Pop-Anthologie

Haiyti: „Serienmodell“

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Die Titelfigur dieses Songs ist für alle Anhänger eines unverwechselbaren lyrischen Ichs eine Provokation. Was macht dem „Serienmodell“ der Rapperin Haiyti so viel Freude an sich selbst?

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© dpaHaiyti

Serienmodell

Ich bin ganz anders, ganz speziell
Ich bin ein Serienmodell

Wenn ich komm‘, komm‘ ich bestellt
Und jeder Mensch kennt meine Welt
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

Ich hab‘ nicht viel, doch hab‘ genug
Kein Moneyclip, doch bin nicht broke
Ich zieh‘ mir eben noch ’ne Coke
Und abends guck‘ ich eine Soap
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah

Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah
Ich bin ein Serien—

Ich bin ganz anders, ganz speziell
Ich bin ein Serienmodell
Wenn ich komm‘, komm‘ ich bestellt
Und jeder Mensch kennt meine Welt
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

Holidays auf den Seychellen
Ich bin ein Serienmodell
Meine Haut ist Karamell
Frauen schreien, Hunde bellen
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah
Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah
Ich bin ein Serien—

Ich bin ganz anders, ganz speziell
Ich bin ein Serienmodell
Wenn ich komm‘, komm‘ ich bestellt
Und jeder Mensch kennt meine Welt
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

You and me, it’s fire
You and me, it’s fire
You and me, it’s fire
You and me, it’s fire

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Das Modell spricht und es ist stolz: „Ich bin ganz anders, ganz speziell / Ich bin ein Serienmodell“ – Moment, was? Das lyrische Ich wird in Serie produziert und leidet gerade nicht daran, an dieser Vermassung, einem Verlust an Einzigartigkeit und Originalität? Da besingt eine Stimme ihre Lust an der eigenen Serienproduktion, am Zugehören zu einer langen Reihe von identischen Produkten und Modellen. Wen dies empört, der scheint dann wohl noch vormodernen Klischees von Einzigartigkeit und Genialität anzuhängen, die mutmaßlich in Kulturgemeinschaften von eher dörflichen Ausmaßen noch möglich schienen. In Lesekreisen und Rezeptionsgemeinschaften, die schnell in die Millionen wenn nicht Milliarden gehen, sind solche Originalitätsillusionen schwer aufrechtzuerhalten. Oder in den Worten der Band The KLF: „There is no point in searching for originality“. Im Gegenteil: Die Massenproduktion, die Vervielfältigung, die unendliche Repetition ist die Lust, das größte Vergnügen: „Wir könnten unsere Züge / Zigtausendfach, in falschen Farben / Weltbewegend scheinen lassen“ (Einstürzende Neubauten).

Wenn ich komm‘, komm‘ ich bestellt
Und jeder Mensch kennt meine Welt
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

Die Lust der Selbstserialisierung überträgt sich auf die Hörerin, diese Freude wird unmittelbar klar: Es erleichtert einen die Freude, einer Bestellung nachzukommen, erwartbar zu sein, übersichtlich zu sein, bereit zu sein für andere. Freilich mache ich mich dadurch warenförmig – das ist die Lust. Ich werde zum Konsumprodukt von dem einst, in unvordenklicher Antike, die vier Düsseldorfer sangen:

Sie stellt sich zu Schau für das Konsumprodukt
Und wird von millionen Augen angekuckt
Ihr neues Titelbild ist einfach Fabelhaft
Ich muss sie wiedersehen, ich weiss sie hat’s geschafft

Wenn Kraftwerk ihren kapitalistischen Realismus anno 1978 noch mit leicht melancholischen Untertönen eines eher neidischen Betrachters mischten, so sind diese vier Jahrzehnte später bei Haiyti ganz verflogen. Es geht nicht nur ums Modell mit idealischer Figur und im Dienste des Konsumprodukts – es geht ums Serienmodell. Es ist eine Freude, selbst ein vollständig verfügbares, bestellbares, postwendend geliefertes Konsumprodukt zu sein: Es ist meine und Deine Bestimmung nicht nur Modell, sondern auch noch Serienmodell zu sein! Keine Ironie und gar kein Sarkasmus hier: Weg mit dem verquasten Innerlichkeitsgewimmere! – Her mit dem Guten Leben!

