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Volksbühne ALT - Filmfestival- seventastic.info
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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Volksbühne ALT

Wandtäfelung aus edlem Holz ist nicht von vornherein ein Indiz für Stalinismus. Wenn aber ein Film, der an die Berliner Volksbühne unter Frank Castorf erinnert, im Kino International an der nunmehrigen Karl-Marx-Allee (vormals Stalinallee) stattfindet, dann hat das zumindest was mit Retro-Appeal zu tun. Denn in der Volksbühne, das Haus, dem die kulturell notorisch unbedarfte Berliner Politik die Signation OST geraubt hat, herrscht ja neuerdings Eventkultur. Heute Abend gibt es dort die Premiere eines Theaterabends von Albert Serra. An den spanischen Filmemacher habe ich eine ganz besonders Erinnerung: Ich hatte einmal ein einstündiges Interview mit ihm, bei dem ich gerade einmal eine einzige Frage stellen konnte, die erste, die reichte dann auch schon. Der Rest war pure Eloquenz gepaart mit Intelligenz und eine erträgliche Dosis modischer Jargon.

Die Volksbühne (statt OST lies nunmehr: ALT) gibt es also nur mehr im Ausweichquartier. Am Mittwochabend hatte im International der Dokumentarfilm „“ (Panorama) Premiere. Man könnte von einer Hommage sprechen, und zwar ganz wörtlich: 25 Jahre Theaterpraxis werden hier vor allem einem Mann zugeschrieben, dem Regisseur und Intendanten Frank Castorf, der dann auch nicht den Fehler beging, sich persönlich blicken zu lassen. Als der große Abwesende bei der Premiere hatte er viel mehr Wirkung, zumal dann auch noch verlautete, er wäre in Zürich und hätte einen Spieleabend mit seinem siebenjährigen Sohn. Theaterfamilien sind häufig auch Patchwork-Familien und verteilen ihre Spieleabende auf die Städte mit den ersten Bühnen deutscher Zunge.

Das Publikum im International war begeisterungsbereit. Vermutlich ging es vielen so wie meinem Begleiter, einem zugezogenen Berliner, der seine Zeit in Berlin auch in etwa mit den Volksbühnen-Phasen und mit den großen Inszenierungen der Castorf-Ära periodisiert. Das muss eine Institution tatsächlich erst mal schaffen, dass sie so etwas wie einen zweiten Kalender für ein ganzes Milieu erstellt: „Ja, das war der Winter in dem ich mich in X verliebte, und in dem Schlingensief sein Rosebud-Stück machte.“ Der früh verstorbene Christoph Schlingensief kommt in „Partisan“ allerdings arg zu kurz, der Film ist aber mit 131 Minuten sowieso nur ein Exzerpt, es gäbes zweifellos noch viel mehr zu hören und zu sehen aus diesen 25 Jahren, und so fiel auch in der Diskussion nach der Vorführung mehrfach das Wort „Bonusmaterial“. Der lokale Fernsehsender RBB, der als Produzent beteiligt ist, könnte aber auch einfach einmal eine sechs- oder siebeneinhalbstündige Fassung von „Partisan“ nachts versenden. Die Quoten wären sicher beachtlich. Und länger als eine durchschnittliche Castorf-Inszenierung der späten Phase wäre so eine „extended version“ auch nicht.

Die besten Momente in „Partisan“ hat wieder einmal Sophie Rois. Sie blieb am längsten bei Castorf, sie hielt auch durch, als die Medien dem Haus längst Routine und Altechwäche unterstellten. Wie sie da jetzt noch einmal auf dem Sofa vor der stalinistisch getäfelten Wand sitzt und ihre Sicht der Dinge herausfaucht, das brachte ihr mehrfach Szenenapplaus ein. Martin Wuttke hatte seine beste Reibeisenstimme auf das Sofa mitgebracht, und ließ echte Traurigkeit erkennen, weil er künftig seine „latente Asozialität“ ohne Familienanschluss aushalten muss. Das Kino International ist schon ein passabler Ausweichort, eine Kantine in dem Sinn gibt es dort aber nicht.

Die Premierenparty zu „Partisan“ ließen wir aus. Die letzten Tage der Berlinale bringen noch die eine oder andere Herausforderung. Zum Beispiel heute Abend den chinesischen Film „An Elephant Sitting Still“. Der dauert vier Stunden, und ist von dem Umstand überschattet, dass der Regisseur Hu Bo sich nach der Fertigstellung das Leben genommen hat. Er war 29 Jahre alt. Der Film „ist hoffnungs-, aber nicht trostlos“, schrieb mir jemand, auf dessen Urteil ich da vertraue. Ich werde also wohl heute Abend ins Delphi fahren, und damit auch noch einmal einem Motto huldigen, das Henry Hübchen gestern für das Publikum der Volksbühne ALT ausgab: Nur nach Hause gehn wir nicht. Das ist zwar in dieser Formulierung ein Schlager von Frank Zander, den die Fans von Hertha BSC singen (dem Fußballclub aus Berlin WEST, dem ich auch anhänge), geht als Devise aber weit darüber hinaus. Und gilt besonders auch für Filmfestivals: auch hier kann immer noch ein spätes Tor fallen.