Pop-Anthologie

The Smiths: „Meat Is Murder“

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Fleisch von seinem Fleische: Morrisseys Vegetarismus-Hymne „Meat Is Murder“ ist in drei Jahrzehnten nicht zahmer geworden. Rückblick auf den vielleicht wirkmächtigsten Song eines Unbeugsamen, dessen Reputation heute auf dem Spiel steht.

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The Smiths, Mitte der Achtziger: Morrissey, Johnny Marr, Andy Rourke and Mike Joyce

Meat Is Murder

Heifer whines could be human cries
Closer comes the screaming knife
This beautiful creature must die
This beautiful creature must die
A death for no reason
And death for no reason is murder
And the flesh you so fancifully fry
Is not succulent, tasty or kind
It’s death for no reason
And death for no reason is murder
And the calf that you carve with a smile
Is murder
And the turkey you festively slice
Is murder
Do you know how animals die?

Kitchen aromas aren’t very homely
It’s not comforting, cheery or kind
It’s sizzling blood and the unholy stench of murder
It’s not natural, normal or kind
The flesh you so fancifully fry
The meat in your mouth
As you savour the flavour of murder
No, no, no, it is murder
No, no, no, it is murder
Who hears when animals cry?

 

Einer hörte sie, die Schreie der Tiere. Im Februar 1985, als die Welt noch größtenteils schwarz-weiß war (links oder rechts, Vereinigte Staaten oder UdSSR, Tchibo oder Eduscho), durchbrach ein Klagegesang die Schallmauer, ein „J’accuse“, das lauter werden sollte als alle anderen Einsprüche der Popmusik. „Meat Is Murder“, das Titelstück des gleichnamigen, zweiten Albums der ewigen Dioskuren Steven Patrick Morrissey und Johnny Marr alias The Smiths (kurz bevor diese mit ihrer dritten LP „The Queen Is Dead“ musikalisch ihren Zenit erreichen sollten), ist der vielleicht wirkmächtigste Song aller Zeiten. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er vor unseren Ohren den Pop-Kontrakt zerreißt und Klartext spricht. Eine Ungeheuerlichkeit war das, ein Angriff, aber auch eine Aberration, ein Sprung durch den Spiegel. Tief wie ein Fleischermesser schnitt der Song in die Hörenden hinein, noch tiefer als die übrigen Smiths-Stücke, hinterließ echte Wunden. Man legte sie übereinander, schloss Blutsbruderschaft mit diesem befremdlich schönen Schmerzensmann aus Manchester. So nah war vielen Jungmenschen Musik noch nie gegangen.

Der Beginn des Songs ist eine Qual im wahrsten Sinne des Wortes: nichts als das (imitierte) Geräusch der Säge, dazwischen Schmerzens- und Angstschreie von Rindern, die Laokoon-Dimensionen erreichen. Das Stück beginnt gar nicht im eigentlichen Sinne, sondern blendet sich allmählich ein in den schmutzigen Sound der Schlachthöfe, der seinen eigenen Rhythmus besitzt. Und diese Säge stoppt einfach nicht, sie zerspaltet immer weiter die wehrlosen Körper. Mit diesem Geräusch entlässt uns das Stück schließlich auch wieder, oder besser: entlässt uns eben gerade nicht mehr. Aber schlimmer noch: Der Text, der nichts Schönes an sich hat, nichts Rettendes, nichts Heilendes, ist selbst nichts anderes als das Kreischen der Säge. Jede Zeile ein Schnitt. Eine Narration, eine Handlung hat hier keine Chance, alles wird gnadenlos zerteilt. Immer wieder setzen die Lyrics neu an.

