Fazblog http://blogs.faz.net/ Fazblog - Blogs der FAZ Tue, 21 Aug 2018 10:00:59 +0200 de-DE hourly 1 Nicht die Mama! http://blogs.faz.net/schlaflos/?p=334 http://blogs.faz.net/schlaflos/?p=334#comments Tue, 21 Aug 2018 10:00:29 +0200 Martin Benninghoff http://blogs.faz.net/schlaflos/2018/08/21/nicht-die-mama-334/ Wenn das Kind erst zögerlich sprechen lernt, nicht verzagen: Es kommt schon noch. Und dann werden Sie sich nach den Zeiten zurücksehnen, in denen es keine Familiengeheimnisse ausplauderte. Mehr

von Martin Benninghoff erschienen in Schlaflos ein Blog von FAZ.NET.

Schlaflos

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Nicht die Mama! Wenn das Baby sprechen lernt, kommen nicht alle Familienmitglieder gut weg.[/caption] Wann sollte mein Kind sprechen können? Pädagogen halten den Ball flach und sagen meist, bis zum zweiten Lebensjahr sei fast jedes Tempo in der Entwicklung normal. Einzelne Wörter oder Zwei-Wort-Sätze, je nach der Zeit, die sich ein Kind lässt, je nach Geschlecht. Jungs brauchen nach landläufiger Meinung und wohl auch nach wissenschaftlicher Ansicht etwas länger als Mädchen (hier gibt es allerdings verschiedene Ansichten, wie gravierend die Unterschiede sind). Ruhig Blut also! Bei Elias habe ich mir irgendwann schon ein paar kritische Gedanken gemacht, ob sein Tempo stimmt. Junge hin, Junge her. Wir sprachen viel mit ihm, lasen ihm vor. Er hatte zwar für sein Alter ein umfangreiches passives Wortverständnis: Wenn man ihn bat, holte er einem den Spielzeughammer. Oder er schaltete die Stereoanlage alle dreißig Sekunden aus, worum ich ihn allerdings nie gebeten hatte, wirklich nicht. Aber aktiv sprechen? Das wollte er nur sparsam und mit wenigen Wörtern. In der Lall-Phase der ersten Lebensmonate bezeichnete er seine Umgebung mit speziellen Wortkreationen, die bis heute nicht im Duden stehen, aber trotzdem von den Eingeweihten, also von uns, verstanden wurden. Als wir beispielsweise auf Reisen mit Wohnmobil waren, weckten uns morgens gelegentlich irgendwelche Krähen, die vor dem Autofenster einen unglaublichen Tumult veranstalteten. Elias war sofort fit und wach – und begrüßte uns und die schwarzen Vögel mit seinem eigens adaptierten Krähensound. Zurück in Deutschland zeigte er großes Interesse an den stets zur Unzeit gurrenden Tauben, die bräsig auf dem Dach hockten, "gurr-gurr". In einem Anflug geistiger Umnachtung imitierte ich damals die Fluggeräusche der von mir ungeliebten Tauben, etwa so: "faffaffaffaffaffaffaffaffaffa". Zu meinem Glück intoniert Elias diese Geräusche auch heute noch bei jedem Vogel, der im Tornado-Tiefflug über die Veranda stürzt. Aus den Zwei-Silben-Lauten entwickelte Elias danach das obligatorische "Mama". Wie der Name schon sagt, bezeichnet er damit in erster Linie die Mama. Allerdings in zweiter Linie und in stoischer Unbeirrbarkeit bis heute auch mich. Wenn der Kleine auf Mamas Arm ist und ich den Raum verlasse, ruft er mir "Mama, Mama" hinterher, was in meiner positiven Interpretation so viel heißt wie "Papa, bleib hier". Hoffentlich heißt es nicht: "Gut, dass Du gehst." Wie auch immer, manchmal nennt er mich "Mama" und schüttelt dabei den Kopf, sozusagen als Nemesis der Mama oder auch: "Nicht die Mama". Ist das frühkindliche Dialektik? Ganz so schmeichelhaft finde ich das nicht, und daran ist die amerikanische Disney-Serie "Die Dinos" aus den neunziger Jahren schuld. Das notorisch aufsässige Baby Sinclair bezeichnet darin seinen vertrottelten Vater Earl, einen Baumschubser, eine Art Homer Simpson der Kreide- und Jurazeit, mit hinreißender Konsequenz als "Nicht die Mama", im amerikanischen Original "not the mama", um ihn größtmöglich ins Abseits der Familie zu stellen, wo er dank der Schwiegermutter sowieso schon steht. Wirklich persönlich nehme ich das natürlich nicht, im Gegenteil: Wie mir meine Frau, gelernte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, versichert, zeigt sich darin nur die Tatsache, dass Elias uns als Einheit begreift, die zusammengehört und seine kleine Welt stabilisiert. Also doch Dialektik mit Mama-These und Papa-Antithese, die er in seine eigene, die Welt stabilisierende Synthese überführt. Die Ausdifferenzierung dieser kuscheligen kleinen Behaglichkeit ist ja in vollem Gange, und manchmal verplappert er sich jetzt und sagt "Papa". Aber es wirkt jedes Mal so, als hätte er sich versprochen. Wenn ich ihm mit dem Wort "Papa" komme, schaut er mich mit großen Augen an und nutzt die nächste Gelegenheit, vom Thema abzulenken, indem er nach draußen zeigt: "Faffaffaffaffaffaffaffaffa". Mittlerweile explodiert seine Sprachentwicklung. Alles und jedes wird bezeichnet, und sei es auch nur der schnöde Kamin am Nachbarhaus. "Min Min", sagt er dann, und ich weiß kaum, was ich sagen soll, außer: "Ja, Min, äh Ka-Min. Genau, Kamin!" In unserer Wohnung möchte er derzeit gefühlte hundert Mal am Tag die Treppe hochsteigen. Da ich meistens eher unwillig bin, schiebt er mich mit erstaunlicher Vehemenz vom Gartenstuhl und in Richtung der Treppe, während er im Brustton kleinkindlicher Überzeugungskraft "hoben, hoben" sagt, eine Mischung aus "hoch" und oben". Meines Wissens nach auch ein Begriff, der es bislang nicht in den Duden geschafft hat. Allerdings ist das eine gefährliche Zeit. Für meine Frau und mich. Nachdem wir neulich ein paar Tage im Urlaub waren, wo man eben abends nochmal irgendwo im Landgasthaus essen geht, sagt Elias zu jedem gefärbten Getränk, egal ob Cola, Apfelsaft oder Wein, "Bier". Alles ist ihm "Bier", selbst Bier ist "Bier" bei ihm, was ja an sich beruhigend ist. Allerdings ließe der Fokus auf Alkohol tief in unsere privaten Gewohnheiten blicken, wenn es denn stimmen würde. Trotzdem fühlt man sich ertappt, wenn er das bei der Tagesmutter permanent zum Besten gibt. Schlimmer aber als das in unserer Kultur allseits anerkannte Rauschgetränk Bier sind die Begriffe, die einem zuhause mal eben herausrutschen, und die ich hier schriftlich nicht wiedergeben will. Die plappert Elias furchtbar gerne nach, so dass ich mich künftig dringend am Riemen reißen muss. Das dürfte allerdings ein auswegloses Unterfangen sein, und ich kapituliere schon in dem Moment, in dem ich diesen Satz hier aufschreibe. Jedenfalls sind wir mittlerweile sehr entspannt, was die Sprachentwicklung angeht. Die Dinge, die man beherzigen sollte, um den Prozess zu unterstützen, tun wir meistens sowieso: viel sprechen mit dem Kind, auch beim Wickeln erzählen, benennen und erwidern, dem Kind zuhören, Bücher vorlesen und auch mal ein Lied vorsingen, denn mit Sprachmelodie geht vieles leichter. Der Rest kommt dann hoffentlich von selbst. Vielleicht sogar das Wort "Papa". Eines Tages. Bald. Wenn ihn die Tauben nicht mehr interessieren. "Faffaffaffaffaffaffaffaffa".

von <a href="http://blogs.faz.net/schlaflos/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Schlaflos ein Blog von FAZ.NET.

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http://blogs.faz.net/schlaflos/2018/08/21/nicht-die-mama-334/feed/ 1
Loslassen ist so schwer http://blogs.faz.net/fazit/?p=10208 http://blogs.faz.net/fazit/?p=10208#comments Mon, 20 Aug 2018 18:45:09 +0200 Maja Brankovic http://blogs.faz.net/fazit/2018/08/20/loslassen-ist-so-schwer-10208/ Wir rücken ungern von unseren Plänen ab, obwohl es vernünftig wäre. Das haben wir mit den Ratten gemeinsam. Mehr

von Maja Brankovic erschienen in Fazit - das Wirtschaftsblog ein Blog von FAZ.NET.

Fazit - das Wirtschaftsblog

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Eine Gruppe von Freunden hat sich eine Wanderausrüstung ausgeliehen, Unterkunft und Tourguide gebucht und ist für ein Outdoor-Wochenende in die Schweizer Alpen gefahren. Voller Vorfreude machen sie sich auf die Reise, nehmen einen mehrstündigen Stau in Kauf. Doch als sie am Ziel ankommen, stellt sich alles als wenig erfreulich heraus.
Die Hütte, in der sie übernachten wollten, ist heruntergekommen. Es ist kalt und ungemütlich, und zu allem Überfluss liegt auf den Routen, die sie sich ausgeguckt hatten, Schnee. Zudem regnet es schon seit Tagen heftig und soll auch das ganze Wochenende so weitergehen. Es hätte so schön sein können. Und jetzt wünscht sich insgeheim jeder zurück nach Hause.
Und trotzdem: Als einer aus der Gruppe vorschlägt, den Kurzurlaub zu unterbrechen und wieder heimwärts zu fahren, reagieren die anderen mit Unverständnis. Sie hätten doch schon so viel Zeit und Geld investiert! Die Leihgebühr für die Ausrüstung, die Kosten für Anfahrt, Unterkunft und Guide - das alles wäre verloren. Wie sollen sich die Freunde entscheiden? Sollen sie bleiben? Oder doch lieber das Geld in den Wind schießen, nach Hause fahren und in Kauf nehmen, dass manch ein Daheimgebliebener sie für verschwenderisch hält?
Die meisten Menschen würden ihren Urlaub niemals vorzeitig abbrechen, da kann die Unterkunft oder das Wetter noch so schlecht sein. Ihr Unbehagen über den Verlust wäre einfach zu groß. Die abgeklärten Ökonomen halten dieses Verhalten für höchst irrational. Für sie ist die Sache klar: Egal, wie man sich entscheidet, das bereits investierte Geld ist weg. "Versunkene Kosten" nennen sie das Problem oder "sunk cost". Sie raten, in der Entscheidungsfindung nur die Kosten und den Nutzen zu berücksichtigen, die in der Zukunft zu erwarten sind.
Und doch weiß jeder von Glücksspielern, die ihre letzten Ersparnisse verpulvern, nur weil der größte Teil ihres Geldes schon den Bach hinuntergegangen ist. Oder von Opern-Besuchern, die sich vermeintlich tapfer durch eine ermüdende Inszenierung quälen, obwohl sie locker in der Pause fliehen und den Abend besser nutzen könnten. Aber wer einen dreistelligen Betrag in ein Ticket investiert hat, kann doch nicht einfach aufstehen und gehen. Zumal ja immer die Hoffnung besteht, dass die Aufführung nach der Pause doch noch besser wird. Und dann hätte man sich grün und blau geärgert, nicht am Ball geblieben zu sein.
Sicher, den richtigen Moment für den Absprung zu finden, ist unheimlich schwer. Wie aber lässt sich erklären, dass wir in der Regel auch dann weitermachen, wenn wir eigentlich längst wissen sollten, dass es besser wäre, zu gehen? Eine interessante Antwort auf diese Frage liefert eine neue Studie aus den Vereinigten Staaten, die gerade in der Fachzeitschrift "Science" erschienen ist.
Neurowissenschaftler der Universität Minnesota haben darin nachgewiesen, dass es nicht nur uns Menschen, sondern auch anderen Lebewesen extrem schwerfällt, einer Entscheidung den Rücken zu kehren, sobald sie Zeit und Energie investiert haben. Auch dann, wenn es offensichtlich bessere Alternativen gibt. Für sie ist die Sache klar: Unsere Hartnäckigkeit ist evolutionär bedingt.
Um dies herauszufinden, wurden 65 Studenten, 32 Ratten und ebenso viele Mäuse im Labor vor eine auf ihre Art abgestimmte Geduldsprobe gestellt: Die Nager mussten auf ihr Fressen warten, die menschlichen Probanden darauf, dass ein Video im Internet lädt. Ob Ratte oder Mensch, die getesteten Subjekte verhielten sich alle gleich: Je länger sie schon gewartet hatten, desto wahrscheinlicher war es, dass sie weiter warteten.
Das blieb auch so, als die Wissenschaftler ihnen effizientere Möglichkeiten eröffneten, um an ihr Ziel zu kommen. So wurden die Tiere zunächst durch ein erstes akustisches Signal darauf hingewiesen, dass es an einer von vier Ausgabestellen bald Essen geben werde. Nachdem sie sich entschieden hatten, zeigte ihnen ein weiteres Signal, ob sie noch lange an ausgewählter Stelle ausharren mussten. Obwohl sich die Nager auch hätten umentscheiden können, um früher an ihr Ziel zu kommen, blieben sie oft dort, wo sie sich ursprünglich positioniert hatten.
Die meisten Studenten verhielten sich ähnlich wie die Tiere. Je mehr Zeit sie schon in ein Video investiert hatten, desto seltener brachen sie ab - selbst dann, wenn ihnen die Option gegeben wurde, es über einen vielversprechenderen Kanal zu versuchen. Und nicht nur das: Je länger es dauerte, bis die Probanden ans Ziel kamen, desto wertvoller wurde die "Belohnung" für sie. Darum gebeten, die Videos nach dem Schauen auf einer Skala von eins bis fünf zu bewerten, gaben die Testpersonen in der Regel jenen Filmchen die meisten Punkte, auf die sie am hartnäckigsten gewartet hatten.
Was heißt das jetzt für uns? Dass wir nicht klüger sind als Ratten und Mäuse? Oder dass wir einfach nicht aus unserer Haut können, wenn doch alles biologische Ursachen hat? Das Urteil der Forscher fällt milder aus: Sie führen unser Verhalten auf die einfache Tatsache zurück, dass die Zukunft nun mal nicht vorhersehbar ist. Und weil wir nicht die Mittel haben, die Konsequenzen unseres Handelns ganzheitlich zu erfassen, sind wir schlicht dazu gezwungen, auf unsere eigenen Zukunftsprognosen zu wetten.
Dass wir uns in der Folge systematisch an bereits investierter Zeit und Energie (und Geld) orientieren, könnte nach Auffassung der Autoren eine Art Selbstschutz sein. Sie erkennen darin den Versuch, uns selbst über unsere Entscheidungen Zuversicht zu spendieren. Damit wir nicht ständig vor uns selbst unser Gesicht verlieren. Warum wir ausgerechnet die Belohnungen, die wir uns nach einem besonders irrationalen Verhalten erkämpfen, als besonders wertvoll empfinden, liegt für sie ebenfalls auf der Hand: Dies sei ein Weg, kostspielige Entscheidungen im Nachhinein zu rationalisieren, getreu dem Motto: Hätte es sich nicht gelohnt, hätte ich niemals so viel investiert.
Heißt das also, dass wir uns nun einfach unserem Schicksal ergeben sollten? Mitnichten. Zumindest wenn man einer anderen Studie amerikanischer Forscher aus dem Jahr 2007 glaubt. Natürlich ist die Einsicht, dass man einen falschen Weg eingeschlagen oder eine falsche Entscheidung getroffen hat, nicht gerade schön. Unterm Strich aber profitieren wir körperlich und psychisch davon, uns von unrealistischen Zielen zu verabschieden: Wir werden glücklicher, körperlich gesünder - und fühlen uns weniger gestresst.

von <a href="http://blogs.faz.net/fazit/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Fazit - das Wirtschaftsblog ein Blog von FAZ.NET.

