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Zäsur 1918

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Mit der neunten Austragung des Gedenkturniers für den Industriellen und Schachmäzen Leopold Trebitsch ging in den ersten Januartagen des Jahres 1918 auch eine Ära zu Ende. Die Ära, in der Schach eine Domäne der Bürgerlichkeit darstellte, in der Berufsspieler Kosmopoliten waren und Mäzene ihnen ein gutes Auskommen sicherten. Und auch die Zeit, in der Wien ein Zentrum, wenn nicht die Hauptstadt des internationalen Schachlebens war, weil Talente aus allen Teilen der K.u.K.-Monarchie zuströmten.

Wiens Kaffeehäuser in den Händen der Schachspieler, Zeichnung von Stanislaw Rejchan (Abb: Archiv Michael Ehn)

Das von Vidmar vor einem gewissen Althof gewonnene Meisterturnier war das letzte, das der Wiener Schach-Klub in den feudalen Räumen des Palais Herberstein austragen konnte. Der einst reiche, zeitweise mehr als 600 Mitglieder zählende Klub hatte seine Rücklagen in nunmehr wertlose Kriegsanleihen investiert und konnte nie wieder an seine Glanzzeiten anknüpfen. In den patriotischen Papieren verschwanden auch die Ersparnisse von Carl Schlechter, der wenige Jahre zuvor um ein Haar den einzigen deutschen Weltmeister Emmanuel Lasker entthront hatte. Verarmt und ausgezehrt verstarb der beste Spieler, den Österreich je vorbrachte, im letzten Kriegsjahr. Schlechter war nur 44 Jahre alt geworden. Die legendäre Wiener Schachzeitung war bereits 1916 zugrunde gegangen.

Dank der Kaffeehäuser ging das Schachleben in Wien nach dem Krieg weiter, aber es war nicht mehr das gleiche. In nationaler gesinnten Klubs waren Juden nicht mehr zugelassen. Arbeiter hatten nun ihre eigenen Vereine und Wettbewerbe bis hin zur Arbeiterschacholympiade. Die Bolschewiken in Russland konnte Leo Trotzki mit seiner Begeisterung anstecken für das Spiel, mit dem er sich vor dem Krieg im Wiener Exil unzählige Nächte um die Ohren geschlagen hatte. Auch die Nazis wussten später das Schach zu vereinnahmen und vereinten die bürgerlichen, deutschnationalen und Arbeitervereine sowohl in Deutschland als auch in Österreich in kürzester Zeit.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das Spiel also auch seine politische Unschuld verloren. 1934 beschrieb Karl Kraus die Diplomatie als „ein Schachspiel, bei welchem die Völker mattgesetzt werden“, was vielleicht auch ein kleiner Racheakt war, hatte er doch genervt von den Schachspielern seinem angestammten Café Central Lebewohl gesagt und sich im Café Imperial etabliert.

Diese und viele weitere Geschichten hat der Wiener Soziologe und Schachhändler Michael Ehn zu einem grandiosen Buch verwoben, das von seinem Titel „Geniales Schach im Wiener Kaffeehaus 1750-1918“ (Edition Steinbauer Wien 2017, 352 Seiten, € 29,-) weit unter Wert verkauft wird. Auch das Fehlen eines Index und dass die viel zu kleine erste Auflage innerhalb kurzem vergriffen war, zeugen davon, dass Ehn einen professionelleren Verlag verdient gehabt hätte.

Das Coverfoto stammt aus dem Café Central um 1890.

So viel Sozial- und Kulturgeschichte gab es im schachhistorischen Genre fast noch nie. Gemeinhin sind die Autoren vom Ehrgeiz getrieben, von den Meistern der Vergangenheit bisher unbekannte Partien und Zeitungskommentare auszugraben, und merken es nicht mal, wenn Züge und Zitate absolut belanglos sind. Ehn dagegen bemüht sich um Kontext und Einordnung. , zeugt das von der verbreiteten Blindheit der Schachcommunity gegenüber ihren soziokulturellen Wurzeln. Und damit auch gegenüber Zäsuren wie jener vor hundert Jahren.

Diese Zäsur hat der Sieger des neunten Trebitsch-Turniers Milan Vidmar in seiner nostalgischen Partiensammlung „Goldene Schachzeiten“ immerhin erkannt und beklagt. Hinter dem damaligen Zweitplatzierten Althof verbarg sich übrigens der unter diesem Pseudonym spielende Savielly Tartakower. In Russland geboren, in der Schweiz zur Schule gegangen, in Wien studiert, wurde er nach dem K.u.K.-Armeedienst Berufsspieler, übersiedelte 1924 nach Paris, spielte für Polen, wo er nie gelebt hatte, kämpfte im Zweiten Weltkrieg unter englischem Decknamen und nahm endlich die französische Nationalität an. Seine in drei Sprachen verfasste Lyrik ist vergessen, einige Lieblingssätze aus seinen Turnier- und Lehrbüchern hört und liest man noch heute: Es ist stets besser, die Figuren des Gegners zu opfern. Der vorletzte Fehler gewinnt. Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung. Wir dürfen annehmen, dass diese „Tartakowerismen“ ihren Ursprung in den Wiener Kaffehäusern haben.

 


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