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Das Anleihekaufprogramm der EZB treibt den Target-2-Saldo

| 53 Lesermeinungen

Die Forderungen der Bundesbank könnten bald die Marke von 1000 Milliarden Euro überschreiten. Die Risiken werden häufig überschätzt.

Ende Mai betrugen die Forderungen der Deutschen Bundesbank im Target-2-Zahlungsystem 956 Milliarden Euro. Wahrscheinlich wird dieser Bestand in den kommenden Monaten weiter steigen und die Marke von 1000 Milliarden Euro übersteigen. Dafür dürfte das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgen, das seit mehr als drei Jahren ein wesentlicher Grund für den Anstieg der Forderungen der Bundesbank bildet.

Target ist ein elektronisches System, mit dem die Zentralbanken aus dem Eurosystem, darunter die EZB, die Deutsche Bundesbank, die Banca d’Italia oder die Nederlandsche Bank grenzüberschreitende Überweisungen in der Eurozone abwickeln. Damit sorgen sie dafür, dass Banken, Unternehmen und Privatpersonen Güter-, Kredit- und Wertpapiergeschäfte schnell und zuverlässig in der gesamten Eurozone abwickeln können. Nach Angaben der Bundesbank werden im Laufe eines Jahres über Target 2 annähernd 90 Millionen Zahlungen im Gegenwert von 450 Billionen Euro abgewickelt. Verrechnet werden diese Zahlungen über Konten, die von den nationalen Zentralbanken bei der EZB geführt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bis zur Finanzkrise waren die Konten der nationalen Zentralbanken bei der EZB nahezu ausgeglichen. Mit der expansiven Geldpolitik nach der Finanzkrise und der damit verbundenen Schaffung neuen Geldes entstanden in den Jahren 2008 bis 2012 hohe Salden – erheblichen Forderungen der Deutschen Bundesbank sowie der Nederlandsche Bank und der Zentralbank von Luxemburg standen hohe Defizite vor allem der Banca d’Italia und der Banca D’España entgegen. Allgemein ausgedrückt, entstehen solche Salden, wenn die Schaffung und die Verwendung von bei der Zentralbank gehaltenem Geld regional auseinanderfallen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese hohen Salden führten zu einer lebhaften Diskussion in Deutschland über ihre Entstehung und ihre Dauerhaftigkeit. Im Nachhinein zeigen empirische Arbeiten, dass seinerzeit mit dem Ausbruch der Euro-Krise vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, erhebliche Kapitalflucht aus Südeuropa in den Norden der Währungsunion die Salden im Target-2-System getrieben hatte. So war es nicht erstaunlich, dass nach Mario Draghis berühmter Londoner Rede im Jahr 2012, in der er ankündigte, die EZB werde alles in ihrem Mandat Stehende tun, um den Euro zu erhalten („whatever it takes“), die Target-2-Salden mit der nachfolgenden Beruhigung an den Finanzmärkten ein Stück weit zurückgingen.

Seit Anfang 2015 steigen die Salden wieder, und es dürfte kein Zufall sein, dass dieser Anstieg mit dem im März 2015 initiierten Anleihekaufprogramm der EZB zusammenfällt. Ein ähnlicher Zusammenhang ist seit Jahren aus Amerika bekannt. Auch dort existiert ein nationales, von den regionalen Distriktbanken der Federal Reserve (Fed) getragenes Zahlungssystem. Die wichtigste Distriktbank ist die Federal Reserve Bank of New York. Ihr Saldo zeigt zwischen 2008 und 2014, als die Fed drei Anleihekaufprogramme durchführte, in der Tendenz einen spürbaren Anstieg ihres Saldos. Die amerikanischen Salden sind nicht so hoch wie die Eurosalden, da einmal jährlich ein Ausgleich zwischen den regionalen Distriktbanken stattfindet, für den es in der Eurozone kein Pendant gibt. Aber der Ausgleich verhindert nicht, dass sich seit Beginn der expansiven Geldpolitik auch in den Vereinigten Staaten immer wieder beachtliche Salden gebildet haben.

