Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

War Friedrich von Hayek ein Nihilist?

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Ökonomen werden von der Öffentlichkeit nicht für ihre politische Meinung bezahlt. Natürlich können und dürfen Ökonomen wie jeder andere Mensch eine politische Meinung haben und äußern, aber bezahlt werden sie für fachliche Expertise. Was soll man also von Ökonomen halten, deren politische Empfehlungen im Widerspruch zu ihren eigenen Theorien stehen? Ein berühmtes Beispiel bietet der junge Friedrich von Hayek – ein Beispiel, aus dem man auch über heutige Ökonomen lernen kann.

 

„I think the Austrian business-cycle theory has done the world a great deal of harm. If you go back to the 1930s, which is a key point, here you had the Austrians sitting in London, Hayek and Lionel Robbins, and saying you just have to let the bottom drop out of the world. You’ve just got to let it cure itself. You can’t do anything about it. You will only make it worse… I think by encouraging that kind of do-nothing policy both in Britain and in the United States, they did harm. “ (Milton Friedman 1999)

 

Den Höhepunkt der Konjunkturtheorie der sogenannten Österreichischen Schule der Nationalökonomie bildet wohl die auf vier Vorlesungen beruhende Schrift Friedrich von Hayeks aus dem Jahre 1931. Unter anderem auf der Kapitaltheorie Eugen von Böhm-Bawerks und Knut Wicksells Buch „Geldzins und Güterpreise“ aufbauend, entwickelte der kaum mehr als 30 Jahre alte Hayek in seinen Arbeiten eine Konjunkturtheorie, die damals für großes Aufsehen sorgte. Obgleich, um den angesehenen , „die Ausführung seines kühnen Vorhabens als gescheitert angesehen werden muss, das Hayeksche Vorhaben als solches ist rühmenswert.“ Daher verdiene Hayeks Arbeit, „als eines der bedeutenden Werke in der Geschichte unseres Faches betrachtet und gelesen zu werden“.1)

 

Skizze einer Theorie

Uns geht es hier nicht um eine ausführliche Behandlung der Theorie. Wie Wicksell unterscheidet Hayek zwei Zinssätze: Es gibt Wicksells natürlichen Zins – von Hayek „Gleichgewichtszins“ genannt -, bei dem sich in einer Realwirtschaft ohne Geld ein Gleichgewicht von Ersparnis und Investition einstellen würde. In einer Geldwirtschaft haben wir auch einen Geldzins und im idealen Falle stimmen Gleichgewichtszins und Geldzins überein. Hayek wendet sich in mehrerlei Weise von Wicksell ab:

  • Bei Wicksell kommen Diskrepanzen zwischen Gleichgewichtszins und Geldzins zustande, weil sich der durch realwirtschaftliche Faktoren bedingte Gleichgewichtszins ändert, zum Beispiel als Ergebnis technischen Fortschritts. Das ist ein heute wieder sehr aktuelles Thema. Bei Hayek kommt es zu Diskrepanzen, weil die (Noten-)Banken den Geldzins durch zu großzügige Kreditvergabe nach unten manipulieren. Daraus folgt die noch heute von Anhängern der Österreichischen Schule vertretene Auffassung, Krisen seien das Ergebnis einer falschen Geldpolitik. In der Praxis kann das eine wie das andere vorkommen: Dogmatismus hilft nicht weiter.
  • Für Wicksell ist ein konstantes Preisniveau optimal. Für Hayek verbinden sich mit einer dynamischen Wirtschaft Produktivitätszuwächse, die sich in sinkenden Güterpreisen niederschlagen. Generell spielt für Hayek das allgemeine Güterpreisniveau keine große Rolle.
  • Bei Wicksell führt ein unter dem Gleichgewichtszins liegender Geldzins zu einem höheren Güterpreisniveau, aber nicht zu Änderungen in der Realwirtschaft. Bei Hayek führt ein unter dem Gleichgewichtszins liegender Geldzins zu einem Konjunkturzyklus von Boom und Bust, bei dem Veränderungen des Preisverhältnisses von Investitions- und Konsumgütern realwirtschaftliche Folgen haben.

Nehmen wir an, es herrsche Vollbeschäftigung und der Geldzins sinke durch expansive Geldpolitik unter den Gleichgewichtszins. Bei Wicksell führt dies nur zu einer Zunahme des Güterpreisniveaus, bei Hayek passiert etwas anderes: Der zu niedrige Geldzins verlockt die Unternehmen zu Investitionen mit dem Ziel einer kapitalintensiveren Produktion (im „österreichischen“ Jargon ist von einer „Verlängerung der Produktionsumwege“ die Rede.) Durch Verschiebung von Ressourcen aus der Konsumgüter- in die Investitionsgüterproduktion wird im Laufe der Zeit die Produktion von Konsumgütern zurückgehen, aber dies ist aus der Sicht der Konsumenten unerwünscht – denn der niedrigere Zins ist ja nicht das Ergebnis eines Wunsches der Konsumenten, mehr zu sparen, sondern das Ergebnis einer realwirtschaftlich nicht gerechtfertigten Änderung des Geldzinses! Die Konsumenten können weniger konsumieren als sie eigentlich wollen; Hayek spricht von „erzwungenem Sparen“.

Was passiert nun? Der Wettbewerb der Unternehmen um Arbeitskräfte für die Herstellung von Investitionsgütern lässt die Löhne steigen und in der Folge werden sich die höheren Einkommen auf dem Markt für Konsumgütern in steigenden Preisen niederschlagen. Damit verändert sich ein weiteres Mal das Preisverhältnis von Investitions- und Konsumgütern, aber dieses Mal zu Gunsten der Konsumgüter. Jetzt erkennen die Unternehmen, dass sie viel besser Konsumgüter als Investitionsgüter herstellen, und es kommt, eventuell begleitet von steigenden Geldzinsen als Folge des zunehmenden Güterpreisniveaus, zu einer Bevorzugung weniger kapitalintensiver Investitionen durch die Unternehmen. Das im Boom in sehr kapitalintensive Produktionsverfahren investierte Kapital geht verloren und die Krise ist da. Hayek schrieb: „Das Bestehen von unausgenützten Produktionsanlagen ist daher nichts weniger als ein Beweis, dass Kapital im Überfluss vorhanden und der Konsum unzureichend ist: Ganz im Gegenteil, es ist ein Zeichen dafür, dass wir diese Produktionsanlagen nicht verwenden können, weil die laufende Nachfrage nach Konsumgütern zu dringend ist, um uns zu erlauben, die verfügbaren Produktivkräfte in den langwierigen Produktionsprozessen zu investieren, für die wir (infolge von ‚Kapitalfehllenkungen‘) die entsprechende Ausrüstung haben.“

