Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

19. Jun. 2018
von Martin Benninghoff
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Fliegt fern, so lange die Beine kurz sind!

Mein gelegentlich beschränktes Vaterhirn neigt zu Schwarz-Weiß-Wahrnehmungen. Nicht bei Politik, aber bei Familienthemen. Als ich in meinem Umfeld im vergangenen Jahr erzählte, dass meine kleine Familie – meine Frau, unser damals knapp einjähriger Sohn Elias und ich – eine Fernreise nach Australien und Neuseeland planten, prasselten zwei Reaktionen auf uns ein. Die erste: Das ist eine schöne Idee, endlich mal mehr Zeit für die Familie, das schweißt zusammen, ach, dazu hätten wir früher auch gerne die Möglichkeit gehabt. Zweite Reaktion: Ja, seid ihr denn des Wahnsinns? Neuseeland? Mit einem Baby? Die weite Reise, der lange Flug, die Strahlenbelastung, das ist nicht gut fürs Kind – muss das sein? Wie wäre es denn mit, sagen wir mal, zwei Wochen Kühlungsborn oder Norderney, Chiemsee oder Gardasee, wenn es denn schon weiter weg sein muss? Aber es musste sein, weil wir es wollten.

Okay, das ist ein wenig unfair. Nicht alle Vorbehalte waren Kokolores, einige Kritikpunkte hatten einen wahren Kern, waren aber hoffnungslos übertrieben. Aber dazu später mehr. Auffällig war, dass diejenigen, die vor ihrer Elternschaft kein Interesse an Fernreisen hatten und immer schon lieber nach Spanien ans Meer gefahren waren, dies nun zur allgemeingültigen Regel erhoben. Und ihre kleine Welt zum Maßstab machten, jetzt aber im Dienste des Kinderschutzes. Eine Heuchelei, zum Glück aber die Minderheit. Diejenigen hingegen, die immer schon wussten, was großartig an Reisen in fernere Länder ist, versuchen das als Eltern weiterhin möglich zu machen. Natürlich mit Zugeständnissen und Rücksichtnahme auf die neuen Bedürfnisse und Beschränkungen, die ein Baby mit in die Familie bringt. Jedenfalls wurde aus einem alltäglichen und privaten Thema etwas, was zur Meinungsäußerung einlud.

Das betraf vor allem den langen Flug. Fernflüge treiben offenbar manchen Leuten, die vornehmlich die kleineren Flugzeuge aus dem innereuropäischen Luftverkehr kennen, den Schweiß auf die Stirn. Alles halb so wild, auch wenn es zweifellos angenehmere Tätigkeiten gibt: Wir starteten an einem Mittag im kalten November 2017 von unserem Zuhause und wussten, uns steht eine knapp dreißigstündige Flugodyssee von Berlin-Tegel über London nach Sydney mit einem technischen Tank-Stopp in Dubai bevor. Wenigstens wollten wir uns den Stress mit dem öffentlichen Nahverkehr in Berlin ersparen und nahmen ein Taxi, auch um erst möglichst kurz vor Abflug am Flughafen anzukommen. Unser Sohn Elias kaperte sofort die Sitze am Flugsteig und kletterte zwischen den Wartenden umher, er war entspannt, entspannter als wir. Für uns hielt sich der Spaß zugegebenermaßen etwas in Grenzen. Kinder nehmen das lockerer, vorausgesetzt die Eltern bewahren Ruhe und machen die Kleinen mit ihren projizierten Ängsten nicht verrückt.

Wir waren ja gewappnet, was soll schon passieren? Und in den Flugzeugen sitzen nicht nur ein oder zwei Kinder, sondern zig, die Linien sind natürlich vorbereitet: Ab zwei Jahren benötigen Kleinkinder einen eigenen Platz im Flieger, zuvor können sie auf dem Schoß der Eltern Platz nehmen. Das spart Geld, denn in diesem Fall berechnen die Fluggesellschaften als Daumengröße zwischen zehn und 25 Prozent des normalen Ticketpreises. Wir hatten bei der australischen Fluggesellschaft Qantas ein Babybettchen reserviert, damit Elias gut schlafen konnte. Mit seinem knappen Jahr passte er da noch gerade so hinein. Das Babybettchen ist im Falle der großen A380-Flugzeuge an mehreren Mittelwänden aus- und einklappbar montiert. Sollte  das Kind schlafen, wird es darin mit einem Netz vor den Folgen plötzlicher Turbulenzen oder Luftlöcher geschützt.

Die verbreitete Sorge, auch bei einem Fernflug in einem A320 zu sitzen, so wie vielleicht auf der Strecke Hamburg-Wien oder München-Mallorca, ist unbegründet. Auf den Langstrecken setzen die Fluggesellschaften Großraumjets wie den A380 oder die Boeing 777 ein, die sind geräumig, leise, wackeln weniger in der Luft, und bieten zumindest im Falle des A380 viel Platz im Fußraum, den Elias mit seinen Spielsachen zum Kinderbereich umfunktionierte. Er machte sich auch einen Spaß daraus, durchs Flugzeug zu spazieren, zu schauen, wohin die Stewardessen und Stewards verschwunden waren, die Treppe ins Obergeschoss hochzuklettern und mit den anderen Passagieren zu flirten. Kontakte sind garantiert.

Klar, das ist für die Eltern anstrengend: Ein knapp einjähriges Kind muss rund um die Uhr beaufsichtigt werden, Getränkewagen, unachtsame Passagiere, plötzlich auftretende Turbulenzen sind potentielle Gefahrenquellen. Den größten Stress hat uns die Frage bereitet, ob Elias einen längeren Schreianfall bekommen würde, möglicherweise sogar ausgerechnet dann, wenn die Bordlichter gedimmt sind, weil alle schlafen wollen. Wie reagieren die Sitznachbarn? Verständnisvoll? Oder so vorwurfsvoll, wie die etwas durchgeknallte entfernte Verwandte, die zuvor am Telefon behauptet hatte, Fernfliegen mit Kind sei nichts als Belästigung der anderen Passagiere? Zum Glück kam es nicht dazu, der Kleine war bis auf eine ganz kurze Ausnahme die ganze Zeit über bestens gelaunt. Es gab ja so viel zu sehen.

Ein wenig Vorsorge für unliebsame Momente schadet aber nicht. Wir hatten Nasentropfen mit Kochsalzlösung im Gepäck, die wir prophylaktisch gaben, damit Elias‘ Atemwege frei blieben, was beim Start und vor allem der Landung hilfreich ist, wenn es Druck auf die Ohren gibt. Bei Babys erleichtern Schnuller oder Flaschennuckel den Druckausgleich, Stillbabys können im Notfall angelegt werden. Wenn das Flugzeug abhebt oder zur Landung ansetzt, werden die Kinder auf dem Schoß von Vater oder Mutter mit einer Gurtverlängerung gesichert (wobei es hierbei Diskussionen gibt, ob das sicher genug ist).

Für die Versorgung an Bord sind wir auf Nummer sicher gegangen und haben unsere eigene Babynahrung mitgebracht. Zwar bieten die Fluggesellschaften „Baby-Menüs“ an, und die waren teilweise gar nicht schlecht (frische Banane, Früchte im Glas, Cracker), aber zu trinken wurde süßer Saft gereicht – nicht optimal. Einfaches Trinkwasser hält natürlich jede Bordküche bereit, und das Personal wärmt die mitgebrachte Milch mal eben auf, das ist überhaupt kein Problem. Beim Hinflug mit Qantas war der Service etwas unaufmerksam, beim Rückflug hingegen gut – Tagesform. Emirates war in jeder Hinsicht entspannt. Auch Windeln war kein Problem, in den Bordtoiletten, von denen es genügend gibt, befinden sich ausklappbare Wickeltische, alles enger als zuhause, aber man muss ja auch nicht gleich in die Boeing oder den Airbus einziehen.

