Fazblog http://blogs.faz.net/ Fazblog - Blogs der FAZ Thu, 21 Jun 2018 10:01:02 +0200 de-DE hourly 1 Familien in Sozialen Medien: Stolz und Vorurteil http://blogs.faz.net/schlaflos/?p=128 http://blogs.faz.net/schlaflos/?p=128#comments Thu, 21 Jun 2018 10:00:32 +0200 Anna Wronska http://blogs.faz.net/schlaflos/2018/06/21/familiengeschichten-sozialen-medien-stolz-und-vorurteil-128/ Babyfüße hier, schlaue Kindersprüche da: Die sozialen Medien quellen über vor Familien-Beiträgen. Interessieren die überhaupt jemanden – außer der Familie selbst? Mehr

von Anna Wronska erschienen in Schlaflos ein Blog von FAZ.NET.

Schlaflos

]]>
Super Bild, direkt auf Facebook damit! Oder doch nicht?[/caption] Neulich hat unser Dreijähriger Fahrradfahren gelernt. Meinen Mann inspirierte das zu folgendem Eintrag bei Facebook: „Immer diese stolzen Eltern, die Bilder von ihren Kindern und ihren tollen Taten posten. Aber habe ich erwähnt, dass mein Sohn jetzt Radfahren kann?“ Dazu das obligatorische Bild von Kind auf Fahrrad (mit Helm, von Weitem aufgenommen, Gesicht nicht erkennbar). Für uns mag das ein Tag größter Freude gewesen sein, weil Meisterleistung des Kindes etc. (hatte Ben nicht gestern noch unkontrolliert in meinem Bauch vor sich hingetreten?, nun strampelte er mir einfach davon). Für die meisten Leser auf Facebook war es aber nur wieder ein netter Schnipsel aus irgendeinem Familienalltag. Und das ist auch völlig legitim. Mich interessiert auch nicht alles, was meine Kontakte erleben. Es hat mir nur wieder vor Augen geführt: Facebook und ich haben uns auseinandergelebt, seit ich Mutter bin. Früher habe ich dort ständig etwas gepostet, am liebsten Anekdoten oder Kalauer aus dem Alltag: Der Handwerker, der drei Mal zur Reparatur der Wasseruhr kommt und drei Mal das falsche Werkzeug dabei hat. Der Putz, der von der Decke bröckelt, seit sie oben das Dachgeschoss ausbauen. Der niedliche Hund am Straßenrand auf dem Weg zur Arbeit. Das war natürlich für keinen meiner Facebook-Kontakte von Bedeutung, aber das war nicht schlimm, für mich war es das ja auch nicht. Bei Facebook und Co. geht es, seien wir ehrlich, fast nie um Relevanz. Bei den wichtigeren Dingen des Lebens ist man indes vorsichtiger, was man postet: Berufliches, insbesondere Eigenwerbung, ist nicht allzu gern gesehen (in der Regel zu Recht, wie ich finde). Negatives, insbesondere aus dem Privatleben, behalten viele lieber ebenfalls für sich – schließlich lesen das auch Kollegen, Nachbarn, Schulfreunde von früher, und letztere wollte man eigentlich ohnehin längst entfreunden. In anderen Worten: Viele Facetten des echten Lebens lassen sich – wegen des Inhaltes selbst oder wegen der Leserschaft – nicht in ein Social-Media-Posting pressen. Bei der eigenen Familie potenziert sich das. Denn da wird auf einmal alles bedeutsam: Die Schwangerschaft. Die Geburt. Die Angst. Die Freude. Der erste Schritt, die erste Kotze. Und immer und immer wieder: die Sorge um diesen kleinen Menschen. Für uns selbst bedeutet das alles die Welt, aber für andere eben nicht. Es mag Leute geben, die für all das irgendwie Worte finden und sie gerne unter Klarnamen in den sozialen Medien teilen, ich verurteile das nicht und ich lese es mitunter sogar sehr gerne. Aber diese ganze Eltern-Sache hat mich verändert. Ich habe natürlich auch noch ein Leben jenseits meiner Familie – aber ich bin eben auch ein solches Muttertier (und mein Mann ist genau das Gleiche, in der männlichen Variante), dass es mich selbst manchmal erschreckt. Meine Liebe zu diesem kleinen Kerl macht mich schwach. Sie lässt mich heulend auf dem Sofa sitzen, während er fröhlich seine erste Übernachtungsparty in der Kita feiert. Sie lässt mich auch nach drei Jahren noch nachts horchen, ob er atmet, und ständig überlegen, ob ich alles richtig mache. Das sind Dinge, die gerade bedeutsam für mich sind, die mich jeden Tag beschäftigen. Es hilft, sie im echten Leben zu teilen. Mit Menschen, die es interessiert. Es ist mir nicht peinlich – aber andererseits möchte ich auch nicht, dass meine gesamte virtuelle Freundesliste mich so kennt. Denn wenn ich mir meine Kontakte und meinen Newsfeed so anschaue, wird mir klar: Facebook und Co. sind zu einem nicht geringen Anteil ein Abbild meines früheren Lebens. Der Kommentar eines reizenden Ex-Kollegen auf meine Nachricht (zugegebenermaßen per Whatsapp, aber das ist in diesem Fall vergleichbar), dass ich wieder schwanger sei, lautete: „Wiewaswo? Wie weit biste? Und wieso könnt ihr immer noch nicht verhüten?“ Ich habe einfach keine Lust mehr, auf so einen sicher nicht böse gemeinten, aber geschmacklosen Quatsch eine launige Antwort zu suchen. Für mich sind die sozialen Medien deshalb nicht die richtige Plattform, um mit Menschen, die mir wirklich wichtig sind, Dinge zu teilen, die mir wirklich wichtig sind. Deshalb gibt es weiterhin Kalauer und Anekdoten auf meinem Facebook-Account (es gibt ja auch wirklich viele niedliche Tiere). Und auch einen Eintrag, wenn das zweite Kind da ist. Aber ohne Details. Ohne den Versuch, das in Worte zu fassen, was man da erlebt hat. Und ohne Babyfüße. Die waren schon bei unserem ersten Kind nicht besonders fotogen.

von <a href="http://blogs.faz.net/schlaflos/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Schlaflos ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/schlaflos/2018/06/21/familiengeschichten-sozialen-medien-stolz-und-vorurteil-128/feed/ 2
Dummköpfe erwarten eher eine hohe Inflation als Schlaue http://blogs.faz.net/fazit/?p=10056 http://blogs.faz.net/fazit/?p=10056#comments Wed, 20 Jun 2018 19:07:31 +0200 Gerald Braunberger http://blogs.faz.net/fazit/2018/06/20/dummkoepfe-erwarten-eher-eine-hohe-inflation-als-schlaue-10056/ Moderne Geldpolitik beruht darauf, dass die Menschen vernünftig mit dem Thema Inflation umgehen. Eine neue Studie belegt: Das kann man gerade von vielen Männern nicht erwarten. Finnland ist... Mehr

von Gerald Braunberger erschienen in Fazit - das Wirtschaftsblog ein Blog von FAZ.NET.

Fazit - das Wirtschaftsblog

]]>
Finnland ist ein wirtschaftlich und politisch hoch entwickeltes Land und es besteht kein Anlass zu der Annahme, die Finnen wären im Durchschnitt weniger intelligent als die Bewohner vergleichbarer Länder. Wenn das zutrifft, sollten moderne Zentralbanken über ihren geldpolitischen Instrumentenkasten nachdenken. Eine Ökonomengruppe um den an der Universität oft Chicago lehrenden Finanzprofessor Michael Weber hatte Einblick in Daten über finnische Männer, darunter ihre Intelligenzquotienten. (Frauen kommen in der Studie nicht vor.) Mithilfe ihrer Daten wollten die Forscher Erkenntnisse über den Umgang der Männer mit dem Thema Inflation gewinnen. Weber berichtete von dieser Arbeit auf dem EZB-Forum in Sintra. Im wesentlichen gelangten sie zu zwei Ergebnissen: 1. Männer mit niedrigem IQ schätzen die künftige Inflation viel schlechter ein als Männer mit hohem IQ. Undiplomatisch ausgedrückt: Dummköpfe erwarten in unserer Zeit niedriger Inflationsraten erwarten eher eine hohe Inflation als Schlaue. 2. Männer mit niedrigem IQ haben häufig keine Ahnung, wie man sich in einer Situation, in der höhere Inflationsraten ins Haus stehen könnten, wirtschaftlich sinnvoll verhält. Während Männer mit hohem IQ sehr wohl erkennen, dass es in der Erwartung steigender Preise sinnvoll ist, Konsumausgaben vorzuziehen (das ist das Postulat der Theorie und das Kalkül von Zentralbanken), kommen viele Männer mit niedrigem IQ nicht auf eine solche Idee.   Die Autoren der Arbeit diskutieren nicht nur Schlussfolgerungen für den geldpolitischen Instrumentenkasten, sondern weisen auch auf Verteilungseffekte hin: Im Falle steigender Inflation kommt es zu einer Umverteilung von Menschen mit niedrigem IQ zu Menschen mit hohem IQ, weil die Menschen mit hohem IQ sachgemäßer auf die steigende Inflation reagieren.

von <a href="http://blogs.faz.net/fazit/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Fazit - das Wirtschaftsblog ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/fazit/2018/06/20/dummkoepfe-erwarten-eher-eine-hohe-inflation-als-schlaue-10056/feed/ 3
Scheitert das Strafverfahren gegen Ali B.? http://blogs.faz.net/einspruch/?p=290 http://blogs.faz.net/einspruch/?p=290#comments Wed, 20 Jun 2018 18:25:49 +0200 Constantin van Lijnden und Corinna Budras http://blogs.faz.net/einspruch/2018/06/20/folge-30-scheitert-das-strafverfahren-gegen-ali-b-290/ Sie haben diesen Beitrag auf einem Mobilgerät aufgerufen und sehen den eingebetteten Podcast-Player nicht? Dann klicken Sie bitte hier.   Herzlich willkommen zur dreißigsten Folge des... Mehr

von Constantin van Lijnden und Corinna Budras erschienen in F.A.Z. Einspruch Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Einspruch Podcast

]]>
Dann klicken Sie bitte hier.   Herzlich willkommen zur dreißigsten Folge des Einspruch Podcasts!   Es scheint, als käme die strafrechtliche Aufarbeitung des Dieselskandals in Gang. Mit Rupert Stadler sitzt erstmals ein Automobilvorstand in deutscher (Untersuchungs-)Haft. Zugleich wurde VW mit einem Bußgeld von einer Million Euro belegt – der Großteil davon ist allerdings keine Strafe, sondern eine Abschöpfung unerlaubt erwirtschafteter Gewinne. Die Rückholung des mutmaßlichen Mörders von Susanna F. erinnert an einen Stunt. Für ihr resolutes Vorgehen erntete die Bundespolizei viel Lob – doch aller Voraussicht nach hat sie damit gegen das Recht verstoßen. Wir besprechen, ob sich daraus auch ein Hindernis für ein Strafverfahren gegen den Beschuldigten ergibt. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat Angela Merkel eine Frist bis zum Monatsende gesetzt, um eine europäische Lösung auf das Zuwanderungsproblem zu finden. Wir diskutieren, wie diese aussehen könnte – und welche Konsequenzen drohen, falls Seehofer sie nicht für ausreichend hält. Auch die Vereinigten Staaten werden vom Thema Zuwanderung in Atem gehalten. Dort werden mexikanische Immigrantenfamilien inzwischen nach Grenzübertritt von ihren Kindern getrennt. Was nach purem Sadismus klingt, hat gewisse rechtliche Gründe – doch zwingend ist dieses martialische Vorgehen nicht. Nachdem das besondere elektronische Anwaltspostfach Ende vergangenen Jahres in einem spektakulären Fiasko wegen Sicherheitsmängeln vom Netz genommen werden musste, liegt uns nun ein von der Bundesrechtsanwaltskammer in Auftrag gegebenes Gutachten der IT-Sicherheitsfirma Secunet exklusiv vor. Wir diskutieren die Pläne zur Wiederinbetriebnahme des Anwaltspostfachs und die Klage, die die Gesellschaft für Freiheitsrechte wegen mangelnder Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gegen die Bundesrechtsanwaltskammer eingereicht hat.   Den Podcast können Sie gleich hier auf Faz.net hören oder auf folgenden Wegen abonnieren. Sehen Sie hier das gesamte Angebot von F.A.Z. Einspruch – Alles was Recht ist.   Shownotes:   Stadler in Untersuchungshaft: http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-19/stadlers-sturz/103407.html http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-19/automanager-hinter-gittern-nun-sind-es-fuenf/103403.html https://www.justiz.bayern.de/gerichte-und-behoerden/staatsanwaltschaft/muenchen-2/presse/2018/12.php   Rückholung von Ali B.: http://einspruch.faz.net/einspruch-magazin/2018-06-20/auslieferung-des-rechts/104029.html http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-14/wie-aus-einer-wiedereinreise-ein-stunt-wurde/101017.html http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-15/wie-der-fall-bashar-die-planung-der-behoerden-ueberholte/101849.html https://verfassungsblog.de/wurde-ali-b-rechtswidrig-aus-dem-irak-nach-deutschland-geholt/   Möglichkeit der Zurückweisung an der Grenze: http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-15/zulaessige-zurueckweisung/101781.html   EU-Reformbestrebungen beim Asylrecht: http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-20/eu-prueft-asylzentren-in-afrika/103965.html   Trumps „zero tolerance“-Politik an der Grenze: http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-19/eine-moralische-nation-die-gesetze-und-das-herz/103385.html   Gutachten in Sachen Anwaltspostfach: Ein ausführlicher Beitrag geht gegen 19:30 unter http://einspruch.faz.net online.   Gerechtes Urteil: http://einspruch.faz.net/recht-des-tages/2018-06-20/eine-reichsbuergerin-allgaeuer-buergermeisterin-suspendiert/104083.html

