Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

39. Lesung: Der Vergangenheit entkommen (oder nicht)

Heinrich Cresspahl bekommt in Jerichow Besuch aus vergangenen Zeiten, Mrs. Ferwalter wird derweil in New York zur amerikanischen Staatsbürgerin und schafft sich so ein weiteres „Bollwerk gegen die Vergangenheit“. Sie feiert mit Marie und Gesine Cresspahl und fragt, ob denn der Film „Der fünfte Reiter ist die Angst“ nicht etwas wäre. Das verneint Gesine, die von den Stimmen der Toten nun darüber aufgeklärt wird, was mit dem Titel des Films gemeint ist. Die neununddreißigste Lesung handelt deshalb von der Präsenz der Vergangenheit.

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Darum geht es in diesem Blog

Am 2. Juni 2018 hält Birte Förster auf der  um 20 Uhr im Rostocker Rathaus den Abendvortrag „Die Woche mit Frau Cresspahl. Jahrestage schreibend lesen“. Interessierte sind herzlich willkommen.

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Ein Besuch aus alten Zeiten (14. Mai 1968)

Heinrich Cresspahl, der auch unter dem russischen Stadtkommandanten K. A. Pontij Bürgermeister geblieben ist und inzwischen mit illegalen Schwarzmarktgeschäften die Wirtschaft Jerichows am Laufen hält, denkt darüber nach, die Stadt zu verlassen. Er müsste ins Gefängnis, sollten seine Praktiken auffliegen, doch bevor er mit der Tochter in den Westen geht, „wollte er wissen, wohin er sie brachte“. Just in diesem Moment kommt ihn ein alter Bekannter aus Lübecker SPD-Zeiten besuchen: Erwin Plath steht eines Tages vor seinem Haus und bittet formvollendet um ein Glas Wasser. Die Männer begehen das Wiedersehen „eifrig, ohne Mißtrauen, einer am anderen vergnügt“, doch Cresspahl muss bald feststellen: Plath ist nicht um alter Zeiten willen „über die grüne Grenze“ aus Itzehoe nach Jerichow gekommen, sondern weil er die Kommunistische Partei mit alten Sozialdemokraten infiltrieren will. Cresspahl soll einer von ihnen sein.

Der aber lässt sich nicht überreden, denkt an die ungeliebte Zeit in der SPD und versucht beim Wodka, die eigene Enttäuschung im Zaum zu halten. „Er hatte gedacht, Plath wäre einmal seinetwegen gekommen, nicht der Sache zuliebe.“ Als der Gast am nächsten Morgen schon gegangen ist, ist Cresspahl erleichtert. Mitglied der Kommunistischen Partei wird er nicht. In den Westen geht er auch nicht, vielleicht auch, weil Erwin Plath ein so düsteres Bild der britischen Besatzung in Itzehoe gezeichnet hat.

 

Mrs. Ferwalter wird Amerikanerin (15. Mai 1968)

Mrs. Ferwalter, Gesine und Marie Cresspahls jüdisch-ruthenische Nachbarin, kann vor Freude und Aufregung kaum an sich halten und passt die beiden am 15. Mai 1968 vor ihrer Bäckerei ab:

„Mrs. Cresspahl! rief sie. – Marie, meine gute Mariechen! rief sie, so dringend wollte sie ihre Glücksbotschaft mit uns teilen. […] es ist bloß, sie hat ihre Papiere.“

Über die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 muss Mrs. Ferwalter für ihren Einbürgerungstest bescheid wissen. Kupferstich von William J. Stone, 1823.

Die sonst so distanzierte Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, mit den Cresspahls seit deren Ankunft in New York im Jahr 1961 bekannt, feiert diesen Moment gemeinsam mit ihren deutschen Nachbarn, indem sie sie zum ersten Mal in ihre Wohnung bittet. Zum Kaffee und „auch zum Betrachten der Bürgerpapiere“. Denn sie haben gemeinsam geübt für den Einbürgerungstest, die Unabhängigkeitserklärung genauso studiert wie die Verfassungszusätze, von denen der neunzehnte von 1920 auch Mrs. Ferwalter das Wahlrecht gibt. Über Ulysses Grant musste die mögliche neue Staatsbürgerin ebenso Bescheid wissen wie über das Wahlsystem. Für Mrs. Ferwalter, die körperlich und seelisch an den Folgen ihrer Torturen während des NS noch immer leidet, ein aufreibender Prozess.

„Oft war sie mutlos, eine alte Frau, das Gehirn von zerpflügt von Nervenzucken und Schlaflosigkeit, nicht mehr zum Lernen imstande, und ließ sich trösten wie ein Kind. Wenn es uns nicht gelang, verabschiedete sie sich mit langem Händedruck, das Gesicht beiseite, ging traurig und ungelenk davon auf den Beinen, die die Deutschen und Österreicher ihr kaputt gemacht haben“.