Ich hab‘ nicht viel, doch hab‘ genug
Kein Moneyclip, doch bin nicht broke
Ich zieh‘ mir eben noch ’ne Coke
Und abends guck‘ ich eine Soap
Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell

Was, das soll das gute Leben sein? Am Getränkeautomaten eine Dose ziehen und Endlosfernsehserien konsumieren, nicht einmal genug Währungseinheiten erwirtschaften, um die Geldscheine in einen elegant gefertigen Moneyclip zu packen? Das soll jetzt das gute Leben sein? Das ist doch eher das arme Leben, das Leben der , das Leben, das sich vielleicht geradeso noch, halbwegs hinreichend zwischen unterem Mindestlohn, der gerade noch  die Stütze vermeidet, und der Unfähigkeit, irgendeine substanzielle Rentenversicherung abzuschließen abspielt, „ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell“ – oder, wie Haiyti in anderen Liedern singt: „Mit zwei Euro ins Casino!“ (Haiyti, „Gigolo“), „Das schöne Leben aussichtslos“ (Haiyti, „Haubi“). Das Angestelltenleben neuesten Typs ist vergoldet, diamantenbesetzt und zugleich kurz vorm Existenzminimum:

Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah
Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah

Eine Hookline, die sich tagelang nicht aus dem Gedächtnis entfernen lassen will: Sie bleibt bei Dir auf dem Heimweg, im Gym, vor dem Flatscreeen, beim Takeaway-Ordern – die Allgegenwart einer Hookline, die Dein Leben rahmt, jede Deiner kleineren und größeren Konsumhandlungen begleitet, benennt, untertitelt; wie von Deichkind jüngst in „So Ne Musik“ besungen:

So ’ne Musik, beim Reifenwechseln, auf der Touri-Meile
Du hast richtig Bock auf so ’ne Musik
Beim Pubertieren, in der Midlife-Crisis
Denn deine Seele braucht so ’ne Musik
Im Hobbykeller, beim Klinkenputzen, in der Tagesklinik
So ’ne Musik, bei der Weiterbildung
In der Todeszone, der ganze Laden feiert

Aus Kracauers Angestellten-Subjekt der 1920er Jahre ist in den 2010ern längst der tatsächlich fröhliche Consumer Citizen geworden. Die charakteristische Verdinglichung der alten Angestelltenkultur, die von Kracauer zumindest noch kulturkritisch und emanzipatorisch herausgearbeitet werden konnte, ist kaum ein Jahrhundert später lange schon zum Kern der lustvoll erlebten Identität geworden: Freilich bin ich Bürger qua Konsumption – Denn wie auch sonst? , wie Zoot Woman einst sangen: „I’ve got a feeling: It’s automatic!“ – und wieder und wieder: „Alles ist all-all-all-all-all-all-all-inclusive, yeah!“ Nicht nur in mir, dem Serienmodell ist alles inklusive, wenn Du mich buchst – bin ich doch gar nichts anderes als eine Ware –, doch auch in der gesamten Welt, in der ich konsumiere, ist fraglos alles inklusive. Mittels Flatrates konsumiere ich mich durch die Tage, versende qua Abo alles Bestellte, ich erhalte meine Existenz aufrecht, indem ich mich nur auf das Inkludierte kapriziere: „Am Ende des Tages geht alles um Geld“ (Olexesh). Das Leben ist generisch, monetarisch, das macht es lebenswert, nicht wahr?

Holidays auf den Seychellen
Ich bin ein Serienmodell
Meine Haut ist Karamell

Haiytis Stimme ist gleichermaßen gegenwärtig wie auch verschleppt, verzogen und heiser. Sie singt nicht geübt, sondern repräsentiert die neueste Variante der unsauberen, nur leicht kokett schlecht gesungenen, gehusteten, wie nebenhin genuschelten Körnung in der Stimme. Die Szenerie bleibt stereotyp und klischiert: „Frauen schreien, Hunde bellen / Ich bin ein Serienmodell, ey, ein Serienmodell“. Wer hier jetzt einen Bruch erwartet, eine Umkehr oder zweite Ebene, der hat sich wohl geschnitten. Denn ein Serienmodell zu sein, das ist die „Stimme der Ware selbst, wie sie über sich selbst spricht“ (Szendy, „Tubes“, 2008), das ist die Metaphysik des Hits. Der große Hit besingt vor allem nur sich selbst, seine Unverzichtbarkeit, seinen Begehrenswert und Siegeszug, seinen unendlich sich erfüllenden Genuss. Existenzrahmung für Deine Arbeitswoche. Da ist keine Illusion, kein Außerhalb, kein Ausbruch. Alles ist jetzt innen – selbst mein Begehren nach Dir, nach diesem Hit, hat seinen Ort: in den letzten, flirrend verautotunet und weggepitchten Sätzen, die Haiyit singt:

You and me, it’s fire
You and me, it’s fire

Noch der kulturindustriell gern imaginierte, allerletzte Ausbruch in den romantisierten Exzess zwischen Bonnie & Clyde, Sid & Nancy, zwischen André & Nadja oder Sailor & Lula ist hier kaum noch explosiv. Der Ausbruch hallt nach im Fadeout. Du bist ein Serienmodell – und Du genießt es.


2 Lesermeinungen

  1. Nice
    Also gut, ich werde ihr mal ne Chance geben. Das breite wissen des Autors überzeugt mich, dass sie es wert sein muss, gehört zu werden.
    Mehr solche Artikel über aktuellen Hip-Hop bitte. Danke

  2. Ja ja
    Gut gebruellt Loewe.von Haiyti und vom Professor 😎

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