Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wie hoch darf Staatsverschuldung sein? (Teil 1)

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Manche Ökonomen fordern eine expansive Finanzpolitik für die Eurozone, um die Konjunktur anzukurbeln. Andere Ökonomen halten die Staatsschulden schon jetzt für zu hoch und fordern ihre Reduzierung. Lässt sich der optimale Schuldenstand eines Landes berechnen? Wir stellen einen Ansatz vor, der zeigt, wie moderne Ökonomen arbeiten.

Wir wollen diese Frage mit einem Modell angehen, allerdings nicht mathematisch formuliert und so simpel wie möglich. Dieses Modell ist in der Fachwelt sehr bekannt, aber es funktioniert nach ganz anderen Kriterien als viele öffentliche Debatten über Staatsverschuldung.

Ein berühmtes Modell

Nehmen wir an, eine Wirtschaft bestehe aus Unternehmen und Privathaushalten und Staat. Die Privathaushalte arbeiten in den Unternehmen, aber sie können sich nicht gegen das Risiko eines unvorhersehbaren Einnahmeausfalls versichern. Ebenso sind sie nicht in der Lage, sich im Falle eines unvorhersehbaren Einnahmeausfalls nach Bedarf zu verschulden. Vorsorge für schlechte Zeiten können sie nur betreiben, indem sie sparen, aber da wir aus Gründen der Vereinfachung in unserem Modell keine Banken haben, können die Haushalte in unserer simplen Modellwelt anfangs nur in Gestalt von Beteiligungen am Kapital der Unternehmen sparen. Der Staat erhebt proportionale Steuern auf Einkommen.

Nun nehmen wir an, der Staat verschulde sich, indem er Anleihen zur Finanzierung von Ausgaben begibt. Welche ökonomischen Folgen ergeben sich aus der Staatsverschuldung? Sie sind für die Privathaushalte gegenläufig, wie die folgenden zwei Effekte zeigen:

  1. Die Staatsverschuldung wirkt negativ, weil sie zu höheren Zinsen führt und private Investitionen verdrängt („crowding out“).1) Außerdem muss der Staat seine Steuern erhöhen, um die Verschuldung zu tilgen. Das belastet die Privathaushalte, weil ihre Reallöhne nach Steuern sinken.
  2. Andererseits sorgen die höheren Zinsen dafür, dass die Privathaushalte weniger Geld zurücklegen müssen, um ihre gewünschte Vorsorge zu bilden, denn ihre Zinserträge steigen – annahmegemäß ist der Anstieg der Zinserträge höher als die Belastung durch höhere Steuern. Somit werden die Privathaushalte entlastet. Vorteilhaft ist auch, dass durch die Staatsanleihen mehr Liquidität im Markt für Kapitalanlagen entsteht: Indem die Kapitalmärkte durch die Staatsanleihen effizienter werden, entstehen positive Folgen für die Gesamtwirtschaft.

Auf der Basis dieser beiden gegenläufigen Effekte lässt sich im Prinzip eine optimale Verschuldung ermitteln, gemessen am Verhältnis von Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Diese Art der Analyse optimaler Staatsverschuldung, die in der Fachwelt als bahnbrechend bezeichnet wird, und sie wurde im Jahre 1998 veröffentlicht. Auf der Basis von Simulationen für die Nachkriegszeit kamen die beiden Autoren für die Vereinigten Staaten damals zu zwei Schlussfolgerungen:

  1. Die optimale Staatsverschuldung für die Vereinigten Staaten beträgt rund 67 Prozent des BIP.2)
  2. Die Wohlfahrtsverluste aus Abweichungen vom Optimalwert sind eher gering. Daraus folgt: Man kann eine optimale Staatsverschuldung zwar berechnen, aber die Politik muss sich daran nicht sklavisch ausrichten.

Zwei wichtige Fragen

Wir haben den Nukleus eines Modells skizziert, aus dem sich viele theoretische und empirische Fragen ableiten lassen – zum Beispiel die beiden nachfolgenden:

  1. Wir haben bisher allgemein von Privathaushalten gesprochen. In der Praxis ist die Sparneigung und Verschuldungsfähigkeit von Privathaushalten aber sehr verschieden. Das heißt, von den Vorteilen steigender Zinsen beim Vorsorgesparen profitieren nur Haushalte, die auch sparen, während Haushalte, die nicht sparen, davon nicht profitieren. Mit anderen Worten: Die Staatsverschuldung vergrößert in diesem Modell die Ungleichheit der Einkommen. Was aber folgt aus der Annahme einer ungleichen Einkommensverteilung für die Berechnung optimaler Staatsverschuldung?
  2. Was geschieht eigentlich konkret, wenn ein Staat versucht, seine Verschuldung zu reduzieren?

 

Im nächsten Beitrag werden wir uns an Antworten auf diese beiden Fragen versuchen. Denn die Arbeit von Aiyagari/McGrattan war nur ein Anfang.

 

Nachwort: Das Modell von Aiyagari/McGratten ist nicht alleine in der Fachwelt bekannt, weil dort optimale Staatsschuldenquoten simuliert werden. Wie wir im nächsten Beitrag sehen werden, ist dies gar nicht so einfach. Die Bedeutung des Modells liegt auch darin, dass hier nicht-perfekte Kapitalmärkte modelliert werden: Die Haushalte können sich nicht gegen alle Risiken versichern und in der Ausgangsituation sind ihre Anlagemöglichkeiten sehr limitiert. Solche „finanziellen Friktionen“ waren in vielen Standardmodellen bis 2008 nicht enthalten; heute sind sie ein sehr beliebtes Tätigkeitsfeld für Ökonomen. Zwei aktuelle Aspekte mit erheblicher praktischer Bedeutung sind eingeschränkte Verschuldungsmöglichkeiten als Folge schlechter oder fehlender Sicherheiten („collateral“) und ein möglicherweise zu geringes Angebot an sicheren Kapitalanlagen („safe assets“).

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  1. Das Ausmaß der Verdrängung hängt unter anderem von der Zinselastizität privater Investitionen ab. Für viele private Investitionen spielt der Zins aber nicht die alleinentscheidende Rolle – ansonsten müssten in unserer aktuellen Niedrigzinswelt die Investitionen boomen. Insofern wäre die Annahme einer vollständigen Verdrängung privater durch staatliche Investitionen ziemlich extrem.
  2. kommt auf der Basis eines leicht modifizierten Modells auf eine optimale Staatsverschuldung von 40 Prozent des BIP.

 

 


2 Lesermeinungen

  1. Vielen Dank auch ..
    für den Hinweis auf die Studie von Tomoyuki Nakajima und Shuhei Takahashi, die so gar nicht in die politische Landschaft Japans passt. Krugman scheint man es sogar nachzusehen, dass er das Protokoll einer Tagung mit der politischen Spitze des Landes unter dem Titel „Paul Krugman: Meeting with Japanese officials“ unautorisiert ins Netz gestellt hat.
    G.S.

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 26. April 2016 | Die Börsenblogger

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