Das ist, zugegeben sehr knapp, die Essenz der „Österreichischen Konjunkturtheorie“ à la Hayek: Eine zu großzügige Geldversorgung führt über einen fallenden Geldzins zu Kapitalfehllenkungen beziehungsweise zu Überinvestitionen und irgendwann bricht das morsche Gebäude in einer Krise zusammen. Die Theorie ist zweifellos interessant, aber wegen nicht weniger Schwächen ging sie schon in den ökonomischen Debatten der dreißiger Jahre unter, und von den damaligen Schlägen hat sie sich nie mehr erholt. 2) :

„It is in its applications to deflationary slumps that the Hayek theory is at its worst; and it is a terrible fact that it was in just such conditions – in 1931/32 – that it was first propounded. In such conditions its diagnosis was wrong; and its prescription could not have been worse.“ (John Hicks 1967)

der Herausgeber der beiden „Geld-Bände“ innerhalb der Hayek-Gesamtausgabe, verweist auf „unhaltbare Vereinfachungen“ im Theoriegebäude von „Prices and Production“; Hayeks anschließende kapitaltheoretische Arbeiten aus den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren seien dann von „übergroßer Ambition“ geprägt gewesen und „glorios gescheitert“. Nicht zufällig hatte Hayek Anfang der vierziger Jahre die Konjunktur- und Kapitaltheorie aufgegeben und sich der Sozialphilosophie zugewandt.3 Wir lassen die Theorie an dieser Stelle liegen, weil es uns in erster Linie um das geht, was Hayek daraus politisch gemacht hat.4)

 

Optimale Geldpolitik

Der böse Bube in der Theorie Hayeks ist die Geldpolitik, aber wie sähe eine Geldpolitik aus, die keinen Schaden anrichtet? Im Idealfall stimmt der Geldzins mit dem Gleichgewichtszins überein, aber der Gleichgewichtszins einer Wirtschaft lässt sich nicht beobachten. Wicksell war daher der Ansicht, jener Geldzins wäre optimal, bei dem das Güterpreisniveau stabil bleibt, aber Hayek hielt nichts vom Güterpreisniveau als Zielgröße.

Vielmehr ist jene Geldversorgung einer Wirtschaft optimal, die das Preisverhältnis zwischen Investitions- und Konsumgütern nicht verzerrt – in der Diktion der damaligen Zeit sprach man von einem „neutralen Geld“ im Unterschied zu einem „stabilen Geld“, das sich bei einem stabilen Güterpreisniveau einstellt. Nach Hayek ist das Geld dann neutral, wenn das Produkt aus Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit konstant ist.

Das bedeutet im Falle einer mit einer schweren Depression einhergehenden Krise, wie sie zu Beginn der dreißiger Jahre zu beobachten war: Hier ist eine expansive Geldpolitik notwendig, denn hier ist das Produkt aus Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit nicht konstant, vielmehr war es deutlich rückläufig. Aber in einer Situation, in der auch nach Hayeks eigener theoretischer Überzeugung die Geldpolitik Gas hätte geben müssen, verlangte er ein passives Verhalten von ihr:

„[T]he only practical maxim for monetary policy to be derived from our considerations is probably . . . that the simple fact of an increase of production and trade forms no justification for an expansion of credit, and that—save in an acute crisis—bankers need not be afraid to harm production by overcaution. . . . It is probably an illusion to suppose that we shall ever be able entirely to eliminate industrial fluctuations by means of monetary policy. The most we may hope for is that the growing information of the public may make it easier for central banks both to follow a cautious policy during the upward swing of the cycle, and so to mitigate the following depression, and to resist the well-meaning but dangerous proposals to fight depression by ‚a little inflation‘.“

Hier liegt der Widerspruch: Hayek trat für eine politische Abstinenz ein, obgleich seine eigenen theoretischen Überzeugungen eine aktive Politik verlangt hätten. Ganz im Gegenteil sah Hayek politische Passivität, auch unter Inkaufnahme einer schweren Deflation, als notwendiges Mittel zur optimalen Überwindung der Krise an. Kaum etwas hat mehr dazu beigetragen, dass in den dreißiger Jahren an Hayeks steilen Aufstieg als Ökonom ein ebenso steiler Fall anschloss, in dessen Folge viele seiner Schüler zu John Maynard Keynes überliefen, der etwa gleichzeitig für eine aktive Politik zur Bekämpfung der Krise eintrat.

 

Hayeks Lernprozess: Deflation taugt nichts

Ehre, wem Ehre gebührt: Im Unterschied zu vielen anderen Ökonomen besaß Hayek die Souveränität, Fehleinschätzungen einzugestehen. In mehreren Äußerungen aus der Nachkriegszeit räumte er ein, dass seine Empfehlung aus den frühen dreißiger Jahren, eine Deflation als Remedur zu betrachten, falsch war. In einer Veranstaltung im Jahre 1975 sagte er: „Today I believe that deflation has no recognizable function whatever, and that there is no justification for supporting or permitting a process of deflation.“ Schaut man sich die Debatte unserer Zeit an, ist diese Erkenntnis offenbar gerade manchen Ökonomen, die Sympathie für Hayek an den Tag legen, unbekannt.

Und um eine Deflation zu vermeiden, war der späte Hayek natürlich auch bereit, in einer Krise expansive Geldpolitik gutzuheißen: „I am the last to deny – or rather, I am today the last to deny – that, in these circumstances, monetary counteractions, deliberate attempts to maintain the money stream, are appropriate.“

 

Woher kommt der Widerspruch?

Der späte Hayek hat sich auch zu der Frage geäußert, warum er in den frühen dreißiger Jahren in der Krise eine passive Geldpolitik und damit eine schwere Deflation befürwortete, obgleich er als Theoretiker eigentlich eine andere Geldpolitik in der Krise hätte vertreten müssen. Der entscheidende Satz lautet: „Even at that time I regarded this view as a political consideration; I did not think that deflation improved the adjustment mechanism of the market.“ Es waren politische Überlegungen, die ihn zu seiner politischen Einschätzung verleiteten, nicht ökonomische Erkenntnisse.