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http://blogs.faz.net/fazit/2018/08/20/loslassen-ist-so-schwer-10208/feed/ 0
In Technocolor und multikulturell http://blogs.faz.net/comic/?p=1239 http://blogs.faz.net/comic/?p=1239#comments Mon, 20 Aug 2018 12:48:35 +0200 Andreas Platthaus http://blogs.faz.net/comic/2018/08/20/in-technocolor-und-multikulturell-1239/ Son style, c’est l’homme même: Enki Bilal kehrt gleich doppelt zurück, mit dem ersten Band der Erzählung „Bug“ als Comiczeichner und zu Carlsen, seinem ehemaligen deutschen Verlag. Mehr

von Andreas Platthaus erschienen in Comic ein Blog von FAZ.NET.

Comic

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https://www.carlsen.de/hardcover/bug-1/93863. Also gehe man lieber gleich zum französischen Originalverlag, zu Casterman: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums-bug/bug-1, da gibt es deutlich mehr. Und ob man es dann versteht oder nicht, es geht jedenfalls um den jüngsten Band des Künstlers, „Bug“. Bilals Pastelltechnik ist dabei ebenso unverkennbar wie die Stimmung der Geschichten, die stets in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt scheinen – selbst in solchen Fällen, wo die Zeit eine historische ist wie die des Ostblocks in Bilal immer noch bestem Comic „Treibjagd“ (erschienen 1983). Blaue Verfärbungen von Gesichtern bei Protagonisten sind ein untrügliches Bilal-Zeichen, ätherische Frauen mit leicht verstrubbelter Kurzhaarfrisur genauso (nie blond). Man könnte seine Farbgebung mit einem Wirtspiel „Technocolor“ nennen. Und die Phantastik ist bestimmendes Merkmal aller seiner Erzählungen: visuell und narrativ, und kaum ein anderer Comicautor ist so multikulturell in seinen Themen – und dabei doch zugleich auch so ästhetisch reaktionär. Das hat seinen Grund in der Biographie des Zeichners. Bilal wurde 1951 in Belgrad geboren, und auch wenn er seit seinem zehnten Lebensjahr in Paris wohnt und französischer Staatsbürger ist, hat er seine kulturellen Wurzeln zur serbischen Heimat nie gekappt. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich in den jugoslawischen Kriegen der neunziger Jahre hätte instrumentalisieren lassen – von welcher Seite auch immer –, aber der Blick auf die sozialistische Gesellschaft seiner Kindheit in Belgrad ist ein prägender gewesen und taucht in allen seinen Comics auf. Die grauen Wohnblocks, die wuchernde Stadtszenerie, das Nebeneinander von technoider Moderne und pittoreskem Verfall in der Architektur – dadurch entsteht der unverwechselbare Bilal-Look. Selbst wenn Paris der meistdargestellte Handlungsort in seinen Comics sein dürfte, vermutet man diese Stadt eher an der Donau. Und eine Cité lumière ist sie gewiss nicht! „Bug“ setzt auch wieder in Paris ein, und zwar im Jahr 2041. Alsbald wird die Welt mit einem aus bereits vielen Comics vertrauten Problem konfrontiert: alle digitalen Funktionen versagen, und da natürlich die Zukunft noch digitaler aussieht als die Gegenwart, ist das Chaos unbeschreiblich groß. Pech auch für die Insassen der in den Umlaufbahnen befindlichen Raumstationen und Raumschiffe, denn wie sollen sie nun zur Erde zurückgelangen? Von der Aufrechterhaltung der Lebenssysteme ganz zu schweigen. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch: Einer der Astronauten – er trägt den schönen Bilal-Namen Kameron Obb und entwickelt eine blaue Gesichtsverfärbung – verfügt über ein bemerkenswertes Erinnerungsvermögen, das die ausgefallenen Computer ersetzen hilft. Gemeinsam mit zwei Kollegen kehrt er so zur Erde zurück, aber dort warten Gute und Böse bereits begierig auf den gedächtnisstarken Mann, der nun zur allmächtigen Waffe taugt. Mehr nicht zum Geschehen in „Bug“, zumal es sich um den ersten Band handelt, und bei Bilal weiß man nie, wie viele dann noch kommen. Es ist auch eigentlich egal, denn man liest ihn nicht einer ausgefeilten Handlung wegen, sondern eben als Stimmungsmacher – Düsterstimmung versteht sich. Dass er ein grandioser Zeichner ist, bezweifelt niemand, und das hat auch der Kunstmarkt längst gemerkt, der für die Werke keines lebenden Comiczeichners höhere Preise bezahlt als für die des Franzosen. Wobei der längst verstanden hat, dass man mit großformatigen Gemälden (natürlich genug im Comic-Stil) viel mehr Geld erzielen kann als mit Originalseiten, die allerdings auch noch teuer genug sind. Was an „Bug“ aber zusätzlich interessant ist, ist der deutsche Verlag. Bilal ist nämlich zu Carlsen zurückgekehrt, wo er seine ersten deutschen Publikationen in achtziger und neunziger Jahre hatte, ehe er zur Ehapa Comic Collection wechselte, die damals zu großen Konkurrenzkampf auf dem anspruchsvollen Sektor blies. Der abermalige Wechsel nach nun mehr als anderthalb Jahrzehnten zeigt zweierlei: den Nimbus, den Bilal, der sich in Deutschland ganz im Gegensatz zu seinem Heimatland Frankreich nie glänzend verkauft hat, nach wie vor genießt, und die aufgegebenen Ambitionen von Ehapa (heute Egmont). Letzteres wusste man schon länger, nachdem das vor ein paar Jahren noch mit viel Ehrgeiz und Aplomb neukonzipierte Graphic-Novel-Programm sanft entschlummerte. Wie soll man auch den verlagsinternen Vergleich mit Serie wie „Asterix“ oder „Lucky Luke“ aushalten? Da tut sich selbst ein Minoritätenprodukt wie „Bug“ leichter im Vergleich mit „Spirou und Fantasio“ (solange es nicht der neue Band von Flix ist) oder „Clever und Smart“. Ob Carlsen wiederum genug Nostalgiker erreicht, um bei Bilal kostendeckend arbeiten zu können, ist eine spannende Frage. Denn Zuschussgeschäfte erlauben sich die Comicverlage immer seltener.

von <a href="http://blogs.faz.net/comic/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Comic ein Blog von FAZ.NET.

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http://blogs.faz.net/comic/2018/08/20/in-technocolor-und-multikulturell-1239/feed/ 0
Ansteckende Freiheit http://blogs.faz.net/essay/?p=78 http://blogs.faz.net/essay/?p=78#comments Mon, 20 Aug 2018 06:15:23 +0200 FAZ.NET- Politik http://blogs.faz.net/essay/2018/08/20/ansteckende-freiheit-78/ Der Prager Frühling 1968 begann als zaghafte Reform von oben und wurde als revolutionäre Massenbewegung zu einer Herausforderung für den von der Sowjetunion geführten Ostblock. Es dauerte kein... Mehr

von FAZ.NET- Politik erschienen in F.A.Z. Essay Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Essay Podcast

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Daniel Deckers, Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlich für das Ressort „Die Gegenwart“, trägt den Essay von Professor Dr. Martin Schulze Wessel vor. Der neue Podcast F.A.Z. Essay widmet sich jede Woche aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen – und gibt ihnen mit geistreichen Beiträgen von Wissenschaftlern und Politikern Tiefe und Substanz. Mehr über die Geschichte hinter dem Podcast erfahren Sie hier.   Den Podcast können Sie gleich hier auf FAZ.NET hören oder hier abonnieren. Den Essay von Professor Dr. Martin Schulze Wessel können Sie hier nachlesen. Alle Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ finden Sie hier.]]> http://blogs.faz.net/essay/2018/08/20/ansteckende-freiheit-78/feed/ 0
Snoop Dogg ft. Pharrell: „Drop It Like It’s Hot“ http://blogs.faz.net/pop-anthologie/?p=1469 http://blogs.faz.net/pop-anthologie/?p=1469#comments Sat, 18 Aug 2018 09:43:37 +0200 Uwe Ebbinghaus http://blogs.faz.net/pop-anthologie/2018/08/18/snoop-dogg-ft-pharrell-drop-it-like-its-hot-1469/ Jugendliche lieben Hiphop. Verstehen sie die oft rätselhaften, verdorbenen Texte richtig? Überlegungen zur Sprache des Gangsta Rap am Beispiel von Snoop Doggs "Drop It Like It's... Mehr

von Uwe Ebbinghaus erschienen in Pop-Anthologie ein Blog von FAZ.NET.

Pop-Anthologie

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Jugendliche lieben Hiphop. Verstehen sie die oft rätselhaften, verdorbenen Texte richtig? Überlegungen zur Sprache des Gangsta Rap am Beispiel von Snoop Doggs "Drop It Like It's Hot".

