Fazblog https://blogs.faz.net/ Fazblog - Blogs der FAZ Fri, 22 Feb 2019 17:48:51 +0100 de-DE hourly 1 Wie schwer ist es, an IT-Cracks zu kommen? https://blogs.faz.net/digitec/?p=273 https://blogs.faz.net/digitec/?p=273#comments Fri, 22 Feb 2019 17:48:21 +0100 Alexander Armbruster https://blogs.faz.net/digitec/2019/02/22/wie-schwer-ist-es-an-it-cracks-zu-kommen-273/ Informatiker sind gefragte Leute. Unternehmen aller Branchen suchen Software-Entwickler, Programmierer, Experten für Künstliche Intelligenz - wir haben von der Bundesagentur für Arbeit neue Zahlen... Mehr

von Alexander Armbruster erschienen in F.A.Z. Digitec Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Digitec Podcast

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Informatiker sind gefragte Leute. Unternehmen aller Branchen suchen Software-Entwickler, Programmierer, Experten für Künstliche Intelligenz - wir haben von der Bundesagentur für Arbeit neue Zahlen erhalten, die zeigen, wie groß die Knappheit ist. Wir diskutieren Möglichkeiten, trotzdem Leute zu finden.

Wenn Sie noch mehr wissen wollen über die technologischen Entwicklungen auf der Welt, möchten wir gerne auf unsere neue App "F.A.Z. Digitec" verweisen, die Sie hier finden:

iOS: https://app.adjust.com/ku2uhlu

Android: https://app.adjust.com/vjh2jmn

von <a href="https://blogs.faz.net/digitec/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in F.A.Z. Digitec Podcast ein Blog von FAZ.NET.

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Wie ist es für Netflix zu drehen, Soleen Yusef? https://blogs.faz.net/tresen/?p=278 https://blogs.faz.net/tresen/?p=278#comments Thu, 21 Feb 2019 11:42:58 +0100 Maria Wiesner und Timo Steppat https://blogs.faz.net/tresen/2019/02/21/wie-ist-es-fuer-netflix-zu-drehen-soleen-yusef-278/ Bei Filmprojekten versuche sie gegen die Schublade "Regisseurin mit Migrationshintergrund" anzukämpfen, sagt Soleen Yusef. Für Netflix arbeitet die junge Regisseurin derzeit an der Serie... Mehr

von Maria Wiesner und Timo Steppat erschienen in Am Tresen ein Blog von FAZ.NET.

Am Tresen

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Bei Filmprojekten versuche sie gegen die Schublade "Regisseurin mit Migrationshintergrund" anzukämpfen, sagt Soleen Yusef. Für Netflix arbeitet die junge Regisseurin derzeit an der Serie "Skylines", die in der Frankfurter Hip-Hop-Szene spielt.  Ist das ein Vorteil der Streaming-Dienste, das man mehr ausprobieren kann und in weniger Schubladen gesteckt wird?

Wir treffen Soleen Yusef in einer Frankfurter Kneipe - das Wasserhäuschen ist noch in der Winterpause. Bei einem Bier erzählt sie, was sie beim Dreh in ihrer kurdischen Heimat, wo sie ihren Debütfilm aufnahm, über sich selbst lernte. Was sie mit dem ersten Ort in Deutschland verbindet, an dem ihre Familie nach der Flucht aus dem Nordirak ankam. Und mit welchem musikalischen Ratschlag sie ihre anfängliche Schüchternheit ablegte.

[caption id="attachment_279" align="alignnone" width="476"] Regisseurin Soleen Yusef beim Podcast-Gespräch[/caption]

 

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Wirtschaftskrimi um Wirecard https://blogs.faz.net/einspruch/?p=789 https://blogs.faz.net/einspruch/?p=789#comments Wed, 20 Feb 2019 15:30:13 +0100 Corinna Budras und Constantin van Lijnden https://blogs.faz.net/einspruch/2019/02/20/wirtschaftskrimi-um-wirecard-789/ Herzlich Willkommen zur 62. Folge des F.A.Z. Einspruch-Podasts, dem wöchentlichen Podcast für Politik, Recht und Justiz! Sie haben diesen Beitrag auf einem Mobilgerät aufgerufen und sehen den... Mehr

von Corinna Budras und Constantin van Lijnden erschienen in F.A.Z. Einspruch Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Einspruch Podcast

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Herzlich Willkommen zur 62. Folge des F.A.Z. Einspruch-Podasts, dem wöchentlichen Podcast für Politik, Recht und Justiz!

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Kaum im Aktienindex Dax angekommen, gibt es für den Finanzdienstleister Wirecard Ärger: Bei einer Tochtergesellschaft in Asien sollen Mitarbeiter Umsätze gefälscht haben, um das Unternehmen besser dastehen zu lassen. Ob an den Vorwürfen etwas dran ist, muss sich erst noch herausstellen. Doch schon die entsprechenden Berichte in der Financial Times darüber sorgten für einen dramatischen Kurssturz in den vergangenen Wochen. Das hat jetzt auch die Behörden auf den Plan gerufen: Sie verhängten erstmals ein Verbot über Leerverkäufe der Aktie. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Marktmanipulation.

Die FDP macht sich Gedanken, wie die Betreuung minderjähriger Kinder nach der Trennung der Eltern besser geregelt werden könnte. Sie möchte das „Wechselmodell“ zum Normalfall machen und dafür sorgen, dass sich mehr Väter und Mütter gleichberechtigt um die Kinder kümmern. Standard ist bisher das „Residenzmodell“, bei dem die Kinder vor allem bei einem Elternteil, meist der Mutter, leben. Im Podcast diskutieren wir die Vor- und Nachteile des Wechselmodells und sprechen über die Erfolgsaussichten des FDP-Antrags.

Auf dem beschwerlichen Weg zum Bau einer Mauer an der Südgrenze der Vereinigten Staaten zu Mexiko geht der amerikanischen Präsidenten Donald Trump keinem Konflikt aus dem Weg. Vergangene Woche rief er gar einen „nationalen Notstand“ aus, um die Finanzierung seines Wahlkampfschlagers sicherzustellen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Inzwischen ist die erste Klage von 16 Bundesstaaten in Kalifornien eingegangen, wir diskutieren die Erfolgsaussichten dieser Gegenwehr.

Das Bundesverfassungsgericht hat sich für das Jahr 2019 einiges vorgenommen. Wir stellen die wichtigsten Fälle vor, über die Deutschlands höchstes Gericht in diesem Jahr entscheiden möchte. Schließlich gab es auch in der vergangenen Woche ein gerechtes Urteil: Im Zentrum dieses Streits standen diesmal trockene Semmeln.   

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Die Kapitel von Folge 62 können Sie auch einzeln anwählen:

9:25 Wirecard

20:48 Wecheslmodell für Scheidungskinder

31:26 Trumps Notstand

47:47 Jahrespensum des Bundesverfassungsgerichts

1:02:57 Das gerechte Urteil

Die Links zu den Themen:  

EuGH entscheidet zu Video über polizeiliche Vernehmung auf Youtube:

http://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf?text=&docid=210766&pageIndex=0&doclang=DE&mode=lst&dir=&occ=first&part=1&cid=12848456

Wirtschaftskrimi zu Wirecard:

https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Aufsichtsrecht/Verfuegung/vf_190218_leerverkaufsmassnahme.html;jsessionid=021419B373DE35C5C80AC99DA7A9D532.1_cid381?nn=9021442

https://www.esma.europa.eu/press-news/esma-news/esma-issues-positive-opinion-short-selling-ban-bafin

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32012R0236&from=SL

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32014R0596&from=DE

Wechselmodell für Scheidungskinder:

http://einspruch.faz.net/einspruch-magazin/2019-02-20/ddbe493249fdfc008b74617b123ad962?GEPC=s5

https://www.fdp.de/wp-modul/btw17-wp-a-119

Trumps nationaler Notstand:   

https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/presidential-proclamation-declaring-national-emergency-concerning-southern-border-united-states/

https://www.whitehouse.gov/briefings-statements/president-donald-j-trumps-border-security-victory/

http://uscode.house.gov/view.xhtml?path=/prelim@title50/chapter34&edition=prelim

https://int.nyt.com/data/documenthelper/620-california-lawsuit-against-tru/8e2f7958e51b7fbf4c78/optimized/full.pdf#page=1

https://verfassungsblog.de/trumps-non-emergency-emergency-part-ii/

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2019/01/presidential-emergency-powers/576418/

Jahresvorschau des Bundesverfassungsgerichts:

https://www.bundesverfassungsgericht.de/DE/Verfahren/Jahresvorausschau/vs_2019/vorausschau_2019_node.html

Das gerechte Urteil:

https://www.justiz.bayern.de/gerichte-und-behoerden/oberlandesgerichte/muenchen/presse/2019/11.php

von <a href="https://blogs.faz.net/einspruch/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in F.A.Z. Einspruch Podcast ein Blog von FAZ.NET.

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https://blogs.faz.net/einspruch/2019/02/20/wirtschaftskrimi-um-wirecard-789/feed/ 2
Sind wir arm oder reich, Papa? https://blogs.faz.net/schlaflos/?p=970 https://blogs.faz.net/schlaflos/?p=970#comments Tue, 19 Feb 2019 11:00:54 +0100 Janosch Niebuhr https://blogs.faz.net/schlaflos/2019/02/19/sind-wir-arm-oder-reich-papa-970/ Nicht alle Kinder entwickeln schnell ein feines Gespür für den sozialen Status der Familie. Im Zweifel fragen sie nach. Und dann? Mehr

von Janosch Niebuhr erschienen in Schlaflos ein Blog von FAZ.NET.

Schlaflos

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[caption id="attachment_981" align="aligncenter" width="1200"] Sind wir eigentlich reich? Und wenn nein, warum nicht?[/caption]

Eine unserer Töchter hat eine Freundin, die mich regelmäßig sprachlos macht. Sie sagt dann etwas, was so außerhalb meines Erwartungshorizontes liegt, und ich denke: Mädchen, von welchem Stern kommst du eigentlich? Dann muss ich grinsen und sie weiß nicht warum. So wie bei der Rückfahrt vom Kinobesuch. Wir warten auf den Bus, der uns in fünf Minuten nach Hause fahren wird. Vier Kinder, ein Erwachsener (ich). Es regnet, es ist kalt und auch ein bisschen langweilig. Plötzlich fragt die Freundin ganz ernsthaft: „Warum können wir nicht mit dem Taxi fahren? Da drüben stehen doch welche!“

Ich mag diese Freundin meiner Tochter, aber es gibt eben diese Augenblicke der Fassungslosigkeit. Weiß sie wirklich nicht, was Taxifahrten kosten? Oder ein Kinobesuch für fünf Personen plus Knabberkram? Oder sind Budgetlimits einfach noch keine Kategorie für sie?

Und dann ahne ich, dass sie ihren Eltern noch nie die Frage gestellt hat, die alle meine Kinder schon gestellt haben. Selbst die Fünfjährige. Dass sie nicht zu den Kindern gehört, die diese Frage stellen müssen. Es ist eine verständliche, wenn auch sehr komplexe Frage: „Sind wir arm oder reich, Papa?“ Mit dieser Frage werden wahrscheinlich nur Eltern konfrontiert, die statistisch irgendwo in der Mitte der Einkommens- oder Vermögens-Verteilung angesiedelt sind – wobei „Mitte“ ein sehr weites Feld ist, sie reicht von „knapp über Hartz IV“ bis zu „Spitzensteuersatz trotz Ehegattensplitting“. Die Kinder der reichsten zehn Prozent jedenfalls wissen schlicht, dass sie reich sind, die müssen nicht nachfragen. Und die der ärmsten zehn Prozent ahnen ihren Status auch sehr bald. Nur der Nachwuchs dazwischen braucht Orientierung bei der Selbstverortung. Meine Kinder zum Beispiel. „Also sag schon, Papa! Sind wir arm oder reich?“

Ich habe mir angewöhnt, sehr konträre Botschaften als Antwort auf diese Frage zu senden. Die erste Botschaft: „Wir sind ziemlich reich.“ Und ich meine das dann nicht mal im Vergleich zu irgendwelchen Familien in irgendwelchen Entwicklungsländern. Die Aussage ist auch völlig losgelöst von einer realistischen Selbsteinschätzung in deutschen Einkommens- oder Vermögens-Dezilen, von Nettoäquivalenzeinkommen oder anderen statistischen Größen. Damit ist auch nichts Vergeistigtes à la „Wir sind reich, weil wir uns lieb haben“ gemeint – für derlei Kitsch sind Kinder bei dieser Fragestellung nicht empfänglich. Hier geht's um was anderes – ums Trösten, ums Beruhigen. „Wir sind reich“ heißt hier: Alles ist gut, alles wird gut, wir werden auch künftig ein Dach über dem Kopf haben; ihr werdet auch künftig Kleider bekommen, wenn die alten nicht mehr passen; es wird zu essen geben, Urlaub ist auch drin. Ihr habt sogar ein bisschen eigenes Geld. Vor allem: Ihr werdet nicht beschämt werden, weil ihr arm seid. Alles ist gut. Das ist natürlich reine Psychologie, nicht durch irgendwelche antizipierten ewigen Zahlungsströme gedeckt oder vom Family Office einer Erbengemeinschaft. Aber es ist notwendige Psychologie. Denn hinter der Frage, wie arm oder reich wir sind, versteckt sich eine große Sorge. Und die gilt es zuallererst zu beantworten. Es ist wichtig, Kindern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, gerade in Bereichen, die sie nicht oder wenig beeinflussen können, wie bei Finanzthemen.

Die zweite Botschaft ist das genaue Gegenteil der ersten: Sie ist eher warnend, verunsichernd und – im besten Fall – aktivierend. Sie lautet aber nicht „Wir sind arm“, nie, sondern zum Beispiel „Also wir können uns wirklich nicht alles leisten“ oder „Das ist zu teuer für uns“ oder „Wir können nicht jede Woche mit allen ins Kino gehen“. Dieses Wording kann man nun für die typische Psychohygiene von Eltern halten, deren Haushaltseinkommen regelmäßig hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt. Wahrscheinlich spielt das eine Rolle. Aber die Wahrheit ist auch: Schon das Wort „arm“ lähmt. (Etymologisch scheint das Wort sinngemäß verwandt mit einsam, verlassen, verwaist, zurückgelassen.) Deshalb würde ich nie sagen, dass wir arm wären. Aber ich will selbstverständlich, dass unsere Kinder einen realistischen Blick auf unsere finanziellen Möglichkeiten bekommen. Und auf die gesellschaftlichen Arrangements, in die sie hineingeboren wurden. Das führt zwangsläufig dazu, dass in den Kinderhirnen Gerechtigkeitsfragen aufpoppen. Und dass Eltern wie wir uns regelmäßig über angebliche soziale Wohltaten für Familien erregen, die uns komischerweise nie erreichen (Baukindergeld, Starke-Familien-Gesetz, etc. pp.) Aber das ist ein eigenes Thema.

Was machen Kinder nun mit so widersprüchlichen Antworten auf eine so existenzielle Frage, wie der, ob die eigene Familie arm oder reich ist? Ganz einfach: Sie gleichen das Gehörte mit der Lebenspraxis in der Familie ab und mit den Konsumgewohnheiten in ihrer Peergroup. Sie bekommen dadurch sehr schnell ein feines Gespür dafür, was für sie drin ist (gelegentlicher Kinobesuch, öffentlicher Personennahverkehr) und was nicht (Taxifahrten, wenn der Bus nicht gleich bereitsteht). Die große Herausforderung für Eltern mit Budgetlimits ist dann, die verständliche Frustration der Kinder zu kanalisieren – im besten Fall so, dass es die Kinder aktiviert, die Welt zu verändern, die kleine eigene und die große. Also irgendwas zwischen Sparen fürs eigene Reitpferd und Weltrevolution. Vor allem aber müssen Eltern eines tun, wenn sie ihre Kinder auf die eigenen Budgetlimits verweisen: das kleine Selbstbewusstsein stärken, das in einer auf Konsumoptionen fixierten Welt schnell zerrieben werden kann. (Wahrscheinlich müssen die Eltern da beim eigenen Selbstbewusstsein anfangen!)

Ein Besuch im Schwimmbad hat mich in dieser Hinsicht kürzlich sehr optimistisch gestimmt. Die Freundin war auch wieder dabei. Wie immer gab es Pommes am Kiosk. „Ich hab noch Durst“, sagte die beste Freundin. „Ich will so was.“ Sie zeigte auf eine Colaflasche. Noch bevor ich die Bestellung aufgeben konnte, stellte meine Mittlere ihre frisch aufgefüllte Wasserflasche auf den Tisch. „Hab ich grad vom Klo geholt.“ Irgendwie war ich da sehr stolz.

von <a href="https://blogs.faz.net/schlaflos/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Schlaflos ein Blog von FAZ.NET.

