Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

16. Apr. 2019
von Janosch Niebuhr
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Plötzlich Hausmann

© Picture AllianceVorlesen ist der nette Teil: Zum Vatersein gehört sehr viel mehr, wenn die Mutter der Kinder nicht den Chefposten innehat.

Umbesetzungen sind in jeder Film- oder Theaterproduktion eine knifflige Sache. Das Zusammenspiel der Akteure muss neu geübt, die noch unbekannte Rolle verinnerlicht werden, der Text, die Übergänge. Selbst wenn die Rollen klar beschrieben sind – jeder füllt sie anders. Und manche Zuschauer müssen sich an das neue Gesicht gewöhnen. In unserer Familien-Soap haben wir jetzt eine radikale Umbesetzung: Meine Frau ist jetzt voll berufstätig, von Montag bis Freitag, von morgens bis abends weg, manchmal auch am Wochenende – und ich spiele vor allem die Rolle des Majordomus und Pater familias, vulgo: Ich muss zusehen, dass der Laden zuhause läuft, die Kinder nicht nur Reiswaffeln essen, wir nicht vermüllen und das richtige Kind zur richtigen Zeit am richtigen Ort ankommt. Wenn das geschafft ist, darf ich arbeiten (sic!). Ich weiß: Andere machen das mit links. Oder sind alleinerziehend, voll berufstätig und müssen das alles ohne viel Bohei hinkriegen.

Aber ich habe Angst. Und das aus gutem Grund. Meine Frau und ich haben uns die Familien- und Haushaltsaufgaben bisher fair geteilt. Habe ich immer so geglaubt. So würde ich das zumindest bis vor kurzem beschrieben haben. Rückblickend weiß ich: Das hat nicht gestimmt. Sprache ist auch da verräterisch. Mein „Komm, ich helf dir bei der Vorbereitung des Kindergeburtstags (oder mit dem Termin für den Kinderarzt oder mit der Wäsche)“ war ja nichts anderes als das Eingeständnis, dass ich nicht zur regulären Besetzung gehöre. (Weshalb ich auf meine so freundlich gemeinten Hilfsangebote auch so selten ein ebenso freundliches Feedback bekam). Seien wir, jetzt da ich die Wahrheit kenne, mal ehrlich: Meistens gibt es in Familien keine gemeinsame Verantwortungsübernahme – einer oder eine hat die Chefkappe auf. Und die ist gleichzeitig die Dienstbotenmütze. Der oder die andere spielt dagegen das, was im Abspann von manchen amerikanischen Filmen oder Serien als „guest star“ oder „guest character“ erwähnt wird. „Ein Gastdarsteller ist ein Darsteller, der nur in wenigen Episoden oder Szenen wirkt. Im Gegensatz zu regulären Charakteren müssen die Gastdarsteller nicht mit allen ihren Auswirkungen sorgfältig in die Handlung integriert werden: Sie erzeugen ein Stück Drama und verschwinden dann ohne Folgen für die Erzählstruktur.“ (So die Übersetzung aus dem entsprechenden englischsprachigen Wikipedia-Artikel.)

Das bedeutet aber nicht, dass ich mich bisher haushalts- oder familientechnisch ausgeruht hätte. Es ist nur eben etwas ganz anderes, ob ich Kind 3 (weisungsgemäß) bei ihrer Freundin abliefere und wieder abhole – oder ob ich mit der Mutter der Freundin eine Woche vorher einen Termin abstimmen und die Frage von Ort und Logistik klären muss. Überhaupt ist das im Moment mein größter Horror: Plötzlich mit so vielen Menschen in Beziehung treten zu müssen, die ich bisher mit einem „Ja, ja, die lieben Kinder“-Lächeln abspeisen konnte oder bestenfalls mit zwei, drei Floskeln über das Wetter. Weiterlesen →

16. Apr. 2019
von Janosch Niebuhr
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11. Apr. 2019
von Anna Wronska
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Alle in einem Bett

© Picture AllianceSüße kleine Füße, ja – aber sie werden schnell groß und landen nachts auch mal in den Gesichtern der Eltern.

„Nimm bitte den Fuß aus meinem Gesicht und leg dich richtig rum!“ – „Menno, ich hab‘ gar keinen Platz, Papa, rutsch mal!“ – „Wie denn? Mein Hintern hängt doch schon in der Luft!“ So lief das gestern Abend vor dem Einschlafen, und so oder so ähnlich am Abend davor, und am Abend davor. Meistens habe ich auf „meiner“ Bettseite (die es in Wirklichkeit natürlich nicht gibt) auch noch ein mehr oder weniger schläfriges Baby an der Brust und muss aufpassen, dass der Vierjährige ihm nicht aus Versehen mit dem Bein oder einem anderen Körperteil eins über die Rübe zieht, während er sich durchs Bett wühlt. Gottlob, der Schlaf kriegt sie irgendwann alle…

Sie merken: Bei uns kommt im Bett keine Langeweile auf. Wir haben uns nie Gedanken gemacht darüber, ob wir nun „Team Familienbett“ sind oder nicht. Fakt ist: Wir sind eine Familie, und wir haben ein Bett. Der Rest hat sich ergeben. Dabei haben wir uns, als unser erster großer Sohn geboren wurde, noch viele Gedanken übers Schlafen als Familie gemacht. Schließlich steht in jedem Handbuch für junge Eltern: Babys sollen in ihrem eigenen Bett schlafen, vor allem aus Sicherheitsgründen. Das leuchtete ein. Aber wie das eben mit solchen Büchern ist: Die Kapitel übers eigene Kind fehlen. Baby Ben schlief am besten in unserer unmittelbaren Nähe ein, am liebsten auf meinem oder Papas Bauch liegend – ja ja, ich weiß, um Gottes Willen!

Auch als er größer wurde, fand er nur in den Schlaf, wenn jemand bei ihm war. Mein Mann und ich haben auch nie versucht, ihm das abzugewöhnen, warum auch? Die lange Zeit verbreitete Auffassung, man müsse Kinder nur lang genug allein schreien lassen, bis sie „schlafen lernen“ (das unsägliche Standardwerk dazu ist bis heute im Umlauf), halte ich nicht nur für Quatsch, sondern geradezu für Kindesmisshandlung. Gemeinsam einschlafen war für uns immer wunderbar kuschelig, und es gibt für mich kaum etwas, das mehr Ruhe und Frieden bringt, als sein schlafendes Kind neben sich atmen zu hören. Mit etwa drei Jahren fand Ben dann aber sein Kinderbett auf einmal ziemlich cool und schlief nach der obligatorischen Vorlesegeschichte am Abend gut darin ein. Mein Mann und ich waren zwar ein bisschen wehmütig („Er ist schon so groß und will bestimmt nie wieder kuscheln!“), aber auch ein bisschen froh. Spätestens, wenn der Morgen graute, war ohnehin irgendwann ein leises Rumpeln, dann ein Tapsen aus dem Kinderzimmer zu hören. Ben kletterte schlaftrunken zu uns unter die Decke und schlief noch eine Weile weiter.

Als ich mit Lukas schwanger war, fand Ben es dann plötzlich wieder doof, allein zu schlafen. Und weil wir ihm nicht das Gefühl geben wollten, dass er wegen des Babys ausquartiert wird, schläft er nun eben wieder im Schlafzimmer. Nach der Geburt von Lukas vor sieben Monaten mussten wir deshalb eine ganze Menge experimentieren: Am Anfang haben das Baby und ich auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen, dann auf der Gästecouch im Kinderzimmer, dann allein im Schlafzimmer (und Ben und sein Vater im Kinderzimmer). Schließlich waren wir zu viert im Elternbett: die beiden großen Männer „richtig rum“, ich quer am Fußende, mit Lukas neben mir und dem Stillkissen als Schutzwall gegen Querschläger. Man wird kreativ, und irgendwann tut der Rücken auch nicht mehr ganz so weh.

Mittlerweile schläft Lukas im Gegensatz zu seinem Bruder glücklicherweise ganz hervorragend in seinem Bettchen ein, wenn er mit Milch abgefüllt und auch sonst zufrieden ist. Das erleichtert das Ganze ungemein. Ich hole ihn nachts zum Stillen zu mir und kann ihn danach wieder ablegen (bisher zumindest – drücken Sie uns die Daumen). Dazwischen gibt’s Kuscheleinheiten vom großen Sohn. „Mama, ich LIEBE deine kalte Haut!“, sagt er fast jeden Abend und streicht mir dabei über den nackten Arm, und dann lächeln mein müder Mann und ich uns im Schein des Nachtlichts über einen zerzausten kleinen Kopf hinweg an und wissen, wir haben alles richtig gemacht.

Ja, wir sind Schlaf-Chaoten. Ja, es ist anstrengend. Nicht alle Eltern können oder wollen so etwas mitmachen, und ich kann es verstehen. Eine Bekannte hat ihre Tochter ins Kinderzimmer ausquartiert, als die gerade sechs Wochen alt war, und beide haben es augenscheinlich gut verkraftet. Sie hat sie ja trotzdem gefüttert und getröstet – sie hatte nur einen längeren Weg. Auch unsere Kita-Erzieherin sagt, sie hätte neben ihrer Tochter niemals schlafen können – die Kleine rotierte nachts durch das ganze Bett, und ihre Mutter brauchte einfach ein paar Stunden Schlaf, um durch den nächsten Tag zu kommen. Mein früherer Chef wiederum hatte die Maxime: Wenn das Baby nach drei Uhr nachts noch auf die Pauke haut, darf er raus auf die Couch – ob die Mutter auch so eine Exit-Option hatte, ist allerdings nicht überliefert.

Jede Familie muss selbst entscheiden bzw. herausfinden, was für sie am besten funktioniert. Idealerweise richtet sich das zuallererst nach den Bedürfnissen der Kinder. Ich weiß, es gibt Familien, die finden, das Kind müsse sich an das Leben seiner Eltern anpassen, nicht umgekehrt. Das geht mir persönlich etwas zu weit. Unsere Kinder haben unsere Tage und unsere Nächte auf den Kopf gestellt, und das ist für uns in Ordnung. Wir haben gelernt: So ein Bett ändert über die Stadien einer Beziehung eben seine Funktion. Für Zweisamkeit braucht es in Zeiten des Familienbetts andere Orte. Und andere Zeiten. Zum Ausruhen dient das Bett heute jedenfalls (wortwörtlich) nur noch am Rande. Aber wer Wert auf einen langen und erholsamen Schlaf legt, sollte sich das mit dem Kinderkriegen ohnehin lieber noch mal überlegen. Einer Studie zufolge schlafen Mütter und Väter nach der Geburt ihres ersten Kindes bis zu sechs Jahre lang schlechter und weniger als davor. Ich fürchte, das ist in unserem Fall noch ziemlich optimistisch. 

11. Apr. 2019
von Anna Wronska
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09. Apr. 2019
von Martin Benninghoff
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Das böse S-Wort

Es gibt einfach Situationen, die sind sch…

„Scheiße sagt man nicht.“ Generationen von Eltern wiederholen diesen Satz, den einst irgendwelche Papas und Mamas für ihre Kinder erfunden haben. Wie in Stein gemeißelt wirkt er, aber auch ein wenig aus der Zeit gefallen. Wo es doch viel schlimmere, anrüchigere, aggressivere und ordinärere Begriffe gibt, die mir zwar alle hier gerade beim Schreiben dieser Zeilen einfallen, die ich aber nicht tippen möchte. (Schade eigentlich.) Nein, das böse S-Wort ist mit Sicherheit nicht besonders förderungswürdig – aber so schlimm, wie manche Eltern noch immer denken, ist es auch nicht.

Oder kennen Sie das? Sie lernen erwachsene Menschen kennen, die im Beisein (und schlimmer: bei Abwesenheit) ihrer Kinder das Wort „Scheiße“, sollte es ihnen einmal aus Versehen aus dem Mund zu fallen drohen, nach den ersten drei Buchstaben schnell noch in ein verschämt hingedruckstes „Scheibenkleister“ umwidmen. Oder in „Scheitel“ oder „Scheibe“. Für mich ist dann der Moment maximaler Fremdscham erreicht, die Selbstverzwergung von Papa und Mama endgültig erreicht, indem sie sich in ihrer Erwachsenenrolle ohne Not selbst infantilisieren. Dem Kind ist damit bestimmt nicht geholfen. 

