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53. Lesung: Abschied, nicht nur von New York - Die Woche mit Frau Cresspahl- seventastic.info
Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

53. Lesung: Abschied, nicht nur von New York

| 14 Lesermeinungen

„Endlich sind wir angekommen, wo meine Erinnerung Bescheid weiß,“ sagt Marie am Ende des letzten South-Ferry-Tages. Am 17. August 1968 ist die Vergangenheit ihrer Mutter dann auch die eigene, wenn die Rede von beider Ankunft in New York im Jahr 1961 ist. Am 19. August 1968 rasen Johnson und seine Hauptfigur durch die Nachrichten, die in sechs Jahren New York prägend waren, dann brechen Marie und Gesine Cresspahl über Kopenhagen nach Prag auf, wo sie am „Last and Final“-Jahrestag den alten Lehrer Kliefoth treffen. Die letzte Wochenlektüre ist nur noch eine halbe.

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Darum ging es in diesem Blog

Bibliographie zum Blog

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Ein Wiedersehen (20. August 1968)

Anita Gantlik hat es arrangiert, dass Marie und Gesine Cresspahl auf dem Weg nach Prag in Klampenborg bei Kopenhagen Halt machen. Dort treffen sie nicht die Freundin, sondern einen alten Bekannten.

„Der Herr steht auf der Terrasse, geschrumpft, eigenwillig aufrecht, schwarzweiß gekleidet, unter schlohweißen Haaren, mit erhobenen Armen kostet er den Empfang aus, der seine Bewegung verbergen will.“

© Hans AndersenBellevue Strand, Klampenborg

Es ist Julius Kliefoth, Gesines ehemaliger Lehrer „für Englisch und Anstand“, der in England studiert hat, ihren Studienwunsch unterstützte und bei dem sie im Sommer 1952 das (in ihrer Sicht) dritte Abitur, das gelten soll, abgelegt hat (neben den eigentlichen Prüfungen und dem Prozess gegen Dieter Lockenvitz). Anita hat ihm eine Reisererlaubnis besorgt und ihn an der dänischen Küste „eingemietet für zehn Tage“. Nach Gesines Ausreise hat Jakob Kliefoth fünfmal im Jahr besucht: „Ihr Vater war ein verläßlicher, ein fürsorglicher Mann, verehrtes junges Fräulein Cresspahl.“ In dieser Begegnung fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen, kann Marie von einem anderen als von ihrer Mutter etwas über den Vater erfahren. Ausgerechnet bei Kliefoth, der bereits Vorkehrungen für seinen Tod getroffen hat, hinterlässt Gesine die 1875 Seiten Aufzeichnungen „wie es uns ergeht“. Beim Abschied bittet Kliefoth Marie

„– Will you take care of my friend who is your mother and Mrs. Cresspahl?“
– Ich verspreche es, Herr Kliefoth. Meine Mutter und ich, wir sind befreundet.“

Gesine Cresspahl verspricht ihm, nach der Ankunft in Prag anzurufen.

Wie Norbert Mecklenburg im Nachwort zum Romanfragment „Heute Neunzig Jahr“ anmerkt, das die Geschichte Heinrich Cresspahls von 1888 bis 1947 erzählt, lässt Johnson die Leser*innen vollkommen im Unklaren darüber, was mit Marie und Gesine Cresspahl passieren wird, wenn sie gleichzeitig mit den Truppen des Warschauer Paktes in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 in Prag ankommen. Ihre Geschichte wird nicht weitererzählt, sie endet an einem Strand in Dänemark.

 

Mein Jahr mit Frau Cresspahl

Uwe Johnson, 1971.

Unter den Leser*innen von Uwe Johnson gibt es zuweilen Debatten darüber, was der wichtigste Satz in diesem Romanwerk ist. Für mich ist es ein Satz, der am 7. Februar 1968 fällt: „Damit du nicht raten mußt, so wie ich.“ Gesine Cresspahl sagt ihn zu ihrer Tochter Marie, und mir scheint er aus drei Gründen besonders wichtig. Einmal nennt er den Grund für das Gespräch zwischen Mutter und Tochter über die Jerichower Vergangenheit und damit für den Roman oder das Gesprächsprotokoll des Genossen Schriftsteller. Dann sagt er etwas über das Verhältnis der Hauptfigur zu ihren Eltern aus, denn beide lassen sie raten. Schließlich ist er Ausdruck ihrer Fürsorge für die Tochter, denn die soll eben nicht raten müssen.