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https://blogs.faz.net/schlaflos/2019/02/19/sind-wir-arm-oder-reich-papa-970/feed/ 14
Will ich so gepflegt werden? https://blogs.faz.net/gesundheit/?p=359 https://blogs.faz.net/gesundheit/?p=359#comments Tue, 19 Feb 2019 10:30:48 +0100 Lucia Schmidt https://blogs.faz.net/gesundheit/2019/02/19/wie-finde-ich-das-richtige-pflegemodell-notstand-einer-alternden-gesellschaft-359/ Die Zahl der Menschen, die gepflegt werden müssen, steigt in unserer Gesellschaft. Doch zugleich fehlt es an Angeboten, Platz und Personal. Aber welche Möglichkeiten gibt es eigentlich? Und wie... Mehr

von Lucia Schmidt erschienen in F.A.Z. Gesundheit - der Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Gesundheit - der Podcast

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Die Zahl der Menschen, die gepflegt werden müssen, steigt in unserer Gesellschaft. Doch zugleich fehlt es an Angeboten, Platz und Personal. Aber welche Möglichkeiten gibt es eigentlich? Und wie finde ich das richtige Angebot für mich – und meine Angehörigen?

Redakteurin Lucia Schmidt hat mit Raimund Schmidt, dem Autoren von „12 Wege zu guter Pflege” darüber gesprochen, welche Einrichtungen sinnvoll sind. „Jeder ist von dem Thema betroffen oder hat durch Angehörige damit zu tun”, sagt der Autor und gibt Tipps, wie man die richtige Pflegeform finden kann.

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Weitere Beiträge aus unserem Gesundheitsressort finden Sie hier.

Haben Sie noch Fragen oder Anregungen zum Podcast? Dann schreiben Sie uns doch an podcast-gesundheit@faz.de.

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https://blogs.faz.net/gesundheit/2019/02/19/wie-finde-ich-das-richtige-pflegemodell-notstand-einer-alternden-gesellschaft-359/feed/ 0
Promotion – ja oder nein? https://blogs.faz.net/blogseminar/?p=7448 https://blogs.faz.net/blogseminar/?p=7448#comments Tue, 19 Feb 2019 10:07:42 +0100 Laura Henkel https://blogs.faz.net/blogseminar/promotion-ja-oder-nein/ Viele Studenten fragen sich, wie es nach dem Studium weitergehen soll. Wann ist eine Promotion das richtige, auf welche Arbeitsbedingungen sollte man sich einstellen? Erster Teil unseres... Mehr

von Laura Henkel erschienen in Blogseminar ein Blog von FAZ.NET.

Blogseminar

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Viele Studenten fragen sich, wie es nach dem Studium weitergehen soll. Wann ist eine Promotion das richtige, auf welche Arbeitsbedingungen sollte man sich einstellen? Erster Teil unseres Leitfadens.

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Alle Studierenden müssen sich früher oder später mit der Frage auseinandersetzen, ob sie eine Laufbahn an der Universität oder auf dem freien Arbeitsmarkt beginnen möchten. Entscheiden sie sich für die Universität, steht das Schreiben der eigenen Doktorarbeit auf dem Programm. Doch der Weg zum Doktortitel birgt einige Herausforderungen, und es gibt viel, was man vorab darüber wissen sollte. Zwei Lehrende und zwei Promovierende der Georg-August-Universität Göttingen erzählen im Gespräch, was es zu beachten gibt. Vorweg ein paar wichtige Begriffe: Die offizielle Bezeichnung für eine Doktorarbeit ist die Dissertation. Dabei handelt es sich um die erste eigene wissenschaftliche Arbeit größeren Umfangs zu einem noch unbearbeiteten Thema. Wenn die Doktorarbeit erfolgreich vollendet wurde, steht die Promotion an: Das ist die Verleihung eines akademischen Grades, des Doktors. Jemand, der eine Doktorarbeit schreibt, wird deshalb in diesem Artikel als Promovierender oder Doktorand bezeichnet. Die Promotion ermöglicht es dem Absolventen, an einer Universität zu forschen und zu lehren. Sie ist somit zugleich der Schlüssel zu einer beruflichen Karriere an der Universität. Wer sich dazu entschließt, eine Doktorarbeit zu schreiben, sollte bereits eine Idee davon haben, was er im Anschluss beruflich machen möchte und sich fragen, ob eine Promotion dafür notwendig ist oder zumindest später Vorteile auf dem Arbeitsmarkt bringen könnte. Durststrecken und frustrierende Erfahrungen Barbara Schaff, die als Professorin für Englische Philologie an der Universität Göttingen regelmäßig Promovierende betreut, rät: „Hinter der Entscheidung für eine Promotion sollte ein klares Berufsziel stehen. Strebt man eine Promotion nur an, weil man sich davon bessere Jobchancen oder ein höheres Gehalt erhofft, dann sollte man es lieber lassen.“ Am wichtigsten sei es allerdings, intellektuelle Neugier für das eigene Fach und die eigenen Themen zu haben. Das sieht Valentin Blomer ähnlich, der als Professor für Mathematik an der Universität Göttingen lehrt. „Ein Promovierender sollte eine Mischung aus Talent, Spaß und Fleiß mitbringen“, findet er, „aber ganz besonders Enthusiasmus ist wichtig. Ohne Freude und Interesse an der eigenen Arbeit kann man eine Promotion nicht schaffen, weil sonst das notwendige Durchhaltevermögen fehlt. Dann wird ein Doktorand auch kaum eine Zukunft in seinem gewählten Bereich haben.“ Von der Universität wird für die Anfertigung einer Doktorarbeit meist ein Zeitraum zwischen drei und fünf Jahren vorgesehen; die tatsächliche Dauer ist aber von vielen Faktoren abhängig – etwa von der Fragestellung, der Arbeitsweise und den persönlichen Lebensumständen des Promovierenden. Am besten ist es, sich mit den Lehrenden des eigenen Fachs über den Rahmen der individuellen Arbeit zu unterhalten. Da die Promotionszeit mehrere Jahre in Anspruch nimmt, sollte ein angehender Doktorand bereit sein, viel Zeit in die Doktorarbeit zu stecken und immer wieder neue Motivation aufbringen können, wenn es mal nicht so läuft wie geplant. „Man muss sich auf Durststrecken und auch auf frustrierende Erfahrungen während der Promotionszeit einstellen. Das gehört dazu, wenn man über einen so langen Zeitraum an einem einzigen, sehr spezifischen Thema arbeitet“, sagt Vania Morais, die ihre Doktorarbeit derzeit am Institut für Romanische Philologie der Universität Göttingen schreibt. Sie findet es wichtig, beim Schreiben nicht den roten Faden zu verlieren und sich immer wieder vor Augen zu halten, welche Fragen die Doktorarbeit behandeln soll. Unterstützung in Graduiertenschulen Wenn man eine Idee für die Doktorarbeit hat, muss man sich für einen Weg entscheiden, auf dem man promovieren möchte. Das bekannteste Format ist die Individualpromotion, die auch Dominique Franke gewählt hat. Sie schreibt ihre Doktorarbeit im Fach Ur- und Frühgeschichte und wusste schon während des Studiums, dass sie promovieren möchte. „Ich habe mich mit meiner Idee für die Doktorarbeit gezielt an einen Professor gewendet, der einen ähnlichen Forschungsschwerpunkt hatte wie ich. Allerdings hat er mir ein anderes Thema vorgeschlagen, welches ich jetzt bearbeite. Es läuft nicht alles immer nach den eigenen Vorstellungen bei der Promotion“, erzählt Franke. Der Vorteil einer Individualpromotion ist, dass der Promovierende alle aufkommenden Fragen und Probleme unmittelbar mit dem Betreuer klären kann. Wer direkt bei seinem Doktorvater oder seiner Doktormutter promoviert, hat manchmal die Möglichkeit, zusätzlich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl des Betreuers zu arbeiten. Wenn keine Stelle frei ist, kann die Promotion auch extern erfolgen, was allerdings ganz eigene Schwierigkeiten birgt. „Eine Individualpromotion ist insofern von Vorteil, als man nicht programmgebunden promoviert und somit auch zeitlich ungebunden ist. Dafür muss man sich aber auch um die eigene Finanzierung kümmern und eine enorme Selbstdisziplin mitbringen. Man muss sich auch der Einsamkeit des Forschenden bewusst sein, denn eine Promotion in den Geisteswissenschaften ist erstmal eine sehr einsame Angelegenheit. Deshalb empfehle ich immer, sich mit anderen Promovierenden oder wissenschaftlichen Mitarbeitern im Fach auszutauschen“, sagt Professorin Barbara Schaff. Unterstützung während der Promotionszeit finden Individualpromovierende in Graduiertenschulen, die häufig an Universitäten angeschlossene Einrichtungen sind und dazu dienen, die Doktoranden miteinander zu vernetzen und zu fördern – etwa durch Reisekostenbeihilfe, Kurzstipendien und vor allem durch Beratung. Die Schulen arbeiten fächerübergreifend und binden sowohl Individualpromovierende als auch solche aus Promotionsprogrammen ein. So gibt es beispielsweise in Göttingen vier Graduiertenschulen, in die alle Promovierenden durch ihre Einschreibung an der Universität aufgenommen werden: Eine für Geisteswissenschaften, eine für Sozialwissenschaften, eine für Naturwissenschaften und eine für Forst- und Agrarwissenschaften. Zusammenarbeit mit Anderen oder individuelle Betreuung? Promovierende, die sich eine Zusammenarbeit mit anderen zu einem bestimmten Thema wünschen, können ihre Doktorarbeit auch in einem Graduiertenkolleg schreiben. Die Graduiertenkollegs werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und sind zeitlich begrenzte Forschungsprogramme mit einem klaren thematischen Schwerpunkt. Da die Kollegs meistens interdisziplinär ausgerichtet sind, können sich die Promovierenden bei ihren Arbeiten gegenseitig unterstützen. Die DFG vergibt Stipendien und Stellen für Graduiertenkollegs, auf die sich Promovierende direkt bewerben können (siehe auch den Stipendienlotsen des Bildungsministeriums). „Am besten ist es, sich zu überlegen, welcher Weg für einen persönlich infrage kommt“, rät Professorin Barbara Schaff. Lege ich Wert auf enge Zusammenarbeit mit Anderen oder auf individuelle Betreuung? Möchte ich möglichst frei und ungebunden arbeiten oder ein strukturiertes Programm haben, in dem ich mich bewege? Hilfe können sich Studierende nicht nur bei den Beratungsstellen einzelner Universitäten, sondern auch direkt bei den Graduiertenschulen und der DFG holen. Neben grundsätzlichen Fragen ist die Promotion mit weiteren organisatorischen Aspekten verbunden – etwa, wie eine Doktorarbeit finanziert werden kann und wie es mit Berufsperspektiven aussieht. Darum soll es in einem zweiten Artikel gehen, den wir in der kommenden Woche im Blog veröffentlichen.

von <a href="https://blogs.faz.net/blogseminar/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Blogseminar ein Blog von FAZ.NET.

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https://blogs.faz.net/blogseminar/promotion-ja-oder-nein/feed/ 16
Hier macht man keine großen Worte https://blogs.faz.net/comic/?p=1399 https://blogs.faz.net/comic/?p=1399#comments Mon, 18 Feb 2019 14:07:51 +0100 andreasplatthaus https://blogs.faz.net/comic/2019/02/18/hier-macht-man-keine-grossen-worte-1399/ Stumme Comics sind immer noch die Ausnahme, doch mit Lewis Trondheim und Lars Fiske versuchen sich gleich zwei etablierte Zeichner an Geschichten ohne Worte: der eine im Genrebereich, der andere auf dem Feld der Künstlerbiographie. Mehr

von andreasplatthaus erschienen in Comic ein Blog von FAZ.NET.

Comic

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George Grosz war ein Agitprop-Künstler. Zumindest in den zwanziger Jahren, als er vehement die Sache der Kommunistischen Partei in der Weimarer Republik betrieb und in seinen Graphikblättern das alte Regime des Kaiserreichs und den deutschen Militarismus ebenso geißelte wie die Kapitalisten. Dabei verließ er sich vor allem auf die Kraft seiner Zeichnungen, und auch wenn seine Mappenwerke, in denen der Malik-Verlag sie unter die Leute brachte, betitelt waren, brauchte Grosz eigentlich gar keine Worte, um seine Botschaften klarzumachen. Ein gekreuzigten Christus mit Gasmaske – das konnte niemand missverstehen. Entsprechend viele Klagen gab es gegen Künstler und Verlag, und meistens wurden sie verurteilt. Auch die Richterschaft der jungen Republik bestand ja noch aus Vertreten des ancien régime.

Das Leben von Grosz wird  aus Anlass seines sechzigsten Todestags in diesem Jahr und dem 125. Geburtstag im vergangenen gerade vielfach präsentiert. Und es gibt nun auch einen Comic über sein Leben, gezeichnet von dem 1966 geborenen Norweger Lars Fiske, der vor mehr als zehn Jahren auch schon Comics über Olaf Gulbransson und Kurt Schwitters publiziert hat, sich also in der ersten Jahrhunderthälfte und dem damaligen Deutschland blendend auskennt. Das spürt man bei „Grosz – Berlin, New York“ (erschienen beim Avant Verlag), auf jeder Seite, ach was, in jedem Einzelbild. Zumal es Fiske wieder gelingt, sich dem graphischen Stil des von ihm porträtierten Künstlers so anzuverwandeln, dass man meinen könnte, eine gezeichnete Autobiographie von Grosz zu lesen. Hier kann man sich das ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/grosz.

Vor allem aber verzichtet auch Fiske auf große Worte und erzählt seine insgesamt 75 Seiten stumm. Keine Dialoge also, auch keine Textkästen, nur vor jedem der sechzehn Kapitel eine Weiß auf Schwarz gedruckte Selbstauskunft von Grosz, die den Ton setzt für die jeweils folgende kleine Episode. Ganz selten gibt es einzelne Sprechblasen, die sich aber auf Schlagwörter wie etwa ein Pseudonym beziehen, mit dem Grosz sich seiner Verhaftung entziehen will und das man nun wirklich nicht hätte zeichnen können. Insgesamt aber dürften sich solche expliziten Fälle an den Fingern zweier Hände abzählen lassen. Und dann gibt es noch gelegentlich die Titel seiner umstrittenen Blätter zu lesen, aber auch das nicht oft.

Es gehört einiges dazu, im Comic stumm zu erzählen. Das hat etwa auch der damals noch junge Riad Sattouf im Jahr 1999 erfahren müssen, als er als Student einen Beitrag für „Comix 2000“ einsandte, die legendäre Anthologie des französischen Autorenverlags L’Association, die nur wortlose Geschichten versammelte – aus der ganzen Welt. Sattouf ist heute ein Star und höchst erfolgreich, aber sein damaliger Beitrag fand keine Gnade vor den strengen Augen der Herausgeber. In der derzeit noch laufenden Sattouf-Ausstellung der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris kann man anhand der dort gezeigten abgelehnten Seiten sehen, warum er scheiterte. Es fehlt das Gespür für einen Handlungsfortschritt ohne die sonst in einem Comic übliche Textebene.

Fiske besitzt dieses Gespür, es ist grandios, wie er seine Seiten rhythmisiert und Tempo in die rein visuell erzählte Geschichte bringt – und es auch wieder herauszunehmen versteht. Genau wie Lewis Trondheim, der im vergangenen Jahr auf Instagram ein höchst interessantes Experiment durchführte: Täglich veröffentlichte er ein Bild aus der neuesten Geschichte seiner bekanntesten Figur Lapinot (auf Deutsch: Herr Hase), die sich somit zu einer aus 365 Folgen in der querformatigen Größe eines Smartphone-Bildschirms bestehenden Geschichte zusammensetzte. Einige wenige Episoden bestehen aus mehreren kleinen Bildern, meist aber zeichnete Trondheim einzelne Tagespanels. Und die Besonderheit: Auch er verzichtete dabei auf Worte.

Für Digitalmuffel wie mich hat er diese Geschichte mit dem Titel „Das verrückte Unkraut“ jetzt auch als Buch (bei Reprodukt) herausgebracht, entgegen der normalen Albengestalt der „Lapinot“-Serie als dicken kleinen Band im Format seiner Zeichnungen. Die Lektüre kann man fast so schnell wie bei einem Daumenkino vollziehen (wobei hier allerdings Vorder- und Rückseiten bedruckt sind), in einer halben Stunde ist man lässig durch. Trondheim bedient wieder einmal ein Genre: in diesem Fall die Fantasy. Herr Hase muss plötzlich feststellen, dass er ständig ungewollt in eine Parallelwelt gerät, in der seine Heimatstadt Paris halbverfallen und von Vegetation überwuchert ist, zudem bevölkert von einigen wilden Kreaturen, die auf alles Jagd machen, was noch normal wirkt.