Was das Ganze unnötig erschwert, ist der Stress, den man sich selbst macht. Und der Schlafmangel. Ich bin so ein Kandidat, der im Flieger eher kein Auge zumacht. Nach gefühlten 5000 Blockbustern und einer Playlist von A wie „Alice in Chains“ bis X wie „The XX“ im bordeigenen Entertainment-System sowie dem einen guten Buch, das ich schon immer lesen wollte („Der Mann ohne Eigenschaften“), fühlte ich mich schon kurz vor Dubai wie ein ausgewrungener Lappen. Und dann wachte Elias natürlich auf und wollte bespaßt werden, putzmunter und fidel. Während des Tank-Stopps mussten wir das Flugzeug für eine Stunde verlassen, das war schon grenzwertig, wenn man zu müde ist, um den richtigen Flugsteig wiederzufinden (zum Glück hält das Personal am Dubaier Flughafen Kinderwagen bereit. Aber dafür bin ich schon zu groß!)

Wer sich das aber zutraut und nicht davor zurückschreckt, morgens um sieben Uhr mit einem hellwachen Kind in Sydney anzukommen, wenn man sich eigentlich am liebsten ins Bett legen möchte, der muss sich wahrlich keine Sorgen machen. Zumal es einem möglichst leicht gemacht wird: Am Londoner Flughafen Heathrow gibt es hervorragende Kinderbereiche mit kleinen Hüpfburgen, Spiel-Gummizellen und unentwegtem Kaffeenachschub für die Eltern. Beim Boarding darf man zusammen mit den Körperbehinderten zuerst ins Flugzeug steigen. Die Freigepäckmengen variieren zwar von Gesellschaft zu Gesellschaft, aber unserer Erfahrung mit Qantas und Emirates nach war es überhaupt kein Problem, einen Kinderwagen und eine sperrige Wandertrage einzuchecken. Und wer nicht permanent über den Atlantik jettet, muss sich keine übersteigerten Sorgen vor Höhenstrahlung machen: Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz ist die zusätzliche Strahlenbelastung für Gelegenheitsfluggäste „durch das Fliegen sehr gering und gesundheitlich unbedenklich; das gilt auch für Schwangere und Kleinkinder“.

Also, los geht’s, wer’s mag. Ich fange jetzt nicht damit an, dass eine Autofahrt mit Kind und Kegel von Köln nach Rügen statistisch das risikoreichere Unterfangen ist als ein Flug. Und ja, es gibt umweltfreundlichere Reisevarianten, mit dem Zug in die Alpen zum Beispiel. Aber all den Kritikern sei gesagt, dass die meisten solche Fernreisen auch nicht alle drei Wochen unternehmen, und dass es eine gute Idee speziell für die ersten anderthalb bis zwei Lebensjahre des Kindes ist. Danach wird es teurer und schwieriger, die Kleinen zu bespaßen oder am Sitz zu halten. Sie schlafen auch weniger. Und das bedeutet für die Eltern: noch weniger Schlaf. Spätestens beim Tank-Stopp in Dubai rächt sich das.

19. Jun. 2018
von Martin Benninghoff
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12. Jun. 2018
von Andreas Lesti
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Die Stockbrot-Experience: Campen ist die beste Familientherapie

© Picture AllianceBeim Camping gibt es keine Türen – das belebt die Familiendynamik ungemein.

Wohin sollte unser erster Kurztrip im Camping-Bus führen? Nach Bayern oder an die Ostsee? Nach Österreich oder – genau, in die Uckermark. Zugegeben, wir standen den angepriesenen Fähigkeiten unseres Zaubermobils noch skeptisch gegenüber und hatten schließlich 15 Jahre Zelterfahrung in den kalten Knochen. Also lieber mal nichts übertreiben, auf einem Campingplatz an einem schönen See, nur eine gute Stunde nördlich von Berlin, Freitag hin, Sonntag zurück, Exit-Strategie inklusive.

Dabei war der VW-Bus uns jetzt schon ans Herz gewachsen, und die Kinder wollten schon in der ersten Nacht, als wir damit zurück nach Berlin gekommen waren, darin schlafen. Im März. Auf einem Parkplatz im Prenzlauer Berg. Das war ihnen gerade noch auszureden, doch jetzt, im Mai, ist es für sie wirklich höchste Zeit, in die Saison zu starten. Beide Kinder erzählen von diesem Fahrzeug und haben es mehrfach gezeichnet. Durchaus verständlich: Wenn man so einen Bus einmal durch Kinderaugen betrachtet, dann ist er eine ausgepolsterte Erlebniswelt auf zwei Etagen. Unten kann man die Rückbank wahlweise zum Bett oder zur einer 45-Grad-Rutsche umklappen, im Kofferraum können sie sich hinter einer Klappe in einer Geheimkammer verstecken, die vorderen Sitze sind drehbar wie ein Spielplatz-Karussell und überall sind kleine Knöpfe, die entweder Lampen oder Musik oder die Heizung aktivieren. Über eine Luke im Dach können sie nach oben klettern, sich dort in Schlafsäcken verkriechen und, wenn sie einen Reißverschluss öffnen, von oben durch ein halbrundes Fenster die Welt beobachten. Ja, ich stimme den beiden zu: Es ist wirklich höchste Zeit aufzubrechen.

Campingbus mit Hochdach – gezeichnet von einem Siebenjährigen.

Ich muss gestehen, dass ich seit Jahren folgendes Bild im Kopf habe: Ich stehe an einem heißen Freitagmittag mit einem vollgepackten Bus vor der Grundschule, aus dem Autoradio läuft „Sun is shining“ von Bob Marley, die Kinder springen mir entgegen – und eine Stunde später sind wir am Ufer eines kühlen Sees und verbringen dort ein unbeschwertes Wochenende. Und nun muss ich sagen: Der Realitätsabgleich fällt gar nicht so schlecht aus. Gut, es ist leicht bewölkt und ich muss erst zur Kita fahren, dort Ludovika beinahe vom Spielplatz zerren, weil sie sich von ihren Freundinnen nicht trennen mag, dann muss ich mit der lamentierenden Tochter durch den zähfließenden Stadtverkehr zur Schule, suche dort 15 Minuten nach Johann, der sich irgendwo auf dem Sportplatz versteckt, und später stehen wir auf der Stadtautobahn im Stau. Im Radio läuft „Ich hab ne Tante in Marokko“. Aber dennoch: Am Nachmittag sind wir auf dem Campingplatz an einem See in der Uckermark. Die Sonne hat sich durchgesetzt, und wir springen alle zusammen mit Anlauf vom Steg ins Wasser.

Campingbus mit Hochdach – gezeichnet von einer Fünfjährigen.

Fast alle Großstadtfamilien haben früher oder später das Bedürfnis nach Natur, nach dem Duft des Waldes, morschem Holz, überreifen Pilzen, frisch gemähtem Gras, nach einem kühlen Morgen und Frühnebel, der zäh über einem See hängt, nach dem Glucksen, Rascheln und Quaken der unsichtbaren Tiere in einem Schilfgürtel, nach Eidechsen, die sich auf dunklen Steinen in der Sonne wärmen, nach Kleidungsstücken, die nach einem Lagerfeuer noch tagelang nach Rauch riechen, nach salzverkrusteter Haut und dreckverschmierten Füßchen – und nach feinem Sand, der, wenn man längst wieder zurück in der Zivilisation ist, aus Reisetaschen, Kinderschuhen und Buchseiten heraus rieselt. Und deswegen befinden sich Großstadtfamilien auf einer unentwegten Suche: nach Ferienhäusern oder Gartenparzellen, nach Pacht-Grundstücken, nach schönen Apartments im Grünen – oder eben nach Campingplätzen, die die Ausflucht mit Kindern auch erschwinglich machen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Campingbranche seit Jahren Rekorde vermeldet. Erst kürzlich teilte das Reiseportal mit, dass die Branche in den vergangenen zehn Jahren 42 Prozent Zuwachs verzeichnet habe. 2017 hätten die fast 3000 Campingplätze, die es Deutschland gibt, 31 Millionen Übernachtungen gezählt.