Aber welche politischen Überlegungen leiteten Hayek? Seinen Worten zufolge ging es darum, eine Verschärfung der Krise hinzunehmen, wenn dadurch Deregulierungen möglich würden:5) „I probably ought to add a word of explanation: I have to admit that I took a different attitude forty years ago, at the beginning of the Great Depression. At that time I believed that a process of deflation of some short duration might break the rigidity of wages which I thought was incompatible with a functioning economy. Perhaps I should have even then understood that this possibility no longer existed. . . . I would no longer maintain, as I did in the early ‘30s, that for this reason, and for this reason only, a short period of deflation might be desirable.“

Viele Ökonomen, die sich mit dieser Episode befasst haben, halten Hayeks Antwort zumindest nicht für vollständig. „Hayeks answer to this question is difficult to follow“, schrieb Gottfried Haberler, immerhin ein Freund und Kollege Hayeks und wie dieser ein Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. „It is worth noting that Hayek’s assertion that the intensification of the depression would help to overcome the rigidities is an unfounded and unsupported supposition. Moreover, the notion that increased price flexibility in a depression would actually promote recovery has a flimsy theoretical basis…“, schreibt David Glasner, der veröffentlicht und das Thema wieder auf die Agenda geschoben hat.

David Laidler, ein makroökonomischer Dogmengeschichtler par excellence, , nach dem Ausbruch einer wirtschaftlichen Depression gehe die Anwendung der Theorie Hayeks mit einem „politischen Pessimismus“ einher, der „sich dem Nihilismus annähert“. Allerdings, so gibt Laidler zu bedenken, hätten in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre nicht nur Ökonomen aus der Österreichischen Schule zu politischem Pessimismus tendiert. Glasner wiederum sieht Hayeks politische Empfehlungen in seinem Weltbild begründet, dass stark durch die Auffassungen des britischen Philosophen David Hume und durch Hayeks Lehrer Ludwig von Mises geprägt war. Glasner betrachtet Hayek, den er abseits von dessen Irrtümern für einen bedeutenden Ökonomen hält, aber nicht als Nihilisten.

Wie auch immer: Das Phänomen, dass Ökonomen ihre politische Empfehlungen ihrem Weltbild auch dann entnehmen, wenn die theoretischen Erkentnisse der Wirtschaftswissenschaften dazu im Gegensatz stehen, dürfte auch in unserer Zeit nicht ausgestorben sein.

 

 


  • 1. Eine sehr lehrreiche und moderne Behandlung der Österreichischen Schule und damit auch der Konjunkturtheorie Hayeks haben vorgelegt.
  • 2. Hier soll nur ein Problem unter vielen angesprochen werden: Ursprünglich ging die Theorie von flexiblen Märkten und Preisen aus. Der Investitionsboom kommt zustande, weil Arbeitskräfte offenbar problemlos aus der Konsumgüterproduktion in die Investitionsgüterproduktion wechseln können. Aber später, wenn der Boom zuende ist, käme es zu keiner schweren Krise, wenn die Arbeitskräfte wieder von der Investitionsgüterbranche in die Konsumgüterbranche wechseln könnten. Das wird aber von Hayek nur für schwer möglich erklärt – mit in den dreißiger Jahren wechselnden Erklärungen, die schon aus damaliger Sicht nicht recht überzeugten.: „Zudem wird heute eine Konstellation halbfertiger Produktionsprozesse auf der einen und Kapazitätsengpässe auf der anderen Seite als sektorales Anpassungsproblem verstanden, das sich im Wettbewerb von selbst löst. Eine makroökonomische Krise kann Hayek daraus nur mit der Annahme technischer Friktionen konstruieren, die einen flexiblen Transfer von Produktionsfaktoren zwischen den Sektoren verhindern.“
  • 3.  Versuche der vergangenen Jahrzehnte, die Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule zu reaktivieren und zu verbessern, verbinden sich vor allem mit .
  • 4. Hayek hatte nie beansprucht, eine umfassende Theorie der Wirtschaftskrisen vorzulegen: „Obwohl ich glaube, dass die periodischen Krisen nur durch monetäre Faktoren zu erklären sind, so glaube ich doch nicht, dass sich auf diese Weise alle wirtschaftlichen Depressionen erklären lassen.“
  • 5. In unserer Zeit findet sich ein ähnliches Argumentationsmuster bei Ökonomen, die sich gegen die Geldpolitik der EZB mit dem Argument wenden, sie mache Südeuropa das wirtschaftliche Leben zu leicht und nehme damit den Druck von diesen Ländern, Strukturreformen durchzuführen. Allerdings spricht die Empirie eine andere Sprache: (
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29 Lesermeinungen

  1. Der späte Hayek und die Monetaristen
    Wenn man den nachfolgenden Text liest, wird man eine ähnliche politische Schlussfolgerung zwischen dem späten Hayek und den Monetaristen finden:

    At some risk of over-simplification, the basis for the Monetarist view, notably as it is expounded by Allan Meltzer (2003), can be put as follows: had the Fed’s policy makers been fully aware of the real-nominal interest rate distinction in the years of the Great Depression, they would have been more likely to understand that, as a falling price level began to take hold of the US economy, even though policy interest rates were cut,
    monetary policy was becoming tighter, not more expansionary. They would then have supplied liquidity to the banking system and therefore to the economy more promptly, not to say vigorously and consistently, in order to stabilize both. Had they done so, 1929 would have marked the beginning of a run-of-the-mill cyclical down-turn, not of a catastrophe that changed the world’s history. The Great Depression, that is to say, was the unnecessary consequence of policy errors, not an inevitable manifestation of the inherent instability of capitalism.“

    Link:

    Gruß
    gb

    • In Kürze :Laidler‘s Paper und Schumpeter‘s „The Socialist Blueprint”[Chapter XVI,
      Capitalism,Socialism and Democracy].