Entsprechend actionreich ist die Handlung (einen Eindruck kann man sich mit der Leseprobe auf https://www.reprodukt.com/produkt/herrhase/die-neuen-abenteuer-von-herrn-hase-2-das-verrueckte-unkraut/ verschaffen), aber das hat ja schon Tradition bei Trondheim, der seine Erzählformen zu einem nicht geringen Teil aus Computerspielen bezieht. Für Anregungen bei der gezeichneten Welt von „Das bedankt er sich ausdrücklich bei Hayao Miyazaki, Moebius und Massimo Mattioli, und deren Einflüsse sieht man jeweils auch (was ein großes Lob ist). Zudem wird H.P. Lovecraft als Vorbild erwähnt, aber das bezieht sich natürlich auf Stimmung und Figurenkonstellation der Geschichte. Keiner dieser vier Großmeister des Phantastischen müsste sich jedenfalls für „Das verrückte Unkraut“ schämen.

Besonders gespannt aber darf man sein, wie eine derartige Geschichte ohne Worte zu bestreiten ist. Klar, da Herr Hase und die anderen Figuren kaum jemals zum Durchschnaufen kommen, haben sie auch keine Zeit zum Reden, und der Schreck durch diverse unangenehme Überraschungen tritt so zuverlässig immer neu ein, dass es ihnen auch durchaus die Stimme verschlagen haben könnte. Vor allem aber nutzt die wortlose Erzählweise jener schnellen Lektüre, die Trondheim sich wünscht, und der ursprünglichen Publikationsform in Tagesfortsetzungen. Das visuelle Gedächtnis knüpft im Regelfall viel leichter als das wörtliche an vertraute Muster an, also ist ein stummer Comic ideal geeignet für eine lange Fortsetzungsgeschichte. Mit Lyonel Feiningers "Wee Willie Winkie's World" gab es ein frühes Meisterwerk des Comic-Strips, das das auch schon gewusst und angewendet hatte (jedoch erfolglos, wie man zugeben muss).

Trondheims und Fiskes Comics dagegen dürften erfolgreich sein – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie so gut wie keine Übersetzungskosten für fremdsprachige Ausgaben entstehen lassen. Und so wie Grosz einer der wenigen auch international vertrauten deutschen Künstler ist, darf Herr Hase als weltbekannte ikonische Comicfigur des neueren französischen Autorencomics gelten. Das Interesse geht also jeweils über die Landesgrenzen hinaus. Und auch noch anzumerken ist, dass Tondheim schon im ersten „Herr Hase“-Album, dem fünfhundertseitigen „Lapinot et les carottes de Patagonie“ von 1992, ohne Worte ausgekommen war. So werden hier also zwei Klassiker stumm, aber graphisch höchst beredt geehrt: der bildmächtige Grosz und jener wortlose Comic von Trondheim, der diesem Zeichner seinerzeit den Durchbruch brachte. Aber das Schönste an „Grosz – Berlin, New York“ und „Das verrückte Unkraut“ ist, dass sie für sich stehen können, auch wenn man gar nichts über ihre Tradition weiß. Weil sie jeweils einfach gut erzählt sind.

von <a href="https://blogs.faz.net/comic/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Comic ein Blog von FAZ.NET.

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Ein Zusammenprall der Kulturen? https://blogs.faz.net/essay/?p=682 https://blogs.faz.net/essay/?p=682#comments Mon, 18 Feb 2019 14:00:24 +0100 FAZ.NET- Politik https://blogs.faz.net/essay/2019/02/18/ein-zusammenprall-der-kulturen-682/ Vor 30 Jahren rief der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie und seinen Unterstützern auf. Leben wir seither in einem neuen Zeitalter der... Mehr

von FAZ.NET- Politik erschienen in F.A.Z. Essay Podcast ein Blog von FAZ.NET.

F.A.Z. Essay Podcast

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Vor 30 Jahren rief der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie und seinen Unterstützern auf. Leben wir seither in einem neuen Zeitalter der Blasphemie? Ein Essay von Professor Dr. Gerd Schwerhoff.

Der Verfasser lehrt Frühneuzeitliche Geschichte an der TU Dresden und ist Sprecher des DFG-geförderten Sonderforschungsbereichs 1285 „Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“Daniel Deckers, Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlich für das Ressort „Die Gegenwart“, trägt den Essay vor.

Den Podcast können Sie gleich hier auf FAZ.NET hören oder hier abonnieren.

Den Essay können Sie hier nachlesen.

Alle Essays des Ressorts „Die Gegenwart“ finden Sie hier.

Der Podcast F.A.Z. Essay widmet sich jede Woche aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen – und gibt ihnen mit geistreichen Beiträgen von Wissenschaftlern und Politikern Tiefe und Substanz. Mehr über die Geschichte hinter dem Podcast erfahren Sie hier.

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Eine Frage der Identität https://blogs.faz.net/fazit/?p=10548 https://blogs.faz.net/fazit/?p=10548#comments Mon, 18 Feb 2019 10:10:19 +0100 Gerald Braunberger https://blogs.faz.net/fazit/2019/02/18/eine-frage-der-identitaet-10548/ Ökonomen schauen zu viel auf wirtschaftliche Interessen und zu wenig auf Ideen. Denn Menschen maximieren nicht nur ihren materiellen Nutzen. Wer Politische Ökonomie studiert, wird viel... Mehr

von Gerald Braunberger erschienen in Fazit - das Wirtschaftsblog ein Blog von FAZ.NET.

Fazit - das Wirtschaftsblog

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Ökonomen schauen zu viel auf wirtschaftliche Interessen und zu wenig auf Ideen. Denn Menschen maximieren nicht nur ihren materiellen Nutzen.

Wer Politische Ökonomie studiert, wird viel über die Versuche von Interessengruppen und Eliten lernen, auf Kosten der Allgemeinheit ökonomische Partikularinteressen durchzusetzen. So betrieben die amerikanischen Banken in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine erhebliche Lobbyarbeit in Washington, um aus der Weltwirtschaftskrise stammende Regulierungen abzustreifen. Die Agrarwirtschaft kämpft traditionell mit dem Argument nationaler Autarkie und des Landschaftsschutzes für Begrenzungen des globalen Wettbewerbs. Es gäbe noch viele andere Beispiele, wie Gruppen versuchen, sich durch Partikularinteressen wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. All das ist richtig und wichtig und Ökonomen tun gut daran, darauf zu schauen.


Aber es ist nicht alles. Vor dem Zweiten Weltkrieg bemerkte John Maynard Keynes in seiner "General Theory": "... die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen, ob richtig oder falsch, sind mächtiger als allgemein angenommen. Tatsächlich wird die Welt von kaum etwas Anderem regiert. Praktische Männer, die sich von intellektuellen Einflüssen verschont halten, sind üblicherweise die Sklaven eines toten Ökonomen. An der Macht befindliche Verrückte, die Stimmen in der Luft hören, leiten ihren Irrsinn von einem wenige Jahre alten akademischen Geschreibsel ab. Ich bin sicher, dass die Macht von Partikularinteressen im Vergleich zum allmählichen Vordringen von Ideen grob überschätzt wird. Natürlich nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeitspanne..."

Auch das war eine vielleicht eine Übertreibung, aber jedenfalls war es nicht ganz falsch. So unterschiedliche Phänomene wie die Bekämpfung der Sklaverei, die Einführung des Frauenwahlrechts oder die Handelsliberalisierungen nach dem Zweiten Weltkrieg entsprangen nicht oder nicht alleine wirtschaftlichen Kalkülen. Auch Keynes' Zeitgenosse und intellektueller Gegenspieler Friedrich von Hayek hatte seinerzeit die Macht von Ideen betont.


Die seit Jahrzehnten verschüttete Erkenntnis von der Macht der Ideen kehrt in unserer Zeit im Gewand der Diskussion um Identität zurück. Die Ökonomen George Akerlof und Rachel Kranton hatten im Jahre 2011 in ihrem Buch „Identity Economics“ über die Ergebnisse eines 15 Jahre dauernden Forschungsprogramms berichtet, aber richtigen Schwung erhält die Debatte um die Rolle der Identität der Menschen für Politik und Wirtschaft erst in der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Populismus.
Die Grundthese von Akerlof und Kranton lautet: Wer das wirtschaftliche Verhalten von Menschen analysieren will, darf ihnen nicht nur wie in herkömmlichen ökonomischen Modellen eine Maximierung ihres materiellen Nutzens unterstellen. Er muss auch berücksichtigen , dass Menschen Ideen umsetzen wollen, die sich aus ihrem Verständnis von Identität ableiten.

Viele Menschen definieren ihre Identität – also die Frage, wer sie sind – aus der Zugehörigkeit von klar abgrenzbaren Gruppen. Als Kategorien kommen unter anderem das Geschlecht, die Religion, die Nationalität, die Rasse oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation (alt oder jung) in Frage. Die Liste ist natürlich nicht vollständig.


Im ökonomischen Jargon versteht sich das Mitglied einer Gruppe als „Insider“, die anderen sind die „Außenseiter“. Akerlof und Kranton schreiben: „In jedem sozialen Kontext haben die Menschen eine Vorstellung, wer sie sind, was mit Überzeugungen einhergeht, wie sie und andere sich verhalten sollen.“ Sich zu einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen, kann das Selbstwertgefühl steigern.


Welche Kategorie gerade besonders wichtig für die Definition der eigenen Identität ist, hängt von den Umständen ab. Und diese Umstände sind beeinflussbar. „Ein Politiker kann durch das Versenden von Botschaften darüber, wer ein Insider und wer ein Außenseiter ist, über die Verbreitung von Stereotypen über rassische oder religiöse Minderheiten oder durch das Herumreiten auf Patriotismus und nationaler Identität eine bestimmte Kategorie der Identität mehr oder weniger hervorstechen lassen“, schreiben die Ökonomen Sharun Mukand und Dani Rodrik. Geradezu ein Klassiker geworden ist die Gegenüberstellung einer angeblich vaterlandslosen global denkenden Elite und der an das Vaterland denkenden und unter der Globalisierung leidenden Masse eines Volkes geworden. Die Ausbreitung antagonistischen Denkens in unserer Zeit – „wir“ oder „die“ – ist offensichtlich. Man darf dies bedauern, darf es aber nicht unterschlagen.


Menschen, die eine Zugehörigkeit zu der so von Politikern definierten geschundenen Masse der Bevölkerung als wichtigen Bestandteil ihrer Identität ansehen, werden häufig politisch auch für eine Begrenzung des Freihandels eintreten, selbst wenn sie in wirtschaftlicher Hinsicht persönlich von der Globalisierung profitieren. Denn indem sie die Ideen der Gruppe teilen, zu der sie sich gehörig fühlen, steigern sie ihr Selbstwertgefühl.


Hier dominiert in der individuellen Nutzenmaximierung die Bestätigung der eigenen Identität den wirtschaftlichen Schaden durch Zölle. Und so ist denn auch erklärbar, warum Donald Trump nicht nur von wirtschaftlich Abgehängten gewählt wurde, sondern von Menschen, denen es wirtschaftlich gut geht und die aus ökonomischer Sicht keinerlei Anlass haben, für Handelsbeschränkungen einzutreten.


Der traditionelle Ökonom, der vor allem auf die Bedeutung wirtschaftlicher Partikularinteressen schaut, kann dies nicht vernünftig erklären und er wird vielleicht sogar versucht sein, das Wahlverhalten dieser Menschen als irrational abzutun. Der Ökonom, der auch auf die Macht der Ideen schaut, kann es sehr wohl. Für spezialisierte Sozialpsychologen und Politologen sind das ohnehin keine neuen Nachrichten. Die Wirtschaftswissenschaften haben hier noch einen, mittlerweile aber immerhin erkannten Nachholbedarf.


Diese Erkenntnis ist eine Sache, ihre Berücksichtigung in der Arbeit von Ökonomen eine andere. Daher ist es höchst verdienstlich, dass nunmehr mit Gene Grossman und Elhanan Helpman zwei Mainstreamökonomen einen Versuch unternommen haben, Fragen der Identität in die mathematisch formulierte Welt der Modelle internationalen Handels einzubauen.


Die Arbeit von Grossman und Helpman gelangt zu zwei wesentlichen Erkenntnissen. Die wachsende Ungleichheit der Einkommen in den Vereinigten Staaten ist eine wichtige Quelle einer Zunahme des Denkens in Identitäten, das sich gegen die Globalisierung richtet – und zwar ganz unabhängig davon, welche Rolle die Globalisierung für die gewachsene Ungleichverteilung der Einkommen überhaupt besitzt: „Sobald die Elite klein genug in der Bevölkerung geworden ist, sorgt eine populistische Revolution für eine wachsende Nachfrage nach Protektionismus.“


In einem weiteren Schritt fragen die Autoren, ob auch wachsende ethnisches Spannungen die Nachfrage nach Protektionismus befördern. „Die weiße Arbeiterklasse, und hier besonders Männer, sind eine größere Macht für die Identitätspolitik geworden“, konstatieren sie mit Blick auf Amerika. Hieraus leite sich weniger eindeutig eine Präferenz für eine protektionistische Handelspolitik ab. Aber das muss nicht so bleiben und es wäre sehr zu wünschen, wenn Grossman/Helpman weitere Arbeiten stimulieren könnten.

In etwas veränderter Form ist dieser Beitrag am 17. Februar 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung erschienen.

von <a href="https://blogs.faz.net/fazit/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Fazit - das Wirtschaftsblog ein Blog von FAZ.NET.

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Tempel zur Reinigung https://blogs.faz.net/filmfestival/?p=1498 https://blogs.faz.net/filmfestival/?p=1498#comments Sun, 17 Feb 2019 10:30:20 +0100 Bert Rebhandl https://blogs.faz.net/filmfestival/2019/02/17/tempel-zur-reinigung-1498/ „Long live the struggle of the Sudanese people!” Der Kampfruf von Suhaib Gasmelbari verlieh der Preisverleihung bei der Berlinale am Samstagabend eine unvermutete politische Dimension. 1700... Mehr

von Bert Rebhandl erschienen in Filmfestival ein Blog von FAZ.NET.

Filmfestival

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„Long live the struggle of the Sudanese people!” Der Kampfruf von Suhaib Gasmelbari verlieh der Preisverleihung bei der Berlinale am Samstagabend eine unvermutete politische Dimension. 1700 Gäste waren gekommen, es wäre spannend gewesen, hätte man eine kleine Umfrage abhalten können: Haben Sie in den letzten Wochen vom Kampf des sudanesischen Volkes Notiz genommen? Es gab durchaus Berichte in den Zeitungen, aber so richtig Schlagzeilen machen Demonstrationen für eine bessere Regierung in einem afrikanischen Land nicht. Der Film, für den Suhaib Gasmelbari mit dem Glashütte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, heißt "Talking About Trees", er erzählt von vier Veteranen des Kulturbetriebs im Sudan, und von der Tatsache, dass man von einem Kulturbetrieb nicht wirklich sprechen kann. Das hat historische und politische Gründe, die Protagonisten sind alle alt genug, um viele von diesen Gründen quasi am eigenen Leib erfahren zu haben.

Die Berlinale ging als Fest der Freundschaft zu Ende. Früher sprach man von Völkerfreundschaft, und zwei Systeme versuchten, einander wechselseitig die Völker abspenstig zu machen. Heute kommen bei einem kulturellen Großereignis im Westen alle Völker zusammen: Suhaib Gasmelbari hat eine französische Produzentin, Angela Schanelec hat einen serbischen Kameramann, der Argentinier Manuel Abramovich (Silberner Bär der Kurzfilmjury für "Blue Boy") hat einen rumänischen Creative Producer, und der israelische Regisseur Nadav Lapid hat einen tunesisch-französischen und einen Schweizer Produzenten, und er hat seinen Film "Synonymes" in Paris gedreht.

Manuel Abramovich und Bogdan Georgescu

Am Ende des Abends gab es für "Synonymes" den Goldenen Bären für den besten Film. Das war dann zu diesem Zeitpunkt schon keine Überraschung mehr. Die Verleihung der Bären folgt einem Protokoll, sie soll spannend sein, aber ein bisschen Planung muss auch sein. So kann man im Grunde schon beim Vorlauf am roten Teppich erkennen, die sich der Abend entwickeln könnte. Der goldene Handschuh war zum Beispiel schon draußen vor der Tür nicht eben stark repräsentiert, Fatih Akin wurde nicht gesichtet, Jonas Dassler immerhin kam. Die beiden deutschen Vertreterinnen im Wettbewerb waren beide mit Entourage erschienen: Nora Fingscheidt und Angela Schanelec. Beide erhielten einen wichtigen Preis, Schanelec für die beste Regie (Silberner Bär für "Ich war zuhause, aber"), Fingscheidt den Alfred-Bauer-Award für einen Film, der künstlerische Perspektiven eröffnet ("Systemsprenger").