Das böse S-Wort ist an sich ja recht harmlos. Es ist eine Ausdrucksvariante unter vielen, um eine unbedeutende Alltagssituation in den Griff zu bekommen – wenn man sich weh tut beispielsweise, ein Glas fallen lässt oder sich über eine Situation ärgert. Es ist klar, dass der Begriff kein guter Stil ist und auch einen vulgären Ursprung hat, da er etymologisch der Fäkalsprache entstammt. Und genervte Eltern können ein bis fünf Lieder davon singen, dass Kleinkinder, spätestens sobald sie in den Kindergarten gehen, Fäkalsprache lieben. Aber als moderates Schimpfwort hat es gleichsam eine Ventilfunktion, die nicht zu verachten ist. Wer es nicht inflationär benutzt, verhält sich nur all zu menschlich.

Stürzt sich dabei der gute Wille auf das falsche Objekt?

Wenn also ein Erwachsener alles daran setzt, es zu vermeiden, kann man sich schon die Frage stellen, ob diese Art der Aggressionskontrolle nicht das berühmte Tröpfchen zu viel ist. Oder einen Schritt weiter gedacht: Kann es nicht sein, dass sich hierbei der gute Wille auf das falsche Objekt stürzt? Wenn einem schon Vorschulkinder den Spruch „Scheiße sagt man nicht“ aufs Brot schmieren, aber andererseits Glaubenssätze nachplappern, die unreflektiert von den Eltern übernommen sind? Glaubenssätze, die weitaus schlimmer sein können als das unfeine S-Wort, weil sie sich gegen Menschen und Personenkreise richten, während sich „Scheiße“ eben gegen keinerlei Subjekt richtet, sondern lediglich eine Zustandsbeschreibung ist.

Solche Glaubenssätze werden einem auch gelegentlich von Eltern um die Ohren gehauen. Glaubenssätze, die im Habitat der eigenen Lebensform, den zunehmend homogenen Vorstadtvierteln, entstehen, die sich manchmal, nicht immer, aber oft gegen andere richten – gegen sozial Schwächere, manchmal auch gegen Ausländer. Das trifft man in Städten und auf dem Land, in Dörfern kommt manchmal das Problem hinzu, dass hier weniger Gelegenheiten als in der Stadt entstehen, um mit anderen Lebensentwürfen in Kontakt zu treten. Wer aber kaum Kontakt zu anderen pflegt, verlernt das Fragen – und nervt nur noch mit den in traumwandlerischer Sicherheit vorgetragenen Antworten.Das böse S-Wort galt in Zeiten, da die Form über den Inhalt siegte, als Verfallssymptom einer Gesellschaft, die sich nicht mehr im Griff hat. Das hat sich geändert: Nicht mehr die ins Nirwana gerichtete Vulgarität des S-Wortes ist das Problem, sondern die gegen Menschen oder Menschengruppen gerichtete Diffamierung. Darauf achten natürlich auch Erzieherinnen und Erzieher, Lehrer und Eltern. Aber ausreichend? Vielleicht bleibt mehr Kapazität dafür, wenn man über die alten Schimpfwort- und Fluch-Tabus nachdenkt – das ist natürlich nur eine Teilrehabilitation des alten bösen S-Wortes. Öfter hören will man es dann doch nicht unbedingt.

09. Apr. 2019
von Martin Benninghoff
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04. Apr. 2019
von Anna Wronska
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Wer sein Kind liebt, lässt es impfen

© DPA Picture AllianceDer Pieks muss sein: Kinder sollten geimpft werden.

Ich habe in diesem Blog vor einiger Zeit beschrieben, wie unser jüngster Sohn Lukas nur zehn Wochen nach seiner Geburt an einer Nierenbeckenentzündung erkrankte und ins Krankenhaus kam. Wie furchtbar das für uns war, und wie froh wir waren, als es hieß, dass der Infekt keine organischen Ursachen hatte und der Spuk nach der stationären Behandlung mit Antibiotika schnell vorbei sein würde.

Das war er nicht. Wenig später stellte sich heraus, dass es sehr wohl organische Probleme gab. Lukas musste im Alter von vier Monaten operiert werden. Es war kein dramatischer Eingriff, das Risiko nach Aussagen der Ärzte überschaubar. Dennoch werde ich nie vergessen, wie es mir das Herz zerriss, als eine Anästhesistin mit meinem schreienden Baby auf dem Arm in Richtung OP verschwand. Und wie erleichtert wir waren, als die Ärzte uns sagten, dass alles gut verlaufen war. „Vor hundert Jahren wäre so ein Kind einfach gestorben, und keiner hätte gewusst, woran“, hatte eine Krankenschwester schon beim ersten Krankenhausaufenthalt fast beiläufig zu mir gesagt, während sie eine neue Antibiotikum-Dosis an Lukas‘ Infusionsgerät anschloss. Mir ging das durch Mark und Bein. Lukas hat das Glück, in einer Zeit und einer Region geboren zu sein, in der es sowohl die nötige Diagnostik als auch eine Therapie gegen solche Erkrankungen gibt.

Noch heute bekommt er prophylaktisch ein Antibiotikum in Saftform. Ich finde das nicht toll (er schon, es schmeckt nach Erdbeere), auf dem Beipackzettel stehen diverse potenzielle Nebenwirkungen. Aber das Medikament minimiert das Risiko, dass sich die Infektion wiederholt, bevor die OP im Körper nachhaltig Wirkung entfaltet hat. Nicht eine Sekunde habe ich seinerzeit gezweifelt, mein krankes Kind mit diesem Antibiotikum behandeln zu lassen. Und nicht im Traum würde ich daran denken, es jetzt auf eigene Faust abzusetzen. Oder darüber zu schimpfen, dass irgendein Pharma-Riese am Verkauf dieses Antibiotikums Millionen verdient. Soll er doch. Er produziert ein Medikament, das mein Kind gerettet hat! Ich selber hätte das nicht gekonnt. Und auch kein Kräutergemisch. Und auch keine Zuckerkügelchen, by the way.

All dies geht mir immer wieder durch den Kopf, seitdem die Diskussion um Impfungen, insbesondere gegen Masern, . Eigentlich sollte die Krankheit in Deutschland bis zum Jahr 2020 ausgerottet sein, stattdessen gibt es regional teils geringe Impfquoten und folglich immer wieder Masernausbrüche. Als Reaktion darauf wollen erste Kitas nur noch geimpfte Kinder aufnehmen. Der Präsident der Bundesärztekammer hält eine Impfpflicht gegen Masern auch in Schulen in Deutschland aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht für „absolut sinnvoll“. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstützt die Initiative. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) geht sogar noch weiter und sähe am liebsten eine Impfpflicht auch gegen Röteln, Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Mumps und Windpocken.

Vordergründig hat unser Fall nichts mit dem Thema Impfen zu tun. Doch es gibt Gemeinsamkeiten: Da ist eine Erkrankung, die mitunter gefährliche Komplikationen mit sich bringen kann. Und es gibt einen Weg, sie zu bekämpfen – entweder durch eine entsprechende Therapie oder, wie im Fall von Masern, eben durch eine Impfung (die es in unserem Fall leider nicht gab, sonst hätte sie meinem Kind viel Leid erspart). Zugegeben, die Menschheit hat in ihrer Geschichte schon allerlei Schlechtes hervorgebracht, die moderne Medizin aber ist doch ein Segen. Ja, Medikamente können auch Nebenwirkungen haben – alles andere hieße, dass sie nicht wirken. Es gibt Therapien, die nicht anschlagen. Und Ärzte sind nur Menschen. Aber: Die Medizin hat zahlreiche gefährliche Krankheiten ausgerottet. Und sie könnte es bei mindestens einer weiteren. Wären da nicht einerseits die Unkenntnis über die Gefährlichkeit bestimmter Krankheiten, wie Experten bemängeln – und andererseits die Impfgegner, die sich im Gegenteil sehr sicher sind, viel besser Bescheid zu wissen als die meisten Ärzte. Im Internet kämpfen sie teilweise mit harten Bandagen. Jede Impfung sei rechtlich gesehen Körperverletzung, heißt es dort etwa – inklusive Handlungsanweisungen, um sich gegen Kinderärzte oder Kita-Leitungen zur Wehr zu setzen. Von „Impfmobbing“ in Kitas und Schulen ist die Rede, von einem „von der Pharma erfundenen Herdenschutz“. Schreckliche Bilder von versehrten Kindern und dramatische Berichte von Eltern belegen vermeintlich Impfschäden.

Die mag es vereinzelt auch geben, wenngleich ich von keinem einzigen objektiv erwiesenen Fall weiß. Und ja, auch mich beunruhigen die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung – wir selbst glaubten zuerst an eine Impfreaktion, als Lukas Fieber bekam. Aber meistens reden wir hier doch von einem Tag mit erhöhter Temperatur oder einer Hautrötung/-schwellung. Ganz sicher jedenfalls wird man von Impfungen weder Autist noch Diabetiker noch Krebspatient oder Ähnliches. Und: Eine Impfreaktion ist verschmerzbar im Vergleich zu dem, was Kinder mit einer komplizierten Maserninfektion durchmachen müssen. Es ist eben nicht einfach nur ein Virus, es härtet nicht ab, da muss man als Kind nicht „einfach mal durch, um sein Immunsystem zu stärken“. Einer Studie zufolge sind vor der Einführung von Impfungen jährlich etwa zwei Millionen Menschen an Masern gestorben. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören Impfgegner zu den zehn größten Bedrohungen für die Weltgesundheit – und nicht zuletzt sie seien für die jüngste weltweite Zunahme an Masernerkrankungen um 30 Prozent verantwortlich.

Ich wünsche niemandem ein wie auch immer erkranktes Kind. Aber es scheint fast, als müssten einige Menschen das erst am eigenen Leibe oder dem ihrer Kinder erleben, bevor sie – zu spät – merken, was es bedeutet, wenn man keine Wahl mehr hat. Wenn man darauf vertrauen muss, dass Fremde wissen, was zu tun ist, um dem Kind zu helfen, das man selbst nicht schützen konnte. Das Argument verfängt freilich nicht bei Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass Impfungen der wahre und gefährliche Gegner sind und nicht die Krankheiten, die sie bekämpfen. Diese Einstellung ist vermutlich nur schwer heilbar.

Verantwortung der Gesellschaft

Normalerweise würde ich darauf sagen: Muss jeder Elternteil selbst wissen, es sind ja auch nicht meine Kinder. Aber es gibt auch so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Kinder, die nicht geimpft werden können, weil sie noch zu klein sind, können sich mit Masern anstecken, weil es Kinder gibt, deren Eltern eine Impfung ablehnen. Mein jüngster Sohn gehört dazu. Er ist sieben Monate alt und kann erst im August seine erste MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) bekommen. Und wir wohnen ausgerechnet in Berlin – einer Stadt, die in den vergangen Jahren mehrfach Masern-Epidemien erlebt hat. Mir wird schlecht, wenn ich mir vorstelle, dass er Masern bekommt, weil irgendwelche Eltern meinen, auf dem Rücken von Kindern einen Feldzug gegen die Pharma-Industrie führen zu müssen. Wir haben wahrlich schon genug Zeit in Krankenhäusern und Arztpraxen verbracht in Lukas‘ jungem Leben.

Unser großer Sohn Ben (vier Jahre) fragte mich derweil gestern am Frühstückstisch, wann er wieder zum Impfen muss. Die letzten beiden Male hat er in nicht besonders guter Erinnerung. Um nicht zu sagen: Er hat die ganze Praxis zusammengeschrien aus Angst vor der Nadel. Dass er überhaupt gerade hin muss, liegt nur daran, dass unsere erste Kinderärztin im Säuglingsalter (vielleicht auch aus ideologischen Gründen, wir wissen es nicht) nur eine Fünffach- anstatt eine Sechsfachimpfung vorgenommen hatte und es uns leider nicht aufgefallen war. Nun holen wir die Hepatitis-B-Impfung nach. Es wird auch beim dritten Mal Geschrei und Gezeter geben und einen Pieks, der meinem Kind weh tut und mir auch. Aber Ben weiß: In der Spritze stecken tapfere kleine Kämpfer, die seinen Körper gegen gefährliche Krankmacher verteidigen. Außerdem gibt es hinterher wieder Mittagessen in der coolen Burger-Bar gegenüber der Praxis. Als Belohnung. Für uns beide.

