Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

48. Lesung: Irrungen, Wirrungen

In der neuen Schule entzweit sich die inzwischen fünfzehnjährige Gesine Cresspahl zusehends mit ihrer Freundin Lise Wollenberg. Dafür findet sie in Pius Pagenkopf einen Freund, mit dem sie durch dick und dünn gehen kann. Von Irrungen und Wirrungen der Oberschulzeit handelt die achtundvierzigste Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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Vom Beginn und Vergehen einer Freundschaft (15. und 18. Juli 1968)

Nach dem niederdeutschen Schriftsteller Fritz Reuter (1810-1874) ist Gesine Cresspahls Oberschule in Gneez benannt

Im Sommer 1948 wechselt Gesine von der Gneezer Brückenschule auf die Fritz-Reuter-Oberschule. „Die Neue Schule brachte uns bei, einander anzusehen nach unseren Vätern.“ Damit ist Gesine Cresspahl am unteren Ende der sozialen Skala zu finden, beim „Rückständigen Mittelstand“. Trotz alledem freundet sie sich mit Pius (eigentlich Robert) Pagenkopf an, Herkunft „Fortschrittliche Intelligenz“. Pius, der seinen Spitznamen aus dem Lateinunterricht hat, ist „ein schmaler langer Junge“. Sein Vater bekleidet eine hohe Position in der mecklenburgischen Landesregierung und ist in der Partei, er kommt deshalb fast nie nach Hause (und weil er in Schwerin diverse Geliebte hat). Das war nicht immer so: Bis 1933 war er Leiter des Gneezer Finanzamtes, dann wurde der Sozialdemokrat unter Anwendung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Amt gejagt.

Pius ist also ein ungewöhnlicher Freund für eine wie Gesine Cresspahl, und tatsächlich ist es zunächst ihre Freundin Lise Wollenberg, an der Pius interessiert ist. Wie viele andere Jungen ist er in Lise verliebt, und die hat Gesine zu ihrem Anstandswauwau erkoren, deshalb darf sie zu den Treffen mittrotten. Wie eine Charlotte Bartlett aus E. M. Forsters Roman „Zimmer mit Aussicht“ mag sie sich aber nicht verhalten, sie hat Mitleid mit dem nachdenklichen Pius und schenkt ihm Lises Passfoto, das die ihr huldvoll überlassen hat. Die beträgt sich ihren Verehrern gegenüber „schnippisch bis zur Rätselhaftigkeit“, aber sie geht ja auch gern zur Tanzstunde.

Dass sie Pius – obwohl die ganze Klasse es anders will – davon abbringt, Klassensprecher zu werden, entfernt sie von ihrer Freundin Gesine. Die lässt sie denn auch allein zur „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“ marschieren, wo sie sich aus Opportunismus eintragen will. „Lise ganz allein vor einen Schreibtisch treten zu lassen, vor einem Fremden dahinter, ich gönnte es ihr.“ Bald sitzt sie nicht mehr neben der Freundin, und weil die unter der Woche in Gneez wohnt, gibt es außerhalb der Schule keinen Kontakt, die Mädchen sind „auseinander“. Lise Wollenberg „hatte ein Ziel vor Augen, sie ist heute Steuerberaterin im Sauerland, Bundesrepublik“. Sollte sie ihre Kunden so manipulieren können wie ihre jugendlichen Verehrer, sicher eine sehr erfolgreiche.

Promenade am Vielbecker See bei Grevesmühlen, dem Vorbild für Gneez

Fast ein Paar (18. und 20. Juni 1968)

Mitten im Schuljahr kommt es Anfang 1949 an der Fritz-Reuter-Oberschule zu einer kleinen Rebellion: Gesine Cresspahl und Pius Pagenkopf setzen sich gemeinsam an einen Tisch in der letzten Reihe! Sowohl der Zeitpunkt als auch die Geschlechterkombination sind aus Sicht der Mathematiklehrerin Habelschwerdt ein Unding – „allenfalls im vorderen Feld des Klassenraums können ein Mädchen, ein Junge nebeneinander geduldet werden“ – und so wird Direktor Kliefoth gerufen, um die Ordnung wiederherzustellen. Der aber lässt die beiden Unruhestifter Poe übersetzen, straft Lise für ihr hysterisches Kichern ab und gibt beiden die Note eins, was einer unausgesprochenen Zustimmung gleichkommt. Gesine und Pius sitzen weiter nebeneinander in der letzten Reihe und gelten „fortan als Liebespaar“, auch wenn sie es nicht sind. Die beiden haben einen stillschweigenden Pakt geschlossen, nicht von den eigentlichen Objekten der Begierde zu sprechen, beiden nützt der Status als Paar.

Lise Wollenberger nimmt ihnen das Paar ab, über die einstige Freundin Gesine sagt sie, „bei so einem Vater sei die Cresspahl ja klug beraten, sich an die neue Herrschaft zu hängen“. Dass sie selbst alle Möglichkeiten dazu gehabt hätte, scheint sie nicht zu interessieren. Sie weiß auch gar nicht, wie Pius’ Eltern leben, bei denen zuhause geht es alles andere als hochherrschaftlich zu. Helene Pagenkopf erinnert Gesine eher an Marie Abs als an eine Dame: „Sie zog die Schulter zusammen, als sei viel Angst übrig geblieben aus den zwölf Hakenkreuzjahren“. Sie ist schüchtern und wortkarg, die Nachbarn sehen es „als Rache für jene Zeiten, in denen die Pagenkopfs Leute gewesen waren, mit denen redete man besser nicht“. Seit Gesine allerdings bei den Pagenkopfs ein- und ausgeht, hungert sie nicht mehr: „Da hatte Lise recht, ich war angeschlossen an eine von den Wonnen der herrschenden Klasse.“

Gesine Cresspahl mit ihren Jugendfreunden Pius Pagenkopf (rechts) und einem Mitschüler, aus dem Film „Jahrestage“

Pius und Gesine sind partners in crime, sie lernen zusammen, verbringen ihre Freizeit gemeinsam, sind quasi unzertrennlich. Pius wird Mitglied in Gesines Schwimmverein S.V. Forelle, sie in der F.D.J. Als Pius herausfindet, dass sportlich Begabte wie das „Kraulass Cresspahl“ auf spezielle Schulen geschickt werden, sacken Gesines Leistungen in den Keller.

„Als ein Paar fuhren wir zur wilden Badestelle am Südufer des gneezer Stadtssees, ohne die anderen schwammen wir schräg querüber zu den Bootshäusern, die Wille Böttcher nun für die Fortschrittliche Intelligenz ins Wasser stellte, gemeinsam kamen wir zu dem Rest der Klasse zurückgeschwommen, und offensichtlich hatten wir die ganze Zeit geredet.“

Alles machen sie gemeinsam, aber sie werden nicht das Paar, für das die anderen sie halten, nicht, als Gesine bei Pius übernachtet, nicht in den gemeinsamen Ferien. Vielleicht ist der Grund, dass sie „einander nie die Hand geben“. Und Pius ergänzt im imaginären Gespräch: „Aus Spaß Gesine, das war mir zu wenig.“

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Literatur:

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012