von <a href="http://blogs.faz.net/einspruch/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in F.A.Z. Einspruch Podcast ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/einspruch/2018/06/20/folge-30-scheitert-das-strafverfahren-gegen-ali-b-290/feed/ 2
Vom Kreml an die Schachspitze? http://blogs.faz.net/schachblog/?p=1415 http://blogs.faz.net/schachblog/?p=1415#comments Tue, 19 Jun 2018 17:28:20 +0200 Stefan Löffler http://blogs.faz.net/schachblog/2018/06/19/vom-kreml-die-schachspitze-1415/ Russland will in der FIDE das Sagen behalten. Darum schickt der Kreml ein politisches Schwergewicht vor. Arkadi Dworkowitsch hat seine Kandidatur für die Wahl während der Schacholympiade im... Mehr

von Stefan Löffler erschienen in Berührt, geführt ein Blog von FAZ.NET.

Berührt, geführt

]]>
bekanntgegeben. Zehn Jahre war er die rechte Hand des früheren Präsidenten und heutigen Ministerpräsidenten Russlands Dimitri Medwedew. Bis Mai war Dworkowitsch selbst einer von dessen Stellvertretern. Derzeit steht der 45 Jahre alte Wirtschaftsexperte dem Organisationskomitee der Fußball-WM und Russlands IT-Schmiede Skolkowo-Stiftung vor. Aber es geht Russland sicher um mehr, als einem verdienten Staatsmann ein weiteres Amt zu verschaffen. Dworkowitsch soll wohl auch beitragen, das durch Staatsdoping ramponierte Image der Sportnation Russland aufzubessern. [caption id="attachment_1416" align="aligncenter" width="357"] Arkadi Dworkowitsch - jetzt OK-Vorsitzender der Fußball-WM, ab Oktober FIDE-Präsident? (Foto: Kreml)[/caption] Auch der bisherige Schachpräsident kommt aus Russland. Kirsan Iljumschinow wurde 1995 als nahezu Unbekannter an die Spitze der FIDE gehievt, weil sich sein Vorgänger Florencio Campomanes und dessen linke Hand Georgios Makropoulos in wirtschaftlich schwierigen Zeiten an der Kasse vergriffen hatten. Obwohl Iljumschinow nichts Besseres zu tun wusste, als die beiden binnen kurzer Zeit zu rehabilitieren, Saddam Hussein die FIDE-WM anzutragen und in Interviews von Treffen mit Außerirdischen, die seiner Meinung nach Schach erfunden haben, zu schwadronieren, wurde er nicht rasch wieder davon gejagt. Im Gegenteil labte sich eine Generation an Funktionären an kalmückischem Kaviar und an Geld, das Iljumschinows Landsleuten in einem der ärmsten Landstriche Russlands bitter vermissten. Larissa Judina, eine Aufdeckungsjournalistin, wurde von Iljumschinows Schergen ermordet, seine Verwicklung allerdings nicht bewiesen. Er scheffelte Millionen mit Steuersparmodellen für russische Firmen, die sich in Kalmückien registrierten, bis Moskau das Geschäft abdrehte. Die Korruption blühte im Weltschach nie wieder so schön wie Ende der Neunzigerjahre. Die Verbundenheit vieler FIDE-Delegierter blieb ihm. Kritik lächelte Iljumschinow weg. So lange er die Schachfamilie teilhaben ließ und niemand persönlich angriff, glaubte er, sich alles erlauben zu können. Erst dass er zwischen dem syrischen Diktator Bashar al-Assad und der Terrororganisation Islamischer Staat Ölgeschäfte abgewickelt haben soll und in der Folge auf eine Sanktionsliste des Amerikanischen Schatzamts geriet, läutete sein Ende ein. Als Folge kündigte die UBS im Februar an, die Bankkonten der FIDE zu schließen, und im April machte die Schweizer Bank ernst. Derzeit wickelt die Schachföderation ihre Finanzen über Treuhänder ab. Offiziell kandidiert Iljumschinow weiter für eine siebte Amtszeit. Laut einem Sprecher wird er sich erklären, nachdem am Wochenende die FIDE-Ethikkommission und kommenden Dienstag der Russische Schachverband getagt haben. Nach seinem absehbaren Rückzug verlieren die zwei weiteren Kandidaten ihr zentrales Motiv, den unhaltbaren Iljumschinow abzulösen. Der stellvertretende Präsident Georgios Makropoulos, der seit 1986 zum engsten Führungskreis zählt und seit Iljumschinow auf der Sanktionsliste steht ohnehin die Geschäfte führt, hat mehreren reichen Männern angeboten hat, sich in die FIDE-Präsidentschaft einzukaufen, bevor er selbst in den Ring stieg. Nun wird der Grieche wohl das Gespräch mit Dworkowitsch suchen. Auch Nigel Short kandidiert. Der englische Schachprofi und Vizeweltmeister 1993 hat allerdings zu wenige Verbände hinter sich, um im Machtpoker ernsthaft eine Rolle zu spielen. Das kann eher sein Landsmann Malcolm Pein, der mit einem Übergangspräsidenten Makropoulos als dessen Stellvertreter und designierter Nachfolger kandidieren wollte (Offenlegung: Pein leitet die englische Charity Chess in Schools and Communities, für die ich seit Jahren das Programm der London Chess Conference gestalte). Dworkowitsch, der in dem kanadischen Schachblogger Kevin Spraggett offenbar einen großen Fan hat, vermittelte dem russischen Schachverband, der FIDE und ihrer Veranstaltungsfirma Agon zahlreiche Geldgeber. 2009 bis 2013, also vor Andrei Filatow, war er der mächtigste Mann im Russischen Schachverband. Als Anatoli Karpow 2010 die Unterstützung seines Verbands für seine damalige Kandidatur als FIDE-Präsident reklamierte, griff Dworkowitsch ein. Hinter seinem Rücken hatte der damalige Geschäftsführer Alexander Bach, ein langjähriger Vertrauter Karpows eine Parallelsitzung des Aufsichtsrats organisiert. Dworkowitsch sorgte für Bachs Rücktritt und ließ die Sitzung ungültig erklären. Der Russische Verband stellte sich dann hinter Iljumschinow. Karpows damals gescheiterte Finte dürfte der Grund sein, warum der lange für eine Kandidatur gehandelte und offenbar Ende Mai dazu bereite Exweltmeister dem Kreml nicht als zuverlässig genug gilt, um an die Schachspitze gehievt zu werden, so dass Dworkowitsch nun selbst kandidiert. Im Unterschied zu Karpow ist er unter den Delegierten kaum bekannt und wird wohl einseitig als Interessenvertreter Russlands wahrgenommen. Dworkowitsch ist nicht die einzige Verbindung zwischen dem Kreml und dem Schach. Alexander Schukow, der Vorsitzende der Russischen Duma, war bis 2009 Präsident des Russischen Schachverbands und bis Mai Präsident des Russischen Olympischen Komitees. Putins Pressesekretär Dimitri Peskow steht dem Aufsichtsrat des Russischen Schachverbands vor. Dworkowitsch verdankt seinen Einstieg in die Putin-Nomenklatur kurioserweise ein Stück weit einem der größten Putin-Kritiker. Sein Vater Wladimir leitete Anfang der Neunzigerjahre Garri Kasparows Team und war ein enger Vertrauter. Später verfasste Kasparow Empfehlungsschreiben, die Dworkowitsch zu einem Master-Studium an der renommierten Duke University verhalfen. Zu Weggefährten hat es die beiden allerdings nicht gemacht. Sich geschmeidig von Freunden zu lösen, gelang Dworkowitsch anscheinend auch in jüngerer Zeit. Sein enger Freund seit dem gemeinsamen Wirtschaftsstudium Sijawudin Mahomedow wurde Ende März verhaftet wegen Verdacht auf Bereicherung an einem staatlichen Bauauftrag am WM-Stadion in Kaliningrad. Wenige Tage später übernahm Dworkowitsch den Vorsitz im WM-Organisationskomitee.

von <a href="http://blogs.faz.net/schachblog/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Berührt, geführt ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/schachblog/2018/06/19/vom-kreml-die-schachspitze-1415/feed/ 0
Schwarzweißmalerei auf frechste Weise http://blogs.faz.net/comic/?p=1213 http://blogs.faz.net/comic/?p=1213#comments Mon, 18 Jun 2018 10:05:26 +0200 Andreas Platthaus http://blogs.faz.net/comic/2018/06/18/schwarzweissmalerei-auf-frechste-weise-1213/ Der berühmte Karikaturist Gerhard Haderer hat mit Peter Turrinis Skandal-Theaterstück „Rozznjogd“ genau den richtigen Stoff für einen Comic gefunden. Mehr

von Andreas Platthaus erschienen in Comic ein Blog von FAZ.NET.

