Pop-Anthologie

Gordon Lightfoot: „If You Could Read My Mind“ / „Shadows“

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Ein grausames Meisterwerk und seine erfahrungssatte Reprise: zwei Krisenlieder von Gordon Lightfoot.

***

If You Could Read My Mind

If you could read my mind love
What a tale my thoughts could tell
Just like an old time movie
About a ghost from a wishing well
In a castle dark or a fortress strong
With chains upon my feet
You know that ghost is me
And I will never be set free
As long as I’m a ghost you can see

If I could read your mind love
What a tale your thoughts could tell
Just like a paperback novel
The kind the drugstore sells
When you reach the part where the heartaches come
Come the hero would be me
Heroes often fail
And you won’t read that book again
Because the ending’s just to hard to take

I walk away like a movie star
Who gets burned in a three way script
Enter number two, a movie queen
To play the scene of bringing all the good things out in me
But for now love let’s be real

I never knew I feel this way
And I’ve got to say that I just don’t get it
I don’t know where we went wrong
But the feeling’s gone and I just can’t get it back

If you could read my mind love
What a tale my thoughts could tell
Just like an old time movie about a ghost from a wishing well
In a castle dark or a fortress strong
With chains upon my feet
The story always ends
And if you read between the lines
You’ll know that I’m just trying to understand
The feeling that you left

I never knew I feel this way
And I’ve got to say that I just don’t get it
I don’t know where we went wrong
But the feeling’s gone
And I just can’t get it back

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Wenn eine Sache zuende geht, dann ist es keine leichte Aufgabe, sich dem zu stellen. In dem Lied „If you could read my mind“, das der kanadische Sänger Gordon Lightfoot 1970 herausbrachte, übernimmt das einer, der dazu erst einen gewissen Anlauf braucht. Er spricht davon, wie zwei sich eingerichtet haben, miteinander und im Bewusstsein jener Bereiche, die dem anderen unzugänglich sind und über die bei aller Vertrautheit nur spekuliert werden kann: Er, der Sänger, trägt Abgründe in sich, in denen er selbst als Gespenst erscheint, sie, so glaubt er, hängt unerfüllbaren Träumen nach, in denen er wiederum als ein zweidimensionaler Held erscheint, und das geht so lange, bis sich der Sänger selbst mit einem „But for now, love, let’s be real“ unterbricht. So geht es jedenfalls nicht weiter, er weiß ja auch nicht, wie es gekommen ist, aber das, was sie beide einmal verbunden hat, jenes besondere Gefühl füreinander, ist verschwunden, wohin weiß er eben nicht, nur dass es nicht wiederkehren wird – und aus.

Das Lied, ein Dokument des Scheiterns, ist bis heute einer der ganz großen Erfolge im daran nicht armen Oeuvre von Gordon Lightfoot. Es markiert auch einen weiteren Schritt im Aufstieg des Sängers aus der kanadischen Provinz zum weltweit bekannten Singer/Songwriter, dessen voller Bariton auch mäßigere Kompositionen adelte, sich aber in diesem sanften, grausamen, bis heute mehr als hundertmal gecoverten Meisterwerk besonders bewährte. Es markiert aber auch einen Einschnitt im Leben des Künstlers und deutete voraus auf die Trennung von seiner Ehefrau Britta, mit der er zwei Kinder hat – die Ehe wurde 1973 geschieden. Text und Melodie finden in ruhiger Eindringlichkeit zueinander, man meint beinahe, einem dieser Trennungsgespräche beizuwohnen, in denen der eine, der sich das alles schon länger überlegt hat, dem anderen freundlich und zugewandt, aber ohne den geringsten Zweifel in der Stimme erklärt, dass es keinen Sinn mehr hat.

