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Windhunde auf der Rennstrecke - Der Platz für Tiere- seventastic.info
Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Hatz auf falschen Hasen

| 5 Lesermeinungen

Der Begriff Hetzjagd weckt in mir zunächst Erinnerungen an einen James Bond-Film. In „Moonraker“ wird Filmcharakter Corinne Dufour zur Gejagten des Bösewichts Sir Hugo Drax. Im Wald ereilt die junge, hübsche Frau ein grausames Schicksal, sie wird von zwei scharfen Dobermännern verfolgt und zerfleischt.

Ein bedeutend harmloseres Schauspiel bietet die Hatz menschenfreundlicher Windhunde auf „falsche Hasen“. Die vierbeinigen Hochleistungsathleten haben genau wie ihre zweibeinigen Sprinterkollegen derzeit Renn-Saison. Parallel zu den Leichtathletik-Wettbewerben dieses Sommers treten die Vierbeiner in mehreren Entscheidungsläufen gegeneinander an. Das große Finale findet Ende August in Münster statt. Während der vorletzten Wertungsrunde in der Windhund-Arena des Rennvereins Untertaunus-Hünstetten laufen mir auf dem Weg zur Arena, der von Hundekotbeutelspendern gesäumt ist, Dutzende Herrchen und Frauchen mittleren Alters mit ihren tierischen Renngefährten entgegen. Der Trend scheint gleich bei einer ganzen Handvoll Windhunde pro Halter zu liegen, das hat hier und da zur Folge, dass diese vor lauter Hundeleinen kurzzeitig die Orientierung verlieren.

© Fotos: H. SchirmacherDer Trend geht zur Großfamilie.
Erstklassige Sprinter: Greyhounds erreichen Höchstgeschwindigkeiten.
Nach der Kurve geben sie nochmal richtig Gas.

Eine Freundin warnte mich noch: „Was willst Du auf so einer Posh-Veranstaltung?!“. Tatsächlich verführt die Namensgebung einiger Tiere zu solch einer Behauptung. Es startet eine Hündin namens Victoria vom Monarchenhügel, oder der Rüde Thor vom Tiantaishan. Doch zwischen gegrillter Wurst und Bierzelt tummeln sich auch Tiere namens Sugar und Jaxx Toyboy. Auf den Bänken sitzt ein guter Querschnitt durch die Gesellschaft und fast alle beruflichen Kategorien sind vertreten. Das bestätigt mir auch die erste Vorsitzende des Rennvereins, Katharina Rediske, die ihre Mitglieder und Freunde kennt. Neben einem neugierigen männlichen Irrläufer, der sich von den Menschenmassen um ein „geheimnisvolles Event“ angezogen fühlte, bin ich, so fühlt es sich jedenfalls für den Moment an, die einzige völlig ahnungslose Zuschauerin. Doch Frau Rediske erzählt mir später, es habe reichlich Laufkundschaft gegeben.

Der Schein trügt: Trotz grauer Haarpracht kommt diese Rasse ordentlich in Fahrt.

Dem „falschen Hasen“ hinterher

Als laienhafter Beobachter an der Rennstrecke habe ich zunächst gar nicht begriffen, welches Wesen die Hundekaliber auf der ovalen Sandbahn so inständig verfolgen. Das Objekt, dem kleine, aber sehr agile Whippets ebenso hinterherhetzen wie überaus athletische und größere Greyhounds, ulkige Afghanen mit wehendem Fell oder auch eine Spezies, die wie in die Jahre gekommen aussieht  und einem Irischen Wolfshund oder Deerhound ähnelt,  ist ein quietschgelbes Flatterband, auch „künstlicher Hase“ genannt. Es wird in diesem Fall von einer umgebauten Zweitakt-Kettensäge gezogen. Geruch und Aussehen der „Beute“ sind nicht entscheidend, allein die Bewegung regt den Hetztrieb der vierbeinigen „Jäger“ an, weshalb die per Funk ferngesteuerte Schleppe immer in Sichtweite vor den Hunden dirigiert werden muss. Das rasselnde Geräusch dieses sonderbaren automatisierten Gefährts begleitet das Publikum unzählige Male im Laufe des Tages.