In dem Moment, in dem diese beiden Preise durch waren, muss Nadav Lapid gewusst haben, dass er nun Favorit auf den Hauptpreis war, und als Francois Ozon für den Großen Preis der Jury (Silberner Bär für "Grace à Dieu") auf die Bühne gerufen wurde, konnte Lapid innerlich jubeln. Denn nun war nur noch sein Film übrig.

Die Entscheidung für "Synonymes" ist auch Ausdruck einer Jury-Zusammensetzung, die intellektueller und cinephiler (und sinnvollerweise auch kleiner) war als der übliche Mix aus Funktionen und Regionen: unter dem Vorsitz von Juliette Binoche wurde der Wettbewerb der 69. Berlinale mit plausiblen Entscheidungen abgeschlossen.

Den leidenschaftlichsten Moment gab es allerdings bei einer Entscheidung, die noch im Vorfeld der Bären lag: Der GWFF-Preis für den besten Erstlingsfilm ging an "Oray" von Mehmet Akif Büyükatalay, eine Auseinandersetzung mit dem Buchstaben islamischer Regeln und dem Geist der freien Zuneigung. Der junge Regisseur dankte seinen zwei Familien (der richtigen in Hagen in NRW, und der Kunstfamilie in Köln an der KHM), und bekannte sich dann zu der Religion, der am Samstagabend gehuldigt wurde: er rief dazu auf, „an das Kino zu glauben“, und brachte sehr unmittelbar zum Ausdruck, wieviel es ihm bedeutete, in diesem „Tempel“ gewürdigt zu werden. „Tempel aber müssen zerstört und neu aufgebaut werden.“

Zu den wichtigsten Errungenschaften der Religion des Kinos zählt der Umstand, dann man damit Tempel einreißen kann, ohne auch nur einem Ziegelstein etwas zuleide zu tun. Das mit dem Aufbauen ist wieder eine andere Sache. Dafür sind im kommenden Jahr bei der Berlinale einige neue Menschen zuständig. Lang lebe in jedem Fall der Kampf des sudanesischen Volkes.

von <a href="https://blogs.faz.net/filmfestival/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Filmfestival ein Blog von FAZ.NET.

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Prince: „I Would Die 4 You“ https://blogs.faz.net/pop-anthologie/?p=1765 https://blogs.faz.net/pop-anthologie/?p=1765#comments Sat, 16 Feb 2019 14:33:46 +0100 Martin Andris https://blogs.faz.net/pop-anthologie/2019/02/16/prince-i-would-die-4-you-1765/ Prince verschmolz alles mit allem. In seinem Song „I Would Die 4 You“ aus dem Film „Purple Rain“ legte er außerdem sein ästhetisches Programm offen. Mehr

von Martin Andris erschienen in Pop-Anthologie ein Blog von FAZ.NET.

Pop-Anthologie

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Eine Hymne auf Jesus oder auf den Sex? Prince verschmolz alles mit allem. In diesem Song aus dem Film "Purple Rain" legte er außerdem sein ästhetisches Programm offen.

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 https://cms.faz.net/polopoly/polopoly_fs/1.6043297.1550241483!/image/3549342742.jpg

 

Lange bevor er 2016 starb, hatte sich um Prince bereits eine Art der Legendenerzählung herausgebildet, die sich von anderen Popstar-Narrativen unterscheidet. Wenn Prominente wie Kevin Smith, Charly Murphy oder Jimmy Fallon in Interviews von persönlichen Begegnungen mit dem Sänger berichten, folgen ihre Storys stets einer bestimmten Struktur: Prince kommuniziert zunächst über Boten und Mittelsmänner, taucht dann aus dem Nichts auf, spricht ausschließlich in Gleichnissen und verschwindet wie von Geisterhand. Diese Geschichten zeugen von der schieren Freude an dem Spiel, gemeinsam eine überzeichnete Kultfigur zu erschaffen. Dass ausgerechnet Prince zum buchstäblichen „Symbol“ für Verrätselung und Unantastbarkeit wurde, ist selbstverständlich kein Zufall.

Verdichtet wie nirgendwo sonst hat Prince in „I Would Die 4 U“ an dieser Persona gearbeitet. Zunächst klingt der Song, der 1984 als vierte Single des Albums zum gleichnamigen Film „Purple Rain“ veröffentlicht wurde, so eingängig und unproblematisch, dass einem beinahe entgeht, was im Text passiert. Hier bezeichnet sich jemand als „Messias“. Und es wirkt zunächst nicht wie ein staunender Kommentar zur eigenen Popularität, nicht wie ein Kokettieren mit dem Rummel um die eigene Person. Es ist eine selbstbewusste Setzung, zugleich mit einer dominanten Aufforderung an das Gegenüber verbunden: „All I really need is to know that you believe“. Nur noch mit einem Bein steht Prince damit in einer Soul- und Gospel-Tradition, in der es nicht unüblich ist, der christlichen Heilsbotschaft quasi als Medium eine Stimme zu verleihen.

„You’re just a sinner I am told“

Denn hier singt nicht bloß der als Siebenten-Tags-Adventist aufgewachsene Sänger, der sein Publikum wie zum Beispiel auf „Let’s go crazy“ immer wieder en passant mit religiösen Themen versorgt. In erster Linie ist „I Would Die 4 U“ ein Liebeslied. Im Film „Purple Rain“ dient es als fröhlicher Kehraus nach dem emotionalen Titelsong. Es erklingt nachdem „Kid“, wie die von Prince gespielte Figur heißt, sich nach einem Suizidversuch des Vaters bei seinem gesamten Umfeld für seine Egomanie entschuldigt. Mit den Worten „I never meant to cause you any sorrow“ versöhnt er sich mit der Geliebten Apollonia, mit der Band, dem Veranstalter und der Familie. Als der berühmte lila Regen endet, ist es Zeit für eine Hymne auf Apollonia.

Hat man noch den späteren Prince im Kopf, den Zeugen Jehovas, der sich immer häufiger fromm und introspektiv gab, vergisst man leicht, für was er 1984 stand. Seit „Dirty Mind“ hatte er sich einen Namen durch Songs über Inzest und Blowjobs gemacht und sang in Tanga und Highheels über benutzte Kondome. Spätestens wenn er sich während der Performance von „I Would Die 4 U“ gleichzeitig Schritt und Po reibt, wird klar: auch die Jesus-Thematik wird gnadenlos sexualisiert.

Aus seinem Mund drückt die Zeile „You’re just a sinner I am told / Make you fire when you are cold“ vor allem Neugier auf die Liebesbiographie der Adressatin aus, der Verweis auf die sakramentale Gnade Gottes steht im Hintergrund. Bereits auf „Little Red Corvette“ hatte Prince 1982 gesungen: „’Cause I felt a little ill / When I saw all the pictures / Of the jockeys that were there before me“. Hier wie dort weicht die Irritation sofort lustvoller Anziehung. „Make you good when you are bad“ ist ein für Prince typisches Gegensatzpaar, in dem die „Badness“ natürlich guttut, und das, was guttut, in gewisser Weise „bad“ ist.

„I’m not a woman / I’m not a man / I am something that you’ll never understand“

Die Auflösung aller Kontraste bewirkt aber noch mehr. In wenigen Worten breitet Prince sein ganzes künstlerisches Programm aus. In den Widmungen von „Purple Rain“ wünscht er seinen Hörern nicht ohne Grund „may you live 2 see the Dawn“. Denn sie ist das Herzstück seiner Ästhetik: die Dämmerung. Für den schwarzen Rocksänger, den funky Joni-Mitchell-Fan, den zierlichen Womanizer mit üppigem Brusthaar und rasierten Beinen, den Bewunderer von Sly & the Family Stone ist die Stunde dann gekommen: wenn Tag und Nacht sich angleichen, männliche und weibliche Identität sich aufheben, rot und blau zu „purple“ wird – und alles Offensichtliche sich im Halbverborgenen versteckt.

Mitte der achtziger Jahre verband zudem kein anderer Mainstream-Künstler den organischen Charakter einer eingespielten Funkband so souverän mit elektronischer Avanciertheit. Den Mitgliedern seiner Band The Revolution präsentierte Prince eine Rohfassung von „I Would Die 4 U“ wohl zum ersten Mal 1981 während der Tour zum Album „Controversy“. In der Folge jammte man immer wieder mit dem Material. Eine etwa zehnminütige Variante des Songs, die ebenfalls veröffentlicht wurde, zeigt sehr schön seine Wurzeln in der Improvisation. Die Albumversion schließlich wurde am 3. August 1983 live im First Avenue Club in Minneapolis aufgenommen. Nicht nur das Schlagzeug wurde hierfür im Vorfeld programmiert. Auch den Bass spielte man zunächst auf einem Keyboard ein. Die Bass-Sequenz und die Drums wurden danach mit Hilfe eines MIDI-Kabels synchronisiert, das man über ein Interface an die Drum-Machine der Marke Linn anbrachte. Verschiedene elektronische Klangerzeuger so aufeinander abzustimmen, war zu diesem Zeitpunkt noch keine Selbstverständlichkeit.

Dem für den Bass zuständigen Keyboarder Dr. Fink ermöglichte das Vorgehen, die Akkorde seiner Kollegin Lisa Coleman zusätzlich zu grundieren, was dem Song mehr Schwere gibt. Abgefedert wird das durch filigrane Sechzehntel-Hi-Hats und die eigentlich untypische Platzierung der Bassdrum auf dem zweiten statt auf dem ersten Schlag. Es waren Programmierungen wie diese, die Prince in den Achtzigern auch zu einem Idol der noch jungen Techno-Szene werden ließen. Die frühen Pioniere des Detroit-Techno etwa, die „Belleville Three“ Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson, rühmen bis heute die außerordentliche Bedeutung der Prince’schen Drums für ihre Musik.

„No need to worry / No need to cry / I’m your messiah, and you’re the reason why“

Während der überdrehten Tanzperformance kurz vor Schluss gibt es einen Moment, in dem Prince von sich selbst amüsiert zu sein scheint: Noch im Spagat blitzt in seinem Gesicht ein Lächeln auf, er signalisiert Distanz zu seiner Rolle. „I would Die 4 U“ – nur ein Laune? Dass in Prince sogar ein komödiantisches Talent steckt, hat vielleicht am frühesten Miles Davis bemerkt. Er sei eine Mischung aus James Brown, Jimi Hendrix, Marvin Gaye und Charlie Chaplin. Letzteren erkenne man wieder, wenn Prince sich auf der Bühne bewege. Aber es ist nicht nur die präzise Beherrschung von Körper und Gestik, die den Chaplin-Vergleich naheliegender macht, als man zunächst denken mag. Wie er war Prince jemand, der alles wie ein Spiel aussehen lassen konnte, ein Virtuose der Kindlichkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=SVEFRQavTNI

 

 

I’m not a woman
I’m not a man
I am something that you’ll never understand
I’ll never beat you
I never lie
And if you’re evil I’ll forgive you by and by, ’cause...

You - I would die for you, yeah
Darling if you want me to
You - I would die for you

I’m not your lover
I’m not your friend
I am something that you’ll never comprehend
No need to worry
No need to cry
I’m your messiah, and you’re the reason why, ’cause...

You - I would die for you, yeah
Darling if you want me to
You - I would die for you!

You’re just a sinner I am told
Be your fire when you’re cold
Make you happy when you’re sad
Make you good when you are bad
I’m not a human
I am a dove
I’m your conscience
I am love
All I really need is to know that you believe

Yeah, I would die for you, yeah
Darling if you want me to
You - I would die for you
Yeah, say one more time
You - I would die for you
Darling if you want me to
You - I would die for you
2, 3, 4, you!

I would, die for, you
I would, die for, you
You - I would, die for, you
You - I would, die for, you

von <a href="https://blogs.faz.net/pop-anthologie/author/tspreckelsen/">Tilman Spreckelsen</a> erschienen in Pop-Anthologie ein Blog von FAZ.NET.

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https://blogs.faz.net/pop-anthologie/2019/02/16/prince-i-would-die-4-you-1765/feed/ 3
Die Sache mit dem Trampolinspringen https://blogs.faz.net/erklaeren/?p=253 https://blogs.faz.net/erklaeren/?p=253#comments Fri, 15 Feb 2019 07:20:39 +0100 F.A.Z. - Feuilleton https://blogs.faz.net/erklaeren/2019/02/15/die-sache-mit-dem-trampolinspringen-253/   Trampolinspringen macht Spaß und ist eigentlich ganz einfach. Aber wie funktioniert es genau? Warum klappt’s manchmal doch auf einmal nicht? Und wie wird ein Sport daraus?Von Tobias... Mehr

von F.A.Z. - Feuilleton erschienen in Wie erkläre ich’s meinem Kind? ein Blog von FAZ.NET.

Wie erkläre ich’s meinem Kind?

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[caption id="attachment_252" align="alignleft" width="211"] Am Strand, im Garten, in Tobehallen und im Fernsehen: Trampolinspringen ist ein beliebtes Vergnügen.[/caption] Trampolinspringen macht Spaß und ist eigentlich ganz einfach. Aber wie funktioniert es genau? Warum klappt’s manchmal doch auf einmal nicht? Und wie wird ein Sport daraus?
Von Tobias Schrörs
 

von <a href="https://blogs.faz.net/erklaeren/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Wie erkläre ich’s meinem Kind? ein Blog von FAZ.NET.

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https://blogs.faz.net/erklaeren/2019/02/15/die-sache-mit-dem-trampolinspringen-253/feed/ 0
Neue RTL-Serie: „Am Ende hat das alles mit Selbstausbeutung zu tun“ https://blogs.faz.net/medienwirtschaft/?p=1536 https://blogs.faz.net/medienwirtschaft/?p=1536#comments Tue, 12 Feb 2019 14:22:13 +0100 Jan Hauser https://blogs.faz.net/medienwirtschaft/2019/02/12/david-schalko-m-eine-stadt-sucht-einen-morder-rtl-am-ende-hat-das-alles-mit-selbstausbeutung-zu-tun-1536/ „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist die neue Serie von David Schalko. Nach der Premiere auf der Berlinale läuft sie bald auf TV Now. Für die Neuauflage des Filmklassikers von Fritz Lang... Mehr

von Jan Hauser erschienen in Medienwirtschaft ein Blog von FAZ.NET.

Medienwirtschaft

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„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist die neue Serie von David Schalko. Nach der Premiere auf der Berlinale läuft sie bald auf TV Now. Für die Neuauflage des Filmklassikers von Fritz Lang hat Produzent Schalko das Budget überzogen. Müssen wir uns Sorgen um sein Filmgeschäft machen?

David Schalko

Für seine Rolle ist die Frage existenziell, den Zuschauern bereitet sie Gänsehaut. „Wo ist meine Tochter?“, sagt der Schauspieler Lars Eidinger, 43, auf der Leinwand der Berlinale, bei den gerade angelaufenen internationalen Filmfestspielen in Berlin. Eidinger spricht den Satz aber nicht in einem Kinofilm. Er spielt die Rolle des Vaters in der neuen Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, die ihre Premiere am Dienstag in Berlin feiert.

Das kündet von der Wachablösung, die im Filmgeschäft zurzeit vor sich geht. „Durch den Serienboom hat das Fernsehen das Kino auf vielen Ebenen eingeholt oder abgelöst“, sagt David Schalko, 46, Geschäftsführer und Gesellschafter der Superfilm Filmproduktion mit Sitz in Wien und München. Der Österreicher hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und die Serie auch noch produziert, die auf dem gleichnamigen Filmklassiker des Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1931 beruht und in der nun im heutigen Wien Kinder verschwinden. Neben Eidinger spielen Verena Altenberger und Moritz Bleibtreu in der Neuauflage von David Schalko mit, die auf dem RTL-Internetdienst TV Now in eineinhalb Wochen als erste Drama-Eigenproduktion läuft.

Eine Bilanz hat es noch selten in den Kanon der Weltliteratur geschafft.

David Schalko

Herr Schalko, Ihre neue Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ hat jetzt Premiere auf der Berlinale. Wie lang hat der Prozess vom Buch, das Sie geschrieben haben, bis zum Zuschauer gebraucht?

Die Arbeit war langwierig. Wir haben schon vor vier Jahren begonnen. Bis es finanziert war, hat es lange gedauert. Umso schöner, dass es jetzt bei der Berlinale läuft.

Dabei hatten Sie fast zu wenig Geld für die Serie.

Im internationalen Vergleich stimmt das. Das Budget ist nur ein wenig größer als ein gängiger Tatort, obwohl der Aufwand viel höher ist. Wir hätten uns mehr Geld gewünscht, aber wir haben es trotzdem hingekriegt. Mit 130 Schauspielern und 100 Drehorten platzt das Budget aus allen Nähten.

