Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Was ist Literatur — heute?

Vor 67 Jahren identifizierte Jean-Paul Sartre die Literatur mit zwei zentralen Begriffen: mit dem "Engagement" und dem "Pakt der Großzügigkeit." Ist diese Beschreibung im elektronischen Zeitalter noch plausibel?

1947, vor siebenundsechzig Jahren und in einer für die Jüngeren unter uns unvorstellbar anderen intellektuellen Welt, hat Jean-Paul Sartre genau die über diesem Blog stehende Frage im Titel seines Buchs “Qu’est-ce que la littérature?” gestellt und ebenso ausführlich wie bündig beantwortet. „Genau“ um dieselbe Frage ging es tatsächlich, da auch Sartres Thesen spezifisch auf sein “Heute,” also die Zeit des Nachkriegs, Bezug nahmen. Und so intensiv haben sie nachgewirkt, dass ihre zentralen Begriffe immer noch – wie ein Reflex – in der Erinnerung von Lesern aufscheinen, denen aus Passion oder auch aus beruflichem Anlass an neuen Antworten gelegen ist.

Um “Engagement” ging es Sartre zuerst, und das hieß: um die Bindung von Autoren und Lesern an bestimmte politische Ziele. Hier sah er eine existentiell wie sozial absolute Priorität. Ebenso klar arbeitete Sartre seine Überzeugung heraus, dass legitim in diesem Zusammenhang allein die Ziele des Sozialismus sein konnten. Die bis heute spürbare Normal-Erwartung, nach der Literatur eine Domäne der politischen Linken sein soll, lässt sich vom nachhaltigen Einfluss jenes Texts aus dem Jahr 1947 kaum trennen. Noch wichtiger war aber – jedenfalls für unsere chronologisch einigermaßen distanzierte Retrospektive – eine andere Komponente in Sartres Überlegungen zur Literatur, nämlich die Beschreibung der literarischen Kommunikation als “Pakt der Großzügigkeit.” Damit wollte er hervorheben, dass Autoren und Leser von literarischen Texten – anders als die Autoren und Leser von Texten mit eindeutigen praktischen Funktionen – eigentlich nie gewiss mit Interesse auf der je anderen Seite der Kommunikation rechnen können. Eben deshalb ist es ein „Akt der Großzügigkeit,“ wenn ein Autor für Leser schreibt, von deren Neigungen und Leidenschaften er bestenfalls einen vagen Eindruck hat, und wenn sich andererseits Leser auf Texte einlassen, deren Autoren, Inhalte, Formen, und mögliche Wirkungen ihnen zunächst ganz unbekannt sind.

Die Grundstruktur dieses “Pakts der Großzügigkeit” ist bis heute eine wenig bewusste, aber durchaus folgenreiche Vororientierung literarischer Produktion und Rezeption geblieben. Hingegen gehört die Sartre so wichtige Priorität des politischen „Engagements“ mittlerweile eher zu einem Horizont exzentrisch gewordener Positionen, auch wenn uns Glaubensbekenntnisse in diesem Sinn noch immer wie selbstverständlich von den Lippen gehen. Daneben habe ich den Eindruck, dass der literarische Autoren seit der Romantik belastende Erwartungsdruck formaler Innovation beinahe verschwunden ist – und mit ihm die in der Vergangenheit manchmal bis zur Absurdität getriebene Gleichung von Unlesbarkeit und literarischer Qualität. Vor allem aber hat sich der Status des Lesens – nicht allein des literarischen Lesens – grundlegend gewandelt. Denn im elektronischen Zeitlalter, dem Zeitalter der allgegenwärtigen Werbung und des allgegenwärtig „laufenden“ elektronischen Weltkommentars, lesen wir alle auf der einen Seite mehr als je zuvor; auf der anderen Seite konkurriert Literatur als ein „anspruchsvolles“ Angebot der Unterhaltung inzwischen mit einem schier endlos differenzierten Horizont meist leichter zugänglicher, aber doch nicht ausnahmslos banaler medialer Alternativen, deren einzige um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts existierende Vorgänger-Variante das Kino gewesen war. Mit anderen Worten: trotz des gewachsenen täglichen Lektüre-Pensums ist literarische Lektüre für die Gebildeten unserer Gegenwart weniger selbstverständlich geworden.

Eindeutiger als früher gilt sie deshalb als eine spezifische Form der Unterhaltung. Literatur wirkt “gehoben” (was bei manchen Gruppen potentieller Leser als Abschreckung wirken, bei anderen ihre Faszination steigern mag) – und sie macht sicher auf viele Zeitgenossen auch einen sehr traditonellen Eindruck. In ihrer neuen Umgebung haben sich aber auch einige jener mit Literatur verbundenen Erwartungen erhalten und vielleicht sogar verstärkt, welche den Begriff seit dem späten achtzehnten Jahrhundert unter dem Vorzeichen einer “Autonomie” ästhetischer Erfahrung eher verhalten und dann seit der Epoche der Romantik mit lauter Programmatik begleitet haben (zuvor war das Wort “Literatur” für jegliche Formen anspruchsvoller Texte verwendet worden). Nachdem Literatur vor 1800 vor allem mit der Gattung von Briefromanen und im Ton leidenschaftlicher Liebe das Herz der Leserinnen erobert hatte — gegen den entschiedenen Männer-Vorbehalt, dass Romane vor allem eine Gefährdung für die weibliche Moral seien, galt sie dann bald schon als Domäne des subjektiven Ausdrucks und der individuellen, ja der ekstatischen Gefühle. Die Aufgabe, solche Exzentrizität zur Sprache zu bringen, sollte die besonderen Formen vieler literarischer Texte und Gattungen erklären. Alle seit Charles Baudelaires Selbst-Invektiven um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unternommenen und bald unter den Autoren sehr beliebt werdenden Angriffe der Literatur auf ihre eigene Assoziation mit Exzentrizität scheinen die Aura als Medium des Individualismus nur weiter konturiert zu haben. Als Voraussetzung und Energiequelle für Texte der Leidenschaft trat nun vor allem die Imagination in den Vordergrund.