Frauchen Corinne Mounier mit ihren Whippets namens Fee und Juri.

Als Frauchen Corinne Mounier mit ihren beiden kurzhaarigen Windhunden der britischen Rasse Whippet ganz entspannt zur Startbox schreitet, folge ich ihr, um mir das Spektakel ganz aus der Nähe anzuschauen. Niemand hält mich auf. Frau Mounier lädt mich sogar ein, Fotos von ihren beiden jugendlichen Rennkötern namens Fee und Juri zu schießen. All das zeigt mir: Verbissener  Ehrgeiz spielt hier keine Rolle. Wer würde sich schon trauen, eine  Athletin wie 100-Meter-Ass Gina Lückenkemper vor einem Lauf von der Seite aus anzuquatschen? Ein weiterer gravierender Unterschied der Vierbeiner zu ihren menschlichen Pendants überrascht mich noch weniger: Während die einen kurz vor dem Start höchste Konzentration ausstrahlen, geht es in Hünstetten turbulent zu. Der zweijährige Juri ist erkennbar aufgeregt, er bäumt sich an der Leine auf, heult und jault. „Das ist die Vorfreude“, beruhigt sein Frauchen. Endlich wird Juri in seine Startbox gestupst, die Klappe geht zu. Für wenige Sekunden, bis der Startschuss fällt und sich die Vordertür der Box zur Rennbahn hin öffnet, tönt das aufgeregte Jaulen der Whippets synchron aus den verschlossenen Kästen.

Kaum zu bändigen: Juri flippt vor Freude aus. Den Rennmaulkorb tragen alle vierbeinigen Sprinter, damit sie sich beim Balgen um den falschen Hasen nicht gegenseitig verletzen.
Liebenswürdig: Links im Bild steht die Afghanin und aktive Sprinterin namens Washari von Apsaras. Die Rasse Afghanischer Windhund ist deutlich langsamer als der Greyhound.
Nach dem Rennen gibt es eine Verschnaufpause im schattigen Kofferraum.

Amateure mit Erfolgssucht

Doch mein erster Eindruck, hier ginge es ganz entspannt nur ums Vergnügen, ist nicht ganz richtig. Zwar spielt auf derartigen Amateurveranstaltungen anders als bei Hunderennen im Ausland Pekuniäres tatsächlich keine Rolle. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz darf auf die vierbeinigen Sprinter kein Geld gesetzt werden. Doch in der Realität holt zumindest die bloße Erfolgssucht das eine oder andere Frauchen oder Herrchen ein. Das jedenfalls berichten mir erfahrene langjährige Mitglieder des Rennvereins.

Für eine Karriere als Sprinter à la Usain Bolt bleibt einem blutjungen Windhund nicht viel Zeit. Mit sechs Jahren gehört er schon zur Seniorenklasse, mit acht ist es dann endgültig vorbei mit offiziellen Spurts. Das zarte, schon von Natur aus sehr zerbrechliche Knochengerüst, muss im Alter erst Recht vor Verletzungen, die besonders bei Stürzen auf der Rennbahn passieren, geschützt werden. Die Rasse Greyhound, der schnellste Landjäger nach dem Gepard, rast immerhin mit bis zu 70 Stundenkilometern über die Bahn.

Nach der Turbo-Karriere aufs Abstellgleis

Die Turbo-Karriere ist vergleichbar mit Kinderstars in Hollywood oder spätpubertierenden Popsängerinnen wie Britney Spears. In ihrer jugendlichen Hochphase, wenn Schönheit, vielleicht sogar Talent und Trainingseifer glücklicherweise zusammenfallen und Aufsehen erregen, quetschen ehrgeizige Hundeeltern alles aus ihren Zöglingen heraus. Wird deren Körper zerbrechlicher und der Charakter gar bockig, gilt der Zenit offiziell als überschritten. Das jüngere Geschwisterchen oder eben ein frisch eingekaufter Welpe warten dienstgetreu auf ihren Einsatz. Die ältere Version landet auf dem Abstellgleis und bleibt daheim.