Sie haben viele hochkarätige Schauspieler gefunden: Bela B., Lars Eidinger, Udo Kier, Sophie Rois, Verena Altenberger und Moritz Bleibtreu sind vertreten. Wie schwer war es, die Schauspieler zu überzeugen?

Das war nicht schwer. Sie haben alle zugesagt, nachdem sie die Drehbücher gelesen haben. Die Philosophie war, dass die mittelgroßen Rollen eher prominent besetzt sind und die größere Rollen eher weniger bekannt.

Was erwartet den Zuschauer von einer Serie, in der Kinder verschwinden?

Es versteht sich als Hommage ans Original, den wir in die Jetzt-Zeit geholt haben. Es ist eine entrückte Ästhetik, die auch Kontakt aufnimmt zum deutschen Expressionismus. Wir haben die Original-Drehorte so aussehen lassen, als wäre sie im Studio gedreht. Die Serie changiert ständig zwischen den Genres: Sie ist Melodram, Thriller, Gerichtsfilm, politische Satire, Milieufilm. Einen Hauptdarsteller im klassischen Sinn gibt es nicht, die Stadt ist die Hauptdarstellerin.

Die Serie beruht auf dem Klassiker von Fritz Lang. Sie haben versucht den Film in die heutige Zeit zu verlagern und aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft aufzugreifen.

Wir wollen einen Vergleich aufmachen zwischen einer Stadt im Jahr 1931 und einer Stadt, wie sie sich jetzt entwickelt. Wie wird das Verschwinden von Kindern heutzutage politisch instrumentalisiert, wenn soziale Medien eine große Rolle spielen? Wir leben in einer Gesellschaft, die viel vereinzelter ist als vor achtzig Jahren. Die Meute rottet sich anders zusammen. Demokratie ist länger gewachsen. Trotzdem habe ich das Gefühl, auch an einer Art Vorabend zu leben, an dem sich politisch vieles zum Autoritäten ändert und der politische Diskurs verroht.

1931 war vor der Nazizeit, was im Film von Fritz Lang anklingt. Jetzt würden Sie sagen, dass es in gewissen Teilen in eine ähnliche Richtung geht?

Nein. Das fände ich übertrieben. Aber es wird an vielen Bürgerrechten gekratzt, die Politik des starken Mannes wird in der westlichen Welt immer popülärer und es werden bürgerliche Konsense in Frage gestellt. Wir leben in einer Wendezeit, in der sich Politik neudefiniert und es einen klaren Rechtsruck in der Gesellschaft gibt.

Ist das ein Thema für die nächsten Projekte oder brauchen Sie erstmal Ruhe?

Ich schreibe aus meinem Roman „Schwere Knochen“ eine Serie. Das versuchen wir gerade zu finanzieren.

Sie versuchen weiter, Serien zu machen…

… wenn man mich lässt.

Sind Netflix und Amazon und Co. dann ein Vorteil und kommen dadurch immer mehr deutschsprachige Serien auf den Markt?

Jede neue Möglichkeit der Finanzierung ist gut. Aber manches ist besser bei öffentlich-rechtlichen Sendern aufgehoben, anderes widerum bei den neuen Streaming-Diensten. Die Serie hat so viele Farben und unterschiedliche Schattierungen – wir können gar nicht mehr von der Serie sprechen, weil es so viele Unterschiede gibt.

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist die erste eigene Serie für den RTL-Internetvideodienst TV Now. Ist es schön, dass die Serie auf einem Streamingdienst läuft, oder schade, dass es nicht ins klassische Fernsehen kommt?

Die Frage stellt sich gar nicht mehr. Alles kommt irgendwann auf alle Plattformen. Wichtig ist, dass die Serie unter die Leute kommt. Heute sind Serien länger sichtbar und über Jahre auf unterschiedlichen Medien konsumierbar. Keiner muss abwarten, bis sie im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Was ändert sich durch die Streamingdienste im Filmgeschäft?

Die neuen Kanäle bieten mehr Möglichkeiten. Durch den Serienboom hat das Fernsehen das Kino auf vielen Ebenen eingeholt oder abgelöst. Was früher Arthouse-Kino war, hat sich in die Serie verlagert. Ich bevorzuge es Serien zu machen, um unökonomischer erzählen zu können als in Filmen. Aber Serie und Kino stehen einander nicht im Weg, sondern befruchten einander.

Sie mögen die Serie, weil es mehrere Teile gibt und man damit in die Länge gehen kann oder weil eine Serie an sich stärker auch eine Nische bedienen kann?

Beides eigentlich. Das Interessante an der Serie ist, dass ich mit meinen Figuren nicht so selektiv umgehen muss. Ich kann inhaltlich auf vielen Ebenen gleichzeitig in die Tiefe gehen. Und was früher eine Nische war, ist heute Mainstream, weil so viele Leute Serien schauen.

Im Fernsehgeschäft ist die Quote entscheidend. Für die Streamingdienste sind Zahlen nicht zu erfahren. Wissen Sie, ob Sie mitbekommen, wie viele Menschen M gesehen haben?

Das weiß ich nicht. Das ist schwer festzustellen, weil das Programm auf so vielen Kanälen und Portalen zu sehen ist. Nach vier Jahren ist gar nicht mehr klar, wie viele Leute eine Serie tatsächlich gesehen haben. Im klassischen Sinn sollte die Quote kaum noch Relevanz haben. Eine Serie bekommt Relevanz, wenn die Menschen darüber reden.

Interessiert Sie eine Quote denn noch?

Mich interessiert ein Quotenerfolg, um weitermachen zu können. Das ist ja leider oft noch immer der Maßstab, um das Geld für das nächste Projekt zu bekommen.

Sie schreiben Buch, machen Regie und sind Produzent – was ist der Vorteil alle drei Rollen in sich zu vereinen?

Der Vorteil ist, dass ich mehr Freiheiten habe und wir selbst die Entscheidung treffen können, wo und wann wir ins Risiko gehen und das Budget überziehen. Der Nachteil ist, dass wir persönlich dafür haften.

Wofür haben Sie mit „M“ gehaftet?

Das Projekt ist weit über das Arbeitsbudget gegangen, aber wir sind zuversichtlich, das Geld wieder durch Verkäufe im Ausland hereinzuholen. Wir haben nicht so viel Geld ausgegeben, dass wir pleitegehen. Aber gemeinsam mit meinem Partner John Lüftner kann ich entscheiden, ob wir auf Gewinne verzichten und das Geld in eine Serie hineinstecken. Das kann ich nur mit meiner eigenen Firma machen, aber wenn ich mit einer fremden Produktionsfirma arbeite, kann ich das nicht entscheiden.

Sie haben mehr Geld hineingesteckt, als sie bezahlt bekommen haben?

Sagen wir so: Wir haben die Grenzen mehr als ausgereizt. Das wäre mit einer fremden Produktion nicht gegangen.

Brauchen Sie jetzt Geld?

Nein, wir sind eine gesunde Produktion mit zwei Standorten und können so etwas zum Glück verkraften. Das Ergebnis hat sich gelohnt. Das ist das Wichtigste. Uns war es wichtig, dass es dem Original gerecht wird. Für uns steht die Qualität im Vordergrund. Wir haben noch nie etwas produziert, von dem wir nicht überzeugt gewesen wären. Das können wenige Produktionen von sich behaupten. Für uns gilt: Eine Bilanz hat es noch selten in den Kanon der Weltliteratur geschafft. Am Ende hat das alles mit Selbstausbeutung zu tun. Und das macht man nur für Dinge, die einem wichtig sind.

Ist das mit ein Grund gewesen, warum sie 2006 die Produktionsfirma Superfilm gegründet haben?

Erstens, weil ich mit meinem Partner zusammen Filme machen wollte. Und zweitens, weil ich diese Freiheit haben möchte. Künstlerisch hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

Finanziell weniger?

Reich wird man in dem Beruf ohnehin selten. Das ist auch nicht der Grund, warum man es macht. Um reich zu werden, muss man einen anderen Beruf ausüben oder nach Amerika gehen.

Aber man muss sich jetzt nicht Sorgen um Sie machen?

Nein. Das sind alles Luxusprobleme.

Das Gespräch führte Jan Hauser.

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Das Bier, das nach Pferdedecke riecht https://blogs.faz.net/bierblog/?p=3819 https://blogs.faz.net/bierblog/?p=3819#comments Tue, 05 Feb 2019 14:40:59 +0100 Uwe Ebbinghaus https://blogs.faz.net/bierblog/2019/02/05/haltet-den-bierpilz-3819/ Was beim belgischen Bier als Spezialität gilt, wird in Deutschland als Fehlgeschmack bewertet: das Aroma der Bierhefe Brettanomyces. Der Brauwissenschaftler Mathias Hutzler erklärt, was es mit... Mehr

von Uwe Ebbinghaus erschienen in Reinheitsgebot ein Blog von FAZ.NET.

Reinheitsgebot

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Was beim belgischen Bier als Spezialität gilt, wird in Deutschland als Fehlgeschmack bewertet: das Aroma der Bierhefe Brettanomyces. Der Brauwissenschaftler Mathias Hutzler erklärt, was es mit dem eigenwilligen Pilz auf sich hat.

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[caption id="attachment_3824" align="alignnone" width="620"] Mikroskopaufnahme einer herkömmlichen Bierhefe - eine Abbildung der Hefeart "Brettanomyces" findet sich am Ende des Interviews.[/caption]

F.A.Z.: Biere, die mit Brettanomyces-Hefe hergestellt werden, liegen im Trend, woran liegt das?

Mathias Hutzler: Sauerbiere erleben im Zuge der Craft-Beer-Bewegung eine Renaissance. Vor allem belgische Biere, bei denen Brettanomyces eine große Rolle spielt, sind gefragt. Am Anfang der Craft-Bewegung stand eher der Hopfen im Vordergrund, der technologisch leichter zu handhaben ist, weil man ihn beim Würzekochen einfach dazu gibt. Eine Gärung mit Hefe, bei der man verschiedene Organismen wieder aufleben lässt, ist komplizierter. Damit wird jetzt sehr viel experimentiert.

Hat diese neue Beliebtheit auch mit dem Geschmack zu tun, der häufig als „funky“ bezeichnet wird?

Sicher. Brettanomyces-Biere weisen bestimmte Geschmacksnoten auf. Sie werden beschrieben als fruchtig, auch als - wie man im englischen sagt - „barnyard“, sie erinnern an Aromen auf einem Bauernhof. Auch von „nasser Pferdedecke“ ist die Rede, von gewürzartig, blumig, nelkig, lederartig, manchmal auch von medizinisch oder tropisch. Das liegt an den beteiligten Fettsäuren, Fettsäureestern, phenolischen Verbindungen oder Essigsäureestern. Besonders spannend ist: Brettanomyces wird erst aktiv, wenn nichts mehr zu beißen für die Brauerei-Hefen da ist. Brettanomyces ist gemächlich, kommt im Bier oft erst nach dem sechsten oder zehnten Monat zum Tragen und verarbeitet noch jene Restzucker wie Maltoetraose oder Maltopentose, oder andere Dextrine die die anderen nicht verwerten können – und die Hefe wandelt auch Säuren um, die Milchsäure (Laktat) zum Beispiel zu Ethyllaktat. Diese Säure zeichnet sich durch ihr besonders harmonisches Mundgefühl aus. Auch eine Berliner Weiße nach altem Rezept braucht in der Flasche noch einige Monate zur Reifung, dafür ist auch Brettanomyces verantwortlich.

Das führt zu der Frage: Warum ist „Brett“ so beliebt in Lambics und anderen Sauerbieren? Sauer macht er ja nicht in erster Linie.

[caption id="attachment_3820" align="alignleft" width="300"] Mathias Hutzler[/caption]

Richtig, es produziert zwar auch ein wenig Essigsäure, die haben die belgischen Bauer aber gut im Griff. Sie achten darauf, dass nicht zu viel entsteht. Milchsäure wird durch Brett weicher, runder, fruchtiger. Entscheidend für das typische Brett-Aroma sind auch die Ethylaktate. Aber nicht jeder Brett-Stamm ist gleich, das ist sehr individuell, der eine ruft mehr Fruchtaromen hervor, der andere eher die gewürzartigen Komponenten. Jede Brauerei hat ihren eigenen Aroma-Fingerabdruck.

Das ist interessant. Die Aromen, die Sie am Anfang genannt haben, geben ja ein sehr breites Spektrum wieder, sie reichen von fruchtig bis Pferdedecke. Wie kann man trotzdem von einem typischen Brett-Aroma sprechen?

Das Typische ist schon die Fruchtigkeit, das leicht Gewürzartige bis Medizinale. Ausschlaggebend ist der Mix an chemischen Komponenten, also 4-Vinylguaiacol, 4-Vinylphenol, 4-Ethylguaiacol, 4-Ethylphenol, 4-Vinylcatechol, Fettsäureestern, Essigsäureestern, und so weiter. Je nach Stamm dominiert dann eines der Aromen. Das macht die Sache spannend: in welche Richtung geht es? Es gibt aber eine Grundnote, die sehr spezifisch ist. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie ins Krankenhaus gehen oder zum Zahnarzt und diesen bestimmten medizinischen Geruch in der Nase haben. Auch verschiedenste Käsesorten einer Kategorie ähneln sich ja im Grundgeruch.

Ist das Besondere an Brettanomyces-Bieren vielleicht, dass sie so fremdartig riechen und schmecken, so wie nichts sonst?

Ja, definitiv. Deswegen macht es auch am meisten Sinn, das Aroma mit einem Mikroorganismus zu beschreiben. Nur er verursacht diesen Flavourmix, kein anderer Organismus erzeugt den.

Ist die Assoziation bei Brettanomyces-Bieren nicht auch eine bestimmte Spritzigkeit? Wenn man zum Beispiel ein Orval trinkt oder ein St. Bernardus 8, die haben wenig gemein, trotzdem meint man im Prickeln eine Gemeinsamkeit zu erkennen.

Das ist dadurch erklärbar, dass die Brettanomyces-Hefe das letzte Glied in der Fermentationskette, der Gärungsreihenfolge ist. Sie kommt am Schluss und verwertet, was noch übrig ist. Je mehr Mikroorganismen schon verstoffwechselt haben, je mehr bereits weggeknabbert ist von der Matrix, desto höher ist der Vergärungsgrad, wie wir Brauer es nennen. Es sind dann viel weniger Zucker und Kohlenhydrate vorhanden. Die Vollmundigkeit des Bieres verschlankt sich. Und wenn die Matrix schlanker ist, wirkt die Kohlensäure auch stärker. Die Rezenz, das Prickeln der Kohlensäure, geht in Richtung Sekt. Und natürlich produziert Brettanomyces auch noch zusätzliche Kohlensäure. Ein normales Bier hat etwa 5 Gramm Kohlensäure pro Liter, ein Brettanomyces-Bier, das meist auch eine höhere Stammwürze hat, also mehr Ausgangszucker, hat circa 7 bis 9 Gramm Kohlensäure pro Liter.

Woher kommt der Name "Brettanomyces" – er deutet auf England, wird aber heute hauptsächlich mit Belgien assoziiert?

1904 wurde von Niels Hjelte Claussen ein Hefepilz in der Carlsberg Brauerei Kopenhagen isoliert, der für die Nachgärung bei englischen Bieren verantwortlich gemacht wurde. Deswegen wurde er als „Brettano“ (für Britannien) „-myces“ (für Hefepilz) bezeichnet. Später, in den zwanziger Jahren hat man den Pilz in der Brüsseler Gegend häufig aus Lambic-Bieren isoliert. Deshalb hat man an den Namen ein „bruxellensis“ gehängt. Dadurch hat er zwei örtliche Bezeichnungen im Namen. Es gibt auch noch einen Brettanomyces "anomalus", einen „nanus“ und eine „naadelensis“. Die letzten beiden spielen bei Bieren keine Rolle. Den „anomalus“ hingegen kann man auch oft in Spontanfermentationen finden, er ergibt aber oft einen unrunderen Geschmack, weist medizinale Noten auf und ist gefürchtet als Bierkontaminante, noch gefürchteter als „bruxellensis“.

Warum ist Brettanomyces in Brauereien ohne Sauer- oder Spezialbierproduktion so gefürchtet?

Der Pilz ergibt ungewollt einen Geschmack, den wir oben beschrieben haben und den man aus Lambics kennt. Das ist natürlich nicht gesundheitsgefährdend, wird aber als Beeinträchtigung des Produkts wahrgenommen, als Geschmack, der nicht der Verbrauchererwartung oder dem Biertyp entspricht. Bei Pilsner oder Hellen Bieren verursacht Brett darüber hinaus eine Nachtrübung. Außerdem kann durch Übervergärung zusätzliches CO2 gebildet werden, das Bier ist dann spritziger als man es haben möchte. Davon abgesehen schmecken manche dieser kontaminierten Biere aber richtig gut.

