Planckton

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Die Wissenschaft ist ein ernstes Geschäft, aber gehört ihr deshalb das letzte Wort?

Evolution in Rom (II)

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Als der Herr in Nadenstreifen samt rotem Einstecktüchlein ans Mikrophon trat, muß Douglas Futuyma schon nichts Gutes geahnt haben. Futuyma, Biologe von der...

Als der Herr in Nadenstreifen samt rotem Einstecktüchlein ans Mikrophon trat, muß Douglas Futuyma schon nichts Gutes geahnt haben. Futuyma, Biologe von der State University of New York in Stony Brook hatte soeben 45 Minuten lang darüber referiert, warum man aus Sicht der vergleichenden Biologie Darwins Idee einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen mit Fug und Recht als ein Fakt bezeichnen kann, wobei er später noch mal erläuterte, was er mit „Fakt“ meint: „Etwas, für das  es derart viele Hinweise gibt, so daß wir so handeln können, als wäre es eine Gewißheit.“ Und tatsächlich hatte Futuyma keine Mühe, seine Redezeit mit solchen Hinweisen anzufüllen. Das 2004 entdeckte Fossil von Tiktaalik rosea, einer Übergangsform zwischen Fischen und Amphibien, war nur eine von vielen. 

Nun also der Herr mit dem Einstecktüchlein. Nach Futuymas Vortrag am Dienstagvormittag auf der Darwin-Tagung der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, war zu Fragen an den Referenten aufgerufen worden. Mr. Nadelstreifen aber trat mit einem mehrseitige Maunuskript ans Mikro, das er nun unerschrocken vorzulesen begann. Die Tagungsleitung reagierte ungehalten, forderte ihn mehrfach auf, endlich seine Frage zu stellen und entzog ihm schließlich das Wort, woraufhin der Gemaßregelte den Referenten schrill aufforderte, ihm doch irgendeinen Beweis dafür zu nennen, daß je eine Art aus einer anderen entstanden sei. Es gebe nämlich keinen. Statt Futuymas Vortrag anzuhören und sich über Tiktaalik rosea informieren zu lassen, hatte der Herr wohl seinen Auftritt einstudiert – oder in dem dicken Band geschmökert, den der mitgebracht hatte. Jeder Journalist in Deutschland, wenn nicht Europas, kennt ihn: den „Atlas of Creation“ der islamischen Kreationisten Harun Yahya“ war vor einiger Zeit unaufgefordert an alle Medienmitarbeiter verschickt worden, deren Dienstadressen öffentlich zugänglich sind. Allein in Deutschland müssen es viele Tausend Exeplare gewesen sein.

Nun, Kreationisten wollte man hier ja ausdrücklich nicht haben. William Kardinal Lavada, der Präfekt der Glaubenskongregation, hatte am Morgen in seinem Grußwort schon zum Ausdruck gebracht wie sehr er diese Leute leid sei, die insbesondere in seiner, Lavadas, Heimat, den Vereinigten Staaten, ihr Unwesen trieben und damit den Glauben lächerlich machen – mindestens so leid wie der Brite Richard Dawkins, der ja bekanntlich meint, Evolution würde den Atheismus beweisen.  Doch Dawkins-Anhänger outen sich hier in den nächsten Tagen vielleicht auch noch (spannend wäre es ja) und die Kreationisten ist man vielleicht auch noch nicht ganz los (Yahya-Bücher lagen auch an mindestens einer anderen Stelle im Saal).

Vielleicht aber hören sie ja auch mal zu, zum Beispiel Jeffrey Feder von der University of Notre Dame, der im letzten Vortrag des Tages einen Trick anwandte, um die nach dem Vortrag der amerikanischen Biologin Lynn Margulis etwas erschöpfte Zuhörerschaft in der Magna Aula zu halten. Feder hatte seinen Vortrag „The Mystery of Speciation“ (das Rätsel der Artenenstehung) betitelt – nur um gleich zu verkünden: „das Rätsel ist heute praktisch gelöst“. Es folgte eine packende Schilderung der verschiedenen Weisen, wie neue Arten entstehen. Die Geschichten, die es da zu erzählen gibt, sind am Ende viel bunter und interessanter als ein schnödes Rätsel – sie erinnern an die Columbo-Krimis, bei dem man schon lange weiß, der der Mörder ist, aber mit Lust verfolgt, wie der Inspector ihm auf die Schliche kommt.