Comic

]]>
https://www.book2look.com/book/978-3-7099-3415-9&biblettype=html5). Alles ist tatsächlich wie auf einer Bühne, außer dass sich Haderer größere Totalen zu Beginn und Schluss erlauben kann, als es ein Theater jemals könnte. Doch gerade die Strenge der ins Bild gesetzten Theatralik ist die größte Stärke dieses Comics, obwohl das paradox erscheinen mag, denn gemeinhin gewinnt eine Adaption, wenn sie sich von der literarischen Vorlage löst. Das tut „Rozznjagd“ aber auch – dadurch nämlich, dass hier zwar Turrinis Figuren spielen, sie aber als typische Haderer-Akteure auftreten: bewusst hässlich proträtiert, Zerr- und Witzfiguren vom ersten Auftritt an. Der Comic gibt damit eine Eindeutigkeit vor, die lebenden Akteuren auf der Bühne schwerfallen würde, wenn sie nicht Gefahr laufen, grotesk erschienen zu wollen. In einem Comic stört das nicht. Was auf den ersten Blick auf Haderer „Rozznjogd“ störend wirken könnte, ist die Entscheidung, jeweils auf den linken Seiten die hochdeutsche Übersetzung des im österreichischen Dialekt gehaltenen Turrini-Textes abzudrucken. Solche schriftlichen „Simultanübersetzung“ kenne wir aus Film (Untertitel) und Oper (Übertitel), aber Seitentitel wie hier habe ich noch nie gesehen (wenn man mal von zweisprachigen Gedichtausgaben absieht). Zudem hat Haderer die Panelrahmen und Sprechblasen des fertig gezeichneten Comics auf die jeweils linken Seiten übertragen, so dass die hochdeutsche Fassung eine Art Geisterausgabe des eigentlichen Geschehens bietet – wie Stimmen aus dem Nebel. Aber wenn man sich ans Hinüberspringen von der eigentlichen Comic- auf die Übersetzungsseite gewöhnt hat, erweist sich diese Reduktion als klarer Vorteil. Zumal dadurch die eigentliche Bildergeschichte nicht zerschlagen wird. Wer das Österreichische gut genug versteht – und es ist selbst für einen Rheinländer wie mich nicht nötig, oft Hilfe von links zu suchen –, der kann einfach für sich die linken Seiten ausblenden. Und der grundlegende Schwarzweißkontrast von Haderers Zeichnungen, bekommt durch die Zweiteilung des Comics in die dunklen Comic- und die nahezu weißen Übersetzungsseiten noch eine Verstärkung. „Rozznjogd“ ist nun mal ein Schwarzweißstück. Ein dickes Lob dem Haymon Verlag, dass sie diese ungewöhnliche Form der Übersetzung gewagt haben. Überhaupt Haymon. Es ist ja nichts Besonderes mehr, dass literarische Verlage auch Comics ins Programm nehmen, besonders gerne Adaptionen von Romanen oder Dramen (siehe die Bernhard-Comics von Nicolas Mahler bei Suhrkamp, um nur das erfolgreichste Beispiel zu nennen). Aber so wie Suhrkamp klugerweise auch fast nur Suhrkamp-Autoren adaptieren ließ und damit ein eigenes Profil fürs Comicprogramm des Hauses schuf, hat der österreichische Verlag Haymon nun ein österreichisches Traumpaar ausgewählt (obwohl Turrini Suhrkamp-Autor ist und also Haderers Version der „Rozznjogd“) auch dort gut hätte erschienen können.. Und bald wird beim österreichischen Residenz-Verlag, der renommiertesten literarischen Adresse des Landes, Bernhards mehrbändige Autobiographie als Comic erschienen. Unser Nachbarland ist uns in Sachen qualitätvoller Comic-Adaptionen erstaunlich weit voraus.

von <a href="http://blogs.faz.net/comic/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Comic ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/comic/2018/06/18/schwarzweissmalerei-auf-frechste-weise-1213/feed/ 0
Von Deutschland-Fähnchen und Windmühlen http://blogs.faz.net/blogseminar/?p=5911 http://blogs.faz.net/blogseminar/?p=5911#comments Sun, 17 Jun 2018 12:42:51 +0200 Max Stange http://blogs.faz.net/blogseminar/von-deutschland-faehnchen-und-windmuehlen/ In einer Leipziger Mensa wurde vor dem WM-Auftakt der Nationalmannschaft eine Dekoration mit Deutschland-Wimpeln zerstört. Was steckt wohl hinter diesem Akt? Überlegungen in zerstörter Kulisse. Mehr

von Max Stange erschienen in Blogseminar ein Blog von FAZ.NET.

Blogseminar

]]>
In einer Leipziger Mensa wurde vor dem WM-Auftakt der Nationalmannschaft eine Dekoration mit Deutschland-Wimpeln demoliert. Was steckt wohl hinter diesem Akt? Überlegungen in zerstörter Kulisse.

***

Und wieder einmal ist es soweit: Anpfiff, der Ball rollt und ein – ästhetisch sicherlich fragwürdiger – Schein in schwarz-rot-gold legt sich über die Probleme und Bedenklichkeiten aller Art. Wichtig ist jetzt nur noch eines: der Titel. Zum fünften Mal Weltmeister. Vielleicht auch noch Bier, Public-Viewing, die ausgelassene Stimmung. Die jetzt nur nicht verderben mit Dieselaffäre oder Ankerzentren, oder Fragen über die Zukunft der EU. Stattdessen: Fahnen und Wimpel überall, neckische Devotionalien an allen Ecken und Enden. Man wird ja wohl noch gute Laune haben dürfen. So ist auch die Leipziger Mensa am Petersteinweg zum ersten Spieltag flott herausgeputzt und dekoriert – sogar ein WM-Schnitzel gibt es. Mit Rotebeete-Soße. Wegen Russland. Lecker. Schmeckenlassen kann man es sich auch, wenn der ganze andere Trubel einen nicht tangiert. Vielleicht sogar nervt. Auf dem Weg raus aus der Mensa dann aber eine veränderte Kulisse. Wie der ärgerliche alte Mann von Nebenan, der den Gästen eines Kindergeburtstags die Luftballons zerplatzt, weil es in dieser Welt nichts zu feiern gibt – so haben hier ärgerliche junge StudentInnen die Wimpel heruntergerissen. Um den falschen Schein zu zerstören? Oder ist die moralisch so selbstsichere und von außen betrachtet einfach nur blöde Don-Quijoterie selbst einer Täuschung aufgesessen? Statt in Windmühlen Riesen zu erkennen, sahen die Genannten wohl in der – eigentlich völlig harmlosen – Fähnchendekoration womöglich den Nationalsozialismus wieder auferstehen. Sie witterten vielleicht eine heimliche Gesinnungsfront von Reichsbürgern, Mensa-Personal und ‚patriotischen’ Macho-Fans. Traurigerweise beweisen sie damit aber selbst nichts als Unverstand und mangelnde Urteilskraft. Ein inferenzieller Kurzschluss von Wimpel auf Wehrmacht und ‚verkehrtes weltanschauliches Bewusstsein’ zeugt eher von politischer und menschlicher Unreife als von ernsthaftem Interesse an politischem Handeln. Allmacht - oder Ohnmacht? Marodierende Pseudo-Moral und abstrakter Eigendünkel bereiten nur denen Kummer, die in bester Absicht und mühevoller Arbeit die Mensa dekoriert haben. Deren Verständnislosigkeit offenbart, dass hier kein gemeinsames Bewusstsein vorliegt. Nicht einmal eine kommunikative Wirklichkeit hat solches Tun also. Man bezeugt damit ebenso großen Respekt vor arbeitenden Menschen (ja! diese Kategorie gibt es), wie wenn man Parolen an Toilettenwände kritzelt (und nein! so etwas weg zu putzen, ist nicht „deren Job“). Das nicht anzuerkennen ist genauso abstrakt, wie es andererseits abstrakt wäre, in den aufgehängten Fähnchen nur ein Zeichen guter Laune zu sehen. Es bleibt fraglich, was überhaupt ein richtiger Begriff politischen Handelns (mithin: politischen Lebens) wäre. Georg Lukács schreibt, die Seele Don Quijotes sei enger als die wirkliche Welt. Für sie wird die Welt „ebenfalls eine engere, als sie in Wirklichkeit ist“. Sein Handeln wird auf diese Weise lächerlich und den Anderen ein Ärgernis. Vor allem zeigt sich aber darin das subjektive Unvermögen, die Welt zu begreifen, wie sie ist. Die psychologische Konstitution der Akteure mag dem entsprechen. Dabei ist aber fraglich, ob hinter ihrem Handeln auch nur unverstandener Idealismus steht, oder nicht vielmehr von bedenkenlosem ‚Politaktivismus’ gesprochen werden müsste. Der ist in Wirklichkeit so apolitisch wie Koksen oder Ausschlafen, Soli-Party oder Stickerkleben. Die bekenntnishafte ‚Politisierung’ der eigenen Pubertät ist allerdings das billigste Surrogat für etwas, das wirklich politisch wäre. Man hebt den einen Schein nicht auf, indem man mit nur scheinbar ‚politischem’ Handeln ein anderes Gespenst heraufbeschwört und damit von dem ablenkt, was eigentlich im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen sollte. Es gibt genug Probleme; genug Gespräche, die endlich geführt werden müssten; genügend wirkliche Wirklichkeit, die – auch denkend – zu bewältigen ist, nicht nur wäre. Wenn Marx meinte, es komme darauf an, die Welt zu verändern, meinte er damit nicht, dass man aufhören sollte zu denken. Was ist denn „Nation“, was ist „Staat“ und in welchem Verhältnis kann einer dazu stehen? Wo beginnt der Bereich der „Politik“ – und wo hört er auf? Man kann solche Überlegungen nicht von sich weisen, ohne sie und damit das gemeinsame Leben in der Zukunft anderen zu überlassen. So sinnloses Handeln wie das Abreißen von Deutschlandfähnchen in der Mensa gibt manchem vielleicht ein Gefühl von Allmacht. Tatsächlich beweisen die Protagonisten damit aber nur die allergrößte Ohnmacht.

von <a href="http://blogs.faz.net/blogseminar/author/annkatringehrmann/">Ann-Katrin Gehrmann</a> erschienen in Blogseminar ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/blogseminar/von-deutschland-faehnchen-und-windmuehlen/feed/ 4
Das Wunder der Künstlichen Intelligenz – Teil 2 http://blogs.faz.net/digitec/?p=50 http://blogs.faz.net/digitec/?p=50#comments Sat, 16 Jun 2018 10:22:17 +0200 Alexander Armbruster http://blogs.faz.net/digitec/2018/06/16/das-wunder-der-kuenstlichen-intelligenz-teil-2-50/ Jürgen Schmidhuber gehört zu den herausragenden Informatikern unserer Zeit. Gemeinsam mit seinem damaligen Studenten Sepp Hochreiter hat er in den neunziger Jahren ein sogenanntes tiefes neuronales... Mehr

von Alexander Armbruster erschienen in F.A.Z. Digitec ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Digitec

]]>
Wenn Sie übrigens mehr wissen wollen über die technologischen Entwicklungen auf der Welt, möchten wir gerne auf unsere neue App "F.A.Z. Digitec" verweisen, die Sie hier finden: iOS: https://app.adjust.com/ku2uhlu Android:  https://app.adjust.com/vjh2jmn

von <a href="http://blogs.faz.net/digitec/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in F.A.Z. Digitec ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/digitec/2018/06/16/das-wunder-der-kuenstlichen-intelligenz-teil-2-50/feed/ 0
43. Lesung: Auslassungen http://blogs.faz.net/cresspahl/?p=1213 http://blogs.faz.net/cresspahl/?p=1213#comments Sat, 16 Jun 2018 07:50:33 +0200 Birte Förster http://blogs.faz.net/cresspahl/2018/06/16/43-lesung-auslassungen-1213/ Gesine Cresspahl ist mit ihrer Familiengeschichte im Jahr 1947 angelangt und kommt nicht weiter. Sie kann ihren Vater nicht aus der russischen Haft entlassen, denn die war viel schlimmer als der... Mehr

von Birte Förster erschienen in Die Woche mit Frau Cresspahl ein Blog von FAZ.NET.

Die Woche mit Frau Cresspahl

]]>
Gesine Cresspahl ist mit ihrer Familiengeschichte im Jahr 1947 angelangt und kommt nicht weiter. Sie kann ihren Vater nicht aus der russischen Haft entlassen, denn die war viel schlimmer als der Tochter bisher offenbart. Was nicht erzählt wird, durch Auslassung wie Übertragung, ist Thema der dreiundvierzigsten Lektürewoche.  

***

Darum geht es in diesem Blog

***

  „– Was hast Du mir noch verschwiegen?“ (9. und 12. Juni 1968) Unter den vielen Interviewmethoden der Oral History gibt es eine, bei der am Ende Themen aufgegriffen werden, die im Interview nicht genannt wurden, als Korrektiv und Abgleich. Gesine Cresspahl steckt in einer erzählerischen Sackgasse, sie kann die Chronologie der Jerichow-Ebene nicht fortführen, denn sie kriegt „Cresspahl nicht los von den Sowjets“. Die Adressatin und zugleich das Korrektiv ihrer Erinnerungen, ihre Tochter Marie, wird nämlich in ihrer katholischen Privatschule zu einer zuverlässigen „Antikommunistin“ erzogen. Sie fürchtet zudem, Marie werde einer Reise in die Tschechoslowakei nicht zustimmen (die Voraussetzung für die eigene Reise nach Prag), sollte sie die Wahrheit über die Haft des Großvaters erfahren. Kommt der zurück, wird er ja berichten müssen, auch in den Erinnerungen seiner Tochter. [caption id="attachment_1221" align="aligncenter" width="348"] “Klio, die Muse der Geschichtsschreibung”, will Gesine Cresspahl nicht recht beflügeln, hier als Ölgemälde von Angelika Kauffmann (um 1770).

