Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Arme zahlen zu viel Steuern

| 3 Lesermeinungen

© Picture AllianceWer kriegt’s?

Je komplizierter die Steuern, desto eher gewinnen die Reichen. Das sollte sich die neue Regierung merken.

Ein kompliziertes Steuerrecht muss nicht unbedingt sehr gerecht sein – das denken viele Deutsche schon eine ganze Weile. Zwar argumentieren Gerichte immer wieder damit, dass Steuerzahler ihre Ausgaben geltend machen können müssen. Und Politiker sagen: Es wird gerechter, wenn man viele Ausnahmen berücksichtigt. Am Ende stehen in Deutschland aber 12.000 Seiten Steuerrecht, die sich ständig ändern. Da behält doch nur noch der Steuerberater den Überblick! So denken viele – aber nicht jeder leistet sich einen. Überhaupt: Für viele Deutsche würde sich eine einfache Steuererklärung lohnen, zumindest mal 80 Euro bringen. Aber wem der Aufwand zu groß ist, der schenkt das Geld dem Staat – und dabei geht es nicht um die Reichen, deren Steuern sowieso ausführlich erklärt und geprüft sind. All das sagt der gesunde Menschenverstand an den Stammtischen und auf Facebook. Aber der gesunde Menschenverstand liegt ja bekanntlich auch immer mal daneben.

Gut, dass eine Gruppe angesehener Forscher : Philippe Aghion wurde im vergangenen Jahr zum Ehrenmitglied der amerikanischen Ökonomenvereinigung auf Lebenszeit gewählt, er arbeitete zusammen mit Ufuk Akcigit, Matthieu Lequien und Stefanie Stantcheva – und sie untersuchten Daten aus Frankreich, aus denen Deutschland dann doch noch einiges lernen kann, zumal die neue Regierung.

Steuern sollten einfacher werden – und wurden komplizierter

Denn Frankreich hat ein Problem ganz ähnlich wie Deutschland: Im Versuch, das Steuerrecht zu vereinfachen, hat der Staat es in den vergangenen Jahren immer noch komplizierter gemacht. Jetzt gibt es für französische Selbständige drei unterschiedliche Wege, wie sie ihren Verdienst versteuern können: Entweder sie notieren Einnahmen und Ausgaben. Oder sie notieren, wenn ihre Einnahmen unterhalb einer gewissen Schwelle bleiben, nur noch die Einnahmen, also den Umsatz. Dann zahlen sie einen pauschalen Prozentsatz davon an Steuern. Wenn die Selbständigen noch weniger verdienen, geht es noch simpler: Dann zahlen sie überhaupt nur noch einen pauschalen Steuerbetrag. Aber welches Steuersystem für wen gilt, muss man auch erst mal verstehen. Immer wieder ändern sich die Grenzen. Klingt schwierig? Dabei war das alles gerade nur die vereinfachte Version.

Jedenfalls lässt sich an französischen Selbständigen hervorragend studieren, ob sie die günstigste Besteuerungsart finden – und was sie dafür tun, sie tatsächlich zu erreichen. Dazu analysierten die Wissenschaftler die Steuerdaten der Selbständigen unter 500.000 zufällig ausgewählten Franzosen aus den Jahren 1994 bis 2012.

Wie man legal die Steuern manipuliert

So viel ist klar: Steuerzahler haben es immer ein Stück weit selbst in der Hand, ob sie unterhalb von Pauschal-Grenzen bleiben. Verdienen sie im einen Jahr etwas zu wenig, verschieben sie auch die größere Anschaffung ins nächste Steuerjahr. Verdienen sie etwas zu viel, geben sie noch ein bisschen Geld für betriebliche Anschaffungen aus. Unglaublich, was man alles kaufen kann, wenn man weiß: Am Ende sparst du dadurch mehr Steuern, als es kostet. Dann gibt es im Dezember halt noch mal einen neuen Drucker für 400 Euro. Oder ein paar Bücher. Oder ein Zeitungsabo. Schon Angestellte haben da manchen legalen Spielraum, Selbständige noch viel mehr.

In Frankreich ist es allerdings nicht so einfach: Ob Selbständige die einfache, günstige Besteuerung bekommen, das hängt nur vom Umsatz ab, also nur von den Einnahmen und nicht von den Kosten. Das ist schon schwieriger zu manipulieren als der Gewinn. Trotzdem sieht man ganz deutlich, wie sich die Umsätze der Selbständigen direkt vor den Umsatzgrenzen ballen. Dagegen liegt kaum jemand knapp über der Umsatzgrenze.

Der Umsatz verschwindet einfach

Das Ökonomenteam hat ausgerechnet: Beim Steuernsparen schaffen es die Franzosen, bis zu elf Prozent ihres Umsatzes verschwinden zu lassen, das sind teils mehrere tausend Euro – nur um noch die einfachere Besteuerung zu erreichen. Noch deutlicher wird es bei Ehepaaren, bei denen beide selbständig sind: Dort können die Partner Umsatz untereinander verschieben. So schaffen sie es besonders oft, dass beide knapp unter der Umsatzgrenze liegen.

Wie das genau funktioniert und ob dabei wirklich alles legal zugeht, das können die Forscher aus ihren Steuerdaten nicht ersehen. Sicher scheint aber, dass sich das deutsche Finanzpolitiker merken können. Immerhin will die große Koalition demnächst den Solidaritätszuschlag abschaffen, aber für Gutverdiener doch beibehalten. Die Leute, die den Solidaritätszuschlag weiter zahlen, werden auf jeden zusätzlich verdienten Euro wohl 70 Cent Steuern berappen. Gut möglich, dass auch sie Wege finden werden, ihren Verdienst zu drücken – so wie die Franzosen.

