Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Sind Hunde und Katzen soziale Parasiten?

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Draußen ist es klirrend kalt,  wirbelnde Schneeflocken zwingen Autofahrer an einem Freitagmorgen, langsam zu fahren. Trotzdem haben einige von ihnen vermutlich ordentlich auf die Tube gedrückt, um es pünktlich zum Termin in der Kleintierklinik in Hofheim zu schaffen, damit ihren Zöglingen nur das Beste vom Besten zuteilwird. Der gute Ruf eilt diesem Ort nämlich voraus. Es liegt in der Luft: Hier wird nicht einfach nur „Geld gemacht“, vielmehr macht sich das Klinikpersonal mit seiner Klientel gemein. Dreh- und Angelpunkt ist die Sorge um das Wohlergehen der kleinen Kläffer und Schmusekatzen, Lebensmittelpunkt ihrer enthusiastischen Anhänger.

Heute bin ich ausnahmsweise auch vor Ort. Sobald sich die automatische Schiebetür hinter mir geschlossen hat, stehe ich inmitten von kranken Hundetieren. Das Foyer ist gleichzeitig Wartebereich für einen vom Nasentumor befallenen Mischling, einen kränkelnden Kampfhund, einen schniefenden Bullterrier und zu meinem Erfreuen auch drolligeren Hundegestalten – Zieheltern immer im Schlepptau. Ich stelle mir die Frage: Kann ich dieses artfremde Miteinander eigentlich noch als klassische Symbiose hinnehmen? Dahinter könnte doch bereits ein psychologisch schädigendes Beziehungsmuster stecken? Aus evolutionsbiologischer Sicht jedenfalls müsste sich Darwin im Grabe umdrehen, stecken Katzenlady und Hunde-Papa doch all ihre Zeit, Energie und vor allem Geld in ein Tier, anstatt in die Partnersuche, die bei Erfolg in der Fortpflanzung mündet. Und das in Zeiten, in denen allerorten von einer überalterten Gesellschaft gesprochen wird, die sich dringend verjüngen müsste.

© H. SchirmacherKleintierklinik Hofheim: Hund erhält Zahnbehandlung.

Gerade Städter legen sich gefühlt zunehmend gerne Hund oder Katze zu – in meiner Jugend galt es als verpönt, in einer Wohnung große Tiere zu halten –  trotz tödlichem Straßenverkehr und beengter Lebensweise. Hunde als Sozialpartner, Katzen als Co-Pädagogen – ehe man sich versieht, steckt der Betroffene in einem Teufelskreis aus einem scheinbar befriedigten Bedürfnis nach Nähe einerseits und Zeitmangel andererseits. Lernt er doch noch, oft per Zufall und mit viel Glück, einen Partner der eigenen Spezies kennen, muss sich dieser häufig darauf einlassen, das Bett zu dritt zu teilen. Der selbstverständlich stubenreine Zögling verrichtet zwar sein Geschäft vor der Haustür, doch unklar bleibt, wo er derweil überall seine Schnauze hineingesteckt hat. Einen Halter, blind vor Liebe, schreckt dies freilich nicht ab. Der aufopferungsvolle Halter, der für seinen Zögling immer einen Schritt zu weit geht, wurde also wie in jeder klassischen Abhängigkeitsbeziehung manipuliert?

© H. SchirmacherGeheimwaffe der Klinik: Der Linearbeschleuniger.

Während ich mich in der Kleintierklinik in Hofheim – der größten ihrer Art auf dem europäischen Festland – umschaue, wird mir klar: Das stimmt. Weil unglaublich viele Hunde- und Katzenhalter auf das Angebot schwören, konnten die Betreiber ordentlich aufrüsten. Seit Kurzem hat die Klinik sogar einen Linearbeschleuniger zur Strahlentherapie und Schmerzbehandlung von Arthrose. Herrchen und Frauchen spendieren ihrem Hund und ihrer Katze hier lebensverlängernde Maßnahmen, die tausende von Euros kosten. Laut Katharina Kessler, Tierärztin und zuständig für Pressearbeit und Kommunikation, gibt es solch ein Gerät für Kleintiere nur zweimal weltweit. Das Gerät stammt aus der Fertigung für menschliche Krebspatienten und musste etwas umgebaut werden, artgerecht für Kleintiere. Ich treffe den Hundehalter Hubert Schuy. Er bringt seinen Schützling „Tiron“, den ein Nasentumor plagt, regelmäßig zur Strahlentherapie. Sein Haus würde er verkaufen, um seinem Liebling eine Operation zu ermöglichen, erklärt er mir. Ich denke, dieser Hund hat es wirklich weit gebracht in der Gunst seines Halters. Herr Schuy erklärt mir, der Hund nehme viel mehr Zeit in Anspruch als Kinder. „Er ist ein vollwertiges Familienmitglied.“

 

© H. SchirmacherTiron wird auf die Strahlentherapie vorbereitet.

