstützen.

Das berufliche Ego ist derweil noch da. Es hält sich im Moment im Hintergrund. Früher oder später wird es sich wieder melden. Wenn mit den Kindern alles gut ist. Ob das dann in eine echte Karriere mündet oder einfach „nur“ in einen Job, der mir hilft, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und nicht sehenden Auges in die Altersarmut zu rutschen, weiß ich nicht. Vorerst habe ich mit meinem Kind, bald mit zweien, den Job meines Lebens.

03. Jul. 2018
von Anna Wronska
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28. Jun. 2018
von Chiara Schmucker
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Ist die schwanger – oder einfach nur fett?

© Picture AllianceNabelschau, aber von außen: Plötzlich gucken alle auf den Bauch.

Ein kleines blaues Plus auf einem Plastikstäbchen – und für einen Moment steht die Zeit still. Der positive Schwangerschaftstest, wie nah liegen Freude und Unsicherheit zusammen. Der erste Besuch bei der Frauenärztin, das erste Mal das winzige Herz schlagen sehen, und dann das bange Warten auf die 12. Woche, nach der die Schwangerschaft erst richtig „sitzt“, wie die Hebammen sagen. Was für ein Auf und Ab der Gefühle.

Ein Baby zu erwarten, ist eine besondere Zeit. Alles verändert sich. Die Gedanken, die Pläne für die kommenden Monate und Jahre, und ja, natürlich auch der Körper. Und damit beginnt ein merkwürdiger Mechanismus, ich nenne ihn gerne „die Bauchfixierung“.

Als eine Freundin zum ersten Mal mit den Augen auf meinem Bauch verharrte und dann sagte: „Vierter Monat? Man sieht ja noch gar nichts. Du musst mal richtig essen“, war ich noch sehr irritiert. Bislang hatten meine Essgewohnheiten außer mir selbst niemanden interessiert. Plötzlich stand mein Bauch im Fokus des Interesses. Zu klein, zu groß, zu fest, zu schwabbelig – mein Bauch und ich, und wie ich nach und nach bemerken sollte: auch die Bäuche anderer Schwangerer – wurden eine öffentliche Angelegenheit, daran sollte ich mich gewöhnen. Dabei war die erste zaghafte Wölbung unter meinem T-Shirt ja auch für mich selbst ungewohnt. 15 Jahre lang hatte mein Körper – mit einigen kleinen Auf und Abs – doch weitgehend gleich ausgesehen. Auf einmal beobachtete mein Umfeld sehr genau die zentimeterweisen Veränderungen zwischen Hosenbund und Pulloverrand. Aber der Bauch blieb erst mal so, wie er war: quasi nicht vorhanden.

„Bei der Kollegin aus dem dritten Stock sieht man schon richtig viel“, sagte eine Büronachbarin und klang dabei fast vorwurfsvoll. Schließlich sei die nur zwei Wochen weiter als ich. Der Kurstrainer im Sportverein fragte: „Wo ist denn dein Bauch? Das sind doch nur Bauchmuskeln.“ Mitmachen beim Hanteltraining durfte ich trotzdem nicht mehr.

Ruhe bewahren, weite Hosen tragen, den Bauch „einfach mal plumpsen lassen“, riet die Hebamme. Sich nicht verrückt machen lassen. Der Gedanke, ob mit dem Baby alles gut ist, ob es richtig wächst, genug Platz und Nahrung hat, beschäftige nicht nur mich, sondern alle werdenden Mütter, unabhängig vom Bauch. Auch besagte Schwangere aus dem Dritten war die Kommentare leid und sagte irgendwann schon fast vorauseilend: „Ja ich weiß, er ist groß. Ist halt so.“ Wie vorher auch, verändern sich Körper unterschiedlich. Und neun Monate sind eine lange Zeit.

Im Fitnessstudio war die Situation lustigerweise bald umgekehrt: Mitleidige Blicke auf die wachsende Rundung, die doch sehr nach den Folgen exzessiver Pasta- und Kuchengenüsse oder zumindest nach sehr langer Trainingsabstinenz aussah. „Die muss schon noch etwas trainieren“, sagen die Blicke. Und die toptrainierten Instagram-Mädels, die von Kopf bis Fuß gestylt in die Halle kommen, um auf Selfies gut auszusehen, raunten einander schon mal zu: „Ist die schwanger oder einfach nur fett?“ Keine fragte direkt.

Das ist nicht immer so: Meine Schwester wurde einige Monate nach der Geburt ihres Sohnes häufiger gefragt, ob man wieder gratulieren dürfe. „Für die Reste vom ersten Baby, danke nein“, sagte sie dann schlagfertig. Sie hatte noch ein paar Pfunde mehr als vor der Schwangerschaft. Not macht erfinderisch. Und auch ich lerne dazu: Wenn mich ein Satz stört, erinnere ich mich daran, dass mein Körper gerade echte Wunder vollbringt. Dort wächst ein Baby – und es wächst und gedeiht gut, egal wie das von außen aussieht.

