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Neoliberales Sektierertum oder Wissenschaft?

| 7 Lesermeinungen

So lautet ein Aufsatz von Martin Hellwig. Er befasst sich mit der wichtigen Frage, wie ökonomisches Grundlagenwissen erfolgreich in die Politikberatung eingebracht werden kann, ohne ideologisch manipuliert zu werden.

Es geht hier nicht um die Neigung forschungsschwacher Ökonomen, sich mit starken Thesen in der Öffentlichkeit zu Themen von (auch) theoretischem Belang zu äußern, über die sie nie ernsthaft geforscht haben. Das geschieht praktisch jeden Tag und es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Niemand ist gezwungen, solche Leute ernst zu nehmen, zumal es forschungsstarke Ökonomen gibt, die sich verständlich äußern können.

Es geht vielmehr um die Frage, inwieweit ein eigentlich völlig seriöses Forschungsprogramm auch durch als Forscher anerkannte Ökonomen ideologisch missbraucht werden kann, weil „die Künstlichkeit der in theoretischen Modellen oder Laborexperimenten untersuchten Welten“ die Frage „nach dem Geltungsanspruch der in diesen Kunstwelten gewonnenen Aussagen“ für wirtschaftspolitische Diskussionen aufwirft.

Hellwig schreibt i „Das bietet Spielraum für Ideologien und Vorurteile, die in die Konstruktion der Kunstwelten eingehen und bei der Politikberatung nicht hinterfragt werden … Analysen der Robustheit der gewonnenen Erkenntnisse gegenüber Modifikationen der Annahmen sollten zum Standard der Grundlagenforschung gehören, ferner auch Analysen der Konkurrenz alternativer ‚Erklärungsansätze‘. Darüber hinaus benötigen wir eine professionelle Routine für die Anwendung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung auf konkrete Sachverhalte und Probleme… Die Entscheidung, welche Modelle oder Laborexperimente jeweils ‚passen‘, ist der wichtigste Schritt bei der Anwendung wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis.“

 

Eigentlich schön: Informations- und Anreizökonomik

Hellwig diskutiert dies anhand eines außerordentlich interessanten Themas – und nein, es geht nicht um Makroökonomik: „Seit Mitte der 1970er Jahre verfolgen wir das Forschungsprogramm, die Dinge, die wir in der Realität beobachten, als effiziente Lösungen von irgendwelchen Informations- und Anreizproblemen zu ‚erklären‘: Institutionenökonomik, Vertragstheorie, Entwicklungsökonomik, Finanzmarktökonomik, teilweise die Wettbewerbs- und Industrieökonomik arbeiten mit diesem Paradigma. Die darauf basierende Forschung ist insgesamt sehr fruchtbar gewesen. Jedoch ergibt sich daraus ein Effizienzbias: Wenn wir das, was wir sehen, als Ergebnis eines effizienten Umgangs mit Informations- und Anreizproblemen ‚erklären‘, kommen wir zu dem Ergebnis, dass das, was wir sehen, effizient ist und staatliche Regulierung daher nur schaden kann.“

 

Wie funktioniert eigentlich eine Bank?

Und nun schauen wir uns ein Beispiel an, das erhebliche politische Relevanz besitzt. Warum finden sich auf der Passivseite einer typischen Bank so viele kurzfristige Einlagen? Und ist dies ein Problem, das Krisen erzeugen/verstärken kann und daher einer Regulierung bedarf, zum Beispiel in Gestalt schärferer Eigenkapitalvorschriften?

  • Antwort 1: Effiziente Kontrolle der Manager

Douglas Diamond und Raghuram Rajan zählen fraglos zu den angesehensten Finanzökonomen. Sie haben in mehreren Arbeiten (zum Beispiel ) eine Theorie der Bank entwickelt, in der die Finanzierung von Banken durch kurzfristige Einlagen, also Schulden, dazu dient, ein Fehlverhalten („Moral Hazard“) der Bankmanager zu verhindern. In diesem Modell stehen die Manager unter ständiger Kontrolle der Einleger, die Anzeichen eines Fehlverhaltens der Banker mit einem sofortigen Abzug ihrer kurzfristigen Anlagen bestrafen würden.  Dann geriete die Bank in erhebliche Schwierigkeiten. Die Existenz der kurzfristigen Einlagen und die ständige Drohung ihres Abzugs hindert die Banker unter anderem daran, zu großzügig Kredite zu verleihen und sich selbst unangemessen hohe Gehälter zu zahlen. Die politische Schlussfolgerung ist klar: Es gibt durch „den Markt“, sprich die Bankkunden, ein effizientes Disziplinierungsmittel für Banker. Straffere Regulierung etwa durch höhere Eigenkapitalvorschriften sind nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich, weil sie das Disziplinierungsmittel entschärfen.