Viele der Verse enden mit hohen, schneidenden Vokalen („die“, „fry“, „cry“, „smile“, „slice“, „kind“). Dazwischen frisst sich die Textsäge immer wieder fest am Knorpelgewebe des Wortes „murder“. Das alles ist so schmerzhaft wie eine betäubungslose Zahnbohrung, so intensiv, dass niemand, der diese Litanei einmal gehört hat, sie je wieder vergessen könnte. Um eine Litanei handelt es sich auch formal, allerdings mit einer deutlichen Verschiebung weg vom Bittgesang und hin zum verdammenden Fluch: Da, wo es im christlichen Bittgebet „Erbarme dich unser“ heißt, wird hier mit derselben Emphase dekretiert: „It is murder“. Ein Richterspruch. Von weit oben.

Ein Sägezahn des Klage-Poems steht weiter heraus als die übrigen, gräbt sich besonders tief ein: die Wiederholung der Wendung „death for no reason“. Dabei handelt es sich aber nicht um eine schlichte Verdopplung, sondern um die Abbreviatur eines Syllogismus. Die beiden Obersätze lauten: ‚Tiere zu schlachten ist Töten ohne Grund‘ und ‚Töten ohne Grund ist Mord‘. Die Conclusio zieht sich im Kopf von alleine: Tiere zu schlachten ist Mord. Inhaltlich führt diese Form der Wiederholung zu einer Dynamisierung des Textes, weil eine Zeile die nächste am Nasenring der Wiederholung gleich hervorzieht. Das kennt man so ähnlich aus dem „Ave Maria“: „Du bist gebenedeit unter den Frauen/und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“. Wie wichtig diese Stelle für den Song ist, sieht man auch daran, dass der Doppelvers zweimal vorkommt, so wie sonst nur die Zentralsätze: „This beautiful creature must die“ und „No, no, no, it is murder“. Die Wendung „Death for no reason“ taucht damit sogar viermal auf. Es spricht vieles dafür, dass es sich um den wirkungstechnisch stärksten Moment des Stücks handelt. Daher kann nur verwundern, dass Morrissey seit einigen Jahren bei seinen Liveauftritten auf genau diese Zeilen verzichtet, um stattdessen abfällig, aber weit weniger elegant „Kill! – Eat! – Kill! – Eat! – Murder!“ auszuspucken. Doch zum Fortleben des Songs, der heute als PETA-Hymne gelten darf, kommen wir noch.

Fertig war ein ikonischer akustischer Moment

Wie war das mit dem zerrissenen Kontrakt gemeint? Auch in der Popmusik gilt normalerweise der „Fiktionsvertrag“, die von Umberto Eco detailliert analysierte Übereinkunft zwischen Autor und Rezipient, das Gelesene oder Gehörte im Status des ‚Als ob‘ für wahr zu halten. Alles revolutionäre Pathos, jede psychedelische Versenkung auf den Konzertbühnen der goldenen Rock-Pop-Jahrzehnte war immer auch ein Spiel gewesen, ein ‚Als ob‘, das die Grenze von Kunst und Leben nie ganz einriss. Irgendwo weit im Hinterkopf der enthemmt Tanzenden saß immer die Überzeugung, dass man nach dem Konzert aufs Fahrrad steigen werde, um ins normale Leben zurückzukehren.

Normalität, das hieß in den Achtzigern Engagiert-Sein, aber ohne Folgen. Als gutes Beispiel für das billig zu habende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, kann die fast zeitgleich mit „Meat Is Murder“ entstandene, naiv-paternalistische und von Morrissey mit Verachtung überschüttete „Band Aid“-Bewegung rund um Bob Geldof gelten. Plötzlich aber war das alles anders. Weil ein junger Gott an der Gitarre und ein androgyner, zugleich sehr männlicher Rhapsode, dessen ganze Empathie gequälten Tieren galt, mit messerscharfer Eindeutigkeit hantierten. Man musste sich entscheiden. Für oder gegen diese Musik (die so gut war, dass ein „gegen“ gar nicht in Frage kam). Und damit für oder gegen die Botschaft. Tiere essen und The Smiths hören, das war in einem existentialistischen Sinn unmöglich.