Es ist paradox: Obwohl der Windhund ursprünglich als eigenständiger „Jäger“ gezüchtet wurde – die Rasse Barsoi beispielsweise ist in der Lage, ohne menschliche Hilfe, Antilopen in der russischen Steppe einzuholen und zu reißen – führt der den Tieren angeborene und durch Eingriff des Menschen nochmals gesteigerte Hetztrieb im zivilisierten urbanen Raum für Frauchen und Herrchen zu einer selbstauferlegten Leinenpflicht.  Die Vorsitzende Katharina Rediske erklärt es so: „Wenn ein welkes Blatt vom Wind durch die Luft gewirbelt wird, kann das für einen blutjungen Windhund anregend genug sein, die Jagd aufzunehmen.“

Im Stadtbetrieb wäre das per se ein No-Go. Aber sogar in der freien Natur, etwa auf unebener Fläche von Feld, Wald und Wiese würde ein solcher Ausflug für die überzüchteten Tiere mit ihren brüchigen Knochen schnell böse ausgehen. So endet auch der Tag in Hünstetten mit einem verletzten Tier. Niemand trägt die Schuld, heißt es offiziell auf der Webseite des Rennvereins. Eine erhöhte Verletzungsgefahr steckt eben in jedem „Hochleistungssport“.

Unglück auf der Rennstrecke: Ein Windhund knickt ein und erleidet eine Sportverletzung.

 


5 Lesermeinungen

  1. Es heißt ja recht banal...
    „Jammere nicht über die Dunkelheit sondern zünde ein Licht an.“
    Zitatende.
    Selbst die vielen Lichterkettenarten, inkl. „Atomkettenreraktion-lichtart“,
    die schon gezündet wurden und die wohl noch gezündet werden für
    ca. 7.000.000.000. (Augen-)Höhlen-Bewohner, Trend weiter steigend,
    ist so bis heute eher als unwirksam zu bezeichnen.
    Bringt, bedeutet, ein kleiner Buchstabe „die große Menschheit-Schritt-Wende“?
    (Wett-)“Spielen“…inkl. „g“ (kleiner Buchstabe)…“Spie“g“eln“…
    Selbst-spiegeln…Selbstreflektion…das extern Geschehende,
    die zu erlebende „Wirk-lich(t)keit“, Ratio abgleichend sowie Ratio bildend, intern „spiegeln“ lernen…von „Kindesbeinen an“?
    Welche Lichtart muß gezündet werden damit das unsichtbare kleine „g“ im großen Zusammenhang mit „Wett-Spielen“ gesehen wird und den großen Menschheit-Schritt „bewirkt“?
    Griechenland in Stein gemeißelt, „Erkenne dich…“
    Zitat:
    „Man sieht Dinge 100mal, 1000mal, bevor man sie zum allerersten
    mal wirklich,

  2. Die Fotos widersprechen ihrer Unterschrift
    „Den Rennmaulkorb tragen alle vierbeinigen Sprinter“: Wer genau hinschaut, findet auf den Rennbahnfotos genug Hunde ohne Maulkorb.

  3. Der Sache nicht dienlich
    Ich verstehe nicht, warum Frau Schirmacher in einer losen Serie immer wieder die Möglichkeit gegeben wird, sich über Tierthemen zu äußern, und zwar in einer Weise, die vermeintlich objektiv-wissenschaftlich-nüchtern sein soll, dabei aber eher unterschwellig ein mangelndes Interesse an oder gar Abneigung gegen Tiere ahnen lässt. So werden oft Themen, in denen nicht ohne Grund Tierschutzorganisationen engagiert sind, verharmlost, das Engagement als fehlgeleitete Tierliebe diskreditiert, und damit der Sache, nämlich einer höchst wichtigen Frage: nach Tierrechten und Ethik im Zusammenhang mit nichtmenschlichen Mitbewohnern auf diesem Planeten, ein Bärendienst erwiesen.
    Es wäre doch schöner, jemandem Raum zu geben, der die Leser genau durch diese Aspekte des Verhältnisses Mensch-Tier, Mensch-Welt geleitet.
    Von der Schreibe einer Frau Schirmacher fühle ich mich als Tierfreund ehrlich gesagt meist „angepisst“.

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