Laut Bindungstheorie gibt es bei Hunden zwei Wesenszüge, auf die ihre Halter anspringen, um ihnen anschließend die Welt zu Füßen zu legen. Zum einen ist der Halter motiviert, für das Tier zu sorgen, weil es niedlich und schutzbedürftig wie ein Säugling ist. Zum anderen vermittelt ein großer, starker Hund Sicherheit. So können Hunde nicht nur als Kinder-, sondern auch als Elternersatz gesehen werden. Das erklärt aus meiner Sicht die optische Vielfalt unter den Hunderassen. Will ich ein Kleinkind, nehme ich einen Schoßhund, der schon allein von seiner Statur her Folge leisten muss, will ich einen starken, wehrhaften Vater, schaffe ich mir lieber den angsteinflößenden Rottweiler an.

© H. SchirmacherAufwachphase: Liebevoll belgeitet das Herrchen seinen taumelnden Hund.
© H. SchirmacherGeschafft. Jetzt geht es ab nach Hause.

Nun will ich aber die niedlichen Kätzchen sehen. Es gibt neuerdings ein Séparée, erklärt Frau Kessler. Weder Mütter, noch Väter, noch Katzenhalter haben es gern, wenn der eigene „Sprössling“ den Kürzeren zieht. Und Katzen wären in der Kleintierklinik, die sonst überwiegend Hunde versorgt, nun mal die Schwächeren. Im Séparée werden die kranken Kätzchen wie schutzbedürftige kleine Babies behandelt, die besonders fremdeln und Mamas Nähe suchen, sobald sie in unbekannter Umgebung sind. In einem sicheren Katzenkorb, der auf Frauchens Schoß thront, halten sie sich versteckt. Umnebelt sind sie von „Feliway“, einer Nachbildung des natürlichen Katzenpheromons. Das beruhigt, wie die Muttermilch. Diese „Mutter-Kind-Situation“ ist keine Seltenheit. Während ich einmal im Zug nach Prag fuhr, saß ein älteres Paar neben mir. Auf dem Schoß der Dame schwankte ein Nackthund stehend hin und her, der fortwährend ihr Gesicht abschleckte. Während ich mich ekelte, wurde mir klar, diese bedingungslose Mutterliebe kommt daher, weil das Tier durch seine Nacktheit so bedürftig wie ein Baby ist.

Ein anderes Mal beobachtete ich ein junges Pärchen, dem wohl noch der Mut für ein eigenes Kind fehlte, mit „Schoßhündchen“. Während das Tier mindestens hundert kleine Trippelschritte machte, brauchten seine Zieheltern nicht mal einen für dieselbe Strecke. Außerdem lief der winzige Hund mit seinen spindeldürren Beinchen und kurzem Fell auf einer dichten Schneedecke. Wenigstens ein passendes Pullöverchen hätten die Halter dem Tier überziehen können. Vor allem felllosen oder kurzhaarigen Gesellen sollte ein wärmendes Mäntelchen übergezogen werden,  rät der Deutsche Tierschutzbund. Schuhe und Söckchen hingegen sind eher ungeeignet, weil die Hundepfoten als sehr empfindsame Tastorgane nackt gebraucht werden. Vor dem Hintergrund dieser Beobachtung scheint es ein Glücksfall, wenn der kleine Hund dem Pärchen noch ein wenig die Zeit für eigenen Nachwuchs stiehlt.

© PrivatSeien Sie nicht unvorbereitet: Modische Inspiration für das wechselhafte Aprilwetter.

 


15 Lesermeinungen

  1. Ist blinde "Selbstmanipulation" nicht der einzig mögliche Weg der "EVOL"ution..."LOVE" an sic
    Vom „Einzeller“ zum „Ich bin“…Bewußtwerdungsweg…von blind bis
    Selbstbegreifung.

    Konfuzius über das Handeln:
    Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu Handeln; erstens durch Nachdenken, das ist das Edelste, zweitens durch Nachahmen, das ist das Leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist das Bitterste.