Der ganze Veggie-Lifestyle existierte freilich noch gar nicht, lediglich einige von Hutzelzwergen betriebene Reformhäuser, aus denen an allen Ecken Körner rieselten. In Kantinen und Mensen musste man verwunderte Angestellte darum bitten, einem das ihrer Meinung nach Wertvollste nicht auf den Teller zu klatschen, stattdessen nur „Beilagen“. In Restaurants bekam man Hühnersuppe, wenn man etwas Fleischfreies orderte. Vegetariertum hieß damals noch: offensiver Verzicht, hieß Auflehnung gegen ein ganzes Wertesystem, für das in der Nachkriegs-Elterngeneration jene Küchengerüche standen, in denen man jetzt so deutlich den Todesgestank wahrnahm, den Geruch der Hölle („the unholy stench of murder“).

Es war ja nicht so, dass man es nicht geahnt hätte. Die ganze Muckeligkeit der Achtziger schien der jungen Generation schon damals verdächtig, denn dahinter lugte die Apokalypse hervor: Atomkrieg, saurer Regen, Aids. „Meat Is murder“ war der richtige Song zur richtigen Zeit in der absolut richtigen Tonalität. Er musste von einem krassen Außenseiter des Musikbusiness kommen und dermaßen kompromisslos sein. Mit diesem Stück (und der gleichnamigen Platte) betrat diese Band, die so schön wie keine zweite Verzweiflung in Musik zu übersetzen wusste, sich bis dahin aber vor allem mit Problemen rund um die eigene Adoleszenz befasst hatte, die zentrale Arena des Jahrzehnts: den Kampfplatz des Politischen. Margaret Thatcher und das britische Königshaus hatten The Smiths als Hauptfeinde auserkoren, aber darin war viel Pose, die nicht einmal verborgen wurde. Nur der Angriff auf die Fleischesser war anders, nämlich glaubhaft bis ins Mark.

Produziert haben The Smiths das düstere Stück im Alleingang in den Amazon-Studios von Kirkby nahe Liverpool (die späteren Parr Street Studios). Behilflich war nur der legendäre Produzent Stephen Street, ein Freund seit der gemeinsamen Arbeit an der Single „Heaven Knows I’m Miserable Now“. Street sollte auch die Schlachthofatmosphäre kreieren. Morrissey hatte dafür ein BBC-Tonband mit Soundeffekten mitgebracht, . Also montierte er muhende Kühe und Maschinengeräusche zusammen und jagte beides durch den Harmonizer, um es dunkler und gespenstischer klingen zu lassen. Fertig war ein ikonischer akustischer Moment.

Ein Sinn für Humor

Die Arbeit an den Stücken des Albums war immer gleich: Zunächst nahmen Johnny Marr, Bassist Andy Rourke und Drummer Mike Joyce nach und nach die Musik auf, am Ende kam Morrissey mit seinem Notizbuch dazu und sang seine bis dahin selbst vor den Bandmitgliedern geheim gehaltenen Lyrics über die Melodien. Die Aufnahme von „Meat Is murder“ war der entscheidende Augenblick der dreiwöchigen Arbeit am Album, der „aspirant moment“, wie es in Morrisseys „Autobiography“ heißt (2013 erschienen; kurioserweise, aber auch wiederum ganz passend als „Penguin Classic“). In diesem Rückblick hat die Band den Test mehr als bestanden: „Each musical notation an image, the subject dropped into the pop arena for the first time, and I relish to the point of tears this chance to give voice to the millions of beings that are butchered every single day.“

Und in der Tat: Die Botschaft kam an. Es kann gut sein, dass dieses Lied alleine Hunderttausende von Menschen zu Vegetariern gemacht hat. Und anders als die Modevegetarier der 2010er Jahre, die nach der Lektüre von Safran Foers „Tiere essen“ für einige Monate auf Schnitzel verzichteten und viel darüber sprachen, bevor sie eine andere Mode für sich entdeckten, sind die, die sich für „The Smiths“ und gegen das Fleisch entschieden, Vegetarier mit Ausdauer. Darauf deuten zumindest eine zugegeben völlig unrepräsentative, private Umfrage und ein wenig Internet-Recherche hin.