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[caption id="attachment_1473" align="alignnone" width="620"] Snoop Dogg[/caption] Auch Schulen haben sich inzwischen die Idee zueigen gemacht, Pop-Texte zu analysieren. So kommt es, dass Schüler der mittleren Klassen trotz Handyverbot im Unterricht ihre Lieblings-Songs vorspielen dürfen, die sie dann anschließend allerdings in einem Vortrag interpretieren müssen. Wie es dazu kam, dass sich mein jüngster Sohn vor einigen Monaten für den Hiphop-Song "Drop It Like It's Hot" entschied - eine Wahl, die seine Lehrerin mit einem Stoßseufzer quittierte -, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Am Abend vor dem Vortragstermin fiel ihm jedenfalls ein, dass er ja noch Stichpunkte für sein Redemanuskript brauchte, was zu einer gewissen hektischen Geschäftigkeit in unserem Haushalt führte. Von Snoop Dogg war ihm bekannt, dass er gerne Marihuana raucht, sein Künstlername auf den Hund aus „Charlie Brown“ zurückgeht, er mehrmals vor Gericht stand, oft mit Eminem singt und sich wirklich sehr lässig bewegt. Eine Wikipedia-Recherche ergab dann noch, dass er mal Regie in einem Pornofilm geführt hat, das würde aber im Referat unerwähnt bleiben. Obwohl Snoop Dogg möglicherweise ein harter Junge ist oder war – neuerdings hat er die Bibel für sich entdeckt („Bible of Love“) -, hat er eine auffällig entspannte, freundliche Ausstrahlung. Man kann das in dem Dokumentarfilm „Reincarnated“ gut sehen, in dem er sich auf Reggae- und Ganja-Recherche in Jamaika befindet: Jeder kennt ihn, jeder liebt ihn, die Kinder laufen ihm entgegen, als sei er einer der größten Freudenbringer unserer Zeit. "Drop It Like It's Hot" wurde Snoop Dogg mit gewohnt schlafwandlerischer Stilsicherheit von Pharrell Williams und einem Autorenkollektiv auf den Leib geschrieben. Es ist ein sehr einprägsamer Song wegen seiner ungewöhnlichen Jaul- und Schnalzlaute, der vielen Tempus- und Richtungswechsel. Man kann gut nachvollziehen, dass Jugendliche sich von dem Lied rein musikalisch angezogen fühlen. Und so geht dann wohl eine typische Pop-Sozialisation vonstatten: Eines Tages wird man (neuerdings sogar von Lehrern!) gefragt, welche Musik man gut findet, hat eigentlich noch keinen ausgeprägten Geschmack, muss aber Farbe bekennen, nennt also die Musik, die einem als erstes einfällt und von der man weiß, dass sie andere beeindruckt. Dieses Bekenntnis muss man dann zumindest eine Weile lang durchziehen, muss sich im Grunde mit seinem persönlichen Stil dieser Musik annähern, oft wird aus dieser aufgezwungenen Annäherung sogar erst eine Art eigener Stil. Die Antwort auf die allererste „Was hörst du?“-Frage ist fast schon ein schicksalhafter Moment. Wie aber soll man als Jugendlicher mit diesen manchmal ellenlagen englischen Rap-Texten umgehen, die kein Mensch außerhalb des englischen Sprachraums ohne die Hilfe der Song-Erklärungsplattform Genius.com oder Urban Dictionary auch nur annähernd versteht? Spricht einem das, was da gesungen wird, möglicherweise aus der Seele oder wird da irgendein Quatsch erzählt – gewaltverherrlichendes, frauenfeindliches Zeug, wer hätte davon nicht schon gehört? Unbefriedigender wird die Sache noch dadurch, dass in "Drop It Like It's Hot" die minimalistische Musik und die immer wieder überraschende Modulierung von Snoop Dogg das aufmerksame Zuhören geradezu erzwingen zu wollen scheinen. Was aber bedeutet zum Beispiel gleich am Anfang der „pimp in the crib“? When the pimp's in the crib ma Drop it like it's hot Drop it like it's hot Drop it like it's hot When the pigs try to get at you Park it like it's hot Park it like it's hot Park it like it's hot And if a nigga get a attitude Pop it like it's hot Pop it like it's hot Pop it like it's hot I got the Rolly on my arm and I'm pouring Chandon And I roll the best weed cause I got it going on In dem einleitenden Refrain steckt eine Menge von dem, was man über Rap oder Gangsta-Rap - Snoop Dogg bevorzugt den Begriff "G-Funk" - zu wissen meint. Der Pimp, den man, das hat sich herumgesprochen, meist nicht in einem starren Verständnis mit „Zuhälter“ übersetzen darf - "crib" ist nicht die Krippe, sondern das Haus -, ist der kleinkriminelle Gernegroß, der gestohlene, also „heiße“ Autos durch die Gegend kutschiert und sich daher vor den „Pigs“, den „Bullen“, verstecken muss. Jugendliche verstehen die Register, die in solchen Texten gezogen werden, vielleicht sogar leichter als Erwachsene, die über den „Pimp“ Aufsätze mit Titeln wie „The Performativity and Politics of the Pimp Figure in Gangsta Rap“ oder „The Pimp Phenomenon as Strategy of Identity Formation“ schreiben, bevor sie im Grunde zum gleichen Ergebnis kommen. Es würde eine der Hauptaussagen des Schul-Referates über "Drop It Like It's Hot" sein, dass da jemand singt, der, vereinfacht gesagt, ein Angeber ist, diesen aber zugleich nur spielt. Er hat eine Rolex am Arm, trinkt teuren Champagner, fährt, wie es später noch heißt, einen kaviarfarbenen Rolls Royce und raucht das beste Gras. Dieser Pimp preist Konsum und Rausch in einer Überzogenheit, die im Grunde nur dann einen nachvollziehbaren Sinn ergibt, wenn man sie als eine Feier des reinen, nutzlosen „Entertainments“ auffasst. Über die kindliche Nähe zum Gangsta Rap kann man ins Grübeln geraten. Das im Text besungene Markenbewusstsein ist ja im Grunde dasselbe, mit dem Jugendliche seit Generationen ihre Eltern provozieren. Könnte die Tatsache, dass Jugendliche die ironische Stilisiertheit von Snoop Doggs Songtext so leicht entschlüsseln, nicht dafür sprechen, dass sie ihr Markenbewusstsein selbst auch ironisch auffassen, als kostspielige, nicht ganz ernst gemeinte Selbststilisierung in Gegenwehr zu der Tatsache, dass man sonst eigentlich den ganzen Tag von der Gesellschaft nur herumgeschubst wird? Man kann dieses besondere Einverständnis aber auch von der Gegenseite her betrachten. Besitzt der Pimp-Rap nicht selbst etwas Kindliches, etwas, das Jugendliche als Wesensgleichheit empfinden? Was wiederum bedeuten würde, dass Kinder und Jugendliche nicht einfach nur Opfer dieser Musik wären, sondern sich die Rap-Musik selbst ostentativ etwas Kindliches, Vormoralisches bewahrt. Dafür würde auch sprechen, dass in den Texten von Snoop Dogg - aber auch schon in denen von Notorious B.I.G. und neuerdings von Kendrick Lamar - sehr oft Erinnerungen an die Kindheit, deren Comics, Fernsehserien und Bands einfließen, davon abgesehen, dass Rapper nicht selten die Spitznamen aus ihrer Schulzeit beibehalten. Ein Missverständnis namens „Fuck you“ Versucht man nun, semantisch noch tiefer in den Songtext einzutauchen, treten sofort Probleme auf. Was bedeutet eigentlich "Drop It Like It's Hot"? Steht es eher für ein „Vergiss es!“, ein "Abliefern!" oder soll sich darin eine begeisterte Bestätigung ausdrücken, die sich in dem gleichnamigen Tanz-Move spiegeln will (leicht bekleidete Frauen lassen ihren Po athletisch fast auf Bodenniveau fallen), der im Video zu sehen ist? Und wie wäre der “nigga with attitude” einzuschätzen? Nervt er den Pimp wegen seiner starren Haltung – oder ist er positiv zu sehen, als „Schwarzer mit Ehre“? Zu letzterem Ansatz würde immerhin passen, dass die in den Neunzigern ungemein einflussreiche Hiphop-Band des Snoop-Dogg-Entdeckers Dr. Dre „N.W.A.“ hieß - eine Abkürzung für „Niggas With Attitude(s)“. Gerade hat man sich mit dieser semantischen Offenheit abgefunden, fordert einen die anschließende Strophe schon mit neuen Verstehens-Schwierigkeiten heraus. Sie wird von Pharrell Williams gesungen und ist gespickt mit Schimpfwörtern (das zensierte Video ist der reine Lückentext), Insider-Anspielungen auf Fernsehserien, Versautheiten („what's spilling down your throat“), aber auch mit Humor („Chinchilla in the heat“) und Selbstironie. Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn die Strophe insgesamt auf die Aussage hinausläuft, dass man dem Pimp keinen Mist erzählen soll, weil man sonst Ärger mit „lil' skateboard P“ bekommt, so der gar nicht einschüchternde Spitzname von Pharrell Williams aus Jugendtagen? Damit ist im Grunde jede mögliche Ernsthaftigkeit weggefegt: Uh! I'm a nice dude, with some nice dreams See these ice cubes, see these Ice Creams? Eligible bachelor, million dollar boat That's whiter than what's spilling down your throat The Phantom, exterior like fish eggs The interior like suicide wrist red I can exercise you, this can be your Phys. Ed Cheat on your man ma, that's how you get ahizzead Killer wit the beat, I know killers in the street Wit' the steel that'll make you feel like Chinchilla in the heat So don't try to run up on my ear talking all that raspy shit Trying to ask me shit When my niggas fill ya vest they ain't gon pass me shit You should think about it, take a second Matter fact, you should take four B And think before you fuck wit lil' skateboard P Was die Einordnung der vielen Schimpfwörter und Kraftausdrücke angeht, von „nigga“ bis „brizzle“, hilft eine Bemerkung weiter, die Eminem in der Netflix-Dokumentation „The Defiant Ones“ fallenlässt. Dort sagt er gut gelaunt, er könne es nicht mehr hören, wenn sich Leute darüber beschwerten, dass er „Fuck you“ sage. Denn wenn er „Fuck you“ sage, meine er einfach nur „Fuck you“ und nichts weiter. Wittgenstein hätte an dieser Bemerkung die helle Freude gehabt, so pointiert bringt sie den changierenden Handlungs- und Haltungs-Aspekt von Sprache ins Spiel, auch wenn eine Tendenz zur Verrohung nicht abzustreiten ist. Die Worte „Fuck you“, "nigga", „bitch“ und „shit“ buchstäblich zu nehmen, wäre in den meisten Hiphop-Texten geradezu fahrlässig. „Bitch“ zum Beispiel ist keinesfalls ausschließlich auf das weibliche Geschlecht oder eine bestimmte Profession bezogen, deshalb ergibt auch die groteske Steigerung zu Straßenwortungetümen wie „bitchass nigga“ keinen Widerspruch. Und „shit“ meint in vielen Texten gerade das Gegenteil von Unrat. „Wer’re doing the shit together“ könnte man je nach Kontext sogar mit „Wir gehen jetzt mal freestylen“ übersetzen. [caption id="attachment_1472" align="alignnone" width="620"] Snoop Dogg mit Pharrell Williams[/caption] Ist es sinnvoll, seine Zeit mit der Semantik solch „schmutziger“ Wörter zu verbringen? Um sie gegen ein falsches Verständnis in Schutz zu nehmen, wahrscheinlich schon. Zudem lohnt es sich, ein weiteres Phänomen ins Auge zu fassen. Wie kommt es, dass sich in einem Tarantino-Film kaum noch jemand über Ausdrücke wie die zitierten aufregt oder über die Spur der Gewalt, die sich quer durchs Fernsehprogramn zieht, Hiphop-Texte hingegen noch immer viele dazu verlocken, sie als Glaubensbekenntnis des Sängers zu verstehen? Ist man bei Filmen vielleicht einfach eingeübter darin, eine bestimmte künstlerische Distanz zum Dargestellten vorauszusetzen? Und noch eine Ungerechtigkeit in der Wahrnehmung von Hiphop-Texten und -Videos lässt sich an "Drop It Like It's Hot" illustrieren. Das Lied sampelt ja musikalische Elemente des Laid-Back-Songs „White Horse“, über welchen sich, als er 1983 als B-Seite von „Sunshine Reggae“ herauskam, kaum jemand aufregte. Gesungen wird hier aber ziemlich eindeutig über Kokain-Konsum (auch wenn wohl davon abgeraten wird), es wird ziemlich grundlos lasziv rumgetanzt, vor allem aber kommen die folgenden Verse vor: “If you want to be rich / You got to be a bitch”. So alt also ist diese typische Hiphop-Weisheit und auch die Bedeutungserweiterung von „bitch“ schon. „You should think about it, take a second” Wie kommt es, dass man den meist schwarzen Rappern mit ihrer oft eindeutig nur gespielten Fluch- und Drohkulisse leichter auf den Leim geht als zwei milchgesichtigen Dänen, bei denen man davon ausgeht, dass sie ihren Text unmöglich unironisch meinen können? Spielt womöglich die Hautfarbe der Sänger, ihr Gehabe und das, was man mit ihnen verbindet, eine viel größere Rolle bei der Rezeption von Pop und Rap, als man sich einzugestehen bereit ist? Damit soll nicht leichtfertig Rassismus unterstellt werden, denn auch der weiße „bad boy“ Eminem zog entsprechende Überreaktionen auf sich. Wie dem auch sei, wie anstößig auch immer man die restlichen Strophen von "Drop It Like It's Hot" empfinden mag, eine formale Schönheit in den Binnenreimen (“I can't fake it, just break it, and when I take it”) und Lautvariationen („-izz-“) ist ebenso unverkennbar wie die Tatsache, dass die Verwendung assoziativer Freestyle-Techniken das Gewicht des Inhaltlichen in den Hintergrund treten lässt. Und selbst, wenn man im Hiphop eine möglichst authentische Kunst sucht (selbst die gefakete Authentizität verrät ja zumindest etwas über herrschende Vorstellungen von Authentizität), wenn man wissen will, welcher Humor und welcher Weltbezug die Hiphop-Kultur prägt, all das spricht dafür, dass man Rap-Texte eigentlich mit viel offenerer Neugier lesen müsste. Steigt man abschließend in die Lektüre der letzten beiden Strophen von "Drop It Like It's Hot" ein, kann man den Eindruck einer gewissen Absurdität nur schwer vermeiden. Vor allem scheint es in dem Text, das spürt man, um Klang, um Lautmalerei zu gehen, darum, die Sache durch eine Improvisation mit „dirty words“ im „keep going“-Modus zu halten. Gerade die Sinnlosigkeit, die sich hinter der herbeiphantasierten Bo$$-Welt und hinter der Selbstermächtigung durch das Ausbuchstabieren fast sämtlicher hedonistischer Genüsse verbirgt, schafft paradoxerweise ästhetischen Freiraum, Spielraum. Natürlich gibt es auch unironischen Gangsta Rap oder dezidiert politischen Hiphop – etwa „Fuck Tha Police“ von N.W.A. – und es gibt auch bewusst oder unbewusst verunglückte Formen der Entkopllung von sprachlichen Referenzbeziehungen, wie der Fall von Kollegah und Farid Bang zeigte. In "Drop It Like It's Hot" aber wird nicht verengt und verbogen, sondern geöffnet und laufen gelassen. Die witzigste Zeile im ganzen Song lautet, ganz in der Mitte: „You should think about it, take a second”, worauf ein „Pling“ erschallt und Snoop Dogg bedeutsam in die Kamera schaut. Das ist wahrscheinlich der reinste Hohn im ganzen Lied. I'm a gangsta, but y'all knew that Da Big Bo$$ Dogg, yeah I had to do that I keep a blue flag hanging out my backside But only on the left side, yeah that's the Crip side Ain't no other way to play the game the way I play I cut so much you thought I was a D-J "Two!" "one!" "yep, three!" S-N double O-P, D-O double G I can't fake it, just break it, and when I take it See I specialize in making all the girls get naked So bring your friends, all of y'all come inside We got a world premiere right here, now get live! So don't change the dizzle, turn it up a little I got a living room full of fine dime brizzles Waiting on the Pizzle, the Dizzle and the Shizzle G's to the bizzack, now ladies here we gizzo [Refrain …] I'm a Bad Boy, with a lotta ho's Drive my own cars, and wear my own clothes I hang out tough, I'm a real Bo$$ Big Snoop Dogg, yeah he's so sharp On the TV screen and in the magazines If you play me close, you're on a red beam Oh you got a gun so you want to pop back? AK47 now nigga, stop that! Cement shoes, now I'm on the move You're family's crying, now you on the news They can't find you, and now they miss you Must I remind you I'm only here to twist you Pistol whip you, dip you then flip you Then dance to this motherfucking music we crip to Subscribe nigga, get yo issue Baby come close, let me see how you get loose! [Refrain …]

von <a href="http://blogs.faz.net/pop-anthologie/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Pop-Anthologie ein Blog von FAZ.NET.

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52. Lesung: In den Westen http://blogs.faz.net/cresspahl/?p=1403 http://blogs.faz.net/cresspahl/?p=1403#comments Sat, 18 Aug 2018 08:00:30 +0200 Birte Förster http://blogs.faz.net/cresspahl/2018/08/18/52-lesung-in-den-westen-1403/ Kurz vor Gesine Cresspahls Abreise nach Prag wird uns Wichtiges berichtet: über das Schicksal von Mrs. Ferwalter, den Prozess gegen den Mitschüler Dieter Lockenvitz, Gesines Weggang in den Westen, aber auch die Ankunft ihrer Tochter Marie. Vorletzte Lektürewoche. Mehr

von Birte Förster erschienen in Die Woche mit Frau Cresspahl ein Blog von FAZ.NET.

Die Woche mit Frau Cresspahl

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Kurz vor Gesine Cresspahls Abreise nach Prag wird uns Wichtiges berichtet: über das Schicksal von Mrs. Ferwalter, den Prozess gegen den Mitschüler Dieter Lockenvitz, Gesines Weggang in den Westen, aber auch die Ankunft ihrer Tochter Marie. Vorletzte Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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  „In Mauthausen wurde ich befreit“ (11. August 1968) Kurz vor Gesine Cresspahls Abreise nach Prag wird das bislang nur angedeutete Schicksal ihrer Nachbarin Mrs. Ferwalter konkret. Ausgelöst wird die Erinnerung der Nachbarin, weil sie zu Maries Abschiedsgesellschaft „Passovergebäck“ mitbringen will und dessen Geschmack beschreibt – Marcel Proust lässt grüßen. „Wir haben es zuletzt zuhause gebacken im vierundvierziger Jahr.“ Mrs. Ferwalter stammt aus Transkarpatien, heute der westlichste Teil der Ukraine, mit dem Vertrag von Trianon kam das Gebiet 1920 zur Tschechoslowakei, nach deren Auflösung 1938 zu Ungarn. Zwischen April und Juni 1944 wurde die Bevölkerung aus diesem Gebiet deportiert, auch Mrs. Ferwalter, obwohl sie einen „katholischen Paß“ hat, „mit katholischer Religion“.

