Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Hundefutter

© Jörg Carstensen/dpaAnke Engelke und Dieter Kosslick bei der Berlinale-Eröffnung

Weil die Filmwelt meistens Englisch spricht, die Berlinale zur Eröffnung aber vorwiegend Deutsch, kam es am Donnerstagabend im Musical-Palast neben der Spielbank am Marlene-Dietrich-Platz zu einem kleinen Missverständnis: „The jokes are obviously fantastic“, beklagte Dame Helen Mirren, dass sie den Witzen von Anke Angelke gleichsam auf Verdacht applaudieren musste. Das Kompliment war vielleicht auch vergiftet, man weiß das ja nie so genau bei den Menschen, die mit der Muttersprache des Sarkasmus aufgewachsen sind. Und gibt es ein ambivalenteres Wort als „obviously“?

Für Menschen deutscher Zunge waren die Witze „offenkundig“ nicht ganz so beeindruckend. Oder was soll man von der Idee halten, dass Lars von Trier einen Hund (einen dog) namens Dogma haben könnte? Kleiner filmhistorischer Hinweis: der dänische Generalverstörer des Kinos gehörte vor langer Zeit einmal zu den Unterzeichnern eines ästhetischen Reformmanifests, das den Titel Dogma 95 trug und obviously nicht ganz wörtlich zu nehmen war – jedenfalls gibt es heute keine Kurienkommission, die über die Reinheit der skandinavischen Lehre von den korrekten Glühbirnen wacht, und die Infallibilität des ersten Takes wurde auch nicht auf alle Zeiten festgeschrieben. In Zeiten von #metoo könnte man sich fragen: Was hätte Eugen Gomringer aus dem Dogma-Witz gemacht?

Anke Engelke trug zur Eröffnung der 68. Berlinale eine Frisur, die aussah, als hätte man einen Fußballer einmal durch einen wunderbaren Waschsalon geschickt. Das übliche Dilemma, dass ein Filmfestival viele internationale Gäste hat, löste sie dieses Mal konsequent in Richtung Berliner Schnauze auf: „You sound like a praline.“ Das galt einer Dame mit einem schön klingenden Namen, die nicht näher darüber Auskunft geben musste, wie gut sie die Witze verstand.

Die Wahl des Eröffnungsfilms brachte es mit sich, dass eine ganze Reihe von Stars erschienen waren, die dann auf der Leinwand nur zu hören waren: „Isle of Dogs“ von ist ja ein Animationskunstwerk (und kein kleines), die künstlerische Gesamtleitung hat Wes Anderson, der sich gern mit einer Großfamilie von Nerds umgibt. Aus dieser Familie waren eine ganze Reihe von Mitgliedern und Neuadoptionen erschienen: zuallererst natürlich Bill Murray, der inzwischen wirklich legendär verstreunt aussieht, weiter rechts dann die Buddies Jason Schwartzman und Roman Coppola, links Jeff Goldblum, Bryan Cranston und Gerta Gerwig. Scarlett Johansson war nicht erschienen, ihr Timbre hätte dem Abend gut getan.

Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, verwechselte die Berlinale dann kurzfristig mit einer Trade Show (die das Festival ja auch ist, allerdings nicht unbedingt am Eröffnungsabend). Er machte Standortwerbung für eine Stadt, die das eigentlich gar nicht nötig hat, und schon gar nicht auf die biedere Weise, mit der Müller eine Statistik hinausposaunte: 5000 Drehtage gab es 2017 in Berlin. Wäre natürlich jetzt interessant, wie viele davon allein auf 4 Blocks in Neukölln und eine Kulissenstraße in Babelsberg entfallen, in denen das Image von Berlin gerade neu in Serie geht.

Man kann es aber auf jeden Fall dem Filmstandort Deutschland zu Gute halten, dass es gelungen ist, Wes Anderson (der den Großteil seiner Arbeit in London verrichtet) stark mit der Berlinale zu assoziieren – er ist zweifellos eine der größten Begabungen des Gegenwartskinos, und mit „Isle of Dogs“ hat er jetzt einen antipopulistischen Film gemacht, der auch von einer Globalisierung der Stile erzählt: ein junger Mann aus Texas, der in New York zum Künstler wird, lässt alle seine japanischen Phasen Revue passieren. Die Witze sind dabei offenkundig fantastisch, allerdings muss man den Film wohl ein paar Mal sehen, um auch alle mitzukriegen.

Dafür wird dann nach der Berlinale Gelegenheit sein, jetzt geht es erst mal los mit dem 3oosomething Filmen. Ich gehe in das Festival mit einem Song im Ohr: vor ein paar Tagen gab es schon Gelegenheit, sich „11×14“ von James Benning anzusehen, die restaurierte Fassung eines Frühwerks von dem amerikanischen Meister des strukturellen Films. In „11×14“ läuft „Black Diamond Bay“ von Bob Dylan zweimal komplett durch (zu zwei höchst unterschiedlichen Szenen, einmal sieht man acht Minuten nur einen rauchenden Schlot). Seither werde ich diese Nummer nicht mehr los.

Die Pressekonferenz zu „Isle of Dogs“ kann man sich ansehen.