Medienwirtschaft

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Zeitschriften, Fernsehen, Internet: Wie sich die Welt der Medien dreht

Merkel auf den Zeitschriftentagen: Verlage wollen die Hilfe der Politik im digitalen Wettbewerb

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht den Medienunternehmen teilweise Hoffnung. "Ich bin überzeugt, dass die Art der Mediennutzung die Gesellschaft ändert."

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht den Medienunternehmen teilweise Hoffnung. „Ich bin überzeugt, dass die Art der Mediennutzung die Gesellschaft ändert.“

Fast unbemerkt kommt Kanzlerin Angela Merkel in den Saal. Viele Verlagsmanager stehen noch in der ersten Reihe zusammen, sie reden miteinander. Merkel geht mit Gastgeber Hubert Burda, dem Präsidenten des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ, und ihrem Tross durch die Reihen. Erst als sie in der Mitte stehen, kommt begrüßender Applaus.

Auch fast unbemerkt finden sich die Verlagsmanager im digitalen Markt als kleine Spieler wieder. Jedenfalls blicken sie im Internet jetzt zu riesigen Mächten hoch, zu Facebook, Apple und Google. Vor zehn Jahren war er noch ein großer Bewunderer von Google und deren Page-Rank-Wunderkammer: „Ich konnte alles finden, was ich wollte“, sagt Hubert Burda, Verleger von Hubert Burda Media. Auf den Zeitschriftentagen des VDZ in Berlin fordert er jetzt Hilfen der Politik, um Chancengleichheit mit den amerikanischen Internetkonzernen zu erreichen.

„Wer sich auf den Wettbewerb nicht einlässt, ist eines Tages auch nicht mehr flexibel genug“, sagt die Kanzlerin als Anwort auf Burda. Sie macht den Verlagen Hoffnung, auch wenn sie nicht alle Forderungen erfüllt. „Es ist unsere Absicht, das Leistungsschutzrecht für Presseverleger zu verabschieden“, verspricht Merkel und warnt zugleich: „Aber ich sage Ihnen zu, das wird nicht alle Probleme lösen.“ Sie weist darauf hin, dass im Bundestag viele Abgeordnete jegliche Einschnitte für das Internet ablehnen, wie es das Leistungsschutzrecht vorsieht.

Keine Straßenverkehrsordnung – aber Schutz für das Grosso

Beim Kartellrecht verspricht Merkel, dass Übernahmen im Pressemarkt erleichtert werden. Im Streit um die Expansion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet forderte Merkel, dass ARD und ZDF im Netz ihre Textangebote reduzieren sollen. Burda hatte zudem eine Straßenverkehrsordnung fürs Internet angeregt. Dies lehnt Merkel ab. „Eine Straßenverkehrsordnung für die Medienwelt kann nur für Deutschland nicht erstellt werden“, sagt sie. Google weist die Kritik Burdas an sich zurück.

Die Kanzlerin nutzte ihre Rede vor den Verlegern für eine deutliche Ansage – zum deutschen Pressevertriebsnetz, in dem neutrale Großhändler die Publikationen der Verlage an den Einzelhandel liefern. „Das Grosso-System muss erhalten bleiben“, verspricht sie. „Falls gerichtliche Auseinandersetzungen dazu führen, dass das Grosso-System gefährdet ist, sage ich Ihnen zu, dass wir entsprechend handeln werden.“ Der Hamburger Bauer-Verlag hat den Branchenkonsens über dieses Vertriebsnetz verlassen und klagt gerade vor dem Landgericht Köln gegen den Grosso-Verband und dessen Verhandlungsmandat.

Für die Pressegrossisten bedeuten Merkels Worte eine kräftige Rückendeckung. „Das ist ein wichtiges Signal, sich vor der Gerichtsverhandlung zu verständigen und weiter auf privatwirtschaftliche Regelung zu setzen“, sagt Kai-Christian Albrecht, Geschäftsführer des Grosso-Verbands.

Auch die Verlage begrüßen den Einsatz der Politik. „Frau Merkel hat in Richtung Bauer gesprochen, dass durch eine Einigung eine gesetzliche Regelung noch verhindert werden kann“, sagt Ludwig von Jagow, Geschäftsführer Vertrieb im VDZ. Manfred Braun, Zeitschriftenchef der WAZ-Gruppe, sieht den Konflikt weiter mit Sorgen. „Ich hoffe, dass die Kontrahenten sich vor der nächsten Verhandlung einigen“, sagt der ehemalige Bauer-Manager.

Merkel zählt sich zu den digitalen Migranten

Der Medienwandel zeigt sich selbst in der Gestaltung der Bühne. Als Angela Merkel nach vorne geht, blickt sie auf ein riesiges iPad, jenen Tabletcomputers von Apple, der den Markt der digitalen Zeitschriften vorantreibt. Darin sind aber keine Apps abgebildet, sondern die vollen Zeitschriftenregale eines Kiosks. Noch immer leben die Zeitschriftenverlage vor allem von den Vertriebs- und Anzeigenerlösen. Im Abschwung 2009 haben viele Verleger Kosten gekürzt und Mitarbeiter entlassen. Jetzt haben die Gesamtauflagen ein wenig zugelegt, der Umsatz wird 2011 leicht auf 7 Milliarden Euro steigen. „Dem Zeitschriftenmarkt geht es besser“, sagt Bernd Buchholz, Vorstandsvorsitzender von Gruner+Jahr. Aber er fürchtet, dass 2012 die Konjunktur zurückgeht und damit wieder Anzeigen verschwänden. Mit den meisten Internetangeboten wird Gruner+Jahr im kommenden Jahr schwarze Zahlen schreiben. „Viele werden erstmals in die Gewinnzone kommen“, sagt er.

Während das Internet für die Verlage der große Wachstumsmotor ist, beeinflusst es das Leben aller. „Ich bin überzeugt, dass die Art der Mediennutzung die Gesellschaft verändert“, sagt Merkel vor dem Riesen-iPad. Der Graben zwischen Digital Natives und Digital Migrants jedenfalls wächst. Sich selbst zählt Merkel dabei zu den digitalen Migranten. Wo sie die deutschen Verleger einordnet, hat sie aber nicht gesagt.

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