Damit ist nicht gesagt, dass die Target-2-Salden in der Eurozone alleine von Anleihekäufen bestimmt werden. Es kursieren Gerüchte über Kapitalflucht aus Italien seit der Installierung der neuen Regierung. Unter Kapitalflucht wird üblicherweise die Verlagerung von Bankguthaben ins Ausland verstanden. Aber die Statistiken der Banca d’Italia über Bankeinlagen von Unternehmen und Privatpersonen können derzeit keine Hinweise auf eine eventuelle aktuelle Kapitalflucht liefern, da die neuesten Daten aus dem April stammen. In Notenbankkreisen ist zu hören, man habe aktuell keine Informationen über eine bedeutende Kapitalflucht aus Italien und in einer aktuellen Analyse gelangt auch die französische Investmentbank Natixis zu diesem Schluss. Was man seit Beginn des Anleihekaufprogramms beobachten kann, ist eine stärkere Internationalisierung in der Anlagepolitik von Großanlegern. So haben italienische Großanleger, die im Rahmen des Anleihekaufprogramms Papiere an die Banca d’Italia verkauft haben, einen Teil ihres Geldes in anderen europäischen Ländern investiert. Aber erstens läuft dieser Prozess seit mehr als zwei Jahren und zweitens wird auf ihn üblicherweise nicht der Begriff Kapitalflucht angewendet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Eurozone lässt sich seit 2015 ein bemerkenswert stabiler Zusammenhang feststellen: Mit jeder Milliarde Euro Anleihekäufe im Rahmen des EZB-Programms steigen die Salden im Target-2-System um rund 300 Millionen Euro, von denen rund 200 Millionen Euro auf die Bundesbank entfallen. Dies erklärt sich aus der traditionell führenden Rolle Frankfurts als kontinentaleuropäischem Finanzplatz für Finanzgeschäfte aus anderen Teilen der Welt. Im Rahmen des Anleihekaufprogramms werden Anleihen aus allen Eurostaaten mit Ausnahme Griechenlands erworben.

Alle italienischen Anleihen werden von der Banca d’Italia erworben. Die Bundesbank kauft ausschließlich Bundesanleihen, aber viele aus der Eurozone stammenden Banken, die der Banca d’Italia Anleihen verkaufen, haben in der Eurozone ein Bankkonto in Frankfurt. Das heißt, in Italien entsteht durch den Anleihekauf neues Geld, das aber von den Anleihe verkaufenden Banken in Frankfurt auf Konten bei der Bundesbank gehalten wird. Verrechnet wird dies durch das Zahlungsverkehystem Target 2, in dem die Forderungen der Bundesbank und die Verbindlichkeiten der Banca d’Italia gegenüber der EZB zunehmen.

Seit Jahren finden Diskussionen über die Werthaltigkeit von Target-2-Forderungen statt. Mit Debatten über einen Austritt Italiens haben sie Nahrung erhalten. Nach einem populären Irrtum müssten die Forderungen der Bundesbank nach einem Euroaustritt Italiens um mehrere hundert Milliarden Euro wertberichtigt werden. Dies ist unzutreffend; die Bundesbank hat aus Target-2 keine direkte Forderung gegen Italien. Es gilt das Prinzip: Target-2-Forderungen bestehen gegenüber der EZB und sind für die Höhe der potentiellen Risiken aus Target-2-Verbindlichkeiten anderer Länder unerheblich. Da die Bundesbank die Forderungen gegen die EZB hält, setzte eine Wertberichtigung den Untergang der EZB voraus.1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das finanzielle Risiko der Bundesbank (und damit Deutschlands) ist ein indirektes. Die EZB hält aus einem alten Kaufprogramm italienische Anleihen über 50 Milliarden Euro, und sie besitzt eine Forderung aus Target-2 über zuletzt 465 Milliarden Euro gegenüber der Banca d’Italia. Nach einer interessanten Studie des Analysehauses Oxford Economics hätte die EZB selbst im Falle eines Austritts Italiens aus dem Euro keine Notwendigkeit, eine Wertberichtigung auf ihre Forderung gegenüber der Banca d’Italia vorzunehmen, denn diese Forderung ist zeitlich unbefristet – es existiert keine Tilgungspflicht – und sie ist unverzinst. Eine Target-2-Verbindlichkeit ähnelt einer Nullkuponanleihe mit ewiger Laufzeit.