Wie kann es zu solch einer ungewollten Kontamination kommen?

Meistens durch Bierreste, die irgendwo hingelangen, wo sie nicht sein sollen. So wird zum Beispiel durch ein defektes Ventil oder eine kaputte Leitung Bier in die Kohlendioxid-Leitung gelenkt. Dieser Bierrest gammelt vor sich hin, und wenn Brettanomyces-Hefen in der Nähe sind, setzen sie sich an und vermehren sich. Wenn das Ergebnis jetzt zurück ins System gelangt, hat man eine Kontamination. Das Ganze hat viel mit Hygiene zu tun, war daher früher, zu Zeiten von Holzbottichen, ein weit größeres Problem als heute.

Kommen solche Kontaminationen häufig vor?

In meinem Labor haben wir tausend Brauereien und Getränkehersteller als Kunden, und wir haben circa fünf bis zehn Brettanomyces-Kontaminationen im Jahr. So selten ist es nicht. Die meisten Brettanomyces-Herde werden aber in den Brauereien ausgemacht, bevor sie ins Produkt durchschlagen können. Da gibt es viele Kontrollmechanismen.

Aufpassen muss man auf Brettanomyces also auch, weil unterschiedlichste Hefen überall herumschwirren und sich vermehren, wenn sie ein bestimmtes Umfeld finden?

Ja, Hefen sitzen zum Beispiel auf Insekten, Tieren allgemein, auf Blütenpollen, auf Bäumen, Moosen, Flechten, sie können auch einfach auf Partikeln am Boden haften. Je mehr Umweltkontakt eine Brauerei hat, gerade auf dem Land, im Herbst, wenn die Früchte von den Bäumen fallen, wenn die ganze Biomasse unter dem Einfluss von Organismen steht und vor sich hin gärt, desto mehr kommt sie in Kontakt mit Hefen. Da reicht dann eine Fruchtfliege auf einem Bierrest oder einem Holzpartikel, um die Vermehrung in Gang zu setzen. Daher gibt es in vielen Füllereien Luftfilter. Die Abfüllung des Biers auf Flaschen ist der kritischste Punkt, daher versucht man, so sauber und hygienisch wie möglich zu arbeiten.

Wie geht man vor, wenn ein System tatsächlich kontaminiert ist?

Man muss die Quelle finden und eventuell technisch beheben. Der Rest des Systems muss intensiv gereinigt werden, mit Lauge und Säure, gegebenenfalls mehrfach. Im schlimmsten Fall, wenn alte Maschinen nicht mehr richtig funktionieren oder ähnliches, muss man komplett umbauen.

[caption id="attachment_3827" align="alignnone" width="620"] Mikrobiologisch gesehen der Schwachpunkt einer jeden Brauerei: die Flaschenabfüllung.[/caption]

Eine Kontamination ist also sehr unangenehm, aber handhabbar?

Ja, genau. Wichtig ist immer, die Ursache zu finden. Was bei Brettanomyces-Hefen heikel ist: Sie sind sehr langsam wachsend. So kann es passieren, dass sie einem bei der mikrobiologischen Kontrolle zunächst durch die Lappen gehen.

Sie sagten eben, kontaminierte Biere schmeckten manchmal richtig gut.

Ja, wir hatten schon Kontaminationen, da dachte man: Oh, das könnte jetzt auch ein tolles belgisches Bier sein.

Was passte gut zusammen?

Wir hatten schon Weizenbiere, deren würzig-fruchtiges Grundaroma hervorragend mit Brettanomyces zusammenpasste. Die betroffenen Lagerbiere schmeckten meist wie Weizenbiere mit einem besonderen Touch. Zum Teil sehr interessant. Wenn man es allerdings mit Brettanomyces anomalus zu tun hat, ergibt sich ein anderes Bild. Dann gehen die Aromen oft in den medizinalen Bereich bis hin zu verbranntem Plastik. Das ist zum Teil ungenießbar.

Warum gibt es in Deutschland so wenige „Brett“-Biere? Der Einsatz von Brettanomyces widerspricht ja nicht grundsätzlich dem Reinheitsgebot oder der Biergesetzgebung.

In Deutschland ist es so: Bei untergärigem Bier (z. B. Pilsener, Helles, Lager) darf man nur untergärige Hefe einsetzen, Brettanomyces ist per se ausgeschlossen. Bei den obergärigen Bieren fällt der überwiegende Anteil auf Weizenbiere, bei denen wäre es wohl so, dass der Konsument Brettanomyces als Fehlaroma wahrnehmen würde. Wir haben also nur wenige Spezialbiere, in denen Brettanomyces drin ist. In Deutschland handelt es sich fast ausschließlich um die Berliner Weiße. Es gibt aber auch einige Craft-Brauer, die zum Beispiel belgische Biere mit Brettanomyces nachbrauen. Es kann aber natürlich sein, dass sich die ein oder andere Brauerei in Zukunft mit Brettanomyces-Spezialbieren einen Namen macht. Das wird spannend.

Bei obergärigen Spezialbieren stünde dem nichts im Wege?

Da gibt es keine direkte Richtlinie. Es heißt, für obergärige Biere muss man obergärige Hefen einsetzen, für untergärige Biere untergärige Hefen. Untergärige Hefen sind genetisch betrachtet ganz anders als obergärige. Die beiden sind ganz klar abgrenzbar. Obergärige Hefen gehören zu den Saccharomyces cerevisiae, das ist bei den meisten deutschen obergärigen Bieren die Haupthefe, also bei Weizenbier, Kölsch und Altbier. Es hat aber immer Spezialbiere gegeben, bei denen neben Saccharomyces cerevisiae auch Brettanomyces bruxellensis, Torulaspora delbrueckii, Hanseniaspora uvarum, Debaryomyces hansenii und andere Hefen vertreten waren. Unsere Meinung am Institut ist, dass diese Hefearten aus historischer Sicht auch bei obergärigen Spezialbieren eingesetzt werden dürfen und damit dem Reinheitsgebot entsprechen.

[caption id="attachment_3843" align="alignnone" width="640"] Mikroskopische Aufnahmen (Polarisationsmikroskopie 1000fache Vergrößerung) von ovalen und länglichen Zellen der Hefeart Brettanomyces bruxellensis.[/caption]

Ist Brettanomyces denn eindeutig eine obergärige Hefe – oder liegt sie irgendwo dazwischen?

Wenn man „ober- und untergärig“ auf der Grundlage des Einsatzes im Braubereich definiert, also anhand der Gär-Temperatur und des Absetzverhaltens, nach oben oder unten, ist die Brettanomyces-Hefe obergärig. Sie kann nicht bei so niedrigen Temperaturen wie die untergärige Hefe arbeiten, also bei 6 bis 8 Grad Celsius.

Warum kennen Sie sich als deutscher Brauwissenschaftler so gut aus mit Brettanomyces?

Ich bin am „Forschungszentrum Weihenstephan für Brau- und Lebensmittelqualität“ Leiter von zwei Abteilungen, einmal des Hefezentrums, dort verkaufen wir an Brauereien weltweit Hefereinkulturen, und in diesem Zusammenhang haben wir schon viele Forschungsprojekte durchgeführt, um diese Hefen besser zu charakterisieren. Meine zweite Abteilung ist die Mikrobiologie, da begutachten wir im Jahr circa 15.000 Proben aus Brauereien weltweit, die wir auf Kontaminationen hin analysieren. Anschließend geben wir Ratschläge zur Behebung.

Wie sehen Brettanomyces-Hefen eigentlich unter dem Mikroskop aus?

Sie sehen stark anders als Brauereikulturhefen  aus. Untergärige Hefen sind eher rundlich-oval und haben eine sogenannte Schultersprossung, seitlich treten Tochterzellen hervor. Brettanomyces ist eher schlauchförmig, zylindrisch, länger. Die Sprossung findet nicht nur oben, sondern auch zur Seite statt. Stand der Technik sind aber eigentlich DNA-basierte Methoden zur Erkennung.

Sind Brauereien auch deshalb so zurückhaltend mit Brettanomyces, weil die Sicherheitsmaßnahmen sehr kostenintensiv sind?

Ja, wirtschaftlich gesehen entsteht ein erheblicher Mehraufwand, weil man die Standardbiere nicht kontaminieren darf. Für bestehende Brauereien ist das eine Herausforderung. Es gibt aber viele, die in einem abgegrenzten Bereich ihrer Brauerei experimentieren. Am besten ist, wenn man die unterschiedlichen Hefewege beim Neubau einer Brauerei gleich mitberücksichtigen und komplett voneinander trennen kann. Oder man braut nur Brettanomyces-Bier, wie viele belgische Brauereien.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

Mehr zum Thema "Brettanomyces" im Bierblog:

Das Bier der Mönche und Bastler

Ist die Zeit reif fürs Sauerbier?

Ist Berliner Weiße doch trinkbar?

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Mathias Hutzler

Geboren 1978 in Regensburg. Studium des Studienganges Technologie und Biotechnologie der Technische Universität München, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technologie der Brauerei II (Prof. Geiger), Technische Universität München, Weihenstephan. 2009 Abschluss der Promotion. Titel der Dissertation: "Entwicklung und Optimierung von Methoden zur Identifizierung und Differenzierung von getränkerelevanten Hefen". Seit 2009 Abteilungsleiter der Abteilungen Mikrobiologie und Hefezentrum des Forschungszentrum Weihenstephan für Brau- und Lebensmittelqualität der TU München (Prof. Jacob). Seit 2013 Lehrbeauftragter für die Fächer „mikrobielle Biodiversität des Brauprozesses“ und „Bierinhaltsstoffe und Humanphysiologie“ am Fachgebiet Brauwesen (Prof. Methner) der TU Berlin.

von <a href="https://blogs.faz.net/bierblog/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Reinheitsgebot ein Blog von FAZ.NET.

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https://blogs.faz.net/bierblog/2019/02/05/haltet-den-bierpilz-3819/feed/ 4
Laufmotivation mit der richtigen Balance https://blogs.faz.net/nilslaeuft/?p=1740 https://blogs.faz.net/nilslaeuft/?p=1740#comments Wed, 23 Jan 2019 10:00:00 +0100 Nils Thies https://blogs.faz.net/nilslaeuft/2019/01/23/balance-1740/ Wer nun endlich mit dem Laufen anfängt, muss das rechte Maß aus Ansporn und Pause finden. Doch die Balance zu halten klappt nicht auf Krampf, sondern mit ein paar einfachen Tipps. Mehr

von Nils Thies erschienen in #Nilsläuft ein Blog von FAZ.NET.

#Nilsläuft

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Schatten eines Läufers
Balance halten: Schatten eines Läufers auf einem Sandweg

Wer nun endlich mit dem Laufen anfängt, muss das rechte Maß aus Ansporn und Pause finden. Die Balance zu halten klappt nicht auf Krampf, aber mit bewährten Tipps.

Als ich zu Joggen anfing, hatte ich keine Wahl, ich musste berufsbedingt fitter werden. Nix mit Balance. Vom Ultramarathon war ich weit entfernt. Auch fünf oder gar zehn Kilometer waren eine Plackerei. Ein gemächliches Tempo fand ich noch in Ordnung, wurde dadurch aber nicht besser. Jemand riet mir zu mehr Training. Also trainierte ich härter, war dauernd kraftlos, verlor den Spaß und verbesserte meine Fitness wiederum nicht. Ein Dilemma.

Es gibt Leute, die laufen nur selten und trotzdem bald einen Marathon. Und dann gibt es diejenigen, die gleich nach den ersten Metern außer Puste sind, obwohl sie jede freie Minute nutzen, um fitter zu werden. Was ist denn nun richtig? Viel oder wenig? Nun, eine einfache Antwort gibt es nicht. Für mich steht fest: Leistungsdruck ist schlecht. Damit meine ich ungewollte Anforderungen, die nicht in Einklang stehen mit der eigenen Leistungsbereitschaft. Verstehen wir uns nicht falsch. Ansporn ist okay, aber Überfordern ist schädlich. Wer also Außendruck spürt, schneller oder weiter laufen zu müssen als gewollt, sollte seine Motive überdenken.

Laufen nach Gefühl

Jetzt aber nicht gleich die Schuhe an den Nagel hängen! Es geht ja erstmal darum, die richtige Balance zu finden. Gut ist, was glücklich macht. Aber wie können wir wissen, was gut ist? Nun, eigentlich ist es ganz einfach: Wir merken es. Der beste Indikator ist unser Wohlbefinden. Überfordern wir uns, fühlen wir uns schlecht. Das äußert sich beispielsweise durch Lustlosigkeit. Und damit meine ich nicht das punktuelle Infragestellen wenn’s mal regnet, sondern bleierne Schwere. Schlafstörungen und Schmerzen tun ihr übriges dazu. Wer dann einfach noch härter trainiert, bekommt die Quittung. Dann wird es bald schmerzhaft.

Pausen und Ausgleich

Wer sportlich ist, braucht Pausen. Da du anfänglich wahrscheinlich nicht weißt, wie viele, plane reichlich ein – gute Nachricht, oder? Und dabei solltest du auch die Alltagsbelastung kalkulieren. Familie, Job und Sport können schon einzeln schlauchen. Wer nach einem langen Arbeitstag müde ist, sollte eher entspannt laufen, anstatt noch eine Schippe drauf zu legen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass neun Stunden Schlaf gut für mich sind – im Normalbetrieb. Je umfangreicher mein Training ist, desto mehr Schlaf brauche ich. Ausgleichssport ist auch toll. Besonders Schwimmen, Radfahren oder Yoga sind gute Ergänzungen und unter vielen Top-Athleten sehr beliebt. Auch dabei gilt: Balance halten.

Plan oder kein Plan?

Tja, die Frage stelle ich mir auch. Nachdem ich mich in den ersten Jahren sklavisch an Trainingspläne gehalten habe, versuche ich nun schon länger etwas anderes. Flexibilität beim Planen hilft mir, meine Balance zu halten, und ich behalte den Überblick. Meinen Plan zweifle ich an, wenn es wochenweise nicht gut läuft, oder es zwickt irgendwo dauerhaft. Sind die Ziele realistisch und freue ich mich beim Training? Wenn nicht: Pause und ruhigere Einheiten. Ein strikter Trainingsplan kommt nicht mehr in Frage. Bei mir kommt es vor, dass ich an einem Tag zur Arbeit laufe, dann noch spontan in der Mittagspause mit Kollegen eine Runde drehe, um den Heimweg dann ebenfalls zu Fuß zurückzulegen. Dafür habe ich dann an anderen Tagen keine Lust und mache Dehnübungen oder lasse es ganz. Nach Lust und Laune und meinem eigenen Rhythmus.

Hör auf dein Herz

Rhythmus ist das Stichwort. Ein Zeichen für Überforderung ist unser (Ruhe-) Puls. Der ist meistens erhöht, wenn es uns schlecht geht. Die Wirkmechanismen hängen beispielsweise mit dem Blutvolumen oder dem Flüssigkeitsanteil zusammen. So lässt sich auch die Regenerationszeit beobachten. Je ausgeruhter wir sind, desto weniger weicht der Ruhepuls vom Durchschnitt ab. Und das ist gleichzeitig auch die Schwierigkeit. Wer kennt schon seinen Ruhepuls und weiß, wie der auf Einflüsse reagiert? Das geht nur mit Erfahrung und einem gesunden Bauchgefühl. Deinen Puls stellst du einfach fest. Drei Finger an die Halsschlagader und den Blick auf die Uhr. Einfach eine Minute Schläge zählen und fertig ist die Pulsmessung. Oder 15 Sekunden zählen und mit vier Mal nehmen, geht auch. Wer das regelmäßig macht, findet seinen Durchschnittspuls heraus. Und damit auch bald, was den Herzschlag beeinflusst. Nach dem Essen, Training oder während einer Krankheit wird er erhöht sein. Eben immer dann, wenn der Körper mehr arbeiten muss. Das ist nicht ganz einfach, aber deine Pulsuhr kann das auch nicht besser.

Technische Hilfsmittel

Elektronische Helferlein versprechen zwar objektive Beratung, können aber aufgrund der Beschaffenheit ihrer Durchschnittsvorgaben und Sensoren nicht hundertprozentig präzise sein. Wenn eure Pulsuhr zu acht Stunden Regenerationszeit rät, kann das allenfalls ein Richtwert sein. Was auch nicht mehr in Frage kommt, ist die Bindung an von der Technik vorgegebene Zeiten und Pulswerte. Zwar hilft mir meine Pulsuhr, gelaufene Strecken zu analysieren, aber muss ich deswegen wie ferngesteuert durch die Landschaft rennen? Bei jedem Pieps schneller oder langsamer werden? Ich glaube nicht. Zumal die Technik immer nur so gut sein kann wie ihr Algorithmus. Und da sollte man sich selbst mal die Frage stellen, wo die Datengrundlage herkommt, die den Apps zugrunde liegt. Das können ja eigentlich nur Durchschnittswerte sein – und will ich nach dem Durchschnitt trainieren? Mehr zu dem Thema beschreibe ich demnächst hier im Blog.