„Wir kamen nach Auschwitz. Ich war da acht Monate. Die meisten kamen gleich ins Krematorium. Viele von den Aufsehern laufen noch frei herum, und man staunt wo. So wie wir hier sprechen habe ich mit dem Mengele geredet. Ich wurden selektiert ins Magazin als Einweiserin.“

Mit diesem „Vernichtungsvokabular“ (wie Alexandra Kleihues die kursiv gesetzten Begriffe nennt) beschreibt Mrs. Ferwalter ihr Leben in Auschwitz, das nur durch die Fürsprache der Geliebten der Leiterin des Frauenlagers „Frau Gräser“ gerettet wird. Denn als Mrs. Ferwalter einer Dreizehnjährigen Suppe bringt und von einer „Kapo“ verraten wird, sagt Gräser: „Sie werden jetzt erschossen. Rief einen Posten herbei.“ Gemeint ist vermutlich Irma Grese, die 1945 von einem britischen Gericht zum Tode verurteilte Aufseherin der Lager Ravensbrück, Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen, die als besonders brutal bekannt war. Mrs. Ferwalters Erinnerungen sind an die Zeugenaussage Magda Szabos vom 24. August 1964 im Frankfurter Auschwitzprozess angelehnt, die wie Mrs. Ferwalter in der Lagerküche arbeitete.

„Das Urteil wurde umgewandelt in eine Stunde Kniens auf Schottersteinen, zwei Steine dabei in erhobenen Händen. Es dauerte viele Wochen bis die Knie wieder ihre Form hatten. [...] Bei der Bestrafung wurde mir eine Bahn durch das nachwachsende Haar geschoren. Ich ging hin und ließ mir gleich alles abschneiden. Einundzwanzig Jahre war ich.“

Bei der Arbeit in der Küche sind die Nachtschichten kaum zu ertragen, denn Mrs. Ferwalter ist in unmittelbarer Nähe von sieben Krematorien tätig, am „Ende der Nachtschicht war der Himmel rot wie Feuer“ und sie hört Hilfeschreie noch Lebender. Für sie ist das eines ihrer furchtbarsten Erlebnisse während der Shoah:

„Das eigentlich Schlimme war: daß die Deutschen die Juden zwangen, einander umzubringen. Verwandte ins Feuer zu werfen bei lebendigem Leib.“

[caption id="attachment_1427" align="alignleft" width="289"] Konzentrationslager Mauthausen, Juni 1945[/caption] In Mauthausen wird Mrs. Ferwalter befreit, später geht sie nach Israel, wo sie auf die Kapo trifft, die sie verraten hat. Sie unternimmt nichts, die Kapo kommt dennoch für ein Jahr ins Gefängnis, weil eine andere ehemalige Inhaftierte sie erkannt hat. Für ein Mädchen aus ihrem Heimatdorf, ebenfalls Kapo geworden, sagt Mrs. Ferwalter vor Gericht im positiven Sinne aus. Sie artikuliert dabei ihre Ambivalenz so: „Sie ist eine alte Freundin, sie ist ein böser Mensch.“ Gemeinsam mit ihrem Bruder wagt sie einen Neuanfang in der Tschechoslowakei; als der beim Schwarzmarktkauf erwischt wird und ein halbes Jahr Haft droht, gehen die beiden nach New York. Eingereist sind sie 1948 noch über Ellis Island.     DDR-Justiz (12. August 1968) Wie ein Echo auf den Tageseintrag vom 2. April 1968, den Uwe Johnson mit „Justiz in Mecklenburg während des Nazikrieges“ bezeichnet, mutet der 12. August 1968 an. Am Vortag des Mauerbau-Gedenktags, auf den auch die New York Times hinweist, wird die DDR-Justiz thematisiert. In Briefen an „ausgewählte Haushalte in Gneez, zwei auch in Jerichow“, beschreibt ein anonymer Absender Verhaftungen und Verurteilungen durch Sowjetische Militärtribunale (S.M.T.) und Sondergerichte. Sie vermerken zudem, wer „verschwunden“ ist. In nur wenigen Fällen werden die Gründe für eine Anklage erwähnt. Nach und nach ergibt sich so eine „vorläufige Liste zur Justiz in Mecklenburg“, deren Teile von unterschiedlichen Orten aus verschickt werden. Johnson stützte sich bei den Angaben auf Thomas Ammers Buch „Universität zwischen Demokratie und Diktatur“. [caption id="attachment_1423" align="alignright" width="192"] Dieter Lockenvitz' Liste der SBZ- und DDR-Justiz[/caption] Auffallend sind drei Dinge: wie jung die Verurteilten sind, es handelt sich mehrheitlich um Schüler*innen und Student*innen; die Höhe der Haftstrafen – fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeitslager sind keine Seltenheit; das Verhängen der Todesstrafe, die 1950 wiedereingeführt worden war. Unter den Opfern auch Karl-Alfred Gedowsky, ein ehemaliger Schüler der John-Brinckmann-Schule in Güstrow, der 1952 in der Sowjetunion hingerichtet wurde, „seine Familie erfuhr nichts über sein Schicksal. [...] Erst nach der Öffnung der Archive der frühen Sowjetunion konnten Verbleib und Todesumstände von Karl-Alfred Gedowsky aufgeklärt werden“, ist im Band „Orte des Erinnerns“ zu lesen. An Gedowsky erinnert heute eine Gedenktafel an seiner ehemaligen Schule. Verschickt hat die Briefe Gesines Mitschüler Dieter Lockenvitz. Trotz seiner Vorsichtsmaßnahme, sie an wechselnden Orten aufzugeben, wird er zu Beginn der Weihnachtsferien 1951 verhaftet, nach den Ferien dann seine Mitschülerinnen Gesine Cresspahl, Annette Dühr und Anita Gantlik. Jakob Abs hat Gesine die Briefe weggenommen und „von einem Dritten in der Gewerkschaftsleitung der Eisenbahner bei Gneez“ aufbewahren lassen. In der Haft muss sie täglich drei Stunden stillstehen – „Heben Sie den Kopf! Strecken Sie die Arme! Halten Sie die Handflächen gerade.“ – und dann täglich einen Lebenslauf verfassen und dessen Fortschritte gegenüber der letzten Version diskutieren. Nach zehn Tagen wird sie entlassen und von Jakob, der sich um ihre Entlassung bemüht hat, bei ihrer Rückkehr umarmt, „als sei ihm das eine Gewohnheit mit ihr“. Ihre Mitschülerin Annette Dürr ist weniger glimpflich davongekommen, denn sie war vor der Wohnung von Dieter Lockenvitz gesehen worden. „Das Glas auf ihrer Uhr war zerbrochen. Auf dem Rücken hatte sie blaue Striemen von Schlägen. Ihr fehlte ein Zahn.“ Mit Gesine wie auch mit Pius Pagenkopf hatte Lockenvitz acht Monate zuvor absichtsvoll öffentlich gebrochen, so dass ihr kein Kontakt mehr mit ihm nachgewiesen werden konnte. 1952 ist das Jahr von Gesine Cresspahls Abitur; die Reifeprüfung hat sie in ihrer Darstellung in diesem Sommer dreimal abgelegt. Als ihr erstes Abitur bezeichnet sie den Prozess gegen Dieter Lockenvitz, der in der Haft ebenfalls offensichtlich misshandelt wurde:

„Nun wurde er hereingeführt mit nacktem Gesicht, tat blind, stolperte; hing auf dem Sünderstuhl, als gehe schon das über seine Kraft. Der mochte den Kopf horchend halten, einen Blick auf uns vermied er. Weil ihm die oberen Vorderzähne abhanden gekommen waren, Schwierigkeiten in der Lautbildung.“

[caption id="attachment_1426" align="aligncenter" width="499"] Auch gegen Uwe Johnson Mitschüler wurde prozessiert, hier sein Denkmal an der John-Brinckmann-Schule in Güstrow von Wieland Förster[/caption] Von Mitschüler und Spitzel Gabriel Manfras wird Lockenvitz im Prozess verleumdet, wieder wird der Vorwurf erhoben, sich „ein Abitur zu erschleichen“, obschon es im diesem Fall „eines gewesen, wie es einmal vorkommt im Jahrzehnt [abgesehen von Chemie]“. Die Mutter des Angeklagten wird noch im Gerichtssaal verhaftet und wegen Mitwisserschaft und „Vernachlässigung der Erziehungspflicht“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, ihr Sohn zu fünfzehn Jahren, von dieser Strafe muss er zwei Drittel verbüßen. Die Versendung der Briefe geht weiter, und die Strafkammern beginnen im Sommer 1952 mit der Veröffentlichung der Urteile. Der Mitschüler hatte „Für irgend welche Wahrheit“, und „sei sie eine erwiesene Tatsache“, eine Zukunft riskiert, in der er „eine Erlaubnis zum Studium hatte denken dürfen und mit Glück, einen Beruf nach Wahl“. Anfangs weiß seine Klasse noch, wo er inhaftiert ist, später verliert sich seine Spur. In einer Vorfassung von Band 4 der "Jahrestage" sah Uwe Johnson nach der Entlassung auf Bewährung eine erneute Verhaftung wegen Badens im Sperrgebiet 1963 und wenig später die Auslieferung von Lockenvitz in den Westen vor, wo er nach dem Abitur an einer Hamburger Abendschule in Berlin Sprachwissenschaft studieren sollte.

„Wir haben ihn im Stich gelassen, den Schüler Lockenvitz. Damit Anita das letzte Wort werde: schuldig sind wir vor ihm.“

  Gesine geht in den Westen (14. bis 17. August 1968) Nach dem Abitur nimmt Gesine zum Wintersemester 1952/53 ein Studium der Anglistik an der Universität Halle auf, das ihr Vater finanziert. Die Freundin Anita Gantlik, hätte sich fast um das Abitur gebracht, weil sie den Beschluss des FDJ-Parlaments, „für alle Mitglieder sei der Dienst in der kasernierten Volkspolizei eine ehrenhafte Verpflichtung“, nicht mittragen kann. Sie wird unter den Argusaugen von Gabriel Manfras auf der betreffenden Sitzung von Gesine krank nach Hause geschickt und dadurch gerettet . So kann sie unmittelbar nach dem Abitur nach Westberlin umziehen, wo sie Slawistik studiert. In Halle wird Gesine täppisch bespitzelt:

„Der Junge gab sich als Bewerber, ging mir nach, traf auf die Kommilitonin mit dem Vorgeben einer Überraschung, nachts um elf auf der Preißnitz-Insel zwischen Wilder und Schiffs-Saale; hatte unwissentlich sich ertappen lassen beim Warten an der Brücke der Freundschaft. Der verriet sich bald, gab von Jerichow und Gneez Kenntnisse zu verstehen, wie sie schwerlich zum Alltag gehören fern von Mecklenburg.“

Als der „Schnüffler“ sie im zweiten Semester in einen Kreis einführt, der von ihr verlangt zu „helfen, daß es den anderen an den Kragen ging“, lehnt sie das mit nach außen feministischen Gründen (sie brauchte für die Aufnahme einen männlichen Bürgen) ab und bestellt sich Jakob nach Halle. Ihm erzählt sie zum ersten Mal von Ausreiseplänen, auch weil seit Mai 1952 die Schließung der Grenzen befürchtet wird. Im Juni 1953 gibt Jakob ihr einen Freifahrtschein nach Halle über Berlin, der ihr die Ausreise ermöglicht. Erst auf der Fahrt „ging ihr auf: Jakob hatte sie mit einer Rückfahrkarte ausgestattet“. [caption id="attachment_1425" align="aligncenter" width="446"] Während des Aufstandes in Berlin im Juni 1953 ist auch Gesine Cresspahl in Berlin bei Anita Gantlik[/caption] Den Sommer verbringt Gesine bei Anita in Berlin, die ihr eine Zuzugsgenehmigung besorgt, im Herbst will sie ihr Studium in Frankfurt am Main fortsetzen, doch: „Als ich auf die Gebührenkarte sah, gab ich auf.“ Sie macht eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, denn: „Überhaupt wollte ich bloß die Sprache.“ Ausbildung und Lebensunterhalt verdient sie sich mit Jobs, unter anderem in der Küche der Sprachenschule. Zu Marie, der sie all das erzählt, sagt sie: „Hier hast du unsere Legende vom Tellerwäscher.“ Nach der Ausbildung zieht sie nach Düsseldorf-Flingern um, wohnt bei einer kommunistischen Vermieterin. Jakob kommt sie besuchen, die Tochter kommentiert: „Er hätte bleiben können.“ Aber er tut es nicht und kommt bei der Rückkehr ums Leben.

„Als der Selbstmord mir verboten wurde, war er beinahe vergessen. – Wer hat denn dir etwas zu untersagen, Gesine? – Das war eine kräftige Person. Wenn ich ihr einen Finger in die Handfläche steckte, machte sie eine Faust; [...]. Eine zufriedene Person, schlief ausdauernd, wachte auf mit leisen Kehllauten. Vier Wochen später sah sie mich an, als vertraute sie mir.“

 

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Literatur: Thomas Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur. Ein Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der Universität Rostock, Köln 1969 (Nachdruck 1994). Orte des Erinnerns: Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, hg. v. Annette Kaminsky, Ruth Gleinig, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin 32016, S. 291f. Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung. Alexandra Kleihues, Gräser alias Grese? Die Jahrestage im Kontext des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses, in: Johnson-Jahrbuch 13 (2006), S. 197-221. Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012. Claudia Taake: Angeklagt: SS-Frauen vor Gericht. Diplomarbeit Uni Oldenburg, 1998, S. 50-66.

von <a href="http://blogs.faz.net/cresspahl/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Die Woche mit Frau Cresspahl ein Blog von FAZ.NET.

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Akademisierung als Hoffnung für die Pflege? http://blogs.faz.net/blogseminar/?p=5997 http://blogs.faz.net/blogseminar/?p=5997#comments Fri, 17 Aug 2018 16:07:14 +0200 Jessica Bürger http://blogs.faz.net/blogseminar/akademisierung-als-hoffnung-fuer-die-pflege/ An der Uni Lübeck können Studierende in vier Jahren einen dualen Bachelor in „Pflege“ absolvieren. Doch ist die Akademisierung eine Antwort auf den Fachkräftemangel der... Mehr

von Jessica Bürger erschienen in Blogseminar ein Blog von FAZ.NET.

Blogseminar

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An der Uni Lübeck können Studierende in vier Jahren einen dualen Bachelor in „Pflege“ absolvieren. Doch ist die Akademisierung eine Antwort auf den Fachkräftemangel der Branche?