Wie aber lässt sich die diese Assoziation zwischen Literatur, Leidenschaft und Imagination erklären? Ich glaube, sie hat mit derselben Grundbedingung des Schreibens und des Lesens zu tun, auf die seit dem deutschen Idealismus der Begriff der “Autonomie ästhetischer Erfahrung” und seit Sartre die Identifizierung von Literatur als “Pakt der Großzügigkeit” anspielen. Wer Literatur schreibt oder liest, der verfolgt kaum je praktische, genau umschriebene Absichten. Diese Absenz prägnanter Intentionen erlaubt es jener sonst vorbewussten “Substanz des Inhalts” (so der dänische Sprachwissenschaftler Leo Hjelmslev) in den Vordergrund zu treten, die wir Imagination nennen. Das sind unsere persönlichsten, dichtesten, noch nicht durch den Filter von Begrifflichkeit und Kommunikation normalisierten Bilder; Bilder, das haben Theoretiker von Georges Herbert Mead über Jacques Lacan bis Wolfgang Iser immer wieder betont, die in eigentümlicher Unmittelbarkeit an körperliche Reaktionen gekoppelt sind und mithin unseren Leidenschaften entspringen und auf diese zurückwirken können. Um solche Bilder der Imagination an Texte zu binden, müssen sie dort durch die stabilen Begriffe der Alltagssprache vertreten werden – doch so wie diese Begriffe auf die persönliche Imagination des Autors immer nur verweisen können, regen sie auch beim Leser bloß die Bewegung von dessen persönlichsten Vorstellungen an. Literarische Texte gehen also auf Schübe von Imagination zurück und lösen solche Schübe aus, ohne selbst eine „Darstellung“ von Imagination zu sein. Denn Imagination last sich nicht von einem zu einem anderen Bewusstsein transportieren.

Ganz ungewiss ist bis heute — trotz vieler Jahrhunderte poetologischen und dann literaturwissenschaftlichen Nachdenkens — was im Zusammenhang mit Imagination die Funktion jener besonderen Sprachformen (zum Beispiel die Funktion der sogenannten „lyrischen Prosodie“) sein könnte, die vor allem man als Kennzeichen der literarischen Texte ansieht. Vielleicht reagieren solche Formen auf die grundsätzliche individuelle Exzentrizität der in den Texten zur Sprache kommenden und von den Texten ausgelösten Schübe von Imagination. Sehr oft auch verlangen sie den Leserinnen eine besondere, manchmal radikale, alles andere ausschließende Konzentration auf den Text ab, zu dem sie gehören (beim Lesen von Gedichten wird dies so deutlich, dass manche Theorien im Abrufen und Ausformen besonderer Aufmerksamkeit die zentrale Funktion der Lyrik sehen wollen).

Unter den Bedingungen solcher Konzentration können nun die aktivierten Bilder der Imagination eine spezifische Konkretheit gewinnen, welche der Konkretheit von Personen, Orten oder Situation ähnelt, die wir persönlich erlebt haben – ohne mit ihr gleich zu sein. Der homerische Achilles, der von Miguel de Cervantes erfundene Don Quijote, Fontanes Effie Briest, die Mitglieder der Familie Buddenbrook oder Ulrich aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ haben für jeden Leser ein eigenes Gesicht und eine eigene Stimme; ihre Texte beschwören sie herauf, holen sie – oft aus ferner Vergangenheit — in eine Gegenwärtigkeit, die konkret, persönlich und am Ende immer ungreifbar ist.

Natürlich sind solche Konkretheit und solche Präsenz nicht ausschließlich an das Medium der Literatur gebunden — jeder Spielfilm scheint der entsprechenden Sehnsucht viel weiter entgegenzukommen. Doch die bewegten Bilder des Films mögen das Strömen der individuellen Imaginations-Bilder am Ende manchmal eher hemmen als herausfordern, und vor allem nehmen sie die Konzentration der Zuschauer mit einer anderen, weniger intensiven Modalität in Anspruch als dies literarische Texte ihren Lesern abfordern. Manchmal wirkt es zwar wie ein Schlussverkauf aller traditionell kulturellen Werte, wenn Literaturwissenschaftler das Potential ihrer Texte als „Antwort auf alle Fragen“ und „Lösung aller Probleme“ anpreisen. Doch fern aller Verpflichtung zum politischen Engagement gewähren uns heute die Texte der Literatur, die ältesten wie die junegsten, wirklich eine Möglichkeit des Verweilens und einen Halt, einen Halt von konzentrierter Konkretheit im Meer der elektronischen Mega-Kommunikation.