04. Apr. 2019
von Anna Wronska
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02. Apr. 2019
von Chiara Schmucker
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Mein Kind, der Folterknecht

© Picture AllianceKinder sind entzückend. Zumindest denken ihre Eltern das, wenn es gerade mal gut läuft. Aber das ist ein evolutionärer Trick.

„Das Kind bekommt Zähne“ – wie oft habe ich in den vergangenen Monaten diesen Satz gehört, wenn ich irgendwo mit Max auftauchte. Von meinen Freundinnen, meinen Schwiegereltern, in der Krabbelgruppe, aber auch von Fremden in der Straßenbahn oder im Zug. Max sabberte, kaute auf seiner Faust herum und presste sich sein Holzspielzeug zwischen die Kauleisten. Nur: Zähne waren keine in Sicht.

„Sabbern tun alle Kinder ab etwa drei Monaten, das kann ein Zeichen für Zähne sein, heißt aber nicht, dass sie schon jetzt kommen“, erklärt mir der Kinderarzt, und ich beginne mich zu fragen, warum das Zahnthema überhaupt so wichtig ist, dass alle immer damit anfangen. Bisher war Max eigentlich immer recht pflegeleicht, wir hatten viel Spaß miteinander, und wenn er mal ein, zwei Tage schlecht drauf war, konnte er danach meistens irgendwas Neues. „Da will jemand wachsen“, hatte die Hebamme ganz zu Anfang mal jedes längere Schreien begründet und der Satz hatte etwas universalberuhigendes für uns. Bis die Wochen des Zorns, wie ich sie nenne, über uns rollten und ich mir wünschte, einfach für einige Minuten die Stopptaste drücken zu können. Nur: Max hat keine Stopptaste. Natürlich nicht, er ist ein Baby.

Doch der Reihe nach.

Alles begann damit, dass Max krank wurde, nicht schlimm, erst Fieber, dann Schnupfen und Husten. Er bekam schlecht Luft, weinte viel, röchelte beim Schlafen und wachte ständig auf. Und wir mit ihm. Wir tigerten durch die Wohnung, legten ihm einen Ordner unters Kopfkissen, um seinen Kopf etwas höher zu lagern, hängten feuchte Laken auf und schnippelten Zwiebeln. Wir cremten Brust und Nase mit Balsam ein und trugen ihn stundenlang. Wir schliefen im Sitzen und bei Licht, fühlten mit ihm und lauschten seinem Atem. Am Morgen waren wir alle wie verkatert. Wir hatten vielleicht zwei Stunden geschlafen. Max quengelte und klebte an mir, kein Spielzeug war interessant, kein Brei schmeckte, die Sonne im Kinderwagen fand er zu grell, das Zimmer zu still. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und trug ihn durch den Park – „viel frische Luft“ hatte der Arzt geraten. Ich ignorierte, dass er schneller seine Rotznase an meine Pullis schmierte, als ich ein Taschentuch greifen konnte und dass die Waschmaschine dreimal am Tag voll beladen rödelte. Ich kochte Hühnerbrühe und Fencheltee, bastelte neue klappernde Spielzeuge aus Dosen und Deckeln und blätterte wieder und wieder in meinen Ratgebern.

In der Nacht darauf das gleiche Spiel. Auch in Nacht drei, vier und fünf.

Der Infekt wurde zwar rasch besser, doch Max’ Unruhe blieb. Als hätte er vergessen, was Tag und was Nacht ist. Er schlief um sieben Uhr abends ein, wachte aber schon eine Stunde später wieder auf und veranstaltete Rambazamba. Selten schlief er jetzt länger als 15 Minuten am Stück, ungezählte Nächte in Folge. Er wachte auf, weinte und fand nicht mehr in den Schlaf. „Das ist anstrengend, aber nur eine Phase“, sagten mir alle, wirklich ausnahmslos alle Eltern in meinem Umfeld, als sie mich mitleidig auf meine Augenringe ansprachen. „Eine gute Nacht und alles ist vergessen.“ Ich selbst versuchte die Müdigkeit zu ignorieren, ich wusste ja, dass Max mich nicht böswillig aus jeder gerade begonnenen Schlafphase riss. Unsere Nächte mutierten zu einer Kleinkunstbühne, auf der sich zwei Schauspieler abrackern, ein sehr anspruchsvolles Ein-Mann-Publikum zufriedenzustellen. Erfolglos. Mein Mann schleppte sich morgens ins Büro, ich wünschte mir, dass es wieder Abend sein möge, und am Abend, dass die Nacht schnell vorbeigeht. Wir gingen in den Zoo, um das Spazierengehen etwas interessanter zu machen, doch Max heulte mit geschlossenen Augen vor Müdigkeit und würdigte Ziegen, Antilopen und Löwen nicht eines Blickes. Blieben wir zu Hause, jammerte er frustriert seine Bauklötze an.

Vor meinem inneren Auge begannen Folter-Bilder aus dem Gefangenenlager Guantanamo Bay vorbeizuziehen, in dem Insassen mit Licht und Lärm am Schlafen gehindert und damit langsam in den Wahnsinn getrieben wurden. Ich tat mir leid und googelte „Schlafentzug Folter“. Direkt bekam ich „Schlafentzug Folter Tod“ und „Schlafentzug Folter Baby“ vorgeschlagen. In den Texten vergleichen sich Mütter mit Hulk aus den Marvel Comics, in den sie sich nach Wochen des Schlafentzugs verwandelt hätten. Sie berichten von der Scham darüber, dass sie ihr Kind in der Nacht beschimpft haben. Ich lese, dass Ratten bei Schlafentzug in einem Experiment innerhalb von sieben Tagen gestorben sind und der Brite Tony Wright im Jahre 2007 knapp elf Tage am Stück wach blieb – Weltrekord. Schon nach zweieinhalb Tagen hatte er zu halluzinieren begonnen.

Es ist schwer zu beschreiben, wie man sich fühlt, wenn man sich in der Nacht überlegt, ob die anonymen Babyklappen wohl auch nachts um drei offen sind und ob ein Baby mit Kleidergröße 74 wohl noch hineinpassen würde. Schlafentzug verfälscht die Erinnerung und verzerrt die Selbstwahrnehmung, das hat selbst die CIA eingesehen – ich bilde mir ein, dass Max noch nie gut geschlafen hat und es dementsprechend auch niemals tun wird. Er heult und ich heule gleich mit.

Meine Nicht-Eltern-Freundinnen hörten sich mit mitleidiger Miene meine Sorgen an, von denen ich mir immer sicher war, dass ich sie mir niemals machen würde, schließlich gehöre ich eher zu den pragmatischen Müttern. „Als der Arzt im Krankenhaus mir nach der Geburt bei der Entlassung einschärfte, das Baby ja nie zu schütteln, dachte ich, der spinnt, wieso erzählt der mir so was“, raunt mir eine Krabbelgruppenfreundin zu, deren Baby ähnlich unruhig schläft. Inzwischen könne sie verstehen, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte, wenn natürlich auch unentschuldbar. „Man ist nicht mehr man selbst.“

Das hat die Natur ganz schön riskant eingefädelt, denke ich mir. Schreien ist wegen seiner schnell wechselnden Frequenz angsteinflößend und animiert zu sofortigem Handeln. Der menschliche Schrei ist ein Alarmsignal und hat unsere Vorfahren oft vor Lebensgefahr bewahrt. Nur dass meiner Meinung nach nachts in meinem Bett selten Lebensgefahr herrscht und es dementsprechend unangenehm ist, von einem Gebrüll aus dem Schlaf gerissen zu werden, als schleiche der Tiger durchs Zimmer.

Ich frage meine Freundinnen, die mehrere Kinder haben, wie sie auf die Idee kamen, sich für ein zweites Kind zu entscheiden und wie sie den Alltag meistern. „Man macht einfach immer weiter“, lautet eine ernüchternde Antwort. „Anstrengender sind die älteren Kinder, weil die ständig diskutieren wollen“, sagt die andere Freundin. Alle beruhigen mich: Ganz normal, wahrscheinlich lernt Max gerade etwas Neues oder bekommt Zähne. Ich kann kaum glauben, dass Mütter von Afrika bis Australien seit Jahrtausenden dieses Spiel mitmachen und die Menschheit wächst statt ausstirbt.

Luftveränderung, denke ich mir, und reise ein paar Tage zu Freunden in Süddeutschland. Max schläft super ein, wacht nach zwei Stunden auf – und lässt sich dann gar nicht mehr beruhigen. Er weint in der Bauchtrage, er will aber auch nicht liegen und schreckt immer wieder brüllend auf. Die Nächte des Zorns kulminieren in der Nacht des Horrors. Am nächsten Morgen sehe ich etwas kleines Weißes in seinem Mund aufblitzen: Zwei Zähne sind durch das Zahnfleisch gebrochen. In der Nacht darauf schläft Max acht Stunden am Stück – und ich neben ihm. So wie Schlafmangel die Erinnerung verfälscht, so führt Mama-Schlaf offenbar ebenfalls zu Amnesie. Schon kann ich mich kaum erinnern, dass es jemals anders war. Und drücke hundertfach auf den Foto-Auslöser in meinem Handy. So stolz bin ich, dass mein Baby schon so groß ist und stolz und strahlend die beiden neuen Meilensteine in seinem Mund präsentiert.

02. Apr. 2019
von Chiara Schmucker
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28. Mrz. 2019
von Tanja Weisz
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Die Würde des Teenagers ist antastbar

© MITO Images / Picture AllianceWie umgehen mit den Stimmungsschwankungen eines Teenagers?

Es gibt ein Lebensalter, da werden Menschen zu rohen Eiern. Man sollte sie am besten gar nicht anfassen, gar nicht berühren, denn das scheint ihr Innerstes, das einem Ei-Unklar gleicht, noch mehr durcheinander zu bringen.

Eine scheinbar normale Ansprache dieser Menschen ist fast unmöglich, schon Aufrufe zum gemeinsamen Essen oder Hinweise auf die Abwesenheit notwendiger Kleidungsstücke im Winter können Krisen auslösen, gegen die sämtliche Brexit-Abstimmungen ein Kinderspiel zu sein scheinen.

Man erinnert sich als Elternteil dann wehmutsvoll an Tage, als Aufrufe zum Essen mit flinken Füssen beantwortet wurden oder man die Kleidungsfrage ohne Umschweife und Protest noch selbst regeln konnte.

Aber jetzt ist da dieser Teenager, eigenwillig, eigenbrötlerisch und immer unvorhersehbar. Was für eine Stimmung gerade durch die Tür kommt, nebelverhangen oder aufgehellt, man weiß es erst, wenn man den ersten falschen Satz gesagt hat. Und ich habe viele falsche Sätze gesagt. Bin oft explodiert und war wütend und verzweifelt, wenn nichts in das Teenagerhirn durchzudringen scheint.

Man sieht dem Pubertier an, dass es sich quält, dass es sich abarbeiten muss an einer feindlichen Welt, die weder seine Kleidung, noch seine Stimmungen oder seine Bedürfnisse versteht. Man wäre so gerne sein Verbündeter (hey, ich bin die Gute, die das WLan bezahlt!) und ist doch der Hauptfeind.

Teenager sind wie Hochsensible, denen Alltägliches unerträglich und schnell zu viel wird. Sie wollen allein zurechtkommen und ihre Selbstständigkeit wird so überlebenswichtig wie atmen. Gleichzeitig stehen die Eltern hilfsbereit daneben und haben einen Schrank voll guter Ratschläge zur Hand, jederzeit bereit, sie alle ungefragt auszubreiten.

Doch Hilfe ist in aller Regel unerwünscht. Denn sie verletzt. Jeder konkrete Ratschlag hat in den Ohren eines Pubertiers nur ein Echo: Du.Traust.Mir.Nichts.Zu!

