Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wenn der Lohn das Herz bricht

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Hand aufs Herz: So ein klein bisschen mehr dürfte es am Monatsende schon sein. Immerhin hat man sich wieder besonders reingehängt – was sich nicht gerade über jeden Kollegen sagen lässt. Wer so denkt, ist nicht allein: 37 Prozent der Deutschen finden sich ungerecht entlohnt. Das trifft auf Ärzte zu, ebenso wie auf Busfahrer und Banker. Bislang war die Ungerechtigkeit für die meisten ein bloßes Gefühl. Denn über das Gehalt wird nicht geredet, so will es die deutsche Höflichkeit.

Damit soll nun Schluss sein, dafür sorgt die Bundesregierung mit ihrem „Entgelttransparenzgesetz“. Vom 6. Januar 2018 an können Männer und Frauen erfahren, was eine Gruppe vergleichbarer Kollegen des anderen Geschlechts im Mittelwert verdient. Dafür gibt es nur zwei Bedingungen: In dem Betrieb müssen mehr als 200 Menschen arbeiten. Und die Vergleichsgruppe muss auf mindestens sechs Personen bestehen.

Das neue Gesetz dürfte dem einen oder anderen mächtig die Laune vermiesen. Denn „fair“ ist die Bezahlung in vielen Betrieben zumindest aus Sicht der Arbeitnehmer sicher nicht. Doch macht das Gefühl, ungerecht bezahlt zu werden, vielleicht sogar krank? Dieser Frage ist ein Forscherteam um den Bonner Verhaltensökonom Armin Falk auf den Grund gegangen. , teilten die Wissenschaftler 80 Probanden  in Zweierteams auf. Den einen im Zweierteam erklärten die Forscher zum „Arbeiter“, den anderen zum „Chef“. 25 Minuten lang sollten die Arbeiter eine eintönige Aufgabe erledigen und auf Blättern mit Nullen und Einsen die Nullen zählen. Je mehr Blätter ein Arbeiter richtig bearbeitete, desto mehr Geld erwirtschaftete er für das Team.

Die Chefs durften sich in dieser Zeit zurücklehnen und entspannen. Die Entscheidung aber, wer wie viel von dem erwirtschafteten Gewinn bekommen sollte, trafen sie im Anschluss allein. Genauere Details über die Aufgaben ihrer Arbeiter erhielten die Entscheider nicht. Auch wurde ihnen nicht mitgeteilt, wie gut „ihre“ Arbeiter im Vergleich zu anderen abschnitten. Einzig ihre Großzügigkeit entschied über die Verteilung des Gewinns. Und was taten die Chefs? Sie nutzten ihre Position und steckten sich den Großteil in die eigenen Taschen.

Natürlich lässt sich darüber streiten, welche Gewinnaufteilung in dieser Arbeitssituation „fair“ gewesen wäre. Hätte der Arbeiter alles bekommen sollen, weil nur er geschuftet hatte? Hätte sich das Team den Gewinn teilen müssen, weil sie nun mal ein Team sind – und man im Team zusammenhält? Oder war es sogar richtig, dass sich die Chefs einen höheren Anteil zuwiesen? Die Forscher fragten Außenstehende nach ihrer Einschätzung. Und die fiel eindeutig aus: Im Schnitt gaben die Befragten an, dass der Arbeiter 30 Prozent mehr Geld erhalten müsste, als es im Laborexperiment der Fall war.

Um nun herauszufinden, ob sich die ungerechte Bezahlung auf die Gesundheit durchschlägt, beobachteten die Wissenschaftler die Herzfrequenz der Arbeiter. Genauer gesagt, konzentrierten sie sich auf die sogenannte Herzfrequenzvariabilität. Sie gibt an, wie stark die Länge zwischen den Herzschlagintervallen schwanken kann. Größere Schwankungen sprechen für eine höhere Anpassungsfähigkeit des Körpers und damit für eine gesteigerte Lebensenergie. Sie wird assoziiert mit positiven Gefühlen wie Freude oder Liebe. Eine verringerte Herzfrequenzvariabilität spricht dagegen für Stress. In der Medizin gilt dies als zuverlässiger Frühindikator für Herzerkrankungen.