  • Antwort 2: Die Anleger lieben die Liquidität

Eine andere Theorie wird von ebenfalls angesehenen Ökonomen wie und Bengt Holmstrom vertreten. Hier ist der Bankkunde an kurzfristigen Einlagen interessiert, weil sie liquide sind und er bereit ist, wegen der Liquidität auf Erträge zu verzichten, die er mit anderen Anlagen erzielen könnte. In diesem Modell liebt der Bankkunde die Bequemlichkeit, die mit dem Besitz kurzfristiger Schulden verbunden ist. Solche Schulden gelten als „informationsinsensitiv“, weil sich ihr Wert, von einem Konkurs der Bank vielleicht abgesehen, nicht unabsehbar ändern dürfte. In der jüngsten Finanzkrise sind in den Vereinigten Staaten viele Banken in Schwierigkeiten geraten und zum Teil abgewickelt worden, aber kein Bankkunde musste um seine Einlage fürchten, auch wenn die Banker wenig getaugt haben mögen. Die politische Schlussfolgerung spricht auch bei dieser Analyse eigentlich nicht für eine härtere Regulierung.

  • Antwort 3: Das Rattenrennen

Markus Brunnermeier zählt ebenfalls zu den angesehenen Finanzökonomen unserer Zeit. In einer Arbeit mit Martin Oehmke beschreibt er ein . Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass ein Schuldner, zum Beispiel eine Bank, einen Anreiz haben kann, sich immer weiter zu verschulden, selbst wenn dies wirtschaftlich nicht (mehr) effizient ist, weil die Kosten eines Konkurses zumindest zum Teil auf Altgläubiger abgewälzt werden können. Das ist ein typisches Beispiel für Moral Hazard. Nun könnte man sagen, dass vernünftige Altgläubiger dies verhindern, indem sie der Bank nur unter Einschränkungen Geld geben, die der Bank Grenzen weiterer Verschuldung mit derselben Seniorität auferlegen. Allerdings kann die Bank solche Beschränkungen unterlaufen, indem sie nachrangige Schulden mit so kurzen Laufzeiten ausgibt, dass sie früher als die Schulden gegenüber den Altgläubigern zurückgezahlt werden müssen. Hellwig: „Die Kurzfristigkeit der Bankschulden erscheint hier als Ergebnis eines Maturity Rat Race, bei der Gläubiger sich vor der Übervorteilung dadurch schützen, dass sie letztlich nur kurzfristige Kredite ausgeben und das noch gegen Sicherheiten, entsprechend den Repo-Krediten, die sie beobachten.“ Nach Ansicht Hellwigs ist das Marktergebnis in diesem Modell immer noch in einem gewissen Sinne effizient, aber dies liefere kein Argument gegen Regulierung, sprich Eigenkapitalvorschriften.

 

Ein Vergleich und eine Schlussfolgerung

Und nun? Viele Leser dürften sich bei der ersten Antwort an den Kopf gefasst und sich die Frage gestellt haben, ob Diamond/Rajan ihr Modell, in dem Bankkunden quasi wie Wachhunde auf die Bankmanager aufpassen, ernst meinen. Betrachtet man die Sache nüchtern, hängt die Brauchbarkeit dieses Modells davon ab, dass die Bankkunden perfekte Informationen haben, die sie nichts kosten. Außerdem sind die Bankkunden in der Lage, ihr Verhalten untereinander zu koordinieren. „Aber was ist das für eine ‚Erklärung‘?“, fragt Hellwig. „Es fehlt jegliche Kritik der speziellen Annahmen, auf denen die Analyse beruht.“1) Die Annahmen sind in der Tat sehr streng, und wenn man sie lockert, fällt das Ergebnis der Analyse sehr wahrscheinlich anders aus. Natürlich kann man das Modell von Diamond/Rajan für weltfremd halten2), aber es bildet eine Grundlage des 2010 vorgelegten , in dem sich eine Gruppe von Ökonomen gegen zu starke Bankenregulierung ausgesprochen hat. Handelt es sich dabei um „neoliberales Sektierertum“ oder um „Wissenschaft“, um Hellwigs Titel zu bemühen?

Hellwig schreibt: „Wir haben also drei Theorieansätze zur Erklärung desselben empirischen Phänomens. Die drei Ansätze basieren auf unterschiedlichen, teilweise sogar widersprüchlichen Vorstellungen über die Beziehungen zwischen den Banken und ihren Geldgebern, und sie kommen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen bezüglich der Sinnhaftigkeit einer staatlichen Regulierung. Zur Funktionsfähigkeit der Wissenschaft würde es gehören, dass dieser Konflikt ausgetragen wird. Das ist aber nicht der Fall. In den Journalen haben wir ein Papier neben dem anderen, ohne dass die inhaltlichen Konflikte thematisiert würden. Und in der Politikdiskussion wird nur über die Schlussfolgerungen für oder gegen staatliche Regulierung geredet, sie den Squam Lake Report.“

Hellwig findet in seinem Papier viele harte und bedenkenswerte Worte an seine eigene Zunft – aber nennt auch Beispiele, in denen die Beratung der Wirtschaftspolitik auf der Basis der Wirtschaftstheorie gut geklappt hat.