Dabei sind es ja schon Halb-Erwachsene, nur auf dem Papier noch Kinder. Und sie leisten auch schon so viel, denn im Grunde haben sie einen Job, den sie jeden Tag erfüllen müssen: Schule. Unbezahlt und oft ungeliebt, aber genauso zwingend wie ein regulärer Nine-to-five Job. Sie müssen Hausaufgaben selbst bewältigen, haben Hobbys, die sie organisieren. Sie pflegen Freundschaften und wissen, wie man den Router neu startet und im Ernstfall auch die Waschmaschine bedient, wenn das Lieblings-T-Shirt müffelt. Sie ziehen immer weitere Kreise, mit Fahrrad, Bus und Bahn und im Sommer vielleicht mit der ersten Ferienfreizeit allein ins Ausland. Und dann machen  sie auch noch ein Berufspraktikum, gehen zu Wildfremden in eine Firma und müssen  sich da ganz allein durchschlagen. Das ist unglaublich viel und erschreckt manchmal selbst die Eltern. Viele Aufgaben und Pflichten fehlen noch, sicher, aber die werden sie auch noch bewältigen.

Wenn ich dran denke, was leider nicht immer gelingt, versuche ich mich an Um-die-Ecke-Ratschlägen. Uns hat zum Beispiel geholfen, dass ich alle möglichen Anekdoten von mir ausgegraben habe. Wie ich damals am ersten Tag zu spät im Praktikum aufgetaucht bin und mir das dort über Wochen vorgehalten wurde. Wie gerne ich das im Nachhinein geändert hätte und deshalb meine Tochter zur Eile antreibe, damit ihr nicht das Gleiche passiert. Oder wie mich Migräne flachgelegt hat, wenn ich eigentlich Sachen in letzter Minute noch fertig machen wollte und auf einmal gar nichts mehr ging.

Erstaunlicherweise werden solche Geschichten aus dem wirklich wahren Leben ganz gut beim Nachwuchs angenommen. Vielleicht weil es Geschichten vom Scheitern der vermeintlich Großen sind, von Schwächen und Pleiten, und damit sind Teenager nun mal vertraut.

Es hat was vom In-die-Hocke-gehen, wie früher auf Augenhöhe mit den trotzigen Dreijährigen, wenn man sie von oben nicht erreichen konnte. Auf Augenhöhe ist jeder leichter ansprechbar.

Und dann Fragen statt Anordnen. „Darf ich dir etwas raten? Soll ich dir etwas raten? Möchtest du einen Hinweis?“. Ja, ich weiß, da werden jetzt manche aufheulen und sagen, dass man als Leitwolf gefälligst die Richtung vorzugeben habe. Und ein bisschen ZackiZacki noch niemand geschadet habe. Aber Ansagen zu machen ist ja so viel einfacher, als sich auch mal zurückzunehmen. Einfach mal die Klappe halten und es ertragen, dass man Recht hatte, dafür aber von niemandem auf die Schulter geklopft bekommt.

Wenn man es schafft – was mir beileibe nicht immer gelingt – ruhig zu bleiben, kann man den Teenager auch fragen, wie er das Problem angehen würde. Wie viel Vorbereitung wohl für eine Sache nötig sei, wie viel Zeit er wohl dafür braucht. Und wie man ihn dabei unterstützen kann.

Wir sind damit erst am Anfang, aber die Erfolge sind vielversprechend. Und es geht wieder würdevoller bei uns zu.

28. Mrz. 2019
von Tanja Weisz
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26. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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Von Prinzessin Lillifee zur Vorstandsvorsitzenden

© Picture AllianceWas für ein Job soll’s denn werden? Der Girls’Day soll Mädchen inspirieren.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Sagt man. Das stimmt aber leider nicht immer. Meine älteste Tochter (12) zum Beispiel wartet seit einigen Tagen auf den Rückruf des örtlichen Forstamtes, aber das hat sich bisher nicht gemeldet. Dabei läuft uns die Zeit davon. Meine Tochter möchte nämlich den im hiesigen Forst verbringen, einem Forstwirt bei der Arbeit zuschauen. Vor allem aber am Girls‘ Day nicht in die Schule müssen. Das wäre die schlimmste Option: Im Klassenzimmer Filmchen über die Arbeitswelt angucken, während die Mitschülerinnen tolle Sachen machen in irgendwelchen Agenturen, Handwerksbetrieben oder Unternehmen.

In die Arbeitswelt der eigenen Eltern reinschnuppern scheidet aus: Meine Frau fängt jetzt erst ihre neue Stelle an, und ich sitze nur am Computer und mache „Tippi-Tippi“ (wie unsere Jüngste meine Tätigkeit bezeichnet). Zu langweilig. Außerdem soll der Girls’Day ja vor allem Einblicke in technische oder naturwissenschaftliche Arbeitsfelder vermitteln, da wäre unsere Tochter bei uns ziemlich falsch. ( halten meine Frau und ich bestenfalls für eine Farbe oder eine Geschmacksrichtung bei dunkler Schokolade. Und ich bin ja schon froh, wenn das WLAN funktioniert.)

Zugegeben: Der Termin für den Girls’Day steht schon seit Monaten fest, die Infoblätter hatte ich, glaube ich, schon Anfang Januar in der Hand. Und mit etwas mehr elterlicher Unterstützung hätte meine Tochter wahrscheinlich jetzt keine Torschlusspanik. Außerdem gibt es da ja auch noch eine eigene Suchmaschine auf der Plattform des Girls’Day im Internet. Wir haben da gestern auch mal reingeschaut – es gab noch zwei offene Angebote in unserer Nähe: Schnuppertag bei der Bundeswehr (ab 15 Jahren) und Einblicke in das Arbeitsfeld einer Fachkraft für Lagerlogistik. Wir haben dann doch lieber noch bei unserem griechischen Lieblingsgastronom um die Ecke angefragt, ob unsere Zwölfjährige einen Tag in der Küche helfen kann. Leider ohne Erfolg.

Ich habe, ehrlich gesagt, ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Girls’Day.

Sicher, es gibt gute Gründe, Mädchen für sogenannte „Männerberufe“ zu interessieren und mit diesen blöden Rollenfestlegungen aufzuräumen. Ohnehin bin ich als Vater von drei Töchtern notwendigerweise Feminist. Und ich weiß auch, dass sich durch abwarten oder aussitzen noch nie etwas geändert hat in der Welt. Wenn ich mir nur vorstelle, meine irgendwann erwachsenen Töchter dürften nicht wählen gehen, ihr Vermögen nicht selbst verwalten, keiner beruflichen Tätigkeit oder keinem Studium nachgehen ohne Einwilligung eines Mannes, dürften nicht selbst bestimmen, wie sie leben möchten oder mit wem, dann steigt mein Blutdruck in gefährliche Höhen. Das alles klingt nach grauer Vorzeit und ist doch gar nicht so lange her. Wahrscheinlich hätte ich als Vater damals auch alles so hingenommen und meinen Töchtern erzählt, dass das eben so sei im Leben. Weil … warum auch immer.
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26. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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21. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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Nach Christchurch – wie sage ich es meinem Kind?

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern spricht mit Schülern über das Massaker in Christchurch.

„Bei einer Schießerei am Freitag in Christchurch wurden 50 Menschen getötet, viele wurden verletzt.“ So steht es auf der . Davon abgesehen, dass von einer „Schießerei“ kaum die Rede sein kann, da ein Attentäter gezielt Jagd auf Menschen gemacht hat: Der Stil ist sachlich und größtmöglich unblutig. Kindgerecht eben.

Denn eines ist klar: Auch an Kindern gehen solche Schreckensmeldungen wie aus dem neuseeländischen Christchurch nicht spurlos vorbei. Entweder erfahren sie im Internet, dem Fernsehen oder in den bei Papa und Mama herumliegenden Zeitungen von dem Massaker in der Moschee, in der sich zum Zeitpunkt der Attacke Hunderte Menschen zum Freitagsgebet versammelt hatten. Oder aber sie spüren das Entsetzen, das sich bei ihren Eltern breitmacht.

Jüngere Kinder wie unseren zweieinhalb Jahre alten Elias können wir vor den Bildern und solchen Nachrichten bewahren, er ist noch zu jung und interessiert sich nicht für den Fernseher; ja selbst das Tablet, das er furchtbar gerne vom Regal klaut, ist ihm vor allem als leuchtendes Irgendwas attraktiv. Inhalte interessieren ihn noch nicht sonderlich. Aber ältere Kinder im Grundschulalter und darüber hinaus vom Nachrichtenfluss zu isolieren – das ist praktisch unmöglich und auch nicht wünschenswert. Denn solche Terrorattacken wie in Neuseeland sind Teil der Realität und damit der Welt, in der die Kinder und wir alle leben.

Die Frage ist nur: Wie geht man als Eltern mit dieser Realität um? Wie schützt man seine Kinder? Aber wie führt man sie zugleich an diese Themen heran, ohne sie zu verschrecken und auch nur ansatzweise zu traumatisieren? Die Kinder in Watte zu packen, damit ist jedenfalls keinem geholfen, am wenigsten den Kindern selbst.Grundkonsens muss aber sein: Brutale Details, verstörende Youtube-Videos, blutige Fotos sind tabu.

Dass in den Morgenstunden des vergangenen Freitags das wie ein Egoshooter-Spiel aufgezogene Attentatsvideo im Internet kursierte, zeigt, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Kinder (und Jugendliche erst recht) hätten es sich relativ schnell besorgen und anschauen können. Noch später, als das Video meist nicht mehr aufzurufen war, gab es online Screenshots zu sehen, die „Bild“ präsentierte Sequenzen und Fotos aus dem Horrorvideo. Welche Sensationsgier oder, nach wohlwollender Interpretation, Wunsch nach dokumentarischer Authentizität da auch immer am Werk war – für Kinder wäre es leicht gewesen, an Material zu kommen.

Schlechte Nachrichten bedeuten nicht, dass die Welt schlecht ist

 Es ist schwierig, solche Verbreitungsmöglichkeiten abzustellen, es reicht ja ein herumliegendes Smartphone. Etwaige Filter müssten erst mit den entsprechenden Schlagworten gefüttert werden. Umso wichtiger ist es, dass die Eltern für die Kinder da sind und die Nachrichten einordnen. Und das Wichtigste zuerst: Eltern müssen ihren Kindern zeigen, dass es nicht Aufgabe der Medien ist, die Welt in ihrer Vollständigkeit zu zeigen, mit all ihren bunten und schönen sowie grauen und brutalen Seiten. Die Medien sollen die Finger in die Wunden legen, Skandale aufdecken, recherchieren, auch unterhalten. Sie sollen einzelne Ereignisse und Entwicklungen zeigen und einordnen – nicht mehr, nicht weniger. Dass sie voller negativer Nachrichten sind, heißt natürlich nicht, dass die Welt schlecht ist. Diese eigentlich grundlegende Medienkompetenz lassen aber selbst viele Erwachsene vermissen – wie sollen es dann die Kinder lernen?

Den Heranwachsenden muss also erst einmal die Angst genommen oder gleich schon im Keim erstickt werden: Sie sollten imprägniert sein. Im Falle Christchurchs oder einer ähnlichen Katastrophe werden Kinder die Eltern vielleicht fragen, ob ihnen so etwas auch passieren könnte, ob sie ebenfalls Opfer einer solchen Tat werden könnten. Die Antwort ist nicht leicht, sollte aber vielleicht lauten: „Der Mann hat in der Moschee angefangen zu schießen. So etwas passiert sehr selten, du kannst Dich also sehr sicher fühlen.“ Fast ist man geneigt, gleich noch die wesentlich höhere Gefahr hinterherzuschieben, bei einem Autounfall unter die Räder zu kommen. Aber das sollte man dann doch im Beisein der Kinder besser unterlassen. Sicher ist, nun ja, eben sicher und nicht nur eine Frage statistischer Wahrscheinlichkeiten.

