Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Babyboomer werden die Inflation treiben

| 6 Lesermeinungen

Der Zusammenhang zwischen Demografie und Realzins bewegt viele Ökonomen. Aber der Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand werde auch die Inflationsrate beeinflussen, heißt es in einer neuen Studie.

© AFPNicolas Cage, Jahrgang 1964.

Kürzlich war Patrick Artus, der sehr erfahrene Chefökonom der französischen Investmentbank Natixis, zu Besuch in Frankfurt. Während des Gesprächs kam die Rede auch auf die Schwierigkeiten von Ökonomen, die gegenwärtige Inflationsentwicklung zu verstehen. Artus gestand dies ein und bemerkte: „Wir Ökonomen verwenden seit langem zwei grundlegende Konzepte, um die Inflation zu erklären. Die eine Erklärung ist die Quantitätstheorie und die andere Erklärung ist die Phillips-Kurve. Wenn weder die eine noch die andere Erklärung funktioniert, haben wir ein Problem. Und genau da befinden wir uns jetzt.“

Hier ist eine weitere Erklärung: die Existenz der Babyboomer.

Nun ist der Zusammenhang zwischen Demografie und Inflation kein unbekanntes Terrain in den Wirtschaftswissenschaften. Die These, dass junge Bevölkerungen eher eine Präferenz für etwas mehr Inflation besitzen als alternde Bevölkerungen, ist schon sehr alt. Eine neuere Arbeit ist .) In diesen Modellen erscheint die sehr niedrige Inflationsrate in den vergangenen Jahren als ein Ergebnis alternder Bevölkerungen in vielen Ländern. Das klingt plausibel, aber solche Arbeiten lassen sich hinterfragen. Aus der zeitlichen Parallelität der Alterung von Bevölkerungen und einem säkularen Rückgang von Inflationsraten folgt nicht zwingend eine Kausalität, die von der Demografie zur Inflationsrate führt.

In Arbeiten zur Erklärung des Rückgangs des Realzinses durch die Demografie haben sich manche modernen Arbeiten von – seit langem gebräuchlichen – Modellen abgewandt, in denen nur zwei Generationen („Jung“ und „Alt“) betrachtet werden. Statt dessen interessiert man sich stärker für die Struktur von Bevölkerungen. Und da fällt die Generation der Babyboomer auf, die sich derzeit aufmacht, von Arbeitsmarkt in den Ruhestand zu treten. Was dies für die Inflationsrate bedeutet haben zwei Ökonomen untersucht.

Mikael Juselius und Elöd Takáts haben sich für 22 Industrienationen und den sehr langen Zeitraum zwischen 1870 und 2016 Daten angeschaut. Ihr wichtigstes Ergebnis lautet: Inflation ist tendenziell umso höher, je höher der Anteil der nicht-arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist. Umgekehrt trägt ein hoher Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung dazu bei, die Inflation zu senken. Aus diesen Beobachtungen wird deutlich, warum in den vergangenen Jahrzehnten in den Industrienationen die Inflationsrate im Trend gesunken ist: Die Babyboomer, eine zahlenmäßig sehr starke Generation, befand sich im Arbeitsprozess und sorgte dafür, dass der Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung in historischer Betrachtung hoch gewesen ist. Die Autoren gehen nicht so weit zu behaupten, dass sich die Inflationsentwicklung alleine mit der Demografie erklären lässt. Aber sie messen ihr ein Gewicht ein, das Aufmerksamkeit verdient.

Interessant ist es, diese Erkenntnisse in die Zukunft fortzuschreiben. Mit dem allmählichen Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand wird der Anteil der nicht-arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung zunehmen – und dies wird, wenn auch nur sehr gemächlich, sich über Jahrzehnte erstreckend – wieder mehr Inflationsdruck aufbauen. Zwei Bemerkungen der Autoren verdienen Beachtung. Erstens existieren aus ihrer Sicht keine Modelle, mit denen sich diese Einflüsse vernünftig untersuchen ließen. Hier wartet auf die Ökonomen noch viel Arbeit. Und zweitens dürfte es eine Neigung mancher Ökonomen geben, einen zukünftigen Inflationsanstieg als Folge der Geldpolitik unserer Zeit zu deklarieren und die Demografie unter den Tisch fallen zu lassen.