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[caption id="attachment_6002" align="alignnone" width="620"] In der Pflege fehlt es an Fachkräften - um diesem Problem entgegenzukommen, bieten immer mehr deutsche Hochschulen duale Bachelorstudiengänge an, wie hier an der Uni zu Lübeck.[/caption] Dem Pflegeberuf mangelt es an Nachwuchs und das, obwohl die Gesellschaft in Deutschland beschlossen hat, immer älter zu werden. Momentan kümmern sich um 3,3 Millionen Pflegebedürftige rund 1,1 Millionen Menschen - zu wenige, sagt das Bundesministerium für Gesundheit. Demnach müssten allein in der Altenpflege weitere 30.000 Stellen besetzt werden. Die deutschen Hochschulen versuchen einen Beitrag durch duale Pflegestudiengänge zu leisten; dem Pflegeberuf sollen nicht mehr nur Fachkräfte aus der beruflichen Ausbildung, sondern auch aus den Universitäten und Fachhochschulen zuteil werden. Das mündet in eine Verbindung von Theorie und Praxis, Bachelor und Berufsabschluss als Pflegekraft, die in nur wenigen Jahren absolviert werden soll. Eine Herausforderung. Ist das Konzept auch tragfähig? An der Universität zu Lübeck dauert der “duale Bachelorstudiengang Pflege” vier Jahre, 2014 hatte er sein Debüt mit rund 30 Studierenden, von denen circa 20 in diesem Jahr ihren Abschluss machen. Eine der Absolventen ist Frederike Lüth. Die 23-Jährige wollte vor vier Jahren eigentlich in Kiel ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin beginnen, erfuhr dann aber noch während ihrer Bewerbung von dem Pflegestudiengang in Lübeck. “Ich hatte mich bereits über duale Studiengänge in der Pflege informiert”, erinnert sich Lüth, “aber das Konzept in Lübeck, nach dem man zwei Abschlüsse in vier Jahren macht, hat mir am besten gefallen.” Zuerst machen die Studenten nach drei Jahren in einer staatlichen Prüfung ihren beruflichen Abschluss, je nach Schwerpunkt in der Krankenpflege, der Kinderkrankenpflege oder der Altenpflege. Nach einem weiteren Jahr Vollzeitstudium folgt der Bachelor. Die Praxiseinheiten - der praktische Ausbildungsteil im Studium -  sind an einen der zwölf Praxispartner gekoppelt, die sich auf ganz Schleswig-Holstein verteilen. [caption id="attachment_5998" align="alignnone" width="620"] Bevor es an den Patienten geht, übt Frederike Lüth die Handgriffe an einer Puppe.[/caption] Der Praxispartner ist der Grundstein für die Aufnahme an die Universität. Erst wenn die Studenten über einen Ausbildungsvertrag verfügen, können sie sich für das Studium bewerben. Im Studium selbst folgt dann der stetige Wechsel, mal monatlich, mal innerhalb einer Woche zwischen Uni und Unternehmen. Das Wissen, das die Studenten in der Theorie erlernen, kann somit unmittelbar in der Praxis angewendet und überprüft werden. “Natürlich liegt der Fokus in der Theorie, aber auch in der Praxis auf dem wissenschaftlichen Arbeiten”, sagt Lüth - das heißt: Studien lesen und bewerten und sich mit Expertenstandards und Leitlinien auseinandersetzen. In Lüths Augen hilft gerade das wissenschaftliche Arbeiten in der Pflegepraxis. Welche Symptome zeigt der Patient? Welche Maßnahme wäre anhand der Symptome nötig? Was sagen die aktuellen Empfehlungen zu dieser Maßnahme? Und so weiter. Wenn die Studenten am Ende eines können, dann eine gute Literaturrecherche durchführen. "Eine gute Art von anspruchsvoll" Über das wissenschaftliche Arbeiten hinaus hilft den Studenten die Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen und Fachbereichen, sowohl in Übungen und Seminaren mit den Medizin- oder Physiotherapiestudenten in der Uni als auch in der Praxis. “Wir waren während unserer Praxiseinheiten in der Chirurgie, der Gynäkologie und der Psychiatrie, aber auch in Reha- und Sozialeinrichtungen”, zählt Lüth auf und nennt dabei nur einen Bruchteil der Fachbereiche, welche die Studenten kennen lernen, um einen guten Rundumblick zu bekommen. Sechs Wochen verbringen sie im Durchschnitt auf einer Station oder Einrichtung,  bis sie sich im dritten Studienjahr auf einen Schwerpunkt konzentrieren. Für Lüth hieß das in der Gesundheits- und Krankenpflege, zwischen den Schwerpunkten Intermediate Care, einer Art niedrigschwelligen Intensivpflege, der Geriatrie, der Versorgung alter Menschen, und der Onkologie, also der Versorgung von Krebspatienten, zu wählen. Sie entschied sich für Letzteres und erkannte während ihrer Arbeit, wie wichtig die berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit ist. “Die interprofessionelle Zusammenarbeit”, sagt Lüth, “erlaubt uns, Gespräche mit den anderen Professionen auf Augenhöhe zu führen und den Patienten aus einem anderen Blickwinkel heraus zu begegnen.” Seit ihrem Abschluss als Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet Lüth auf einer Schmerz- und Palliativstation, wo es sehr wichtig sei, auf die individuellen Symptome und Schmerzen der Patienten einzugehen. So arbeitet ein Team aus Ärzten, Pflegefachkräften, Physiotherapeuten, Psychologen sowie Musik- und Kunsttherapeuten gemeinsam für jeden Patienten ein eigenes Behandlungskonzept aus. Das macht den Beruf für Lüth so interessant. Es gibt eben kein Schema F, nach dem die Patienten in Fließbandarbeit abgefertigt werden können. Auch wenn das in der Alltagspraxis oft anders aussieht. “Wir wollen, dass unsere Studenten so handeln, wie es dem Patienten am ehesten nützt”, sagt Katrin Balzer, Juniorprofessorin für Evidenzbasierte Pflege an der Uni Lübeck, die den dualen Pflegestudiengang maßgeblich mitentwickelt hat. Die Studenten sollen wissen, wo sie die richtigen Informationen finden, wie sie diese bewerten und, vor allem, am besten in ihr eigenes Handeln integrieren - alles immer mit Blick auf die Bedürfnisse des Patienten und von dessen Familie. Abgesehen davon sollen die Absolventen am Ende jedoch auch in der Lage sein, später Schlüsselstellen in ihrem Beruf belegen zu können. “Wir bilden die Studierenden nicht dezidiert für die Pflegeleitung aus”, sagt Balzer, die Absolventen seien genauso Berufsanfänger wie andere Pflegefachkräfte direkt nach der Ausbildung auch und müssten zuerst einmal Erfahrungen in der Patientenversorgung sammeln. Sie hätten allerdings beste Möglichkeiten, sich in die verschiedensten Richtungen weiterzuentwickeln, etwa in die Forschung zu gehen oder in der Praxis neue Strategien und Konzepte zur Unterstützung der Versorgungspflege zu entwickeln. Lüth nennt diese wissenschaftlichen Arbeitsmethoden ihr “Handwerkzeug”. Es ist, neben der Interdisziplinarität und Interprofessionalität des Studiums, der Grund, aus dem sie die Akademisierung der Pflege für sinnvoll hält. “Das Studium ist anspruchsvoll, aber eine gute Art von anspruchsvoll”, sagt sie. Gerade in den Praxiseinheiten sei der Studiengang stark reglementiert. Hinzu kommt, dass in den ersten drei Jahren Anwesenheitspflicht besteht, da die Studenten einen Arbeitsvertrag mit ihrem Praxispartner haben und für ihr Lernen und Arbeiten bezahlt werden. Hoffnung für die Pflege? Grundsätzlich sind die Rückmeldungen zum Studiengang positiv. Auch die Praxispartner äußern sich zufrieden über ihre Studenten. “Sie fragen mehr, sie fragen anders, sie fragen kritischer”, sagt Balzer. Die meisten Pflegestudienplätze an der Uni Lübeck entfallen auf die Gesundheits- und Krankenpflege, an der auch die meisten Berufsbewerber interessiert sind. Der Bereich der Altenpflege muss hingegen unbedingt noch ausgebaut werden, sagt Katrin Balzer: “Ich würde mir noch mehr Studenten mit der Berufsrichtung Altenpflege wünschen, dafür müssen wir definitiv noch mehr junge Menschen durch Praktika und FSJ begeistern.” Die Hoffnung, durch duale Studiengänge in der Pflege das Problem des fehlenden Nachwuchses zu lösen, teilt Balzer nur begrenzt: “Duale Pflegestudiengänge gibt es seit 2004. Bisher machen Absolventen solcher Studiengänge aber erst 1 Prozent der Pflegenden in der direkten Patientenversorgung aus.” Nicht nur die Quantität der Ausbildungs- und späteren Arbeitsplätze müsse sich verbessern, sondern vor allem auch die Qualität. “Ohne Wende bei den Arbeitsbedingungen in der Pflege haben wir in zehn Jahren noch genau das gleiche Problem wie heute”, sagt sie. Bestehende Konzepte in der Pflegeversorgung müssten verbessert oder vielleicht sogar durch vollkommen neue Ideen und Konzepte abgelöst werden. Hier kommt das wissenschaftliche Arbeiten ins Spiel. Hinterfragen und strukturiertes, systematisches Denken hilft den Studenten, die richtigen Akzente in ihrem Beruf zu setzen, sei es in der Pflegeversorgung selbst, in Führungspositionen, in der Forschung oder gar der Politik. Frederike Lüth blickt optimistisch in die Zukunft. Sie kann sich vorstellen, praktische Tätigkeiten auf der Station mit solchen in der Pflegeforschung zu kombinieren, um die Pflege selbst weiterzuentwickeln. Außerdem zieht sie einen Master in Erwägung. “Auf jeden Fall bleibe ich erst einmal in Kiel wohnen, werde hier arbeiten und noch weitere Erfahrungen in der Pflege sammeln”, sagt sie. Den Anschluss zu verlieren, kommt für sie nicht in Frage, dafür sei der Beruf viel zu spannend.

von <a href="http://blogs.faz.net/blogseminar/author/annkatringehrmann/">Ann-Katrin Gehrmann</a> erschienen in Blogseminar ein Blog von FAZ.NET.

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http://blogs.faz.net/blogseminar/akademisierung-als-hoffnung-fuer-die-pflege/feed/ 16
Wirtschaftswunder Apple http://blogs.faz.net/digitec/?p=97 http://blogs.faz.net/digitec/?p=97#comments Fri, 17 Aug 2018 15:09:35 +0200 Alexander Armbruster http://blogs.faz.net/digitec/2018/08/17/wirtschaftswunder-apple-97/ Apple ist als erster privates Unternehmen der Welt an der Börse mehr Wert als 1 Billion Dollar. Warum eigentlich? Wieso ist das iPhone so erfolgreich? Darum geht es in unserem neuen Podcast. Wir... Mehr

von Alexander Armbruster erschienen in F.A.Z. Digitec Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Digitec Podcast

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Wenn Sie übrigens mehr wissen wollen über die technologischen Entwicklungen auf der Welt, möchten wir gerne auf unsere neue App "F.A.Z. Digitec" verweisen, die Sie hier finden: iOS: https://app.adjust.com/ku2uhlu Android: https://app.adjust.com/vjh2jmn

von <a href="http://blogs.faz.net/digitec/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in F.A.Z. Digitec Podcast ein Blog von FAZ.NET.

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http://blogs.faz.net/digitec/2018/08/17/wirtschaftswunder-apple-97/feed/ 0
Der Hopfen kehrt zurück http://blogs.faz.net/bierblog/?p=3618 http://blogs.faz.net/bierblog/?p=3618#comments Fri, 17 Aug 2018 12:25:15 +0200 Tillmann Neuscheler http://blogs.faz.net/bierblog/2018/08/17/der-hopfen-kehrt-zurueck-3618/ Der Bierausstoß stagniert. Dennoch ist die Anbaufläche von Hopfen in den vergangenen vier Jahren um ein Viertel gewachsen. Das hat viel mit dem Erfolg von Craft-Bier zu tun. Mehr

von Tillmann Neuscheler erschienen in Reinheitsgebot ein Blog von FAZ.NET.

Reinheitsgebot

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Der Bierausstoß stagniert. Dennoch ist die Anbaufläche von Hopfen in den vergangenen vier Jahren um ein Viertel gewachsen. Das hat viel mit dem Erfolg von Craft-Bier zu tun.

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In diesen Tagen beginnt in der Hallertau die Hopfenernte. Im größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt – gelegen zwischen München, Nürnberg und Regensburg – gehen die Hopfenbauern trotz des wenigen Regens und der Hitze bislang von einer durchschnittlichen Ernte in diesem Jahr aus. Die frühen Sorten hätten etwas stärker gelitten, sagt Werner Brunner, Stellvertretender Vorsitzender des Verbands Deutscher Hopfenpflanzer: „Wenn es jetzt aber weiter so heiß bleibt und nicht mehr regnet, kann sich das Bild auch bei den anderen Sorten noch verschlechtern“. Im zweitgrößten deutschen Anbaugebiet Elbe-Saale und im fränkischen Anbaugebiet Spalt sieht es schon jetzt schwieriger aus, weil es dort deutlich weniger geregnet hat. Beziffern lassen sich die Ernteausfälle aber noch nicht. Insgesamt geht es der Hopfenwirtschaft aber gut. Die Hopfenanbauflächen wachsen seit Jahren. Im vergangenen Jahr wurde weltweit so viel Hopfen angebaut wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr – und das, obwohl der Bierausstoß rund um die Welt seit Jahren stagniert: Rund 118 000 Tonnen Hopfendolden haben die Bauern von den Reben gepflückt – davon knapp 42 000 Tonnen in Deutschland. Die Anbaufläche ist im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent gestiegen auf 58 700 Hektar. Das entspricht etwas mehr als der Fläche des Bodensees. In den vergangenen vier Jahren legte die Anbaufläche sogar um 27 Prozent zu. Der größte deutsche Hopfenhändler Barth-Haas geht von einem weiteren Anstieg der Anbaufläche aus. Treibende Kraft hinter dem Hopfenboom ist die Ausbreitung der sogenannten Craft-Bier-Bewegung, also handwerklich gebrautem Bier von meist kleineren Brauereien mit deutlich intensiverem Geschmack. Die Craft-Brauer hopfen ihr Bier viel stärker als herkömmliche Brauer: Rund ein Gramm Hopfen werde für ein Liter herkömmliches Bier gebraucht, erklärt Brunner, „Craft-Brauer verwenden für ihre Biere bis zu sieben Mal so viel Hopfen“. Das macht sich in den Bitterwerten bemerkbar. Während ein herbes Pils auf der Bitterkeitsskala einen Wert von rund 30 erreicht, kommen die Lieblingssorten der Craft-Brauer – etwa das Indian Pale Ale (IPA) – auf über 40, oft auch weit mehr. Video aus dem September 2016   Doch es geht nicht nur um den bitteren Geschmack, sondern vor allem um andere Aromen: Anders als herkömmliche Brauer hopfen Craft-Brauer ihr Bier nach dem Brauen ein zweites Mal – für die sogenannte „Kalthopfung“ im Lagertank, die auch „Hopfenstopfen“ genannt wird. Dabei lösen sich weniger die Bitterstoffe im Hopfen, dafür aber die ätherischen Öle. Hierfür werden überwiegend besondere Aromahopfensorten verwendet, während für die herkömmliche Würze am Anfang des Brauens Bitterhopfensorten verwendet werden. Zwar macht Craft-Bier nur rund 2,5 Prozent der global gebrauten Biermenge aus, doch für das Brauen der Craft-Biere werden inzwischen rund 20 bis 25 Prozent der Welthopfenernte benötigt, heißt es im neuesten Bericht von Barth-Haas, den der größte Hopfenvermarkter der Welt einmal im Jahr vorstellt. Auffallend sei auch, dass im Zuge des Erfolgs der stark gehopften Biere auch der Hopfenbedarf beim herkömmlichen Bier wieder zugenommen habe. In Deutschland dominiert die Bittersorte „Herkules“ das Geschehen in den Hopfengärten. Auf knapp 30 Prozent der Anbaufläche wird diese Sorte angebaut. Die Branche arbeitet allerdings auf der ganzen Welt fieberhaft an neuen Sorten und hat zuletzt etliche Neuzüchtungen auf den Markt gebracht – mit klangvollen Namen wie „Saphir“, „Smaragd“, „Citra“ und „Amarillo“. In Amerika haben die Hopfenbauern ihre Anbauflächen für Aromasorten zu Lasten der Bittersorten sogar so stark ausgeweitet, dass sie dem Bedarf vorausgeeilt ist. Im vergangenen Jahr gab es daher eher zu viel Aromahopfen und zu wenig Bitterhopfen. Die größten Hopfenanbauländer sind die Vereinigten Staaten (38 Prozent), Deutschland (33 Prozent) und Tschechien (8 Prozent).

von <a href="http://blogs.faz.net/bierblog/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Reinheitsgebot ein Blog von FAZ.NET.

