Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Musste es wirklich Saudi-Arabien sein?

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Ausgerechnet in der saudischen Hauptstadt Riad werden seit Dienstag die Weltmeisterschaften im Schnell- und im Blitzschach ausgetragen. In einem Land, das bisher nur mit Schach in Zusammenhang gebracht wurde, weil ein saudischer Mufti öffentlich gegen das Spiel wetterte. So dass die Vereinigung der Schachprofis auf die Vergabe durch den Weltschachbund FIDE . Da müssen ein paar Fragen erlaubt sein.

Konnte die FIDE keinen geeigneteren Ausrichter finden?

Die Weltmeisterschaften im Schnell- und Blitzschach für Männer und Frauen, also vier Turniere insgesamt, sind alles andere als leicht unterzubringen. Die Suche nach einem Ausrichter war nicht zum ersten Mal eine Zitterpartie. Für das vorgeschriebene Mindestpreisgeld und die Organisationskosten kommen leicht eine Million Euro zusammen, die aufzubringen sind. Voriges Jahr sprang kurzfristig Doha, die Hauptstadt von Katar, ein. Vor zwei Jahren wurde in Berlin gespielt, obwohl es gar keine lokalen Geldgeber gab.

Wie kam Saudi-Arabien ins Spiel?

Der neue starke Mann, Kronprinz Mohammed bin Salman, will das Land liberalisieren und das auch international bekanntmachen. Darum wurden mehrere Sportweltverbände kontaktiert. Man wird also wohl bald weitere internationale Sportereignisse in Riad sehen. Die FIDE war wohl einfach am flexibelsten, zumal sie dringend einen Ausrichter für eine ihrer teuersten Veranstaltungen brauchte. Der englische Veranstalter Malcolm Pein hat ein Treffen in London organisiert und dafür gesorgt, dass die Funktionäre den Wettbewerb nicht zu billig verscheuern.

Wie viel lässt der saudische Kronprinz für die Schachsause springen?

Zwei Millionen amerikanische Dollar beträgt der offizielle Preisfond für die vier Turniere, wovon 400 000 an die FIDE gehen, die . Dazu kommen Organisationskosten. In Riad logieren die meisten Spieler auf Kosten der Gastgeber. Außerdem sollen die Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaften auch 2018 und 2019 in Riad stattfinden. Zusammen und umgerechnet wird das Saudi-Arabien also mehr als sieben Millionen Euro kosten.

Moment mal. Ist Schach in Saudi-Arabien nicht verboten worden?

Ein saudischer Großmufti meinte, dass Schach ein Glückspiel sei, Hass unter die Menschen bringe und darum haram sei, also im Widerspruch zu den Regeln des Islams. Als arabische Zeitungen im Januar 2016 die damals schon über ein Jahr alten Zitate ausgruben, die Meinungsäußerung zu einer bevorstehenden Ächtung des Spiels hoch. Tatsächlich machte sich der Saudische Schachverband erst aufgrund der medialen Berichterstattung Sorgen. Bis heute ist kein Fall bekannt, in dem die saudische Religionspolizei Schachpartien unterbunden hat.

Hat Saudi-Arabien überhaupt gute Schachspieler?

Von Meister- oder gar Großmeisterniveau sind die besten saudischen Spieler weit entfernt. und wäre damit Deutschland dann unter den besten Zehntausend. Obwohl sie Welten von den Spitzenleuten trennen, nehmen elf saudische Spieler an der Schnellschach-WM der Männer teil. Einem von ihnen gelang in den ersten fünf Runden sogar ein Remis gegen den indischen Großmeister Ganguly. Ansonsten tummeln sich die saudischen Teilnehmer erwartungsgemäß auf den .

Gibt es auch saudische Spielerinnen?

Berechtigte Frage. Saudi-Arabien hat nämlich noch nie ein Frauenteam zur Schacholympiade geschickt. Die einzige in der Weltrangliste geführte saudische Spielerin hat bisher nur ein Schnellschachrating. Für die haben sich aber immerhin sechs saudische Teilnehmerinnen gefunden.