Wie also empfanden die Arbeiter die Entlohnung durch ihre Chefs? Die Messungen gaben darauf eine klare Antwort: In den meisten Fällen hatten sie sich mehr vom Gewinn erhofft – ihr Herz reagierte auf die Entscheidung mit Stresssymptomen. Und je weiter die Bezahlung von einer als „fair“ empfundenen Summe abwich, desto mehr Stress am Herzen stellten Falk und seine Kollegen fest. Für die Forscher lässt ihr Experiment auf lange Sicht nur eine Schlussfolgerung zu: Dauerhafter Lohnfrust macht den Arbeitnehmer krank.

Doch hat ein derart vereinfachendes Laborexperiment etwas mit dem wahren Leben zu tun? Oder konkreter gefragt: Erhöht eine als ungerecht empfundene Bezahlung wirklich die Gefahr, im Laufe des Lebens am Herzen zu erkranken? Aber ja, sagen die Forscher. Ihre Erkenntnisse aus dem Experiment deckten sich mit den Befunden, die sie aus dem Datenmeer der größten sozioökonomischen Langzeiterhebung für Deutschland, dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), zogen. Je häufiger die Befragten ihren Lohn als unfair empfanden, desto schlechter schätzten sie ihren eigenen Gesundheitszustand ein. Und nicht nur die subjektiven Empfindungen bestätigten die Ergebnisse aus dem Labor: Das Gefühl, ungerecht entlohnt zu werden, ging mit einer um ein Drittel gesteigerten Wahrscheinlichkeit einer attestierten Herzerkrankung einher.

Schlimm genug, wenn die Gesundheit der Menschen unter ihrem Lohnfrust leidet. Doch die Ökonomen um Armin Falk weisen noch auf die Gefahr eines „Teufelskreises“ hin. Wenn sich aufgrund der empfundenen Ungerechtigkeit beim Lohn der körperliche Zustand verschlechtert, drückt das auch auf die Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer – was zur Folge haben kann, dass auch der Lohn weiter sinkt. Hinzu kommt der Effekt auf die Arbeitsmoral: Wer sich ständig abmüht und finanziell nichts davon hat, der stellt seine Bemühungen irgendwann ein. Das zeigen zahlreiche Studien. Eine als ungerecht empfundene Bezahlung sei deshalb nicht nur ein Problem für die Betroffenen, schreiben die Forscher. Auch gesamtwirtschaftlich seien die Folgen immens.

Nur: Wann empfindet ein Arbeitnehmer seine Bezahlung als gerecht? Mit dieser Frage hat sich der Ökonom Falk in einer Studie beschäftigt, . Entscheidend für die Zufriedenheit der Menschen sei weniger, wie viel am Ende des Monats auf ihr Gehaltskonto fließe, sondern das Ausmaß, in dem sich der eigene Lohn von der Entlohnung anderer unterscheide. Wer also bei vergleichbarer Arbeit weniger verdient als sein Ehepartner, Nachbar oder Kollege am Schreibtisch gegenüber, dem setzt sein Lohn auch gesundheitlich zu.

A. Falk, F. Kosse, I. Menrath, P. E. Verde, J. Siegrist: Unfair pay and health. Management Science, im Erscheinen.

K. Fliessbach, B. Weber, P. Trautner, T. Dohmen, U. Sunde, C. E. Elger, A. Falk: Social Comparison Affects Reward-Related Brain Activity in the Human Ventral Striatum, Science, Vol. 318, pp. 1305-1308.

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5 Lesermeinungen

  1. "...ungerecht bezahlt zu werden ..." als Preisausschreiben
    „ungerecht“, „fair“, „anständig“, etc.,etc., …
    Was ist das ökonomisch? Was ist ein „fairer“ Preis für ein Kilo Kaffee?! Oder, oder, oder ein „anständiger“ Preis für ein Dieselfahrzeug von Volkswagen?! Oder ein „gerechtes“ Vorstandsgehalt bei … BMW!?
    Nun mal Butter bei die Fische!!!!
    Fröhlich grüsst
    B.B.