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Was ein Wirtschaftskrieg ist http://blogs.faz.net/erklaeren/?p=129 http://blogs.faz.net/erklaeren/?p=129#comments Fri, 17 Aug 2018 07:10:29 +0200 F.A.Z. - Feuilleton http://blogs.faz.net/erklaeren/2018/08/17/was-ein-wirtschaftskrieg-ist-129/ Bei einem Wirtschaftskrieg sterben zum Glück keine Menschen. Die Länder, die ihn führen, können einander trotzdem ganz schön schaden. Mit einer Reihe von Tricks, dem anderen das Leben schwer... Mehr

von F.A.Z. - Feuilleton erschienen in Wie erkläre ich’s meinem Kind? ein Blog von FAZ.NET.

Wie erkläre ich’s meinem Kind?

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Strafzölle zum Beispiel auf Stahl bringen Arbeitsplätze in Gefahr: Arbeiter an einem Hochofen der Salzgitter AG.[/caption] Bei einem Wirtschaftskrieg sterben zum Glück keine Menschen. Die Länder, die ihn führen, können einander trotzdem ganz schön schaden. Mit einer Reihe von Tricks, dem anderen das Leben schwer zu machen. Von Alexander Armbruster

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Warum Sami A. zurückgeholt werden muss http://blogs.faz.net/einspruch/?p=322 http://blogs.faz.net/einspruch/?p=322#comments Wed, 15 Aug 2018 16:31:19 +0200 Constantin van Lijnden und Corinna Budras http://blogs.faz.net/einspruch/2018/08/15/der-guerilla-krieg-gegen-die-todesstrafe-322/ Herzlich willkommen zur sechsunddreißigsten Folge des F.A.Z. Einspruch Podcasts! Sie haben diesen Beitrag auf einem Mobilgerät aufgerufen und sehen den eingebetteten Podcast-Player nicht? Dann... Mehr

von Constantin van Lijnden und Corinna Budras erschienen in F.A.Z. Einspruch Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Einspruch Podcast

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Dann klicken Sie bitte hier. Das OVG Münster hat die Entscheidung des VG Gelsenkirchen bestätigt, wonach Sami A. nach Deutschland zurückgeholt werden muss. Die Gefahrenlage in Tunesien spielte dabei allerdings keine Rolle. Die Bayer-Tochter Monsanto wurde in den Vereinigten Staaten zu einer (Straf-)Schadensersatzzahlung von 289 Milliarden Dollar an einen krebskranken Mann verurteilt. Wir erklären, wie es zu der hohen Summe kommt, und warum die Entscheidung mit Wissenschaft reichlich wenig zu tun hat. Das OVG Münster hat einem dunkelhäutigen Mann recht gegeben, der sich gegen eine seiner Ansicht nach rassistisch motivierte Ausweiskontrolle durch die Polizei gewehrt hat. Wir erklären, in welchen Fällen das sogenannte „racial profiling“ zulässig ist, und wann die Polizei zu weit geht. In Berlin wird über die Zulässigkeit eines Legal-Tech-Unternehmens zur Durchsetzung der Mietpreisbremse gestritten. Der Fall erhellt, wie technische Lösung zu einer effektiven Rechtsdurchsetzung führen können, und welche Hindernisse das Rechtsdienstleistungsgesetz dafür derzeit noch bereithält. In den Vereinigten Staaten ist das Unternehmen Fresenius mit dem Versuch gescheitert, eine Hinrichtung zu verhindern, weil der Giftcocktail möglicherweise von dem Unternehmen hergestellte Inhaltsstoffe enthielt. Das gibt uns Anlass, die Praxis der Todesstrafe und die Versuche, ihre Anwendung zurückzudrängen, einmal grundsätzlich unter die Lupe zu nehmen. Den Podcast können Sie gleich hier auf Faz.net hören oder auf folgenden Wegen abonnieren. Sehen Sie hier das gesamte Angebot von F.A.Z. Einspruch – Alles was Recht ist. Shownotes:

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Hatz auf falschen Hasen http://blogs.faz.net/platzfuertiere/?p=586 http://blogs.faz.net/platzfuertiere/?p=586#comments Tue, 14 Aug 2018 19:14:06 +0200 Henrike Schirmacher http://blogs.faz.net/platzfuertiere/2018/08/14/hatz-auf-falschen-hasen-586/ Windhunde fühlen sich beim Spurten pudelwohl. Darum nehmen Herrchen und Frauchen regelmäßig an einer Hetzjagd teil. Wie in jedem Hochleistungssport ist die Karriere jedoch endlich. Mehr

von Henrike Schirmacher erschienen in Der Platz für Tiere ein Blog von FAZ.NET.

Der Platz für Tiere

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Der Trend geht zur Großfamilie.[/caption] [caption id="attachment_598" align="alignnone" width="570"] Erstklassige Sprinter: Greyhounds erreichen Höchstgeschwindigkeiten.[/caption] [caption id="attachment_599" align="alignnone" width="571"] Nach der Kurve geben sie nochmal richtig Gas.[/caption] Eine Freundin warnte mich noch: „Was willst Du auf so einer Posh-Veranstaltung?!“. Tatsächlich verführt die Namensgebung einiger Tiere zu solch einer Behauptung. Es startet eine Hündin namens Victoria vom Monarchenhügel, oder der Rüde Thor vom Tiantaishan. Doch zwischen gegrillter Wurst und Bierzelt tummeln sich auch Tiere namens Sugar und Jaxx Toyboy. Auf den Bänken sitzt ein guter Querschnitt durch die Gesellschaft und fast alle beruflichen Kategorien sind vertreten. Das bestätigt mir auch die erste Vorsitzende des Rennvereins, Katharina Rediske, die ihre Mitglieder und Freunde kennt. Neben einem neugierigen männlichen Irrläufer, der sich von den Menschenmassen um ein „geheimnisvolles Event“ angezogen fühlte, bin ich, so fühlt es sich jedenfalls für den Moment an, die einzige völlig ahnungslose Zuschauerin. Doch Frau Rediske erzählt mir später, es habe reichlich Laufkundschaft gegeben. [caption id="attachment_596" align="alignnone" width="583"] Der Schein trügt: Trotz grauer Haarpracht kommt diese Rasse ordentlich in Fahrt.[/caption] Dem „falschen Hasen“ hinterher Als laienhafter Beobachter an der Rennstrecke habe ich zunächst gar nicht begriffen, welches Wesen die Hundekaliber auf der ovalen Sandbahn so inständig verfolgen. Das Objekt, dem kleine, aber sehr agile Whippets ebenso hinterherhetzen wie überaus athletische und größere Greyhounds, ulkige Afghanen mit wehendem Fell oder auch eine Spezies, die wie in die Jahre gekommen aussieht  und einem Irischen Wolfshund oder Deerhound ähnelt,  ist ein quietschgelbes Flatterband, auch „künstlicher Hase“ genannt. Es wird in diesem Fall von einer umgebauten Zweitakt-Kettensäge gezogen. Geruch und Aussehen der „Beute“ sind nicht entscheidend, allein die Bewegung regt den Hetztrieb der vierbeinigen „Jäger“ an, weshalb die per Funk ferngesteuerte Schleppe immer in Sichtweite vor den Hunden dirigiert werden muss. Das rasselnde Geräusch dieses sonderbaren automatisierten Gefährts begleitet das Publikum unzählige Male im Laufe des Tages. [caption id="attachment_593" align="alignleft" width="386"] Frauchen Corinne Mounier mit ihren Whippets namens Fee und Juri.[/caption] Als Frauchen Corinne Mounier mit ihren beiden kurzhaarigen Windhunden der britischen Rasse Whippet ganz entspannt zur Startbox schreitet, folge ich ihr, um mir das Spektakel ganz aus der Nähe anzuschauen. Niemand hält mich auf. Frau Mounier lädt mich sogar ein, Fotos von ihren beiden jugendlichen Rennkötern namens Fee und Juri zu schießen. All das zeigt mir: Verbissener  Ehrgeiz spielt hier keine Rolle. Wer würde sich schon trauen, eine  Athletin wie 100-Meter-Ass Gina Lückenkemper vor einem Lauf von der Seite aus anzuquatschen? Ein weiterer gravierender Unterschied der Vierbeiner zu ihren menschlichen Pendants überrascht mich noch weniger: Während die einen kurz vor dem Start höchste Konzentration ausstrahlen, geht es in Hünstetten turbulent zu. Der zweijährige Juri ist erkennbar aufgeregt, er bäumt sich an der Leine auf, heult und jault. „Das ist die Vorfreude“, beruhigt sein Frauchen. Endlich wird Juri in seine Startbox gestupst, die Klappe geht zu. Für wenige Sekunden, bis der Startschuss fällt und sich die Vordertür der Box zur Rennbahn hin öffnet, tönt das aufgeregte Jaulen der Whippets synchron aus den verschlossenen Kästen. [caption id="attachment_594" align="alignnone" width="579"] Kaum zu bändigen: Juri flippt vor Freude aus. Den Rennmaulkorb tragen alle vierbeinigen Sprinter, damit sie sich beim Balgen um den falschen Hasen nicht gegenseitig verletzen.[/caption] [caption id="attachment_592" align="alignnone" width="581"] Liebenswürdig: Links im Bild steht die Afghanin und aktive Sprinterin namens Washari von Apsaras. Die Rasse Afghanischer Windhund ist deutlich langsamer als der Greyhound.[/caption] [caption id="attachment_590" align="alignnone" width="581"] Nach dem Rennen gibt es eine Verschnaufpause im schattigen Kofferraum.[/caption] Amateure mit Erfolgssucht Doch mein erster Eindruck, hier ginge es ganz entspannt nur ums Vergnügen, ist nicht ganz richtig. Zwar spielt auf derartigen Amateurveranstaltungen anders als bei Hunderennen im Ausland Pekuniäres tatsächlich keine Rolle. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz darf auf die vierbeinigen Sprinter kein Geld gesetzt werden. Doch in der Realität holt zumindest die bloße Erfolgssucht das eine oder andere Frauchen oder Herrchen ein. Das jedenfalls berichten mir erfahrene langjährige Mitglieder des Rennvereins. Für eine Karriere als Sprinter à la Usain Bolt bleibt einem blutjungen Windhund nicht viel Zeit. Mit sechs Jahren gehört er schon zur Seniorenklasse, mit acht ist es dann endgültig vorbei mit offiziellen Spurts. Das zarte, schon von Natur aus sehr zerbrechliche Knochengerüst, muss im Alter erst Recht vor Verletzungen, die besonders bei Stürzen auf der Rennbahn passieren, geschützt werden. Die Rasse Greyhound, der schnellste Landjäger nach dem Gepard, rast immerhin mit bis zu 70 Stundenkilometern über die Bahn. Nach der Turbo-Karriere aufs Abstellgleis Die Turbo-Karriere ist vergleichbar mit Kinderstars in Hollywood oder spätpubertierenden Popsängerinnen wie Britney Spears. In ihrer jugendlichen Hochphase, wenn Schönheit, vielleicht sogar Talent und Trainingseifer glücklicherweise zusammenfallen und Aufsehen erregen, quetschen ehrgeizige Hundeeltern alles aus ihren Zöglingen heraus. Wird deren Körper zerbrechlicher und der Charakter gar bockig, gilt der Zenit offiziell als überschritten. Das jüngere Geschwisterchen oder eben ein frisch eingekaufter Welpe warten dienstgetreu auf ihren Einsatz. Die ältere Version landet auf dem Abstellgleis und bleibt daheim. Es ist paradox: Obwohl der Windhund ursprünglich als eigenständiger „Jäger“ gezüchtet wurde – die Rasse Barsoi beispielsweise ist in der Lage, ohne menschliche Hilfe, Antilopen in der russischen Steppe einzuholen und zu reißen – führt der den Tieren angeborene und durch Eingriff des Menschen nochmals gesteigerte Hetztrieb im zivilisierten urbanen Raum für Frauchen und Herrchen zu einer selbstauferlegten Leinenpflicht.  Die Vorsitzende Katharina Rediske erklärt es so: „Wenn ein welkes Blatt vom Wind durch die Luft gewirbelt wird, kann das für einen blutjungen Windhund anregend genug sein, die Jagd aufzunehmen.“ Im Stadtbetrieb wäre das per se ein No-Go. Aber sogar in der freien Natur, etwa auf unebener Fläche von Feld, Wald und Wiese würde ein solcher Ausflug für die überzüchteten Tiere mit ihren brüchigen Knochen schnell böse ausgehen. So endet auch der Tag in Hünstetten mit einem verletzten Tier. Niemand trägt die Schuld, heißt es offiziell auf der Webseite des Rennvereins. Eine erhöhte Verletzungsgefahr steckt eben in jedem „Hochleistungssport“. [caption id="attachment_612" align="alignnone" width="645"] Unglück auf der Rennstrecke: Ein Windhund knickt ein und erleidet eine Sportverletzung.[/caption]  

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Sommmerrätsel 2018 – die Diskussion ist eröffnet http://blogs.faz.net/planckton/?p=1775 http://blogs.faz.net/planckton/?p=1775#comments Mon, 30 Jul 2018 17:56:07 +0200 Jochen Reinecke http://blogs.faz.net/planckton/2018/07/30/sommmerraetsel-2018-die-diskussion-ist-eroeffnet-1775/ Liebe Rätselfreunde und -Freundinnen, die Diskussion zum Sommerrätsel ist eröffnet - und die ersten richtigen Lösungen sind bereits eingegangen. Aus Urlaubsgründen erfolgt die Moderation... Mehr

von Jochen Reinecke erschienen in Planckton ein Blog von FAZ.NET.