Nach einer kräftigen Abwertung einer neuen Lira dürfte Italien als Standort dann so attraktiv sein, dass Kapital aus dem Norden der Eurozone ins Land fließt. Auf diese Weise würde sich der Target-2-Saldo reduzieren, kalkuliert Oxford Economics. Was der EZB bliebe, wären italienische Anleihen über 50 Milliarden Euro, die wertberichtigt werden müssten – und über ihren Anteil an der EZB wäre davon dann auch die Bundesbank betroffen. Es bliebe ein erheblicher Schaden, aber man wäre weit von Verlusten in dreistelliger Milliardenhöhe entfernt.2)
Nachtrag: 6. Juli: Ende Juni beliefen sich die Target-Forderungen der Deutschen Bundesbank auf 976 Milliarden Euro nach 956 Milliarden Euro Ende Mai. Die Marke von 1000 Milliarden Euro könnte schon Ende Juli überschritten werden – aber Vorsicht: Es ist auch schon vorgekommen, dass Target-Forderungen der Bundesbank vorübergehend gesunken sind.
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1. Dass aus den Bruttosalden für sich genommen keine Risiken entstehen, zeigt ein Gedankenexperiment. Wenn das Euro-System eine andere interne Neuorganisation seiner Aufgaben beschlossen hätte und Wertpapierkäufe sowie Zahlungen nicht mehr über nationale Zentralbanken, sondern alleine über die EZB im Frankfurter Ostend vorgenommen würden, hätte sich an der wirtschaftlichen Lage im Euroraum nichts geändert. Aber es gäbe keine nationalen Target-Salden! Vielmehr fänden sich alle Aktiva des Eurosystems und das von ihm geschaffene Geld komplett in der EZB-Bilanz. Und dann wäre offensichtlich, dass die Risiken nichts mit der Höhe der Bilanzsumme oder von Salden zu tun hätten, sondern alleine aus der Qualität der Aktiva entstammten. Die Risiken der Bundesbank (und damit Deutschlands) wären alleine aus ihrer Beteiligung an eventuellen Verlusten der EZB ableitbar.
2. Der bekannte italienische Ökonom Luigi Zingales, dass deutsche Verluste aus Target 2 im Zusammenhang mit einem eventuellen italienischen Euro-Ausstieg in Deutschland überschätzt würden.

53 Lesermeinungen

  1. Keine Notwendigkeit einer Wertberichtigung bei einer "Nullkuponanleihe mit ewiger Laufzeit"?
    Das geht nur in der Politik und im Haushaltsrecht. Da können unverzinsliche Forderungen, die erst in Generationen zurückgezahlt werden, mit dem Nennwert ausgewiesen werden. Wirtschaftlich ist der Barwert einer solchen Forderung gleich Null. Und was das „Gedankenexperiment“ am Schluß des Beitrages anbetrifft, so wird genau das Risiko, nämlich die Beteiligung der Bundesbank bzw. Deutschlands an eventuellen Verlusten der EZB kleingeredet. Wenn nämlich die Forderungen der EZB an die Zentralbanken der Länder marktgerecht bewertet würden, ergäben sich erhebliche Verluste, für die Deutschland irgendwann entsprechend seinem Anteil einstehen müßte. Nur durch die Bewertung von Ramschanleihen mit dem Nennwert werden die Verluste verschleiert. Aber irgendwann ist Zahltag.

    • Zum Gedankenexperiment: Solange die im Besitz der EZB befindlichen Anleihen zum Nennwert getilgt werden, gibt es im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder Zahltage für die EZB – aber nicht in dem von Ihnen gemeinten Sinn. Und solange werden auch keine Verluste realisiert. Zudem sei der Hinweis gestattet, dass nach den Kriterien der führenden Ratingagenturen keine der im laufenden Anleihekaufprogramm seit 2015 erworbenen Anleihen Ramschstatus besitzt.