Humor ist in „Meat Is Murder“ – dem Song, nicht dem Album – nicht einmal in Spurenelementen enthalten. Dass der junge Morrissey aber durchaus in der Lage war, sogar seinen militanten Umgang mit diesem Thema zu ironisieren, zeigt etwa das Interview, das Tom Hibbert mit ihm im Januar 1985 führte (abgedruckt in Paul A. Woods (Hg.): „Morrissey in Conversation“. Plexus, 2007). Fleischessern wie James Dean oder Oscar Wilde wird ihre Schwäche vergeben, aber hinnehmbar sei das Verspeisen von Lebewesen deshalb keineswegs. Ein echtes Problem hat Morrissey jedoch mit seiner damals 23 Jahre alten Katze Tibby, die sturköpfig nach Katzenfutter aus Fleisch verlangt. Und ihr Herrchen muss schweren Herzens nachgeben. „Certainly if I bought a pet today, I’d feed it on non-meat products like Smarties and baked beans“, schiebt er hinterher, weil er weiß, dass er mit Prinzipientreue wenig ausrichten kann gegen die Katzennatur.

In einem Fernsehgespräch aus dem Jahr 1985 weist der blutjunge Barde dann auch ausdrücklich darauf hin, dass er keineswegs so unglücklich sei, wie man allgemein annehme. Dabei handele es sich bestenfalls um ein Label. Oder – schon hier die Wendung, die noch Karriere machen sollte – um „lazy journalism“. Obwohl die Songs auf „Meat Is Murder“ durchaus nach Verzweiflung und Selbstmord klängen, so wiesen sie doch allesamt einen „great sense of humour“ auf. Erstaunlicherweise bekomme er dafür nie Anerkennung. Das gilt bis heute.

Die Rachephantasien haben an Kraft gewonnen

Das Album „Meat Is Murder“ schoss gleich nach Erscheinen auf Platz 1 der britischen Album-Charts: das einzige Nummer-eins-Album der Band. Es verdrängte zu Morrisseys unverkennbarem Stolz Bruce Springsteens (sich auch nur eine Woche dort gehalten habenden) Geniestreich „Born in the USA“ vom Spitzenplatz. Trotzdem hätten die englischen Radiostationen weiterhin auf Springsteen gesetzt, moniert Morrissey in der Autobiographie. Kein Hörfunksender habe hingegen je „Meat Is Murder“ gespielt, und zwar aus Angst: „In the year 1985, abuse and torture of animals is protected under various British laws, and if you therefore want to act in defense of animals then you are forced to break the law. To publicly make the observation that meat is murder is, in fact, to claim that the law is wrong.“ Da ist er, der so gut erkennbare Morrissey-Tonfall: die Selbstinszenierung als Outlaw, der erstaunlich selbstsichere Balanceritt auf der Grenze zwischen Paranoia und Messianismus. Wenige Zeilen später werden denn auch die Massenmedien gegeißelt, die glaubten, Tiere verdienten, was sie bekommen. Aber die Natur schlage zurück, heißt es, bedanke sich für die Erbarmungslosigkeit mit einer Reihe von Epidemien und Krebserkrankungen, deren genüssliche Aufzählung allein mehrere Zeilen beansprucht. Es stimmt schon, der Zynismus, den man Morrissey neuerdings so übel nimmt, ist mit den Jahren immer stärker geworden. Aber Radikalität war da von Anfang an. Ohne sie hätte die Zwiesprache mit all den Zweifelnden und Verlorenen gar nicht funktioniert.