Bei etwas älteren Kindern wird vermutlich die nächste Frage lauten, warum dieser Mann so etwas Schreckliches getan hat. Und jetzt wird es anspruchsvoller: Denn die einfachste Antwort, der Attentäter sei psychisch krank oder verwirrt oder sonst irgendwie entschuldbar angeschlagen, fällt im Falle Christchurchs aus. Der Attentäter ist ein brutaler Rechtsextremist, ein Rassist, der nicht nur Menschen auslöschen, sondern zugleich mit seinen gezielten Propagandabotschaften im Internet und einem großsprecherischen Manifest Unruhe und Unsicherheit verbreiten will. Ein faschistoider Troll, der kein Monopol auf eine krude Gedankenwelt hat, sondern damit anschließt an eine Welt voller rassistischer Verschwörungstheorien. Soll heißen: Er ist nicht der einzige. Und diese Parallelwelt ist längst nicht mehr so abgeschlossen, wie jene früherer Rechtsextremisten – sie findet ihr Futter auch in Kreisen, die sich lange Zeit noch irgendwie als bürgerlich maskiert haben.

Empathie für die Opfer in Neuseeland

Wir reden hier nicht übers Darknet oder verschlüsselte Chats, sondern über Bücher, Internet- und Facebookseiten von Identitären, Reichsbürgern, auch von lokalen AfD-Gruppen und einzelnen Politikern, die wieder Begriffe wie „Umvolkung“ oder „der große Austausch“ wie selbstverständlich im Munde führen. Der Katzenkrimi-Autor Akif Pirinçci („Felidae“) brachte 2016 in Götz Kubitscheks Verlag Antaios ein Buch mit dem Titel „Umvolkung – Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden“ heraus.

Hinter diesem Begriff steht die gefährliche Verschwörungstheorie, wonach eine höhere Geburtenrate von Einwanderern zu einer Art „Völkermord an Weißen“ führe – und zwar, das wird suggeriert, gezielt gesteuert. Eine These, die zwar leicht zu widerlegen ist, die zugleich allerdings doppelt vergiftend wirkt: Einerseits, da sie Einwanderer zu „Völkermördern“ erklärt, andererseits da sie den real stattgefundenen Völkermord zum Beispiel an den Juden während des Dritten Reichs verharmlost. Auf frei zugänglichen Seiten im Internet, darunter auch Youtube, finden sich solche Begriffe mit größter Selbstverständlichkeit. Es ist schwer, Heranwachsende davor zu bewahren. Der Attentäter von Christchurch war offenbar tief in diese Gedankenwelt eingetaucht.

Aber Eltern können viel tun, um ihre Kinder vor solchen Dingen und den verstörenden Folgen brutaler Taten wie in Christchurch zu schützen:

  • Zunächst einmal sollten sie ihren Kindern jegliche Angst nehmen, ohne sie in unnatürlicher Sicherheit zu wiegen.
  • Zudem sollten sie ihre Kinder sensibilisieren. Es hat sich leider eingebürgert, dass wir – auch die Medien – Menschen zu sehr als Gruppenfunktionsträger identifizieren: als Flüchtlinge, Muslime, Schwule. Der Mensch, das Individuum dahinter, verschwimmt in einer Gruppenidentität, die es leichter macht, ihren „Funktionsträgern“ das Menschsein abzusprechen. Das machen sich Extremisten zunutze.
  • Differenzieren, differenzieren, differenzieren! Vater und Mutter tun gut daran, dem Kind sachlich zu erklären, wer der Täter ist, wie er zu dem wurde, was er ist. Begriffe aus dem Boulevard wie „Monster“ oder religiöse Anleihen wie „das Böse“ helfen da nicht weiter. Besser erklären, was ein Rechtsextremist will: dass solche Menschen (!) der Meinung sind, dass die Menschen nicht alle gleich viel wert sind. Zugleich verdeutlichen, dass diese Ansicht falsch und gefährlich ist.
  • Den Opfern ein Gesicht geben. Die Täterfixierung ist Ausdruck eines berechtigten Interesses, aber auch der Sensationsgier. Gerade Kinder haben aber die menschlichste aller Fähigkeiten, die Empathie für die Mitmenschen, noch nicht verlernt. Eltern können die Geschichten der Opfer erzählen, ihre Familien und deren Trauer thematisieren. Kinder können so etwas in Bildern verarbeiten.
  • Egoshooter- und Ballerspiele: Kein Mensch wird zum Attentäter, nur weil er gerne am PC oder dem Smartphone zockt. Aber der Attentäter von Christchurch hat in seinem Attentatsvideo gezielt die „Ästhetik“ von Egoshooter-Games eingesetzt, um die Verbreitung unter jüngeren Leuten zu beschleunigen, die diese Bildsprache aus ihren eigenen durchgezockten Nächten kennen. Auch deshalb sei daran erinnert, dass täuschend realistische Ballerspiele zwar nur Spiele, aber ab einer gewissen Dosis sicherlich nicht friedensnobelpreisverdächtig sind.

Dass der Attentäter von Christchurch genau wusste, wie er seine Bluttat medial „vermarktet“, lässt für zukünftige Taten nur den Schluss zu, dass Nachahmungstäter mindestens so „medienkompetent“ sein dürften wie er. Wer als Vater oder Mutter also der Meinung ist, das interessiert mich alles nicht, ich lese weiter nur ein gutes Buch, wird seine Kinder weder begleiten noch schützen können: Medieninkompetenz war noch nie so gefährlich wie heute.

21. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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14. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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Zweisprachige Erziehung – der Migranten-Komplex

© ReutersSpätestens bei der Jobsuche sind Sprachkenntnisse Gold wert – wie hier bei einer Messe in Berlin.

Unsere Kinder sollen Polnisch lernen – das war meinem Mann und mir von Anfang an wichtig. Ich bin in Polen geboren, aber in Deutschland aufgewachsen, seit ich vier Jahre alt war. Bis heute habe ich Familie in Oberschlesien, und in meinem Elternhaus wurde immer deutsch-polnisches Durcheinander gesprochen, so dass ich zumindest die polnische Umgangssprache ganz gut beherrsche (einen Behördenbrief könnte ich nicht aufsetzen, aber die polnische Sprache hat einfach die allerbesten Flüche).

Auch unsere Kinder, so die Idee, sollten sich mit der Verwandtschaft verständigen können; außerdem beschert zweisprachige Erziehung dem Hirn des Kindes ja angeblich ein paar Extra-Synapsen. Dabei war klar, dass das Polnische mein Part sein würde. Mein Mann kann zwar mittlerweile „Bitte“, „Danke“ und – ganz wichtig – „Das war lecker, aber ich bin wirklich satt“ auf Polnisch sagen. Er hat sich mithilfe eines Reisewörterbuchs sogar „Diesen Zahn bitte nicht ziehen!“ beigebracht (man könne ja nie wissen), aber da hört es leider auf. Mir wiederum fiel es am Anfang überhaupt nicht schwer, mit Ben ausschließlich Polnisch zu sprechen, obwohl ich selbst auf Deutsch denke und träume. Das Tolle an der polnischen Sprache ist, dass man im Grunde alle Nomen verniedlichen kann, was überaus praktisch ist in der Kommunikation mit kleinen Kindern. Das ergibt dann übersetzt Wörter wie Sonnchen, Schmetterlingchen, Kaninchen-chen (Sie verstehen die Mechanik?) und so weiter, aber mit mehr Vielfalt bei den Endungen und mit viel schönerem Klang als im Deutschen, zumindest für Ohren, die das Slawische gewöhnt sind.

Dass die deutsche Sprache bei unserem Sohn dennoch die Hauptsprache werden würde, war gewollt und ist auch so gekommen. Ben lernte trotzdem sehr schnell, Polnisch zu verstehen. Er spricht es selbst kaum, kann aber ohne jede Verzögerung auf Deutsch antworten, wenn ich ihn auf Polnisch anspreche. Doch je komplexer seine deutschen Sätze und Fragen in den vergangenen Jahren wurden, desto kniffeliger wurde es für mich. Zum einen fehlten mir zunehmend die polnischen Vokabeln, um ihm angemessen auf Polnisch zu antworten, ich stammelte mir nur irgendetwas zurecht und sagte deshalb immer häufiger zu meinem Mann: „Erklär du ihm das schnell auf Deutsch.“ Das frustrierte mich wiederum schon bald, denn so sprach ich weniger mit meinem Kind, als ich wollte und gekonnt hätte – und es konnte ja nicht sein, dass Mama nur für das simple Heiteitei und Papa für die komplizierten Erläuterungen zuständig ist.

Diffuses Unwohlsein

Doch da war und ist bis heute noch etwas anderes. Dieses diffuse Unwohlsein, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin und sie in der Öffentlichkeit auf Polnisch anspreche. Kommt es mir so vor oder horchen viele Leute im Bus dann auf? Und wenn ja: Horchen sie auf, weil sie sich fragen, welche Sprache das ist oder weil es sie stört? Gucken sie interessiert oder gucken sie komisch? Fakt ist: In der Hauptstadt leben Menschen aus fast 200 Nationen, die Polen sind dabei nach den Türken die zweitgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe. Im Berliner Nahverkehr sind folglich ständig die unterschiedlichsten Sprachen zu hören – das macht Berlin ja so wunderbar. Ich selbst habe noch nie einen fiesen Kommentar bezüglich meiner Abstammung gehört (sondern „nur“ wegen meines unverschämt großen Kinderwagens, der den Gang blockiere) oder einen Blick vernommen, der zweifelsfrei das Sprechen einer „fremden“ Sprache missbilligte (unfreundlich gucken können viele Berliner auch ganz ohne Grund). Aber eine befreundete Mutter mit türkischen Wurzeln hat kürzlich in eben jenem Berlin etwas erlebt, das fassungslos macht: Sie fuhr mit ihren beiden Jungs im Bus, sprach mit ihnen Türkisch und bekam von einem Fahrgast zu hören, Leute wie sie gehörten „in die Gaskammer“. Ich war bei dieser Szene nicht dabei – ich hoffe, ich hätte vor Empörung den ganzen Bus zusammengeschrien und die Polizei gerufen.

Rechte, rassistische und antisemitische Übergriffe hätten in Berlin zuletzt zugenommen, gab die Opferberatungsstelle Reach Out vor kurzem bekannt – von 267 Fällen im Jahr 2017 auf 309 Fälle im Jahr 2018, mit Rassismus als häufigstem Motiv. Habe ich also bisher nur Glück gehabt – vielleicht, weil ich jederzeit zwischen den Sprachen wechseln kann und Rassisten, wenn es hart auf hart kommt, in akzentfreiem Deutsch anschnauzen könnte? Weil ich nach knapp 30 Jahren in diesem Land „deutsch genug“ bin, im Gegenzug zu den vielen Menschen, die noch nicht so lange hier leben und/oder die Sprache weniger gut beherrschen?

Das ist natürlich Quatsch. Und dennoch ertappe mich dabei, dass ich in Gesellschaft von Menschen, die ich nicht kenne, lieber auf Deutsch als auf Polnisch mit meinen Kindern spreche, obwohl ich Polnisch konsequent durchziehen müsste, um sie nicht zu verwirren. Oder dass ich zumindest immer mal etwas Deutsches einstreue, nach dem Motto: „Seht her, ich bin eine von euch, ich bin integriert.“ Als käme es dafür (allein) auf die Sprache an. Ich weiß auch, dass ich etwas leiser werde, wenn ich ins Polnische wechsle, beispielsweise am Telefon. Es ist etwas anderes, wenn ich von Freunden oder Bekannten umgeben bin, die die Sprache nicht verstehen – da spreche ich mit meinen Jungs direkt Deutsch, damit ich nicht für die anderen übersetzen muss. In der S-Bahn oder im Bus könnte es mir hingegen egal sein, ob ich verstanden werde oder nicht. Ist es aber nicht. So bin ich aufgewachsen: immer bedenken, was andere denken oder sagen könnten. Sich anpassen um jeden Preis; möglichst nicht als „fremd“ auffallen.

