Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Populäre Illusionen über Geldpolitik

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Auf einer hochrangigen Konferenz in Frankfurt prallten die Ansichten über Anleihekaufprogramme von Notenbanken zusammen: Während akademische Ökonomen solche Programme für nahezu wirkungslos halten, glauben Vertreter aus der Finanzbranche fest an ihre Wirksamkeit. Wer glaubt, das Anleihekaufprogramm der EZB habe starken Einfluss auf die Renditen von Staatsanleihen, möge die nachfolgenden zwei Grafiken studieren.

Eine gerade in Deutschland beliebte Kritik am Anleihekaufprogramm der EZB lautet: Mit diesem Programm erleichtert Mario Draghi den Südländern die Finanzierung ihrer Staatsschulden, unter anderem, indem der Renditeabstand zwischen Staatsanleihen aus dem Süden und deutschen Bundesanleihen durch das Kaufprogramm künstlich niedrig gehalten wird. Aber stimmt das überhaupt?

Nachfolgend kommt eine Grafik, die Daniel Gros, der Leiter des Brüsseler Think Tanks CEPS, auf der von Volker Wieland organisierten in Frankfurt präsentiert hat. Sie zeigt die Entwicklung der Renditeabstände zwischen langfristigen Staatsanleihen aus Deutschland einerseits und Italien sowie Spanien andererseits im Zusammenhang mit drei wichtigen Ereignissen der vergangenen Jahre.

 

 

 

Mit dem Ausbruch der Eurokrise waren diese Renditeabstände im Jahre 2011 deutlich gestiegen. Daraufhin bot die EZB den Geschäftsbanken im Dezember 2011 und Februar 2012 großzügig Zentralbankgeld an. In der Fachsprache werden diese Geschäfte als „LTRO“ bezeichnet, im deutschen Sprachgebrauch bürgerte sich die Bezeichnung „Dicke Berta“ ein. Weil der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy damals öffentlich feststellte, nun könnten die Banken mit dem Zentralbankgeld großzügig Staatsanleihen aus ihren jeweiligen Ländern kaufen, werden die damaligen Geschäfte an den Finanzmärkten auch „Sarko Trade“ genannt. Daraufhin fielen die Renditeabstände für ein paar Monate, ohne die alten Vorkrisentiefstände wieder zu erreichen, und bald darauf verschärfte sich die Krise ein weiteres Mal.

Dies bewog Mario Draghi im Sommer 2012 zu seiner berühmten Londoner Rede („whatever it takes“), der im September 2012 die Ankündigung des vor allem in Deutschland sehr umstrittenen OMT-Programms folgte, das unter bestimmten Umständen den Ankauf von Staatsanleihen in Bedrängnis geratener Euro-Staaten vorsieht. Danach setzte ein mehrere Jahre dauernder Rückgang der Renditeabstände ein, der von nicht wenigen Anhängern und Gegnern von OMT vor allem auf die Ankündigung dieses Programms zurückgeführt wird. Denn konkret angewendet wurde dieses Programm noch nie; noch keine einzige Anleihe wurde im Rahmen von OMT gekauft. Das ist ein bemerkenswerter Befund – auch für die Bewertung des aktuellen Ankaufprogramms.

Das aktuelle Ankaufprogramm begann im Frühjahr 2015 und in dessen Rahmen kaufen die nationalen Notenbanken des Eurosystems. Die EZB selbst kauft überhaupt keine Anleihen, worauf Gros zurecht verwies und was üblicherweise nicht erwähnt wird. Nach der üblichen Erzählung werden dadurch die Preise verzerrt und den Südländern die Finanzierung ihrer Staatsdefizite erleichtert.

Dann aber hätten nach dem Beginn des Ankaufprogramms die Renditeabstände zwischen Deutschland einerseits und Italien sowie Spanien andererseits sinken müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie sind in der Tendenz gestiegen!