Aber Camping – das darf man bei all dem nicht vergessen – ist immer auch: Entbehrung. Für Erwachsene genauso wie für Kinder. Alles, was zuhause selbstverständlich ist, muss portioniert, reduziert oder gänzlich gestrichen werden. Es gibt keinen Fernseher und keinen Computer, keine Badewanne und nur ein begrenztes Repertoire an Spielsachen, Süßigkeiten, Kühlgetränken, Sommerkleidchen und Asterix-Heften. Und alles was wir brauchen, um drei schöne Tage zu verbringen, müssen wir uns erst erschaffen: ein Schlafzimmer, eine Küche, ein Esszimmer und eine Spielecke. Es ist wunderbar, denn wann hat man schon so ein ehrliches Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen? Die Kinder helfen sehr konzentriert dabei, das Hochdach aufzuklappen und Kissen, Schlafsäcke und Kuscheltiere auf der Liegefläche auszubreiten, die Stühle und den Tisch unter einer großen Fichte aufzustellen, den Campingkocher samt Gasflasche auf einem Beistelltisch zu plazieren und all ihre eingepackten Spielzeuge auf einer Decke vor dem Bus auszubreiten. Es ist genau dieses Miteinander, dieses gemeinsame Nachdenken (wie richten wir uns am besten ein?) dieses Lösen von Problemen (wie befestigen wir den Wasserkanister am Baum?), dieses vorausschauende Planen (wenn wir kein Holz sammeln und uns keine Stöcke schnitzen, gibt es abends kein Stockbrot am Lagerfeuer), das mehr zusammenschweißt als jedes Teambildungsseminar und jede Familientherapie. „Ich glaube, unser Haus ist fertig“, sagt Ludovika und betrachtet zufrieden das Ensemble. Als sie das sagt läuft – ha!, ein später Triumph – „Sun is shining“ im Autoradio.

Und alles andere verschweigen wir jetzt besser mal zugunsten dieser Huck-Finn-romantischen Welt, die goldgelb in der Abendsonne schimmert. Dass uns pünktlich mit der Dämmerung Mückenschwärme überfallen, dass es am Lagerfeuer empfindlich kalt ist, dass das Stockbrot (wie eigentlich immer) aus einer verbrannten Hülle und einem rohen Kern besteht, dass am nächsten Morgen das Nutella zu kalt zum Streichen ist. Und dass die Kinder dann doch immer wieder mal am iPad hängen – und den ganzen Entbehrungsgedanken und die damit verbundene Naturschwärmerei unerhörterweise unterlaufen.

12. Jun. 2018
von Andreas Lesti
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07. Jun. 2018
von Martin Benninghoff
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Wir Vaterlandsverräter

© Picture AllianceImmerhin spielen die Kinder mit – sonst vereinsamt ein Mann auf dem Spielplatz schnell.

Wir wollten vieles anders machen als unsere Väter. Vielleicht weniger, als unsere Väter anders machen wollten als ihre Väter. Dazu waren wir zu sehr befreundet, die großen Autoritätskämpfe früherer Vater-Sohn-Generationen blieben aus. Aber die typische westdeutsche Hausfrauenehe – die Mutter gibt ihren Beruf zugunsten der Kinder und des Ehemannes auf, manchmal ein Leben lang, der Vater macht prinzipiell so weiter wie bisher – wollten wir nicht mehr führen. Weil wir ja moderner sind. Dachten wir.

Doch als meine Freunde Väter wurden, wiederholten sich altbekannte Muster, die wir eigentlich ad acta legen wollten. Und auch bei mir zuhause war es nicht besser: Wir sind ganz schön konventionell. Meine Frau ist seit der Geburt unseres Sohnes in Elternzeit, der Kleine ist nun 18 Monate alt. Ich selbst habe, gestückelt, insgesamt vier Monate Elternzeit genommen. Das entspricht ungefähr dem Bild, das die statistischen Daten abgeben. Zwar nehmen Väter heute mehr Elternzeit als zu den Anfangstagen der familienfreundlichen Regelung vor mehr als zehn Jahren, der Durchschnitt liegt bei etwas mehr als drei Monaten. Aber Frauen nehmen viel länger Elternzeit, im Mittel um ein Jahr. Das ist er also noch, der große kleine Unterschied.

Aber ich will hier nicht mit Statistiken langweilen. Wer tagsüber mit offenen Augen durch Deutschlands Innenstädte geht (und auf den Dörfern wird es kaum besser sein), weiß es schon längst: Kindererziehung ist noch immer größtenteils Frauensache. Hier ein paar völlig subjektive Eindrücke aus Berlin, Frankfurt, Oberursel und dem Rheinland, kein Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Auf Spielplätzen sind Väter einsam. Gefühlt um die 80 Prozent sind es die Mütter, die ihre Kinder auf die Wippe hieven oder ihnen beim Rutschen sekundieren; die Sonn- und Feiertage ausgenommen, da steigt die Väterrate enorm.
  • In den Drogeriemärkten der Republik ziehen nur einige wenige Väter ihre einsamen Bahnen, derweil die Mütter die Szenerie zwischen Duschgel und Windeln beherrschen. Selbst vor dem Männerregal mit den Rasierern stehen vornehmlich Frauen, die für ihre Männer die Klingen kaufen (oder sie dann selbst benutzen).
  • Bei „Tchibo“ sieht’s nicht besser aus. Mal schnell ein paar Kindersocken kaufen? UV-Kleidung für den Kleinen? Oder ein Planschbecken? Neben den kaffeeschlürfenden Rentnern männlichen Geschlechts dominieren in der Altersgruppe 20 bis 45 die Frauen.
  • Oder in Krabbelgruppen: Offiziell weiß ich darüber nichts, ich war nie bei einer. Aber es ist zu vernehmen, dass der Männeranteil bei einer Frankfurter Gruppe bei eins zu sieben lag, ein Väter-Anteil von mickrigen 14 Prozent.
  • Gleiches Bild im Elterncafé: Drei Männer und 15 Frauen, der Anteil der Männer also bei 20 Prozent. Ähnliches gilt für Eltern-Kind-Sportgruppen (Buggy-Sport) oder Runden zur musikalischen Früherziehung.
  • Wenn das erste Kind da ist, klärt sich offenbar flugs die Rollenverteilung beim Autofahren: Papa fährt, und Mama hält die Kleinen vom Beifahrersitz aus mit Snacks und Spielen bei Laune. Das war bei meinen Omas auch nicht anders, da hatte die eine aber keinen Führerschein und die andere praktisch keine Fahrpraxis.
  • Tagsüber Spazierengehen mit Kinderwagen ist die grüne Hölle! Es begegnen einem fast nur Frauen, die einander mitfühlend zunicken, wenn die Kinder unleidlich sind.
  • Im erweiterten Familienkreis werden eher die Väter nach dem Beruf und die Mütter nach den Kindern gefragt. Fremde, die dem Kleinen ein Bonbon oder Gummibärchen anbieten, stellen die „Darf er das?“-Frage bevorzugt der Mutter, selbst wenn Vater und Mutter anwesend sind.