      Gruß
      gb

    • @ Ulrich Müller
      „Wirtschaftlich ist der Barwert einer solchen Forderung gleich Null.“

      Das ist so nicht immer korrekt. Es gibt durchaus Fälle, wo der Barwert sogar steigen kann:

      Meine aktuelle Einschätzung zur TARGET-Debatte und die zahlreichen Missverständnisse und Fehleinschätzungen gibt es in diesem Diskussionsstrang bei Daniel Stelter:

      LG Michael Stöcker

  2. Sie basieren ihren Optimismus
    zum einen darauf dass Italien bei einem den Euro Wert achtenden Euro Ausstieg die dann kommende Schuldenexplosion I.V. zum GDP handhaben kann, Staat wie private Sektoren, und dass diese Depression nicht ueberschwappen wird.
    Zum anderen ignorieren sie den noch groesseren oekonomischen und Auf Target Salden Wert direkt wirkenden Schaden eines, wohl wahrscheinlicheren Ausstiegs via lex monetae: 1 neue Lira fuer 1 alten Euro.
    Lesen sie auch Nordvig dazu.

  3. Unendliche Nullkuponanleihe?
    GB schreibt: „…, denn diese Forderung ist zeitlich unbefristet – es existiert keine Tilgungspflicht – und sie ist unverzinst. Eine Target-2-Verbindlichkeit ähnelt einer Nullkuponanleihe mit ewiger Laufzeit.“

    Man sollte aber noch hinzufügen: „Eine Fälligstellung durch den Gläubiger ist nicht vorgesehen.“

    Als Wertpapier wäre dieses wertlos.

    • Der Vergleich mit einer – fiktiven – ewigen Nullkuponanleihe kam mir beim Schreiben und ist daher nicht wissenschaftlich fundiert. Es ist insofern noch etwas komplizierter, als in der Praxis ewige Anleihen häufig vorzeitig gekündigt werden können und in der Target-2-Welt die Frage entsteht, inwieweit die EZB beim Ausscheiden eines Landes den Saldo fällig stellen könnte (was einer Kündigung der ewigen Anleihe durch den Schuldner entspräche).

      Aber ich will auf dem Vergleich nicht beharren; vielleicht verwirrt er mehr als er erleuchtet…

      Gruß
      gb

  4. Eine blöde Nachfrage, sorry
    Anders als Prof. Sinn sieht Herr Braunberger also die deutschen Target2-Forderungen bpsw. gegenüber Italien nur dann als verloren, wenn die EZB oder der Euro insgesamt kippt (statt wie Sinn meint, wenn Italien aus dem Euro austritt)?

    • Ja, und das liegt vor allem daran,
      weil es KEINE deutschen TARGET2-Forderungen gegenüber Italien gibt (worauf Hr. Braunberger ja auch richtigerweise hinweist)! Und wenn man keine Forderungen gegenüber Italien hat, kann man sie logischerweise auch nicht verlieren?!

    • Jeder Kredit ( Forderung ) unterliegt der Spekulation.
      Eine Forderung muss immer in irgendeiner Weise „bewertet“ werden, wofür es aber, da die Rückzahlung ( außer bei per se unendlicher Forderung ) immer irgendwann in der Zukunft liegt, keine zuverlässigen Fakten gibt.
      Auch der von anderen Kommentatoren vorgeschlagene „Marktwert“ für Forderungen gegen Italien ist nur Spekulation. Niemand kann wissen, ob Italien in 10 Jahren 100, 95 , 65 oder 15 % seiner Anleihen bedienen wird.
      Prof. Sinn geht in seiner Argumentation eben davon aus, dass Italien mit dem Austritt aus der Eurozone 1. vom Markt für Waren und Dienstleistungen verschwindet und 2. auch überhaupt kein Interesse mehr haben wird, seine Schulden zurückzubezahlen (Wenn man sich die diebische Freude mancher, auch seitens Prof. Sinn, ansieht, mit der man die „faulen“, „unzuverlässigen“ Italiener, die außer Schulden machen nichts können, endlich aus dem Euro kickt und dadurch „fertig macht“ ein durchaus denkbares Szenario). Unter diesen Umständen, d.h. Italien hat keine Chance auf Deviseneingänge durch Exportüberschüsse ( was sie aktuell schon haben ) und wurde vom Rest der Europäer verärgert bzw. vor den Kopf gestoßen, dann wäre eine sofortige Wertberichtigung, auch für eine Zentralbank unter kaufmännischer Vorsicht unbedingt angezeigt.
      Geschieht der Austritt, so er überhaupt kommt, geordnet und im „beiderseitigen Einvernehmen“ gibt es, nur weil „der Markt“ eine Quote von X % spekuliert, für die Zentralbank zunächst überhaupt keinen Anlass, die Forderung gegen die Italinische Zentralbank auch nur ansatzweise im Wert zu berichtigen.
      Es ist eben wie bei jeder anderen Medaille – es gibt immer zwei Seiten und keine absolute, sichere Wahrheit, alleine schon deshalb, weil es eine – womöglich nie eintretende – zukünftige Situation betrifft.