      Schumpeter’s unbestechlicher Blick für die vielfältigen menschlichen Spielarten
      kommentiert treffend die endogene Logik eines sozialistischen Systems und
      einer sozialistischen Verwaltung :“…most anti-socialist economists are at
      present inclined to retire after having accepted defeat on the purely logical
      issue…”.

      Und dazu gehören die Wirtschaftswissenschaftler,und…ihre Verschränkung
      von Leben und Werk,manchmal diametral entgegengesetzt,
      die Professoren Robbins und Von Hayek.[Fussnote 11 genannter Kapitel].

    • Das ist ein interessanter Hinweis, Herr Franken! Aber ich denke, so wie Hayek und Robbins in der Konjunkturtheorie falsch lagen (Robbins hat später sogar geschrieben, dass dies sein größter Fehler gewesen sei), so lagen Hayek und Robbins in ihrer Beurteilung der praktischen Probleme des Sozialismus richtig.

      Viele Grüße
      gb

      P.S. Es gibt eine interessante, sehr kritische Rezension Schumpeters von Hayeks Buch „Road to Serfdom“, erschienen im Journal of Political Economy 1946. Ich habe eine deutsche Übersetzung in einem Sammelband mit Schumpeter-Aufsätzen. Schumpeter wirft Hayek Weltfremdheit vor, weil dieser nicht verstanden habe, dass die meisten Menschen anders denken würden als Hayek. Ein Zitat: „Der Autor setzt sich aber mit Ideen und Grundsätzen auseinander, als ob sie in der Luft herumschwirrten… Die Menschen, deren Gedanken politisch etwas zählen, haben sich verändert… In dieser Situation hat es keinen Sinn, sich auf Cicero oder Perikles zu berufen, deren Individualismus in Gesellschaften blühte, deren Grundlage die Sklaverei war…“

    • Ein Schumpeter
      ungekannt
      ,desto strahlender!

      neugierig auf welcher Sammelband Ihre Fundgrube sei.!?

    • Joseph A. Schumpeter. Beiträge zur Sozialökonomik (1987). Herausgegeben von Stephan Böhm. Verlag Böhlau

      Gruß
      gb

    • Hayek und die Moderne

      In einem aktuellen Beitrag behandeln wir ein Duell zwischen zwei Ökonomen über die Frage, ob die Geldpolitik der EZB das Überleben unrentabler Unternehmen („Zombies“) erleichtert und welche Folgen das hat. (http://seventastic.info/fazit/2018/01/17/die-zombies-bitten-zum-duell-9563/)

      Dieses sehr aktuelle Themen liefert mehrere Anknüpfungspunkte zu Hayeks Konjunkturtheorie. Hier sind zwei Hinweise:

      – Erstens hatte Hayek in den dreißiger Jahren mehrfach – und letztlich nicht befriedigend – nach Gründen gesucht, warum nach Ausbruch einer Krise überzählige Beschäftigte in der Investitionsgüterindustrie nicht rasch in die Konsumgüterindustrie wechseln können, wo es einen Bedarf gäbe. Wer moderne Literatur über Finanzfriktionen kennt, findet mindestens eine Antwort auf diese Frage. Das ist keine Kritik an Hayek, sondern lediglich ein Beleg, dass in den vergangenen 80 Jahren der wissenschaftliche Fortschritt nicht stillgestanden hat.

      – Zweitens entstand Hayeks Theorie in der Zeit der Schwerindustrie, in der die Transportwege ebenso weniger effizient waren als heute wie die Lagerhaltungsmodelle. Die Tatsache, dass seit mehreren Jahren Unternehmensinvestitionen mehrheitlich immateriell sind (Patente, Software…) wirft die naheliegende Frage auf, was eine Theorie leisten kann, in der sich ein sinkender Zins in Form von „Produktionsumwegen“, sprich einer stärkeren Verwendung materieller Inputs äußert. Auch das ist keine Kritik an Hayek, sondern nur eine Andeutung, dass in den vergangenen 80 Jahren der technische Fortschritt die Wirtschaft in vielerlei Weise verändert hat.

      Gruß
      gb

    • Hayek und Inflationserwartungen

      David Glasner hat einen interessanten Blogeintrag über Milton Friedman und die Phillipskurve mit einem Schlenker zur Diskussion von Friedrich von Hayeks „Prices and Production“:

      „But the earliest version of the argument of which I am aware is Hayek’s 1934 reply in Econometrica to a discussion of Prices and Production by Alvin Hansen and Herbert Tout in their 1933 article reviewing recent business-cycle literature in Econometrica in which they criticized Hayek’s assertion that a monetary expansion that financed investment spending in excess of voluntary savings would be unsustainable. They pointed out that there was nothing to prevent the monetary authority from continuing to create money, thereby continually financing investment in excess of voluntary savings. Hayek’s reply was that a permanent constant rate of monetary expansion would not suffice to permanently finance investment in excess of savings, because once that monetary expansion was expected, prices would adjust so that in real terms the constant flow of monetary expansion would correspond to the same amount of investment that had been undertaken prior to the first and unexpected round of monetary expansion. To maintain a rate of investment permanently in excess of voluntary savings would require progressively increasing rates of monetary expansion over and above the expected rate of monetary expansion, which would sooner or later prove unsustainable. The gist of the argument, more than three decades before Friedman’s 1967 Presidential address, was exactly the same as Friedman’s.

      A further aside. But what Hayek failed to see in making this argument was that, in so doing, he was refuting his own argument in Prices and Production that only a constant rate of total expenditure and total income is consistent with maintenance of a real equilibrium in which voluntary saving and planned investment are equal. Obviously, any rate of monetary expansion, if correctly foreseen, would be consistent with a real equilibrium with saving equal to investment.“

      Quelle:

      Man kann lange darüber streiten, ob die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften zu weit gegangen ist. Aber ein formales ökonomisches Modell besitzt gegenüber rein verbalen Darstellungen mindestens einen Vorteil: Logik-Bugs und innere Widersprüche lassen sich in mathematischen Modellen leichter entdecken.

      Gruß
      gb
      Zurü

  2. Nichts verstanden
    Hayek hat sich in seinen frühen ökonomischen Werken nicht mit Wirtschaftspolitik beschäftigt, sondern ersichtlich und explizit mit Ökonomie. Dieses Desinteresse an Wirtschaftspolitik, also ökonomische Theorienbildung abseits normativer Anforderungen wie sie notwendige Prämissen von bspw. Keynes waren, wird ihm hier als Nihilismus ausgelegt.