Dass irgendwas in Schieflage beim Geschlechterverhältnis in Erziehungsfragen geraten ist, hatte ich schon vermutet, als ich noch kinderlos war – und es bei Partys bei den Jungs auf dem Balkon meist etwas lustiger zuging als bei den Frauen drinnen. Heute weiß ich, warum: Selbst auf Partys können Mütter – wenn die Kinder dabei sind – nie richtig abschalten. Sie schauen, wo die Kleinen hin sind, dass sich keines den Kopf stößt, halten geschälte Äpfelchen und Möhren in Plastikboxen bereit (so wie der Outback-Farmer sein Spinnenbissgegengift immer griffbereit in der Medizinbox hat), derweil die Väter eher die Bierflasche im Anschlag haben oder sich eine Kippe drehen.

Bevor die Klischee- und Differenzierungspolizei ihr Veto einlegt: Das ist natürlich alles furchtbar klischeehaft. Ja, sicher. Und natürlich trifft das nicht auf alle zu. Aber ich habe in Hamburg gelebt, in Köln, in Berlin – und früher als Jugendlicher auch in einem 6000-Einwohner-Dorf, jetzt lebe ich wieder etwas ländlicher. Und ich komme im Arbeits-, Bekannten- und Familienkreis mit allerlei unterschiedlichen Milieus und Bildungsgraden zusammen. Natürlich gibt es eine Reihe Ausnahmen, im eigenen Freundeskreis, erst recht in Berlin, wo ohnehin einiges anders läuft als im Rest der Republik. In der Hauptstadt ist der Anteil von Freiberuflern höher, die sich die Zeit mit den Kindern leichter einteilen können. In Prenzlauer Berg oder erst recht in Neukölln (aber auch in Frankfurt-Bornheim, Köln-Sülz, Hamburg-Altona, München-Maxvorstadt) sind althergebrachte Rollenmuster sicherlich weniger präsent als in einem Eifel-Dorf. Wenn Städter nur den Fortschritt sehen, sollten sie für einen Moment ihre Blase verlassen.

Trotzdem, die wahrgenommene Tendenz ist nun mal furchtbar nah am Klischee, und am Anfang steht immer die Betreuungsfrage: Wer sich hauptsächlich um das Kind kümmert (und nicht nur morgens, abends oder mal am Wochenende), ist in den Themen so drin, dass sie den Alltag weitgehend bestimmen. Wann es Zeit für den Mittagsschlaf ist? Frag doch mal diejenige, die meistens da ist! Wie deute ich die Zeichen, wenn das Baby wie ein Täubchen gurrt oder schreit wie am Spieß? Frag doch mal diejenige, die meistens da ist! Wenn das Kind an ein Elternteil so gewöhnt ist, dass es sich vom anderen nicht ins Bett bringen lässt, ist es vorbei mit all den gut gemeinten Vorsätzen, sich die Erziehungsarbeit paritätisch zu teilen.

Daraus folgt: Die Betreuungs-Nummer-Eins hat hyperkompetent und permanent ansprechbar zu sein. Die Nummer Zwei, bei uns zuhause bin ich das, kann Verantwortung übernehmen, kann diese aber genauso wieder abgeben an die Nummer Eins. Das eröffnet Spielräume: für andere Interessen, Hobbys, Freunde und Themen. Kurzum: Die Betreuungs-Nummer-Zweien – und das sind hierzulande noch die Mehrzahl der Väter – können halbwegs so weiterleben wie zuvor, mit Einschränkungen natürlich. Wer das ändern will, muss für eine möglichst gleichverteilte Erziehungsarbeit sorgen.

Das ist nicht leicht – und von vielen nicht gewollt. Zum Beispiel von denen, die davon profitieren, den Männern, die nach der Geburt des ersten Kindes so weitermachen können wie bisher. Und von manchen Frauen, die die Verantwortung für die Kinder an sich ziehen, nicht unbedingt für die finanzielle Versorgung der Familie zuständig sein wollen, und nebenbei ganz froh sind, sich eine Zeitlang aus dem beruflichen Konkurrenzkampf zu verabschieden. Beide stecken mehr oder minder bewusst in tradierten Rollenmustern fest, die in Deutschland/West anders aussehen als in Deutschland/Ost oder auch in Frankreich. Solche Dinge sind erstaunlich veränderungsresistent, aber zu einem großen Teil kulturbedingt und nicht in Stein gemeißelt. Wer traditionell leben möchte, hat dazu viele Möglichkeiten (obwohl es auch da Anfeindungen gibt). Wer nicht so leben will, stößt schnell an die Grenzen, die das Faktische zieht.

Daraus erwächst ein System, das sich selbst ernährt: Wenn auf Spielplätzen ausschließlich Frauen das Wort führen, steigt der Anreiz nur bedingt, sich als Mann dazuzugesellen. Gibt es da so etwas wie einen Wunsch nach Homogenität? Vielleicht insofern, dass geteilte Erfahrungen einen guten Gesprächsstoff abgeben. Mehr Väter, mehr Väter-Erfahrungen, die sich zu teilen lohnen, so entsteht unter Vätern mehr Sensibilität für die Themen aus dem Erziehungsalltag. Gleiches gilt für Kindercafés und Krabbelgruppen, um die ich bisher einen möglichst weiten Bogen geschlagen habe. Das dürfte vielen Vätern durchaus gefallen: Wer frühmorgens den Sieben-Uhr-Flieger von Köln nach Berlin oder den ICE von Hamburg nach Frankfurt nimmt, wird das Gefühl nicht los, aus Versehen eine Karte fürs Männerabteil gebucht zu haben. Mir scheint – und das ist jetzt streng wissenschaftlich fundiert -, man blickt dabei nicht nur in glückliche Gesichter von Vätern, die froh sind, die Woche endlich von der blöden Familie weg zu sein.

Die gute Nachricht zum Schluss: Die Rollenverteilung bricht langsam auf, es gibt eine Entgeschlechtlichung der Tätigkeiten, die früher als typisch weiblich oder typisch männlich galten. Das Idealbild von Männlichkeit hat sich gewandelt; wo es früher für Väter peinlich war, den Kinderwagen zu schieben, gibt es heute bei jüngeren Männern nur noch in betont konservativen Milieus solche Vorbehalte. Und nach der Geburt wird stärker aufs Bonding geachtet, also darauf, dass auch Väter die Bindung zum Kind durch körperliche Nähe stärken. Aber dennoch: Wie kommt es wohl, dass Väter besonders gerne ihre Elternzeit nehmen, wenn sie mit der Familie in Urlaub fahren wollen? Und nicht dann, wenn es darum geht, den Alltag mit Kind einzurichten? Wie sagte unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einmal? „Wir müssen uns ehrlich machen.“ Tja, vielleicht sind an diesem Punkt die Väter dran.

07. Jun. 2018
von Martin Benninghoff
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05. Jun. 2018
von Anna Wronska
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Oma weiß es am besten

© Picture AllianceWir sind’s, die Großeltern: Die dänische Königin Margrethe und der mittlerweile verstorbene Prinz Henrik mit ihren Enkelkindern auf dem Balkon von Schloss Amalienborg.