  5. Der Anfang vom Ende
    Im gesamten Euroraum wird der Euro von der EZB über die jeweiligen Zentralbanken der einzelnen EWU-Mitgliedstaaten in den Umlauf gegeben, wobei sich das Geld in einem Kreislauf befindet, während die übrigen Waren, gegen die es getauscht wird, immer wieder neu produziert und verbraucht werden. Mathematisch lässt sich das so formulieren:

    Bruttoinlandsprodukt (EWU) = Euromenge (M0) x effektive Umlauffrequenz

    Wie aus der Gleichung ersichtlich, kann das gleiche BIP von zurzeit etwa 10,7 Bio. € entweder mit einer relativ großen Geldmenge (2,2 Bio. €), die langsam umläuft (4,86 / Jahr), oder mit einer kleineren Geldmenge, die entsprechend schneller umläuft, erreicht werden. Die Target2-Salden ergeben sich daraus, dass die effektive Umlauffrequenz des Zentralbankgeldes in Deutschland höher ist (bzw. weniger stark abnimmt) als in Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland. Der deutschen Volkswirtschaft genügt eine kleinere Geldmenge für den gleichen Warenumsatz, sodass die Deutsche Bundesbank gegenwärtig immer mehr Zentralbankgeld an die EZB und diese an die Zentralbanken derjenigen EWU-Mitgliedstaaten verleiht, in denen das Geld langsamer umläuft, um bei uns einer Inflation und dort einer Deflation vorzubeugen. Ohne das Target2-System müsste in Deutschland überschüssiges Geld verbrannt und in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland fehlendes Geld neu geschöpft werden. Da in einer Zinsgeld-Ökonomie weder das Vernichten noch das übermäßige Neuschöpfen von Zentralbankgeld unproblematisch ist, belässt man es vorerst beim Verleih – und hat damit eine Zeitbombe installiert, weil die EZB keinerlei Einfluss auf die effektive Umlauffrequenz des Euros in den jeweiligen EWU-Mitgliedstaaten hat.

    • Ich habe nie verstanden, warum Debatten über Target 2 apokalyptische Züge tragen müssen.

      Das in den vergangenen Jahren geschaffene Zentralbankgeld kommt überhaupt nicht in den Wirtschaftskreislauf (wenn man von einem mengenmäßig kleinen Umtausch von Zentralbankeinlagen der Banken in Bargeld absieht). Es existiert schon seit Jahrzehnten kein Zusammenhang mehr zwischen Zentralbankgeld und einer Gütermenge.

      Gruß
      gb

  6. Titel eingeben
    Eine gute Übersicht, die den status quo meiner Meinung nach ganz gut beschreibt. Bitte geben Sie sie auch ihren Kollegen in der Wirtschaftsredaktion und (nicht zu vergessen) ihren Herausgebern zur Kenntnis, die leider nicht immer so sachlich fundiert über TARGET2 schreiben. Und das sollte man doch vermeiden können? „Jeder von uns muss noch ein bisschen was dazulernen.“

  7. Hier irrt Sinn
    Die Ausführungen sind logisch und verständlich.
    Wieso kann ein bedeutender Ökonom wie Prof. Sinn das nicht verstehen??

    • Tja, gute Frage
      Es gäbe da mehrere mögliche Antworten. Die wahrscheinlichste ist m.M. nach die, dass Ökonomen grundsätzlich nicht gerne zugeben, wenn sie sich in einer Sache verrannt haben. Die Volkswirtschaftslehre macht es Ihnen hier auch vergleichsweise einfach (im Gegensatz z.B. zu den Naturwissenschaften), keine Fehler zugeben zu müssen. Absolute Wahrheiten sind hier dünn gesät und Hintertürchen (besser: Ausreden) findet man im nachhinein leicht um erklären zu können, warum es dann doch anders gekommen ist als vorhergesagt. Und Hr. Sinn ist in diesem Sinne eine ganz besondere Spezies.