Zwölf Jahre später sah die Welt anders aus. Lightfoots Karriere war schon länger ins Stocken geraten, dem Sänger machten gesundheitliche Probleme zu schaffen, und als das Album „Shadows“ 1982 erschien, war mit dem Titeltrack auch dort ein Lied enthalten, das eine ins Trudeln geratene Beziehung bilanziert, dies aber unter gänzlich anderen Vorzeichen. Wo einst, in „If you could read my mind“, Sicherheit vorherrschte, sind es hier nun Fragen, die das Werk dominieren: “Won’t you reach out, love and touch me / Let me hold you for awhile?”, so setzt das ein, ungewiss, ob das Gegenüber das eigentlich noch will, das Berühren, das Gehaltenwerden, und dann geht es weiter: „Is it me or is it you? / Or the shadow of a dream? / Is it wrong to be in love? / Could it be the finest love I’ve ever seen?“ Besonders die letzte Zeile macht den Kontrast zu dem Vorgängerlied sehr deutlich: Älter geworden, zögernder, verletzlicher, folgt auf die Diagnose, dass es in der Beziehung eben nicht mehr so ist wie früher, nicht der kühle Aufbruch, sondern der verzweifelte Versuch, die Dinge wieder ins Lot zu bringen – ist das, was verloren zu gehen droht, nicht vielleicht „the finest love I’ve ever seen“? Und wenn das so ist, was kommt dann wohl danach?

Musikalisch bildet Lightfoot dies ab, indem er der Begleitung genau diese Signale der Unsicherheit verleiht. Bereits das Intro umkreist hartnäckig einen bestimmten Ton, ohne ihn zu erreichen, man könnte auch sagen: ohne sich festzulegen, im Modus der Frage eben. Eine Antwort hält das Lied nicht bereit. Besonders das macht seine Größe aus. Dass der nun fast achtzigjährige Gordon Lightfoot ein äußerst interessantes Spätwerk hinterlassen würde, deutet sich in „Shadows“ bereits an.

Shadows

Won’t you reach out, love and touch me
Let me hold you for awhile?
I been all around the world
Oh, how I long to see you smile

There’s a shadow on the moon
And the waters here below
Do not shine the way they should
And I love you just in case you didn’t know
Let it go

Let it happen like it happened once before
It’s a wicked wind and it chills me to the bone
And if you do not believe me
Come and gaze upon the shadow at your door

Won’t you lie down by me, baby
Run your fingers through my hands?
I been all around the town
And still I do not understand

Is it me or is it you?
Or the shadow of a dream?
Is it wrong to be in love?
Could it be the finest love I’ve ever seen?
Set it free

Let it happen like it happened once before
It’s a wicked wind and it chills me to the bone
And if you do not believe me
Come and gaze upon the shadow at your door

Please kiss me gently, darling
Where that river runs away
From the mountains in the spring time
On a blue and windy day

Where there’s beauty all around
As the shades of night grow deep
When the morning stars grow dim
They will find us in the shadows fast asleep
Let it go

Let it happen like it happened once before
It’s a wicked wind and it chills me to the bone
And if you do not believe me
Come and gaze upon the shadow at your door

 


3 Lesermeinungen

  1. Abseits von der Textanalyse ...
    Das mag jetzt wie Klein-Klein anmuten, aber: „dessen voller Bariton“? Das ist en sanfter Tenor.

  2. Hervorragende Songanalyse
    Danke für diesen sehr guten Artikel über die bemerkenswerten Songs eines großartigen Singer / Songwriters, der zwar eine treue Fangemeinde hat, aber dessen Einfluss auf andere Interpreten und Komponisten dieses Genres vielfach unterschätzt wird. Beide aufgeführten Songs zählen inhaltlich und musikalisch zum Besten aus Lightfoots Repertoire. Ein inzwischen leider gesundheitlich stark angeschlagener Künstler, der viel mehr Beachtung hätte finden müssen.

  3. Kanadische Provinz
    Leider hier etwas unterbelichtet, Lightfoot war auch noch ein passabler Gitarrenspieler, und auch mit Joni Mitchell hat die tiefste Provinz doch einen tiefen Fussabdruck hinterlassen. Wenn Ich mir heute so die Singer-songwriter anhoere , es wird Zeit fuer die Provinz

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