Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Eine spanisch-deutsche Kulturgeschichte der Missverständnisse (1)

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Kürzlich hatte ich die Ehre und das Vergnügen, vor der Spanischen Handelskammer in Deutschland zu sprechen. Der Ort war der Plenarsaal der IHK in Frankfurt am Main. Die Spanische Handelskammer in Deutschland feiert in diesen Tagen ihr achtzigjähriges Bestehen, und allein schon die Vorstellung, dass Spanien bei der Gründung dieser Institution vom Diktator Miguel Primo de Rivera regiert wurde, dass der Tod Stresemanns unmittelbar bevorstand und die Weimarer Republik schon fast auf dem Bauch lag, macht einem bewusst, wie viel Zeit achtzig Jahre sind.

Kürzlich hatte ich die Ehre und das Vergnügen, vor der Spanischen Handelskammer in Deutschland zu sprechen. Der Ort war der Plenarsaal der IHK in Frankfurt am Main. Die Spanische Handelskammer in Deutschland feiert in diesen Tagen ihr achtzigjähriges Bestehen, und allein schon die Vorstellung, dass Spanien bei der Gründung dieser Institution vom Diktator Miguel Primo de Rivera regiert wurde, dass der Tod Stresemanns unmittelbar bevorstand und die Weimarer Republik schon fast auf dem Bauch lag, macht einem bewusst, wie viel Zeit achtzig Jahre sind. Wie ein großer Tank voll Wasser, das nach unten hin immer trüber wird, so dass man den Boden nicht mehr erkennen kann. Achtzig Jahre, denkt man. Ein Menschenleben. In diesem Fall fühlt es sich eher wie ein Universum an. Auf einem alten Foto, das die Gründungsmitglieder der Spanischen Handelskammer im Jahr 1929 zeigt, spürt man, wie weit es einen in die Tiefe zieht.

Der Saal in Frankfurt war voller spanisch-deutscher Beziehungen – spanisch-deutscher Freundschaften, Partnerschaften, Geschäftsverbindungen, spanisch-deutscher Ehen und so weiter. Hier und da probierte ich im zwanglosen Gespräch meine spanisch-deutsche Ehetheorie aus, die auf diesem Blog schon einmal zur Sprache kam, und sie fand verblüffend viel Zustimmung. Gut, das möchte ich jetzt nicht vertiefen. Sondern ein paar Gedanken ausbreiten, die ich mir zur Vorbereitung auf diese Jubiläumsfeier gemacht habe. Ich fragte mich nämlich, was es mit der sogenannten kulturellen Differenz auf sich habe, von der wir hier dauernd sprechen, und dabei wurde mir bewusst, dass sie sich ständig erneuert – dass die Unterschiede sich mit jedem Menschen modifizieren, mit jedem Charakter abwandeln und dass einem eben deshalb die Beispiele niemals ausgehen.

Dann erzählte ich dem Publikum eine Geschichte, die es heiter stimmen sollte. Nämlich von dem Düsseldorfer, der nach Saigon (oder auch Ho Chi Minh Stadt) fliegt, um mit seinem vietnamesischen Geschäftspartner einen Handel  abzuschließen, und der Düsseldorfer mit seinem schönen Aktenköfferchen steigt zügig aus der Maschine, um voranzumachen und recht bald wieder in Düsseldorf zu sein. Doch der Vietnamese will gar nicht voranmachen. Er nimmt sich Zeit, seinen deutschen Partner kennenzulernen. Zunächst denkt er auch nicht daran, von Geschäften zu reden, während der Düsseldorfer längst den unterschriftsreifen Vertrag aus seinem hübschen Köfferchen geholt hat. Der Vietnamese erzählt jetzt vom Leben allgemein, von seiner Familie, von den Unternehmungen dieser Familie, und er läßt auch die weitläufigere Verwandtschaft nicht aus. Man ist ja sehr kinderreich dort in Vietnam. Der Düsseldorfer wird allmählich nervös. Dann ungehalten. So geht es einige Stunden hindurch, in denen der Ärger des Düsseldorfers steigt und der Vietnamese sich fragt, ob der Düsseldorfer denn keine Familie hat, von der er erzählen kann. Ob er ganz allein lebt, ohne Freunde, gesellschaftliches Umfeld, ohne Sport oder Zeitvertreib. Am Abend schließlich hätte der Vietnamese den Düseldorfer gern zum Karaoke mitgenommen. Es ist ein besonderer Freundschaftsbeweis, gemeinsam Karaoke zu singen. Doch lange vorher hat der Düsseldorfer schon aufgegeben und sein poliertes Köfferchen entnervt zugeklappt. Er kommt mit dem Vietnamesen einfach nicht zurecht. Er denkt: Die spinnen, die Vietnamesen. Und er fühlt sich etwas besser bei dem Gedanken, dass er seinen Freunden beim Bier von der verpatzten Reise erzählen kann.

