Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

45. Lesung: Die liberale Fassade der Mrs. Carpenter

Ginny Carpenter ist Gesines Nachbarin am Riverside Drive. Die dritte Ehefrau von Linus L. Carpenter III. (ein Schelm, wer Böses dabei denkt) und Stiefmutter von Maries Freundin Marcia führt das Leben einer Upper-East-Side-Ehefrau auf der falschen Seite des Central Park. Dass der „Schriftsteller“ sie erst auftauchen lässt, als ihre liberal-tolerante Fassade vor lauter Rissen kaum noch hält, ist Gesine Cresspahl unangenehm. Deshalb knöpft sie sich in der fünfundvierzigsten Wochenlektüre ihren Miterzähler vor.

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Darum geht es in diesem Blog

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„Nennen Sie mich Ginny“

Ginny Carpenter zieht 1964 als dritte Frau eines New Yorker Rechtsanwalts und Kanzleimitinhabers an den Riverside Drive, anders als Marie und Gesine Cresspahl wohnt sie sehr wohl in einem Haus, „das man unter einem Baldachin betritt, an einem Portier vorbei“.

An die Park Avenue würde Ginny Carpenter eigentlich gehören

Sie verbringt ihre Tage damit, ihrem Mann die Wohnung auszustatten (aufwendiger als von ihm gewünscht), den Haushalt zu führen, Marcia Carpenter eine Stiefmutter zu sein. Die 31jährige gefällt sich als Gastgeberin von Cocktailparties, sie hat Philosophie und Soziologie studiert und ist „eine Großmacht unserer Gegend, ein Pfeiler unserer Nachbarschaft“. Weder könnte der Riverside Park gegen ihren Willen je in eine Straße verwandelt werden, noch kann ein Verschönerungsverein der Gegend ohne sie auskommen. Offiziell lebt sie wegen der Bäume auf der Upper West Side, tatsächlich kann „ein in Maßen rechtschaffener Rechtsanwalt“ sich ihre „Wirtschaft“ nur auf dieser Seite der Stadt leisten. Das Ehepaar ist liberal, mit Einschränkungen: Sie „geben Geld für Bürgerrechtler, wünschen dunkelhäutigen Bürgern überall anständige Wohnungen außer an der eigenen Adresse“.

Gesine Cresspahl wohnt zwar im falschen Haus, aber

„Mrs. Carpenter kann Bewunderung äußern für allein stehende Mütter mit einem Kind, die Jahr für Jahr mit Arbeit bewältigen, […] so eine Frau möchte sie sein; wenn sie nur eben frei käme von dem Verdacht, diese Mrs. Cresspahl führe solch Leben einer verquasten Ideologie von weiblicher Emanzipation zuliebe, statt um seiner selbst willen.“

Diese verquaste Ideologie hat Frauen wie Ginny Carpenter soeben in Gestalt von Betty Friedan und „The Feminine Mystique“ den Spiegel vorgehalten. Auch Ginny ist eine gut ausgebildete Mittelstandsfrau, deren Tag so inhaltsleer ist, dass sie abends sehnsüchtig auf ihren Ehemann wartet:

„Wenn Mr. Carpenter nach Hause kommt aus seiner Kanzlei, fängt die Arbeit erst an. Jeden Abend neu beseligt steht eine junge Frau vor der Tür, etwas überrötet vom hausfraulichen Eifer […]. Nun muss er ran. Erzählen aus dem Büro. Wie Elman heute war. […] Carpenter, Oberst der Reserve, wird überschüttet mit Ereignissen des Haushalts und solchen, die die New York Times ihm bereits gesteckt hat.“

So sehen seine Abende aus, wenn seine Frau – sie hält sich für „schön, begehrenswert, musterhaft“ – keine „Stehparty“ geplant hat. Zu denen darf auch Gesine Cresspahl antreten und beobachtet dabei, wie Martin Walsers Romanheld Anselm Kristlein bei einem Gastauftritt im Johnson-Kosmos die Gastgeberin anhimmelt. Die aber ist ein treues Frauchen, und so gibt es für Kristlein nichts zu holen bei dieser Frau, die immer in Bewegung ist.