[/caption] Ihr Lebensgefährte Dietrich Erichson rät, Marie lieber gut als gar nicht zu informieren, er traut ihr eine differenzierte Perspektive zu, trotz des Geschichtsunterrichts bei Schwester Magdalena. Als sie von einem Bekannten erfährt, dass die Mutter nach Prag reisen will, muss die nun endlich mehr erzählen, um den Haussegen wieder gerade zu rücken.

„– Also ich will zugeben es erging Cresspahl übel in der sowjetischen Haft. Gelegentlich. Schlimmer, als ich dir erzählen mochte. – Hunger? – Auch Hunger. – Körperliche Verletzungen? – Verletzungen unterschiedlicher Art. – Es stieß ihm irrtümlich zu, Gesine. – Es stieß ihm zu.“

Der Vater fehlt nicht nur während seiner Gefangenschaft, er fehlt auch in der erzählten Erinnerung als Augenzeuge, ohne ihn bekommt Gesine, seine Tochter, „nichts als dreizehnjähriges Dabeigewesensein“ hin, in dem die Sorge darum, Jakob Abs und dessen Mutter Marie auch noch zu verlieren, sehr präsent ist. Marie bekommt es „mitsamt der Unordnung“ zu hören, „die eine Wissenschaft von später darin angerichtet hat“. [caption id="attachment_1220" align="aligncenter" width="495"] Archive helfen beim Erinnern, hier das Uwe-Johnson-Archiv in Rostock. Gesine Cresspahl hat allerdings nur ihr dreizehnjähriges Dabeigewesensein, im Roman "Jahrestage" entsteht das historische Material erst durch ihr Erzählen.[/caption]   „So eine wichtige Person. Die unterschlägst du mir.“ (12. Juni 1968) Was die Mutter noch verschwiegen hat, woran sie sich vorbeilaviert hat, ist die Geschichte von Slata, jener Ukrainerin, die Robert Papenbrock schwanger zu seinen Eltern geschickt hat und deren Sohn Fedja Gesines Cousin ist. Von Louise Papenbrock die längste Zeit als Dienstmagd behandelt, wird sie nach Kriegsende zunächst nicht deportiert und arbeitet bei der Kreisverwaltung in Gneez. Sie wohnt bei Alma Witte im Hotel Stadt Hamburg, und von dieser erfährt die dreizehnjährige Gesine Cresspahl auch von Slatas Verschwinden.

„– Sie war dann verschwunden. Sie war weg aus meinem Leben. Als wieder einmal der Mittagszug nach Jerichow ausfiel, ging ich Frau Witte besuchen, in einer unberatenen Erinnerung an die Zeit meines Mittagstisches im Stadt Hamburg, dachte gar nicht an Slata, nur von Slata konnte Alma reden, wenn ihr auch die Kraft zur Verfertigung von Worten weggeblieben war. Sie zeigte nur umher in dem Zimmer, das sie Slata zum Schlafen abgetreten hatte.“

Alma Witte kann nicht mehr – wie Kleist es nannte, durch die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ – bezeugen, was Slata zugestoßen ist. Sie bringt es nicht einmal zur Verfertigung von Worten. Von einer Starre überfallen, die sie später wieder heimsucht, wenn Gewalt droht, kann sie nur zeigen auf die angerichtete Verwüstung, auf den Verlust von „Fedja, der zu ihr hatte Oma sagen lernen“. Über den Verlust von Fedja und Slata verliert die erfolgreiche Hotelbesitzerin das Vertrauen in Regeln des Miteinanders.

„Verloren hatte Alma Witte noch, was die Bürger Stolz nennen. Es braucht mehr als Tüchtigkeit, in einer mecklenburgischen Landstadt ein Hotel auf dem zweiten Platz nach dem Erbgroßherzog zu halten, in deutlichem Abstand von den anderen. Bei ihr hatte das Landgericht gesessen, die Herren vom Gymnasium, die Reichswehr aus gutem Hause. Wenn sie abends durch den Speisesaal ging, waren die Herren aufgestanden zur Begrüßung. [...] Frau Witte, ob sie nun leutseliges oder ergebenes Betragen für angemessen hielt, angemessen fiel es aus. Nur, alle ihre Schicklichkeit war darauf angewiesen, daß sie galt, anerkannt wurde, erwidert. Solche Partnerschaft war ihr durch den Überfall in ihrer Wohnung abgeschafft, sie vertraute nicht mehr auf den Austausch gleicher Manieren, die Verabredung auf hergebrachte Formen.“

Warum Slata in ein Lager verschleppt wurde, wo ihr dreijähriger Sohn stirbt, bleibt unklar. Sie kehrt nicht wieder nach Jerichow zurück, ihre Spur verliert sich. Marie aber wehrt sich gegen die Unterstellung ihrer Mutter, sie werde „Falsches“ mit deren Erinnerungen anstellen: „–Wart es ab, Gesine. Wart es ab.“   „Und was willst Du mir heute nicht erzählen?“ (14. Juni 1968) Es sind die Folgen von Gewalt, nicht die Gewalt an sich, über die Gesine Cresspahl nicht erzählen mag, vor denen sie ihre Tochter schützen will. Erzählen will sie auch nicht vom weiteren Schicksal des Landarbeiters Warning, der von Robert Cresspahl wegen der „Verunglimpfung eines nationalsozialistischen Amtsträgers“ denunziert und zu 120 Tagen Haft in Dreibergen-Bützow verurteilt worden war. [caption id="attachment_1219" align="aligncenter" width="479"] Bodenreform/Landzuteilung in Mecklenburg  am 5. August 1947. Eine Siedlungsstelle wünscht sich auch Warnings Frau.[/caption] Nach seiner Rückkehr war er verändert aus der Haft zurückgekehrt: „Er war fleißig geworden, anstellig, aus Angst vor noch einer Reise nach Dreibergen.“ Er hütet bis Kriegsende die Kühe, dann will seine Frau unbedingt eine jener Siedlungsstellen haben, für die sich auch Marie Abs interessiert hatte. Peter Wulff nimmt ihn mit zu einer heimlichen Sitzung der Sozialdemokraten, auf der Erwin Plath die Versuche für gescheitert erklären muss, die KPD mit Sozialdemokraten zu infiltrieren, womit er auch Cresspahl wieder in die Partei hatte locken wollen. Vier Tage lang wird Warning an Weihnachten vom NKWD zum Treffen verhört, von den Jerichowern wird er noch immer „wegen der Sache mit uns’ Lisbeth“ verachtet, Peter Wulff will wohl vor allem wissen, ob er geschwiegen hat, nicht einmal seiner Frau erzählt er, was in der Haft geschah. An Neujahr erhängt sich Warning am Versammlungsort der Sozialdemokraten, ein letzter Beweis für sein Schweigen, so vermutet Marie.

„– Warning hat den Sowjets die Stimmung der Jerichower Sozialdemokraten nicht erläutert. Selbst gegen seine Familie hat er sich verteidigt; die Frau wußte von der Tat nur die vier Tage die sie gedauert hatte. Er hat nicht einmal gesagt oder aufgeschrieben, warum er das Leben nicht mehr aushielt. Sie hatte als Auskunft nur den Zettel in der Brusttasche seines Kittels, eine abermalige Vorladung zur Kommandantur in Gneez, ‚einer Formsache’ wegen.“

  Einer aber spricht in dieser Lektürewoche doch etwas aus und das ist D.E., der Gesine erneut einen Heiratsantrag macht. Dieses Mal wohl erfolgreich, denn Marie fragt ihre Mutter: „–Passt es uns im September?“ und damit ist es – trotz Aufschub – wohl abgemachte Sache.

***

Literatur Roswitha Breckner: Von den Zeitzeugen zu den Biographen. Methoden der Erhebung und Auswertung lebensgeschichtlicher Interviews, in: Obertreis, Julia (Hrsg.): Oral History, Stuttgart 2012, S. 131-151. Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. Aktualisierte Fassung. Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und digital neu herausgegeben von Anke-Marie Lohmeier 2012.

von <a href="http://blogs.faz.net/cresspahl/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Die Woche mit Frau Cresspahl ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/cresspahl/2018/06/16/43-lesung-auslassungen-1213/feed/ 0
Ideale Paarung: Biere unserer Vorgruppengegner http://blogs.faz.net/bierblog/?p=3483 http://blogs.faz.net/bierblog/?p=3483#comments Fri, 15 Jun 2018 15:39:59 +0200 Uwe Ebbinghaus http://blogs.faz.net/bierblog/2018/06/15/ideale-paarung-biere-unserer-vorgruppengegner-3483/ Südkorea? Mexiko? Schweden? Tolle Länder, gute Fußball-Mannschaften, ordentliche Küchen. Zusammen mit dem Max-Planck-Forscher Thomas A. Vilgis haben wir zu den Bieren der WM-Vorrundengegner das... Mehr

von Uwe Ebbinghaus erschienen in Reinheitsgebot ein Blog von FAZ.NET.

Reinheitsgebot

]]>
Südkorea? Mexiko? Schweden? Tolle Länder, gute Fußball-Mannschaften, ordentliche Küchen. Zusammen mit dem Max-Planck-Forscher Thomas A. Vilgis haben wir zu den Bieren der WM-Vorrundengegner das passende Essen entwickelt.

***

Den Artikel mit Rezepten lesen Sie hier Mehr zu Thomas A. Vilgis  

von <a href="http://blogs.faz.net/bierblog/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Reinheitsgebot ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/bierblog/2018/06/15/ideale-paarung-biere-unserer-vorgruppengegner-3483/feed/ 4
Wie man aus Quatsch eine Waffe macht http://blogs.faz.net/erklaeren/?p=85 http://blogs.faz.net/erklaeren/?p=85#comments Fri, 15 Jun 2018 05:29:17 +0200 F.A.Z. - Feuilleton http://blogs.faz.net/erklaeren/2018/06/15/wie-man-aus-quatsch-eine-waffe-macht-85/ Manche Politiker sagen Sachen, da glaubt man den eigenen Ohren nicht. Und wenn sich dann andere darüber aufregen, sagen sie, sie hätten es nicht so gemeint. Was aussieht wie ein Ausrutscher, ist... Mehr

von F.A.Z. - Feuilleton erschienen in Wie erkläre ich’s meinem Kind? ein Blog von FAZ.NET.

Wie erkläre ich’s meinem Kind?

]]>
Donald Trump, im Oktober 2011 in Virginia, ein paar Jahre, bevor er Präsident der Vereinigten Staaten wurde[/caption] Manche Politiker sagen Sachen, da glaubt man den eigenen Ohren nicht. Und wenn sich dann andere darüber aufregen, sagen sie, sie hätten es nicht so gemeint. Was aussieht wie ein Ausrutscher, ist in Wirklichkeit ein Trick. Von Dietmar Dath

von <a href="http://blogs.faz.net/erklaeren/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Wie erkläre ich’s meinem Kind? ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/erklaeren/2018/06/15/wie-man-aus-quatsch-eine-waffe-macht-85/feed/ 0
The Beach Boys: „Surfin‘ U.S.A.“ http://blogs.faz.net/pop-anthologie/?p=1353 http://blogs.faz.net/pop-anthologie/?p=1353#comments Sat, 09 Jun 2018 10:37:34 +0200 Katharina Cichosch http://blogs.faz.net/pop-anthologie/2018/06/09/beach-boys-surfin-u-s-1353/ Der größte Hit der Beach Boys hatte mit dem Leben seines Schöpfers Brian Wilson wenig zu tun. War das auf verschlungenen Wegen die Voraussetzung für seine ungewöhnliche... Mehr

von Katharina Cichosch erschienen in Pop-Anthologie ein Blog von FAZ.NET.