  8. Mehr Transparenz würde helfen, die öffentliche Diskussion zu versachlichen
    Zitat gb: „Die Differenz zwischen den Forderungen und Verbindlichkeiten der nationalen Zentralbanken müsste die eigene Position der EZB sein, da sie nicht nur Verrechnungsstelle für die Targetsalden der nationalen Zentralbanken ist, sondern eine eigene Position aus eigenen Geschäften hat.“ Es wäre interessant zu klären, ob das tatsächlich so ist. Aus dem Zitat aus dem „Erweiterten Jahresabschluss der EZB 2017“ kann ich das nicht unmittelbar ableiten.

    Im Übrigen würde es sicherlich dazu beitragen, die öffentliche Diskussion um eventuelle Risiken aus dem TARGET2-System zu entschärfen, wenn die EZB zumindest die wesentlichen Ursachen für das Zustandekommen der TARGET2-Salden in quantifizierter Form transparent machen würde.

    Die TARGET2-Salden sind ja keine Ursache, sondern eine Wirkung und um beurteilen zu können, ob die eigentlichen Ursachen (also 1. Leistungsbilanzsalden, 2. Refinanzierungsprobleme der nationalen Notenbanken, 3. Kapitalflucht, 4. Anleihenkaufprogramm der EZB) wäre es nützlich, wenn die EZB zusammen mit Eurostat zumindest erläutern würde, welche Anteile der TARGET2-Forderungen und -Verbindlichkeiten aus den Ursachen 1, 2, und 4 resultieren.

    Umso unverständlicher ist es, dass die EZB dazu nach eigenem Bekunden keinerlei Statistiken veröffentlicht.

    • Solche Statistiken kann es nicht geben. Woher soll die EZB wissen, warum Millionen Menschen und Firmen in der Euro-Zone Geld ueberweisen?
      Gruss
      gb

  9. 208 Milliarden Euro TARGET-Verbindlichkeiten in der EZB-Bilanz
    Das Original-Zitat aus dem „Erweiterten Jahresabschluss der EZB 2017“ lautet: „Aus TARGET2 resultierende Intra-Eurosystem-Salden der NZBn des Euro-Währungsgebiets gegenüber der EZB werden in der Bilanz der EZB zusammengefasst als saldierte Intra-Eurosystem-Forderungen bzw. Intra-Eurosystem-Verbindlichkeiten ausgewiesen. Die Verzinsung dieser Salden wird in der Gewinn- und Verlustrechnung unter „Sonstige Zinserträge“ und „Sonstige Zinsaufwendungen“ erfasst.

    Bei dem 208 Milliarden Euro muss es sich demnach um die Differenz aus der Summe der TARGET2-Forderungen sämtlicher NZBn und der Summe der TARGET2-Verbindlichkeiten sämtlicher NZBn jeweils zum 31.12.2018 handeln.

    Ich hätte erwartet, dass Forderungen und Verbindlichkeiten getrennt auf der Aktiv- und Passivseite der Bilanz ausgewiesen werden, um den Gesamtumfang und die daraus resultierenden Risiken transparent zu machen. Das ist aber laut EZB nicht der Fall.

    • Die Differenz zwischen den Forderungen und Verbindlichkeiten der nationalen Zentralbanken müsste die eigene Position der EZB sein, da sie nicht nur Verrechnungsstelle für die Targetsalden der nationalen Zentralbanken ist, sondern eine eigene Position aus eigenen Geschäften hat.

      Die Bruttosalden stehen zwar nicht in der Bilanz, sind aber auch kein Geheimnis. Und solange kein Mitglied des Euro verlässt, sind aus den Salden auch keine Risiken für die EZB erkennbar.