Auf der Konferenz verwies der niederländische Ökonom Caspar de Vries darauf, dass hier ein Graben zwischen akademischen Ökonomen (jedenfalls solchen, die sich ernsthaft mit Geldpolitik befassen) und vielen Teilnehmern an den Finanzmärkten existiert. Die Ökonomen (jedenfalls diejenigen, die sich ernsthaft mit Geldpolitik befassen) wissen, dass die Effekte von Anleihekäufen gewöhnlich überschätzt werden, während viele Teilnehmer an den Finanzmärkten, die als Ergebnis der Anleihekäufe überall Spekulationsblasen wittern, die Effekte der Anleihekäufe grob überschätzen.

Was man von Finanzteilnehmern hört, sind gelegentlich, aber selten und dann gewöhnlich aus amerikanischen Häusern, ökonomisch bedenkenswerte Analysen (auf der Frankfurter Konferenz kraftvoll vorgetragen ). Häufig hört man hingegen aus der Finanzszene mit Blick auf die Anleihekaufprogramme jedoch kaum mehr als Verschwörungstheorien, theoretisch und/oder empirisch unfundierte Vermutungen oder schlicht und einfach Folklore.

Gros‘ Grafik ist ein hübscher Beleg für diese These.

In einem späteren Panel trat mit Varadarayan Chari (University of Minnesota) ein international bekannter Makroökonom auf, in dessen Gepäck sich unter anderem auch Grafiken befanden, die im Gegensatz zu den Thesen der „Die-EZB-manipuliert-massiv-die-Renditen-nach-unten“-Truppe stehen. Dabei zeigte Chari mit diesen Grafiken im Grunde lange bekannte Sachverhalte, die aber gerne konsequent ignoriert werden: Die Renditen von Staatsanleihen sind nicht mit den Anleihekäufen in Europa gesunken, sondern schon vorher – und das über Jahrzehnte.

Ganz offensichtlich ist ein sich seit den frühen achtziger Jahren erkennbarer Trend zu sinkenden Renditen von Staatsanleihen in vielen Industrienationen zu beobachten. Die Renditen waren schon sehr niedrig, als das Kaufprogramm im Jahre 2015 begann und interessanterweise sind sie seitdem im Trend nicht mehr gesunken. Über die Gründe für die sinkenden Anleiherenditen seit Jahrzehnten haben wir in FAZIT über die Jahre viel geschrieben (zum Beispiel hier und hier und hier).

Das ist kein Geheimwissen, sondern wird seit Jahren international diskutiert. Auch wenn Anleihekaufprogramme bescheidene Wirkungen auf Renditen haben mögen: Für den säkularen Rückgang der Renditen gibt es andere Gründe.

Und um auch das zu betonen: Es wird hier nicht die These vertreten, Geldpolitik habe keinen Einfluss auf Finanzmärkte. Natürlich übt sie einen solchen aus, wie man zum Beispiel im Anschluss an den Sarko-Trade oder Darghis Londoner Rede sehen konnte. Nur werden halt die Wirkungen von Anleihekäufen durch Notenbanken häufig grob überschätzt.

 

 

 

 

 

 

 

 


35 Lesermeinungen

  1. EZB : Geopolitischer Orientierungssinn und hochsensibilisierte monetäre Prinzipien
    müsste europäisch gewährt bleiben.
    Vorsicht bleibt geboten mit außereuropäischen politisch-ökonomische Effekten.
    Überdies gibt es ja „Power of ECB Policy“ [the Stanley Paper],monetäre ja.
    Politische Strukturen im Voraus, monetär-generell wirtschaftlich ,zu bewerten und einvernehmlich zu klären, und im Voraus bleibt jede „Paket“ EZB-
    Maßnahmen ein Scylla und Charybdis Manöver .

    Das hochsensibilisierte Bankgeschäft lässt sich in extremer Weise illustrieren ;weiträumige Geopolitik und “entzündbare-opportunistische“ Gemüter …:
    „Qatar asks U.S. to investigate UAE bank for ‘financial warfare’ “,
    Haaretz ,18.03.2018.
    Insbesondere was denn Währung-Manipulation sein sollte .

    Innereuropäische vermeintliche Parallelen gibt es jederzeit im Wahlkampf.