Nach einem Jahr Lektüre bleiben für mich vor allem die vielen Lesarten des Romans, seine ganz unterschiedlichen Erzählweisen, die Formen der Geschichtserzählungen, auf die man immer wieder trifft. Virginia Woolf hat einmal über den Roman „Middlemarch“ von George Eliot gesagt, er sei ein Buch für Erwachsene. Gleiches gilt für die „Jahrestage“ – für mich ein Werk radikaler Offenheit und Komplexitätsbejahung, das Fragen stellt, vor allem aber Raum für Fragen öffnet und seinen Leser*innen viel zumutet, aber eben auch viel zutraut. Der Roman ist darüber hinaus wohl einer, dessen Lektüre nicht zu Ende geht, auch wenn man bei der letzten Seite angelangt ist.

Über Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ zu schreiben hat nicht nur Augen, sondern auch Türen geöffnet. Zum Schluss möchte ich dafür danken: Uwe Ebbinghaus für sein Redigat, für ihr stetes Interesse und vielerlei Ermutigung: Patrick Bahners, Christina Dongowski, Hanne Einloft-Achenbach, Holger Helbig, Hedwig Richter und Rupert Levi Scheuermann. Vor allem aber danke ich all jenen, die ein Jahr lang diesen Blog als Leserinnen und Leser sowie mit Kommentaren hier, auf Twitter und per E-Mail, begleitet und die Treue gehalten haben. Die mir von ihren Johnson-Lektüren erzählt haben. Es hat mich mehr gefreut, als diese Zeilen zu sagen vermögen. Das letzte Wort kann natürlich nur einer haben:

„Beim Gehen an der See gerieten wir ins Wasser. Rasselnde Kiesel um die Knöchel. Wir hielten einander an den Händen: ein Kind; ein Mann unterwegs an den Ort wo die Toten sind; und sie, das Kind das ich war.“

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Literatur:

Norbert Mecklenburg, Nachwort zu: Uwe Johnson. Heute Neunzig Jahr, Frankfurt am Main 1996, S. 129-142.


14 Lesermeinungen

  1. Jahrestage
    Eine der besten Ideen der ‚alten Tante‘ FAZ, dieser Woche für Woche Blog zu den ‚Jahrestagen‘. Ich muss mich noch damit abfinden, dass es morgen keine neue Folge gibt. Oh danke, Birte Förster, danke.
    Ist es ein Wunder, dass dergleichen Begehren weckt? Meines wäre, ein solches Kontinuum über Peter Weiss‘ „Die Ästhetik des Widerstands“ zu lesen, grade jetzt, wo so vieles ins Ungewisse zu Driften scheint.

    Hallo FAZ, überlegen Sie sich das doch bitte!

    U.M. Haiber

  2. Was nutzt das schlechte Leben, 15.08.1968
    Das ist mein Lieblingssatz, Stand: 27.08.2018. Was fuer eine schöne Frage Sie da wieder in den Raum gestellt haben, liebe Frau Förster. Nun endet fuer mich ein Jahr mit Ihrem Lektüreblog, Ihrer steten inhaltlichen Begleitung mit den klugen Verweisen, Erweiterungen und Betrachtungsmöglichkeiten. Es war mir eine Freude! Haben Sie herzlichen Dank! Nun werde ich auch den Film sehen. Aber welche Lektüre kann folgen? Mutmassungen über Gesine? Der Mann ohne Eigenschaften? Auf der Suche nach der verlorenen Zeit? Was empfehlen Sie? Alles Gute wünsche ich Ihnen von Herzen, halten Sie den Kurs
    maw

    • Liebe Frau Wagner,
      herzlichen Dank für Ihre Zeilen.
      Die Mutmassungen gibt es jetzt ja in der schönen Rostocker Ausgabe, aber ich habe während der Lektüre auch immer an Middlemarch von George Eliot denken müssen. Oder man fängt einfach noch einmal von vorn an mit den Jahrestagen…
      Herzlich grüßt Sie
      Birte Förster