Pop-Anthologie

]]>
Der größte Hit der Beach Boys hatte mit dem Leben seines Schöpfers Brian Wilson wenig zu tun. War das auf verschlungenen Wegen die Voraussetzung für seine ungewöhnliche Eingängigkeit?

***

[caption id="attachment_1388" align="alignnone" width="620"] Brian Wilson von den Beach Boys[/caption] Surfin’ U.S.A. If everybody had an ocean Across the U.S.A. Then everybody'd be surfin’ Like Californi-a You’d seem ’em wearing their baggies Huarachi sandals too A bushy bushy blonde hairdo Surfin’ U.S.A. You’d catch ’em surfin’ at Del Mar Ventura County line Santa Cruz and Trestle Australia’s Narrabeen All over Manhattan And down Doheny Way Everybody’s gone surfin’ Surfin’ U.S. A. We'll all be planning that route We're gonna take real soon We're waxing down our surfboards We can't wait for June We'll all be gone for the summer We're on surfari to stay Tell the teacher we're surfin’ Surfin’ U.S.A. Haggerties and Swamies Pacific Palisades San Onofre and Sunset Redondo Beach L. A. All over La Jolla At Waimea Bay Everybody's gone surfin’ Surfin’ U.S.A. Everybody's gone surfin’ Surfin’ U.S.A. Everybody's gone surfin’ Surfin’ U.S.A.

***

Wenn jeder ein Meer vor der Haustüre hätte, in den gesamten United States of America, ja, dann würde jeder surfen, wie man es in Kalifornien zu tun pflegt: „If everybody got an ocean / Across the U.S.A. / Then everybody’d be surfin’/ Like Californi-a.“ Diese kindlich-phantastische Wenn-Dann-Utopie entwarf Beach Boys-Sänger und -Songwriter Brian Wilson in seinem Lied „Surfin’ U.S.A.“, das 1963 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht wurde. Dabei hatte der Kalifornier in Wahrheit selbst nie auf einem Surfbrett gestanden. Doch obwohl hier nicht einmal die Voraussetzungen stimmten, lösten Wilson und seine Band mit diesem Lied weiland tatsächlich einen regelrechten Surfer-Boom aus - wenn auch nicht ganz so staatenumspannend, wie in „Surfin’ U.S.A.“ beschrieben. Aber dazu hätte es ja auch eines ganzen Ozeans bedurft (vielleicht dachte Wilson auch eher an eine Armada an Mini-Meeren, die sich über das Land verteilten). Den nötigen Look zum Lebensgefühl gaben Wilson und seine Band gleich mit vor, konsequent im Konjunktiv: „You'd see ’em wearing their baggies /Huarachi sandals too / A bushy bushy blonde hairdo / Surfin’ U.S.A.” – man würde sie, die Surfer, ihre Baggypants tragen sehen, dazu blonde Wuschelhaare und Huarachi-Sandalen (ursprünglich eine Art Sandale mexikanischer Ureinwohner). Das Ganze entspricht dem Surfer-Abziehbild noch heute. In der nächsten Strophe werden nun alle erdenklichen Regionen und Orte besungen, an denen künftig gesurft werden sollt – die echten Surfer-Strände ließ sich Wilson vom Bruder seiner damaligen Freundin durchgeben, der als aktiver Surfer offenbar auch lose Inspirationspate stand für das bis heute berühmteste Lied der Beach Boys. Es folgt dann eine Strophe, welche die sommerliche Vorfreude auf das sportliche Vergnügen beschwört: „We'll all be planning that route / We're gonna take real soon / We're waxing down our surfboards / We can't wait for June / We'll all be gone for the summer / We're on surfari to stay / Tell the teacher we're surfin’ / Surfin’ U.S.A.“ Man kann leicht Beispiele finden, die Brian Wilsons Talent als Songwriter noch eindrucksvoller belegen als dieses Lied. Fündig würde man vor allem auf dem Album „Pet Sounds“, bei dem herzzerreißend schönen „God Only Knows“ oder dem vielleicht noch schmerzhafteren „I Know There’s An Answer“, in dem Wilson einen schlechten LSD-Trip verarbeitet (für beide Lieder sind übrigens jeweils weitere Schreiber als Urheber gelistet, und auch für „Surfin’ U.S.A.“ meldet bis heute Co-Gründungsmitglied Mike Love seine Ansprüche an). Das Klischee von der Musik oder allgemeiner vielleicht noch: der Kunst, die die Welt verändert, erscheint in „Surfin’ U.S.A.“ aber in seiner sinnigsten, weil zugleich ad absurdum geführten Leibwerdung. Alles an diesem Song war Initialzündung, der Text, aber auch der von Wilson kreierte Sound mit den allenfalls an Chuck Berry geschulten Beats. Selbst die Entstehung des „California Myth“, diesem über-idealisierten Kalifornien, das nur kurze Zeit später wichtige Säule der Hippie-Bewegung werden sollte, wird dem Lied neben anderem zugeschrieben. „Surfin’ U.S.A.“ lieferte nicht nur den Soundtrack, sondern auch die inhaltliche Vorlage für einen Lifestyle, der erst noch zu kreieren war – und der von seinem Erfinder und Besinger kaum weiter hätte entfernt sein können. Und dann, durch die Hintertür, veränderte das Lied dessen Leben dann doch drastisch, nicht zuletzt dadurch, dass es erst einmal ganz banal finanzielle Unabhängigkeit mit sich brachte. Bis heute unverändert Während die halbe Welt nun dank Wilson und den Beach Boys Jahre lang aufs Surfbrett stieg und an die gar nicht einmal so Hawaii-esken Stränden Kaliforniens pilgerte, entschied er sich seiner eigenen Legende nach dafür, ein ganzes Jahr lang im Bett zu liegen, um die Wunden der vergangenen Jahre heilen zu lassen, die sein strenger Vater und das von ihm einst angestoßene Projekt "Beach Boys" mit all seinen Folgen aufgerissen hatten (zum Zusammenbruch kam es Anfang der siebziger Jahre allerdings kurioserweise erst nach dessen Tod). Bis heute leidet der Musiker unter starken Angstzuständen; die ständigen Misshandlungen durch den Vater und der Nachhall plötzlichen Ruhms auf eine sensible Persönlichkeit hat Schauspieler Paul Dano als Wilson in „Love & Mercy“ eindrucksvoll dargestellt. In seinen Memoiren fasste Brian Wilson das Flickwerk seiner Identität auf seine sehr eigene Art zusammen:  „My story is a music story and a family story and a love story, but it's a story of mental illness, too.” Das bemerkenswerteste an dieser Phantasieuniversums-Surferhymne aber ist vielleicht, dass sie bis heute unverändert in Wilsons Repertoire verblieben ist. Einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit, auch nur eine zarte Verweigerung, alte Schinken wie anno dazumal zu spielen, wie sie bei einigen seiner Altersgenossen gang und gäbe ist, sucht man bei Wilson vergebens. Das wiederum führt dazu, dass sich von "Surfin’ U.S.A." noch heute der Hawaiihemd-Träger ebenso angesprochen fühlen darf wie der „Pet Sounds“-Fan, der sich am offiziellen Merchandise-Shirt mit Albumcover zu erkennen gibt. Man darf vermuten, dass man mit "Pet Sounds" das berühmte „persönlichste Album“ des Künstlers auflegt. Sicher sein kann man sich nicht. [caption id="attachment_1386" align="alignnone" width="764"] Brian Wilson 2017 in Frankfurt[/caption] In der Frankfurter Jahrhunderthalle jedenfalls, in der Wilson im Spätsommer 2017 zu Gast war, legte der damals 75 Jahre alte Kalifornier noch eine regelrechte Greatest Hits-Zugabe hin, die vielleicht vor allen anderen Dingen vom ausgeprägten Dienstleistungsverständnis eines Künstlers und Showmasters zeugte, der gar nicht anders kann, als genau dies zu sein.  Nach einer kurzen Pause kam Brian Wilson langsam auf die Bühne gehinkt, er musste sich dabei stützen lassen, bis er irgendwann schließlich am Flügel angekommen die weltberühmten Akkorde in die Tasten hauen konnte, die auch die Spätergeborenen unweigerlich auf dieses eine Lied einstimmen. Der Saal wurde heller gedimmt, alle strömten nach vorn, auch die „Pet Sounds“-Fans, und klatschten im Rhythmus einer Hymne, die nicht dem Leben ihres Schöpfers galt und die vielleicht gerade deshalb jedem überall gelten darf: „Haggerties and Swamies / Pacific Palisades / San Onofre and Sunset / Redondo Beach L. A. / All over La Jolla / At Waimea Bay / Everybody's gone surfin’ / Surfin’ U.S.A.“

von <a href="http://blogs.faz.net/pop-anthologie/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Pop-Anthologie ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/pop-anthologie/2018/06/09/beach-boys-surfin-u-s-1353/feed/ 4
Stefan Raabs Brainpool-Verkauf kommt vor Gericht http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/?p=1493 http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/?p=1493#comments Wed, 30 May 2018 10:10:19 +0200 Jan Hauser http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/2018/05/30/stefan-raabs-brainpool-verkauf-kommt-vor-gericht-1493/ Der Fernsehproduzent Brainpool zankt sich vor dem Landgericht Köln: Darf Stefan Raab seine Anteile an Banijay verkaufen? Durch den Erwerb würde die französische Gruppe die Mehrheit an dem... Mehr

von Jan Hauser erschienen in Medienwirtschaft ein Blog von FAZ.NET.