Für intellektuellen Thrill etwas anderer Art hatte schon am Morgen Simon Conway Morris aus Cambridge gesorgt. Dessen These, die Evolution würde auf einem anderen Planeten mit erdähnlichen Bedingungen auch ganz ähnliche Körperformen hervorbringen, wurde an diesem ersten Tag von allem Vorgetragenen wohl am intensivsten diskutiert. Daß auch bei einer streng darwinistischen Argumentation hier die Grenzen, welche die Umwelt dem Raum der evolutionären Anpassungen setzt, so eng sein könnten, daß so etwas wie der Mensch eben kein Zufall ist, daran haben auch viele Forscher noch zu kauen, war doch Stephen Jay Gould, dessen Werk die aktuelle Generation der Evolutionsbiologen nachhaltig beeinflußt hat, doch so ganz anderer Ansicht gewesen.

Dabei gehört Gould-bashing heute unter Evolutionsforschern zum Guten Ton. „Ich wundere manchmal, wie heftig Gould seit seinem Tod 2002 kritisiert wird“, sagt der Wissenschaftsphilosoph Jean Gayon von der Universität Paris 1 in seinem brillanten Vortrag über die Frage, ob es nach Darwin eine Kontinuität des Darwinismus gegeben habe. Sie gab es, so Gayon, aber nur in Gestalt eines Satzes heuristischer Postulate, welche „die möglichen theoretischen Entscheidungen der Evolutionsbiologen und Paläontologen eingeschränkt und kanalisiert“ hätten. Bei der Frage aber, was Darwinismus denn nun sei, habe man seither immer geschwankt – und Gayons Paradebeispiel dafür ist Gould: In einer Veröffentlichung von 1980 habe Gould den Darwinismus für „tot“ erklärt, in dem in seinem Todesjahr erschienenen über tausendseitigen opus magnum „The Structure of Evolutionary Theory“ dagegen, schreibt er, der Darwinismus sei weder „ausgeweitet“ (extended) noch „ersetzt“, sondern sei „ausgebaut“ (expanded) worden. Man kann das als Wortglauberei abtun, kann es aber auch als Zeichen dafür werten, wie dynamisch ein Forschungszweig ist, der vor lauter neuen Daten und Erkenntnissen noch zu keiner konsistenten Selbstbeschreibung gefunden hat. (Fortsetzung folgt)


8 Lesermeinungen

  1. Es würde keinen Widerspruch...
    Es würde keinen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben geben, wenn die Wissenschaftler bei der Wissenschaft bleiben würden und aus ihren Forschungsergebnissen keine unzulässigen Schlussfolgerungen zögen.
    Die Wissenschaft hat sich entschieden sich nur mit dem Mess- und Wägbaren zu befassen. Also soll sie dabei bleiben.
    Die Wirklichkeit ist aber umfassender. Deshalb können wirkliche Theorien, wie zum Beispiel über die Entstehung des Kosmos, des physischen Lebens oder der Evolution nicht auf naturwissenschaftlicher Grundlage gebildet werden.
    Der Glaube ist eine Vorstufe des Wissens. Allerdings eines Wissens über die Welten, die Voraussetzung für den physischen Kosmos sind.
    Hat man Wissen, so ist dieses – wenn die einzelnen Elemente des Wissen in logischen Zusammenhang gebracht werden – Wissenschaft. Geisteswissenschaft, Metaphysik oder wie immer man sie nennen mag.
    Im Zusammenhang dieses Wissens mit dem Wissen der Naturwissenschaft ergibt sich ganzheitliches, oder interdisziplinäres Wissen.
    Was nun die Evolution betrifft, so kann aus der interdisziplinären Wissenschaft mit Sicherheit gesagt werden, dass alle Theorien der Evolution, die materielle Faktoren annehmen, definitiv f a l s c h sind.
    Der Kampf ums Dasein, Selektion und Auslese haben nicht unmittelbar mit dem Werden der Lebewesen zu tun, sondern sind eine F o l g e des Vorhandenseins der Lebewesen.
    Die Welten, einschließlich der physischen sind dadurch entstanden, dass das Ewige auf sich selbst reflektierte. Die Selbstreflektion des Ewigen fand im Menschen seinen Abschluss. Deshalb geht die Evolution nur weiter, wenn sich der Mensch seines wahren, d.h. ewigen Wesens, bewusst wird.
    Geschieht das nicht, gibt es nur noch Niedergang, wie die ökologischen und gesellschaftlichen Verhältnisse beweisen.
    Näheres zum Fortgang der Evolution hier: …