  2. Psychologie oder Ökonomik?
    „Wer sich ständig abmüht und finanziell nichts davon hat, der stellt seine Bemühungen irgendwann ein. Das zeigen zahlreiche Studien. Eine als ungerecht empfundene Bezahlung sei deshalb nicht nur ein Problem für die Betroffenen, schreiben die Forscher. Auch gesamtwirtschaftlich seien die Folgen immens.“

    Was ist daran nun fundamental neu? Wer hat das nicht gewußt?

    Offensichtlich gibt es dann zwei gesellschaftspolitische „Bösewichte“: die „Unternehmer und Kapitalisten“ und natürlich der „Staat samt Parafiskus“, denn erstere verhindern den „gerechten Lohn“ und letztere sorgen dafür, dass der ungerechte Bruttolohn zum noch ungerechteren Nettolohn wird – und das mit Progression!

    Aber nun mal ernsthaft: Der Mensch fühlt vieles, z.B. Lohnungerechtigkeit, er fühlt auch die Inflation, er fühlt die soziale Ungerechtigkeit, usw. Und was versteht „der Mensch“ unter Ungerechtigkeit? Meistens versteht jeder etwas anderes darunter, viele verwechseln Gerechtigkeit mit Gleichheit.

    Ob das, was gefühlt wird, auch tatsächlich existiert, ist nochmal eine ganz andere Frage. Selbst wenn man messen kann, heißt das nicht, dass das Messergebnis gleich interpretiert werden muß.

    Als Psychologe muß man sich mit den Befindlichkeiten und Gefühlen der Menschen beschäftigen und sie dann „behandeln“, wenn sie pathologisch werden. Der Ökonom muß sich hingegen dann angesprochen fühlen, wenn die Messwerte „patholgisch“ werden. Anders ausgedrückt: Wenn Menschen drohen, krank zu werden, weil sie eine hohe Inflationsrate fühlen, dann ist das ein Fall für die Psychologie. Wird die Inflationsrate zu hoch, dann ist die Ökonomik gefragt.

  3. Komische Kiste ...
    … wer sein Gehalt – Lohnempfänger gibt es immer weniger – als ungerecht empfindet, also üblicherweise als zu niedrig, der sollte sich einen besseren Job suchen. Und wenn er oder sie den nicht findet, sollte er oder sie mal über sich selber nachdenken …

  4. Studiengebühren
    Gutso, dass die BRD Studiengebühren schnell abgeschafft hat.

    In England und Wales haben Hochschulabsolventen, die älter als 40 sind, quasi gratis studiert. Diejenigen, die jünger sind haben bis zu £72000 Schulden abzubezahlen…

    Macht es leider schwieriger sowas wie ‚gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘ zu gerechtfertigen.

    Ist noch heftiger wenn Jugendliche aus England nach dem Studium im Ausland arbeiten möchten. Westminster hat damit schon lange her die Personenfreizügigkeit für junge Engländer kaputtgemacht.

    Die Schotten dürfen weiter gebührenfrei studieren…

    Gut dass ideenloses England die EU verlässt!

    Mein persönlicher Senf!

  5. Selbst schuld
    Wer sich mit Arbeitsverhältnissen oder generell mit Lebensverhätnissen abfindet, die ihm nicht passen und anscheinend jetzt auch beweisbar, nicht gut tun, ist wohl selbst schuld. Aber es scheint nicht wenige bei uns davon zu geben. Über 60% der AN haben innerlich gekündigt über 70% leben in einer unbefriedigenden Beziehung, Ehe. Da mögen die objektiven Wirtschaftsdaten noch so fantastisch sein, wirklich glückliche Leute trifft man in „einem Land in dem wir gut und gerne leben“ (Merkel) aktuell eher weniger. Konsummöglichkeiten und Wohlstand alleine garantieren leider noch kein Lebensglück.

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