  3. Eine Große Freude
    Haben Sie mir, liebe Frau Förster, mir jede Woche mit ihrem Blog zu den unglaublichen Jahrestagen bereitet. Dieses Buch war wohl das wichtigste Buch in meinem. Jede Woche haben Sie mich auf noch Unbekanntes hingewiesen. Ihre gewichtigen Anmerkungen sollten Sie in einem eigenen Buch noch einmal neuen und alten Freunden Uwe Johnsons zur Verfügung stellen.
    Herzlichen Dank,

  4. Unregelmäßiger Leser
    Sehr geehrte Frau Förster

    Unregelmäßig, wenn nicht gar selten habe ich Ihre sehr schönen Betrachtungen des aus meiner Sicht schönsten in deutscher Sprache in der Neuzeit geschriebenen Werkes gelesen. Dennoch vielen Dank für die Mühen, die Sie auf sich nahmen.

    Insbesondere hat ihr Blog meine nun 18jährige Tochter animiert, sich dieses Werkes anzunehmen und damit die von meiner Mutter begonnene Tradition des Lesen dieses Werkes fortzuführen. Vielen Dank dafür und das Sie Herrn Johnson nicht vergessen machen.

    Ihnen alles Gute
    Beste Grüße
    Daniel Voswinkel

    NB:
    Es wäre schön, wenn Ihre Arbeit auch irgendwann in gedruckter Form erhältlich wäre. Ich muss zugeben, das Papier in gebundener Form für mich immer noch einen höheren Wert hat als die elektronische Anzeige auf modernen Spielzeugen.

  5. Titel eingeben
    Danke!

  6. "Ein Roman, dessen Lektüre nicht zu Ende geht.."
    Und so begleiten mich die Jahrestage schon fast 18 Jahre, beantworten heute Fragen, auf die ich gestern noch keine Antwort hatte, werfen neue Fragen auf, auf die ich vielleicht morgen Antworten finde. Ruhige Tage ohne das Abenteuer Jahrestage in greifbarer Nähe, kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn es nur ein zufällig herausgegriffener Tag ist.

    Danke für den Blog, auf den ich mich immer freute.

  7. Einen Dank
    Sehr geehrte Frau Förster,

    vielen Dank für Ihre angenehm tastenden und dennoch erhellenden Johnson-Lektüren!
    Bei mir stehen die Jahrestage noch als ein Versprechen im Regal: Lieblingsbuch meines toten Lebensmenschen, das zu lesen ich in einem anderen Leben nach einer Prüfung vorhatte. Die Prüfung wird es nicht mehr geben. Lesen werde ich es nun hoffentlich doch noch, nicht zuletzt angeregt durch Ihre vielfältigen Einladungen.

    Alles Gute für Sie wünscht die
    Johnson-Leserin in spe

  8. Die Woche mit Frau Cresspahl
    Sehr geehrte Frau Förster, vielen Dank für die Mühe, die Sie sich mit dem Werk gemacht haben. Sehr viel Freude haben mir die Seventastic der 53 Wochen gebracht. Zum Einen habe ich viele mir etwas unklare Passagen, trotz 2maliger Lesung der „Jahrestage“, besser verstanden. Zum anderen ist das Eindringen in die Tiefe der „Jahrestage“ für mich von großem Wert. Ich bin immer noch überzeugt, dass dieses Werk in einer Linie mit anderen grossen deutschen Dichtern, wie Günter Grass, Siegfried Lenz und Heinrich Böll, die sich um die Aufarbeitung des Nachkriegsdeutschland verdient gemacht haben. Andere Schriftsteller sollen dadurch nicht abgewertet werden, sondern diese drei stehen stellvertretend für viele.

    Ihnen Frau Förster, wünsche ich für die Zukunft alles Gute und hoffe auf weitere Veröffentlichungen.

    Mit besten Grüssen Dieter Adamske

  9. Titel eingeben
    Immer gerne gelesen, vielen Dank!

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