Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

42. Lesung: Chronistin eines Attentats

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Am 5. Juni 1968 kommt Marie Cresspahl nicht pünktlich nach Hause. In der Nacht hatte der Palästinenser Sirhan Sirhan ein Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy verübt und ihn lebensgefährlich verletzt. Marie ist nicht zur Schule gegangen, hat in der Stadt nach Zeitungen gesucht und sich den Fernseher geliehen, den die Mutter ihr bisher versagt hat. Denn Marie schreibt an einer Chronologie der Ereignisse, an der Biographie von Opfer und Täter, vom Sterben Bobby Kennedys. Zweiundvierzigste Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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„Ich bin kein Kind mehr, Gesine!“ (5. Juni 1968)

Auf dem Weg zum Sportunterricht hört Marie die Nachricht vom Attentat auf Robert F. Kennedy, der soeben die Vorwahlen in Kalifornien und South Dakota gewonnen hatte, aus dem Kofferradio eines jungen Mannes. Wieder und wieder: „Robert Francis Kennedy, Senator von New York –“. Der Schwerverletzte hat schon die letzte Ölung erhalten, er wird bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert. Zur Schule geht Marie nicht mehr, die Mutter sucht sie per Telefon, doch da ist sie „längst auf dem Times Square“ auf der Suche nach neuen Nachrichten, die sie schließlich in der „Bildzeitung, die Daily News“ findet. Während Marie nach Neuigkeiten sucht, versucht die Mutter die Tochter zu finden, doch Marie will an diesem Tag den Erwartungen der Mutter nicht entsprechen:

„– Es war nicht Verlegenheit! Es war Wut auf dich, weil du auch dies wieder von mir erwarten würdest! Zehn Minuten hab ich euer kostbares Foyer bewundert, und bin weggelaufen, daß du mich ja nicht erwischst in deiner Einbildung.“

Sie wehrt sich gegen die Vorstellung, ihre Mutter kenne sie „inwendig und auswendig“, sie pocht auf die Möglichkeit, selbst einen Umgang mit der schrecklichen Nachricht finden zu können. So leiht sie sich den Fernseher, den sie schon nach dem Attentat auf Martin Luther King gefordert hatte, einfach selbst. Geliefert wird er in ihr Zimmer. Vor allem die pädagogischen Bedenken gelten für mich nicht mehr, will sie der Mutter wohl sagen, die Leihgebühr zahlt sie selbst, denn: „Taschengeld ist für Bedürfnisse persönlicher Art.“

Robert F. Kennedy beim Wahlkampf in Sacramento, 16. Mai 1968

Ein solches Bedürfnis ist für Marie Information, und so schaltet sie den Ton in den Werbepausen leise. Und dennoch:

„Am Ende war nicht viel übrig von Bekanntschaft inwendig und auswendig; wo die Mutter sich eine Versöhnung dachte, kam es Marie an auf Einvernehmen.“

 

Mary Cooper Cresspahl, Historikerin (6. Juni 1968)

Schon länger ist Marie Cresspahl in der Rekonstruktion vergangener Ereignisse geübt. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie zum Beispiel versucht, Handlungsmotive und Bewusstsein ihres Großvaters Heinrich Cresspahl zu verstehen und Abfolgen von Ereignissen zu ermitteln. Für ein noch unklares Schulfach „Wissenschaft? Geschichte? Gesellschaft?“ sammelt sie am 6. Juni 1968 Material  – aus dem Fernsehen, der New York Times, dem Wörterbuch. Dieses Material hat eine doppelte Funktion: als Beleg für den Tathergang und als „Beweis gegen Mrs. Cresspahl: Fernsehen ist tauglich. Sogar brauchbar für die Schularbeiten. Werbesendungen ohne Wirkung.“

Aufgabenstellung, selbstgewählt.

Taugliches Material also stellt sie zusammen bei ihrer Recherche: den Lebenslauf von Robert F. Kennedy (1925-1968), Schulbildung, Universität, Vermögen, Heirat, politische Karriere, kritische Haltung zum Vietnamkrieg im Wahlkampf, Kandidatur, alle neun Ehrendoktortitel, Publikationen. Daneben Notizen zum Vorgehen: „Zeitpunkt des Todes nicht erwähnen. Sieht privat aus. Lebenslauf kürzen.“ Auch Gedanken zur Bedeutung des Themas werden notiert und zudem der eigene „Sehepunckt“ (Chladenius): „Anwesenheit bei zeitgeschichtlichem Ereignis auf Fernsehschirm. Historischem.“

Ausschnitt aus dem Lebenslauf Robert F. Kennedys.

Den Lebenslauf des Attentäters Sirhan Bishara Sirhan, geboren 1944, der im Jahr 2018 noch immer seine lebenslange Haftstrafe verbüßt, wird parallel zu dem von Kennedy eingerichtet, lässt sich aber nicht als Aufstiegsgeschichte erzählen und ist zudem schon auf das Attentat hin konstruiert: Kindheit im arabischen Viertel Jerusalems, Schulbildung, Emigration nach Kalifornien, Abbruch des City College, dann Arbeitslosigkeit, Probleme mit Autoritäten, Fingerabdrücke, Reaktion  auf den Sechstagekrieg, Biographie der Tatwaffe, erneuter Verlust der Arbeit, Attentat.

Dann folgen Maries heuristische Überlegungen: Wie kann man diese Biographien zusammendenken, wie entsteht Gewaltbereitschaft des Täters, welche Rolle spielt Gewalt in den Vereinigten Staaten, von den Kriegen gegen Native Americans bis hin zum Bürgerkrieg? „Nationalgeschichte als Westernfilm mit garantiertem Mord, meist durch Schusswaffen“. Daten zur Verbreitung von Schusswaffen im Privatbesitz trägt Marie genauso zusammen wie solche über Gewalttaten des Jahres 1966, für 1967 und 1968 sind Lücken zu füllen. Dazu kommt eine Liste von Attentaten, versuchten und geglückten, auf amerikanische Politiker seit Abraham Lincoln.

Marie versucht auch, Sirhans Lebensumstände in den Vereinigten Staaten nachzuvollziehen, seine Motive für die Tat – die zu erwartende Rede Kennedys zum ersten Jahrestag des Sechstagekrieges. Minutiös listet das Mädchen die Kopfverletzungen auf, die so schwer sind, dass Kennedy nur mit schweren Beeinträchtigungen hätte überleben können: Bewegungskontrolle, Sehfähigkeit, Herzschlag, Atem- und Affektkontrolle wären eingeschränkt gewesen. Die Lücke in ihrer Überlieferung ist der Ablauf des Attentats, an die will sich auch der noch immer inhaftierte Shiran Bishara Shiran nicht erinnern. Im Jahr 2021 wird die achtzehnte Anhörung für ein Gnadengesuch stattfinden.

Der Anfang von Maries Quellenkorpus.

Was Marie jetzt noch zu tun hat, ist die schwierigste Aufgabe der Historikerin: „Jetzt müsste man die ganze Sache nur noch schreiben.“


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