    „blinder bis selbstbegreifender“…
    „Selbstmanipulationsstand Weg“ = bitterer „Erfahrungsweg-stand“?
    Bitterste parasitäre „Erscheinungen“…Blindheit-Nöte der „G.-Auges“…
    Selbsterkenntnis-Spiegel-Zweck=Zeitgeistreifeweg heil(ig)t die…
    EVOL-/LOVE-…Mittel inkl. Mensch.
    Der Mensch, S/selbst-erkennungsfähiges Liebe-Mittel zum Zweck Leb“en(ergie)“…leb“endiger“…Selbstbegreifungsweg…
    über den Ver(nunft)standweg…leb“endiger“ GeneRATIO….weg?

    • Zusatz
      Unser „Horizont“ möchte Evolutionswegstände in falsch/richtig, gut/böse…trennen;
      doch unser „Horizontmangel“, „Auge(n)lichtstand“, trennt uns (noch)
      vom…
      „Ziel-Weg sehen: Evol.-verbundene Sein-Ganzheit, Sein-Verbundenheit
      aller Selbst(Mhz.)-Reifestände im EVOL.-Gesamt-Selbst-Begreifungweg“?

    • Etwas wirr,
      mal abgesehen vom ollen Konfuzius.

    • @Iwan Hayner
      Der Zweck Klarheit heiligt „etwaige Wirrnis in der Aufwachphse“?:=)

  2. Sartre ist voll Ihrer Meinung
    Quand on aime trop les enfants et les bêtes, on les aime contre les hommes.

  3. Schade um die Chance...
    …einen guten Text zu schreiben:
    Dass Mensch und (Haus-)tier, vor allem der Hund, sich in einer Co-Evolution entwickelt haben, ist ja nicht neu. Meine Meinung dazu: da hat der Hund aber mehr Opfer gebracht und tut es noch, bei allem, was er in Menschenhand aushalten und ausgleichen muss.
    Gerade diese – in der Regel auch noch abgrundtief hässlichen – Qualzuchtrassen führen dazu, dass Tierkliniken aufrüsten können und müssen: wer sein verkrüppeltes Häufchen Elend dann doch so wertschätzt, dass er ihm quasi nachgeburtlich seine ganzen körperlichen Mängel zurechtoperieren lässt, damit Hund oder Katz wenigstens ein bisschen Lebensqualität haben, der finanziert diese Kliniken.
    Dass ein (kleiner) Teil der Menschheit doch dieses Wunder wertschätzt, dass wir mit anderen Lebensformen auf unserem Planeten sozial interagieren können, und dass man auf diese Weise nicht völlig abhebt und sich für von diesem Lebensraum völlig unabhängig hält, muss man ja hoch anrechnen.

    • Zur Qualzucht: Sie haben recht. Die Tierklinik sprach auch davon, häufig Patienten aus der „Qualzucht“ zu behandeln.

  4. Gähn!
    Menschen machen allerlei merkwürdige Sachen, bei denen sich nicht erschließt, welchen evolutionsbiologischen Vorteil sie haben sollten. Es muss ja auch nicht jedes Verhalten eines solchen haben. Solange es keinen Mechanismus gibt, der dieses Verhalten als negativ selektiert, wird es nicht verschwinden. Ich denke, das Verhalten zu Haustieren war früher mal evolutiv vorteilhaft, da Haustiere welcher Form auch immer den Menschen viele Vorteile gebracht haben. Hunde waren früher Jagdhelfer und dienten der Selbstverteidigung. Katzen dezimierten Mäuse und Ratten, die den Menschen Nahrungsmittel wegfraßen. Wölfe und Katzen wurden als Welpen adoptiert und durchliefen mit dem Menschen einen Prozess wechselseitiger Domestikation. Der Auslöser war das im Menschen angelegte Kindchen-Schema als Empfindungsmuster, das halt etwas unspezifisch ist. Vögeln beispielsweise kann man oft auch fremde Eier oder Steine zum Bebrüten unterschieben. Menschen sind – trotz Intelligenz – genauso.

    • auch Gähn
      Wir haben unseren Hund und die Katze weil wir das einfach wollen, weil es Spaß macht, weil es unser Leben bereichert. Es ist mir scheissegal, was irgendwelche Psychofritzen da rein lesen. So einfach ist das!