Auch die Gewalt ist von Anfang an da. Man müsste die Schlachtbankbilder, die „Meat Is Murder“ in leichter Variation seit je begleiten, gar nicht sehen, um sie zu sehen. Die Gewalt liegt in den Worten, aber mehr noch in der Prosodie. Das gilt für das gesamte Album, wie schon Mark Simpson in seinem mirakulös schönen Buch „Saint Morrissey“ (SAF Publishing, 2003) herausgestellt hat: Es sei ein Mysterium, schreibt Simpson, wie einige Fans auf die Idee kommen konnten, Morrissey für einen überzeugten Pazifisten zu halten. Selbst das Album „Meat Is Murder“, das bereits mit seinem berühmten Anti-Kriegs-Coverbild gegen Gewalt Stellung zu beziehen scheine, sei „a disturbingly violent work full of the satisfying sound of settlings scores“. Doch die Rachephantasien, die in diesen ätherischen, mäandernden, stolz depressiven Klängen immer schon angelegt waren, haben mit den Jahren definitiv an Kraft gewonnen.

Der Song „Meat Is Murder“ gehört bis heute zu jedem ordentlichen Live-Auftritt Morrisseys, der selbstredend von den Veranstaltern verlangt, dass auf seinen Konzerten, die häufig in Arenen voller Wurst- und Burger-Theken stattfinden, keine Fleischwaren verkauft werden – es gäbe wohl auch nur wenige Abnehmer. Vor dieser Ausdauer kann man nur den Hut ziehen. Aber das Stück hat sich verändert. Aus dem elegischen Zaubergesang wurde eine martialische Kriegserklärung. Als würde der Götterbote allmählich die Geduld mit uns verlieren. Seit dreißig Jahren predigt er den Fleischverzicht. Trotzdem ist der Pro-Kopf-Fleischkonsum in dieser Zeit gewachsen, sowohl weltweit als auch in den fleischhungrigen Industrieländern. Für „Meat Is Murder“ hat der Prediger daher ein regelrechtes Bühnenritual entwickelt, eine Agit-Prop-Show, wie man sie heute nur noch selten geboten bekommt. Sie beginnt mitunter mit einer Ansprache, der Bitte etwa, die Stadt mit Graffitis zu überziehen.

Zeit zum Angriff

Der Song selbst hebt immer noch ähnlich an wie auf dem Album: Sägegeräusche, Tierschreie, Schlachthof-Bilder. Textlich sind nicht nur die „Kill-Eat-Murder“-Zeilen hinzugekommen, sondern häufig auch die Beschwörung „K – F – C – is murder”. An der Stelle im Lied, an der der Sänger den Karnivoren ins kauende, fetttriefende Maul schaut, zeigen sich die Lyrics nun unbarmherziger. Aus „your mouth“ wurde mit der Zeit „your great, big, fat mouth“, mitunter sogar ein „big fucking mouth“. Außerdem ist eine rhetorische Frage hinzugekommen, die sich weniger an die Fans richtet als an die Unbelehrbaren da draußen: „Are you too busy to care? Are you too fat to care?“ Die entscheidende Änderung aber besteht darin, den Song nach den beiden Strophen nicht enden zu lassen. Vielmehr wendet Morrissey dem Publikum nun wie ein Messdiener den Rücken zu, geht teils sogar in die Knie und blickt auf den Video-Screen. Ob sich wohl irgendjemand sonst in seinem Leben so viel „Torture Porn“ angetan hat? Nach einer kurzen Pause explodiert der Sound förmlich. Aus dem Klagelied wird apokalyptischer Furor: Mit Wut prügelt der Song jetzt auf uns ein. Alles was ein Superstar an akustischen Waffen zur Verfügung hat, wird unter blutrot blinkendem Licht abgefeuert. Es gibt eine Zeit zum Trauern, und es gibt eine Zeit zum Angriff, will das sagen.