„Die Leute wollen nur nett sein“, beschwichtigen mich Freunde. „Es hat ja einen Grund, und der ist wunderschön“, sagt die Kollegin versöhnlich, als mir einmal der Kragen über die Heidi-Klum-Jury der Dickbäuchigen-Sätze platzt. Da hilft nur eins: Geduld. Die Zeit der Pastawampe geht vorbei. Seit dem dritten Trimester ist es auch für Laien eindeutig: Babybauch, nicht böses Bauchfett. Und seit ich Freunde und Kollegen demonstrativ zum Bauchvergleich auffordere, wenn sie wieder über meine Körpermitte diskutieren, hat sich das Thema ganz schnell erledigt.

28. Jun. 2018
von Chiara Schmucker
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26. Jun. 2018
von Martin Benninghoff
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Die Angst der Eltern vor dem Kontrollverlust

© Picture AllianceWann hält man besser fest – und wann nicht? Das ist keine leichte Entscheidung.

Ein Junge, der auf einem straßenbreiten Wanderweg permanent von seinen Eltern zurückgepfiffen wird, obwohl er bergseitig an ungefährlicher Stelle geht. Ein Mädchen, das nicht am Bach spielen darf, weil es sich aus Angst vor einer Erkältung bloß keine nassen Füße holen soll. Ein Mädchen am Tisch, abseits aller steilen Hänge und reißenden Flüsse, das mit Kuchenkrümeln spielt. Darf sie nicht. Und mit dem Stuhl kippelt. Darf sie schon gar nicht. Kinder, die nicht nur Fahrradhelm tragen und eine neongelbe Warnweste, sondern auch eine hohe Fahne ans Rädchen befestigt bekommen, um Tage später zu hören, dass sie die Mütter doch sowieso lieber mit dem Auto zur Schule fahren. Ein Junge, der nicht in die pralle Sonne nach draußen gehen darf, aus Angst vor Hautkrebs. Ein anderer Junge, der nicht alleine am Waldrand spielen soll, aus Sorge vor einem Gewaltverbrecher. Ein Neugeborenes, das auf einer speziellen Matte zur Atemkontrolle schläft und die ganze Nacht mittels eines Babyphones mit eingebauter Kamera beobachtet wird. Big daddy is watching you!

Die Reihe könnte man fortsetzen, und das Schlimmste: Die Beispiele sind alle dem wahren Leben der vergangenen fünf Jahre entnommen. Nicht, dass ich hier das Hautkrebsrisiko für Kinder oder die tatsächlich erheblichen Gefahren für Schüler im Straßenverkehr oder die Wahrscheinlichkeit für einen plötzlichen Kindstod kleinreden möchte, für viele der Beispiele lassen sich gute Argumente finden, warum Eltern ihr Kind davor schützen möchten. Aber es geht um mehr: Wie tarieren Eltern im Jahr 2018 das Verhältnis von Freiheit und Kontrolle ihrer Kinder aus? Nach meiner (natürlich nicht repräsentativen) Beobachtung verhalten sich viele Eltern übervorsichtig, indem sie ihre Kinder selbst vor kleinen Lebensrisiken absichern wollen. Der Begriff „Helikopter-Eltern“ macht dazu die Runde, aber der trifft es nur teilweise. Es geht vielmehr um Eltern, die ihre Kinder permanent an der kurzen Leine halten. Mit der Folge, dass dem Nachwuchs zu wenig Raum für eigenverantwortliches und eigenständiges Ausprobieren bleibt, ja ihnen sogar das Recht genommen wird, sich, im übertragenen Sinne, eine blutige Nase zu holen. Wie sonst sollen Kinder lernen, Situationen – und die meisten davon im Leben werden unvorhersehbar sein – richtig einzuschätzen und zu meistern, wenn nicht durch eigene Erfahrungen?