Die Kritik kommt meist verpackt in einer vermeintlich beiläufigen Bemerkung. Besonders perfide Variante: der Kommentar im Whatsapp-Familienchat, wenn wir der Verwandtschaft Schnappschüsse von unserem Sohn schicken. Ein paar Beispiele:

[Motiv: Ben barfuß auf Klettergerüst]

Kommentar Oma: „Ui, gibt’s da keinen Splitter im Fuß?“

[Motiv: Ben mit nassem T-Shirt im Badesee]

Kommentar Oma: „Oh! Bei uns ist es ja nicht so warm.“

[Motiv: Ben mampfend am Küchentisch]

Kommentar Oma: „Milch zum Wiener Würstchen? Eieiei….“

Die Motive variieren, die Botschaften hinter solchen Kommentaren sind freilich immer dieselben: Das Kind tut sich doch weh!, oder: Das Kind erkältet sich!, oder: Das Kind verdirbt sich den Magen! In anderen Worten: Ihr. Macht. Das. Falsch.

Wenngleich ich sehr an meinen Eltern und der Gegend hänge, in der ich groß geworden bin: Was bin ich froh, dass fast 500 Kilometer zwischen uns liegen und wir uns höchstens ein Mal im Monat sehen. Denn sie geben meinem Mann und mir, bewusst oder unbewusst, immer wieder das Gefühl, es nicht auf die Reihe zu kriegen mit unserem Dreijährigen. Dabei finden wir, dass wir unseren Job in der Regel gar nicht so schlecht machen.

Ich ahne, woher das kommt. Als meine Geschwister und ich geboren wurden, lebten meine Eltern in einem polnischen Dorf. Es gab wenig Möglichkeiten für junge Eltern, sich zu informieren, es gab kein Google, es gab wahrscheinlich wenig ehrlichen Austausch mit anderen Eltern über Kindererziehung. Aber im Stockwerk drunter gab es Oma, und ein paar Straßen weiter die andere Oma. Und die mussten es ja wissen. Ihre Erfahrung war Wahrheit.

Heutzutage bildet man sich, einmal halbwegs erwachsen geworden, klassischerweise ein, man wüsste alles besser als die dummen alten Eltern. Ich selbst musste mehrfach schmerzhaft erfahren, dass das nicht immer stimmt. Aber gerade was Kindererziehung betrifft, hat die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten wirklich dazugelernt – beispielsweise, dass es weder diszipliniert noch abhärtet noch sonst irgendwie angebracht ist, Kinder zu schlagen oder anderweitig zu demütigen (das würden gottlob auch meine Eltern niemals propagieren). Oder dass Kinder mit drei Jahren noch keine perfekten Tischmanieren haben und immerzu „brav“ sein müssen. Glücklicherweise haben sich hier schlicht Werte und Überzeugungen verändert. Und: Über Kinder und Erziehung, auch über die unangenehmen Seiten derselben, wird auch außerhalb der Familie mehr und offener gesprochen.

Ich, ein Kind von übervorsichtigen, ängstlichen Eltern, weiß mittlerweile aber auch einfach: Ein Splitter im Fuß bedeutet noch keine Amputation. Eine Erkältung kommt nicht von Kälte. Und Milch und herzhaftes Essen verträgt unser Kind problemlos (und vermutlich auch jedes andere mit einem gesunden Verdauungsapparat).

Meine Eltern scheinen allerdings irgendwie irritiert zu sein von der relativen Gelassenheit, die wir meistens im Umgang mit Ben an den Tag legen. Enttäuscht, dass wir sie in der Erziehung unseres Kindes nicht ständig um Rat fragen, und dass wir einige Dinge auch offenbar genau entgegen ihrem „Beispiel“ machen. Ich glaube, sie können insgeheim nicht nachvollziehen, wie wir ohne sie in der Großstadt überleben – und dann demnächst auch noch mit zwei Kindern!

„Ihr kommt nur nicht damit klar, dass wir ohne euch klarkommen!“, will ich meiner Mutter deshalb manchmal ins Gesicht schreien, wenn sie mich mal wieder rasend macht (zum Beispiel mit dem Kommentar: „Ja, das kann Ben ja noch gar nicht können, er hat es ja nicht – von euch, ihr Unfähigen, Anm. d. Red. – gelernt“). Aber ich weiß, dass ihr das sehr weh täte. Und dass es unfair von mir wäre. Und undankbar. Also lasse ich es. Und wappne mich für morgen: Da geht’s wieder für ein paar Tage auf Heimatbesuch.

05. Jun. 2018
von Anna Wronska
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31. Mai. 2018
von Andreas Lesti
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Acapulco liegt auch in Brandenburg

© Andreas LestiAbends dient so ein Bulli sogar als Bilderrahmen.

Beginnen wir am besten damit, wie wir alle zusammenkamen. Es war an einem Freitag im Februar, ein kalter und klarer Tag, geprägt von Vorfreude und Aufregung. Denn: Wir fuhren mit dem Zug von Berlin nach Wolfsburg, um dort einen VW-Bus abzuholen. Wir saßen am Fenster und blinzelten in die Welt, die unter einem acapulcoblauen Himmel vorbeirauschte. Noch vier Stunden, dann würden wir in unserem neuen Bus wieder zurück nach Berlin fahren.

Der Zug rollte in Wolfsburg ein und die Kinder pressten ihre Nasen noch fester an die Scheiben. Dort draußen, vor der Toren der Autostadt, gab es Parkplätze voller Busse, die Fahrzeuge schimmerten rotweißschwarzsilberlilablassblau in der Sonne und wir fragten uns alle: Welcher mag wohl unserer sein? Dann stiegen wir aus, die Kindern umklammerten die Sitzerhöhungen, die wir für die Rückfahrt mitgenommen hatten, und trugen sie stolz vor ihren kleinen Körpern Richtung Autostadt.

Es ist so: Wer in Wolfsburg ein Fahrzeug abholt, der geht da nicht nur hin, um Schlüssel und Papiere abzuholen und wieder zu nach Hause fahren. In Wolfsburg wurde dieser Vorgang eventisiert, zum Erlebnistag für die ganze Familie ausgeschmückt, an dessen Ende eine Schlüsselübergabe stattfindet. Oder auch nicht, denn man muss als Familie kein Auto kaufen, um eingelassen zu werden. Schon die Empfangshalle mit der riesigen Weltkugel an der Decke und dem gläsernen Boden faszinierte die Kinder so sehr, dass sie total vergaßen, warum sie seit Tagen so aufgeregt waren. Sie verschwanden im „Mobilversum“, fuhren auf „Kreativfahrzeugen“, machten auf Simulatoren einen „Kinder-Führerschein“ und buken zum Mittagessen ihre Pizza selbst. Nur noch zwei Stunden.

Das ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, ein paar Worte über sie zu verlieren. Ludovika ist fünf Jahre alt, ihr Bruder Johann sieben. Zwei Blondschöpfe, die beide, aufgrund einer abenteuerlichen Überzeugung ihrer Eltern (auf die wir an dieser Stelle nicht genauer eingehen) schon früh Urlaube auf Campingplätzen verbringen mussten. Schon als die beiden noch zwei und vier Jahre alt waren, schliefen sie bei fünf Grad kalten Nächten zwischen klammen Zeltwänden an Seeufern in der Uckermark, in Tirol oder Bayern – und spielten am nächsten Morgen im Schlafanzug zwischen Gaskocher und Campingtisch mit Playmobil. Wir vermuten, dass sie es genossen, krank wurden sie jedenfalls nie. Doch als die Großeltern später Fotos davon sahen, schüttelten sie verständnislos die Köpfe. Zelten? Wäre das nicht viel zu kalt für die Kleinen? Ob es da nicht auch ein Hotel gäbe? Und überhaupt?