 


  1. Eine ausführliche Kritik Hellwigs an den Arbeiten von Diamond/Rajan findet sich unter anderem in seinem mit Anat Admati verfassten Buch , in dem die beiden Autoren für strengere Eigenkapitalregeln plädieren.
  2. Ein Banker fragte erstaunt: „Is this an academic thing?“

 


7 Lesermeinungen

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 8. August 2016 | Die Börsenblogger

  2. Hellwig: "Staat muss notfalls Aktionär der Deutschen Bank werden"
    Martin Hellwig hat der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Interview gegeben:

    Gruß
    gb

  3. Absurd
    Die gesamte Problematik resultiert aus der diskussionswürdigen Prämisse, es sei erforderlich Verlustrisikominimierung im Finanzsektor per Gesetz zu betreiben. Das ist nichts anderes als die Arbeit der Eigentümer bzw. das aus nicht erfolgender Arbeit resultierende Verlustrisiko auf den Gesetzgeber zu übertragen.

    Die Ausgangsfrage, wie ökonom Grundlagenwissen ideologisch unmanipuliert erfolgreich in der Politberatung eingebracht werden kann, obsoletiert sich selbst, da jede Antwort aufgrund der ideologisch motivierten Fragestellung ideologische Motivationen beinhalten muss.
    Oder versinnbildlicht ausgedrückt: Die Frage, wie man Erdbeerkuchen ohne Erdbeeren machen kann, ist absurd, nachdem jede Antwort Erdbeeren enthalten muss und gleichzeitig nicht enthalten soll.

    Schlage daher vor, sich stattdessen Möglichkeiten zu überlegen, wie man diese faktisch an den Staat ausgelagerte Dienstleistung samt etwaiger Verluste bei schlechtem Dienst wieder privatisiert bzw. vom Finanzsektor selber erledigen und tragen lässt. Damit ist nämlich ideologisch manipulierte Politberatung vollkommen überflüssig.

  4. Die Wirtschaftswissenschaften
    produzieren mehr oder weniger sinnvolle Theorien. Wie diese Theorien dann verwendet werden ist eine ganz andere Frage. Die Nutzung einer Theorie wird halt auch wieder von wirtschaftlichen/politischen Anreizen bestimmt. Es waere interessant von Hellwig zu hoeren wie er das Problem aus dem Weg raeumen will.

    Wenn er tatsaechlich das Problem vor allem darin sieht dass die Zunft der Wissenschaftler die Modelle nicht hart genug diskutiert, dann muesste er doch die Frage stellen welche Anreize zu solchem Verhalten fuehren. Dafuer waere er doch praedestiniert. Denn er ist ja einer der bekanntesten Vertreter der Zunft in Deutschland. Und das ist er – soweit ich das sehen kann – nicht dadurch geworden dass er allzukraeftig gegen den Strom geschwommen ist.

    Vielleicht kann er dem Publikum ja erklaeren welche (Fehl-?) Anreize sein eigenes Verhalten bestimmt haben und welche (Fehl-?) Anreize er bei anderen erkennt. Das Rumkritisieren an irgendwelchen unbefriedigenden Resultaten der wissenschaftlichen Taetigkeit und der Beratertaetigkeit der Oekonomen ist ja letztlich nur ein Rumdoktern an Symptomen und koennte als Marketingmassnahme fuer ein Buch missverstanden werden.

    • Hellwig behauptet nicht, eine Antwort auf diese Probleme zu haben und sieht zunächst die Notwendigkeit, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen:

      „Ob ich das jeweils „richtig“ gemacht habe, weiß ich nicht. Aber das ist genau mein Punkt: Wir haben kein Rezept und kein professionelles Ritual dafür, wie man so etwas „richtig“ macht. Wir haben oft noch nicht einmal das Bewusstsein, dass es da ein Problem gibt. Wir brauchen dieses Bewusstsein. Wir brauchen auch eine Ausbildung, die dieses Bewusstsein fördert.“

      Dass Hellwig Ende 2015 ein Arbeitspapier bei seinem Max-Planck-Institut veröffentlicht, um ein im Herbst 2013 in Deutschland veröffentlichtes Buch zu promoten (in englischer Sprache war es schon vorher erschienen), erscheint mir ziemlich abwegig.

      Viele Grüße
      gb

  5. FAZ-Wirtschaftsredakteure?
    „Es geht hier nicht um die Neigung forschungsschwacher Ökonomen, sich mit starken Thesen in der Öffentlichkeit zu Themen von (auch) theoretischem Belang zu äußern, über die sie nie ernsthaft geforscht haben.“

    Ähm, FAZ-Wirtschaftsredakteure?

    • Hihi, einen solchen Kommentar hatte ich erwartet, als ich die Passage schrieb.

      Es geht um Ökonomen, die als Professoren mit der Autorität des Experten auftreten, aber als Feld-, Wald- und Wiesenvolkswirte keine speziellen Kenntnisse über moderne Forschung haben. Aus meiner Sicht sind Journalisten keine Ökonomen, auch wenn sie eine ökonomische Ausbildung haben. Das sind zwei verschiedene Metiers – wissenschaftliche Forschung zählt nicht zum Tätigkeitsprofil eines Journalisten.

      Gruß
      gb.

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