Nun, Sie ahnen, wie die Geschichte endet. Das Geschäft kommt nicht zustande. Der Düsseldorfer konnte auch nicht auf das Geschenk reagieren, das der Vietnamese ihm machte. (Er hätte ein Gegengeschenk machen müssen, aber das wusste er nicht, und sein glänzendes Aktenköfferchen wollte er auch nicht hergeben.)

Als wir im Saal alle ein bisschen über diese Geschichte gelacht hatten, stellten wir fest, dass es aber auch zwischen Spaniern und Deutschen solche desencuentros gibt. Nicht ganz so krass natürlich, aber es gibt sie. Von dort war es dann nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, dass eine Handelskammer eben nicht nur mit Sachen handelt, sondern auch mit immateriellen Gütern wie Ratlosigkeit, Verwunderung, Befremden und Ärger. Diese Missverständnisse und kulturellen Brüche sind hier, auf diesem Blog, gelegentlich ein Thema gewesen. Und bevor ich weitermache und ein wenig in die Geschichte der deutschen Spanien-Wahrnehmung hinabsteige, würde ich gern die Frage stellen, ob die geschätzten Kommentatoren, sei es zu Pferd, zu Esel oder zu Fuß, zu diesem Fundus etwas beisteuern können? Gesucht wird, um es deutlich zu sagen, das schönste, lustigste, peinlichste oder sonstwie auffällige spanisch-deutsche Missverständnis.


45 Lesermeinungen

  1. Gerade fiel mir etwas auf. Es...
    Gerade fiel mir etwas auf. Es handelt sich leider nicht um ein Mißverständnis — kann also am Wettbewerb um die beste Anekdote hier nicht teilnehmen — eher um eine kulturelle Differenz. Ich nahm nämlich gerade ein Buch zur Hand. Und wissen Sie was? Es trägt ESELSOHREN. Also diese kleinen Umknicke, die anzeigen, was einem einst wichtig gewesen sein mußte. Sofort dachte ich natürlich an SANCHOS ESEL und die Falten des Romans, in denen dieser abgetaucht war. Das fand ich poetisch. Doch dann die Ernüchterung! Im Spanischen sagt man gar nicht „Eselsohr“ zu diesen Knicken. Sie heißen einfach nur… Knick. Kein Esel! Und das in einem Land, in dem das Grauohr — kulturell gesehen — doch so wichtig war! Im Englischen sagt man hingegen DOGEAR. Aber das werden die Übersetzer unter uns besser zu deuten wissen.

  2. Ich finde das auch poetisch,...
    Ich finde das auch poetisch, Dulcinea. Knicke, Falten, Eselsohren, Hundeohren. Man könnte lange darüber nachdenken. Ich sage den Kindern übrigens, dass man das nicht macht, die Seiten umknicken, um sich die Stelle zu merken. Dafür gibt es Lesezeichen. Finden Sie Lesezeichen nicht auch poetisch, Dulcinea?

  3. Ja und nein, Don Paul! Sie...
    Ja und nein, Don Paul! Sie machen es natürlich richtig. Man soll keine Seiten umknicken. Ich war eben noch sehr jung und unverständig, damals. Nun muß ich aber auch sagen, von heute aus gesehen: Lesezeichen wären bei den vielen Jahren und Umzügen doch schon längst herausgefallen aus den Büchern. Dann wüßte ich heute nicht mehr, was ich damals poetisch fand. Und das wäre auch schade. Ich habe übrigens sehr SORGFÄLTIG geknickt.

  4. Bei mir, Dulcinea, sind...
    Bei mir, Dulcinea, sind Lesezeichen nie herausgefallen! Und es waren auch bei mir viele Jahre und viele Umzüge. Im Gegenteil. Alle Lesezeichen sind nach zehn oder zwanzig Jahren noch da. Manchmal benutze ich Eintrittskarten zu Spielen von Real Madrid. (Nur, wenn wir gewonnen haben.) Oder Konzert- und Operntickets. (Wenn es ein schöner Abend war.) Oder Bordkarten. (Bei Flügen an schöne Orte.) Später, wenn ich in dem Buch blättere, fällt es mir wieder in die Hände, das Ticket von damals, und ich freue mich, daß ich vor sieben oder zehn Jahren bei diesem Fußballspiel oder in einem guten Konzert war oder dass ich damals einen Flug von Madrid nach Barcelona genommen habe. Nun, heute würde ich da den Zug nehmen, schon der weichen Fruchtbonbons wegen, die man im AVE bekommt. Erinnern Sie sich an das weiche gelbe Fruchtbonbon, Dulcinea?