Medienwirtschaft

]]>
Der Fernsehproduzent Brainpool zankt sich vor dem Landgericht Köln: Darf Stefan Raab seine Anteile an Banijay verkaufen? Durch den Erwerb würde die französische Gruppe die Mehrheit an dem Unternehmen erhalten, das hinter Sendungen von Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Bastian Pastewka steckt. [caption id="attachment_1467" align="alignnone" width="940"] Luke Mockridge[/caption] Die Führung über den Kölner Fernsehproduzenten Brainpool ist heiß umkämpft. Am 5. Juli wird der Streit um das Unternehmen vor dem Landgericht Köln ausgetragen, wie das Gericht der F.A.Z. mitteilte. In der mündlichen Verhandlung geht es um die Anteile des früherer Moderators Stefan Raab an dem Fernsehproduktionsunternehmen, das vor allem mit seinen Sendungen wie „TV Total“ oder „Schlag den Raab“ auf dem Privatsender Pro Sieben groß geworden ist. Unter welchen Umständen darf er seine Anteile an die französische Banijay-Gruppe verkaufen, die damit zum Mehrheitsgesellschafter wird und die Macht im Unternehmen übernimmt? Gegen den neue Mehrheit im Unternehmen wehrt sich Brainpool-Gründer und Mitgesellschafter Jörg Grabosch, der einst Produzent zahlreicher Raab-Sendungen war. Er hat eine einstweilige Verfügung gegen die Brainpool Beteiligungsgesellschaft durchgesetzt: Diese hat es demnach zu unterlassen, eine „Zustimmung zur Abtretung des Geschäftsanteils von Herrn Raab an die Banijay Germany GmbH zu vollziehen“, bevor die Rechtmäßigkeit des Beschlusses abschließend gerichtlich geklärt wurde, wie das Landgericht Köln mitteilt. Das Gericht hat die Verfügung am 16. April erlassen und bezieht sich auf mögliche Beschlüsse einer Gesellschafterversammlung am 20. April (Aktenzeichen 88 O 30/18). Nun wurde gegen diese Verfügung Widerspruch eingelegt, womit es im Juli zur Verhandlung vor dem Landgericht Köln kommt. Die sechs Geschäftsführer müssen sich verstehen Durch Raabs Abtritt von der Fernsehbühne verlor Bainpool den Großteil der ausgestrahlten Sendungen und auch Umsatz, hat sich inzwischen aber wieder gefangen. Zum Portfolio aus dem Brainpool-Haus gehören Luke Mockridge und dessen Unterhaltungsshows wie Ausgaben zur Fußball-Weltmeisterschaft auf Sat 1, Carolin Kebekus und ihr „Pussyterror TV“ in der ARD oder Bastian Pastewka, der für Amazon Prime Video gerade die neunte Staffel von „Pastewka“ dreht. Darin ist auch die Pariser Banijay-Gruppe interessiert, die in 16 Länder aktiv ist und in Deutschland wachsen möchte. Banijay besitzt die Hälfte der Anteile an Brainpool und hat mit Raab den Kauf von dessen Anteil von 12,5 Prozent vereinbart. Den Verkauf von Raabs Anteile wird das Landgericht  in der Verhandlung am 5. Juli erörtern. Als Mehrheitsgesellschafter drängt Banijay die beiden Mitgesellschafter Jörg Grabosch und Andreas Scheuermann aus der Geschäftsführung heraus, die sich dagegen gerichtlich wehren. An der Spitze hat sich das Unternehmen daher vorerst erweitert und zählt nun sechs Personen in der Geschäftsführung der Brainpool TV GmbH. Neu hinzugekommen ist dort Banijay-Manager Peter Langenberg, der die Interessen der französischen Fernsehgruppe im Unternehmen vertreten darf. Außer Grabosch und Scheuermann zählen Tobias Baumann, Andreas Viek und Godehard Wolpers zur Geschäftsführung. [caption id="attachment_1469" align="alignnone" width="300"] Jörg Grabosch[/caption] Mit der Führungsspitze beschäftigt sich eine weitere einstweilige Verfügung, die Grabosch und Scheuermann beantragt haben und die das Landgericht Köln am 20. April erlassen hat (Aktenzeichen 88 O 33/18). Demnach bleiben Grabosch und Scheuermann in der Geschäftsführung trotz ihrer Abberufung durch die Gesellschafterversammlung vom 20. April, damit sie ihre Tätigkeit als Gesellschafter weiterführen können. Das gilt bis über die Rechtmäßigkeit der Beschlüsse rechtskräftig entschieden ist und beinhaltet eine Gesamtvertretung mit dem neuen Geschäftsführer. Somit kann die Geschäftsführung Entscheidungen nur gemeinsam treffen. Hierzu wurde noch kein Widerspruch eingelegt, wie das Landgericht mitteilt. Die Geschäftsführung bleibt vorerst auf Einvernehmen unter den sechs Führungskräften angewiesen. Mehr im Blog: Tauziehen um Brainpool: Stefan Raab spielt seine Rolle im Kampf um das Fernsehunternehmen Stylehaul: RTL füttert den Nachwuchs mit Online-Videos RTL baut mit Watchbox das Videoangebot um „Deutschland sucht den Superstar“ zieht nach Amerika Führungswechsel: RTL sucht den digitalen Superstar American Gods: RTL bandelt mit Amazon an Fußball-EM ärgert Pro Sieben Sat 1 Virtual Reality: Der nächste Film dreht virtuelle Runden Fernsehserien aus Europa ziehen um die Welt RTLplus: Neuer RTL-Sender lässt alte Shows aufleben RTL will mehr selbst produzieren Kommentar: Zahlen für RTL mit TV Now Plus TV Now: RTL umwirbt die Zuschauer im Internet Nach dem Dschungelcamp ist vor dem Bachelor: Was RTL-Programmchef Frank Hoffmann plant Kalter Krieg? Nein, danke Kommentar: Wie wir fernsehen RTL zieht mit dem Kalten Krieg in die Zukunft Amazon vor Netflix: Doch die Mehrheit schaut klassisches Fernsehen Ab in die Höhle der Löwen: Gründer lernen jetzt im Fernsehen Laufen Kommentar: Schlag den Raab Mehr zum Thema: Stefan Raab mischt hinter den Kulissen mit Raabs Abgang reißt Lücke bei Pro Sieben Sat.1 Stefan Raabs Erfolgsspur: Wadde hadde gudde gemacht? Stefan Raab tritt ab: Ausstieg total Jörg Grabosch: Der Mann hinter Stefan Raab _____________________________________________________________ F.A.Z.-Blog Medienwirtschaft www.faz.net/medienwirtschaft Twitter: www.twitter.com/jan_hauser Snapchat: hauserhier

von <a href="http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Medienwirtschaft ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/medienwirtschaft/2018/05/30/stefan-raabs-brainpool-verkauf-kommt-vor-gericht-1493/feed/ 0
Goldene Palme für „Burning“ – das wäre gerecht. Eine Wunschliste http://blogs.faz.net/filmfestival/?p=1279 http://blogs.faz.net/filmfestival/?p=1279#comments Sat, 19 May 2018 10:23:09 +0200 Verena Lueken http://blogs.faz.net/filmfestival/2018/05/19/goldene-palme-fuer-burning-das-waere-gerecht-eine-wunschliste-1279/ Wenn es gerecht zuginge, wäre der große Gewinner dieses seltsam ungleichmäßigen, teilweise sehr schlechten Festivals mit einigen tollen Filmen Lee Chang-Dong und sein alle überragender Film... Mehr

von Verena Lueken erschienen in Filmfestival ein Blog von FAZ.NET.

Filmfestival

]]>
Szene aus "Burning"[/caption] Das heißt für die Entscheidung der Jury gar nichts. Viele Schauspieler in einer Jury wie hier machen die Sache vollends unberechenbar. Trotzdem habe ich letzte Nacht meine Palmen-Wunschliste zusammengeträumt, nicht zu verwechseln mit einer Prognose, die in diesem Jahr unmöglich zu treffen ist: Goldene Palme – „Burning“, was sonst Großer Preis der Jury – „Shoplifters“ von Hirokazu Koreeda Beste Darstellerin – Zhao Tao. in „Ash Is Purest White“ von Jia Zhangke Bester Darsteller – Jafar Panahi in seinem „3 Faces“ (das wäre was!) Beste Regie – Jean-Luc Godard für „Le Livre d`Image“ Bestes Drehbuch – „Leto“ von Kirill Serebrennikow Spezialpreis der Jury – „BlackkKlansman“ von Spike Lee [caption id="attachment_1288" align="aligncenter" width="768"] "Shoplifters"von Hirokazu Koreeda[/caption] [caption id="attachment_1287" align="aligncenter" width="767"] „Ash Is Purest White“ von Jia Zhangke[/caption] [caption id="attachment_1286" align="aligncenter" width="766"] "3 Faces" von Jafar Pahani[/caption] [caption id="attachment_1285" align="aligncenter" width="770"] „Le Livre d`Image“ von Jean-Luc Godard[/caption] [caption id="attachment_1284" align="aligncenter" width="766"] "Leto" von Kirill Serebrennikow[/caption] Wahrscheinlich kommt es anders. Heute Abend wird es verkündet, mit großem Tamtam auf und hinter dem roten Teppich. Noch einmal große Garderobe, noch einmal kein Selfie. Die Journalisten sitzen gemütlich nebenan und rufen ihre Favoriten in den Raum, stöhnen oder springen begeistert auf und klatschen.  Es ist der einzige Abend, an dem es ein bisschen zugeht wie im Fußballstadion. Immer ist irgendwer sehr enttäuscht. Kommentar folgt.  

von <a href="http://blogs.faz.net/filmfestival/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Filmfestival ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/filmfestival/2018/05/19/goldene-palme-fuer-burning-das-waere-gerecht-eine-wunschliste-1279/feed/ 0
Was ist wahre Tierliebe? http://blogs.faz.net/platzfuertiere/?p=566 http://blogs.faz.net/platzfuertiere/?p=566#comments Wed, 16 May 2018 20:44:44 +0200 Henrike Schirmacher http://blogs.faz.net/platzfuertiere/2018/05/16/ist-wahre-tierliebe-566/ Coole Umweltschützer sind uns sympathisch. Der Rechtsstreit um das Affenselfie von Makake Naruto zeigt allerdings, wie man sich als vermeintlicher Tierschützer so richtig unbeliebt macht. Mehr

von Henrike Schirmacher erschienen in Der Platz für Tiere ein Blog von FAZ.NET.

Der Platz für Tiere

]]>
Selfie von Schopfaffe Naruto: Ob Mensch oder Tier, selten kommt man gut weg.[/caption] Sicherlich wäre der kleine Schopfaffe Naruto ganz reumütig, würde er verstehen, welches Schicksal den englischen Tierfotografen David Slater nach ihrer beider Begegnung ereilte. Als Naruto mitten im sulawesischen Regenwald einfach mal so ein Selfie mit Slaters Kamera schoss, entbrannte sogleich ein erbitterter Rechtsstreit zwischen amerikanischen Tierschützern von Peta und dem Fotografen. Peta zog nämlich im Namen des Affen vor Gericht, um Naruto die Bildrechte zusprechen zu lassen. Doch die Tierschützer scheiterten. Ein Gericht in den Vereinigten Staaten entschied: Tiere können keine Klage einreichen. Schon gar nicht wegen Urheberrechtsverletzung. Obwohl das Affenbild auf der ganzen Welt eifrig geklickt wurde, hat die Geschichte leider keinen Deut dazu beigetragen, den Fokus auf die vom Aussterben bedrohte Makakenart zu lenken. Peta und deren Gefolgschaft setzen ganz bewusst auf Polarisierung und Angriff. Sie wollen zunächst gängige gesellschaftliche Wertvorstellungen vernichten, um anschließend eine „tiergerechtere“ Welt aufzubauen. Doch wer den Bogen so überspannt, erntet Abneigung. Im Grunde ist das Geschehen um Naruto mit der Wirkung einer reißerischen Boulevardschlagzeile zu vergleichen. Man guckt ganz gerne mal hin, um im Nachhinein eine enorme Distanz zum doch recht skrupellosen Vorgehen des Urhebers zu entwickeln. Nun liegt die Vermutung also nahe, dass es hier nicht vorrangig um den Einsatz für Tierrechte ging, sondern um Aufmerksamkeit. Je  mehr davon, desto bereitwilliger zahlen Sympathisanten in die Spendenkasse. Aber führt Aufmerksamkeit um jeden Preis zu Sympathie? Nein (!), würde jeder Vernünftige doch lautstark ausrufen. Ich frage mich: Welcher Typus Mensch ist eigentlich motiviert, in die Spendenkasse zu zahlen? Als Kind wollte ich selbst Umweltschützerin werden, fasziniert von Greenpeace-Aktionen zum Schutz der Ozeane. Besonders ihr Kampf für die Wale ist mir positiv in Erinnerung geblieben. Der Wal als Stellvertreter für eine friedliche, dennoch bedrohte Natur. Der Autor Frank Zelko beschreibt es in seinem Buch „Greenpeace. Von der Hippiebewegung zum Ökokonzern“ wunderbar. Durch Greenpeace wurde Umweltschutz aufregend. Noch heute hat die Bewegung den Ruf, die coole unter den Umweltschutzorganisationen zu sein. „Die Aktivisten sprangen in Schlauchboote mit Außenbordern, preschten über das offene Meer und drängten sich zwischen die Harpunen der Walfänger und fliehende Pottwal-Schulen“, beschreibt Zelko eine Situation, die viele seiner Leser sicherlich mit großer Genugtuung wahrgenommen haben. Über das Theater um Naruto kann jeder Tierfreund allerdings nur den Kopf schütteln. Das Traurige daran ist, die Meerkatzenverwandten Macaca nigra können derweil wirklich Unterstützung gebrauchen. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat die Schopfaffen auf die Rote Liste gefährdeter Arten gesetzt. Ihr delikates Fleisch und die Tatsache, dass sie Felder der Menschen plündern, werden ihnen neben dem Verlust ihres Lebensraums durch Regenwaldrodung in ihrer Heimat in Indonesien zum Verhängnis. Mitleid empfinde ich nach dieser gerichtlichen Auseinandersetzung weder für Naruto, noch für die Tierschützer. Am Ende berührt mich nur das Schicksal des Wildtierfotografen, der seit dem Trubel um das Selbstportrait ziemlich erschöpft sein muss. Dem Vernehmen nach arbeitet er mittlerweile ausgebrannt als Tennislehrer. Die Gründerin von Peta, Ingrid Newkirk, sagte zwar einmal: „Wir verlangen von niemandem, dass er unsere Vorgehensweise gutheißt. Es stört uns nicht, wenn wir verdammt werden – solange jemand freundlich ist zu Tieren. Es geht nie um Peta, es geht nur um die Tiere. […]“ Aber das Gericht urteilte im Fall von Naruto offenbar anders: Peta habe nicht nachweisen können, dass die Organisation eine „signifikante Beziehung“ zu Naruto pflege. Es liege zudem nahe, dass Peta die eigenen Interessen vor die Narutos gestellt und den Affen als „ahnungslose Marionette“ benutzt habe. Darüber hinaus entschied das Gericht, dass Peta die Anwaltskosten des Tierfotografen zahlen muss. Wertschätzung für Tiere wächst und gedeiht mit der Hilfe feinfühliger Vorbilder, bockige Rechthaberei richtet naturgemäß weniger aus. Bernhard Grzimek, der als Direktor des Frankfurter Zoos, Tierfilmer und Naturschützer weltbekannt wurde, vermochte sogar die ganze Bevölkerung eines Landes, nämlich Tansania, dahingehend umzustimmen, dass für die Menschen dort bedrohliche und vor allem mit ihnen im Wettbewerb um Nahrung stehende Tiere in der Serengeti dennoch schützenswert sind. Um das zu erreichen, hat  er stets mit den Menschen gearbeitet,  nicht gegen sie. Selbst dem Wohl einer haarigen Spinne in den eigenen vier Wänden kann man zugetan sein, es bedarf lediglich eines Vorbilds, einer Bezugsperson, die einem in jungen Jahren zeigt, wie man das zarte Wesen behutsam mit Glas und Zeitungspapier einfängt, um es dann vor das Fenster zu setzen. Unterm Strich erscheint es somit deutlich effektiver, Mensch und Tier zusammen zu bringen, anstatt sie voneinander zu entfremden. In Grzimeks Worten: Menschen „die ohne Fühlung mit Tieren und Pflanzen in den Betonschluchten der Städte leben“ muss man für Artenschutz begeistern. Ein guter Lehrer und Erzieher weiß, Begeisterung kommt immer dann zustande, wenn nicht verprellt, sondern das Innerste berührt wird. Drum bin ich am Ende versucht, eine verborgene Begründung für dieses affige Verhalten zu finden. Peta-Aktivistin Newkirk selbst erklärte es einmal, allerdings im Kontext artgerechter Haltung: Wenn ein Mensch etwas propagiert, sich aber nicht daran hält, liegen diesem fehlgeleiteten Verhalten Aggressionen und Geldgier zugrunde. Immerhin, der Fotograf Slater zog eine zynische Lehre aus dem Trubel: „Ich wünschte, ich hätte die verdammten Fotos nie gemacht.“