Egal wie, die Hauptsache ist, es macht Spaß. Guten Lauf und bleib gesund! Wenn Du Fragen hast, melde dich per Kontaktformular. Bei Instagram unter @nils_laeuft

von <a href="https://blogs.faz.net/nilslaeuft/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in #Nilsläuft ein Blog von FAZ.NET.

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Silvesterrätsel 2018 – die Diskussion https://blogs.faz.net/planckton/?p=1788 https://blogs.faz.net/planckton/?p=1788#comments Wed, 02 Jan 2019 19:30:52 +0100 Jochen Reinecke https://blogs.faz.net/planckton/2019/01/02/silvesterraetsel-2018-die-diskussion-1788/ Fleißig gerätselt und gut ins neue Jahr gerutscht? Ab jetzt darf hier diskutiert werden. Wie immer gilt: Alle Beiträge werden von Hand moderiert, damit niemand die Auflösung in die Welt posaunt... Mehr

von Jochen Reinecke erschienen in Planckton ein Blog von FAZ.NET.

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Fleißig gerätselt und gut ins neue Jahr gerutscht? Ab jetzt darf hier diskutiert werden. Wie immer gilt: Alle Beiträge werden von Hand moderiert, damit niemand die Auflösung in die Welt posaunt ...

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Galapagos darf nicht untergehen https://blogs.faz.net/platzfuertiere/?p=657 https://blogs.faz.net/platzfuertiere/?p=657#comments Tue, 18 Dec 2018 19:44:19 +0100 Henrike Schirmacher https://blogs.faz.net/platzfuertiere/2018/12/18/galapagos-darf-nicht-untergehen-657/ Die berühmte Galapagos-Riesenschildkröte "Lonesome George" ist eine Symbolfigur für den Artenschutz. Ein ähnliches Schicksal droht vielen endemischen Arten des Archipels. Ein Ausflug in ein nicht mehr ganz unberührtes Paradies. Mehr

von Henrike Schirmacher erschienen in Der Platz für Tiere ein Blog von FAZ.NET.

Der Platz für Tiere

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Jeder kennt sie: Galapagos-Riesenschildkröten.[/caption] Als Kind, schon damals waren in der von mir so geliebten Tierwelt Schildkröten mein Ein und Alles, blätterte ich bei jeder Gelegenheit durch mein Bestimmungsbuch für diese besondere Spezies. Auf der letzten Seite entdeckte ich ein Foto vom weltbekannten „Lonesome George“. Die Bildunterschrift erklärte, wie einsam George als letzte Galapagos-Riesenschildkröte der Pinta-Unterart war. Mich machte das unfassbar traurig und ich verstand einfach nicht, wie es Menschen geben konnte, die dem letzten lebenden Pinta-Weibchen den Garaus gemacht hatten. Mehr als 25 Jahre später ist Lonesome George immer noch eine Symbolfigur für Artenschutz. Mittlerweile verstorben, hoffen Wissenschaftler, seine Art durch aufwendige Experimente zurückzuzüchten. Das Traurige ist, durch den Klimawandel droht im Grunde jeder endemischen Art des Galapagos-Archipels ein ähnliches Schicksal wie Lonesome George. [caption id="attachment_664" align="alignnone" width="570"] Gut getarnt sonnen sich die Meerechsen auf Lavafelsen. Manch eine zieht eine weite Strecke über den Strand...[/caption] [caption id="attachment_667" align="alignnone" width="568"] ...um kurz darauf als Fotomodell abgelichtet zu werden.[/caption] [caption id="attachment_666" align="alignnone" width="568"] Nach zahlreichen Begegnungen üben die dinosaurierähnlichen Tiere immer noch große Faszination aus.[/caption] [caption id="attachment_665" align="alignnone" width="563"] Auch ich fotografiere die "kleinen Drachen" allzu gerne.[/caption] Das war allerdings nicht mein Hauptmotiv, in diesem Winter eine Reise dorthin zu machen. Meine Vorstellung von den Galapagos-Inseln hatte sich seit Kindertagen nicht gewandelt. Ich stellte mir eine völlig unberührte, einzigartige Tierwelt vor. Ein Paradies auf Erden, wie es mir in zahlreichen Dokumentationen vermittelt wurde. Unter Wasser wimmelt es von bunten Doktor-, Papagei- und Trompetenfischen. Gigantische Manta-Rochen gleiten Seite an Seite durch das Meer, Flotten von Hammerhaien patrouillieren durch Jagdgründe voller Leben. An Land ein gemächliches Miteinander von Leguanen, sich sonnenden Meerechsen, Riesenschildkröten und emsigen Darwin-Finken. Vogelkolonien aus rot- und blaufüßigen Tölpeln, die auf aus dem Meer ragenden Klippen nisten oder durch die Lüfte segeln, um hin und wieder senkrecht und spitz wie ein Pfeil mit eng anliegenden Flügeln ins Meer zu schießen. Rückblickend mag meine Vorstellung unberührter Natur naiv gewesen sein. Ähnliche Sehnsüchte wie ich hegen viele andere Menschen. Sie wollen unberührte Natur erleben und gefährden sie dadurch. Als profane Touristin stelle ich fest, der Galapagos-Archipel ist heute weder verwunschen, noch menschenleer. Im Gegenteil. Die Inseln sind, zumindest dort, wo kein Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, zu Land wie zu Wasser gut erschlossen und an Umschlagplätzen wie dem Hafenbecken auf der Insel Santa Cruz tummeln sich zuhauf bunt gemischte Reisegruppen, jugendliche Backpacker, allein reisende Rentner und Abenteurer. [caption id="attachment_661" align="alignnone" width="574"] Die Sitzbänke sind nicht nur für Menschen reserviert.[/caption] Das Besondere an Galapagos ist allerdings, dass sich selbst an den überlaufenen Plätzen eine faszinierende und artenreiche Tierwelt offenbart. Als ob der Massentourismus den Tieren gar nichts anhaben könnte. Im flachen trüben Wasser, die Sicht im Meer um die Galapagos-Inseln ist selten klar, ziehen zahlreiche junge „Black tips“, also Kleine Schwarzspitzenhaie, die hier Zuflucht vor den größeren ihrer Art suchen, umher. Wasserschildkröten schnappen nach Luft, ein Paar Stachelrochen gleitet dahin. Zutrauliche Seelöwen nehmen die Sitzbänke am Pier in Beschlag. Bis auf eine Armeslänge Abstand traue ich mich heran, um ein Foto zu schießen. Näher darf es nicht sein, gibt ein Angestellter des Darwin Research Center, der zufällig vor Ort ist, zu verstehen. „Besonders die Seelöwin mit ihrem Jungen wird sich das nicht gefallen lassen“, sagt er. Trotz der vielen Menschen, Tauchschulen an jeder Ecke, luxuriösen Yachten und zahlreichen Hotelunterkünften steht der Mensch auf Galapagos nicht immer an erster Stelle. Weite Gebiete zu Land und zu Wasser stehen unter Naturschutz und sind völlig unbewohnt. Von einer heilen Welt kann trotzdem nicht die Rede sein. Die Luft wird von alten Dieselmotoren verpestet. Das Einatmen fällt mir auf befahrenen Straßen bei offenem Auto schwer. Dagegen empfinde ich die Luftverschmutzung in Rhein-Main oder der von Pendlerströmen heimgesuchten Frankfurter Innenstadt als geradezu harmlos. [caption id="attachment_669" align="alignnone" width="574"] Ungewohnt zutraulich: Die Seelöwen scheint fast Nichts zu stören.[/caption] [caption id="attachment_662" align="alignnone" width="576"] Wie streunende Hunde teilen sie sich die Stadt mit den Menschen.[/caption] So wird schnell klar, warum in Bezug auf die eindrucksvolle BCC-Dokumentation „Planet Earth II“ des britischen Tierfilmers David Attenborough, der in seiner Heimat unter jungen Leuten Starkult genießt, Kritik laut wird. Sie zeigt eine heile Welt, wo eigentlich keine mehr ist. Attenborough wird vorgehalten, er lasse unter den Tisch fallen, wie bedroht die Orte, die er in seinen Naturdokumentationen zeigt, tatsächlich sind. Auch mir hätte das die Vorfreude auf Galapagos trüben können. Doch ich frage mich, woher dann die Faszination für diese Welt kommen soll, wenn nicht durch solche Darstellungen. Ist es nicht besonders für Kinder eine wichtige Erfahrung, auf diese Weise eine Welt kennenzulernen, in der nicht alles stets und ständig um den Menschen kreist? Ich glaube, solch ein Verständnis von intakter Tierwelt ist sehr wertvoll. Scheinbar treibt es viele Besucher der Insel an. Ein Einheimischer berichtet mir, dass viele ältere Touristen, die sich nach Jahrzehnten den Traum ihrer Kindheit erfüllen, zu den Besuchern auf Galapagos zählen. Sicher, die Verwaltung von Galapagos könnte noch mehr für den Schutz der Insel tun, indem beispielsweise lediglich Elektroautos zugelassen werden. Ein ungebremster Klimawandel könnte dem Archipel schwer schaden. Zum einen werden viele der Inseln dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen. Zum anderen verändert sich dadurch der berühmte El Nino, ein Wetterphänomen im Pazifik. Ein weiteres Abschwächen der Meeresströmung hätte katastrophale Folgen auf die Artenvielfalt. Das Schicksal dieses Paradieses ist also stark gefährdet. Es liegt in unserer Hand, die Galapagosinseln für kommende Generationen zu erhalten. [caption id="attachment_660" align="alignnone" width="552"] Für die Nachwelt: Einbalsamiert reckt Lonesome George seinen Hals, als ob er noch leben würde.[/caption] Und so wird mir eine weitere Begegnung mit Lonesome George in Erinnerung bleiben: In klassischer Manier ist sein langer Hals nach oben gereckt. Der aufgebogene Vorderrand des Panzers, bekannt als „Sattelrücken“, betont seinen faltigen, schuppenlosen Hals- und Nackenbereich. Er wirkt dadurch, seit ich ihn kenne, uralt und liebenswert deformiert. Ich stehe diesmal vor dem einbalsamierten Tier, das auf der Insel Santa Cruz als Ausstellungsstück für Touristen aufbewahrt wird. „Der letzte seiner Art“ soll nie in Vergessenheit geraten. Aktueller als heute könnte seine Geschichte wohl nicht sein.

von <a href="https://blogs.faz.net/platzfuertiere/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Der Platz für Tiere ein Blog von FAZ.NET.

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3:0 im Stechen – Carlsen bleibt Weltmeister https://blogs.faz.net/schachblog/?p=1623 https://blogs.faz.net/schachblog/?p=1623#comments Wed, 28 Nov 2018 16:57:33 +0100 Stefan Löffler https://blogs.faz.net/schachblog/2018/11/28/liveticker-zum-stechen-seit-16-uhr-1623/ Hier habe ich vom Stechen getickert.... Mehr

von Stefan Löffler erschienen in Berührt, geführt ein Blog von FAZ.NET.

Berührt, geführt

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Hier habe ich vom Stechen getickert.

von <a href="https://blogs.faz.net/schachblog/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Berührt, geführt ein Blog von FAZ.NET.

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Das war die Messe http://blogs.faz.net/buchmesse/?p=1839 http://blogs.faz.net/buchmesse/?p=1839#comments Sun, 14 Oct 2018 14:02:05 +0200 Andrea Diener https://blogs.faz.net/buchmesse/2018/10/14/das-war-die-messe-1839/ Leserschwund und Bastellösungen: Die Buchmesse wurde bestimmt von Hilflosigkeit angesichts der sinkenden Verkaufszahlen, aber die Stimmung war interessanterweise trotzdem gut. Mehr

von Andrea Diener erschienen in Literaturblog ein Blog von FAZ.NET.

Literaturblog

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Leserflut am Messesamstag[/caption] Die Messe ist, wie wir jedes Jahr an dieser Stelle zuverlässig kalauern, wieder einmal gelesen. Und im Gegensatz zu den meisten davor hatte sie ein bestimmendes Thema: Die Leserschwundstudie, die alarmierende Zahlen über die Buchbenutzung zumindest im deutschsprachigen Raum erkennen lässt und die Hilflosigkeit der Verlage angesichts eines augenscheinlich wegbrechenden Geschäftsmodells. Was tun? Man weiß es nicht, testet aber vorläufig alles, sogar dieses Internet. Und sagt die Messeparty ab. Was die feierwütigen Massen nicht wirklich interessiert, denn die stellen sich einfach mit einem Getränk irgendwohin. Die Rowohlt-Party fehlte, aber dann wurde es zunehmend egal. Im Literaturhaus bekam man ohnehin immer und egal wann man auftauchte eine Flasche Bier, was wirklich nicht das Schlechteste ist, was man über eine Kulturinstitution sagen kann, die in einem etwas übertriebenen Marmorschlösschen haust. Außerdem wurde ein Haufen Preise verliehen, und man bekam viele Bilder von glücklichen Autoren zu sehen. Dass der wichtigste Preis diesmal wegen Zank in der Jury nicht verliehen wurde, riss auch keine große Lücke. Man bastelte eine Zwischenlösung. Vielleicht war es überhaupt die Messe der gebastelten Zwischenlösungen, und die funktionierten ja alle ganz gut. Zeit also, sich darauf zu besinnen, dass es gar nicht viel braucht, keine großen Rahmen, keine Repräsentationen. Eine Flasche Bier wäre halt gut, aber zur Not geht eben jemand zum Kiosk. Wir bedanken uns für Ihr Interesse, wünschen ein gutes Lektürejahr, was angesichts der vielen starken Neuerscheinungen kein Problem darstellen dürfte, und lesen uns im nächsten Jahr wieder!

von <a href="https://blogs.faz.net/buchmesse/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Literaturblog ein Blog von FAZ.NET.

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53. Lesung: Abschied, nicht nur von New York http://blogs.faz.net/cresspahl/?p=1405 http://blogs.faz.net/cresspahl/?p=1405#comments Sat, 25 Aug 2018 08:46:35 +0200 Birte Förster https://blogs.faz.net/cresspahl/2018/08/25/53-lesung-abschied-nicht-nur-von-new-york-1405/ „Endlich sind wir angekommen, wo meine Erinnerung Bescheid weiß,“ sagt Marie am Ende des letzten South-Ferry-Tages. Am 17. August 1968 ist die Vergangenheit ihrer Mutter dann auch die eigene,... Mehr

von Birte Förster erschienen in Die Woche mit Frau Cresspahl ein Blog von FAZ.NET.

Die Woche mit Frau Cresspahl

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„Endlich sind wir angekommen, wo meine Erinnerung Bescheid weiß,“ sagt Marie am Ende des letzten South-Ferry-Tages. Am 17. August 1968 ist die Vergangenheit ihrer Mutter dann auch die eigene, wenn die Rede von beider Ankunft in New York im Jahr 1961 ist. Am 19. August 1968 rasen Johnson und seine Hauptfigur durch die Nachrichten, die in sechs Jahren New York prägend waren, dann brechen Marie und Gesine Cresspahl über Kopenhagen nach Prag auf, wo sie am „Last and Final“-Jahrestag den alten Lehrer Kliefoth treffen. Die letzte Wochenlektüre ist nur noch eine halbe.

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Darum ging es in diesem Blog Bibliographie zum Blog

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Ein Wiedersehen (20. August 1968) Anita Gantlik hat es arrangiert, dass Marie und Gesine Cresspahl auf dem Weg nach Prag in Klampenborg bei Kopenhagen Halt machen. Dort treffen sie nicht die Freundin, sondern einen alten Bekannten.