Obwohl wir diese Nachfragen mit einer „ach was“-Handbewegen abtaten, wirkten sie nach. Sind zehn Jahre Zeltromantik jetzt, wo zwei kleine Kinder da sind, vielleicht doch am Ende angekommen? Kurz darauf fuhren wir auf einen Campingplatz im Allgäu, und dort begann es stark zu regnen. Einen Tag. Zwei Tage. Und als es am dritten Tag immer noch regnete, setzten wir die Kinder abends um sechs Uhr in den Kombi, quetschten die gesamte tropfnasse Campingausrüstung in den Kofferraum und fuhren durch die Nacht zurück nach Berlin. Während der Fahrt träumten wir von trockenen Räumen und heißen Badewannen und fassten den Entschluss: Wir kaufen einen VW-Bus! Für das Wohlbefinden der Kinder, für die Sorgen der Großeltern und für den Spaß, den so ein Fahrzeug uns bescheren würde.

Noch eine halbe Stunde – nun wurde es ernst. Um 14.30 Uhr sollten wir uns zum Parkplatz begeben und den Shuttlebus zu Halle 26 nehmen. Der Bus fuhr über weitere Parkplätze, an Hallen vorbei, stoppte an Schranken, querte Plätze, und uns wurde immer klarer, warum das alles Autostadt heißt. Wir stiegen aus, und nun war die Aufregung bei uns allen wieder da. Es ist doch nur ein Auto, sagte ich mir. Aber das stimmt natürlich nicht, dachte ich mir dann, als wir in ein Gebäude gingen, in dem wir offenbar gleich unserem neuen Reisebegleiter vorgestellt würden. Die Kinder rannten angespannt den Gang hinunter, in der sicheren Erwartung, dass sich hinter jeder Tür und hinter jeder Säule unser „Sechs-Tee“ verbergen könnte, wie Johann in Anlehnung an die Model-Bezeichnung seit Wochen sagt. „Nein“, der heißt „Teeschöwee“, sagte Ludovika, weil sie in irgendeinem Züge-Quartett diesen Namen aufgeschnappt hat. Irgendwie erschien mir die Vorstellung, wie wir darin bequem und mit Tempo 300 Richtung Paris fahren, angemessen.

Noch fünf Minuten. Und die wollen wir nutzen, um dieses Fahrzeug etwas genauer vorzustellen. Es musste, das war uns nach den Starkregen-Tagen im Allgäu klar, ein „California“ sein. Das heißt ein Bus mit einem Aufstelldach, das aussieht, als wäre auf dem Bus noch ein Zelt aufgebaut, aber nicht auffällt, wenn es eingeklappt ist. So kann man unten sitzen und oben schlafen, beziehungsweise auch unten die Sitzbänke zu einem Bett für die Kinder umbauen. Zwei Campingstühle in der Heckklappe, ein in der Schiebetüre integrierter Tisch, Scheiben, die mit Rollos abgedunkelt werden können – das gehört beim „California“ zum Standard. Und eine Standheizung sollte er haben, was leider, wie viele andere Kleinigkeiten auch, den empfindlich hohen Preis nochmal empfindlich in die Höhe trieb. Aber dafür bekamen wir nicht nur ein Auto, sondern eine fahrende Ferienwohnung, die seit 70 Jahren unter dem Namen „Bulli“ für einen lässigen Strand- und Surf-Lifestyle steht, auch wenn man damit nur an einen See nach Brandenburg fährt. Ach ja, unser Modell hatten wir als Variante „Beach“ in „acapulcoblau“ bestellt.

Noch eine Minute. Die Kinder huschten durch eine weitere Türe, in einen Raum mit schwarzen Kunstledersofas, einem Wasserspender und einem Tresen mit zwei freundlich lächelnden Mitarbeiterinnen. Sie begrüßten uns und sagten: „Sehen Sie, hier steht Ihr Bus.“ Und erst jetzt fielen unsere Blicke nach rechts, dorthin, wo der Raum mit einer großen Glasscheibe von einer Garage abgetrennt wurde. Und dahinter stand er. Im Halbdunkeln schimmerte er blaugrau und wirkte dezent und souverän zugleich. Die Damen machten das Licht an, wir gingen durch eine letzte Türe in die Garage und die Kinder warfen sich mit ausgebreiteten Armen an den Kotflügel, so als würden sie einen alten Bekannten seit langer Zeit wiedersehen. Eine der Damen stand neben mir und streckte mir den Schlüssel entgegen. Ich grinste, nahm ihn in die Hand und drückte auf „Öffnen“. Da blinzelten alle sechs Blinklichter uns zweimal kurz zu als wollte dieser, unser VW-Bus, unser „Sechs-Tee-Teeschöwee“ uns sagen: „Auf geht’s Leute! Ich habe schon lange auf euch gewartet. Lasst uns gemeinsam die Welt erkunden!“

31. Mai. 2018
von Andreas Lesti
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29. Mai. 2018
von Tanja Weisz
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Manchmal bin ich eine alleinerziehende Superheldin

Und manchmal bin ich ein erziehungstechnischer Rohrkrepierer:  Warum man als Alleinerziehende mit Teenager im Haus immer wieder über Adoption nachdenkt.

© Picture Alliance / AP PhotoAlles wie bei den „Gilmore Girls“? Na ja, fast.

Als meine Tochter und ich das erste Mal zusammen alte Folgen der Gilmore Girls sahen, fiel uns fast das Popcorn zwischen die Wollmäuse. Das waren ja wir! Eine fabelhaft aussehende, schlagfertige, jung gebliebene Mutter,  und ein übersmartes,  sehr hübsches (die Gene!) Kind. Wir lachten und lästerten gemeinsam mit Lorelai und Rory und fühlten uns dem unwiderstehlichen Mutter-Tochter-Duo sehr verbunden. Bei näherer Betrachtung haben wir jedoch mit beiden nur die übergroße Leidenschaft für Kaffee gemein. (Deren schlechteste Eigenschaft, ich weiß.) Ich würde niemals in Lorelais Jeans passen, und mein Kind ist nicht die Klassenbeste. Wir reißen auch nicht den ganzen Tag Witze. Leider.

Vor allem aber: mein Teenager und ich, wir lieben uns nicht jede Minute des Tages. Ich möchte das als Mutter öfter mal laut sagen dürfen, ohne mich postwendend dafür entschuldigen zu müssen. Dem pubertierenden Kind lässt man das unfairerweise als altersgemäß durchgehen, bei Müttern sind solche Aussagen jedoch verpönt.  Niemand widerspricht mir, aber das danach regelmäßig eintretende Schweigen ist beredt. So was kann man doch nicht sagen. Doch es ist nun mal so: manchmal fühle ich mich, als wäre ich in der falschen WG eingezogen.  Und kann mich einfach nicht erinnern, wann ich – offenbar von Sinnen – einen lebenslangen Mietvertrag unterschrieben habe.

Jetzt müssen wir uns irgendwie arrangieren. Zoffen uns über leere Gläser und Klamotten, die nie den Weg in Spül-  oder Waschmaschine finden, über Smartphone-Zeiten und vergessene Hausaufgaben, Whatsapp-Gruppen und zu viele liegend verbrachte Stunden. Neuerdings sind auch Haarfarben und Netzstrümpfe ins Repertoire mit aufgenommen worden. Wir basteln Kalender mit genau verteilten Aufgaben, die nach kürzester Zeit ungefähr so viel Wirkung entfalten wie jene vielversprechenden Gutscheine, die ich von meiner Tochter zu meinem jüngsten Geburtstag erhalten habe.

Die besten Routinen, die alle Erziehungsratgeber so dringend empfehlen, sind so flüchtig wie Neujahrsvorsätze.  Ob sie in Familien, in denen zwei Erwachsene das Sagen haben, einfacher einzuhalten sind? An trüben Tagen stelle ich mir das so vor. Aber ist es wirklich so?

Wenn ich hier von laxen Erziehungsmethoden beichte, soll das auch ein offenes Zeugnis der Zwänge und Nöte eines erwachsenen Menschen werden, der manchmal einfach seine Ruhe haben und den Weg des geringsten Widerstandes gehen möchte.  Dürfen das Eltern überhaupt noch?