  2. Keine Illusionen: Draghi hat nur die Transferleistungen für seine Klientel im Auge
    M.E. ist es offensichtlich, daß die seltsamen Interpretationen mit der Phillips-Kurve nur über die eigentlichen Zielsetzung von Draghis Währungspolitik hinwegtäuschen sollen: Transferleistungen an die leistungsunfähige Klientel auf Kosten noch solide wirtschaftender Marktteilnehmer auszustreuen. Was geschieht mit diesem Tranferleistungen und frisch gedrucktem Geld ohne seriösen EZB-Aktiva. Wie gehabt werden breite Bevölkerungsteile in Griechenland und Süditalien mit Sozialleistungen abgefunden ohne Zugang zu selbstragender Wirtschaftstätigkeit zu finden. In der Phillips-Kurve wird Inflation als Indikator benutzt, der ceteris paribus Wachstum anzeigen soll. Wenn aber mit sozialistischen Regulierungen bereits das Angebot sich nicht an marktwirtschaftlichen Parametern entwickeln kann, wird Draghis Ideologie zur Farce. In den Machtstrukturen der EU und der EZB bleiben bürgerliche Interessen Opfer der Umverteilung. Die Unternehmen erzielen Gewinne, weil durch die künstliche Strohfeuerkonjunktur die Produktion läuft. Daß diese Gewinne auf der anderen Seite mit nicht eintreibbaren Scheinsalden der nationalen Notenbanken abgeschrieben werden müssen, braucht die Unternehmen nicht zu interessieren. Hier zeigt sich der Konstruktionsfehler der EZB.

    • Sie schreiben:

      „Keine Illusionen: Draghi hat nur die Transferleistungen für seine Klientel im Auge“

      Es wäre nicht schlecht, für solche Thesen Belege zu haben.

      „…die seltsamen Interpretationen mit der Phillips-Kurve…“

      Die sind keine Spezialität der EZB. Die Phillips-Kurve ist ein Phänomen, das derzeit rund um den Globus in Zentralbanken, aber auch anderswo von Ökonomen diskutiert wird. In FAZIT haben wir uns unter anderem hier mit dieser Thematik befasst: http://seventastic.info/fazit/2017/12/06/ist-die-phillips-kurve-tot-9431/

      „Die Unternehmen erzielen Gewinne, weil durch die künstliche Strohfeuerkonjunktur die Produktion läuft.“

      Die „künstliche Strohfeuerkonjunktur“ ist nach Ansicht der Konjunkturforscher ziemlich robust.

      „Daß diese Gewinne auf der anderen Seite mit nicht eintreibbaren Scheinsalden der nationalen Notenbanken abgeschrieben werden müssen, braucht die Unternehmen nicht zu interessieren.“

      Wie Martin Hellwig immer wieder betont hat, ist es sehr schwierig, mit Geldschöpfung einen wirtschaftlichen Verlust zu erleiden. (Es kann einen bilanziellen Verlust geben, aber die Art und Weise, wie Notenbanken heute bilanzieren, dient nicht der Ermittlung wirtschaftlicher Ergebnisse. Die vor Jahren ausgetragene Hellwig-Sinn-Kontroverse kann an dieser Stelle aber nicht nachgezeichnet werden – die wäre ein Thema für einen eigenen FAZIT-Beitrag.)

      Gruß
      gb

    • Was schlagen Sie denn vor
      sollte die EZB tun ? Außerdem übertreiben Sie. Was Sie Strohfeuer nennen ist die ganz normale Wirtschaftstätigkeit. Wollen Sie das Rad zum Stillstand bringen ? Wäre Ihnen damit gedient ? Was hätten Sie davon ?
      Möchten Sie auch lieber in die mediterrane Hängematte ?

  3. Prüft die EZB den Erfolg ihrer Geldpolitik?
    Mehrere Leser haben darauf hingewiesen, dass sich der Erfolg der Geldpolitik nur mithilfe ökonometrischer Modelle überprüfen lässt. Ohne solche mächtigen Instrumente kann nur spekuliert werden, wie sich die Spreads ohne QE entwickelt hätten.