von <a href="http://blogs.faz.net/platzfuertiere/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Der Platz für Tiere ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/platzfuertiere/2018/05/16/ist-wahre-tierliebe-566/feed/ 6
Die Digital-Charta ist zurück und sie will noch immer Verfassung sein http://blogs.faz.net/wort/?p=547 http://blogs.faz.net/wort/?p=547#comments Tue, 24 Apr 2018 13:00:47 +0200 Hendrik Wieduwilt http://blogs.faz.net/wort/2018/04/24/die-digital-charta-ist-zurueck-und-sie-will-noch-immer-verfassung-sein-547/ Die Zeit-Stiftung will am Mittwoch die nächste Version ihrer “Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union” veröffentlichen. Darüber spricht dann unter anderem auch die... Mehr

von Hendrik Wieduwilt erschienen in Das letzte Wort ein Blog von FAZ.NET.

Das letzte Wort

]]>
Die Zeit-Stiftung will am Mittwoch die nächste Version ihrer “Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union” veröffentlichen. Darüber spricht dann unter anderem auch die Bundesjustizministerin Katarina Barley. Mir liegt ein aktualisierter Text vom 21. Dezember (PDF) vor und um den soll es offenbar gehen, das teilen jedenfalls mehrere mit dem Thema vertraute Personen mit. Aus dem öffentlichen Diskussionsprozess ist wohl irgendwann ein nichtöffentlicher geworden, denn auf dem offiziösen Internetauftritt steht noch die alte Variante. Die Autoren haben manche der umstrittensten Passagen entschärft - so etwa den von allen Seiten nahezu einhellig verdammten Artikel 5, der aus Sozialen Netzwerken Totalüberwacher gemacht hätte. Harmlos ist das Projekt allerdings noch immer nicht, sieht man sich die Präambel und die einzelnen Artikel näher an - und das lohnt sich, immerhin wurde die Idee einer Digitalcharta inzwischen durch eine Erwähnung im Koalitionsvertrag geadelt. Was ist die “Digital-Charta”? Die Digital-Charta ist ein mit umfangreichen Presseanzeigen beworbenes Projekt der “Zeit-Stiftung”, maßgeblich unterstützt durch den früheren EP-Präsidenten und SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und propagiert von Promis, darunter Heinz Bude, Juli Zeh, Johnny Haeusler, Ulrich Wilhelm, Christoph Keese, Jeanette Hofmann, Sascha Lobo und Rebecca Casati. Es war von Anfang an auf eine Änderung der EU-Verfassung ausgelegt. Manche der Artikel propagierten eine Art Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf Steroiden: Internetanbieter sollten praktisch jedes Ungemach im Keim ersticken: “Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern”, hieß es in der wohl meistkritisierten und nun gestrichenen Passage. Unklar blieb, warum die Promis, Politologen und mit ins Boot geholten Staatsrechtler den Text in Form einer Verfassung gegossen haben, denn diesem Anspruch wurde die Charta an keiner Stelle gerecht. (Details dazu auch auf diesem Blog.) So richtig wissen die Organisatoren wohl noch immer nicht, was sie sein wollen: Das Papier beschreibt sich mal als "Entwurf einer Digital-Charta" (siehe Präambel), mal als "politisches Manifest in Gestalt eines gesetzesähnlichen Textes". Auch der Inhalt ist weiterhin diffus: "Vorschläge für neue Grundrechte" sollen es sein, die in ein "bindendes Grundrechte-Dokument" münden - dann wieder ist die Rede von "Stärkung und Konkretisierung bestehender Grundrechte", was ja gerade nicht nach neuen Rechten klingt. Wo es grad passt, ist wiederum von "geistigen und materiellen Interessen" die Rede, das meint dann wohl die hinter manchem Paragrafen stehende Kreativindustrie. An anderer Stelle geht es dann um "Rechte und Prinzipien", worunter man nun wieder alles und nichts verstehen kann. Zwischenergebnis: Auch bei dieser Version der Charta hat kein Jurist oder gar Staatsrechtler die Schlussredaktion übernommen. Peinliche Paragrafen-Scharade Tatsächlich setzt die "Charta" damit ihre peinliche Paragrafen-Scharade fort: Sie möchte Gesetz sein, weil es sexy klingt und mehr Bumms hat als ein bloßes Thesenpapier - obwohl sie mehr nicht ist. Aufgeplustert beginnt das Werk mit einer bizarren Präambel, in der in Kapitalen geschrieben steht, was "WIR, DIE AUTORINNEN UND AUTOREN" über dies und jenes denken. Die prätentiöse Einleitung wirkt ein wenig wie ein 6jähriger, der sich als "König" zum Karneval einen falschen Hermelinpelz überwirft und huldvoll seine neuesten "Dekrete" von einer Haushaltsrolle abliest. So viel Zeremoniell erlaubt sich nicht einmal die heutige EU-Grundrechtecharta - die beginnt recht trocken und ohne Glamour für die Verfasser. Das Grundgesetz hat auch eine Präambel, dort geht es aber erst einmal um Gott, dann um das deutsche Volk, aber nicht die Verfasser - und sie hält sich kürzer als das lange Intro der Charta-Autoren. Die Charta ist damit quasi das Instagram-Selfie unter den Verfassungen. [caption id="attachment_550" align="aligncenter" width="711"] Präambel der Charta. Spüren Sie die Grandeur?[/caption] Immerhin: Es ist nicht länger verharmlosend die Rede von "einer Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern" - zu den Initiatoren des Textes gehörte immerhin ein gewisser Martin Schulz (SPD) und Springerlobbyist Christoph Keese, also keineswegs Menschen aus der uneigennützig tätigen Zivilgesellschaft. Inhaltlich geht es letztlich um einige fromme Wünsche, überwiegend längst bekannte und debattierte Plattitüden, aber bisweilen auch eher haarsträubende Kulturdiktate. Pluralität per Dekret: Artikel 12 Gefährlich bleibt es in Artikel 12, dort ist weiterhin die Forderung nach zwingendem Pluralismus in sozialen Netzwerken enthalten: "In der digitalen Welt sind Pluralität und kulturelle Vielfalt zu fördern". Das klingt nach dem Wunsch der Bundesjustizministerin Katarina Barley, die Facebook und Co. zwingen will, den Nutzern mehr Gender-Themen zu zeigen. Der Staat würde so zum Weltverleger, zur ganz großen Brille, durch die jeder Nutzer der digitalen Welt künftig blicken muss. Auch Artikel 4 (ehemals Artikel 5) zur Meinungsfreiheit ist in diesem Geist geschrieben: Dieses "Grundrecht" ist eigentlich eine Grundpflicht, denn Betreiber von Plattformen im Internet ("Betreiber öffentlicher Diskursräume") sollen die Beachtung der Grundrechtecharta gewährleisten. Es handelt sich also um eine Art Regulierung im schmeichelhaften Gewand eines Grundrechts. Harmloser, aber wohl etwas redundant sind Sätze wie “Netzneutralität ist diskriminierungsfrei zu gewährleisten” (Art. 11). Ist denn eine diskriminierende Netzneutralität überhaupt neutral? Personenbezogene Daten sollen “nur nach Treu und Glauben” erhoben und verarbeitet werden (Art. 7), was die Autoren aus der bald in Kraft tretenden Datenschutzgrundverordnung abgeschrieben haben. Inwieweit der Art. 7 gegenüber dieser gewaltigen Reform nun ein Fortschritt ist, bleibt rätselhaft - allerdings schwächelten die Initiatoren beim Thema Datenschutz auf ihrer eigenen Seite kürzlich noch derart, dass der Datenschutzbeauftragte aus Hamburg sie zu Nachbesserungen ermahnen musste. Es geht wohl einmal mehr um Wohlklang statt Substanz. Weniger Schutz als im Grundgesetz Undeutlich bleibt Artikel 16: "Im digitalen Zeitalter ist effektiver Arbeitsschutz und Koalitionsfreiheit zu gewährleisten." Hier möchte man fragen: Jetzt erst? Vorher nicht? Artikel 9 unseres bestehenden Grundgesetzes zu lesen kam den Autoren womöglich nicht in den Sinn. Vielleicht finden sie ihre kürzere Formulierung schlicht besser als die in unserer Verfassung. Die Charta bleibt allerdings hinter dem Grundgesetz zurück. Möchten die Charta-Autoren etwa den Schutz der Arbeitnehmer einschränken? Ähnlich verhält es sich mit der Unverletzlichkeit der Wohnung. Man kann sich ein Grundgesetz übrigens kostenlos bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen. Staatsgeheimnisse werden abgeschafft Artikel 5 besteht aus allerlei Vorschriften zu "Automatisierten Systemen". Am Ende soll jedenfalls ein Mensch entscheiden - das steht in dem Paragrafen gleich mehrfach, in Bezug auf Entscheidungen "von erheblicher Bedeutung", solche, die "in Grundrechte eingreifen", aber auch bei solchen über Leben und Freiheitsentzug - sind letztere denn nicht von erheblicher Bedeutung und greifen sie etwa nicht in Grundrechte ein? Egal. Artikel 6 schafft quasi im Vorbeigehen sämtliche Staatsgeheimnisse ab. Er gewährleistet uneingeschränkte Transparenz gegenüber jedermann. Ein Vorbehalt soll nur zum Schutz personenbezogener Daten gelten, also nicht etwa aus Gründen der Sicherheit, der Außenpolitik oder was das Informationsfreiheitsgesetz sonst noch an Ausnahmen kennt. Mit einem Schlag sind sämtliche Archive der Ministerien, aber auch von privaten Unternehmen, sofern sie öffentliche Aufgaben wahrnehmen, offen. Gerichte werden überflüssig Der juristisch wohl größte Knaller verbirgt sich in Artikel 17 und ist ein alter Bekannter: Die Charta soll nämlich nicht nur für staatliche Stellen gelten, sondern "die Rechte und Prinzipien" (was immer das ist) auch gegenüber "nichtstaatlichen Akteuren" greifen. "Dabei ist eine Abwägung mit den Grundrechten dieser Akteure vorzunehmen". Wägt man also Prinzipien mit Grundrechten ab? Egal. Der Artikel widerspricht jedenfalls wie schon die Vorgängerversion unserem Grundgesetz. Denn das sieht eine Grundrechtsbindung gemäß dem - unveränderlichen - Artikel 1 Absatz 3 GG grundsätzlich nur für den Staat vor (Ausnahme: Art. 9 GG). Die Rechtsprechung hat dazu eine lediglich mittelbare Grundrechtsbindung entwickelt. Im Aktienrecht debattiert die Fachwelt seit vielen Jahren, ob ein Unternehmen nun den Aktionärsinteressen dient (shareholder value, so steht es derzeit im Gesetz) oder der Allgemeinheit. Man darf davon ausgehen, dass sich die Charta-Autoren auch mit diesen Diskussionen nicht unnötig aufgehalten haben. Noch immer "Freiheitsfressendes Monster"? Den Verfassern dürfte noch immer nicht klar sein - obwohl ihnen dies von vielen Kritikern mehrfach erklärt wurde -, dass eine totale Grundrechtsbindung für alle nicht bedeutet, dass alle automatisch glücklich sind und Regenbögen ausatmen. Es bedeutet vielmehr, dass über jeden einzelnen Streit künftig das Bundesverfassungsgericht urteilen müsste  und man sich die Ausarbeitung einfacher Gesetze sparen könnte. Beispiel: Wenn ich schlecht gelaunt bin und unter diesem Beitrag einen kritischen (aber legalen!) Kommentar löschen möchte, darf ich das. Künftig würde ich damit gegen das Grundrecht des Kommentators verstoßen, an das ich gebunden bin. Um das zu klären, müssten wir nach Karlsruhe gehen - denn einfache Gerichte haben nicht zu (nachkonstitutionellen) Verfassungsfragen zu entscheiden. Also, wie es zur alten Charta der bloggende Anwalt Thomas Stadler formulierte: "(W)er wacht darüber? Diese Rolle wird selbstverständlich der Staat einnehmen. Was das bedeutet ist klar. Die Charta macht ihn zum Leviathan: zum freiheitsfressenden Monster." Die Freiheit nimmt also deutlich ab und nicht zu. Doch was auch immer die Charta-Autoren im Sinn haben, etwa Kollektivierung, Verstaatlichung, neue Staatsmedien oder einfach nur Selbstmarketing - Freiheit für den Einzelnen ist es ganz sicher nicht. Das muss sich jeder vergegenwärtigen, der diese PR-Sause mit seinem Namen unterzeichnet.