Oder tun sie es ständig, reden aber  nicht darüber?

Okay, dann fange ich eben an. Bekenntnis 1: Wir frühstücken in unserem Haushalt nicht.  Nicht allein, nicht zusammen.  Kein lebensverlängerndes Müsli, kein vitaminreicher Smoothie hat bei uns morgens eine Chance. Ich benötige nur Kaffee, mein Kind einen Kakao. Allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Das liegt daran, dass eine 13-Jährige morgens im Bad am liebsten ungestört ist und danach das Ganze wahrscheinlich noch in Ruhe verarbeiten muss. Jedenfalls ist nach dem Bad Rückzug ins Zimmer angesagt. Für das ganze Ritual steht sie jeden Morgen freiwillig um 6 Uhr auf. An der Stelle der Geschichte ernte ich von anderen Eltern immer (!) neidische Blicke, weil deren Brut nie aus dem Bett kommt.

Wenn ich dann um 7 Uhr aufstehe, ist das Bad frei, die Kaffeemaschine schon eingeschaltet (okay, zweimal bisher) und ich kann mich in aller Ruhe fertig machen. Radio hören, Kaffee im Bett trinken. Klares asoziales Verhalten, oder?  Wir üben weder Konversation, noch gesunde Nahrungsaufnahme, noch fördern wir den Familienzusammenhalt.

Aber wir lieben unseren stressfreien, stillen Start in den Tag so sehr! Unser ganz eigenes Schweige-Ritual, das so in keinem Erziehungsratgeber zu finden ist, aber ideal für uns ist. Und geht es bei friedlicher familiärer Koexistenz nicht genau darum: Rituale zu finden, die zur eigenen Familie passen?

Ich würde mich freuen, von Ihren ganz anderen Ritualen zu hören.

29. Mai. 2018
von Tanja Weisz
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24. Mai. 2018
von Martin Benninghoff
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Warum ein Städte-Spagat mit Kind keine gute Idee ist

© Picture AllianceAls Baby schon viel unterwegs? Dann vielleicht deshalb, weil die Eltern beruflich pendeln müssen. Das Familiengefüge kann dabei ins Schwimmen kommen.

Als Elias noch nicht geboren war und meine Frau und ich nicht wussten, ob unser Sohn seinem pränatalen Ultraschallbild wirklich ähnlich sieht oder nicht (er tat es schließlich ziemlich haargenau), stellten wir uns die bange Frage: Wird der Kleine nun in Frankfurt am Main geboren oder doch eher in Berlin, unserer damaligen Heimatstadt? Oder gar in Fulda, Göttingen, Wolfsburg, Erfurt, Eisenach oder Halle an der Saale, wo der ICE-Sprinter durchfuhr, je nachdem, ob wir die West- oder Ostzugverbindung wählten?

Zu der Zeit pendelten wir zwischen Berlin und Frankfurt. Meine Frau, die bereits im Mutterschutz war, und ich fuhren fast wöchentlich zwischen unserer Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg und meiner Arbeitsstelle als Redakteur der F.A.Z. im Frankfurter Gallusviertel beziehungsweise der kleinen Zweitwohnung in einem Vorort hin und her. Selbst drei Tage vor der unerwartet frühen Geburt im Herbst 2016 hockten wir beide – oder auch zweieinhalb – mit dickem Bauch (meine Frau, in diesem Fall darf man das sagen!) und ohne dicken Bauch (ich) zwischen Koffern und Currywurst verspeisenden Mallorca-Urlaubern im Bordbistro auf schmalen Sitzen eingepfercht, auf denen der Hintern nur zur Hälfte Platz findet. Mit einem Ungeborenen traut man sich noch nicht in die rettende Geräumigkeit des Kinderabteils.

Dabei hätten die Wehen jederzeit losschlagen können. Wir hatten uns vorbereitet, zumindest partiell. Also, nicht auf den schlimmsten aller Fälle, die Sturzgeburt bei Tempo 280 zwischen Bitterfeld und Lutherstadt Wittenberg, wohl aber auf Frankfurt und Berlin, wo wir uns jeweils eine Geburtsstation in einem Krankenhaus ausgeguckt hatten. Zu der Zeit hätte ich allerdings mein Jahresgehalt dafür verpfändet, damit uns das Schicksal des Geburtstermins, das ja trotz allen technischen Schnickschnacks noch immer weitgehend unplanbar ist, unbedingt in Berlin und nicht in Frankfurt erwischt. Warum? Weil man doch in diesen sensibel-privaten Tagen dort sein möchte, wo man zuhause ist. Wo man nach den Tagen im Krankenhaus gemeinsam nach Hause fahren kann, dieses Mal mit „maxi cosi“, aus dem der kleine neue Mitbewohner erwartungsfroh in die Welt lugt, die ihm die Eltern bieten.

Wir hatten Glück im Unglück: In der Nacht von einem Samstag auf Sonntag ging es plötzlich los, als wir im Berliner Bett lagen, gut 20 Stunden bevor ich wieder nach Frankfurt in den Zug gestiegen wäre. In solchen Momenten glaubt man an eine Art Vorsehung oder Schicksal, zumindest solange der Hormonspiegel auch beim Vater anhält. Also Krankenhaus in Berlin-Westend. Und die ersten Tage des Mutterschutzes und der Elternzeit konnten wir zuhause verbringen, im kalten Berlin, das sich für uns aber unglaublich warm anfühlte.

Heute ist Elias 18 Monate alt. Von den bangen Pendelgeschichten seiner Geburt weiß er nichts, es sei denn, man fragt sich, ob auch ein ungeborenes Kind den Stress und die Hetze eines Pendlerlebens mitbekommt. Dann weiß er es eher unbewusst. Mobil ist er jedenfalls geblieben, so mobil, wie meine Großeltern in ihrem ganzen Leben nicht waren. Bis vor kurzem ist Elias häufig mitgependelt, bis wir von Berlin ins Rhein-Main-Gebiet gezogen sind, um ihm den Stress und uns die Kosten künftig zu ersparen. In den vielen Bahnhöfen, die er kennenlernen musste, ist er aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, so viele Züge, was er mit ausgestrecktem Zeigefinger und einem lauten „Ba, Ba, Ba“ (für Bahn) quittierte. In verschiedenen Betten hat er geschlafen; ob ihm die häufige Umstellung geschadet oder sogar gutgetan hat, auch darum wird es in einem der nächsten Texte gehen.

Bei allen künstlichen Diskussionen über die Notwendigkeit eines Eltern-Führerscheins oder irgendeiner Art von Qualitätskontrolle: Nicht nur pauschal das Elternsein ist beim ersten Kind Neuland, sondern auch das Elternsein in einer Umgebung, die das ziemlich erschwert. Pendeln ist da nur ein Faktor, mangelnde Betreuungsmöglichkeiten bei berufstätigen Paaren ein anderes. Oder aber die gar nicht so leichte Rollenfindung in der neuen Kleinfamilie. Was es bedeutet, eine Familie zusammenzuhalten in einem Zustand der mindestens gelegentlichen Zerrissenheit, kann nachempfinden, wer zweieinhalb Jahre einen Städte-Spagat hinter sich hat. Empfehlenswert ist das aber nicht, wie diesem Text zumindest zwischen den Zeilen zu entnehmen sein sollte.

24. Mai. 2018
von Martin Benninghoff
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22. Mai. 2018
von Anna Wronska
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Beim zweiten Kind ist man entspannter? Von wegen!

© Picture AllianceManchmal sind Aufregung und Übelkeit schwer zu trennen.