Müssen alle Frauen mit Hijab oder Abaya antreten?

Anna Musitschuk, die Schnell- und Blitzschachweltmeisterin 2016, meinte, es sei schon mehr als genug gewesen, dass bei der Frauen-WM im Februar in Teheran Kopftuchpflicht galt. Nun wird sie als . Als die Ukrainerin kurz nach der Bekanntgabe des Spielorts lag sie allerdings falsch. Die FIDE konnte nämlich aushandeln, dass unverhüllt gespielt werden darf. Der sieht für die Frauen helle, hochgeschlossene Blusen und dunkle Hosen oder lange Röcke vor.

Sind viele Musitschuks Boykott gefolgt?

Die Weltranglistenerste Hou Yifan hat ihre Abwesenheit nicht begründet, . Die drei amerikanischen Top-Ten-Spieler Caruana, So und Nakamura fehlen, wobei dies nur von wurde. Der größere Teil der Weltspitze, einschließlich Weltmeister Carlsen, hat sich trotz der relativ kurzfristigen Ankündigung vor gerade mal sieben Wochen für die Teilnahme entschieden. Dem zufolge müssten es angesichts des Rekordpreisgelds aber mehr sein, und er meint, dass es weitere geben müsse, die aus politischen Motiven fernbleiben.

Saudi-Arabien hat ja einige erklärte Feinde: Gibt es Spieler, die aus politischen Gründen gar nicht antreten dürfen?

Den Iranern (Saudi-Arabien hat die diplomatischen Beziehungen voriges Jahr abgebrochen) hat es wahrscheinlich ihr nationaler Schachverband verboten, denn niemand hat sich angemeldet. Spieler aus dem Katar (keine diplomatischen Beziehungen seit Juni) bekamen ihre Visa erst in der Nacht auf Dienstag, was fürs Schnellschach zu spät war, aber zur . Sieben gemeldete Spieler und Spielerinnen aus Israel wurden die Visa allerdings ganz verweigert.

Hätte sich die FIDE das nicht vorher denken können?

Bei den Verhandlungen in London und seitdem drängte die FIDE auf die Teilnahme der Israelis, auch wenn es kein Versprechen seitens der Saudis gab. Bis zuletzt blieb man bei der Wortregelung, dass keine Visaablehnungen bekannt seien. Zu gerne hätte sich die FIDE als versöhnende Kraft präsentiert. Offiziell gibt es zwar keine Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel, doch ab. So war es bei der Vergabe zumindest denkbar, dass die Annäherung bereits eine Einreise israelischer Schachspieler erlaubte.

Wie skandalös ist der faktische Ausschluss der Israelis?

Die gerade einige . Kurioserweise gab es solche Schlagzeilen weder voriges Jahr in Doha noch vor drei Jahren in Dubai. Dass bei der Vergabe offizieller Turniere in arabische Länder Visa versprochen aber nie erteilt werden, ist aus Sicht der israelischen Spieler eher der Normalfall. 2013 durfte eine Delegation zwar zur Jugend-WM in den Vereinigten Arabischen Emiraten, doch die Junioren und Juniorinnen mussten dort unter der FIDE-Fahne antreten. Der stellvertretende FIDE-Präsident Georgios Makropoulos beschwor bei der Eröffnung in Riad eine neue Ära für den Sport in Saudi-Arabien und rief die Gastgeber dazu auf, den Wettbewerb nächstes Jahr im Zeichen von Frieden und Freundschaft für alle zu öffnen. Doch dem : Wenn die FIDE den Vertrag mit Saudi-Arabien für 2018 und 2019 nicht löse, wollen die Israelis ihren Weltverband verklagen.

Wäre eine israelische Klage gegen den Weltverband nicht ein berechtigtes Mittel, um den dauerhaften Ausschluss ihrer Spieler zu verhindern?