  5. Ich freue mich, Don Paul, daß...
    Ich freue mich, Don Paul, daß Sie noch alle Lesezeichen beieinander haben! An das weiche gelbe Fruchtbonbon erinnere ich mich nicht nur lebhaft, im Grunde erwarte ich täglich die Fortsetzung! Zumindest versprachen Sie einst, dieses Reich (der spanischen Genüsse) unbedingt weiter erkunden zu wollen. Aber jetzt sind wir bei den Mißverständnissen.

  6. Teil 2 oder 3 dieses Eintrags,...
    Teil 2 oder 3 dieses Eintrags, Dulcinea, soll von Nahrungsmitteln handeln. Genüssen, wenn Sie so wollen. Vielleicht hat ja auch niemand ein Missverständnis, dann kommen wir schneller zu den Genüssen.

  7. <p>beim Hineinwachsen in meine...
    beim Hineinwachsen in meine spanische Schwiegerfamilie musste ich zunaechst einmal lernen, dass ein deutsches „Nein“ nicht das Gleiche bedeutet wie ein spanisches „Nein“.
    Dies vor allem in Situationen, wenn bei einem Besuch ein Getraenk oder ein Snack angeboten wird. Waehrend es fuer mich klar war, dass ein deutsches „Nein“ meinerseits bedeutete, dass ich entweder nicht durstig oder hungrig war, ist es wohl im Spanischen haeufig (meist, immer?) so, dass ein „Nein“ eher eine hoefliche Zurueckhaltung darstellt und man gerne beim zweiten oder dritten Nachfragen zugreift.
    Dies hatte natuerlich die Konsequenz, dass ich als Gast eher Unverstaendnis zeigte, wenn ich innerhalb kurzer Zeit mehrmals gefragt wurde, ob ich denn nicht ein Glas Wasser, Bier oder Aehnliches moechte. Im umgekehrten Fall konnte es dann peinlich werden, wenn ich das „Nein“ meiner Gaeste als allzu definitiv aufgefasst habe und schlicht das zweite und dritte Nachfragen ausliess…

  8. <p>Im Zusammenhang mit den...
    Im Zusammenhang mit den Esels- oder Hundeohren finde ich geradezu herrlich – fast auch poetisch -, dass ich sogar meine digitalen Seiten „earmarken“ kann. Aber die Bordkarte, die digitale aus dem Smartphone, die kann ich nicht dafür verwenden … ganz so smart ist sie dann wohl doch nicht.

  9. <p>Ja, Don Paul, so sind sie,...
    Ja, Don Paul, so sind sie, die Düsseldorfer … deswegen machen wir Kölner auch nicht so gerne Geschäfte mit ihnen. Höchstens gegen Vorkasse.

  10. <p>Als wir Festeros wurden,...
    Als wir Festeros wurden, also zu jener jährlich wechselnden Gruppe gehörten, die das Dorffest ausrichten, gab es dann auch ein Treffen mit allen ca. 15 Mitstreitern.
    Aber zu unserer Verblüffung gab es keine Tagesordnung, keine Checklisten, kein Notebook mit Excel, es gab nur gut zu Essen, Wein und Bier. Bis Mitternacht wurde gequatscht und geklönt, und erst, als eigentlich alle schon fast im Aufbruch waren, wurde noch schnell geklärt, wer was einkauft und was man noch so alles braucht. Notizen wurden, wenn überhaupt, auf kleine Zettel gemacht, die man in diversen Hosentaschen gefunden hatte. Das geht niemals gut, war unsere feste Überzeugung.
    Und doch, als das Festwochenende kam, war das meiste da, und was fehlte, wurde in letzter Sekunde improvisiert. Jeder suchte sich beim Aufbau eine Aufgabe oder Hilfe, wenn etwas alleine nicht zu machen war. Im Grunde kam man sich vor, als sei man Bestandteil eines wuselnden Ameisenhaufens, aber alles klappte wie am Schnürchen, auch ohne Anweisungen, Ablaufplan, ausgedruckte Listen, Arbeitsplan, Einsatzzentrale oder ähnliche Dinge.
    Und der Spaß kam trotz der vielen Arbeit auch nicht zu kurz!

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