Wir bekommen unser zweites Kind. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Wie die meisten Eltern wissen, sind erstgeborene Kinder das ultimative Verhütungsmittel. Doch wir überspringen beherzt dieses Kapitel und landen im zu Ende gehenden 5. Monat einer bislang unkomplizierten Schwangerschaft, einer von gefühlt 2 Millionen in der Hauptstadt (zumindest ploppen derzeit überall Kugelbäuche auf, Sie sehen sie doch auch?). Mit einem Dreijährigen namens Ben, der bis vor kurzem noch nicht vollends vom Sinn eines Neuzugangs in der Familie überzeugt war – bis wir ihm eröffneten, dass es wieder ein Junge wird. Der ist jetzt genehmigt, ein Mädchen hätten wir, Zitat, „wegschicken“ müssen. Puh.

Ein Kommentar, den ich seit Beginn der Schwangerschaft immer wieder gehört habe, ist: „Beim zweiten Mal ist man ja viel gelassener.“ Ach? Ich nicht. Und das sage ich nicht nur, weil solche Verallgemeinerungen über Schwangerschaften aus Prinzip schon Widerstand verdienen. Ich mache mir so viel mehr Sorgen als beim ersten Mal. In einer Kontaktanzeige käme es nicht so gut, aber hier kann ich es ja sagen: Ich bin der Typ, bei dem das Glas nicht nur halb leer ist, sondern wackelt und bestimmt gleich umfällt. Der Typ, der hinter jeder Ecke Unheil lauern sieht.

Das Bizarre dabei: Diese Angst, dass im Leben nicht alles glatt läuft, scheint größer zu werden, je länger es glatt läuft. Geradezu, als ob sich das Glück-Guthaben mit der Zeit aufbraucht, nach dem Motto: JETZT muss es aber bald knallen. Nicht, dass bei uns immer die Sonne scheint (dafür kann ich reichlich Belege liefern, sofern Sie hier dranbleiben), aber alles in allem haben wir es ziemlich gut.

Und gerade deshalb frage ich mich immer wieder: Fordern wir das Glück unnötig heraus? Darf man nach einem gesunden ersten Kind wie selbstverständlich erwarten, dass auch das zweite gesund ist und alles gut wird? Ich meine, wir sind mit dem Dreijährigen schon so weit gekommen – er steckt sich nicht mehr unkontrolliert Dinge in den Mund, er geht aufs Klo, er kann singen: „Ich hab‘ ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner!“ Wollen wir wirklich wieder von vorne anfangen?

Ja, wollen wir. Das hat die Evolution schon ganz clever eingerichtet. Und dennoch – diese Angst, dass es schiefgeht. Dieses ständige In-den-Bauch-Horchen. Wann hat es sich das letzte Mal bewegt? Warum ziept es unten rechts so ätzend? War der Käse gestern eigentlich pasteurisiert oder aus Rohmilch?

Quatsch, oder? Sagen Sie bitte, dass es Quatsch ist. Auf die Hormone kann ich es leider nicht schieben, denn ich war schon immer so, also schiebe ich es… auf Google.

Ja, das ist gut. Google ist kein Freund von glücklichen, optimistischen Schwangeren. Google ist voll von Schwangerschaftsforen-Einträgen wie diesen:

  • „Ich habe mir unglücklicherweise an einem Schrank heftig den Kopf gestoßen, hatte aber danach keine Beschwerden. Könnte man so eine unentdeckte Hirnblutung haben, die dann bei der Geburt bei den Presswehen platzen könnte?“
  • „Kann ich Milchreis, den ich gestern gekocht und, als er abgekühlt war, in den Kühlschrank gestellt habe, heute ohne Bedenken essen (hab ihn schon gegessen) oder bilden sich da Listerien oder ähnliches?“
  • „Ich habe heute bei meinen Eltern deren neues Bad angeguckt und in dem Moment hat ein Handwerker aus dem Gipskarton etwas ausgefräst und leider war ich nicht schnell genug aus dem Raum und habe sicher etwas eingeatmet.“

Wie soll man dabei nicht verrückt werden?! Und dabei habe ich bewusst die Einträge herausgelassen, die von wirklich schlimmen Erfahrungen handeln. Davon gibt es weiß Gott genug.  Die hingegen, bei denen alles unauffällig, undramatisch ist, findet man nicht bei Google – oder nur selten. Nur besorgte und/oder hysterische Menschen schreiben Schwangerschaftsforen voll. Und nur besorgte und/oder hysterische Schwangere lesen das Zeug. So schließt sich ein unheilvoller Kreis.

Ja ja, man sollte einfach weniger googeln. Aber man sollte auch seinen Facebook-Account löschen, die Treppe statt den Aufzug nehmen, seine Steuererklärung machen und jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Dieses Internet abzuschalten halte ich ebenfalls für übertrieben. Aber man könnte es vielleicht mit ein paar mehr schönen oder zumindest ermutigenden Dingen vollschreiben. So wie Instagram, nur ohne die Filter, denn es soll ja trotzdem echt sein. Und ohne die Fotos. Und ohne die Fitnesstee-Werbung. Ich werde mich bemühen, in diesem Blog etwas dazu beizutragen, aber eine Garantie geben kann ich Ihnen nicht. Denn wer weiß, ob das Glas nicht doch noch kippt.

22. Mai. 2018
von Anna Wronska
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22. Mai. 2018
von Julia Bähr
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Die Wahrheit übers Familienleben

Liebe Leserin, lieber Leser,

natürlich schläft das Kind schon durch. Sogar im eigenen Bett, klar. Sehr intelligent ist es auch, das sagt sogar die Erzieherin, und es übt freiwillig jeden Tag Flöte, ehe es ohne Wehklagen den Pyjama anzieht und sorgfältig die Zähne putzt. Dazwischen sagt es kluge und niedliche Dinge, die in Schönschrift Eingang in ein leinengebundenes Büchlein finden, auf dass das Kind sich später selbst daran erfreuen möge.

Wenn man manchen Eltern zuhört, ist es gar nicht leicht, die Selbstzweifel zu unterdrücken: Erfinden die die Hälfte ihrer Heldenlegenden, oder sind wir vielleicht als Eltern ungeeignet? Sollten wir uns schämen, weil wir nicht vierundzwanzig Stunden am Tag froh und dankbar sind, weil wir neulich die Kinder doch mal mit Fernsehen und Süßigkeiten bestochen haben und weil wir uns nur mit sehr viel schlechter Laune zum Elternabend quälen und dort auf keinen Fall irgendein Amt übernehmen wollen?

Gute Nachrichten: Die anderen reden nur nicht gern darüber. Wie das Leben mit Kindern wirklich ist, erzählen ab sofort die Autorinnen und Autoren unseres neuen Familienblogs – mit allen Aufs und Abs, aber garantiert ohne Heldenlegenden. Sie berichten authentisch von ihrem Alltag, von ihrem angekratzten Nervenkostüm und vom Reisen im Campingbus. Von der Trotzphase und der Pubertät, von häufigen Umzügen und der Einsamkeit der Väter auf dem Spielplatz. Alle Geschichten und alle Menschen sind echt, einige Namen sind es nicht: Die Privatsphäre der Kinder ist uns wichtig und soll auf diese Weise geschützt werden. Damit die Eltern unbesorgt erzählen können, was in ihrem Leben passiert, und andere Eltern sich darin wiederfinden können. Vielleicht läuft bei Ihnen nicht immer alles glatt – aber Sie sind nicht allein damit. Willkommen beim Schlaflos-Blog!

Hier geht’s direkt zum ersten Beitrag.

Ihre Redaktion

22. Mai. 2018
von Julia Bähr
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