    Meine vielleicht naive Frage wäre: Macht die EZB dies? Gibt es regelmäßige Überprüfungen, wie sich QE auswirkt? Immerhin kauft die EZB immer noch Monat für Monat für 30 Milliarden an. Bei einem solchen Aufwand würde man doch gerne wissen: Wirkt es denn?

    • Ja, die EZB schätzt die Auswirkungen ihrer Politik. Allerdings ist es – und darauf hat Direktoriumsmitglied Peter Praet auf der Konferenz in Frankfurt verwiesen – schwierig, die Wirksamkeit einzelner geldpolitischer Instrumente im Rahmen einer auf mehreren Instrumenten beruhenden Strategie zu isolieren, zumal es Wechselwirkungen zwischen diesen Instrumenten geben kann. Was die gesamte Wirkung betrifft, so sieht sie Praet als vorteilhaft an:

      „Our overall assessment – and that of a growing body of empirical literature – is that non-standard measures have had a sizeable and lasting impact on broad financing conditions.“

      Die Quelle ist:

      Der von mir zitierte Vortrag von Daniel Gros war eine Reaktion auf die Intervention Praets.

      Es existieren auch ökonometrische Studien über die Wirkung der Anleihekäufe alleine, darunter auch von der EZB veröffentlichte „working paper“, die aber keine offiziellen Stellungnahmen der EZB darstellen, sondern alleine Positionen der Autoren solcher Papiere. Hier ist eines:

      Gruß
      gb

  4. Ökononomie ist leider nicht so einfach
    Lieber Herr Braunberger und andere,
    die Grafik beweist gar nichts. Um die Auswirkungen von QE bewerten zu können müsste man berechnen, wo die Risikoaufschläge wären wenn QE nicht gemacht würde. Und dies könnte durchaus bei 3 oder 4% sein – könnte! Zu dieser Berechnung braucht man ein ökonometrisches Modell zur Bestimmung der gleichgewichtigen Spreads, und Angebot und Nachfrage spielen da schon eine Rolle. Alles andere ergibt in der Tat ‚Binsenweisheiten‘ nach dem Motto ‚on the one hand, on the other hand‘.

    • Natürlich wäre es schön, ökonometrische Tests zu haben, die das genauer aufschlüsseln – wobei die Methodik, mit der in den vergangenen Jahren vor allem für die amerikanischen QE-Programme Untersuchungen vorgenommen wurden, nicht unumstritten ist. Wenn Ihnen Studien für die Spreads in der Eurozone vorliegen sollten, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

      Das auch von einem anderen Kommentator vorgebrachte Argument, die Spreads könnten ohne QE deutlich höher sein, ist ohne entsprechende Studien nicht mehr als eine Möglichkeit. Sie würde sich gerade in Deutschland auch zur Unterstützung hier kursierender Verschwörungstheorien eignen (notabene: Das unterstelle ich Ihnen nicht.) Man könnte – das ist natürlich nur anekdotische Evidenz – aber zu bedenken geben, dass QE in einer Phase lanciert wurde, in der in Spanien ein bis heute dauernder Konjunkturaufschwung begann und die italienische Leistungsbilanz ins Positive geschwenkt war. Aufschlussreich ist auch, dass die Reduzierung der monatlichen Käufe von 80 über 60 auf 30 Milliarden Euro weder deutliche Wirkungen auf die Spreads hatte noch zu Diskussionen an den Märkten über eine neue Krise als Folge eines Endes von QE führte.

      Aber man wird nie genau wissen, wo die Spreads ohne QE gewesen wären. Insofern bleibt in dieser Frage immer Raum für Spekulationen.

      Gruß
      gb

    • Verschwörungstheorien
      Lieber Herr Braunberger,
      Verschwörungstheorien machen sich gerade dann breit, wenn man nicht mit harten Methoden analysiert. Aber neben ökonometrischen Analysen zählt auch die ökonomische Plausibilität. Die EZB versucht laut eigenen Aussagen über eine Erhöhung der realwirtschaftlichen Nachfrage die Inflation zu erhöhen. Der klassische Wirkungsmechanismus ist dabei eine Senkung der Zinsen. Da die Nachfrage z.B. in Deutschland hoch genug ist und in Italien eher zu niedrig , wäre doch eine Senkung der Spreads für Italien genau im Sinn der EZB. Das ist Theorie, Logik und auch Politik, aber keine Verschwörung.

