Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

41. Lesung: „Wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre“

| 4 Lesermeinungen

In dieser einundvierzigsten Lektürewoche betreibt Uwe Johnson What-if-history, nicht in großem Rahmen wie Philipp K. Dick oder Richard Harris in ihren Romanen, es geht am 29. Mai 1968 vielmehr um den möglichen Zustand Jerichows, wäre es wie die Gebiete um Ratzeburg „zum Westen“ gekommen. Die zwölfjährige Gesine, die um den inhaftierten Vater bangt, möchte den diesbezüglichen Gerüchten in Jerichow jedenfalls nur zu gern Glauben schenken.

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Darum geht es in diesem Blog

Heute hält Birte Förster auf der  um 20 Uhr im Rostocker Rathaus den Abendvortrag „Die Woche mit Frau Cresspahl. Jahrestage schreibend lesen“. Interessierte sind herzlich willkommen.

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Haushaltsvorstand auf verlorenem Posten (28. Mai 1968)

Ende 1945 kursieren nach dem Austausch von Territorien bei Ratzeburg, dem Barber-Ljaschtschenko-Abkommen, in Jerichow Gerüchte, auch diese Stadt könne wieder unter britische Herrschaft kommen. Gesine, deren Vater noch immer im Gefängnis sitzt, kommt mit diesen Neuigkeiten aufgeregt zu Jakob Abs gelaufen, dem seit der Inhaftierung Heinrich Cresspahls unfreiwilligen „Haushaltsvorstand“ auf dessen Anwesen. Nachdem sie schon alle Hoffnungen hat fahren lassen müssen, dass „die Sowjets wohl […] jemandem helfen würden, der den Engländern geholfen hat“, klammert sie sich nun „ganz verloren in ihrer Aufregung“ an diese Nachricht.

Wenn Gesine Jakob Abs mit Hanna Ohlerich sieht, tut sie für gewöhnlich gleichmütig. Die Gerüchte, Jerichow käme zum Westen, ändern das. Marienkirche Klütz, vom Literaturhaus aus gesehen

Doch Jakob weiß längst vom Gebietsaustausch und glaubt nicht, dass die Briten ein strategisches Interesse an Jerichow haben könnten. Er hat es allerdings versäumt, die auf eine Rückkehr des Vaters hoffende Gesine davon zu informieren und ihr vorsorglich klarzumachen, wie unwahrscheinlich es sei, dass „Jerichow zum Westen“ käme. Die ist nun „wütend und unglücklich“.

„Nun saß Gesine im festen Glauben daran, noch den strengsten Widerspruch würde sie nicht als Trost nehmen. Jetzt war es vergebens, daß Cresspahl in der Hausliste als ‚vorübergehend abwesend‘ geführt wurde, und sie hatte sich das Formular so oft ausgebeten, nur um diese eine Spalte zu lesen.
Jakob war nicht mit sich zufrieden als Vorstand der Familie.“

Das zwölfjährige Mädchen muss weiter im Ungewissen leben, sie braucht ihren Vater.

 

„Manchmal, und öfter, benähmen sich die Jerichower als wären sie Klützer“ (29. Mai 1968).

Was also wäre aus Jerichow geworden, hätte es 1968 nicht zur DDR gehört, sondern zum „Zonengrenzgebiet Lübeck“? Was hätte sich verändert, was wäre gleich geblieben? Konsumorientierter – dem Tageseintrag geht eine Notiz über die Lebenshaltungskosten in den Vereinigten Staaten voraus – wäre die Kleinstadt gewesen:

Zum „Zonengrenzgebiet“ Lübeck hätte Jerichow gehört.

„Zwei Fahrschulen, ein Reisebüro, eine Filiale der Dresdner Bank. Elektrische Rasenmäher, Haushaltsgeräte aus Plastik, Taschenradios, Fernseher.“

Viele Fassaden wären zu Schaufenstern von Geschäften geworden. Allerdings wäre in Gneez mehr los gewesen, es „zöge an und nähme weg Hausfrauen, Arbeiter, Beamte, Kinogänger, Schüler“, es hätte ein aktuelles Filmprogramm, eine Volkshochschule und ein neues Finanzamt. „Jerichows bestbekannte Attraktionen: ein ältliches Schwimmlehrbad der Luftwaffe und ein etwas näherer Verlauf der Grenze“.

Keine Konkurrenz zu Gneez und Rande, eine noch immer zu kleine Stadt im Schatten von Kreisstadt und Bad wäre ein westdeutsches Jerichow.

Jerichow wäre die eigentlich zu kleine Stadt geblieben, angebunden an das westdeutsche Mediennetz, politisch ein Teil Schleswig-Holsteins, der Adel in der CDU, die SPD geleimt von Papenbrock, der ihnen sein Stadthaus als Museum und Behördenbau andreht.

