Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

43. Lesung: Auslassungen

Gesine Cresspahl ist mit ihrer Familiengeschichte im Jahr 1947 angelangt und kommt nicht weiter. Sie kann ihren Vater nicht aus der russischen Haft entlassen, denn die war viel schlimmer als der Tochter bisher offenbart. Was nicht erzählt wird, durch Auslassung wie Übertragung, ist Thema der dreiundvierzigsten Lektürewoche.

 

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Darum geht es in diesem Blog

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„– Was hast Du mir noch verschwiegen?“ (9. und 12. Juni 1968)

Unter den vielen Interviewmethoden der Oral History gibt es eine, bei der am Ende Themen aufgegriffen werden, die im Interview nicht genannt wurden, als Korrektiv und Abgleich. Gesine Cresspahl steckt in einer erzählerischen Sackgasse, sie kann die Chronologie der Jerichow-Ebene nicht fortführen, denn sie kriegt „Cresspahl nicht los von den Sowjets“. Die Adressatin und zugleich das Korrektiv ihrer Erinnerungen, ihre Tochter Marie, wird nämlich in ihrer katholischen Privatschule zu einer zuverlässigen „Antikommunistin“ erzogen. Sie fürchtet zudem, Marie werde einer Reise in die Tschechoslowakei nicht zustimmen (die Voraussetzung für die eigene Reise nach Prag), sollte sie die Wahrheit über die Haft des Großvaters erfahren. Kommt der zurück, wird er ja berichten müssen, auch in den Erinnerungen seiner Tochter.

“Klio, die Muse der Geschichtsschreibung”, will Gesine Cresspahl nicht recht beflügeln, hier als Ölgemälde von Angelika Kauffmann (um 1770).

Ihr Lebensgefährte Dietrich Erichson rät, Marie lieber gut als gar nicht zu informieren, er traut ihr eine differenzierte Perspektive zu, trotz des Geschichtsunterrichts bei Schwester Magdalena. Als sie von einem Bekannten erfährt, dass die Mutter nach Prag reisen will, muss die nun endlich mehr erzählen, um den Haussegen wieder gerade zu rücken.

„– Also ich will zugeben es erging Cresspahl übel in der sowjetischen Haft. Gelegentlich. Schlimmer, als ich dir erzählen mochte.
– Hunger?
– Auch Hunger.
– Körperliche Verletzungen?
– Verletzungen unterschiedlicher Art.
– Es stieß ihm irrtümlich zu, Gesine.
– Es stieß ihm zu.“

Der Vater fehlt nicht nur während seiner Gefangenschaft, er fehlt auch in der erzählten Erinnerung als Augenzeuge, ohne ihn bekommt Gesine, seine Tochter, „nichts als dreizehnjähriges Dabeigewesensein“ hin, in dem die Sorge darum, Jakob Abs und dessen Mutter Marie auch noch zu verlieren, sehr präsent ist. Marie bekommt es „mitsamt der Unordnung“ zu hören, „die eine Wissenschaft von später darin angerichtet hat“.

Archive helfen beim Erinnern, hier das Uwe-Johnson-Archiv in Rostock. Gesine Cresspahl hat allerdings nur ihr dreizehnjähriges Dabeigewesensein, im Roman „Jahrestage“ entsteht das historische Material erst durch ihr Erzählen.

 

„So eine wichtige Person. Die unterschlägst du mir.“ (12. Juni 1968)

Was die Mutter noch verschwiegen hat, woran sie sich vorbeilaviert hat, ist die Geschichte von Slata, jener Ukrainerin, die Robert Papenbrock schwanger zu seinen Eltern geschickt hat und deren Sohn Fedja Gesines Cousin ist. Von Louise Papenbrock die längste Zeit als Dienstmagd behandelt, wird sie nach Kriegsende zunächst nicht deportiert und arbeitet bei der Kreisverwaltung in Gneez. Sie wohnt bei Alma Witte im Hotel Stadt Hamburg, und von dieser erfährt die dreizehnjährige Gesine Cresspahl auch von Slatas Verschwinden.

„– Sie war dann verschwunden. Sie war weg aus meinem Leben. Als wieder einmal der Mittagszug nach Jerichow ausfiel, ging ich Frau Witte besuchen, in einer unberatenen Erinnerung an die Zeit meines Mittagstisches im Stadt Hamburg, dachte gar nicht an Slata, nur von Slata konnte Alma reden, wenn ihr auch die Kraft zur Verfertigung von Worten weggeblieben war. Sie zeigte nur umher in dem Zimmer, das sie Slata zum Schlafen abgetreten hatte.“

Alma Witte kann nicht mehr – wie Kleist es nannte, durch die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ – bezeugen, was Slata zugestoßen ist. Sie bringt es nicht einmal zur Verfertigung von Worten. Von einer Starre überfallen, die sie später wieder heimsucht, wenn Gewalt droht, kann sie nur zeigen auf die angerichtete Verwüstung, auf den Verlust von „Fedja, der zu ihr hatte Oma sagen lernen“. Über den Verlust von Fedja und Slata verliert die erfolgreiche Hotelbesitzerin das Vertrauen in Regeln des Miteinanders.