Planckton

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Brainpool-Prozess steht bevor http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/?p=1513 http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/?p=1513#comments Fri, 06 Jul 2018 17:06:41 +0200 Jan Hauser http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/2018/07/06/1513-1513/ Das Gerichtsverfahren um den Kölner Fernsehproduzenten Brainpool verschiebt sich. Gleichzeitig wird die Verhandlung um wichtige Fragestellungen erweitert. Mitgründer von Brainpool wehren sich damit... Mehr

von Jan Hauser erschienen in Medienwirtschaft ein Blog von FAZ.NET.

Medienwirtschaft

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Das Gerichtsverfahren um den Kölner Fernsehproduzenten Brainpool verschiebt sich. Gleichzeitig wird die Verhandlung um wichtige Fragestellungen erweitert. Mitgründer von Brainpool wehren sich damit gegen den gegen Anteilsverkauf des einstigen Moderators Stefan Raab. Das Gerichtsverfahren um Stefan Raabs Anteile an dem Fernsehproduktionsunternehmen Brainpool verzögert sich, wird dafür aber umfangreicher. Die mündliche Verhandlung vor dem Landgericht Köln war nun nicht mehr am vergangenen Donnerstag vorgesehen, sondern hat sich um eine Woche auf den 12. Juli verschoben. Das teilte das Landgericht der F.A.Z. mit. Gleichzeitig dreht sich der Prozess statt um eine einstweilige Verfügung um drei einstweilige Verfügungen, mit denen Brainpool-Mitgründer und Gesellschafter Jörg Grabosch seinen Abgang aus der Geschäftsführung verhindern möchte. Die französische Banijay-Gruppe kam bislang auf die Hälfte der Anteile an Brainpool, das als Produzent von Raabs Fernsehshows wie „TV Total“ und „Schlag den Raab“ groß wurde und auch Sendungen für Luke Mockridge, Bastian Pastewka oder Carolin Kebekus herstellt. Banijay hat mit dem einstigen Fernsehmoderator Raab den Kauf von dessen Brainpool-Anteilen vereinbart. Mit der Übernahme des Anteils von 12,5 Prozent kommt Banijay auf die Mehrheit am Kölner Fernsehproduzenten. Dadurch wollte Banijay die Mitgesellschafter Grabosch und Andreas Scheuermann aus der Geschäftsführung von Brainpool drängen. Das ist aufgrund einstweiliger Verfügungen nicht gelungen. Immerhin hat Banijay seinen Manager Peter Langenberg als Mitglied der Geschäftsführung installiert, damit er die Interessen der französischen Fernsehgruppe im Unternehmen vertritt. Vor Gericht geht es um drei einstweilige Verfügungen Grabosch erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die Brainpool Beteiligungsgesellschaft: Diese hat es demnach zu unterlassen, eine „Zustimmung zur Abtretung des Geschäftsanteils von Herrn Raab an die Banijay Germany GmbH zu vollziehen“, bevor die Rechtmäßigkeit des Beschlusses abschließend gerichtlich geklärt wurde, wie das Landgericht Köln mitteilt. Das Gericht hat die Verfügung am 16. April erlassen und bezieht sich auf mögliche Beschlüsse einer Gesellschafterversammlung am 20. April (Aktenzeichen 88 O 30/18). Eine weitere einstweilige Verfügung haben Grabosch und Scheuermann beantragt, wonach beide in der Geschäftsführung trotz ihrer Abberufung durch die Gesellschafterversammlung vom 20. April verbleiben (Aktenzeichen 88 O 33/18). Das gilt, bis über die Rechtmäßigkeit der Beschlüsse rechtskräftig entschieden ist, und beinhaltet eine Gesamtvertretung mit dem neuen Geschäftsführer Langenberg. Eine dritte einstweilige Verfügung bezieht sich auf eine vorherige Gesellschafterversammlung am 29. März und bezieht sich ebenfalls auf die Abtretung des Geschäftsanteils von Raab, die zu unterlassen ist, bevor die Rechtmäßigkeit des Beschlusses abschließend gerichtlich geklärt wurde (Az. 88 O 23/18). Gegen alle drei einstweiligen Verfügungen hat Banijay Widerspruch eingelegt, so dass diese nun das Landgericht Köln klären muss. Die Machtfrage im Produktionshaus Brainpool wird damit vor Gericht gestellt. Die Hintergründe zu dem Verfahren: I. „Pussyterror“, Luke oder ein Date im Bett? Der Fernsehproduzent Brainpool steht vor einem gewagten Einschnitt. II. Der Kölner Fernsehproduzent Brainpool streitet sich um die Geschäftsführung. Dazu trägt auch Stefan Raab bei. III. Der Fernsehproduzent Brainpool zankt sich vor dem Landgericht Köln: Darf Stefan Raab seine Anteile an Banijay verkaufen? Mehr im Blog: Stefan Raabs Brainpool-Verkauf kommt vor Gericht Tauziehen um Brainpool: Stefan Raab spielt seine Rolle im Kampf um das Fernsehunternehmen Stylehaul: RTL füttert den Nachwuchs mit Online-Videos RTL baut mit Watchbox das Videoangebot um „Deutschland sucht den Superstar“ zieht nach Amerika Führungswechsel: RTL sucht den digitalen Superstar American Gods: RTL bandelt mit Amazon an Fußball-EM ärgert Pro Sieben Sat 1 Virtual Reality: Der nächste Film dreht virtuelle Runden Fernsehserien aus Europa ziehen um die Welt RTLplus: Neuer RTL-Sender lässt alte Shows aufleben RTL will mehr selbst produzieren Kommentar: Zahlen für RTL mit TV Now Plus TV Now: RTL umwirbt die Zuschauer im Internet Nach dem Dschungelcamp ist vor dem Bachelor: Was RTL-Programmchef Frank Hoffmann plant Kalter Krieg? Nein, danke Kommentar: Wie wir fernsehen RTL zieht mit dem Kalten Krieg in die Zukunft Amazon vor Netflix: Doch die Mehrheit schaut klassisches Fernsehen Ab in die Höhle der Löwen: Gründer lernen jetzt im Fernsehen Laufen Kommentar: Schlag den Raab Mehr zum Thema: Stefan Raab mischt hinter den Kulissen mit Raabs Abgang reißt Lücke bei Pro Sieben Sat.1 Stefan Raabs Erfolgsspur: Wadde hadde gudde gemacht? Stefan Raab tritt ab: Ausstieg total Jörg Grabosch: Der Mann hinter Stefan Raab _____________________________________________________________ F.A.Z.-Blog Medienwirtschaft www.faz.net/medienwirtschaft Twitter: www.twitter.com/jan_hauser Snapchat: hauserhier

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Kater im Klub http://blogs.faz.net/schachblog/?p=1423 http://blogs.faz.net/schachblog/?p=1423#comments Mon, 25 Jun 2018 20:57:06 +0200 Stefan Löffler http://blogs.faz.net/schachblog/2018/06/25/kater-im-klub-1423/ Leuven, Paris, vorher Berlin und Stavanger, demnächst St Louis. Die Schauplätze wechseln, die Protagonisten bleiben die gleichen: Sie heißen Anand, Aronjan, Caruana, Karjakin, Mamedscharow,... Mehr

von Stefan Löffler erschienen in Berührt, geführt ein Blog von FAZ.NET.

Berührt, geführt

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Die Grand Chess Tour ist eine Erfindung von Garri Kasparow. Als der Exweltmeister vor vier Jahren darum kämpfte, die Macht im Weltschachbund zu übernehmen, wollte er durch eine internationale Turnierserie mit allen Stars des Spiels aufzeigen, dass es im Westen potente Geldgeber für Schach gab, die nur darauf warteten, sich bei der FIDE zu engagieren, wenn endlich der umstrittene Präsident Iljumschinow weg wäre. Im ersten Jahr 2015 vereinte die Grand Chess Tour drei Rundenturniere in Stavanger, St. Louis und London mit langer, inzwischen als klassisch bezeichneter Bedenkzeit. Doch die Struktur hielt nur eine Saison. 2016 stiegen die Norweger aus, weil sie ihr Feld lieber selbst zusammenstellen wollten. Die Grand Chess Tour fand ersatzweise Geldgeber in Belgien und Frankreich. Statt einem Turnier mit klassischer Bedenkzeit organisierten sie jeweils ein kürzeres Turnier mit kürzerer Bedenkzeit. So wurde die Tour zu einer Mischung aus je zwei Turnieren mit klassischer Bedenkzeit und zwei Turnieren, die Schnellschach und Blitzschach kombinieren. [caption id="attachment_1431" align="aligncenter" width="337"] In Paris wurde in einem Vivendi-Fernsehstudio ohne Publikum gespielt (Foto: Lennart Ootes)[/caption] 2017 kam ein dritter kombinierter Schnell- und Blitzwettbewerb dazu, der im Anschluss an das klassische Turnier in St Louis stattfand. Heuer ist St Louis das einzige klassisches Turnier der Tour. In London wartet am Ende der Tour kein Rundenturnier mit klassischer Bedenkzeit sondern ein verkürzter Wettbewerb in London mit den vier bis dahin Punktbesten. In einem Halbfinale und Finale stehen jeweils klassisches, Schnell- und Blitzschach auf dem Programm. Alles zusammenzuwerfen passt zu einer anderen Idee Kasparows, nämlich einem „universellen Ratingsystem“, das Partien mit klassischer, schneller und Blitzbedenkzeit vereint auswertet. Die FIDE hat dafür drei getrennte Weltranglisten. Doch selbst in Zusammenhang mit der Grand Chess Tour findet die universelle Rating kaum Beachtung. Dafür bemerkten viele, dass Sergei Karjakin so erfolgreich blitzte, dass er zwischenzeitlich kurz davor war, Carlsen in der Blitzweltrangliste der FIDE von Platz eins zu verdrängen, bevor er zwei spektakuläre Niederlagen gegen Maxime Vachier-Lagrave und gegen Schachrijar Mamedscharow (mal wieder mit einem wilden g-Bauern) kassierte. Am zweiten Blitztag, dem letzten Tag in Paris (alle Partien zum Nachspielen), glückte Karjakin dann kaum noch etwas. [caption id="attachment_1425" align="aligncenter" width="348"] Dank starker Resultate im Schnellschach führt Wesley So (rechts, beim Handschlag mit Lewon Aronjan in Paris) die Grand Chess Tour an (Foto: Lennart Ootes)[/caption] Am stärksten und konsistentesten spielte in Paris Hikaru Nakamura. Die drei Tage Schnellschach schloss er auf Platz zwei ab, wobei er Vishy Anand in einer eindrucksvollen Kampfpartie besiegte. Hier startete Nakamura mit 43. ... Kh6 zum Königsmarsch ins weiße Lager. [fen]2R5/1p4kp/1q4p1/pBNPp2n/P3Pp2/5P1P/1P4P1/5K2 b - - 0 1[/fen] [caption id="attachment_1433" align="aligncenter" width="265"] Hikaru Nakamura blitzte am stärksten (Foto: Lennart Ootes)[/caption] Im Blitzen zog Nakamura dann an allen vorbei, während Wesley So vom ersten auf den dritten Platz zurück fiel. Der Amerikaner, der im Kandidatenturnier mangels Trainern und Sekundanten keine Rolle spielte, zeigte sich bei beiden Turnieren im Schnellschach nun von seiner besten Seite. Vorige Woche im belgischen Leuven war er dabei so stark, dass sein Vorsprung auch über seine schwächere Disziplin, das Fünf-Minuten-Schach, hielt. Nach zwei Turnieren führt So, der die Tour schon einmal 2016 gewann, die Gesamtwertung vor Nakamura und Karjakin an. Auch Lewon Aronjan und Maxime Vachier-Lagrave haben noch gute Chancen, unter die ersten vier zu kommen und sich für das Abschlussturnier im Dezember in London zu qualifizieren. Die Grand Chess Tour folgte anfangs dem Vorbild des Weltcups vor dreißig Jahren. Auf die Beine stellte ihn die damals aktive Grand Master Association. Die sechs Turniere der 1988 und 1989 über einen Zeitraum von 18 Monaten laufenden Serie setzten damals neue Maßstäbe. Eine zweite Weltcupserie wurde 1991 abgebrochen, weil der damals dominierende Garri Kasparow im Streit ausschied, was auch das baldige Aus für Grand Master Association einläutete. [caption id="attachment_1424" align="aligncenter" width="336"] Weltmeister Carlsen ist bei der Grand Chess Tour nur auf einem Foto von 2017 dabei (Foto: Lennart Ootes)[/caption] Nun ist es Carlsen, der abgesagt hat. Dass sich der Norweger für kurz nach seinem WM-Kampf nicht zum Tourturnier in London verpflichten wollte, ist auch der tiefere Grund für den verkürzten neuen Modus in London. 2015 und 2017 hat der Weltmeister die Tour gewonnen. Schon im letzten WM-Jahr 2016 waren ihm vier Tourtermine zu viel. Damals sagte der Weltmeister wenigstens für die beiden Schnell- und Blitzturniere zu und wurde dafür mit Wildcards nominiert. Heuer steht im November wieder ein WM-Kampf an, und dieses Mal lässt Carlsen die Tour gleich komplett aus. (Update: Das stimmt nicht mehr. Carlsen hat eine Wildcard für St. Louis angenommen.) Ein anderer Name, den man auf der Grand Chess Tour vermisst, ist Ding Liren. Beim Kandidatenturnier in Berlin blieb der Chinese als einziger ungeschlagen und empfahl sich mit ansehnlichem Spiel, öfter eingeladen zu werden. Zudem rückte auf Platz vier der Weltrangliste vor. Im Unterschied zu Ding wenigstens eine Einladung hatte Wladimir Kramnik, der in Berlin mit wagemutigem Spiel viel beitrug, dass das Kandidatenturnier als eines der interessantesten Turniere überhaupt in die Schachgeschichte einging. Dem Russen war die ganze Tour aber zu viel. So bekam er für Paris eine Wildcard. Bewährt hat es sich nicht. Am Ende bewahrte Kramnik den anderen Berliner Helden Fabiano Caruana vor dem zweifelhaften Los, in Paris Letzter zu werden. [caption id="attachment_1429" align="aligncenter" width="405"] In Leuven wurde im prachtvollen Rathaussaal gespielt - Caruana (rechts) wäre wohl lieber ganz woanders (Foto: Lennart Ootes)[/caption] Schon in Leuven war dem Amerikaner anzumerken, dass er eigentlich lieber woanders wäre, nämlich bei der Vorbereitung auf seinen WM-Kampf im November gegen Carlsen. Sowohl in Leuven als auch in Paris zeigte er sich nur an einem der fünf Tage in Form, nämlich am jeweils dritten Tag des Schnellturniers. Unter den neun Stammspielern der Tour ist Caruana im bisherigen Classement Letzter. Es wäre keine Überraschung, wenn er – die Zustimmung seines persönlichen Sponsors und Geldgebers der nächsten Grand-Chess-Tour-Station St Louis Rex Sinquefield vorausgesetzt – sich mehr Zeit nimmt, WM-fit zu werden und seinen Platz an Sam Shankland abtritt. Amerikas Nummer vier hat bisher ein fantastisches Jahr mit einer Eloleistung über 2800 und würde wohl zu gerne sein erstes Weltklasseturnier bestreiten. Zudem macht es, nachdem Carlsen die Wildcard für St. Louis bekommen hat, Sinn, dass Caruana ihm kurz vor dem WM-Kampf aus dem Weg geht. Caruanas einem WM-Herausforderer wenig würdiges Abschneiden, Carlsens weitgehendes Fehlen, häufige Regeländerungen und zunehmende Kritik an dem eingeschränkten Feld nähren Spekulationen, ob die Grand Chess Tour ein Auslaufmodell ist. Zumal ein bei ihrer Gründung wichtiges Motiv nun wegfällt: Die Tour muss nicht länger eine Alternative zur Iljumschinow-FIDE-Welt bieten. Der Russe wird bei der Präsidentenwahl im Oktober nämlich nicht mehr antreten. Offiziell hat er seinen Rückzug zwar noch nicht erklärt. Doch er darf als sicher gelten, nachdem er dem Kremlpolitiker Arkadi Dworkowitsch, der kürzlich seine Kandidatur angekündigt hat, sein Team vorgestellt - oder darf man schon sagen: überlassen? - hat. Iljumschinows wertvollster verbliebener Verbündeter, der Präsident des Afrikanischen Schachverbands Lewis Ncube, ist bereits bei Dworkowitsch untergeschlupft.  

