Berührt, geführt

Berührt, geführt

Das Schachblog von FAZ.NET

Aus Gegnersicht

| 0 Lesermeinungen

Manche Spieler stellen sich hin und wieder hinter ihren Gegner und schauen sich das Brett von dessen Seite aus an. Dann sieht manches ganz anders aus, vorher nicht beachtete Züge treten ins Auge, oder die Stellung wird ganz anders bewertet. Hätte Fabiano Caruana das einmal rechtzeitig gegen Sergei Karjakin getan. Vielleicht hätte der Amerikaner dann nicht dessen Qualitätsopfer zugelassen. Als er kurz danach die Stellung auf einem der Monitore von der weißen Seite aus zu Gesicht bekam, sei ihm klar geworden, wie viel angenehmer sein Gegner stand. Nun hat er wie schon 2016 in Moskau mit Schwarz gegen Karjakin verloren. Wieder ist es Caruanas einzige Niederlage. Wieder konnte der Russe einen Opferzug nach d5 anbringen. Wieder geht der nervenstarke Karjakin mit den besten Chancen in die letzten beiden Runden. So stand es, bevor Caruana das aus seiner Sicht fatale 16. … Lg4 zog:

Im Nachhinein hätte Caruana lieber 16. … f5 gezogen. Auch wenn Weiß nach 17. Df2 Dc7 18. Td3 Td7 19. Thd1 Thd8 20. h3 etwas angenehmer steht, wäre nicht viel los gewesen. Nach 16. … Lg4 dagegen liegt es auf der Hand, dass Weiß mit 17. Lxd5 die Qualität opfert. Oder wie Karjakin es ausdrückte, dass er wie ein Mann spielt. Sein weißfeldriger Läufer dominiert das Brett. Vor allem bietet sich für Schwarz kein aktiver Plan an. Die weiße Stellung spielt sich dagegen leichter: Den König in Sicherheit bringen. Mit dem Turm auf der dritten Reihe und vielleicht auch mal mit einer Dame-Läufer-Batterie auf der langen Diagonale Drohungen schaffen. Verhindern, dass die schwarzen Schwerfiguren über die e-Linie eindringen. Wichtig war aus Karjakins Sicht, dass er zehn Züge später ein starkes Manöver fand:

Nämlich 27. Df1 mit der Idee 28. Th3. Caruana gab nun mit 27. … Td6 28. fxg5 Lxg5 29. Lxg5 hxg5 30. Df5+ Tdd7 31. Dxg5 einen Bauern, aber zu Gegenspiel kam er damit nicht. Bald landete er in einem verlorenen Endspiel (). Karjakin widmete den Sieg seiner zweiten Ehefrau Galina, mit der er zwei Kinder hat und die am Samstag Geburtstag hatte.

Das blieb nicht die einzige entschiedende Partie im während der zwölften Runde ausverkauften Kühlhaus. Schachrijar Mamedscharow gegen gegen Ding Liren einer Zugwiederholung aus dem Weg und pochte auf seinen Raumvorteil. Der Chinese setzte seinen Trumpf, die Mehrheit am Bauernflügel, allerdings wirksamer ein. Am Ende : Während Ding einen Freibauern Richtung Umwandlungsfeld schob, rollte Mamedscharows Angriff – allerdings zu spät. Seit Beginn des Turniers stand der Aserbaidschaner nie schlechter als Platz zwei. Nun ist er nur noch geteilter Dritter. Grischtschuk konnte einen symbolischen Vorteil gegen Aronjan ebenso wenig in einen Sieg ummünzen wie Kramnik seine drei verbundenen Bauern, für die er eine Figur geopfert hatte (diese interessante Begegnung ).

Die fünf Spieler an der Spitze trennt nun gerade mal ein halber Punkt. Alle fünf haben reelle Chancen, Magnus Carlsens Herausforderer zu werden. Das erwartet sie in den am Montag und Dienstag ausstehenden Runden:

Ding Liren hat noch Weiß gegen Kramnik und Schwarz gegen Karjakin. Um Erster zu werden, bräuchte er wahrscheinlich mindestens einen Sieg gegen Karjakin. Nachdem seine Remisserie endlich gerissen ist, trauen manche dem Chinesen alles zu.

Alexander Grischtschuk hat noch Schwarz gegen Mamedscharow und Weiß gegen Caruana. Beide Gegner sind angeschlagen. Beide wollen gegen ihn siegen. Das ist Grischtschuks Chance, denn kontern kann er, und auch seine Zeitnotprobleme hat er besser im Griff als zu Beginn des Turniers.

Schachrijar Mamedscharow hat noch Weiß gegen Grischtschuk und Schwarz gegen Kramnik. Wenn er seine Niederlage vom Samstag rasch wegsteckt, ist mit ihm zu rechnen. Zumal er sich noch nicht verausgabt haben dürfte.

Fabiano Caruana hat Weiß gegen Aronjan und Schwarz gegen Grischtschuk. Da er den direkten Vergleich gegen Karjakin verloren hat, muss er einen halben Punkt mehr als der Russe holen. Grischtschuk hat sich mit Weiß noch keine Blöße gegeben, gegen Aronjan sind die Gewinnchancen besser. Caruana hat in Berlin bisher das beste Schach gespielt, aber es ist ein kräftezehrendes Turnier, und er hat eine Niederlage zu verdauen.

Sergei Karjakin hat Schwarz gegen Wesley So und Weiß gegen Ding Liren. Wenn es wichtig ist, das hat der nervenstarke Russe schon öfter gezeigt, spielt er mindestens eine Klasse stärker. Mit vier Siegen in den letzten sechs Runden zeigt sich der doppelgesichtige Karjakin gerade von seiner stärksten Seite. Bei Punktgleichheit wäre er dank der meisten erzielten Gewinnpartien gegen jeden vorn außer Mamedscharow, gegen den er den direkten Vergleich verloren hat. Gegen So dürfte er zunächst einmal nichts riskieren, zumal er am letzten Tag Weiß hat.

An diesem Sonntag ist spielfrei. Im Kühlhaus findet von 14 bis 18 Uhr ein statt.

Kandidatenturnier nach 12 von 14 Runden:

1.-2. Caruana, Karjakin je 7; 3.-5. Ding, Grischtschuk, Mamedscharow je 6,5; 6. Kramnik 5,5 7. So 5, 8. Aronjan 4

Dreizehnte Runde Montag 26. März ab 15 Uhr. Liveübertragungen u.a. bei  oder bei .

 

 


Hinterlasse eine Lesermeinung