      Gruß
      gb

  10. Titel eingeben
    Der Bundesverband der deutschen Banken benennt in einer Veröffentlichung aus der Reihe „Wirtschaftspolitik aktuell“ vom 15.02.2018 vier wesentliche Ursachen für das Auseinanderlaufen der TARGET2-Salden:
    1. Leistungsbilanzüberschüsse bzw. -defizite
    2. Refinanzierungsprobleme von Banken (z. B. in Italien), die sich nur noch über ihre nationalen Notenbanken refinanzieren können
    3. Kapitalflucht vom Süden in den Norden der Eurozone
    4. Das Anleihenkaufprogramm der EZB

    EZB und Bundesbank haben mir auf Nachfrage bestätigt, dass keine Statistiken zur Struktur der TARGET2-Salden veröffentlicht werden.

    Auf Zerohedge.com wurde am 02.06.2018 ein sehr interessanter Artikel unter der Überschrift „JP Morgan’s stunning conclusion: An Italian Exit may be Rome’s best option“ veröffentlicht. In diesem Artikel wird unter anderem erwähnt, dass sich die Struktur der TARGET2-Salden in den vergangenen Jahren verändert haben soll – und zwar von den Ursachen 1&2 zu den Ursachen 3&4.

    Interessant ist noch, dass Forderungen und Verbindlichkeiten aus dem TARGET2-System laut dem „Erweiterten Jahresabschluss der EZB 2017“ (Seite A4) nur als saldierte Position in die EZB-Bilanz einfließen. Per 31.12.2017 hatte die Deutsche Bundesbank TARGET2-Forderungen in Höhe von rund 907 Milliarden Euro an die EZB. In der EZB-Bilanz wurden auf Seite A26 jedoch nur rund 208 Milliarden Euro unter dem Titel „11.2 Sonstige Intra-Eurosystem Verbindlichkeiten“ ausgewiesen.

    Somit wird das wird das gesamte Haftungsrisiko der Deutschen Bundesbank aus den TARGET2-Forderungen nur zu einem Bruchteil in der EZB-Bilanz explizit ausgewiesen.

    • 1. Ja, es ist offensichtlich, dass sich Ursachen der Saldenbildung verändert haben, denn das seit 2015 in Gang befindliche Anleihekaufprogramm gab es in den Jahren 2010 bis 2012, als die Salden erstmals stark gestiegen waren, noch gar nicht. Die Bedeutung der Leistungsbilanzfinanzierung als Target-Erklärungsgrund ist vermutlich immer überschätzt worden.

      2. Die in der EZB-Bilanz ausgewiesenen 208 Milliarden Euro dürfte die eigene Position der EZB im Targetsystem sein, da die EZB selbst Konten für Banken führt und nach meiner Kenntnis auch mit Swapgeschäften im Markt tätig ist. Der EZB-Saldo ist somit keine Gegenposition zum Bundesbank-Saldo.

      Gruß
      gb

    • Die Targetsalden waren zu Beginn viel zu niedrig.
      Gerade in den „guten“ Jahren der Währungsunion, also von 2000 bis 2008 vor der Subprime Krise hätten die Targetsalden rapide steigen müssen, weil in dieser Zeit die großen bilateralen Leistungsbilanzdefizite angehäuft wurden. Dass dies nicht geschah lag eben daran, dass in der seinerzeitigen Euphorie alles problemlos im (Eurozonen)Ausland finanziert wurde. ( Unternehmen in Spanien importiert = Saldo hoch, Bank in Deutschland kauft spanische Anleihen = Saldo im gleichen Moment wieder runter ).
      Spätestens mit der Eurokrise funktionierte das nicht mehr, und alle neuen wie auch alle bisherigen ( theoretisch auch die vor der Euroeinführung ) Leistungsbilanzdefizite schlagen sich per Kapitalabzug ( und das ist dann keine Kapitalflucht im engeren Sinne ) in einem steigenden Target Saldo nieder.
      Ich geben Ihnen Recht, dass es interessant wäre, diese Beträge zu kennen. Eine detailierte Außenhandelsstatistik ist aber sicher nicht Aufgabe der EZB. Aber selbst Eurostat liefert nach meinem, etwas veralteten Kenntnisstand, nur Salden der Länder gegen den Rest der EU und nicht gegen den Rest der Eurozone.
      Ich bin mir aber sicher, dass sich über das Statistische Bundesamt – mit viel Mühe und gegen Geld – problemlos die deutsch-italienischen, die deutsch-spanischen und sonstige Leistungsbilanzsalden seit dem Ende von Bretton-Woods ermitteln lassen.

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