Die meisten dieser Lebenssituationen werden sich ja nicht unter Laborbedingungen abspielen. Wer, wenn nicht das Kind, das gelernt hat, zu improvisieren, Frustration auszuhalten und die eigenen Impulse und Gefühle zu kontrollieren, kann sich dann richtig verhalten? Es geht nicht um reine Anpassung im Sinne eines stupiden Opportunismus. Es geht um Selbstbestimmung und das nötige Selbstbewusstsein, eigene Entscheidungen zu treffen und bei Gegenwind dafür einzustehen. Wer als Kind aber von überfürsorglichen Müttern und Vätern auf die Wippe gehievt wird, ohne die Chance zu bekommen, es selbst zu versuchen und, ja, auch zu scheitern, wird das Bewusstsein, etwas geschafft zu haben, nicht kennenlernen. Wer die Chance gar nicht erst bekommt, aus eigenen Fehlern Schlussfolgerungen zu ziehen, wird möglicherweise später selbstgemachte Fehler seiner Umgebung zuschieben. Erst den Eltern. Den Großeltern. Später der Frau, dem Mann, den eigenen Kindern. Oder sogar reichlich diffus und ganz allgemein der Gesellschaft, ein Sündenbock für die selbst begangenen Fehler muss dann her. Wer sich nichts zutraut, erlebt seine Umgebung aber als unkontrollierbar und daher gefährlich. Und wird auch seine Kinder in diesem Sinne erziehen.

An den Kontroll-Ansprüchen mancher zeitgenössischer Eltern gemessen, hatte ich als Kind genügend Freiraum, Fehler zu machen und mich auszuprobieren. Wir haben zuhause zwar die Freizeit auch gemeinsam verbracht und sonntags Ausflüge unternommen, samstags war ich mit meinem Vater meist einkaufen – und habe von der gelben Telefonzelle aus gelegentlich zuhause anrufen müssen, weil wir den Einkaufszettel verlegt hatten. Aber die Nachmittage nach der Schule, Teile des Wochenendes und der Ferien konnte ich mit meinen Freunden zum Beispiel im Wald verbringen: Buden bauen, irgendwelche Scharmützel mit „verfeindeten“ Jungs inszenieren. Nicht alles war verplant, nicht alles in Watte verpackt. Natürlich gab es auch in meiner Kindheit Zeiten, an denen ich zuhause sein sollte. Und Grenzen. Aber der Freiheit war neben der Reglementierung ein weiter Raum zugestanden. Gab es dazu große Sorgen der Eltern? Vor Krankheit? Verletzungen? Zu viel Sonne? Vor Dieben und Vergewaltigern, die hinterm Baum lauern? Sollten meine Eltern so gedacht haben, dann habe ich damals nicht viel davon mitbekommen. Muss ich sie mal fragen beim nächsten Kaffeetrinken.

Im Ernst: Solchen Gefahren gab es damals genauso wie heute, nur die Sensibilität scheint heute um ein Vielfaches höher zu sein. In Deutschland sind im vergangenen Jahr zehntausende Kinder Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden, leider ändert sich an diesen Zahlen seit Jahren wenig. Aber einen drastischen Anstieg gibt es nicht. Vor allem sexuelle Übergriffe sind nach wie vor kaum einzudämmen, wobei die Dunkelziffer sehr hoch ist. Dass es insgesamt bei Sexualstraftaten einen Anstieg gibt, hat mit einer Reform im Sexualstrafrecht zu tun, wodurch mehr Leute angezeigt werden. Mehr als 4000 Kinder wurden im vergangenen Jahr schwer misshandelt, die Hälfte davon war jünger als sechs Jahre. Die meisten dieser Fälle geschehen im „sozialen Nahbereich“, wie es unschön heißt, zuhause in den Familien. Auch das nichts Neues, leider Stand der Dinge seit langem. Schlimm genug, dass man das nicht in den Griff bekommt, auch wenn die Hilfe- und Aufklärungsmöglichkeiten heute besser als früher sind. Wer es mit dem Schutz vor Lebensrisiken ernst meint, sollte seine Kinder daher unbedingt in den Wald schicken. Zuhause ist es gefährlicher. Aber was nutzen schon solche Erkenntnisse, wenn das Gefühl, die „gefühlte Realität“, in Zeiten von fake news wirkmächtiger ist als die Wirklichkeit? Und manche der Mär verfallen, früher sei alles besser gewesen? Gerade Eltern sind dafür anfällig.