„Der Herr steht auf der Terrasse, geschrumpft, eigenwillig aufrecht, schwarzweiß gekleidet, unter schlohweißen Haaren, mit erhobenen Armen kostet er den Empfang aus, der seine Bewegung verbergen will.“

[caption id="attachment_1422" align="aligncenter" width="474"] Bellevue Strand, Klampenborg[/caption] Es ist Julius Kliefoth, Gesines ehemaliger Lehrer „für Englisch und Anstand“, der in England studiert hat, ihren Studienwunsch unterstützte und bei dem sie im Sommer 1952 das (in ihrer Sicht) dritte Abitur, das gelten soll, abgelegt hat (neben den eigentlichen Prüfungen und dem Prozess gegen Dieter Lockenvitz). Anita hat ihm eine Reisererlaubnis besorgt und ihn an der dänischen Küste „eingemietet für zehn Tage“. Nach Gesines Ausreise hat Jakob Kliefoth fünfmal im Jahr besucht: „Ihr Vater war ein verläßlicher, ein fürsorglicher Mann, verehrtes junges Fräulein Cresspahl.“ In dieser Begegnung fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen, kann Marie von einem anderen als von ihrer Mutter etwas über den Vater erfahren. Ausgerechnet bei Kliefoth, der bereits Vorkehrungen für seinen Tod getroffen hat, hinterlässt Gesine die 1875 Seiten Aufzeichnungen „wie es uns ergeht“. Beim Abschied bittet Kliefoth Marie

„– Will you take care of my friend who is your mother and Mrs. Cresspahl?“ – Ich verspreche es, Herr Kliefoth. Meine Mutter und ich, wir sind befreundet.“

Gesine Cresspahl verspricht ihm, nach der Ankunft in Prag anzurufen. Wie Norbert Mecklenburg im Nachwort zum Romanfragment „Heute Neunzig Jahr“ anmerkt, das die Geschichte Heinrich Cresspahls von 1888 bis 1947 erzählt, lässt Johnson die Leser*innen vollkommen im Unklaren darüber, was mit Marie und Gesine Cresspahl passieren wird, wenn sie gleichzeitig mit den Truppen des Warschauer Paktes in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 in Prag ankommen. Ihre Geschichte wird nicht weitererzählt, sie endet an einem Strand in Dänemark.   Mein Jahr mit Frau Cresspahl [caption id="attachment_1424" align="alignright" width="213"] Uwe Johnson, 1971.[/caption] Unter den Leser*innen von Uwe Johnson gibt es zuweilen Debatten darüber, was der wichtigste Satz in diesem Romanwerk ist. Für mich ist es ein Satz, der am 7. Februar 1968 fällt: „Damit du nicht raten mußt, so wie ich.“ Gesine Cresspahl sagt ihn zu ihrer Tochter Marie, und mir scheint er aus drei Gründen besonders wichtig. Einmal nennt er den Grund für das Gespräch zwischen Mutter und Tochter über die Jerichower Vergangenheit und damit für den Roman oder das Gesprächsprotokoll des Genossen Schriftsteller. Dann sagt er etwas über das Verhältnis der Hauptfigur zu ihren Eltern aus, denn beide lassen sie raten. Schließlich ist er Ausdruck ihrer Fürsorge für die Tochter, denn die soll eben nicht raten müssen. Nach einem Jahr Lektüre bleiben für mich vor allem die vielen Lesarten des Romans, seine ganz unterschiedlichen Erzählweisen, die Formen der Geschichtserzählungen, auf die man immer wieder trifft. Virginia Woolf hat einmal über den Roman "Middlemarch" von George Eliot gesagt, er sei ein Buch für Erwachsene. Gleiches gilt für die „Jahrestage“ – für mich ein Werk radikaler Offenheit und Komplexitätsbejahung, das Fragen stellt, vor allem aber Raum für Fragen öffnet und seinen Leser*innen viel zumutet, aber eben auch viel zutraut. Der Roman ist darüber hinaus wohl einer, dessen Lektüre nicht zu Ende geht, auch wenn man bei der letzten Seite angelangt ist. Über Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ zu schreiben hat nicht nur Augen, sondern auch Türen geöffnet. Zum Schluss möchte ich dafür danken: Uwe Ebbinghaus für sein Redigat, für ihr stetes Interesse und vielerlei Ermutigung: Patrick Bahners, Christina Dongowski, Hanne Einloft-Achenbach, Holger Helbig, Hedwig Richter und Rupert Levi Scheuermann. Vor allem aber danke ich all jenen, die ein Jahr lang diesen Blog als Leserinnen und Leser sowie mit Kommentaren hier, auf Twitter und per E-Mail, begleitet und die Treue gehalten haben. Die mir von ihren Johnson-Lektüren erzählt haben. Es hat mich mehr gefreut, als diese Zeilen zu sagen vermögen. Das letzte Wort kann natürlich nur einer haben:

„Beim Gehen an der See gerieten wir ins Wasser. Rasselnde Kiesel um die Knöchel. Wir hielten einander an den Händen: ein Kind; ein Mann unterwegs an den Ort wo die Toten sind; und sie, das Kind das ich war.“

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Literatur: Norbert Mecklenburg, Nachwort zu: Uwe Johnson. Heute Neunzig Jahr, Frankfurt am Main 1996, S. 129-142.

von <a href="https://blogs.faz.net/cresspahl/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Die Woche mit Frau Cresspahl ein Blog von FAZ.NET.

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Die Digital-Charta ist zurück und sie will noch immer Verfassung sein http://blogs.faz.net/wort/?p=547 http://blogs.faz.net/wort/?p=547#comments Tue, 24 Apr 2018 13:00:47 +0200 Hendrik Wieduwilt https://blogs.faz.net/wort/2018/04/24/die-digital-charta-ist-zurueck-und-sie-will-noch-immer-verfassung-sein-547/ Die Zeit-Stiftung will am Mittwoch die nächste Version ihrer “Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union” veröffentlichen. Darüber spricht dann unter anderem auch die... Mehr

von Hendrik Wieduwilt erschienen in Das letzte Wort ein Blog von FAZ.NET.

Das letzte Wort

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Die Zeit-Stiftung will am Mittwoch die nächste Version ihrer “Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union” veröffentlichen. Darüber spricht dann unter anderem auch die Bundesjustizministerin Katarina Barley. Mir liegt ein aktualisierter Text vom 21. Dezember (PDF) vor und um den soll es offenbar gehen, das teilen jedenfalls mehrere mit dem Thema vertraute Personen mit. Aus dem öffentlichen Diskussionsprozess ist wohl irgendwann ein nichtöffentlicher geworden, denn auf dem offiziösen Internetauftritt steht noch die alte Variante. Die Autoren haben manche der umstrittensten Passagen entschärft - so etwa den von allen Seiten nahezu einhellig verdammten Artikel 5, der aus Sozialen Netzwerken Totalüberwacher gemacht hätte. Harmlos ist das Projekt allerdings noch immer nicht, sieht man sich die Präambel und die einzelnen Artikel näher an - und das lohnt sich, immerhin wurde die Idee einer Digitalcharta inzwischen durch eine Erwähnung im Koalitionsvertrag geadelt. Was ist die “Digital-Charta”? Die Digital-Charta ist ein mit umfangreichen Presseanzeigen beworbenes Projekt der “Zeit-Stiftung”, maßgeblich unterstützt durch den früheren EP-Präsidenten und SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und propagiert von Promis, darunter Heinz Bude, Juli Zeh, Johnny Haeusler, Ulrich Wilhelm, Christoph Keese, Jeanette Hofmann, Sascha Lobo und Rebecca Casati. Es war von Anfang an auf eine Änderung der EU-Verfassung ausgelegt. Manche der Artikel propagierten eine Art Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf Steroiden: Internetanbieter sollten praktisch jedes Ungemach im Keim ersticken: “Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern”, hieß es in der wohl meistkritisierten und nun gestrichenen Passage. Unklar blieb, warum die Promis, Politologen und mit ins Boot geholten Staatsrechtler den Text in Form einer Verfassung gegossen haben, denn diesem Anspruch wurde die Charta an keiner Stelle gerecht. (Details dazu auch auf diesem Blog.) So richtig wissen die Organisatoren wohl noch immer nicht, was sie sein wollen: Das Papier beschreibt sich mal als "Entwurf einer Digital-Charta" (siehe Präambel), mal als "politisches Manifest in Gestalt eines gesetzesähnlichen Textes". Auch der Inhalt ist weiterhin diffus: "Vorschläge für neue Grundrechte" sollen es sein, die in ein "bindendes Grundrechte-Dokument" münden - dann wieder ist die Rede von "Stärkung und Konkretisierung bestehender Grundrechte", was ja gerade nicht nach neuen Rechten klingt. Wo es grad passt, ist wiederum von "geistigen und materiellen Interessen" die Rede, das meint dann wohl die hinter manchem Paragrafen stehende Kreativindustrie. An anderer Stelle geht es dann um "Rechte und Prinzipien", worunter man nun wieder alles und nichts verstehen kann. Zwischenergebnis: Auch bei dieser Version der Charta hat kein Jurist oder gar Staatsrechtler die Schlussredaktion übernommen. Peinliche Paragrafen-Scharade Tatsächlich setzt die "Charta" damit ihre peinliche Paragrafen-Scharade fort: Sie möchte Gesetz sein, weil es sexy klingt und mehr Bumms hat als ein bloßes Thesenpapier - obwohl sie mehr nicht ist. Aufgeplustert beginnt das Werk mit einer bizarren Präambel, in der in Kapitalen geschrieben steht, was "WIR, DIE AUTORINNEN UND AUTOREN" über dies und jenes denken. Die prätentiöse Einleitung wirkt ein wenig wie ein 6jähriger, der sich als "König" zum Karneval einen falschen Hermelinpelz überwirft und huldvoll seine neuesten "Dekrete" von einer Haushaltsrolle abliest. So viel Zeremoniell erlaubt sich nicht einmal die heutige EU-Grundrechtecharta - die beginnt recht trocken und ohne Glamour für die Verfasser. Das Grundgesetz hat auch eine Präambel, dort geht es aber erst einmal um Gott, dann um das deutsche Volk, aber nicht die Verfasser - und sie hält sich kürzer als das lange Intro der Charta-Autoren. Die Charta ist damit quasi das Instagram-Selfie unter den Verfassungen. [caption id="attachment_550" align="aligncenter" width="711"] Präambel der Charta. Spüren Sie die Grandeur?[/caption] Immerhin: Es ist nicht länger verharmlosend die Rede von "einer Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern" - zu den Initiatoren des Textes gehörte immerhin ein gewisser Martin Schulz (SPD) und Springerlobbyist Christoph Keese, also keineswegs Menschen aus der uneigennützig tätigen Zivilgesellschaft. Inhaltlich geht es letztlich um einige fromme Wünsche, überwiegend längst bekannte und debattierte Plattitüden, aber bisweilen auch eher haarsträubende Kulturdiktate. Pluralität per Dekret: Artikel 12 Gefährlich bleibt es in Artikel 12, dort ist weiterhin die Forderung nach zwingendem Pluralismus in sozialen Netzwerken enthalten: "In der digitalen Welt sind Pluralität und kulturelle Vielfalt zu fördern". Das klingt nach dem Wunsch der Bundesjustizministerin Katarina Barley, die Facebook und Co. zwingen will, den Nutzern mehr Gender-Themen zu zeigen. Der Staat würde so zum Weltverleger, zur ganz großen Brille, durch die jeder Nutzer der digitalen Welt künftig blicken muss. Auch Artikel 4 (ehemals Artikel 5) zur Meinungsfreiheit ist in diesem Geist geschrieben: Dieses "Grundrecht" ist eigentlich eine Grundpflicht, denn Betreiber von Plattformen im Internet ("Betreiber öffentlicher Diskursräume") sollen die Beachtung der Grundrechtecharta gewährleisten. Es handelt sich also um eine Art Regulierung im schmeichelhaften Gewand eines Grundrechts. Harmloser, aber wohl etwas redundant sind Sätze wie “Netzneutralität ist diskriminierungsfrei zu gewährleisten” (Art. 11). Ist denn eine diskriminierende Netzneutralität überhaupt neutral? Personenbezogene Daten sollen “nur nach Treu und Glauben” erhoben und verarbeitet werden (Art. 7), was die Autoren aus der bald in Kraft tretenden Datenschutzgrundverordnung abgeschrieben haben. Inwieweit der Art. 7 gegenüber dieser gewaltigen Reform nun ein Fortschritt ist, bleibt rätselhaft - allerdings schwächelten die Initiatoren beim Thema Datenschutz auf ihrer eigenen Seite kürzlich noch derart, dass der Datenschutzbeauftragte aus Hamburg sie zu Nachbesserungen ermahnen musste. Es geht wohl einmal mehr um Wohlklang statt Substanz. Weniger Schutz als im Grundgesetz Undeutlich bleibt Artikel 16: "Im digitalen Zeitalter ist effektiver Arbeitsschutz und Koalitionsfreiheit zu gewährleisten." Hier möchte man fragen: Jetzt erst? Vorher nicht? Artikel 9 unseres bestehenden Grundgesetzes zu lesen kam den Autoren womöglich nicht in den Sinn. Vielleicht finden sie ihre kürzere Formulierung schlicht besser als die in unserer Verfassung. Die Charta bleibt allerdings hinter dem Grundgesetz zurück. Möchten die Charta-Autoren etwa den Schutz der Arbeitnehmer einschränken? Ähnlich verhält es sich mit der Unverletzlichkeit der Wohnung. Man kann sich ein Grundgesetz übrigens kostenlos bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen. Staatsgeheimnisse werden abgeschafft Artikel 5 besteht aus allerlei Vorschriften zu "Automatisierten Systemen". Am Ende soll jedenfalls ein Mensch entscheiden - das steht in dem Paragrafen gleich mehrfach, in Bezug auf Entscheidungen "von erheblicher Bedeutung", solche, die "in Grundrechte eingreifen", aber auch bei solchen über Leben und Freiheitsentzug - sind letztere denn nicht von erheblicher Bedeutung und greifen sie etwa nicht in Grundrechte ein? Egal. Artikel 6 schafft quasi im Vorbeigehen sämtliche Staatsgeheimnisse ab. Er gewährleistet uneingeschränkte Transparenz gegenüber jedermann. Ein Vorbehalt soll nur zum Schutz personenbezogener Daten gelten, also nicht etwa aus Gründen der Sicherheit, der Außenpolitik oder was das Informationsfreiheitsgesetz sonst noch an Ausnahmen kennt. Mit einem Schlag sind sämtliche Archive der Ministerien, aber auch von privaten Unternehmen, sofern sie öffentliche Aufgaben wahrnehmen, offen. Gerichte werden überflüssig Der juristisch wohl größte Knaller verbirgt sich in Artikel 17 und ist ein alter Bekannter: Die Charta soll nämlich nicht nur für staatliche Stellen gelten, sondern "die Rechte und Prinzipien" (was immer das ist) auch gegenüber "nichtstaatlichen Akteuren" greifen. "Dabei ist eine Abwägung mit den Grundrechten dieser Akteure vorzunehmen". Wägt man also Prinzipien mit Grundrechten ab? Egal. Der Artikel widerspricht jedenfalls wie schon die Vorgängerversion unserem Grundgesetz. Denn das sieht eine Grundrechtsbindung gemäß dem - unveränderlichen - Artikel 1 Absatz 3 GG grundsätzlich nur für den Staat vor (Ausnahme: Art. 9 GG). Die Rechtsprechung hat dazu eine lediglich mittelbare Grundrechtsbindung entwickelt. Im Aktienrecht debattiert die Fachwelt seit vielen Jahren, ob ein Unternehmen nun den Aktionärsinteressen dient (shareholder value, so steht es derzeit im Gesetz) oder der Allgemeinheit. Man darf davon ausgehen, dass sich die Charta-Autoren auch mit diesen Diskussionen nicht unnötig aufgehalten haben. Noch immer "Freiheitsfressendes Monster"? Den Verfassern dürfte noch immer nicht klar sein - obwohl ihnen dies von vielen Kritikern mehrfach erklärt wurde -, dass eine totale Grundrechtsbindung für alle nicht bedeutet, dass alle automatisch glücklich sind und Regenbögen ausatmen. Es bedeutet vielmehr, dass über jeden einzelnen Streit künftig das Bundesverfassungsgericht urteilen müsste  und man sich die Ausarbeitung einfacher Gesetze sparen könnte. Beispiel: Wenn ich schlecht gelaunt bin und unter diesem Beitrag einen kritischen (aber legalen!) Kommentar löschen möchte, darf ich das. Künftig würde ich damit gegen das Grundrecht des Kommentators verstoßen, an das ich gebunden bin. Um das zu klären, müssten wir nach Karlsruhe gehen - denn einfache Gerichte haben nicht zu (nachkonstitutionellen) Verfassungsfragen zu entscheiden. Also, wie es zur alten Charta der bloggende Anwalt Thomas Stadler formulierte: "(W)er wacht darüber? Diese Rolle wird selbstverständlich der Staat einnehmen. Was das bedeutet ist klar. Die Charta macht ihn zum Leviathan: zum freiheitsfressenden Monster." Die Freiheit nimmt also deutlich ab und nicht zu. Doch was auch immer die Charta-Autoren im Sinn haben, etwa Kollektivierung, Verstaatlichung, neue Staatsmedien oder einfach nur Selbstmarketing - Freiheit für den Einzelnen ist es ganz sicher nicht. Das muss sich jeder vergegenwärtigen, der diese PR-Sause mit seinem Namen unterzeichnet.

von <a href="https://blogs.faz.net/wort/author/platthaus/">Andreas Platthaus</a> erschienen in Das letzte Wort ein Blog von FAZ.NET.

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