Minderwertigkeitskomplex, den man nicht mehr los wird

Was soll ich sagen, es hat funktioniert. Nur ist daraus offenbar ein Minderwertigkeitskomplex geworden, den ich nicht mehr abschütteln kann. Dabei wünsche ich mir, dass meine Kinder die Zweisprachigkeit als Bereicherung empfinden, nicht als etwas, was ihnen oder ihrer Mutter unangenehm ist. Ich will nicht, dass sie sich vor schiefen Blicken fürchten – ob begründet oder nicht. Ob sie Polnisch jemals wirklich gut können und ihnen das im Leben nützt, weiß ich nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihnen schadet. Deshalb versuche ich, an meinem Migranten-Komplex zu arbeiten und wieder mehr Polnisch zu sprechen, auch, wenn es unbequemer ist. Erst recht jetzt, da wir mit unserem Jüngsten Lukas (sechs Monate) eine Gelegenheit haben, noch mal neu anzufangen mit der Zweitsprache. Englisch kann schließlich heutzutage fast jeder – wer hingegen beherrscht schon eine Sprache, in der gefühlt 20 Konsonanten auf einen Vokal kommen? Außerdem gibt es nichts Schöneres, als wenn der große Sohn und sein Vater sich in den Ferien bei der polnischen Schnitzel-Oma (der Name ist Programm) die Bäuche vollschlagen und zu ihr sagen können: „Smakuje!“

14. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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11. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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Der größte Handwerker aller Zeiten

© DPA Picture AllianceIt’s so easy? Ja, wenn man’s kann.

Vorvergangene Woche war ich in der Autowerkstatt. Das ist zugegebenermaßen kein Knallereinstiegssatz, aber in diesem Fall hatte dieser an sich lapidare Vorgang den gewichtigen Nebeneffekt, dass mein zweieinhalbjähriger Sohn Elias seitdem aus dem Autoreparaturfieber gar nicht mehr herauskommt. Er bockt nun öfter sein rotes Bobbycar auf seiner kleinen Werkbank auf, nestelt mit seinen Spielzeugzangen und -schraubenziehern an den Rädern herum, setzt andeutungsweise neue Scheibenwischerblätter ein und baut seine Holzklötze als neue Bremsklötze ein, also, er schiebt sie irgendwie zwischen Plastikkarosserie und Radaufhängung. Er hatte während meines Werkstattgesprächs aufgeschnappt: Bremsbeläge abgefahren. Aus seinem Kindermund höre ich seitdem zigfach am Tag: Bremsen kaputt.

Aber natürlich waren nicht nur die Bremsbeläge am Ende, und jetzt stoßen wir zum Kern des Problems: Die Bremsscheiben waren ebenfalls hinüber, weil ich zu lange gewartet hatte mit dem Werkstattgang. Technik interessiert mich eben meist nur auf Aufforderung, selbst bei Autos, die mich an sich schon ansprechen, aber eben meist nur ihr Design. Als guter Daddy im Baumarktland Deutschland ist man mit diesem freimütigen Bekenntnis natürlich schon so gut wie ausgemustert. Nun ist es ja nicht so, dass ich beim Schraubeneindrehen oder dem Nagel-in-die-Wand-Schlagen gleich die Handwerker bestelle. Aber sobald ein Dübel gebohrt werden muss, bin ich schon nah dran. 

Übersetzt in eine stereotype Mutterwelt heißt das: Wer sich fürs Essen, aber nicht fürs Kochen interessiert, hat es im Geschlechterklischeeland schwer. Beim Kochen bin ich fein raus. An Väter wird hingegen die Erwartung herangetragen, irgendwie handwerklich nicht komplett hinterm Toom zu leben. Aber was soll man als Mann schon machen, wenn man sich für Bücher interessiert, aber nicht fürs Regalaufbauen, um die Dinger fachgerecht abzulegen? Nimmt sich der Kleine ein Buch, so versuche ich natürlich, das nicht zu unterbinden, selbst wenn der Einband danach nicht mehr taufrisch aussieht – er soll nicht das Gefühl bekommen, dass Bücher für ihn irgendwie verboten sind, im Gegenteil. Aber natürlich können wir aufs Handwerkliche nicht verzichten: In seinem Alter und mit seiner spielerischer Lernbegeisterung macht er nichts lieber als: Schrauben, Drehen, Aufreißen, Ineinanderstecken, Auseinanderbauen.

Und deshalb werde ich als Vater natürlich die Illusion für ihn so lange wie nur irgendwie möglich aufrechterhalten, dass ich der größte Handwerker aller Zeiten bin. Jawoll, der größte! Ich werde ihm zeigen, was ich draufhabe, ihm von mir aus auch assistieren, aber vor allem: die Dinge zeigen. Schneiden, Sägen, Schrauben, Kleben. Es ist so wie im Matheunterricht in den ersten Grundschuljahren – da komme ich selbstredend noch fachmännisch mit. Aber wehe die ersten Kurvendiskussionen stehen an. Oder Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich will ja das von Elias erwünschte Vorbild sein, an das er glauben kann, selbst wenn es sich um Geschlechterklischees handelt, die ich eigentlich ansonsten gerne links oder sonstwo liegenlasse. Die Metaebene kommt dann später, die anderen Interessen auch.

Und dann? Tja, dann wird das Kompetenzteam erweitert. 

Der Schwager zum Beispiel ist handwerklich hoch begabt. Er schnitzt und leimt wie ein Weltmeister, und er hat schon als Teenager irgendwelche Elektrogeräte und Fahrräder auseinandergebaut, wie man so hört. Gut, das habe ich auch. Vielleicht. Allerdings habe ich die Dinger nicht mehr zusammenbekommen, das ist der Unterschied. Es gibt ja dieses afrikanische Sprichwort, wonach man zur Erziehung eines Kindes am besten das ganze Dorf einspannt. Überträgt man diese Daumenregel auf die Familie, so kommt der Schwager hoffentlich zum Zuge, sobald Elias etwas älter ist und sein Interesse am Handwerk über das Bobbycar hinausgeht. Das muss natürlich nicht nur der männliche Schwager sein, sondern kann genauso gut die Schwägerin sein, das ist wahrhaftig keine Geschlechterfrage.

Was zählt: Solche Arbeitsteilung kann selbst bei der Kindererziehung die Produktivität erhöhen. Und vielleicht kann Elias dann mir etwas beibringen. Ist ja nicht auszuschließen, dass der Sohn eines Tages mehr weiß als der Vater.

 

11. Mrz. 2019
von Martin Benninghoff
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07. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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Wann wird’s Zeit fürs zweite Baby?

© Picture AllianceAuch wenn das Kind sich eigentlich ein Pony wünscht: Eltern können nur Babys.

Sila Sahin hat es vorgemacht, und Respekt, wer es nachmacht: Die Schauspielerin ist ein paar Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder schwanger geworden. Dabei wurden sie und ihr Mann, der Fußballtorwart Samuel Sahin-Radlinger, nach eigener Aussage von der erneuten Empfängnis überrascht – was etwas erstaunt, denn sie wissen ja, wie so was zustande kommt, aber das ist eine andere Geschichte. Sie freuen sich jedenfalls sehr, und so bleibt nur zu sagen: Glückwunsch! Und: Daumen gedrückt!

Die unerwarteten Baby-News haben einen angenehmen Nebeneffekt für das Promi-Paar. Ihm bleibt seit der Bekanntgabe erspart, was viele andere Eltern zu hören bekommen, kaum, dass ihr erstes Kind abgenabelt ist: „Und? Wann kommt das zweite?“ Offenbar gehen die meisten – gemäß dem fürchterlichen Spruch „Ein Kind ist kein Kind“, den ich mir auch schon anhören durfte und für dessen gesellschaftliche Ächtung ich mich hiermit ausspreche – automatisch davon aus, dass es ein zweites gibt. Das allein wäre hier schon einen eigenen Beitrag wert. Aber sofern sich Paare tatsächlich mehrere Kinder wünschen, ist das „richtige“ Timing für das zweite in der Tat spätestens nach der Geburt des ersten ein Thema. Idealerweise  vielleicht nicht gleich an der Kaffeetafel mit Omas, Nachbarn oder Tanten, das gibt nur böses Blut.

Meinem Eindruck nach versuchen viele Paare (oder haben versucht), ihre Kinder möglichst in kurzer Folge nacheinander zu bekommen. Das Stichwort „Effizienz“ mag in diesem Zusammenhang schräg klingen, aber jeder weiß, dass eine Familie eben Kosten verursacht, gemessen in Zeit und in Geld und in Energie. Deshalb kann es beispielsweise für Frauen Sinn machen, mit dem zweiten Kind schwanger zu werden, solange das erste möglichst klein ist und sie womöglich sogar noch in Elternzeit sind – damit sie nicht zuerst (aufgrund der vielen Hindernisse für berufstätige Eltern bisweilen mit viel Mühe) ins Arbeitsleben zurückkehren, um erneut auszufallen, wenn es im Job gerade wieder richtig läuft. Und es gibt Familien, die schlicht darauf angewiesen sind, die beruflichen Auszeiten der beiden Elternteile möglichst kurz zu halten, weil es sonst finanziell zu eng wird, und die sich deshalb mit der Nachwuchsproduktion beeilen. Nicht zuletzt treibt viele Eltern aber auch die Frage um, welcher Altersunterschied für die Kinder selbst ideal ist. Dabei drängt sich auf den ersten Blick der Gedanke auf: Je weniger Abstand zwischen den Kindern, desto besser für ihre Beziehung untereinander und das familiäre Gefüge insgesamt. Das habe ich selbst lange Zeit geglaubt.

In meiner Familie ließ sich diese These über die Jahre hinweg gut testen, denn bei meinen eigenen Geschwistern und mir ist eine große Bandbreite möglicher Altersunterschiede vertreten. Eine meiner drei Schwestern ist zum Beispiel nur knapp ein Jahr älter als ich, sie hat sechs Tage nach mir Geburtstag (ich habe mich nie getraut, meine Eltern dazu näher zu befragen… zu viel Kopfkino). Wir wurden zusammen eingeschult, waren auf dem Schulhof die Quasi-Zwillinge mit den langen Zöpfen und stehen uns bis heute sehr nahe, obwohl wir sehr unterschiedlich sind. Wir haben einfach viel Ähnliches gleichzeitig oder kurz nacheinander erlebt, das schweißt zusammen. Ich weiß aber auch von einer Bekannten, dass die Harmonie unter Kindern ähnlichen Alters längst nicht garantiert ist, erst recht nicht von Anfang an. Sie hatte ihren ersten Sohn gerade mit großen Schwierigkeiten abgestillt, als das zweite Baby kam. Als der Erstgeborene sah, dass da jemand anderes an der Brust der Mutter hängt, raste er vor Eifersucht, und es dauerte lange, bis er seine kleine Schwester akzeptierte. Kann sein, dass die beiden eines Tages dennoch ein Herz und eine Seele werden (sie sind noch klein), oder aber sie gehen sich an die Gurgel. Das Beispiel zeigt jedenfalls: Simultane Entwicklung und ähnliche Bedürfnisse, das birgt auch Konfliktpotenzial.

Also lieber ein bisschen mehr Zeit verstreichen lassen zwischen Kind eins und Kind zwei, dann läuft es besser? So einfach ist es auch wieder nicht. Zwischen meiner ältesten Schwester und mir liegen moderate vier Jahre. Heute spielt dieser Altersunterschied keine Rolle mehr. Im Kindes- und Jugendalter allerdings lagen nicht nur vier Jahre, sondern ganze Galaxien zwischen uns, und es flogen regelmäßig die Fetzen. Da nützte es auch nichts, dass wir beide Mädchen waren – übrigens auch so eine recht häufig anzutreffende, aber fragwürdige These: dass gleiche Geschlechter tendenziell besser harmonieren als unterschiedliche.