Vielleicht. Hinter der heftigen israelischen Reaktion dürfte aber noch ein anderes Motiv stecken. Nämlich der Machtkampf in der FIDE. Makropoulos führt seit mehr als dreißig Jahren als stellvertretender Präsident die Fäden und seit FIDE-Präsident und keine Geschäfte mehr für die FIDE tätigen kann, hat der Grieche die Geschäfte auch offiziell übernommen. Makropoulos und seine Freunde suchen einen finanzstarken Kandidaten, der kommenden September zum neuen FIDE-Präsidenten gewählt werden kann – und sie weiterwursteln lässt. Einiges deutet auf einen arabischen Kandidaten hin. Israels Schachverband bekämpft die faktische Führung von Makropoulos wohl auch, weil er auf Iljumschinows Seite steht. Obwohl der Russe hat,

Ach ja, der durchgeknallte FIDE-Präsident. Wo treibt der sich eigentlich herum?

In Riad ist Iljumschinow jedenfalls nicht. Und wohl auch nicht bei den sollen. Dieser Tage treffen sich die Vertreter der Afrikanischen Schachverbände und zwar auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer, organisiert von seinem treuen Weggefährten Lewis Ncube. Eine Gelegenheit, so viele Wähler auf einen Schlag zu treffen, wird sich Iljumschinow nicht entgehen lassen.

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5 Lesermeinungen

  1. »Die FIDE konnte nämlich aushandeln, dass unverhüllt gespielt werden darf.«
    Dieser »Dresscode« wurde ausdrücklich nur für den Bereich, in dem gespielt wird, vereinbart. Außer davon gelten die »üblichen Kleidervorschriften und Verhaltensregeln« für Frauen in Saudi-Arabien. Und dagegen hat Anna Muzychuk in ihrem Statement auf protestiert. Sergei Karjakin fasst es mit einem – wie ich finde – ziemlich dümmlichen Statement prima zusammen:

    »“For me it’s not a big problem because I’m a man and I can go anywhere and I don’t have big problems, but for women of course it’s a bit unpleasant,“«

  2. Welcher Dresscode gilt für Männer?
    „Die FIDE konnte nämlich aushandeln, dass unverhüllt gespielt werden darf. Der Dresscode sieht für die Frauen helle, hochgeschlossene Blusen und dunkle Hosen oder lange Röcke vor.“
    Aber vom Flugzeug zum Hotel muss frau sich durchaus verhüllen.

    Steinzeit.

  3. Männer sollten für Gleichberechtigung sorgen
    Die Veranstalter und die männlichen Sportler sollten bei Kleidungsvorgaben für weibliche Teilnehmer diese ihrerseits ebenfalls befolgen – gegebenenfalls eben auch auf dem Weg zur Sportstätte.

    Mir ist nicht bekannt, dass Männern das Tragen von Schleiern oder des Hijabs in Arabischen Ländern oder dem Iran verboten ist. Außenminister Gabriel würde es auch von der Figur her guttun, wenn er bei künftigen Besuchen Solidarität mit den weiblichen Bewohnern der besuchten Ländern üben würde.

    Israelische SchachspielerInnen müssten notfalls online teilnehmen können – bei Schach geht das sehr gut.

  4. Verhüllt spielen - wo wäre das Problem?
    Wenn schwedische feministische Ministerinnen im Iran das Kopftuch anlegen und höchste deutsche Kirchenvertreter auf dem muslimischen Tempelberg in Jerusalem Christus verleugnen und das Kreuz ablegen, wo wäre das Problem, wenn sich Schachspielerinnen in Lande der heiligen Stätten verhüllen würden?

  5. Titel eingeben
    taz, Welt & Co widmen der Dame Anna Musitschuk ganze Artikel. Hier reicht es gerade mal zu einer Erwähnung. Schon peinlich!
    Und auf Facebook meinte die Dame, es würde ja eh keinen interessieren, was ihr jedoch viele Follower hoffentlich ausreden konnten. Ich habe ihr einige Links zu den deutschen Tageszeitungen gepostet, damit sie sieht, wie sehr sie hier was bewegt. Aber Facebook kam mir zuvor, in dem alle Beiträge von mir zensiert wurden, und man mein Konto gesperrt hat.
    So sieht Demokratie mittlerweile, auch in Deutschland, aus 😉

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