    Frecher Unfug, der aus mangelndem Reflexionsvermögen einer umgekehrten Heransgehensweise resultiert.

    Hayek ging in der Tradition von Smith, Jevons und Mises davon aus, dass Ökonomie aus sich selbst heraus als Prozess funktioniert und hat versucht, beobachtbare Phänomene aus diesem funktionierenden System heraus zu beschreiben und sich darüber Gedanken gemacht, wie bspw. ein künstlicher, monopolistisch agierender Akteur – wie eine Zentralbank – auf dieses System auswirkt.
    Das ist in Relation zu Keynesianiern und in deren gedanklicher Tradition stehenden Denkschulen, genau umgekehrt gedacht. Dort erfolgt die Theorienbildung (sowie empirische Kontrolle) unter der Prämisse, wie man den aus sich selbst heraus suboptimalen Prozess (hinsichtlich normativer Kriterien) optimieren kann – selbstverständlich unter rechtgeleiteter Anleitung weiser Ökonomenen.

    Hayek hat im Laufe seinen Lebens realisiert, dass Menschen eben so ticken und chronisch ihrer Hybris sowie ihrem Aktionismus verfallen, statt ersteinmal zu versuchen den Prozess selbst weitestmögich zu verstehen und sich in der Folge über normative Anforderungen Gedanken zu machen. (Nebenbeibemerkung: Bestes heutiges Beispiel ist das normative Kriterium der Gleichverteilung. Hat nichts mit Ökonomie zu tun, ist aber der Maßstab bzw. Denkprämisse so mancher prominenter Ökonomen… Piketty, hust…)

    Abschließend ist der Kernmechanismus der ABCT derart simpel, dass er auch weiterhin nicht tot zu kriegen sein wird: Leicht verfügbares Geld reizt Fehlinvestitionen an, die sich über die Zeit akkumulieren und in einer leicht kontraktiven Phase zusammenbrechen (und damit wenigstens die Volatilität eines Konjunkturzyklus erhöhen). Diesen Zusammenbruch dann wieder mit billigem Geld zu überkleistern, was effektiv sowohl neoklassischer als auch neo-keynesianischer Handlungsempfehlung entspricht, hat lediglich verzögernde und weitere akkumulative Effekte, die irgendwann das eingesetzte Instrumentarium abnutzen. Wo liegt denn das präferierte Instrument unserer Zeit (diverse Zentralbankzinssätze)? Achja, nach knapp 10 Jahren immernoch bei nahe Null. Warum? Weiß keiner. Ist auch nicht wichtig. Wichtig ist es andere Instrumente zu entwickeln… Ein Teufelskreis.

    • Ein Austrian zu Hayeks Widerspruch von Theorie und Politik

      Hier haben wir mit Lawrence White einen Austrian von der George Mason University in Virginia, der – wie unser FAZIT-Beitrag – herausarbeitet, dass aus Hayeks frühen Arbeiten keinesfalls eine deflationäre Politik gefolgt wäre, sondern eine aktive Geldpolitik in der Weltwirtschaftskrise:

      „The Hayek-Robbins (“Austrian”) theory of the business cycle did not in
      fact prescribe a monetary policy of “liquidationism” in the sense of doing nothing to prevent a sharp deflation. Hayek and Robbins did question the wisdom of re-inflating the price level after it had fallen from what they regarded as an unsustainable level (given a fixed gold parity) to a sustainable level. They did denounce, as counterproductive, attempts to bring prosperity through cheap credit. But such warnings against what they regarded as monetary over-expansion did not imply indifference to severe income contraction driven by a shrinking money stock and falling velocity. Hayek’s theory viewed the recession as an unavoidable period of allocative corrections, following an unsustainable boom period driven by credit expansion and characterized by distorted relative prices. General price and income deflation driven by monetary contraction was neither necessary nor desirable for those corrections. Hayek’s monetary policy norm in fact prescribed stabilization of nominal income rather than passivity in the face of its contraction.“

      Hier schreibt White zu Hayeks theoretischem Plädoyer für eine aktive Geldpolitik in einer solchen Krise:

      „To stabilize the volume of nominal spending, Hayek (1935, p. 124) urged that “any change in the velocity of circulation would have to be compensated by reciprocal change in the amount of money in circulation if money is to remain neutral toward prices.” Thus Hayek (1933b, pp. 164-65) held that an increased public demand to hold (i.e. to “hoard” or not spend) deposit balances would have undesirable deflationary consequences unless offset by deposit expansion.“

      Und auch White kommt zu dem Schluss, dass Hayek, hätte er seine eigene Theorie ernstgenommen, in den dreißiger Jahren für eine expansive Geldpolitik eintreten müssen und er gelangt zu dem Schluss, dass hier ein Widerspruch vorliegt:

      „Hayek and Robbins can be seriously faulted for failing to take their own policy norm seriously: they failed to call for central banks to do what they could to counter the sharp monetary contraction and crushing deflation during 1930-33. Each later faulted himself.“

      Und er sieht in Hayeks damaliger politischer Position ein untheoretisches Ad-hoc-Argumentieren:

      „Hayek thought, based on ad hoc (“political”) reasoning and contrary to his own theoretical norm, that a brief deflation might have a salutary effect on recovery by restoring flexibility to wages.“

      Hier ist der Link zu Whites Arbeit:

      Bevor man mit Ausdrücken wie „frecher Unfug“ um sich wirft, wäre es nicht schlecht, Hayek sorgfältig zu lesen.

      Gruß
      gb

    • @Gerald Braunberger
      Das abschließend beanstandete Statement steht weiterhin.

