Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Die Unseren und die Anderen

Dieser Tage verbringe ich einige Zeit mit einer neuen Ersatzfamilie. Sie besteht aus Großvater Isaak, Großvater Stephan, Onkel Roman, Onkel Leopold, Tante Mara, Onkel Aron und einem Hund namens Glascha. Außerdem gibt es natürlich noch Mutter und Vater, aber die spricht man als Kind ja selten mit dem Vornamen an. Und ich gehöre zu dieser Familie nur als Leser, also steht es mir schon gar nicht zu, mich da groß einzumischen. Es ist die Familie von Sergej Dowlatow, dessen Buch „Die Unseren. Ein russisches Familienalbum“ ich auf meinen Wegen durch die Berlinale in der Tasche habe.

Ich muss gestehen, ich wusste von Dowlatow nichts, aber jetzt gibt es einen Film über ihn, der noch dazu im Wettbewerb läuft: „“ von Alexey German Jr. Ein Porträt der St. Petersburger Literaturszene der 70er Jahre, als die Sowjetunion unter Generalsekretär Leonid Breschnew wieder einmal ein Tauwetter durch ein Gefrierwetter ersetzte. Den Film, in den ich einige Zeit vor Festivalbeginn schon einmal hineinschauen durfte, fand ich so interessant, dass ich dann auch noch auf das Angebot einging, eines Morgens bei Alexey German Jr. in Moskau anzurufen. Er saß am (von mir aus gesehen) rechten Rand des Videobilds, hustete stark, und erklärte mir, warum ich von Dowlatow nichts gewusst hatte: „Der Westen weiß überhaupt nichts von Russland.“

Diesem Missstand versuche ich zwar, ab und zu in bescheidenem Maß durch Lektüre und durch Filme abzuhelfen (bedeutende stammen übrigens von Alexey German dem Älteren, dem Vater des Regisseurs von „Dovlatov“, der mit dem Schriftsteller die eine oder andere Verbotserfahrung teilte). Aber ich maße mir deswegen nicht an, etwas über Russland zu „wissen“. In der gegenwärtigen Situation, in der die EU darüber nachdenkt, was man gegen Propagandafernsehen und Trollfabriken tun kann, hat „Dovlatov“ sowieso ein bisschen den Charakter eines Kassibers, das bei der Berlinale im kleinen Kreis der alternativen Öffentlichkeit des Weltkinos herumgereicht wird.

Das „Russische Familienalbum“ von Sergej Dowlatow endet übrigens sehr traurig, weil es mit einem Moment des Glücks endet. Das letzte Kapitel ist Kolja gewidmet, dem Sohn, der schon im amerikanischen Exil zur Welt kam. Wenn man dieses hoffnungsvolle Ende liest, und da schon weiß, dass Sergej Dowlatow nur wenige Jahre später im Alter von nicht einmal 50 Jahren starb, dann könnte man wieder einmal ein bisschen an dieser Welt verzweifeln. Dagegen hilft wohl nur der gewitzte Fatalismus, der in „Die Unseren“ kultiviert wird.

Für den Sonntagnachmittag auf der Berlinale schlage ich einen Film vor, der ebenfalls von Exil erzählt, allerdings in einem ganz anderen Kontext: „“ von Adamu Halilu führt in den Norden Nigerias im 19. Jahrhundert, und weil es sich hier um die Restaurierung eines nigerianischen Klassikers handelt, führt der Film auch in die Mitte der 70er Jahre (also auch in die Zeit, in der „Dovlatov“ spielt). Im weiteren Sinne könnte man sagen, dass man hier das Territorium betritt, in dem heute Boko Haram einen grausamen Islam durchzusetzen versuchen. „Shaihu Umar“ vertritt im Vergleich dazu einen duldsamen Islam: Allah wird es schon richten.

Ein allseits geschätzer Imam erzählt hier seine Lebensgeschichte, in der man mit Absicht die größere Geschichte der Beziehungen zwischen Nordafrika und „Schwarzafrika“ gespiegelt sehen kann: Die islamische Hochkultur mit ihrem intensiven Textstudium und einem durch den Scheich Umar verkörperten Humanismus ist nämlich Teil einer prosperierenden Ökonomie, die vor allem vom Sklavenhandel lebt. Es ist die klassische Geschichte eines Hochbegabten, dem es gelingt, seinem Schicksal durch Bildung zu entkommen.

„Shaihu Umar“ beruht auf einer Erzählung von Abubakar Tafawa Balewa, der im Hauptberuf Politiker war, und zwar kein unwichtiger: er war mehr als zehn Jahre lang Ministerpräsident von Nigeria. Im Vergleich wäre das also ungefähr so, als ob Konrad Adenauer eine Erzählung über einen jungen Mann geschrieben hätte, der nach 1871 in Frankreich zum eminenten Intellektuellen geworden wäre, nur um nach seiner Rückkehr nach Deutschland den Völkerfrieden zu predigen. Und Volker Schlöndorff hätte das dann verfilmen müssen (wobei ich jetzt hoffe, Adamu Halilu, mit dessen Werk ich mich ernst noch weiter beschäftigen muss, mit diesem Vergleich kein Unrecht zu tun).

Die Restaurierung des Films erfolgte mit deutschen Mitteln durch das Arsenal – Institut für Film und Videokunst in Berlin. Vermutlich kann man das sogar als Fluchtursachenbekämpfungsergänzungsmaßnahme sehen, ästhetisch und politisch und filmhistorisch macht die Sache in jedem Fall Sinn, auch wenn „Shaihu Umaru“ nicht frei ist von Momenten unfreiwilliger Komik. Aber so ist das halt mit dem Austausch zwischen Kulturen, die immer viel zu wenig voneinander wissen.