Dennoch ist die Aussicht auf die offizielle Zugehörigkeit zum Gastland für Mrs. Ferwalter, die eine totale Schutzlosigkeit erfahren musste, ihr nicht nur „Vergnügen“, sondern auch „eine neue schützende Hülle, noch ein Bollwerk gegen die Vergangenheit“. Sie hat die behördliche Prüfung überstanden, „Stolz angenommen auf diesen Staat“ und feiert nun mit den Cresspahls. Denn die Erinnerung an die Vergangenheit, das Ausgeliefertsein, die Zerstörung ihrer Dorfgemeinschaft haben ein wenig an Schrecken verloren, weil „ihr nun ein Paß“ ihrer neuen Heimat zusteht.

„– Die Freude: sagt Mrs. Ferwalter, fast in Tränen. – Die Freude!“

Auch Mrs. Ferwalter wird am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit.

Dieses neue Bollwerk ermöglicht ihr dazu, endlich individuelle Entschädigung für die Verfolgung durch das nationalsozialistische Deutschland beantragen zu können. Als Angehöriger eines Ostblockstaates war ihr das nicht möglich gewesen. Da der „amerikanische Entlassungsschein aus dem Lager Mauthausen“ den westdeutschen Behörden jedoch für die Anerkennung ihrer KZ-Haft nicht ausreicht, verlangen diese zusätzlich „Kenntnisse in der Sprache ihrer Verfolger“. Für die Behörden der Bundesrepublik soll sie nun einen Brief schreiben, um zu beweisen, „daß sie einmal unter deutscher Herrschaft war“, einen Lebenslauf, so lässt uns Johnson vermuten. Bei dieser absurd motivierten Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse unterstützt sie Gesine Cresspahl, denn „es fällt selbst ihr nicht auf, welches unter ihren Worten denn nun aus dem jiddischen, tschechischen, amerikanischen, hebräischen deutschen Vorrat kommt, und ganz Sätze in nur einer Sprache gelingen ihr nur selten.“ Den Brief schreibt sie mit Gesine Cresspahls Hilfe und kopiert ihn unter deren Augenzeugenschaft ins Reine, denn sie will redlich sein, selbst wenn sie sich Hilfe für das Schreiben „in der Sprache ihrer Verfolger“ sucht.

 

„Es ist bloß die Apokalypse!“ (15. und 17. Mai 1968)

Nach ihrem Kinobesuch in der vergangenen Woche hatte Gesine Cresspahl vergeblich versucht, den Titel des Films „The Fifth Horseman Is Fear“ als englische Redewendung zu entschlüsseln. Die Stimmen der Toten in ihrem Kopf, darunter auch die Mutter Lisbeth, klären sie nun auf über die Verbindung mit der Apokalypse, indem sie die Offenbarung des Johannes in der Übersetzung der King James Bible vortragen. Den fünften Reiter aber, die Furcht, gibt es nicht in der Bibel, wohl aber für die Tschechen.

„Für die sind die Deutschen alle vier Plagen der Apokalypse, und noch mehr als Raub und Krieg, Hunger, Pestilenz und Tod. Für die haben die Deutschen eigens einen fünften Reiter mitgebracht, die Angst.

Die Bevölkerung Prags verfolgt erbittert die deutsche Besetzung  am 15. März 1939.

Am 15. Mai 1968 ist in der New York Times von der Warnung der ostdeutschen Regierung an die tschechoslowakischen Kollegen zu lesen, sich keine Illusionen zu machen „über die Möglichkeit der Kooperation mit dem deutschen Imperialismus“, als Beleg dienen die Konzentrations- und Vernichtungslager Buchenwald, Majdanek, Mauthausen und Lidice. Radio Prag antwortete: „If millions of dead did not rest behind these things one could describe it as downright piquant that the victims from Buchenwald, Maidanek and Mauthausen are called to mind in Berlin, of all places!“ Im August 1968 aber betrieben die Staaten des Warschauer Pakts eine andere Symbolpolitik und ließen die Nationale Volksarmee dreißig Jahre nach dem Angriff NS-Deutschlands auf die Tschechoslowakei nicht mit einmarschieren.

Die Stimmen in Gesine Cresspahls Kopf aber raten ihr vehement von einem Umzug nach Prag ab:

Du kannst da nicht reden, nicht arbeiten, nicht leben. Gib es auf.

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Literatur

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Stefan Karner, Der kurze Traum des Prager Frühlings und Moskaus Entscheid zu seinem Ende, in: Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.), Die letzte Chance? 1968 in Osteuropa. Analysen und Berichte über ein Schlüsseljahr, Hamburg 2008, S. 28-43.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.