    • Der Punkt von Gros und mir ist doch nicht, dass die EZB kein Interesse an kleinen Spreads hat. Das hat die EZB selbst häufig so kommuniziert und ich weiß aus den Doppeltürmen im Frankfurter Ostend, dass man vor der Installation des Programms auch an die Spreads dachte.

      Der Punkt ist doch, dass der Beitrag von QE zu kleinen Spreads, sofern keine anderslautende empirische Evidenz vorliegt, möglicherweise grob überschätzt wird – und zwar von Gegnern wie von Anhängern des Programms (also auch der EZB selbst). Es geht mir in dem Beitrag überhaupt nicht um eine Verteidigung der EZB – die These ist vielmehr, dass bezüglich des Anleihekaufprogramms die EZB und ihre Gegner gleichermaßen schlecht aussehen und hier im Grunde eine – auch emotional aufgepeitschte – Phantomdebatte läuft.

      Wenn man sich die vorliegende empirische Evidenz (was immer man mehthodisch von ihr hält) zu Anleihekaufprogrammen vor allem in den USA anschaut, kommt die häufig zu dem Schluss, dass der mit einem Anleihekaufprogramm verbundene Signaleffekt einer weiterhin lockeren Geldpolitik vermutlich stärker wirkt als Portfolioumschichtungen wegen konkreter Anleihekäufe. Es wäre erstaunlich, wenn es in der Eurozone anders wäre.

      Noch einmal: Ich bestreite doch überhaupt nicht, dass Geldpolitik auf Finanzmärkte und Preise wirkt. OMT beispielsweise war sehr einflussreich. Es geht hier konkret um das Anleihekaufprogramm seit 2015 und dessen (Nicht)-Wirkungen.

      Gruß
      gb

  5. Notenbanken
    Wird die Methodik der Analyse nicht dadurch erschwert, dass man zwar die Zeitreihe rückwärts analysieren kann, aber niemand weiss, wie Zins und Spread ausgesehen hätten, ohne QE ? Dass die Riskoaufschläge gestiegen sind, ist ja ganz aufschlussreich, aber vielleicht wären sie ja drei- oder viermal so hoch ohne QE ? Ausserdem fehlt mir völlig der Liquiditätsaspekt, Staatsanleihen sind heutzutage ein knappes Gut ….

    Gruss
    RV

    • Zu dem Aspekt, wo die Spreads ohne QE wären, habe ich der Antwort zu dem Kommentar an Herrn König etwas geschrieben. Im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass man es nie genau wissen wird.

      Zum Liquiditätsaspekt: Da sind temporäre Verknappungen vor allem bei deutschen Bundesanleihen, aber auch bei Anleihen aus kleineren Ländern (z.B. Portugal) zu beobachten gewesen.

      Eine These, als Folge von QE käme es zu Verknappungen bei italienischen Staatsanleihen, würde fundamental der von Kritikern des Programms gerne vertretenen These entsprechen, außer der EZB habe niemand Interesse am Kauf italienischer Staatsanleihen. Zu Verknappungen kann es eigentlich nur kommen, wenn die Nachfrage sehr hoch ist.

      Gruß
      gb

  6. Titel eingeben
    Die EZB ist bei Italien nicht an der Grenze? Hier ein paar Fakten: Als QE eingefuehrt wurde setzte sich die ECB ihre eigenen Limits- Bondkaeufe sollten dem sog. Capital Key folgen. Im Hinblick auf Italien wurde diese Regel bereits im April 2017 durchbrochen. . Weitere massive Kaeufer folgten, beispielsweise im July 2017. Das war auch deswegen notwendig weil die EZB bereits so viel aufgekauft hatte, dass sie, um ihr damaliges Ziel von EUR 60M pro Monat zu erreichen, nicht durch den Kauf von Anleihen anderer Laender erfuellen konnte – der Markt war leer. Nur die Italenischen Anleihen wollte scheinbar keiner haben (ausser Italienischen Banken), jedenfalls nicht zu den angebotenen Renditen, was dann wieder fuer das Argument spricht dass die EZB eben doch durch die zusaetzliche Nachfrage die Zinsen kuenstlich niedrig haelt.