Ein infrastrukturell erschlossener Ort des Ennui ist es, den Uwe Johnson für Jerichows Zukunft im Westen entwirft:

Nach blühenden Landschaften wie dieser mit Fetter Henne im heutigen Klütz klingt es bei Uwe Johnson nicht.

„Unter fast jeder Straße hätten die Stadträte inzwischen Kanalisation gelegt. Die Ziegelei wäre verwandelt in eine Fabrik für Haushaltswaren aus Kunststoff, um Arbeitskräfte in Jerichow zu halten. Peitschenlampen noch in der Bäk. Auf dem Markt nachts leuchtete ein Neonpilz an langer Stange. Das Krankenhaus wäre das Pförtnerhaus einer Klinik geworden, mit Operationssaal. Im Bahnhofsrestaurant hätten sie eine niedrige Decke eingehängt, die verheizten Möbel wären ersetzt durch Gelsenkirchener Barock, klimatisierte Kuchenvitrinen, da wären Teppichfliesen ausgelegt.“

Fehlinvestitionen im Gräfinnenwald, der Rückbau der Eisenbahn – man fuhr nun mit Bussen in die Kreisstadt Gneez – und die Konkurrenz zum immer schickeren Badeort Rande, von wo die Ausflugsschiffe nach Dänemark ablegten, in dessen Nähe es einen „Radarhorchplatz“ gäbe, wären die Realität dieses anderen Jerichow. Besuche von Freunden aus Wismar nur, wenn die jenseits der 65 wären. Zuweilen wären sie widerständig gewesen, die Jerichower, „als wären sie Klützer“:

„Sperren die Stadtstraße für ausgewachsene drei Tage, nur um Stromkabel auszuwechseln. Sollen die Touristen, die bloß an die See wollen, doch einen Umweg fahren!“

Geblieben wäre: das Handeln in den Geschäften, die Unterlegenheit gegenüber Gneez (und auch Rande), das Ausheben von Gräbern mit der Hand, die Neugier der auskunftsfreudigen Jerichower*innen; Ottje Stoffregens Lokalhistorikertum, Papenbrocks gerissener Eigennutz. Nicht eben viel.

Wovon Johnson nichts erzählt, woran man nach neun Monaten Lektüre aber unbedingt denkt: Vielleicht wäre ein Vater seine Tochter dann in New York besuchen gekommen. Oder Gesine Cresspahl hätte ihrer Tochter Marie den Ort zeigen können, an dem sie aufgewachsen ist. Wie es mit Jakob hätte gehen können, daran mag ich nicht denken, bei all dem „was wäre wenn“.

Interview mit Uwe Johnson, zu sehen im Literaturhaus Klütz.

 

In dieser Lesewoche war auch ich in Klütz, dem Vorbild für Jerichow. Die Lesung ist daher dieses Mal mit Klütz im Jahr 2018 bebildert.


4 Lesermeinungen

  1. Wäre Rostock nur nicht so prohibitiv weit entfernt gewesen, hätte man wirklich überlegen können,
    ihren Vortrag persönlich anzuhören – daher diesmal leider nicht. Und werden Sie den Vortrag demnächst öffentlich machen, also online stellen, z.b. bei YouTube, filmen sollte man eh immer mindestens 1x – oder ziehen Sie vorher mit dem Vortrag noch ein wenig durch die Lande? Es ist eben sowieso ein Kreuz mit den Vorträgen literarischer Gesellschaften, die finden häufig irgendwo am Rande statt – und häufig auch noch an einem Wochentag – damit die Profis unter der Woche eben eine Dienstreise machen & am WE zu Hause sein können; einerseits versteht man das, schließlich handelt es sich um eine nette Abwechslung von der sozialen normierten Arbeitswelt, andererseits sind vermutlich eher wenige Leute gewillt 2 x 800 km für einen Abend & einen Vortrag zu reisen – und das als Mitglied mehrerer Gesellschaften evtl. auch noch 4 oder 5x im Jahr. So gerne man reist, kennt man doch die deutschen Autobahnen rauf & runter inzwischen zu genüge. Mit Geld hat es nichts tun. Aber vie

    • Wenn Sie der Vortrag interessiert, schicke ich den gern. Sie finden mich über die Uni Bremen.

  2. Ortsbürgermeister von Jerichow
    Ich bin etwas überrascht, den Namen unseres kleinen Städtchens in Sachsen-Anhalt, im Jerichower Land in diesem Zusammenhang zu entdecken. Gibt es in Deutschland noch ein zweites Jerichow? Ich lade Sie gern in unser Städtchen ein mit seinem berühmten romanischen Kloster.

    • Danke, das ist sehr freundlich. Bei diesem Jerichow handelt es sich um einen fiktiven Ort in Uwe Johnsons Roman Jahrestage, dessen Vorlage Klütz in Mecklenburg ist.

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