von <a href="http://blogs.faz.net/schachblog/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Berührt, geführt ein Blog von FAZ.NET.

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Die Digital-Charta ist zurück und sie will noch immer Verfassung sein http://blogs.faz.net/wort/?p=547 http://blogs.faz.net/wort/?p=547#comments Tue, 24 Apr 2018 13:00:47 +0200 Hendrik Wieduwilt http://blogs.faz.net/wort/2018/04/24/die-digital-charta-ist-zurueck-und-sie-will-noch-immer-verfassung-sein-547/ Die Zeit-Stiftung will am Mittwoch die nächste Version ihrer “Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union” veröffentlichen. Darüber spricht dann unter anderem auch die... Mehr

von Hendrik Wieduwilt erschienen in Das letzte Wort ein Blog von FAZ.NET.

Das letzte Wort

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Die Zeit-Stiftung will am Mittwoch die nächste Version ihrer “Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union” veröffentlichen. Darüber spricht dann unter anderem auch die Bundesjustizministerin Katarina Barley. Mir liegt ein aktualisierter Text vom 21. Dezember (PDF) vor und um den soll es offenbar gehen, das teilen jedenfalls mehrere mit dem Thema vertraute Personen mit. Aus dem öffentlichen Diskussionsprozess ist wohl irgendwann ein nichtöffentlicher geworden, denn auf dem offiziösen Internetauftritt steht noch die alte Variante. Die Autoren haben manche der umstrittensten Passagen entschärft - so etwa den von allen Seiten nahezu einhellig verdammten Artikel 5, der aus Sozialen Netzwerken Totalüberwacher gemacht hätte. Harmlos ist das Projekt allerdings noch immer nicht, sieht man sich die Präambel und die einzelnen Artikel näher an - und das lohnt sich, immerhin wurde die Idee einer Digitalcharta inzwischen durch eine Erwähnung im Koalitionsvertrag geadelt. Was ist die “Digital-Charta”? Die Digital-Charta ist ein mit umfangreichen Presseanzeigen beworbenes Projekt der “Zeit-Stiftung”, maßgeblich unterstützt durch den früheren EP-Präsidenten und SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und propagiert von Promis, darunter Heinz Bude, Juli Zeh, Johnny Haeusler, Ulrich Wilhelm, Christoph Keese, Jeanette Hofmann, Sascha Lobo und Rebecca Casati. Es war von Anfang an auf eine Änderung der EU-Verfassung ausgelegt. Manche der Artikel propagierten eine Art Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf Steroiden: Internetanbieter sollten praktisch jedes Ungemach im Keim ersticken: “Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern”, hieß es in der wohl meistkritisierten und nun gestrichenen Passage. Unklar blieb, warum die Promis, Politologen und mit ins Boot geholten Staatsrechtler den Text in Form einer Verfassung gegossen haben, denn diesem Anspruch wurde die Charta an keiner Stelle gerecht. (Details dazu auch auf diesem Blog.) So richtig wissen die Organisatoren wohl noch immer nicht, was sie sein wollen: Das Papier beschreibt sich mal als "Entwurf einer Digital-Charta" (siehe Präambel), mal als "politisches Manifest in Gestalt eines gesetzesähnlichen Textes". Auch der Inhalt ist weiterhin diffus: "Vorschläge für neue Grundrechte" sollen es sein, die in ein "bindendes Grundrechte-Dokument" münden - dann wieder ist die Rede von "Stärkung und Konkretisierung bestehender Grundrechte", was ja gerade nicht nach neuen Rechten klingt. Wo es grad passt, ist wiederum von "geistigen und materiellen Interessen" die Rede, das meint dann wohl die hinter manchem Paragrafen stehende Kreativindustrie. An anderer Stelle geht es dann um "Rechte und Prinzipien", worunter man nun wieder alles und nichts verstehen kann. Zwischenergebnis: Auch bei dieser Version der Charta hat kein Jurist oder gar Staatsrechtler die Schlussredaktion übernommen. Peinliche Paragrafen-Scharade Tatsächlich setzt die "Charta" damit ihre peinliche Paragrafen-Scharade fort: Sie möchte Gesetz sein, weil es sexy klingt und mehr Bumms hat als ein bloßes Thesenpapier - obwohl sie mehr nicht ist. Aufgeplustert beginnt das Werk mit einer bizarren Präambel, in der in Kapitalen geschrieben steht, was "WIR, DIE AUTORINNEN UND AUTOREN" über dies und jenes denken. Die prätentiöse Einleitung wirkt ein wenig wie ein 6jähriger, der sich als "König" zum Karneval einen falschen Hermelinpelz überwirft und huldvoll seine neuesten "Dekrete" von einer Haushaltsrolle abliest. So viel Zeremoniell erlaubt sich nicht einmal die heutige EU-Grundrechtecharta - die beginnt recht trocken und ohne Glamour für die Verfasser. Das Grundgesetz hat auch eine Präambel, dort geht es aber erst einmal um Gott, dann um das deutsche Volk, aber nicht die Verfasser - und sie hält sich kürzer als das lange Intro der Charta-Autoren. Die Charta ist damit quasi das Instagram-Selfie unter den Verfassungen. [caption id="attachment_550" align="aligncenter" width="711"] Präambel der Charta. Spüren Sie die Grandeur?[/caption] Immerhin: Es ist nicht länger verharmlosend die Rede von "einer Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern" - zu den Initiatoren des Textes gehörte immerhin ein gewisser Martin Schulz (SPD) und Springerlobbyist Christoph Keese, also keineswegs Menschen aus der uneigennützig tätigen Zivilgesellschaft. Inhaltlich geht es letztlich um einige fromme Wünsche, überwiegend längst bekannte und debattierte Plattitüden, aber bisweilen auch eher haarsträubende Kulturdiktate. Pluralität per Dekret: Artikel 12 Gefährlich bleibt es in Artikel 12, dort ist weiterhin die Forderung nach zwingendem Pluralismus in sozialen Netzwerken enthalten: "In der digitalen Welt sind Pluralität und kulturelle Vielfalt zu fördern". Das klingt nach dem Wunsch der Bundesjustizministerin Katarina Barley, die Facebook und Co. zwingen will, den Nutzern mehr Gender-Themen zu zeigen. Der Staat würde so zum Weltverleger, zur ganz großen Brille, durch die jeder Nutzer der digitalen Welt künftig blicken muss. Auch Artikel 4 (ehemals Artikel 5) zur Meinungsfreiheit ist in diesem Geist geschrieben: Dieses "Grundrecht" ist eigentlich eine Grundpflicht, denn Betreiber von Plattformen im Internet ("Betreiber öffentlicher Diskursräume") sollen die Beachtung der Grundrechtecharta gewährleisten. Es handelt sich also um eine Art Regulierung im schmeichelhaften Gewand eines Grundrechts. Harmloser, aber wohl etwas redundant sind Sätze wie “Netzneutralität ist diskriminierungsfrei zu gewährleisten” (Art. 11). Ist denn eine diskriminierende Netzneutralität überhaupt neutral? Personenbezogene Daten sollen “nur nach Treu und Glauben” erhoben und verarbeitet werden (Art. 7), was die Autoren aus der bald in Kraft tretenden Datenschutzgrundverordnung abgeschrieben haben. Inwieweit der Art. 7 gegenüber dieser gewaltigen Reform nun ein Fortschritt ist, bleibt rätselhaft - allerdings schwächelten die Initiatoren beim Thema Datenschutz auf ihrer eigenen Seite kürzlich noch derart, dass der Datenschutzbeauftragte aus Hamburg sie zu Nachbesserungen ermahnen musste. Es geht wohl einmal mehr um Wohlklang statt Substanz. Weniger Schutz als im Grundgesetz Undeutlich bleibt Artikel 16: "Im digitalen Zeitalter ist effektiver Arbeitsschutz und Koalitionsfreiheit zu gewährleisten." Hier möchte man fragen: Jetzt erst? Vorher nicht? Artikel 9 unseres bestehenden Grundgesetzes zu lesen kam den Autoren womöglich nicht in den Sinn. Vielleicht finden sie ihre kürzere Formulierung schlicht besser als die in unserer Verfassung. Die Charta bleibt allerdings hinter dem Grundgesetz zurück. Möchten die Charta-Autoren etwa den Schutz der Arbeitnehmer einschränken? Ähnlich verhält es sich mit der Unverletzlichkeit der Wohnung. Man kann sich ein Grundgesetz übrigens kostenlos bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen. Staatsgeheimnisse werden abgeschafft Artikel 5 besteht aus allerlei Vorschriften zu "Automatisierten Systemen". Am Ende soll jedenfalls ein Mensch entscheiden - das steht in dem Paragrafen gleich mehrfach, in Bezug auf Entscheidungen "von erheblicher Bedeutung", solche, die "in Grundrechte eingreifen", aber auch bei solchen über Leben und Freiheitsentzug - sind letztere denn nicht von erheblicher Bedeutung und greifen sie etwa nicht in Grundrechte ein? Egal. Artikel 6 schafft quasi im Vorbeigehen sämtliche Staatsgeheimnisse ab. Er gewährleistet uneingeschränkte Transparenz gegenüber jedermann. Ein Vorbehalt soll nur zum Schutz personenbezogener Daten gelten, also nicht etwa aus Gründen der Sicherheit, der Außenpolitik oder was das Informationsfreiheitsgesetz sonst noch an Ausnahmen kennt. Mit einem Schlag sind sämtliche Archive der Ministerien, aber auch von privaten Unternehmen, sofern sie öffentliche Aufgaben wahrnehmen, offen. Gerichte werden überflüssig Der juristisch wohl größte Knaller verbirgt sich in Artikel 17 und ist ein alter Bekannter: Die Charta soll nämlich nicht nur für staatliche Stellen gelten, sondern "die Rechte und Prinzipien" (was immer das ist) auch gegenüber "nichtstaatlichen Akteuren" greifen. "Dabei ist eine Abwägung mit den Grundrechten dieser Akteure vorzunehmen". Wägt man also Prinzipien mit Grundrechten ab? Egal. Der Artikel widerspricht jedenfalls wie schon die Vorgängerversion unserem Grundgesetz. Denn das sieht eine Grundrechtsbindung gemäß dem - unveränderlichen - Artikel 1 Absatz 3 GG grundsätzlich nur für den Staat vor (Ausnahme: Art. 9 GG). Die Rechtsprechung hat dazu eine lediglich mittelbare Grundrechtsbindung entwickelt. Im Aktienrecht debattiert die Fachwelt seit vielen Jahren, ob ein Unternehmen nun den Aktionärsinteressen dient (shareholder value, so steht es derzeit im Gesetz) oder der Allgemeinheit. Man darf davon ausgehen, dass sich die Charta-Autoren auch mit diesen Diskussionen nicht unnötig aufgehalten haben. Noch immer "Freiheitsfressendes Monster"? Den Verfassern dürfte noch immer nicht klar sein - obwohl ihnen dies von vielen Kritikern mehrfach erklärt wurde -, dass eine totale Grundrechtsbindung für alle nicht bedeutet, dass alle automatisch glücklich sind und Regenbögen ausatmen. Es bedeutet vielmehr, dass über jeden einzelnen Streit künftig das Bundesverfassungsgericht urteilen müsste  und man sich die Ausarbeitung einfacher Gesetze sparen könnte. Beispiel: Wenn ich schlecht gelaunt bin und unter diesem Beitrag einen kritischen (aber legalen!) Kommentar löschen möchte, darf ich das. Künftig würde ich damit gegen das Grundrecht des Kommentators verstoßen, an das ich gebunden bin. Um das zu klären, müssten wir nach Karlsruhe gehen - denn einfache Gerichte haben nicht zu (nachkonstitutionellen) Verfassungsfragen zu entscheiden. Also, wie es zur alten Charta der bloggende Anwalt Thomas Stadler formulierte: "(W)er wacht darüber? Diese Rolle wird selbstverständlich der Staat einnehmen. Was das bedeutet ist klar. Die Charta macht ihn zum Leviathan: zum freiheitsfressenden Monster." Die Freiheit nimmt also deutlich ab und nicht zu. Doch was auch immer die Charta-Autoren im Sinn haben, etwa Kollektivierung, Verstaatlichung, neue Staatsmedien oder einfach nur Selbstmarketing - Freiheit für den Einzelnen ist es ganz sicher nicht. Das muss sich jeder vergegenwärtigen, der diese PR-Sause mit seinem Namen unterzeichnet.

von <a href="http://blogs.faz.net/wort/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Das letzte Wort ein Blog von FAZ.NET.

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