Die Wucht dieser Auftritte beeindruckt. Und man nimmt Morrissey ab, dass jedes Schinkensandwich für ihn Fleisch von seinem Fleische ist. Dass es ihm in einem sonst im Unterhaltungsfach kaum je zu findenden Sinne ernst ist mit seinem Einsatz für die rechtlosen Kreaturen, die im Akkord sterben für schäbige Grillteller. Trotzdem wird das Lied selbst durch diese Verlängerung ins Kriegerische eigentümlicher Weise schwächer, weil es diese leicht pubertäre Rocker-Attitüde gar nicht nötig hätte. Gerade von den leisen Tönen, dem fast schon geflüsterten „Do you know how animals die?“, war die stärkste Wirkung ausgegangen.

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Man sollte sich andererseits davor hüten, darin bereits ein Symptom für unsere allmähliche Entfremdung von einem Entrückten zu sehen. Zuletzt scheint man Morrissey ja durchschaut zu haben als verwirrten Verschwörungstheoretiker und rechtsnationalen Ideologen einer weißen Englishness. Er spreche sich für den Brexit aus, heißt es, verteidige Harvey Weinstein und nenne Berlin der Flüchtlinge wegen „Vergewaltigungshauptstadt“. Weil er im November 2017 dann noch etwas ungeschickt monierte, im „Spiegel“-Interview, aus dem viele dieser Vorwürfe stammen, falsch zitiert worden zu sein (), scheint er hierzulande allen Kredit verspielt zu haben. Dabei ist das Problem dieses Interviews, dass überhaupt kein Interesse an Morrisseys Musik darin erkennbar ist. Vielmehr zielt es punktgenau auf skandalöse oder skandalisierbare Aussagen. Was soll ein Musiker denn bitte überhaupt zu Harvey Weinstein, Donald Trump oder Angela Merkel zu sagen haben?

Offenbar gar nicht mehr wertgeschätzt wird hingegen der Umstand, dass ein Künstler sich um keinen Preis vereinnahmen lassen will, sondern konsequent an seinem Außenseiter-Image festhält. Muss man da gleich die Kanonen auffahren? Dass mit Ausnahme von Morrisseys Parteinahme für Tiere (und vielleicht noch für Israel) nichts von dem, was er von der Bühne herab verkündet oder trotz angeblicher Medienabstinenz eben diesen Medien unablässig mitteilt, mit dem heiligen Eifer des Ernstes gesprochen ist, sollten wir doch allmählich verstanden haben. Als wären all diese Fragen nicht wieder und wieder an ihn herangetragen worden. Man lese sich nur durch die erstaunlich lustigen Interviews in Woods‘ erwähnter Sammlung hindurch.

Als Morrissey in den frühen Neunzigern auf der Bühne mit der britischen Flagge, dem Union Jack, posierte, wollten Journalisten reihenweise von ihm wissen, ob er ein mythisches Alt-England glorifiziere. Und natürlich bekannte sich der Befragte pompös zu diesem Patriotismus, um dann in Selbstironie abzugleiten: „It gives the impression that I do nothing from morning ‘til night but think about the once proud Empire, which I never do. It’s another ghost that needs exorcising, rather like the one that says my fans are all pathetically devoted Virginia Woolfs who can’t dance.” Weil man danach in Songs wie „Asian Rut“, „Bengali In Platforms“ oder „The National Front Disco“ eine befremdliche Haltung witterte, wurde ihm unzählbar oft die Frage gestellt, ob er ein Rassist sei. Und Morrissey ließ sich nicht lumpen: Er sei unfähig zu Rassismus, schickte er zwar voraus, aber er freue sich, dass ein wachsender Teil seines Publikums aus Skinheads bestehe. „It somehow represents the Britain I love.“ Den Stab brach man damals dennoch nicht über ihn. Und in der Tat folgten in weiteren Interview dann so viele ironische Verdrehungen seiner angeblichen Skinhead-Sympathie, dass man ihm durchaus abnehmen konnte, wenn er sagte: „Well, I think that if the National Front were to hate anyone, it would be me.“ Durch diesen Mix aus Sarkasmus, Frechheit, Selbstmitleid und Globalisierungsverachtung blickte schließlich der schlauste Skinhead nicht mehr durch. Zumal der große England-Idealisierer schon 1997 beschloss, in Los Angeles zu leben.