Dass die angeblich guten, alten Zeiten sicherer gewesen seien, ist grober Unfug. Dazu nur eine kleine Anekdote aus meinem eigenen Leben: Ich war elf oder zwölf, als sich ein etwas älterer Junge, damals vielleicht 14 oder 15, an meine Freunde und mich heranmachte. Er wohnte ein paar Straßen weiter und war meiner Erinnerung nach leicht geistig behindert, jedenfalls waren wir ihm, obwohl einige Jahre jünger, intellektuell überlegen. Er suchte uns als Spielkameraden, er zeigte Interesse an uns. Wie wir alsbald merken sollten, zeigte er dies auf unangenehme und sexualisierte Art und Weise. Eines Tages wollte er sich mit uns an einem „geheimen Ort“ treffen, hinter einem großen Stromkasten am Waldrand. Was er da von uns wollte, interessierte uns nicht wirklich, da wir beschlossen, ihn zu linken. Wir bestellten ihn zum Spaß um eine bestimmte Uhrzeit dorthin, erschienen natürlich nicht, sondern lagen feixend im nahen Gebüsch, um sich über sein verdattertes Gesicht königlich zu amüsieren, als er merkte, dass er versetzt wurde. Jahre später dachte ich, es wäre gut gewesen, unsere Eltern davon zu unterrichten. Ich hatte gehört, dass der Junge versucht hatte, ein kleines Nachbarmädchen in einen Haus-Rohbau zu locken. Zum Glück wurde Schlimmeres verhindert, wie genau, das entzieht sich meiner Kenntnis. Der Junge jedenfalls flog auf und verschwand aus der Nachbarschaft – aber vielleicht hätten wir diese Eskalation verhindern können, wenn wir uns gegenüber den Eltern gerührt hätten. Dann hätte man Opfer und Täter frühzeitiger helfen können. Dennoch, was bleibt: Wir konnten unsere erlebte Situation selbständig meistern.

So etwas gibt das nötige Selbstvertrauen, auch mit anderen schwierigen Situationen klarzukommen. Aber woher kommt dann die Angst heutiger Eltern vor dem Kontrollverlust und der Katastrophe? Beim Thema Angst und Gewalt und Kriminalität spielen wir Medien eine nicht immer rühmliche Rolle, über die Vielzahl an Talkshows, bei denen schon im Sendungstitel Assoziationsrahmen von Flüchtlingen und Kriminalität (wenn auch mit Fragezeichen) aufgezogen werden, wird derzeit zurecht kontrovers debattiert. Auch die Beinahe-Echtzeitberichterstattung von Medien ist nicht immer unproblematisch. Das Unsicherheitsgefühl steigt auch deshalb, weil jede Krise, und sei sie im hintersten Hindukusch, mittlerweile viel stärker globalisiert ist und dadurch in unsere Gefilde schwappt. Nicht nur durch Medien, sondern physisch. Die gestiegene weltweite Migration verlagert Krisen und Probleme partiell in andere Weltgegenden, aber es ist mehr die Furcht vor Veränderung als die Veränderung selbst, die das Denken vergiften kann. Sonst wäre es unerklärbar, dass vor allem diejenigen, die nie Kontakt mit Migranten haben, die größten (dann häufig unbegründeten) Ängste entwickeln. Die Sorge vor Einbrüchen ist auch so ein schwieriger Patient, dem noch nicht einmal die frohe Botschaft, dass die Zahl der Einbrüche zurückgeht, helfen kann. Auch ich habe im erweiterten Familienkreis bereits den Satz „in diese Welt kann man keine Kinder mehr setzen“ hören müssen. Wenn nicht in diese Welt – in welche denn dann? Wer so etwas sagt, kann Vergangenheit und Gegenwart offenbar nicht mehr in einen sinnvollen Bezug setzen.

Das ist nicht alles: Der Leistungsgedanke und der übersteigerte Wunsch nach einer makellosen Performance im Alltag – im Supermarkt, auf dem Spielplatz, gegenüber Freunden – kann ebenfalls zu einem übertriebenen Kontrollwahn führen (es gibt allerdings auch das Gegenteil: Eltern, die ihre Kinder gar nicht begrenzen). Zumal die Freizeit mit den durchorganisierten Kindern ohnehin knapp bemessen ist, folglich ist man bemüht, das Ergebnis zu perfektionieren. Da stören schreiende Kinder an der Kasse: In unserer Feedbackkultur sind die zugegebenermaßen nicht sehr hilfreichen Kommentare der Mitmenschen dann nicht mehr erträglich – in einer durch und durch privatisierten Welt schon mal gar nicht: Was erlauben die sich? Auch die Vielzahl an Anbietern, die Kindergeburtstage von A bis Z organisieren, spricht Bände: Nichts wird hier mehr dem Zufall überlassen; bedauerlich nur, dass die Freude in den Kindergesichtern nicht gleich mitgebucht werden kann. Im Gegensatz zu manchen unbegründeten Ängsten ist dies sogar eine pragmatische und nachvollziehbare Reaktion auf den Zeitmangel in den Familien. Bleibt nur die Frage, ob sie auch fürs Kind vernünftig ist. Auswege aus diesem Stresstest für Eltern und Kind sind nicht leicht gefunden, die zeitliche Verdichtung setzt den Familien eben zu. Vielleicht hilft es als erstes, in den Freiräumen, die einem mit den Kindern bleiben, die Zügel einfach mal lockerer zu halten. Und sich nicht verrückt machen zu lassen durch Kriege, Terror, schlechte Nachrichten und die „Performance“ der Nachbarmütter und -väter.

26. Jun. 2018
von Martin Benninghoff
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