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Treffpunkt Aachen: Stammzellen auf dem Sprung - Planckton- seventastic.info
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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Treffpunkt Aachen: Stammzellen auf dem Sprung

Sie wissen mehr, sie wollen mehr und sie können mehr. Das sind Stammzellforscher. Wer sich über den Gemütszustand von Stammzellforschern oder den...

Sie wissen mehr, sie wollen mehr und sie können mehr. Das sind Stammzellforscher. Wer sich über den Gemütszustand von Stammzellforschern oder den Status der Branche so seine Gedanken macht und dafür einen ausgewählten Kongreß wie das heute zu Ende gegangene „5th International Meeting“ des Stammzell-Netzwerks Nordrhein-Westfalen (Oliver Brüstle: „…mittlerweile der größte europäische Kongreß auf dem Gebiet“) in Aachen besucht, der muss auch mit Enttäuschungen leben können. Mit der Erfahrung nämlich, und das wurde von den maßgeblichen Teilnehmern immer wieder bestätigt, dass man gar nicht auf den wirklich aktuellen Forschungsstand kommen kann, weil alle Spitzenleute damit lieber hinterm Berg halten. „Zu heiß“, nur nicht zuviel verraten, ist zum Beispiel das Leitmotiv beim Thema induzierte Stammzellen (iPS) – den künstlich  reprogrammierten Körperzellen („Ipse“).

Ipse, das „extrem heiße“ Forschungsfeld

Tröstlich immerhin: Auch dann bekommt man noch einiges Neue zu hören, wirklich Faszinierendes sogar, über das  zu berichten sich lohnt. Und wer zwischen den Vorträgen nachhakt, bekommt auch durchaus Antworten – „Off the record“ zwar ganz gerne, aber das ist ja auch schon etwas. A propos: Deutschlands prominentester (oder wenigstens zweitprominentester) Stammzellprotagonist vom Max-Planck-Institut in Münster, Hans Schöler, der noch vor einiger Zeit auf einer Pressekonferenz  in Berlin den Kommunikationsboykotteur gab und extrem unkonventionell für mehr „Vertraulichkeit“ (ergo: weniger Ad-hoc-Transparenz und Einblicke fürs Pubklium) warb, hat sein Vertrauen auch in extrem mitteilungsbedürftige Medienschaffende wiedergewonnen. Sicher, er hat da seinen eigenen Code entwickelt („Das ist jetzt wieder nichts …… das gehört nicht…..“), aber jeder, der ihn kennt, weiss sofort, wann er etwas für den medialen Hinterkopf formuliert.

 Schöler jedenfalls hatte trotz mancher Geheimniskrämerei seine Freude an der Tagung, und das lag nicht nur daran, dass seine Münsteraner Truppe ganz weit vorne mitmischt im Reprogrammiergeschäft oder an der Zahl der jungen, attraktiven  und extrem motivierten Forscher (schätze > 60 Prozent  jünger als 30) im Aachener Eurogress. Nein, es waren auch einige spannende Ergebnisse zu hören beziehungsweise auf den Postern nachzulesen. Hier nur ein Highlight, das die hierzulande ja traditionell umstrittenen embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) betrifft.

Klinische Studie mit embryonalen Stammzellen

Der Israeli Benjamin Reubinoff von der Hebrew-Universität in Jerusalem hat nach seinen weniger erfolgreichen Versuchen, die demyelinisierten Nervenausläufer von Multiple-Sklerose-Mäusen mit ES-Zellen des Menschen  zu remyelieren, eine  klinische Studie mit ES-Zellen angekündigt. Und zwar für die altersbedingte Makuladegeneration, der häufigsten Ursache für Erblindung im Alter (mehr als 30 Prozent der >75jährigen leiden an einer mehr oder weniger starken Degeneration der Netzhaut). In seinem Labor ist es offenbar gelungen, aus menschlichen ES-Zellen durch Zugabe von  Activin A funktionsfähige ausgedifferenzierte „retinale Pigmentepithelzellen“ (RPE) herzustellen, die transplantationsfäig sind.    Die RPE sind es, die bei Patienten in der Anfangsphase der Makuladegeneration – der trockenen Phase – zugrunde gehen. Sie sorgen unter anderem für den Vitamin-A-Stoffwechsel und die Entsorgung abgestoßener Photorezeptorzellen. Gut 100.000 solcher künstlich hergestellter RPE-Zellen hat man in den präklinischen Tests in Rattenaugen transplantiert. Offensichtlich haben sich die Zellen ins Gewebe integriert und Funktionen übernommen. Wieviele Zellen allerdings nach Monaten überlebt haben, konnte Reubinoff nicht sagen. Auch nicht, ob die Tiere besser sehen. Zumindest aber dies: Es wurden keine Teratome (Wucherungen) oder degenerierte Zellverbände gefunden – und: für eine Transplantation beim Menschen braucht man auch nur etwa 200-300.000 RPE-Zellen, weil man nämlich hauptsächlich und vordringlich die Makula – die Stelle des schärfsten Sehens – zu ersetzen hat.

Auf energische Nachfragen, wie es um die Sicherheit der zu transplantierenden Zellen steht, hatte Reubinoff eine klare pauschale Antwort: „Natürlich sind weitere umfassende Sicherheitsstudien nötig und geplant.“ Die Planungen für die ersten klinischen Studien laufen derweil parallel auf Hochtouren, und zwar in einem Reubinoff und seinen Kollegen gegründeten  Start-up Unternehmen. „Alle denken, jetzt nur keinen Fehler machen“, das ist es, was Hans Schöler zu dem Thema auf meine Frage nach der Bereitschaft der Stammzellforscher zu klinischen Versuchen (dies nicht off-the-record)  gesagt hat.

Es ist unbestritten: Das Feld blüht auf breiter Front und die Branche genießt das selbst am allermeisten, aber sie hat auch mächtig Angst – Angst vor dem „Gelsinger-Effekt“, dass nämlich  wie seinerzeit bei den ersten Gentherapie-Experimenten in der Klinik Menschen zu Schaden kommen.

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P.S. Corrigendum: Merci an Stephan Theiss – Versehen!