Eine letzte Schwester habe ich noch zu bieten, und hier ist der Altersunterschied ziemlich ungewöhnlich: Ich war 14 und damit mitten in der Pubertät, als sie geboren wurde. Meine anderen Schwestern und ich fanden das Ganze irgendwie unheimlich (Kopfkino!), aber auch irgendwie cool. Wir Großen hatten erst ein knuddeliges Baby/Kleinkind zum Bemuttern, und Jahre später verhinderte die Nachzüglerin, dass unsere Eltern in einem leeren Haus durchdrehten, als wir Älteren eine nach der anderen auszogen. Bis heute ist unsere kleine Schwester unser aller Augenstern. Seit Neuestem studiert sie, und wir „Großen“ platzen vor Stolz. Wenngleich unser Verhältnis durch den großen Altersunterschied natürlich nicht das typische Schwesternverhältnis ist, ist es einfach unfassbar toll, dass es sie gibt, die Nachzüglerin. Das einzig Uncoole: Man fühlt sich neben ihr ganz schön alt. Und sie selbst muss sich ständig altkluge Ratschläge anhören.

Was ich mit all diesen Geschwisterkinder-Anekdoten zum Ausdruck bringen will: Für die Frage, wie sich Kinder untereinander verstehen, kann das Alter entscheidend sein – oder aber völlig egal. Charaktere und Lebensumstände spielen dafür jedenfalls mindestens eine genauso wichtige Rolle. Und entspannte Eltern sind für ein friedliches Familienleben auch nicht unerheblich. Das mag eine Binsenweisheit sein, und dennoch machen sich landauf, landab junge Paare großen Stress, nach dem ersten Kind möglichst schnell das nächste zu produzieren. Junge Mütter pieseln in Plastikbecher und halten Ovulationsteststreifen hinein, um den perfekten Moment fürs Babymachen abzupassen, während nebenan ein Baby oder Kleinkind im besten Fall schläft, im schlimmsten Fall brüllt. Und Väter müssen sich allzeit für den vermeintlich perfekten Moment bereithalten – egal, ob es gerade romantisch/kuschelig/aufregend ist oder nicht.

Ich selbst hatte mir auch ausgemalt, dass wir Gas geben würden. Es sollte anders kommen: Vor viereinhalb Jahren wurde unser erster Sohn Ben geboren, und daraufhin waren mein Mann und ich eine ganze Weile lang abends ziemlich müde. Die Entscheidung, uns mit Baby Nummer zwei nicht verrückt zu machen, hat sich als goldrichtig herausgestellt. Denn der Altersunterschied von fast genau vier Jahren macht sich bei unseren beiden Jungs – im Gegensatz zu meiner ältesten Schwester und mir seinerzeit – bisher nur positiv bemerkbar: Einem Vierjährigen kann man schon ganz gut gut erklären, dass das neue Familienmitglied ab und zu besondere Zuwendung braucht. Ben nimmt meistens Rücksicht, liebt seinen kleinen Bruder heiß und innig, zumal er seine Dinos und Piratenschiffe noch lange nicht teilen muss. Und dem Baby ist sowieso noch vieles egal.

Falls mich jemand fragt, lautet mein Tipp deshalb: Nicht zu viel herumrechnen bei der Familienplanung, das törnt ab. Und nicht vergessen (Eltern selbst tun das sicher nicht, aber oftmals die unsensiblen Omas, Tanten und Nachbarn): Babys gibt es eben nicht auf Knopfdruck. Es ist ein ganz schönes Glück, wenn man sich ein Kind wünscht und es klappt. Und es ist ein unfassbares Glück, wenn es sogar noch mal klappt.

07. Mrz. 2019
von Anna Wronska
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05. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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Warum Kinder Haustiere für ihre Eltern aussuchen

© Picture AllianceAuch wenn man nie Haustiere wollte – das Leben mit Kindern bringt nun mal Veränderungen mit sich.

Kürzlich war „Liebe-Dein-Haustier-Tag“. Es ist angeblich eine Art Valentinstag für Haustiere und ihre Halter, wobei sich natürlich nur die menschlichen Beteiligten von diesem Kalenderereignis angesprochen fühlen dürften. Der Liebe-Dein-Haustier-Tag kommt ursprünglich aus Amerika, heißt dort „National Love Your Pet Day“ und wird erwartungsgemäß vor allem von der Heimtierbranche in Erinnerung gerufen. Ich habe ihn bisher immer ignoriert. Auch dieses Jahr. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich generell wenig von kalendarischen Zuneigungsbeweisen halte. (Fragen Sie meine Frau!). Außerdem war ich an dem Tag zu sehr beschäftigt: Ich musste die Grenzbefestigungsanlagen um das Freigehege unserer Familien-Kaninchen verstärken, Maschendraht ausbessern, Fluchttunnel versperren. „Liebe ist ein Kind der Freiheit, niemals das der Beherrschung“, meinte Erich Fromm. Aber der hatte auch nicht unsere Kaninchen!

Irgendwann kommt die Haustierfrage auf alle Eltern zu, selbst auf die, die zunächst bewusst auf Meerschweinchen oder Jack Russell Terrier verzichtet haben, um Kinder in die Welt zu setzen. Sicher, man kann die Haustierfrage schnell, autoritär und für alle Zeit mit einem klaren „Nein!“ beantworten. Und dafür gibt es auch gute Gründe – finanzielle zum Beispiel oder wohnraumtechnische, vor allem aber tierschützerische. Andererseits sind Haustiere nachgewiesenermaßen positiv für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Sie stärken das Verantwortungsbewusstsein, das Selbstwertgefühl, die soziale Kompetenz. Und so weiter. Kinder und ihre Haustiere werden im besten Fall ein Team: Die einen liefern Futter und Pflege, die anderen stellen sich als Projektionsfläche für die kindliche Zuneigung zur Verfügung. Natürlich ahnen Eltern die Wahrheit – sollten sie zumindest: Selbst wenn das Kind hoch und heilig verspricht, alle Versorgungsleistungen für das Haustier allein zu stemmen, geht es am Ende immer um eine Familienvergrößerung. Und die bleibt an den Eltern hängen. Immer.

Die Wahrheit ist deshalb auch: Haustiere werden nicht von den Eltern für die Kinder angeschafft – sondern umgekehrt. Das muss bei der Wahl des geeigneten Haustieres „für das Kind“ immer mitbedacht werden.

Wir haben uns der Haustierfrage aus diesem Grund sehr vorsichtig genähert. Außerdem werfen drei Kinder, die drei verschiedene Haustiere favorisieren, schnell Fragen der Ressourcen-Allokation auf: Kind 1 möchte einen Hund mit Langhaarfell, mit dem sie spazieren gehen kann. Kind 2 hätte gern Kaninchen, denen sie im Garten ihr eigenes Reich bauen kann. Kind 3 sieht sich schon bald auf einem Pferd, mit dem sie zur Kita reitet.

Meine Frau und ich konnten die Antwort auf die Haustierfrage durch Verweis auf verschiedene Faktoren (vorherige Wohnsituation, Alter der Geschwisterkinder, Alter der Anfragenden) zumindest eine Zeit lang vertagen. Irgendwann ging das nicht mehr. Dann war es soweit. Nach reiflicher Überlegung – oder so ähnlich – fiel die Wahl auf: die Kaninchen. (Kind 1 wurde auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, mit Kind 3 wurde ein familiärer Sparvertrag abgeschlossen.) Weiterlesen →

05. Mrz. 2019
von Janosch Niebuhr
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28. Feb. 2019
von Chiara Schmucker
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Mein Kind, der unerwünschte Gast

© Picture AllianceBabys auf dem Schoß sind niedlich anzusehen – trotzdem möchte im Restaurant niemand mehr neben ihnen sitzen

Was für ein Abend! Aufmerksam tänzelt der Kellner um unseren Tisch herum, bringt kleine Teigschiffchen – ein Gruß aus der Küche –, nimmt lächelnd unsere Bestellung inklusive Sonderwünschen entgegen und steht wenige Minuten später mit zwei eiskalten Drinks wieder an unserem Tisch. Er schaut liebevoll auf meinen runden Bauch und erzählt, dass er, selbst Vater von drei Kindern, so einiges übrig habe für diese kleinen Wunderwesen. Am Ende bestellen wir zweimal Nachtisch zum Espresso, der Grappa geht aufs Haus, logo. Vollgefressen und zufrieden treten wir den Heimweg an.

Sechs Monate später. Mein Bauch ist wieder flach und die kleine Kugel sitzt vergnügt auf meinem Schoss. Und auch sonst hat sich ungefähr alles geändert – Restaurant- und Hotelbesuche eingeschlossen. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass es an unserem Tisch unruhiger zugeht als noch vor einem halben Jahr, wir ab und zu mal aufstehen müssen oder die eine oder andere Rassel die Schwerkraft erprobt. Nein. Seit wir ein Kind haben, sind wir – sprechen wir die schmerzliche Tatsache aus – vielerorts unbeliebt. Und das bekommen wir zu spüren.

Ich spreche dabei gar nicht von dem Restaurant auf Rügen, zu dem Kinder ab 17 Uhr keinen Zutritt haben. Oder von Adult-Only-Hotels oder Pools. Oder von der Berliner Kaffeerösterei, in der Kinderwagen und Stillen verboten sind. Es geht um etwas anderes, Zwischenmenschliches. Eine Magazin-Kolumnistin schrieb im vergangenen Jahr darüber, dass sie als Seniorin oft das Gefühl habe, unsichtbar geworden zu sein; nicht nur in Restaurants, sondern auch im öffentlichen Leben. Sie wird einfach nicht mehr wahrgenommen, nicht bedient, wie ein Kind in der Schlange beim Eisholen einfach übersehen. Ich will nicht so verwegen sein, zu behaupten, dass man uns drei tatsächlich übersehen oder überhören könnte. Aber die Beschreibung trifft es doch ganz gut.

Nein, sie hätten keinen Tisch frei, hören wir jetzt häufiger – und falls wir tatsächlich warten möchten, dann auf jeden Fall erst mal den Kinderwagen aus dem Weg und hinten vor die Kellertür schieben. Die Kellner lächeln gequält am Anfang und irgendwie erleichtert am Ende, auf jeden Fall geben sie uns fast immer das Gefühl, so im Stress zu sein, dass uns jede Frage nach einem Extrateller oder warmem Wasser erst gar nicht über die Lippen kommt. In vielen Restaurants kommen die Kellner während des gesamten Essens nicht ein einziges Mal an den Tisch. Sie halten sich fern vom Unruheherd Kind, als wäre es eine ansteckende Krankheit. Auch die anderen Gäste reagieren eher verhalten auf uns. Wir sind jetzt die, neben denen in der Schule schon niemand sitzen wollte. 

Im Hotel werden wir beim Frühstück täglich umgesetzt – so, als hätten sich unsere Tischnachbarn beschwert. Vielleicht wollte das Hotel uns auch nicht täglich den gleichen Gästen zumuten. Sind ja schließlich Stammgäste. Nur einmal kommt die Wirtin an unseren Tisch: Um uns zu sagen, dass wir bitte im Wellnessbereich keine Liegepolster auf den Boden legen sollen für das Baby. Es hätten sich Gäste beschwert.

Kürzlich waren wir mit Freunden und unseren Kindern essen. Sechs Erwachsene, drei Kinder, davon zwei unter einem Jahr. Zuerst warteten wir 15 Minuten auf dem Flur, dann bekamen wir zu neunt einen Tisch für sechs Personen. Wir sagten höflich Danke, die anderen Restaurants hatten schließlich gleich abgewunken. Die Bedienung nimmt unsere Bestellung auf – und ignoriert uns fortan. Während die Gäste an den Nachbartischen, bereits munter schmausen, obwohl sie nach uns bestellt haben, turnen die Kinder auf uns herum und werfen gelangweilt und in Dauerschleife ihr Spielzeug auf den Boden. Wir füttern mit Hirsekringel, Banane und Brotkanten gegen das Hungerloch und eine größere Unruhe am Tisch an und müssen uns irgendwann eingestehen: Sie haben uns vergessen. Wir fragen nach und werden unwirsch abgewiesen, „die Küche kann nicht hexen“. Fast eine Stunde dauert es, bis Schweinebraten, Karpfen und Salat endlich vor uns stehen. Eine Haxe ist inzwischen so verschmort, dass wir sie direkt wieder retournieren.