    • Die EZB hat kurzfristig immer wieder Abweichungen vom Capital Key vorgenommen, wenn es ihr die jeweilige Marktlage nahelegte, weil anderswo – es gibt in der Eurozone halt viele kleine Länder mit notwendigerweise kleineren Märkten – es vorübergehend etwas eng war. Das ist in Medien vor allem immer dann thematisiert worden, wenn sie vorübergehend einmal etwas mehr italienische Anleihen kaufte. Die Tatsache, dass die EZB in solchen Fällen vorübergehend etwas mehr italienische Anleihen kaufte, steht aber im Gegensatz zu Ihrer These, sie habe sich bei italienischen Anleihen an einer Grenze befunden.

      „Nur die Italenischen Anleihen wollte scheinbar keiner haben (ausser Italienischen Banken)…“

      Entgegen einer verbreiteten Legende haben die italienischen Banken kurz nach dem Start des Anleihekaufprogramms damit begonnen, ihre Bestände an heimischen Staatsanleihen zu reduzieren und nicht auszubauen:

      Ich hatte auch in der F.A.Z. vor ein paar Monaten darüber geschrieben.

      Gruß
      gb

    • Da wir ja nun irgendwie bei den Italienischen Banken sind
      Der von ihnen genannte Artikel bezieht sich auf langfristige Anleihen, also nur einen Teil der ausstehenden Staatspapiere.

      Gemeass Bloomberg hielten italienische Banken im Januar 2016 ca 410 Mrd. in Italienischen Staatspapieren

      verglichen mit 626Mrd. im Januar 2018, das ist ein Anstieg um ca. 50%, kein Abbau.

      Ansonsten: wenn die EZB „voruebergehend“ Abweichungen vom Capital Key vorgenommen hat heisst das im Umkehrschluss dass, um ueber das Limit zu kommen, grundsaetzlich schon ziemlich nahe dran sein muss. Und wenn es tatsaechlich nur „voruebergehend“ sein soll wuerde dieses implizieren, dass die EZB den Ueberhang wieder verkauft. Davon allerdings habe ich noch nie gehoert …

    • Nice try, aber…

      Ihre Zahl von Januar 2016 (410 Milliarden Euro) bezieht sich auf Staatspapiere.
      Ihre Zahl von Januar 2018 (626 Milliarden Euro) ezieht sich auf Staatspapiere UND Kredite und das ist aus der Quelle klar erkennbar. Klar erkennbar ist aus der Quelle auch, dass der Bestand an Staatspapieren unter 400 Milliarden Euro gefallen ist und das entspricht dem, was ich geschrieben hatte: In dem Segment, in dem die EZB tätig ist, haben die italienischen Banken ihre Bestände reduziert.

      „Und wenn es tatsaechlich nur „voruebergehend“ sein soll wuerde dieses implizieren, dass die EZB den Ueberhang wieder verkauft. Davon allerdings habe ich noch nie gehoert …“

      Das wundert mit nicht, denn es reicht, wenn man vorübergehend weniger kauft. Das ist kein Geheimwissen, die Daten sind öffentlich.

      Gruß
      gb

    • Beide Artikel beziehen sich auf "sovereign debt" (=Staatsanleihen)
      und das beinhaltet lang, mittel- und kurzfristige Anleihen. Richtig ist, dass langfristige Papiere verkauft wurden, da aber die Gesamtsumme von dem, was italienische Banken halten, gestiegen ist, bedeutet dieses nur dass umgeschichtet wurde- Verkauf der laengerfristigen Anleihen und Neuanlage der freigewordenen Gelder in kurzfristige.

      Wenn man voruebergehend nicht zukauft, aber vorher bereits die Grenze ueberschritten hat, liegt man rein logisch trotz weniger oder keiner Zukaeufe ueber dieser Grenze, zumindest wenn sich die Grenze nicht aendert, was im Falle des capital keys nicht der Fall ist.