      Es wird nicht verstanden, wie man sich mit Ökonomie befassen kann, ohne eine wirtschaftspolitische Handlungsempfehlung entwickeln zu wollen. Entsprechend neurotisch erscheint der Versuch aus den Theorien eines Ökonomen ebenjene Handlungsempfehlungen ableiten zu wollen, der erstens in der 1. Vorlesung in „Prices and Production“ explizit den Kontext seiner Theorie als abstrakte Beschreibung der Funktionsweise des Proesss verstanden wissen will – vorallem der Interaktion der titelgebenden Elemente (und zwingend logischen Konsequenzen, die aus prozessfremden Elementen wie bspw. einer zentral gesteuerten Geldmenge, falls der Prozess wie beschrieben funktioniert).
      Zweitens ist Hayek geradezu berühmt dafür (spätestens seit „The Use of Knowledge in Society“) immer wieder darauf hingewiesen zu haben, dass Ökonomen nicht viel Wissen bzw. er sich der Grenzen des eigenen Wissens (oder generell dem Wissen von Menschen) sehr wohl bewusst war. Daraus folgen im Kern Hayek’s Handlungsempfehlungen (und die vieler anderer liberaler Denker). Im Zweifel nichts tun, weil grundsätzlich fast volkommen unbekannt ist, welche Effekte Intervention generieren wird (und das Risiko durch Intervention zu hoch ist bzw. handelt es sich bei den Versuchskaninchen von Ökonomen um Menschen) – ganz egal was die gegenwärtige Theorie (auch die eigene) dazu meint.

      Da können Sie wegen meiner noch 50 weitere Autoren und ihre Bücher zitieren, denen dieses Mindset offensichtlich vollkommen fremd ist und die daher versuchen wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen aus Theorien abzuleiten, die gar nicht zu diesem Zweck entwickelt wurden.

      Ich stimme Ihnen aber zu was das Lesen von Hayek anbelangt. Möchte aber ergänzen, dass es noch besser ist, Hayek nicht nur zu lesen, sondern ebenfalls sein Mindset zu reflektieren, um das Gelesene auch vernünftig zu kontextualisieren.

      Lange Rede kurzer Sinn: Interventionen aus den Theorien eines erklärten und prominenten Nichtinterventionisten ableiten zu wollen, ist eine freundlich formuliert „zwecklose“ Übung, die immer negativ auf den Versuchenden zurückfällt. Aber Zitation in Wirtschaftsblogs; die gibt es freilich für diese ansonsten sinnfreie Übung.

      PS: Ich bin mir der häufigen Koninzidenz von aus Theorie folgender sowie aus generellem Mindset folgender politischen Handlungsempfehlung bewusst. Das liegt aber in der Natur der Sache bzw. an den impliziten Prämissen auf deren Basis Theorien entwickelt werden. Bei Hayek ist es extrem offensichtlch (folgt praktisch aus allem was er ab 1945 veröfentlicht hat) das Wisen um das eigene Unwissen.

    • „Es wird nicht verstanden, wie man sich mit Ökonomie befassen kann, ohne eine wirtschaftspolitische Handlungsempfehlung entwickeln zu wollen.“

      Natürlich wird das verstanden – was soll denn daran kompliziert sein? Aber der Hayek der dreißiger Jahre gehört nicht in diese Kategorie – das ist, was viele wissen, denen Sie in Ihrem Unwissen um diese Dinge Unverständnis vorwerfen.

      Nur ein Beispiel: In der Hayek-Gesamtausgabe befindet sich ein Beitrag, den Hayek seinem Freund Wilhelm Röpke zur wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland in den frühen dreißiger Jahren zugeschickt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Vorträge zu „Prices and Production“ gerade gehalten, das Manuskript aber noch im Druck. Das heißt: Zu einem Zeitpunkt, als „Prices and Production“ noch nicht einmal auf dem Markt war, hat sich Hayek mit ausdrücklichem Verweis auf die in dieser Schrift entwickelten ökonomischen Theorie in die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland einzubringen versucht! (Indem er sich, man ahnt es, gegen Röpkes Unterstützung einer aktiven Konjunkturpolitik in der Krise wandte.)

      Ihr Anliegen, den Hayek der dreißiger Jahre als einen reinen Theoretiker ohne wirtschaftspolitischen Background zu schildern, steht im Widerspruch zu den Fakten und das ist, offen gesagt, seit Jahrzehnten bekannt. Im Lichte dieser seit langem sehr gut dokumentierten Vorgänge muss man sagen: Leute, die Hayeks wirtschaftspolitische Empfehlungen auf der Basis seiner Theorien überprüfen, sind weder „neurotisch“, noch brauchen sie Belehrungen über „Hayeks mindset“, der ihnen offenbar besser bekannt ist als Ihnen.

      Gruß
      gb

  3. Auszug aus einem Nachruf auf Friedrich August von Hayek
    Im Zusammenhang mit diesem Artikel ist vielleicht folgender Auszug aus dem Nachruf auf Friedrich August von Hayek interessant, den Murray Newton Rothbard im Juni 1992 veröffentlichte: „It is sad commentary on academia and on intellectual life these days that Hayek’s thought, possibly because of its very muddle, inconsistency, and contradictions, should have attracted far more scholarly dissertations than Mises’s consistency and clarity.“ („Mises“ bezieht sich hier natürlich auf Ludwig von Mises.)

  4. Gleichgewichtszins einer Wirtschaft lässt sich nicht beobachten?
    Im Artikel steht: „der Gleichgewichtszins einer Wirtschaft lässt sich nicht beobachten“. Das stimmt natürlich nur deshalb, weil das Bankenkartell unter der Führung der Zentralbanken den Zinssatz auf verschiedene Weise manipuliert (Leitzinssatz, Diskontzinssatz, Offenmarktoperationen) und durch diese Manipulation eine Beobachtung unmöglich macht. Auf einem freien Markt ohne diese Manipulationen ließe sich der Gleichgewichtszins sehr wohl beobachten: Er wäre einfach der Zins, der sich auf eben diesem freien Markt einstellt. Siehe dazu z.B. Joseph T. Salerno: „The Fed and Bernanke Are Wrong About the Natural Interest Rate“ (2016).