Wir ehren die Paradiesvögel nicht mehr

Hier ist ein Neinsager aus Prinzip. Und es braucht solche Neinsager sicherlich mehr, als es Jasager braucht. Was sich durchzieht, ist Morrisseys tiefe Skepsis gegenüber Menschen: „I don’t make friends ever. I don’t see the point.“ Auch das mag erklären, warum er sich Tieren, die ohne Falsch sind, so nah fühlt. Dass ‚this charming devil‘ in einem seiner neuen Lieder (der nächste Sturm im Wasserglas) dazu aufruft, den Tag im Bett zu verbringen und auf Nachrichten zu verzichten – „Stop watching the news/ Because the news contrives to frighten you/To make you feel small and alone/To make you feel that your mind isn‘t your own“ –, das ist kaum der Gipfel des Songwritings, aber noch lange keine neurechte Medienkritik à la Trump. Die „versklavten Arbeiter“, die im Song auftauchen, erinnern schon eher an alte linke Mediensystemkritik. Vielleicht darf man sogar an Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ denken. Vor allem aber hört man das Gelächter eines so provokanten wie intelligenten Enfant terrible, das sich kindlich darüber freut, die Simplizität der Welt wieder einmal mit Simplizität subvertiert zu haben.

Das momentane Morrissey-Bashing sagt mehr über uns und den Zustand einer immer hysterischer werdenden (Online-)Gegenwart aus als über den sich einigermaßen treu gebliebenen Exzentriker aus Good Old England. Weil Pop-Fantum immer weniger mit Loyalität zu tun hat, sind heute nicht einmal Heilsbringer davor sicher, nach einigen vermeintlich verfänglichen Sätzen als Scharlatane dazustehen. Pathos gilt per se als anrüchig. Wir ehren die Paradiesvögel nicht mehr. Dafür aber können die Vögel nichts. Es mag für Halbgötter zwar ruinös sein, wenn ihre Gemeinde vom Glauben abfällt. Aber die Verantwortung dafür liegt nun einmal allein bei der Gemeinde. Nicht wenige Kritiker zelebrieren derzeit diesen Abfall von ihrem Idol Morrissey, überbieten sich mit Formulierungen der Degradierung des einst Vergötterten zum Reaktionär (auch wenn es immer noch treue Anhänger gibt, und zwar nicht nur die leicht verstrahlten Hardcore-Fans der „Blue Rose Society“). Die Signatur unserer Epoche ist vielleicht gar nicht der Aufstieg der Populisten, sondern die Lust am Denkmalsturz. Fehlt nur noch das Werfen von Schinkenwürsten während des Konzerts.

Vielleicht kommt hinzu, dass man Morrissey bis heute übel nimmt, dass The Smiths zerbrochen sind, diese Band, die das Musikmagazin „New Musical Express“ noch im Jahre 2002 zu den einflussreichsten Popmusikern aller Zeiten wählte. Zwar war es Johnny Marr, der die Streits mit dem melancholischen Sonderling nicht mehr ausgehalten hatte und 1987 die Trennung verlangte, aber Morrissey hätte ihn wohl umstimmen können. Es geschah nicht, und so fehlt der einen Solokarriere seither das kompositorische Genie und der anderen die Stimme. Festzuhalten aber ist, dass „Meat Is Murder“ heute nicht weniger aktuell zu sein scheint als 1985. Im Gegenteil: Dass Morrissey im Großen und Ganzen richtig lag (einmal abgesehen von seiner Rigorosität), dass der Fleischkonsum ein selbst für den Menschen bedrohliches Ausmaß angenommen hat und die Massentierhaltung eines der großen Menschheitsverbrechen ist, bestreiten nur noch Lobbyisten der Agrarindustrie. Morrissey, der Unbeugsame und Ungreifbare, hat uns dieses eine Mal in seine Seele blicken lassen. Nur hier sehen wir ihn ungebrochen, nur bei „Meat Is Murder“ steht er ohne jede Rüstung vor uns: ein verwundetes Tier. Das am Menschen verzweifelnd um sich schlägt. Und unsagbar schön wimmert. „Heifer whines“, seit mehr als drei Jahrzehnten.