      Und noch eine abschliessende Bemerkung darueber, dass Anleihekaufprogramme keinen oder nur geringen Einfluss auf die Renditen haben sollen: Senkung der Zinsen ist doch genau der Grund, warum QE aufgelegt wurde. Die EZB hat das sehr schoen hier erklaert:
      :)

    • Die Abweichung wurde ja im Vorfeld der vorletzten EZB-Stizung an die große Glocke gehängt
      und Mario Draghi konterte in der Pressekonferenz für meine Begriffe ungewöhnlich scharf und hatte erst mal den Punkt für sich verbuchen können. Hier nachzulesen : ( Gleich die erste Frage nach dem introductory statement )

      Die damalige und schon vorher laufende und wohl niemals endende Diskussion beweisen doch die Problematik, auf die gb mit seinem Blog hinweisen wollte – ein jeder glaubt immer nur das, was er eh schon glaubt. Auch die „Wissenschaft“ ist durchtränkt von all den Dingen, die ausführlicher in Börsenratgebern auftauchen. Ignoranz des hindsight-bias, Verlustvermeidung , selektive Wahrnehmung u.A.

      Wobei der größte Fehler, den ein Wissenschaftler ( und solche, die sich für solche halten ) überhaupt begehen kann, ist der unerschütterliche Glaube, dass ihm selber, keine Fehler unterlaufen können.
      Und hier kann ich Herrn Braunberger sehr wohl zustimmen. Die Überzeugungen – auf beiden Seiten der Medaille – sind zuweilen so stark, dass sich ein zum Teil gefährliches Maß an Unfehlbarkeit breit zu machen scheint.

  7. Anleihekauf
    Der Anleihekauf ist auf Mehrheitsbeschluss der EZB getroffen worden. Dabei ist es unerheblich, wer diesen Beschluss ausführt. Der Anlagekauf ist ein massiver Eingriff in den Finanzmarkt. Er sorgt dafür, dass alle südeuropäischen Staaten trotz schlechter Bonität einen niedrigeren Zins zahlen als beispielsweise die USA. Deshalb fürchten die Südeuropäer eine Straffung der Geldpolitik und ein Ende des Ankaufs ihrer faulen Staatsanleihen.

    • Der Vergleich hinkt aber stark
      Er impliziert, dass jede Volkswirtschaft zu jeder Zeit den gleichen natürlichen Zinssatz hätte, und daher der Renditeunterschied lediglich das Ergebnis der unterschiedlichen Bonitätspekulation der Marktteilnehmer wäre.

      Für diese Annahme gibt es denke ich nicht einmal ansatzweise gute Gründe.

  8. Die Nachfrage erhöht die Preise und senkt die Zinsen
    Das ist eine Binsenwwisheit die auch im Anleihenarkt gilt. Der Unstand dass die EZB monatlich zwischen 60 und 80 Milliarden aufkauft drückt natürlich die Zinsen künstlich herunter. Renditeunterschiede zwischen einzelnen Ländern spiegeln das Anlagerisiko wider, da die EZB nur bestimmte Kontingente eines Landes kaufen darf und für Italien längst an der Grenze ist muss die italienische Rendite über der spanischen liegen. QE wird, oder zumindest soll, langsam zurückgefahren werden. Langsam deswegen, um keine Schocks auszulösen, mit anderen Worten um zu verhindern dass Italien et al aufgrund der geringeren Nachfrage plötzlich weit höhere Zinsen zahlen müssen.

    • „Die Nachfrage erhöht die Preise und senkt die Zinsen. Das ist eine Binsenweisheit die auch im Anleihenmarkt gilt.“
      Das Argument hört man immer wieder, aber setzt implizit die Annahme voraus, dass die Nachfrage der EZB die Gesamtnachfrage nach Anleihen erhöht. Was bei der vermeintlichen „Binsenweisheit“ vergessen wird, ist, dass die mit der EZB-Nachfrage verbundenen Preiserhöhungen andere potentielle Käufer abschrecken und zusätzliche Verkäufe motivieren. Daher ist der Nettoeffekt der Nachfrage durch die Notenbanken am Anleihemarkt viel geringer als häufig angenommen. Es gilt nicht automatisch: Ein monatliches Kaufvolumen von 30 Milliarden Euro erhöht die Nachfrage um 30 Milliarden Euro.