    • Ganz so einfach ist es nicht
      Getreu dem Motto , wir schaffen die Zentralbanken ab und haben dann automatisch „natürliche“ Zinsen. Das stimmt wohl eher nicht.
      Die unabhängige Zentralbank als einziger Schöpfer von Zentralbankgeld macht schon Sinn. Und in dem Moment wo sie das tut, muss sie für diese Geschäfte irgendeinen Zinssatz annehmen. Und schon wird sich der kurzfrisitge Geldmarktzins daran orientieren, ob man will oder nicht.
      Praxistauglicher erscheint hier, das Ergebnis der Abweichung des tatsächlichen Marktzinses vom natürlichen Zins zu beobachten, und das ist nun mal die Inflation.
      Wobei für den Anfang auch schon reichen würde, den Gleichgewichtszins als gegeben anzunehmen.
      Man braucht nicht weit zu schauen ( z.B. nur in so manchen Leserkommentar hier auf FAZ.net ) um zu erkennen, dass noch ( zu ) viele, und zum Teil leider auch Leute „vom Fach“, glauben, das aktuelle Zinsniveau sei nur zum Schaden der Sparer oder zum Nutzen Italiens vorhanden, und auch bei einem „allgemeinen Zinsniveau“ von 3-5 % fände sich problemlos genug Kreditnachfrage um die bei diesen Zinsen wohl noch aberwitzigere Ersparnis einfach zu absorbieren. ( Zuweilen wird ja sogar der Zusammenhang zwischen Ersparnis und Verschuldung geleugnet ).
      Wenn es an solchen „Basics“ fehlt, wird die Frage ob und wenn ja wie am genauesten der Gleichgewichtszins ermittelt werden könnte, zum nebensächlichen Detail.

  5. Das Ende einer Legende: Geldpolitik und Finanzkrisen
    In einem am 30. Dezember in der F.A.Z. erschienenen Artikel habe ich mich mit der Frage befasst, ob die im Jahre 2007 ausgebrochene Finanzkrise hauptsächlich auf eine zu expansive Geldpolitik zurückzuführen ist – wie es unter anderem Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie behaupten.

    Meine These lautet, dass dieses Narrativ zwar populär ist, weil es simple Schuldzuweisungen gestattet. Dennoch erweist sich dieses Narrativ nach einem Faktencheck als unhaltbar. Hier ist der Link:

    Und hier ist ein Link zu der in meinem Artikel erwähnten Arbeit Philip Turners:

    Gruß
    gb

    • Fakten:anhängen,abhängen//Gebotene „Rangierbarkeit“...faktische Messwerte
      praxeologischer Erfahrungsschatz und weitere Informationen über den
      wechselnden,“stratigraphischen„ Aufbau Fakten-Konfigurationen [zum
      praktischer Einsatz].

      dazu ein prachtvolles Zitat :

      When the facts change ,I change my mind.What do you do Sir?”
      J.M.Keynes

      Zitierten im „When the Facts Change”,Essays 1995-2010,Tony Judt,
      Edited and introduced by Jennifer Homans,Penguin Books,2015.

  6. Ökonomen und Politik - Zwei aktuelle Blogbeiträge
    Das in meinem Hayek-Beitrag angerissene Thema ist von großer Aktualität, wie zwei Blogbeiträge amerikanischer Ökonomen zeigen.

    Hier ist John Cochrane mit einer außergewöhnlich scharfen Attacke auf einige Trump-Kritiker in der Ökonomenszene:

    Und hier ist David Glasner mit einer – unaufgeregteren – Betrachtung der „Free-Market-Bewegung“ in den Vereinigten Staaten:

    Gruß
    gb

    • Gibt es formelle und essentielle Limitierungen einer Discours ?
      oder wie uneingeschränkt sollte das wirtschaftswissenschaftliche Arbeitsfeld sein?
      lesende Cochrane und Glasner lässt sich die Frage stellen :konnte ein derartiges semantischer Wortgewalt Anerkennung erlangen vis-a-vis die Herausforderungen heutiger Volkswirtschaftstheorien und Wirtschaftspolitik.

      Es sei ja keineswegs ein Discours von „honnêtes hommes «  [Cochrane].
      Was bleibt :Die Frage der Verantwortung einer Wirtschaftswissenschaftler [
      Ethische].

      Lesenswert :
      Das Prinzip Verantwortung,Hans Jonas,st 1085

    • Ich denke, die Grenzen werden dort überschritten, wo die intellektuelle Aufrichtigkeit unter politisch-ideologischer Parteilichkeit leidet.

      John Cochrane zitiert mehrere amerikanische Ökonomen, die in der Öffentlichkeit heute sehr harte Kritik an Trumps Steuerreform äußen, und zwar nicht nur an Details, sondern an der grundsätzlichen Linie. Einen dieser Ökonomen sehe ich jährlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und ich kann mich erinnern, wie er sich im Januar, dort in kleinerem Kreise und und ohne Mikrofone, zu den Grundsätzen einer Steuerreform geäußert hatte (damals waren natürlich noch keine Details bekannt, aber sehr wohl die Idee Trumps, die Unternehmen steuerlich zu entlasten). Leider kann ich das hier nicht detailliert ausführen….

      Aber die Beispiele ließen sich fortsetzen. Ich habe hier im Blog vor einiger Zeit an deutsche Ökonomen erinnert, die immer große Milton-Friedman-Fans waren, aber mit Blick auf ihre Kritik an der EZB-Politik offenbar komplett vergessen haben, was Milton Friedman so alles zu Geld, Geldmenge und Zinspolitik geäußert hat. Da liegt der Ideologieverdacht nicht völlig fern.

      Gruß
      gb

  7. @Rainer Egold
    Der Aufsatz von Herrn Braunberger ist doch ein gutes Beispiel dafür, wie sich ganz ohne Empirie zeigen läßt, an welcher Stelle Hayek inkonsistent wurde und seiner eigenen Theorie nicht traute, um dann ideologischen Weltbildern zu folgen.
    Zum Popperianismus ist zu bemerken, dass der in der Wissenschaftstheorie als überholt gilt. Der kritische Rationalismus ist einerseits durch Poppers Buch „Objektive Erkenntnis“ und anderseits durch Lakatos‘ Berücksichtigung von Kuhns „Normalwissenschaft“ nicht mehr so radikal falsifikationistisch wie einst.
    Die DFG hat jüngst () zu einer in Nature veröffentlichte Studie Stellung genommen. In dieser Studie wurde festgestellt, dass 70% aller empirischen Studien (beinhaltet auch physikalische Untersuchungen) nicht replizierbar seien. Würde man hier den alten Popperschen Falsifikationismus anwenden, bliebe in kaum einer Wissenschaft „viel übrig“.
    In der VWL wird seit nunmehr ca. 20 Jahren sehr viel ökonometrisch untersucht, also nahezu nur empirisch geforscht. Mit wechselndem Erfolg: Manche Kausalbeziehungen sind relativ robust, andere kommen und gehen. Herr Braunberger hat doch kürzlich sehr eindrücklich die neueren empirischen Untersuchungen zur Phillips Relation im FAZIT Blog dargestellt.
    In der BWL werden seit eingen Jahren auch mehr und mehr empirische Untersuchungen angefertigt. Oft genug fehlen die Daten, weil Unternehmen die natürlich nicht herausgeben. Man behilft sich mit Befragungen, deren Rücklaufquoten oft genug so klein sind, dass die Stichprobenumfänge grenzwertig sind. Die Ergebnisse sind dann nur geringfügig vertrauenswürdiger als die berühmte „anekdotische Evidenz“, bei der man „einen Fall“ aus dem Unternehmen XY behandelt und so tut als sei er typisch.