„Verloren hatte Alma Witte noch, was die Bürger Stolz nennen. Es braucht mehr als Tüchtigkeit, in einer mecklenburgischen Landstadt ein Hotel auf dem zweiten Platz nach dem Erbgroßherzog zu halten, in deutlichem Abstand von den anderen. Bei ihr hatte das Landgericht gesessen, die Herren vom Gymnasium, die Reichswehr aus gutem Hause. Wenn sie abends durch den Speisesaal ging, waren die Herren aufgestanden zur Begrüßung. […] Frau Witte, ob sie nun leutseliges oder ergebenes Betragen für angemessen hielt, angemessen fiel es aus. Nur, alle ihre Schicklichkeit war darauf angewiesen, daß sie galt, anerkannt wurde, erwidert. Solche Partnerschaft war ihr durch den Überfall in ihrer Wohnung abgeschafft, sie vertraute nicht mehr auf den Austausch gleicher Manieren, die Verabredung auf hergebrachte Formen.“

Warum Slata in ein Lager verschleppt wurde, wo ihr dreijähriger Sohn stirbt, bleibt unklar. Sie kehrt nicht wieder nach Jerichow zurück, ihre Spur verliert sich. Marie aber wehrt sich gegen die Unterstellung ihrer Mutter, sie werde „Falsches“ mit deren Erinnerungen anstellen: „–Wart es ab, Gesine. Wart es ab.“

 

„Und was willst Du mir heute nicht erzählen?“ (14. Juni 1968)

Es sind die Folgen von Gewalt, nicht die Gewalt an sich, über die Gesine Cresspahl nicht erzählen mag, vor denen sie ihre Tochter schützen will. Erzählen will sie auch nicht vom weiteren Schicksal des Landarbeiters Warning, der von Robert Cresspahl wegen der „Verunglimpfung eines nationalsozialistischen Amtsträgers“ denunziert und zu 120 Tagen Haft in Dreibergen-Bützow verurteilt worden war.

Bodenreform/Landzuteilung in Mecklenburg  am 5. August 1947. Eine Siedlungsstelle wünscht sich auch Warnings Frau.

Nach seiner Rückkehr war er verändert aus der Haft zurückgekehrt: „Er war fleißig geworden, anstellig, aus Angst vor noch einer Reise nach Dreibergen.“ Er hütet bis Kriegsende die Kühe, dann will seine Frau unbedingt eine jener Siedlungsstellen haben, für die sich auch Marie Abs interessiert hatte. Peter Wulff nimmt ihn mit zu einer heimlichen Sitzung der Sozialdemokraten, auf der Erwin Plath die Versuche für gescheitert erklären muss, die KPD mit Sozialdemokraten zu infiltrieren, womit er auch Cresspahl wieder in die Partei hatte locken wollen. Vier Tage lang wird Warning an Weihnachten vom NKWD zum Treffen verhört, von den Jerichowern wird er noch immer „wegen der Sache mit uns’ Lisbeth“ verachtet, Peter Wulff will wohl vor allem wissen, ob er geschwiegen hat, nicht einmal seiner Frau erzählt er, was in der Haft geschah. An Neujahr erhängt sich Warning am Versammlungsort der Sozialdemokraten, ein letzter Beweis für sein Schweigen, so vermutet Marie.

„– Warning hat den Sowjets die Stimmung der Jerichower Sozialdemokraten nicht erläutert. Selbst gegen seine Familie hat er sich verteidigt; die Frau wußte von der Tat nur die vier Tage die sie gedauert hatte. Er hat nicht einmal gesagt oder aufgeschrieben, warum er das Leben nicht mehr aushielt. Sie hatte als Auskunft nur den Zettel in der Brusttasche seines Kittels, eine abermalige Vorladung zur Kommandantur in Gneez, ‚einer Formsache’ wegen.“

 

Einer aber spricht in dieser Lektürewoche doch etwas aus und das ist D.E., der Gesine erneut einen Heiratsantrag macht. Dieses Mal wohl erfolgreich, denn Marie fragt ihre Mutter: „–Passt es uns im September?“ und damit ist es – trotz Aufschub – wohl abgemachte Sache.

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Literatur

Roswitha Breckner: Von den Zeitzeugen zu den Biographen. Methoden der Erhebung und Auswertung lebensgeschichtlicher Interviews, in: Obertreis, Julia (Hrsg.): Oral History, Stuttgart 2012, S. 131-151.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.