      „Renditeunterschiede zwischen einzelnen Ländern spiegeln das Anlagerisiko wider, da die EZB nur bestimmte Kontingente eines Landes kaufen darf und für Italien längst an der Grenze ist.“
      Die EZB ist bei Italien nicht an der Grenze. Außerdem ist das Argument mit der Beeinflussung der Renditeunterschiede durch die aktuellen Kontingente fragwürdig, weil im Hintergrund immer noch die Möglichkeit eines OMT-Programms existiert.

      „Der Umstand dass die EZB monatlich zwischen 60 und 80 Milliarden aufkauft…“
      Aktuell werden die Bestände nur noch um 30 Milliarden Euro im Monat aufgestockt.

      Gruß
      gb

    • Auch der weiseste Binse kann sich irren. :-)
      Was den Zins angeht, bin ich bei Ihnen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Zinsen für Staatsanleihen mit QE nicht niedriger sind als sie es ohne wären. Nur um wieviel ? Und spätestens hier, muss man sich der Polemik ventsagen und sich der Komplexität des Systems stellen.
      Die Rendite von Staatsanleihen ist eben nicht nur alleine vom QE abhängig, sondern ist ein multicausales Ereignis. Und ohne zumindest den Anspruch bzw. den Versuch, möglichst alle Einflussfaktoren zu finden und im optimalen Fall auch noch das quantitative Ausmaß eines jeden Faktors realtitätsnah ermitteln zu können, verkommt die Diskussion sehr schnell zu einer Abfolge von Glaubensbekenntnissen.
      Was die Renditeunterschiede angeht, bin ich allerdings schon im Ansatz nicht mehr bei Ihnen. Ich glaube eben nicht, dass es „DIE“ Bonität gibt, und dass sich hieraus ein und eben genau DIESER Renditeunterschied ergeben muss.
      Bonität ist stets Spekulation, eine individuelle und subjektive Annahme einer Ausfallwahrscheinlichkeit. Daran ändert sich auch nichts, dass die Ratingagenturen zur Rechtfertigung ihres Daseins und ihres Einkommens uns natürlich vom Gegenteil überzeugen wollen, obwohl die Suprimekrise ja eigentlich den Fehlbarkeitsbeweis, leider sehr kostspielig, lieferte.
      Daher bildet jeder aktuelle Anleihespread immer nur die aktuelle, volumensgewichtete subjektive Spekulation der Marktteilnehmer wieder.

  9. Wissbegierigen und Fachgebiete -„Trennung „ :
    dass eine aufmerksam und fachmännisch hüten ,analysieren,bewerten und letzt endlich deuten-nicht nur methodologisch- ,gleichermaßen wie andere Umfelde der Wirtschaftswissenschaft nie unbehütet hinterlassen ,dazu die interdisziplinäre Austausch!
    Gibt es ja erfreulicherweise.
    Und Hüter ohne „biases“,oder positiv gesagt ,Hüter‘s Wissbegierige Haltung gebührt Klugheit und Worte so viel oder wenig wie angemessen sein darf.

  10. Die Rolle der Notenbanken
    Auf Twitter schreibt der Ökonom Holger Sandte zu meinem Artikel:

    „It seems that financial market participants and bank economists tend to overestimate the impact of QE on bond yields. Maybe that is because they don’t read much more than what central banks are writing. Attentional bias (and maybe some other biases) at work.“

    Der Eindruck, dass Bankökonomen stark von den Positionen der Geldpolitik geprägt werden, stimmt nach meinen Erkenntnissen – auch dann, wenn sie diese Geldpolitik kritisieren. Zu der Anmerkung „..maybe some other biases at work“ ließe sich auch manches sagen…

    Gruß
    gb

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