8 Lesermeinungen

  1. Hier kann man nur sagen...
    …vielen Dank für diesen wundervollen Artikel. Es war eine Freude mal eine so gut recharchierte Darstellung über einen der größten Lyriker unserer Zeit zu lesen. Danke Oliver Jungen

  2. Ich werde diesen Patadiesvogel immer ehren
    Danke für diesen Artikel der zeigt, wie gut recherchierter Musikjournalismus aussieht!

  3. Meat is murder
    Sehr guter Artikel und Darstellung des Titels Meat Is Murder!
    Die Tiere haben es verdient.

  4. Mit Verlaub
    Ich kann den Interpretationen und Überhöhungen von Herrn Jungen leider nicht folgen. The Smiths war eine von einigen britischen Bands, die ich als Teenager Mitte der 80er Jahre mochte. Morrissey wurde als leicht verrückter Exzentriker wahrgenommen, der er letztendlich ja auch war und ist. Und so haben wir auch dieses Lied interpretiert. Den Text haben wir wie so viele andere übersetzt. Seitdem weiß ich, dass Färse auf Englisch „heifer“ heißt. Aber ansonsten war es keine Frage von für oder gegen. Auch war und ist es für mich und viele meiner Bekannten möglich, Tiere zu essen und The Smiths zu hören. Auch Linke haben ja erst seit kurzem ein Problems mit Morrissey, obwohl die Vernarrtheit von The Smiths in eine weiße britische Kultur und etwas, was mancher heute als „implicit whiteness“ bezeichnen würde, bereits im Jahr 1985 offensichtlich war.

  5. True to you
    Welch Balsam auf der geschundenen Morrissey-Fan-Seele, mal wieder so etwas zu lesen! 👍 Danke! Und bitte den hater-Kollegen zum Lesen geben 🙂

  6. "pathetic"
    Ein gar nicht so „wirkmächtiger“, weil ziemlich irrlichternder Missionar wie Morrissey, der noch nicht einmal die Natur seiner Katze versteht, gibt ein ziemlich jämmerliches Bild ab. Der Engländer hat dafür ein wunderbares Wort: „pathetic“. Der Text repräsentiert übrigens Adornos „Ressentiment-Hörer“ auf’s feinste.

  7. Endlich...
    …mal wieder ein vernünftiger Artikel über Morrissey. Danke dafür. Es ist inzwischen ja überhaupt nicht mehr möglich, eine Musikzeitschrift zur Hand zu nehmen, ohne darüber belehrt zu werden, was man gerade zu hören hat, weil Künstler/in XYZ die „richtige Haltung“ habe. Um Musik geht es oft gar nicht mehr. Morrissey war immer schon ein Neinsager mit leicht misanthropen Zügen. Das ist er bis heute geblieben. Kein angepaßtes Mietmaul, das sich jedem Zeitgeist anbiedert. Der kürzlich verstorbene Mark E. Smith war auch so einer.

  8. Viva Hate
    Nie wieder gab es und wird es eine so kongeniale Kombination wie Marr/Morrissey geben. Vergesst die Beatles, the Smiths waren die beste Band aller Zeiten!

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