6 Lesermeinungen

  1. Sicher nicht unweigerlich
    Wäre es so, dass wir einem Inflationsanstieg durch den Renteneintritt der Babyboomer „machtlos vis à vis“ stünden, könnten wir die gesamte Geldpolitik endgültig in die Tonne stecken.
    Die Ursache der Inflation wäre ein Anstieg der „monetären Gesamtnachfrage“ dadurch, dass Wirtschaftssubjekte, die bisher, und das nicht zu knapp, Monat für Monat Geld auf die Seite gelegt haben, um es dann, in der Rentenzeit auszugeben, die auch tun, also zu „entsparen“.
    Dieser Verschiebung von Sparen zu Konsum könnte man problemlso mit höheren Zinsen begegnen, die dann wieder zu einem preisstabilen Gleichstand von Produktion auf der einen und Konsum+Investition abzgl. Ersparnis auf der anderen Seite sorgen.
    Alleine schon wenn man bedenkt, welche Unmengen an Gütern Deutschland jedes Jahr ins Ausland verkreditiert ( aka exportiert ) kann man erahnen, dass wir genug Reserven für die Befriedigung eines, vielleicht nur befristeten, Mehrkonsums haben, ohne dass wir befürchten müssen, neben dem Fachkräftemangel auch noch einen Hilfskräftemangel zu erleiden.

  2. staatsquote und babylooser
    staatsquote: wenn auch aus mehreren überlegungen heraus statistisch bedenklich (warum?: „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen“ ), sie zeigt, dass immer mehr unproduktive am BSP/BIP (gebeten oder ungebeten) mitknabbern. auf GROKO –Ebene oder in anderen “beauftragten“-galaxien wie „Beauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten“, „Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“ (die litanei des gesslerhutes sei hier zur seite gelegt), „Drogenbeauftragte der Bundesregierung“ (u.a. in so drolligen Fragestellungen engagiert wie „Was wissen wir über Cannabis?“ , worauf die antwort nicht erst seit … 1968 .. in der mache ist) und dergleichen, immer mehr knabbern an der realen wirtschaftsleistung. also, die kosten der sicherung der ordnung steigen, auch wenn es der „warenkorb“ vertuschen tutet. somit, was hier boomt, ist die ökonomische zunft der anciennität;-)
    fröhlichen gruss
    b.b.

  3. Einmal güterwirtschaftlich gedacht...
    wird der Vorgang verständlich. Die Babyboomer werden ihre Ersparnisse auflösen, aber die Güter und Dienstleistungen werden weniger, da weniger Leute arbeiten (Mackenroth, Oberhauser, …) und man Geld bekanntlich nicht essen kann. Leider ist dieses Denken zunehmend verschüttet worden, kann aber so vieles erklären.

  4. EU-Binnenmarkt und Globalisierung
    Eigentlich paßt doch die Phillips-Kurve als Erklärung für die aktuell niedrige Inflationsrate; man muß sich lediglich von der nationalen Betrachtungsweise lösen.

    EU-weit (Binnenmarkt) und weltweit (internationaler Handel) ist die Arbeitslosigkeit recht hoch; d.h., wir können in D günstig Güter aus aller Welt einkaufen.

  5. voodoo
    „Zusammenhang zwischen Demografie und Inflation“. Mich macht das wirklich sprachlos. „Inflation ist tendenziell umso höher, je höher der Anteil der nicht-arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung“, ich vermute die Lohnsumme steigt einfach mal ann, wenn alle arbeitslos oder im Ruhestand sind, dann ziehen die Preise nach. Oder werden die Preise einfach in die Höhe getrieben, obwohl dann ja bekannt ist das immer weniger Menschen ein höher zu erwartendes Einkommen erreichen werden. Kleine Grenzwertbetrachtung, alle Mann hören auf zu arbeiten, dann müßte die Inflation explodieren. Liegt das jetzt daran, das die Preise erhöht werden, obwohl es kein höhers Einkommen mehr gibt, sind ja alle einkommenslos – außer der sensationellen Rente natürlich oder HIV -(deutsche Verhältnisse)? Das ist voodoo. Inflation hat nun einmal etwas mit Löhnen und Produktivität zu tun. Selbst die Geldpolitik ist da äußerst begrenzt eine Wirkung zu erzielen. Mit dem Demografen-Märchen wurde bereits die gestzliche Rente zertrümmert, auf wen haben wir es denn, superökonmenwissenschaftlich abgesichert(„Erstens existieren aus ihrer Sicht keine Modelle, mit denen sich diese Einflüsse vernünftig untersuchen ließen) SENSATIONELL!, diesmal abgesehen?

  6. "Hier wartet auf die Ökonomen noch viel Arbeit." ....
    Für jeden „Babyboomer“ der in Rente geht kommt ein Roboter oder Algorythmus nach. Ich sehe da von dieser Warte her keine Inflation aufkommen. Vielleicht aber in den beliebten Reisezielen der Babyboomer?

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