  8. Erklärend deuten,denken und manchmal verklären ...
    wie die Vordenker Menger,Von Wieser und Von Böhm-Bawerk.Einer der „apprentis sorcières «  war Schumpeter ,wie Von Hayek.

    Humoresken sollten nie fehlen-es gibt ja heutzutage irgendwie und irgendwo „Überflutungen“an Zukunft-Scenarios- wenn « Le Canard Enchainé « schreibt:… »les politiques publiques ont un fort impact sur les inégalités « .
    « Il fallait bien mobiliser 100 économistes pour le découvrir. »[Des inégalités très inégales. »[20.12.2017].
    Die Quintessenz sei das Gedankengut Piketty‘s.

    • Erratum und Addendum
      sorciers statt sorcières

      Ein notizenswerte Schumpeterianischer Bemerkung vis-a-vis Dynamik:
      „Schumpeter ,bien qu’il s’exerçat quotidiennement aux mathématiques comme d’autres font de la culture physique avait souligné le caractère organiciste de sa propre pensée,Il en inférait qu’elle n’etait pas mathématisable .même venant d’un savant aussi prestigieux cette manière de voir ,nous l’avons constaté maintes fois ,est mal accueillie par les économistes ayant une formation mathématique,que leurs propres travaux ressortissent ou non à l’économie mathématique ou à l’économétrie .Leur réprobation est-elle dictée par un réflexe ?On pourrait le croire .Elle témoignerait alors ,contre leur propre position ,de ce caractère organiciste qu’ils récusent.En ce point préliminaire,nous voici déjà en pleine confusion,voire devant un cercle vicieux.Nous n’en tirerons pas argument. »
      [L’Ideologie Économique,Pierre Dieterlen]

      Bemerkenswert das kontradiktorische…!

  9. Ein lesenswerter Beitrag, der
    verdeutlicht, wie sehr die Wirtschaftswissenschaften der Gefahr unterliegen, zu politischen Ideologien zu werden.
    Mehr noch als Hayek ist Milton Friedman ein Beleg hierfür.
    Die Wirtschaftswissenschaften kranken noch immer an unzulänglichen empirischen Forschungen und Theorien, die sich empirisch überprüfen lassen.
    Zu sehr sind die meisten Ökonomen damit beschäftigt, ihre Theorien zu verteidigen, anstatt dem Popperschen Falsifikationsmus zu folgen, d. h. zu versuchen, sie mit aller Kraft zu widerlegen!
    Nur Theorien, die allen Falsifikationsversuchen widerstanden haben, verdienen es als ökonomische Theorien aufrechterhalten zu werden.
    Doch davon ist die Ökonomie Lichtjahre entfernt.

  10. Kleine Korrektur: Ludwig von Mises ist der Begründer der Theorie
    Friedrich August von Hayek baut die „österreichische“ Theorie der Geschäftszyklen nicht nur auf den Arbeiten von Eugen von Böhm-Bawerk und Knut Wicksell, sondern vor allem auf den Arbeiten von Ludwig von Mises auf, der diese Theorie zuerst in seiner Habilitationsschrift „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ (1912) skizziert hatte. Die Theorie stammt also eigentlich von Ludwig von Mises; Friedrich August von Hayek hat sie nur detaillierter ausgearbeitet — und dafür den Nobelpreis bekommen. Das ist auch nicht überraschend: Hayek war schließlich Schüler von Mises und hat dadurch überhaupt erst den Anstoß erhalten, sich mit dieser Theorie auseinanderzusetzen. Es ist aber erstaunlich, wie Ludwig von Mises heutzutage quasi totgeschwiegen wird, obwohl er ein viel wesentlicherer und konsequenterer Vertreter der österreichischen Schule war als Hayek.

    • Ich habe Hayek nicht als „Begründer“ der Österreichischen Konjunkturtheorie bezeichnet. Die größere Wirkung Hayeks hängt vor allem damit zusammen, dass „Prices and Production“ 1931 zuerst auf Englisch erschienen ist und damit die Diskussion mit Cambridge befeuerte. Daher wurde der Text sehr bekannt. Mises‘ Geldbuch ist zuerst in deutscher Sprache erschienen und war in der englischsprachigen Welt kaum bekannt – die erste englische Ausgabe stammt meines Wissens von 1934 und kam somit erst nach „Prices and Production“. (Wicksells „Geldzins und Güterpreise“ wurde noch einmal etwas später von Kahn ins Englische übersetzt.) Insofern ist es nicht erstaunlich, dass „Prices and Production“ als wichtigstes „österreichisches“ Werk zur Konjunkturtheorie wahrgenommen worden ist.

      Gruß
      gb

    • @Gerald Braunberger
      Sie schreiben im Artikel: „Unter anderem auf der Kapitaltheorie Eugen von Böhm-Bawerks und Knut Wicksells Buch „Geldzins und Güterpreise“ aufbauend“. Gut, dort steht „unter anderem“, aber dies vermittelt trotzdem den Eindruck, als seien diese Autoren die wesentlichen Ausgangspunkte, und das ist eben nicht richtig. Der direkte Einfluß von Ludwig von Mises als Lehrer von Friedrich August von Hayek war auschlaggebend und sollte deshalb ebenfalls aufgeführt werden. Die Wahrnehmung von Hayek (zweifellos durch die Tatsache bestimmt, daß seine Bücher früher auf Englisch erschienen, da gebe ich Ihnen recht) spielt dafür, woher er seine Ideen hat, ja wohl kaum eine Rolle.

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