von <a href="http://blogs.faz.net/wort/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Das letzte Wort ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/wort/2018/04/24/die-digital-charta-ist-zurueck-und-sie-will-noch-immer-verfassung-sein-547/feed/ 1
Osterrätsel 2018 – die Diskussion http://blogs.faz.net/planckton/?p=1768 http://blogs.faz.net/planckton/?p=1768#comments Tue, 10 Apr 2018 20:17:19 +0200 Jochen Reinecke http://blogs.faz.net/planckton/2018/04/10/osterraetsel-2018-die-diskussion-1768/ Liebe Leserinnen und Leser, mit krankheitsbedingter Verspätung ist nun die Diskussion eröffnet. Wir freuen uns auf Ihre Fragen und Hinweise. Achtung, jeder Kommentar wird von Hand freigeschaltet,... Mehr

von Jochen Reinecke erschienen in Planckton ein Blog von FAZ.NET.

Planckton

]]>
von <a href="http://blogs.faz.net/planckton/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Planckton ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/planckton/2018/04/10/osterraetsel-2018-die-diskussion-1768/feed/ 16
Abschied von der weißen Wildnis http://blogs.faz.net/antarktis/?p=94 http://blogs.faz.net/antarktis/?p=94#comments Tue, 10 Apr 2018 18:13:09 +0200 Ricarda Winkelmann und Ronja Reese http://blogs.faz.net/antarktis/2018/04/10/abschied-von-der-weissen-wildnis-94/ Nachdenkliches Ende unserer Forschungsexpedition: Hundert Jahre nach Shackleton, nach hundert Probenahmen im Eis, das so ewig nun nicht mehr ist, blicken wir auf die verletzlichen Gletscher der Antarktischen Halbinsel, die immer schneller dahinschmelzen. Mehr

von Ricarda Winkelmann und Ronja Reese erschienen in Aufbruch in die Antarktis ein Blog von FAZ.NET.

Aufbruch in die Antarktis

]]>
Endurance auf Rettung geharrt. Ihr Schiff war auf einer der ersten großen Expeditionen ins Weddellmeer im Packeis stecken geblieben und vom Eis zerdrückt worden. Nachdem die Entdecker es mit Rettungsbooten hierher geschafft hatten, brach der Expeditionsleiter Shackleton von der Insel aus mit einer kleinen Gruppe auf, um Hilfe zu holen - erfolgreich. Ein Jahrhundert später sind wir auf den Spuren dieser Pioniere unterwegs – acht Wochen durch das  Weddellmeer. Sicher hat der Eisbrecher Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts uns und unsere Kollegen durch das Meereis zu den zusammen mehr als hundert Stellen gebracht, an denen Proben genommen und Messungen durchgeführt wurden. [caption id="attachment_96" align="aligncenter" width="1562"] Abschied von der Antarktis bei den südlichen Shetlandinseln.[/caption] Über Wochen waren wir umgeben von Meereis, das sich zum Ende des Sommers hin immer schneller ausgedehnt hat, von Tafeleisbergen und der steilen, Polarstern teils überragenden Schelfeiskante.  Nun ist statt Eis plötzlich felsiges Land in Sicht, und wir staunen über die schneebedeckten Berge und Inseln an der Spitze der Antarktischen Halbinsel. Dieser historische Ort hat auch ganz aktuell viel Aufmerksamkeit bekommen: Im Juli letzten Jahres ist ein Eisberg, so groß wie das Saarland, vom Larsen C Schelfeis abgebrochen – einer der größten Eisberge, die bisher beobachtet wurden. Das Kalben von Eisbergen an den Rändern der schwimmenden Schelfeise ist eigentlich Teil eines natürlichen Zyklus: Über Jahrzehnte schiebt sich das Eis immer weiter auf den Ozean vor, dabei bilden sich Risse und Spalten, und die Ränder des Schelfeises brechen schließlich als Eisberge ab. Besonders an diesem jüngsten Kalbungsereignis sind seine Umstände. 1995: das nördlich gelegene Larsen A Schelfeis bricht vollständig auseinander. 2002: innerhalb weniger als einem Monat kollabiert das größere, südlich gelegene Larsen B Schelfeis. Beide waren über Jahrtausende hinweg stabil. Ihr Zerfall ging mit einer Erwärmung der Atmosphäre und verstärktem Schmelzen an der Oberfläche der Schelfeise einher. .2017 folgte nun das Abkalben des ungewöhnlich großen Eisbergs vom benachbarten Larsen C Schelfeis. Zerfällt nach Larsen A und B nun auch das Larsen C Schelfeis? Das ist noch nicht klar. [caption id="attachment_95" align="aligncenter" width="1346"] Sonnenuntergangsstimmung vor der Elefanteninsel.[/caption] Klar ist: Durch den Kollaps von Larsen A und B hat sich das zähe Fließen der angrenzenden Gletscher im Inland deutlich beschleunigt, sie transportieren mehr Eis in Richtung Ozean, wodurch der Meeresspiegel steigt. Die Schelfeise wirken also wie Schutzschilde, die den Fluss der angrenzenden Gletscher abbremsen. Verlieren die Schelfeise Masse durch das Abkalben von Eisbergen oder durch das Schmelzen an der Unterseite im Kontakt mit wärmerem Ozeanwasser, zieht sich die sogenannte Aufschwimmlinie – also die Grenze zwischen schwimmendem Schelfeis und aufliegendem Inlandeis – zurück. Je nach Bodenbeschaffenheit kann hierdurch ein unaufhaltsamer Verlust an Eis in Gang gesetzt werden. Bereits in den 70er Jahren haben Glaziologen erkannt, dass Eismassen, die unter dem Meeresspiegel aufliegen, unter bestimmten Bedingungen instabil werden können. In der Amundsen Region der Westantarktis beispielsweise treffen diese Bedingungen zu – und neueste Messdaten zeigen, dass die Gletscher hier vermutlich bereits einen Kipppunkt überschritten haben. Das wäre eine Veränderung historischen Ausmaßes. Ein Verlust dieses Bereichs der Westantarktis würde den Meeresspiegel weltweit um mehr als einen Meter anheben. Wie schnell oder langsam das geht, ist unklar – entscheidend ist aber: Was in der Antarktis passiert, hat Auswirkungen weltweit. [caption id="attachment_97" align="aligncenter" width="5919"] Ein Blick auf die King-George-Insel.[/caption] Am Morgen werden wir in Punta Arenas anlegen. Statt des sanften Auf und Ab, des Ruckelns und seitlichen Rutschens beim Brechen der Eisschollen, das uns in den letzten Wochen begleitet hat, nun wieder das Rollen der Wellen. Auf einmal geht alles ganz schnell: Auf unserem Weg durch die Drakestraße sehen wir die ersten Frachtschiffe, in der Magellanstraße erfüllen nachts die Lichter von Dörfern, Ölplattformen und Fischerschiffen den Horizont. Hier sind die menschlichen Aktivitäten wieder direkt sichtbar. Tief im Eis hatten wir den Eindruck, alleine zu sein in der unberührten, spektakulären Natur; doch auf unserer Expedition haben wir erneut festgestellt, dass der weltweite und vom Menschen verursachte Klimawandel auch die Antarktis fundamental verändern kann. Es ist ein Gedanke, der uns zum Abschluss festhält: So klein und schutzlos wir Menschen auch sind im Angesicht des ewigen Eises - seine zukünftige Entwicklung liegt in unserer Hand.   Wir möchten uns bei allen bedanken, die uns bei unserer Arbeit an Bord von Polarstern und darüber hinaus tatkräftig unterstützt haben – und ohne die dieser Blog nicht möglich gewesen wäre. Unser ganz besonderer Dank gilt F.A.Z.-Wissenschaftsressortleiter Joachim Müller-Jung, unserem Fahrtleiter Michael Schröder vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Kapitän Stefan Schwarze, unseren Projektpartnern Dirk Notz und Leif Riemenschneider vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, dem Helikopter-Team Lars Vaupel, Michael Gischler, Roland Richter und Mark Rothenburg, der Meereisgruppe Stefanie Arndt, Marcus Huntemann, Nicolas Stoll vom Alfred-Wegener-Institut sowie Yannick Kern und allen weiteren Helfern auf der Scholle. Wir danken auch dem AWI-Kommunikationsteam, allen voran der Polarstern-Betreuerin Folke Mehrtens, dem PIK-Kommunikationsteam, geleitet von Jonas Viering, und unseren Kollegen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Danke an die Crew und alle Wissenschaftler an Bord von Polarstern für eine unvergessliche Forschungsreise in die Antarktis!
“Difficulties are just things to overcome, after all.” ― Ernest Shackleton

von <a href="http://blogs.faz.net/antarktis/author/fazadmin/">fazadmin</a> erschienen in Aufbruch in die Antarktis ein Blog von FAZ.NET.

]]>
http://blogs.faz.net/antarktis/2018/04/10/abschied-von-der-weissen-wildnis-94/feed/ 0