Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Rot liegt in der Luft

Der Schauspieler Ewan McGregor spricht leider nicht Spanisch. Das ist schade, denn er hat es aus diesem Grund versäumt, bei einer Pressekonferenz auf dem Filmfestival von San Sebastian eine wichtige Frage zu beantworten: „Meinen Sie, dass es zulässig ist, einen Film allein aufgrund des Plakats zu rezensieren.“ Die Frage kam von einem Kritiker namens Oscar Peyrou, sie wurde unzureichend übersetzt, und so antwortete McGregor nur: „Oh ja, unser Film hat ein tolles Plakat.“

Welcher Film das genau was, das lässt spanische Regisseur Octavia Guerra bewusst offen. In „Searching for Oscar“ lernen wir Oscar Peyrou als eine Art Bartleby des modernen Kinobetriebs kennen. Er möchte meistens lieber nicht, außer dekaffeinierten Kaffee und Orangensaft zum Frühstück. Peyrou reist von Festival zu Festival, er wird regelmäßig in Juries eingeladen, aber er sieht sich keine Filme an. Wenn man von ihm eine Meinung erwartet, sagt er etwas Ungefähres – und es ist erstaunlich, wie nahe er damit den Wortfetzen ist, mit denen auf Festivals das Gespräch über Filme beginnt.

Am Dienstagabend stand Peyrou dann in Berlin vor Publikum, und stellte den Film „Searching for Oscar“ vor, indem er sich verabschiedete: „It is better if I don’t appear.“ So bekam ich keine Gelegenheit, ihm die naheliegende Frage zu stellen: „Sind Sie denn auch bei der Berlinale akkreditiert, um sich dort keine Filme anzuschauen?“

Peyrou hatte seinen Auftritt (im Bild mit dem Kritiker Frederic Jaeger) nämlich auf einer Gegenveranstaltung. Die Woche der Kritik bringt in diesem Jahr zum vierten Mal das Missfallen einer Gruppen von meist jüngeren Leuten zum Ausdruck, die mit dem Kurs der Berlinale unter Dieter Kosslick nicht einverstanden sind. Das sind manche andere auch nicht, allerdings ist es ein großer Schritt von einem offenen Brief, wie ihn zahlreiche Filmemacher im vergangenen Jahr unterschrieben hatten, bis zu einer voll ausgeprägten, eigenen Mini-Gegen-Berlinale.

Am Dienstagabend lief also „Searching for Oscar“, und danach gab es eine Diskussion über „Ironie und Anarchie“. Die lief fast schon wieder ein wenig zu ordnungsgemaß, der Geist von Oscar hatte da den Raum schon wieder verlassen. Man kann seine Strategien des Entzugs ja eigentlich ganz gut als eine Reaktionsbildung auf den latenten Surrealismus sehen, von dem die habituellen Festivaliers irgendwann erfasst werden müssen: Es gibt ja nicht wenige, die ihren festen Wohnsitz nur noch der Form halber haben, de facto fliegen sie jede Woche an einen neuen Ort, schieben ihren Rollkoffer über Hotelflure, holen sich einen Badge und schlafen dann in den Filmvorführungen ein.

Die Woche der Kritik betrieb also am Dienstag auch ein wenig Institutionenkritik. Die Veranstalter legen vor allem Wert darauf, dass bei ihnen viel diskutiert wird – noch spätabends fand in einer Kneipe in Berlin Mitte eine Gesprächsrunde statt, die in bester Manier an studentische Basisgruppenarbeit erinnerte. Ich kehrte um Mitternacht dann noch einmal zur richtigen Berlinale zurück, zu einem Film im Forum. Das Forum war ja vor vielen Jahrzehnten einmal so etwas wie die Woche der Kritik, inzwischen ist es regulärer Teil der Berlinale.

Im Kino Arsenal ist der Vorhang fast noch roter als in den Hackeschen Höfen, wo die Woche der Kritik stattfindet (oder fast noch röter? jedenfalls immer zu messen an der Röte des Rots von Technicolor). Ich wollte mir die Diskussion zu „“ anhören, einem Film von Ludwig Wüst, in dem zwei Menschen, die einander zufällig begegnet sind, ein Stück Wegs gemeinsam gehen (ein wesentliches Stück, um das Entscheidende zumindest anzudeuten). Ludwig Wüst (im Bild mit Claudia Martini, der Hauptdarstellerin in „Aufbruch“) stammt aus der bayerischen Provinz, er lebt seit vielen Jahren in Wien, und zur Charakterisierung seiner Filmarbeit ist es nicht verkehrt, auf seinen Zweitberuf hinzuweisen (er selbst tut das auch immer wieder): Er ist Schreiner (in Österreich: Tischler), in „Aufbruch“ macht er ein Kreuz, das er dann mit auf den Weg nimmt.

Ich hatte den Film schon vor zwei Wochen gesehen, schlüpfte dann also nur zur Diskussion noch in den Saal, und es war sofort zu spüren, dass für, die geblieben waren, etwas Besonderes passiert war. Das Forum hat eine Weile gebraucht, um Wüst zu entdecken, es ist immerhin schon der sechste (Zählung laut Internet Movie Data Base) oder zehnte Film (Wüsts eigene Zählung), und vor allem sein „“ (2016) hätte jede Aufmerksamkeit verdient. Aber so viele Reihen und Gegenveranstaltungen kann die Berlinale gar nicht haben, dass ihr nicht immer wieder etwas entginge. Umso befriedigender, wenn sie etwas entdeckt. Das würde wohl sogar Oscar Peyrou anerkennen. Ungeschaut, wie man in Österreich sagt.