Wer jetzt denkt, dass wir mit Kindern hätten extraschnell bedient werden müssen, damit wir schnell wieder weg sind und der Rest des Ladens seine Ruhe hat, der hat die Rechnung ohne die Betriebswirtschaft gemacht. Die Logik hinter dem Schlecht-bedient-werden ist so simpel wie schmerzhaft: Gut besuchte Restaurants oder Hotels legen keinen Wert darauf, dass wir wiederkommen, anders als bei den anderen Gästen. Wir brauchen viel Platz, machen viel Dreck und essen am Ende doch nur jeweils ein Hauptgericht. Für Vorspeise, Nachspeise oder Espresso bleibt im kurzen Zeitfenster zwischen zwei Tränenausbrüchen keine Zeit. Wir essen das, was schnell satt macht und mit einer Hand gegessen werden kann – am liebsten also Schnitzel mit Pommes für 11,90 Euro.

In Italien gehören Kinder zu einem Restaurantbesuch dazu. Flink werden hier Tische zusammengeschoben und am Schluss die Trümmer aus Pizza, Pasta und Servietten zusammengefegt. „Kinder auf allen Vieren, die Kellner jonglieren“ – dass Essengehen mit Kindern auch in Deutschland nur beim Italiener Spaß macht, hat Reinhard Mey schon besungen, als ich selbst noch das Kind war. 

Ich frage mich inzwischen manchmal, ob ich mich vor Max’ Geburt an Kindern im Restaurant gestört habe. Ehrlich gesagt kann ich mich überhaupt nicht an Kinder im Restaurant erinnern. Höchstens bei McDonald’s. Früher haben wir oft etwas mitleidig gedacht, wie können die ihre Kinder nur mit so Fast Food vollstopfen. Jetzt verstehen wir es irgendwie. Es geht schnell, man fühlt sich nicht weniger willkommen als die anderen Gäste auch und keiner stört sich am Gewusel, die Restaurants sind unruhig genug.

Bevor Max auf die Welt kam, hat sich mir nicht erschlossen, warum Familien viel Geld für einen Urlaub im Familienhotel oder auf einem für Familien zertifizierten Bauernhof ausgeben. Wo wir waren, war es doch auch schön, kostete aber nur die Hälfte. Inzwischen kenne ich den Grund und bin auch schon so weit, dass ich mehr Geld für das eigentlich Gleiche zahlen würde. Ich erkaufe mir das beruhigende Gefühl, dass ich anderen Gästen den Urlaub oder Restaurantbesuch nicht vermiese und ich fühle mich als zahlender Gast willkommen und ernst genommen. Ich muss keine enttäuschten Blicke der Umsitzenden ertragen, wenn ich an einen Tisch in ihrer Nähe plaziert werde und ich werde nicht schief angeschaut, wenn ich mir die Reste einfach einpacken lasse, weil Max sich nach einem Heulanfall nicht mehr beruhigen lässt.

„Wir fahren dieses Jahr in einen Center Parc in Urlaub“, erzählte mir eine gute Freundin erst vorgestern. Sie hat zwei Kinder unter drei Jahren. Fast entschuldigend fügte sie noch an: „Das passt für uns alle momentan einfach am besten.“

28. Feb. 2019
von Chiara Schmucker
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26. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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So ein Spliss!

© picture alliance/dpaKinder in Marokko finden es auch ganz toll beim Friseur.

Als Kind ging ich lieber zum Zahnarzt als zum Friseur. Was auch mit meinem Friseur zu tun hatte. Seine Kunstlederweste, der Kamm in der Brusttasche, die schweren Friseurstühle, die man mit einem langen Pedal hochbocken konnte, das unvorteilhafte Licht, und die vielen Dauerwellenfrauen, die, leicht lila gefärbt, aussahen wie Margot Honecker, haben mir den Friseurbesuch wohl grundsätzlich und bis heute madig gemacht. Obwohl ich mittlerweile der Hölle des Dorffriseurs entronnen bin und mich bei stylischen und sündhaft teuren Großstadtmaestros verunstalten lasse, ist der Rest Unbehagen geblieben.

Die Jahrzehnte sind vergangen. Als Vater merkt man nun, dass man dem Kindheitstrauma nicht für alle Ewigkeit entkommen kann. Mit Elias bin ich neulich zu einem Friseur gegangen, der lustige Sitzfiguren im Salon hat und einen Fernseher mit DVD-Player, damit die Kleinen hocken bleiben, während ihnen der klassische Pottschnitt verpasst wird. Natürlich weinte er trotzdem, er ist eben noch ein Kleinkind und weiß nicht, was der Mann mit der großen Schere vorhat. Dieser Friseur war aber okay, weil er einigermaßen einfühlsam ist, preislich stimmt (9 Euro für Kinder), Geschreie erträgt und sozusagen einpreist – und ansonsten nicht nervt. Der Kleine saß bei mir auf dem Schoß, was ihn sich schnell beruhigen ließ. So sehe ich das: Schnipp und Schnapp und wieder weg!

Nun bekam ich an einem Tag ein gewichtiges Problem: Dieser Friseurladen war geschlossen. Also irrte ich mit dem Kleinen durch unseren Wohnort auf der Suche nach einem kinderfreundlichen und preisgünstigen Friseur, der eine gewisse Mindestqualität erfüllt. Das war schwierig. Nicht, weil es nicht genügend gegeben hätte, aber drei Absagen musste ich mir einhandeln. In zwei Fällen war der Wille der Friseurin, einem Kind die Haare zu schneiden, gelinde gesagt, suboptimal ausgeprägt. Vielleicht zu laut, zu wenig lukrativ. Stattdessen saßen in beiden Fällen zu bester Nachmittagsstunde zwei betagte Damen in den Friseurstühlen, die das Rundumwohlfühlprogramm genossen – inklusive Kopfmassage und Spachtel-Kosmetik.

Dann wurde ich fündig, endlich. Zwar ein Friseur ohne Kinderstühle, dafür aber mit Umhang mit lustigen kleinen Comicfigürchen, einem vernünftigen Preis (10 Euro) und – wichtigstes Qualitätsmerkmal – zwei Kindern nebst Müttern, die sich bereits in den Fängen der Friseurmeisterin befanden.  Also ging ich hinein, wie üblich im geringeren Preissegment war ein Termin nicht nötig, alles unproblematisch – so dachte ich. Doch dann geschah die ästhetische Vollkatastrophe, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Die Friseurin war komplett ahnungslos. Ich dachte, einen Kinderkopf zu frisieren, sei keine große Kunst, weit gefehlt. Sie schnitt und schnitt und schnitt und schnitt, und es sah immer schlimmer, schlimmer und schlimmer aus. Um den einen fehlerhaften Schnitt zu begradigen, schnitt sie ein zweites, drittes, viertes Mal, die Haare purzelten, und der kleine langhaarige Bombenleger geriet immer mehr zum blonden deutschen Jungen, wie ihn sich manche Kreise am rechten Rand nur so wünschen würden.

Als ich Einhalt gebot, war es zu spät. Mein Zwischenruf sorgte jedoch immerhin dafür, dass sich die Ladeninhaberin zu einer Kurzintervention aufgerufen fühlte. Mit dem Rasierer rückte sie den stumpfigen Resten am Kopf zu Leibe, machte daraus wieder etwas halbwegs Ansehnliches, wenn auch viel zu kurz. Meine Oma hätte gesagt: ein schöner Jungenhaarschnitt. Ich sage: schrecklich! Die schöne Langhaarfriseur war erst einmal dahin und mein Vertrauen in die Friseure wieder in den Grundfesten erschüttert.

Ich hätte das Geld zurückverlangen sollen, so geistesgegenwärtig allerdings war ich – der um Schadensbegrenzung bemühte Vater – nicht. Zumal, mir graute vor der Rückkehr nach Hause, wenn die zweifellos empörte Mutter mir statt der Friseurin den Kopf waschen würde, garantiert ohne Wellnessfaktor. Also schickte ich ihr vorab ein Whatsapp-Bildchen, natürlich in schmeichelhafter Perspektive. Friseurbesuche jedenfalls, das ist meine Lektion, bleiben selbst für Kinder eine gefährliche Angelegenheit. Und gruselig: Wie inkompetent kann man sein, wenn man diesen Beruf gelernt hat?

 

26. Feb. 2019
von Martin Benninghoff
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19. Feb. 2019
von Janosch Niebuhr
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Sind wir arm oder reich, Papa?

© Picture AllianceSind wir eigentlich reich? Und wenn nein, warum nicht?

Eine unserer Töchter hat eine Freundin, die mich regelmäßig sprachlos macht. Sie sagt dann etwas, was so außerhalb meines Erwartungshorizontes liegt, und ich denke: Mädchen, von welchem Stern kommst du eigentlich? Dann muss ich grinsen und sie weiß nicht warum. So wie bei der Rückfahrt vom Kinobesuch. Wir warten auf den Bus, der uns in fünf Minuten nach Hause fahren wird. Vier Kinder, ein Erwachsener (ich). Es regnet, es ist kalt und auch ein bisschen langweilig. Plötzlich fragt die Freundin ganz ernsthaft: „Warum können wir nicht mit dem Taxi fahren? Da drüben stehen doch welche!“

Ich mag diese Freundin meiner Tochter, aber es gibt eben diese Augenblicke der Fassungslosigkeit. Weiß sie wirklich nicht, was Taxifahrten kosten? Oder ein Kinobesuch für fünf Personen Knabberkram? Oder sind Budgetlimits einfach noch keine Kategorie für sie?

Und dann ahne ich, dass sie ihren Eltern noch nie die Frage gestellt hat, die alle meine Kinder schon gestellt haben. Selbst die Fünfjährige. Dass sie nicht zu den Kindern gehört, die diese Frage stellen müssen. Es ist eine verständliche, wenn auch sehr komplexe Frage: „Sind wir arm oder reich, Papa?“ Mit dieser Frage werden wahrscheinlich nur Eltern konfrontiert, die statistisch irgendwo in der Mitte der Einkommens- oder Vermögens-Verteilung angesiedelt sind – wobei „Mitte“ ein sehr weites Feld ist, sie reicht von „knapp über Hartz IV“ bis zu „Spitzensteuersatz trotz Ehegattensplitting“. Die Kinder der reichsten zehn Prozent jedenfalls wissen schlicht, dass sie reich sind, die müssen nicht nachfragen. Und die der ärmsten zehn Prozent ahnen ihren Status auch sehr bald. Nur der Nachwuchs dazwischen braucht Orientierung bei der Selbstverortung. Meine Kinder zum Beispiel. „Also sag schon, Papa! Sind wir arm oder reich?“

Ich habe mir angewöhnt, sehr konträre Botschaften als Antwort auf diese Frage zu senden. Die erste Botschaft: „Wir sind ziemlich reich.“ Und ich meine das dann nicht mal im Vergleich zu irgendwelchen Familien in irgendwelchen Entwicklungsländern. Die Aussage ist auch völlig losgelöst von einer realistischen Selbsteinschätzung in deutschen Einkommens- oder Vermögens-Dezilen, von Nettoäquivalenzeinkommen oder anderen statistischen Größen. Damit ist auch nichts Vergeistigtes à la „Wir sind reich, weil wir uns lieb haben“ gemeint – für derlei Kitsch sind Kinder bei dieser Fragestellung nicht empfänglich. Hier geht’s um was anderes – ums Trösten, ums Beruhigen. „Wir sind reich“ heißt hier: Alles ist gut, alles wird gut, wir werden auch künftig ein Dach über dem Kopf haben; ihr werdet auch künftig Kleider bekommen, wenn die alten nicht mehr passen; es wird zu essen geben, Urlaub ist auch drin. Ihr habt sogar ein bisschen eigenes Geld. Vor allem: Ihr werdet nicht beschämt werden, weil ihr arm seid. Alles ist gut. Das ist natürlich reine Psychologie, nicht durch irgendwelche antizipierten ewigen Zahlungsströme gedeckt oder vom Family Office einer Erbengemeinschaft. Aber es ist notwendige Psychologie. Denn hinter der Frage, wie arm oder reich wir sind, versteckt sich eine große Sorge. Und die gilt es zuallererst zu beantworten. Es ist wichtig, Kindern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, gerade in Bereichen, die sie nicht oder wenig beeinflussen können, wie bei Finanzthemen. Weiterlesen →

19. Feb. 2019
von Janosch Niebuhr
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