Das Manhattan von Ginny Carpenter: Blick vom Passagierschiff “France” über den Hudson River Richtung Midtown mit Empire State Building, April 1965.

Einmal kommt Ginny Carpenter auch an den Riverside Drive 243, denn Pamela Blumentroth hat zur Geburtstagsfeier geladen, Eltern der Freundinnen inklusive. An diesem Tag nun führt „der Schriftsteller“ sie vor und er tut es auf eine Weise, bei der man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Die Fremdschämattacke aber ist gewiss:

„Sie saß auf der Kante des Sofas und aß Kuchen, die hohle Hand unterm Kinn, um ihr Rotseidenes von Lord & Taylor zu schützen; ihrer strammen Stirn war die Erwägung anzusehen, daß sie mit einem ausführlichen Besuch bei (zwar vermögenden) Juden mal wieder eine tolle Toleranz vorführe; wem sie das erzählen dürfte und wem besser vorenthalten, schließlich die schlingende Neugier: ob diese Kekse wohl koscher seien.
Sie dozierte: In zwanzig Jahren werden die Neger aus Manhattan vertrieben sein. Wir werden auf einer rein weißen Insel leben, umgeben von schwarzen Bezirken“.

In Ginny Carpenters Zukunftsvision von New York werden die Brownstones wieder zu Einfamilienhäusern vermögender Weißer werden. Das Schlimmste aber kommt noch:

„Sie befingerte Maries Bluse, die durchgenähte Knopfleiste, die doppelte Naht entlang am button down-Kragen, es kam ihr unamerikanisch vor; mit einem Mal zog sie dem Kind das Tuch aus dem Nacken, fingerte nach dem Etikett, buchstabierte erschüttert am Etikett aus Genf.“

Wie Gesine Cresspahl ihre Tochter aus der Wohnung bugsierte, daran erinnert sie sich nicht mehr. Aber sie entscheidet sich für Lachen, sobald die Fahrstuhltüren sich hinter ihr schließen.

 

Central Park, April 1965.

 

„Ich will dir mal was sagen, du Schriftsteller“

Die Figur Gesine Cresspahl beschwert sich beim Schriftsteller darüber, aus dem einen Jahr, das sie ihm gestattet hat, ausgerechnet diesen Ausschnitt über die Nachbarin gewählt zu haben. Nicht die seit dem 20. August 1967 gemeinsam verbrachten Strandtage, nicht die Besuche in der Philharmonie, nicht die Essensverabredung in der Stadt. Nein, er zeigt Ginny Carpenter aus all diesem gesammelten Material von ihrer schlechtesten Seite und Gesine dazu, die ihrem Spott über die Amerikanerin mit Lachen Ausdruck verleiht, auch wenn sie ihn gerade nicht als Grund nennt. Lächerlich ist Ginny Carpenter durch diese Darstellung, und Gesine Cresspahl wirft ihrem Erzähler Übertreibung vor: „Zweimal in der Woche sehe ich Ginny Carpenter, du führst sie vor ein einziges Mal in zehn Monaten: in einem auffälligen Moment.“

Die Quelle Gesine Cresspahl übt ihr Vetorecht aus, sie will sich oder ihr Umfeld nicht beliebig deuten lassen. Dass ihr so der Abschied aus New York leichter fallen soll, nimmt sie dem Schriftsteller nicht ab: „Meine Psychologie mach ich mir selber, Genosse Schriftsteller. Du musst sie schon nehmen, wie du sie kriegst.“

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Literatur:

Renate Kroll, Metzler Lexikon Gender Studies/Geschlechterforschung, Stuttgart 2002, Lemmata: The Feminine Mystique; Frauenbewegung; Friedan, Betty.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.