Die Reichen und Gebildeten sind trickreicher

Doch diese trickreichen Steuergestaltungen schaffen nicht alle Franzosen. Denn auch durch das französische Steuerrecht ist der Durchblick schwer. Genau diese Komplexität trägt dazu bei, dass die Armen und schlecht Ausgebildeten mehr Steuern zahlen als geplant. Generell schaffen es nicht einmal fünf von zehn französischen Selbständigen, die günstigste Besteuerungsart zu finden, auf die sie ein Anrecht haben. Unter den Selbständigen ohne Schul- und Ausbildungsabschluss sind es nur noch zwei von zehn. Das bedeutet: 80 Prozent der Selbständigen ohne Abschluss zahlen zu viel Steuern.

Ähnlich ist es mit Arm und Reich. Auch da gibt es Unterschiede. Zwar sind die Umsatzgrenzen für alle Selbständigen gleich, aber mancher Selbständige ist zusätzlich irgendwo angestellt oder hat Kapitaleinkommen. So gilt auch in diesem Fall: Es sind die Reichen, die weniger Steuern zahlen. Wer zum reichsten Zwanzigstel der französischen Selbständigen gehört, der trifft fast zu 50 Prozent die günstigste Besteuerung – und die Forscher können auch zeigen: Wenn sich die Gesetze ändern, sind es die Reichen und Gebildeten, die sich schneller auf die neuen Verhältnisse einstellen.

Diese Erkenntnis wirft noch einmal ein besonderes Schlaglicht auf die vertrackte Situation für Geringverdiener in Deutschland: Das haben Andreas Peichl und seine Kollegen ausgerechnet. Für Alleinerziehende mit zwei Kindern zum Beispiel geht dieser Bereich von 0 bis 2500 Euro: Egal, wie viel sie selbst verdienen, am Ende haben sie immer ungefähr 2000 Euro netto. Und das gilt nur im günstigsten Fall, in dem sie Steuern und Sozialleistungen optimal ausnutzen. Ob sie das schaffen, ist noch mal ein ganz eigenes Thema.

Die große Koalition hat in den Koalitionsvertrag geschrieben, sie wolle den Steuerzahlern künftig eine vorausgefüllte Steuererklärung anbieten. Vielleicht wäre das eine der wirksamsten Entlastungen für Geringverdiener.

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3 Lesermeinungen

  1. Auch Steuervereinachungen werden hier eher für die Reichen gemacht
    Zwar ist der Tenor des Artikels richtig, dass die ärneren Personen die Möglichkeiten der Steuerminimierung in der Regel weniger gut nutzen können als die reicheren Personen, aber auch Steuervereinfachungen werden in Deutschland m.E. eher so ausgestaltet, dass die Reichen profitieren und die Armen belastet werden:
    a) Ein Beispiel nennt Leser Katz: 25% Abgeltungsteuer sind nur für den eine Entlastung, dessen Durchschnittsteuersaendentz höher liegt als 25%. Ärmere können zwar die Individualbesteuerung wählen; ihnen wird aber ein Halbeinkünfteverfahren zum Ausgleich der Vorbelastung von Dividenden versagt. Umgekehrt wird den Reicheren auch auf Zinsen eine Reduzierung der Steuer auf 25% gewährt, obwohl es i.d.R. keine Vorbelastung auf Unternehmensebene gibt.
    b) Das gleiche gilt für die Nichtabziehbarkeit von Werbungskosten auf Kapitalvermögen. Für den Großanleger kein Problem, weil er die Dividendeneinkünfte und Kosten in eine Vermögensverwaltungs-GmbH verlagern kann und nur den Gewinn ausschüttet und versteuert. Dem Kleinanleger bleibt die Nichtabziehbarkeit.
    c) Ähnlich die Neuregelung der Investmentfondsbesteuerung: Die Vorbelastung auf Fondsebene kann sich der Kleinanleger mit niedrigerem Individualsteuersatz nicht zurückholen. usw. usw.
    Wenn man wollte, könnte man vermutlich angesichts des Datenbestandes (vgl. „vorausgefüllte Steuererklärungen“) und der automatisierten Datenverwaltung der Finanzverwaltung auch Stuervereinfachung so machen, dass die kleinen Leute profitieren. Da fragt sich der kleine Steuerfachmann in Rente: Fehlt den Politikern nach dem Verkauf der früher staatseigenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die kompetente Beratung (Zitat „Ich wusste auch nicht mehr als Sie“) oder will niemand in einer CDUSPD oder zeitweise CDUFDP-Regierung eine soziale Steuerpolitik umsetzen ?

  2. Die ungerechteste aller Steuern
    Trifft natürlich die Ärmeren. Die Umsatzsteuer ist ein Preisanteil. Ohne jede soziale Komponente. Und wer sein kleines Einkommmen komplett ausgeben muss, zahlt proportional mehr als jeder Reiche. Insobe fern ist das Argument, das Auwendungen verrechnet werden sollten, ziemlich verlogen. Und der Selbsständige hat sogar bei der Mehrwertsteuer, viele Möglichkeiten auch privat veranlasste Vorsteuern in Abzug zu bringen. Grüße an die Sozialisten jeder Art: Gerechtigkeit ist ganz schön schwierig. Ihr könnt das jedenfalls nicht.

  3. Wer als Geringverdiener Aktien besitzt
    zahlt, auch bei vollständiger Rückerstattung der Abgeltungssteuer, fast 25% auf Dividenden, da auf Unternehmensebene bereits versteuert werden muss.

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