  2. @NewAaron
    leider hab ich mich...

    @NewAaron
    leider hab ich mich verleiten lassen den link ihres postes anzuklickenn um zu erfahren wie die Evolution weitergeht…
    kein Bezug auf den aktuellen Forschungstand, keine Fakten-Diskussions, wilde Quellenzitate – selten hab ich so ein „Geschwurbel“ gelesen.
    Den Inhalt des verlinkten Seventastic als einen Beitrag zur Diskussion um die Evolution aufzuwerten wäre achtlos gegenüber den Menschen, die sich mit dem Themenkomplex auseinandergesetzt haben.

  3. @NewAaron
    wie wäre es, wenn...

    @NewAaron
    wie wäre es, wenn Sie sich, anstatt hier haltlose Aussagen zu posten und wilde Schlussfolgerungen zu formulieren, mal tatsächlich mit der Evolutionstheorie auseinandersetzen und zumindest versuchen würden die wissenschaftlichen Ergebnisse zu verstehen?

  4. Es ist schon recht unverfroren...
    Es ist schon recht unverfroren zu behaupten, die Rätsel über die Entstehung der Arten sei heute bereits gelöst. Nichts kann mit einer materialistischen Evolutionstheorie begriffen werden!
    Die materialistische Evolutionstheorie ist schon aus erkenntnistheoretischen Gründen abzulehnen, da sie einen weltanschaulichen Anspruch erhebt, der sich niemals aus einer Beschränkung des wissenschaftlichen Forschens auf das Meß- und Wägbare ergeben kann. Die heutige Evolutionstheorie ist nicht Wissenschaft sondern Ideologie.
    Der Geist hat das Primat. Deshalb kann nur das Verständnis des Geistes auch das Verständnis für die Entstehung der Lebensformen eröffnen.
    Hier ein kurzer Überblick, wie die Evolution sich wirklich vollzog und wie sie weitergeht:

  5. Fantastisch!

    Das sieht ja so...
    Fantastisch!
    Das sieht ja so aus als bräuchte die Kirche nicht mehr hunderte von Jahren für die Anerkennung fundierter wissenschaftlicher Theorien! Tut wirklich gut nach dem Theater um die Pius-Fundamentalisten… Johannes Paul II hatte sich ja auch schon einmal positiv geäussert über die Evolutionstheorie.
    Bitte ausführlich darüber berichten, das ist Zeitgeschichte LIVE…!
    PS: Darwin hat den Ruhm nicht allein verdient, im Gegenteil…Mein Held ist A.R.Wallace, der sich als brillianter Denker auch der Front im Urwald bewähren musste, und sich um seine Forschungsobjekte und die finanziellen Mittel selbst kümmerte, im Gegensatz zu Darwin….

  6. gefilmt wurde, ob aber fürs...
    gefilmt wurde, ob aber fürs Internet? Werde mal fragen

  7. Werden die Vorträge gefilmt...
    Werden die Vorträge gefilmt und ins Internet gestellt? Auf der Hompage der Tagung gibts die Zusammenfassungen der Vorträge als .

  8. Die Entstehung der Arten...
    Die Entstehung der Arten praktisch gelöst? Da ist der Gute Anwärter auf praktisch jeden naturwissenschaftlichen Nobelpreis und hat für sein Leben ausgesorgt. Wo hat man nur so intulektuelle Knallköpfe her? Da beschwert mak sich über die Kreationsiten, bietet aber selber nur pseudowissenschaftlichen Humbug. Wer´s glaubt.

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