  5. Was wollte die Autorin in der Tierklinik?
    Offenbar hat sie selbst kein Haustier, das ist ihr nämlich zu eklig. Das ist ihr gutes Recht, aber kein Grund, anderen die Haustierhaltung madig zu machen. Einen dauernd das Gesicht abschleckenden Hund fände ich auch mindestens lästig und nicht unbedingt ein Resultat guter Erziehung, aber das Hygieneproblem dürfte geringer sein als von der Autorin unterstellt. Nach jahrelangem „hautnahem“ Zusammenleben dürften Tier und Besitzer einen Großteil ihres Mikrobioms teilen, und was bei beiden unterschiedlich ist, fühlt sich am oder im jeweils anderen einfach nicht wohl – und wird ihn daher auch nicht krank machen. Außerdem wird der verantwortungsbewußte Tierhalter seinen felltragenden Gefährten regelmäßig entwurmen lassen. Aber es gibt natürlich Leute, die haben schon ein Problem damit, einen Futternapf in derselben Spülflüssigkeit wie menschliches Geschirr zu spülen – selbst wenn das tierische Geschirr ganz am Ende kommt und kein anderes Geschirr mehr in der Spüle ist.

  6. Titel eingeben
    Ob ich nun Tausende von Euro für meine Katze, meinen Hund, oder für unsere Oldtimer ausgebe, wen geht es was an? Die Katz und der Hund sind lebende sehr soziale Wesen und somit wichtiger als tote Materie (aus der auch ein Oldtimer besteht). Klamotten hat unser Hund – ein Pitbull – keine, fände ich genau so albern wie eine Brustvergrößerung oder künstliche Schlauchlippen.
    Die dauernd gebrachte Metapher „treuer als ein Mensch“, „Hat kein Falsch“ ist Blödsinn, was bleibt unsern geliebten Viechern auch anderes übrig als treu zu bleiben, „falsch“ zu sein, geht schon genetisch nicht. Ist ein Hund nicht erzogen, ist er aggressiv oder benimmt sich daneben – der Idiot ist immer der oben an der Leine
    Ich würde lieber unsere Oldtimer verkaufen als die Tiere nicht zu behandeln, auch wenn es sehr, sehr teuer wäre. Lieber den Hund als einen zusätzlichen Menschen im Haus – aber ja doch! Mault nicht rum, findet mich/uns immer toll, ist immer unterhaltsam, verschmust und ist bedeutend pflegeleichter.

  7. Gipfel der Perversion
    Oft genug gehen „Tierliebe“ und Menschenhass einher. Für das Geld, das mancher für seine Haustiere ausgibt, könnte man Kindern vieles Gutes tun, von der Zeit und Arbeit, die investiert wird mal ganz zu schweigen. Alleine das sog. Tierfutter hätten viele gerne täglich auf dem Teller in dieser Welt. Die Leute sollten statt Tiere zu halten besser Kinder haben und sich um ihre Mitmenschen kümmern. Außer Rettungs-, Blinden-, Polizeihunden und ähnliches gehören Tiere im Übrigen m.e. in den Wald bzw. die Natur und nicht in Häuser/Wohnungen. Die Tiere degenerieren dort auf den Stand ihrer Besitzer, die sich wiederum für besonders moralisch halten, weil sie eine Katze verhätscheln.

  8. Titel eingeben
    @José Rodriguez – Zitat: „Oft genug gehen „Tierliebe“ und Menschenhass einher.“
    Wie kommen sie auf eine so abstruse Idee, was heisst oft, haben Sie empirische Daten? und auch die äusserst gewagte (weil Sie das wohl so sehen wollen?) Aussage „Die Tiere degenerieren dort auf den Stand ihrer Besitzer“
    Offenbar haben Sie kein Haustier und wollen auch keins, woher nehmen Sie dann die Chuzpe, ohne Erfahrungshintergrund, so abwertend zu sprechen?
    Ich bin auch gegen die Vermenschlichung von Tieren, ich sehe sie als Mitgeschöpfe und auch Familienangehörige, trotzdem bleibt ein Hund ein Hund und eine Katze eine Katze. Für viele einsame Menschen sind sie ein großer Trost und Freund, ohne diese gäbe es sicher viel mehr Suizide.
    Für mich sind sie wichtiger als alle toten Dinge, zu denen auch die Kunst, tolle Villen, Autos, etc letzendlich gehören. Für mich ist mein Hund wertvoller als jeder Van Gogh.

    • „Für viele einsame Menschen sind sie ein großer Trost und Freund, ohne diese gäbe es sicher viel mehr Suizide.“ – Das ist ein wichtiger Aspekt, schließlich fühlt sich der Mensch in Begleitung eines Haustieres oftmals weniger isoliert.

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