Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

36. Lesung: „Wir sind angewiesen aufeinander“

| 2 Lesermeinungen

Marie und Gesine Cresspahl sind seit elf Jahren die einzige Familie, die beide haben, denn Jakobs Mutter „wollte allein leben“. Ihren Großvater Heinrich Cresspahl hat Marie nur einmal gesehen, eine Figur in schwarzem Mantel, der zu seiner Enkelin durch das Plattdeutsche keine Nähe herstellen konnte, sondern Fremdheit schaffte. Marie hat in diesem Aufeinander-angewiesen-Sein „ihre Gegenwehr unter Mühen erfunden“, ihre Mutter schenkt ihr dafür wieder und wieder den Freiraum. Von dieser Beziehung handelt die sechsunddreißigste Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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Schon als Kleinkind hat Marie die Mutter nicht für sich allein. Ihre Zeit unterscheidet sie danach, „ob sie teilen muss mit jener unbesieglichen Arbeit“ oder nicht. Da sie keinen Vater kennt, hat sie lange kein Wort für ihn. Von Beginn an ist klar, ihr bleibt „nur diese eine Partnerin, verfügbar und lästig in einem“. Die Tochter soll anders aufwachsen als Gesine selbst, sie lernt Hoch-, nicht Niederdeutsch, vor allem aber muss sie nicht gehorchen, sich nicht den Wünschen ihrer Mutter beugen: „man konnte Schlafenszeiten bei ihr durchsetzen, auch Ausflugsziele und hatte man einen Baum mit brennenden Kerzen weggewünscht, so versteckte die Andere zuverlässig, wie aus einem Streichholz eine Flamme herausplatze“.

Nur gegen die Arbeit der Mutter ist kein Ankommen, und die Arbeit ist – aus Sicht der kleinen Marie – auch der Grund für den Umzug nach und das Bleiben in New York, wogegen sie sich allem Ankommen in der neuen Heimat zum Trotz noch lange wehrt. Allerdings ist sie es, die sich viel schneller und sicherer in der Stadt bewegt, die ihr Englisch mit dem örtlichen Akzent spricht, über die Anrede von Polizisten Bescheid weiß und sich im Viertel auskennt.

„Wer machte die Familie Cresspahl zu angesehenen Kunden in Maxies Obstmarkt wie bei Schustek, wenn nicht das Kind, das die Ware vorkostete und den Einkauf mit Kopfnicken guthieß? Wer wußte als erste, daß Rebecca Ferwalter kein beliebiges Kind war, sondern den Sonnabend Sabbath nannte? […] In der Subway, wer wußte deren Namen gleich auf Amerikanisch auszusprechen und war es nicht das Kind, das unter den Routen zum Atlantik die schnellste herausfand?“

Samstägliches Refugium der Cresspahls: die South Ferry. Hier der Anleger am Battery Park

Ihre Mutter unterscheidet sich durch ihre Berufstätigkeit von den meisten Müttern in Maries Schule, die in den späten sechziger Jahren noch die von Betty Friedan beschriebenen Hausfrauen sind. Marie, die sich in beiden Sprachen, lieber aber im Englischen bewegt, hat vielleicht in der neuen Sprache den Gedanken denken können, dass das Leben mit ihrer idealistischen Mutter nicht immer leicht in ihrem konkreten amerikanischen Alltag ist. „Die Mutter hatte aus ihrem Europa Ideen mitgebracht, die sollte das Kind hier gebrauchen.“ Damit muss die Elfjährige einen Umgang finden, nicht immer kann sie beides integrieren, aber die Mutter kann es ebenso wenig, „einer Sache Sozialismus wollte sie den Vorrang geben, in einem kapitalistischen Land arbeitete sie, in einer Bank!“ Im Urlaub, am Lake Patton nimmt sich Marie deshalb über Botengänge Freiräume, denn die Mutter fordert zwar keinen Gehorsam, aber sie fordert Auseinandersetzung, was sich nicht einfach in „Denken“ und „Tun“ übersetzen lässt.

Zugleich, das wird im Roman immer wieder deutlich, versucht Gesine Cresspahl der Tochter viel Selbständigkeit zu ermöglichen, im Rahmen klarer Regeln, die vor allem für das Bewegen in der Stadt gelten. Die Mutter nimmt Ärger in der Schule auf sich, wenn er durch diese Freiheit bedingt ist, sie begleitet ihre Tochter viel mehr, als dass sie sie erzieht. Das tut sie aus Sicht der katholischen Schwestern an Maries Schule auf die falsche Weise. Das Verhältnis von Mutter und Tochter – das bildet der Roman auch in der Erzählweise ab – ist ein dialogisches. Marie soll eine eigene Meinung haben, sie soll ein von sich selbst her definiertes, autonomes Subjekt sein dürfen, ganz anders als Gesine die eigene Mutter erlebt hat. „Mary Fennimore Cooper“ nennt sie sich denn auch zu Beginn des Romans, sie kann sich selbst als Individuum erschaffen, sogar den Nonnen in der Schule hat sie beigebracht, ihren Namen so auszusprechen, wie sie es wünscht: „M’rie“. Sie wird als Teenager wohl eher der unbeschwerten Marjorie gleichen; dass sie eine Mecklenburgerin sein könnte, weist sie wiederholt von sich.

Proteste gegen den Vietnamkrieg im Central Park 1969

Die Tochter beginnt, sich von der Mutter zu lösen und Gesine hält den Rahmen dieses Ablösungsprozesses in den Händen, fängt die Enttäuschung ihrer Tochter auf, die mit einem indianisch anmutendem Kopfschmuck auf eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg unterwegs ist und stante pede auf dem Weg zum Central Park umkehrt, als sie erfährt, dass ihr Idol John Lindsay auf zwei Hochzeiten zu tanzen beliebt. Der New Yorker Bürgermeister nimmt am 27. April 1968 zuerst an der Loyalty Day Parade teil und will dann zu den Gegendemonstranten in den Central Park sprechen, wo auch Coretta Scott King als Rednerin erwartet wird. Das enttäuschte Mädchen zieht sich in das Samstagsrefugium zurück, das sie sich und ihrer Mutter geschaffen hat, denn so soll der freie Samstag ausgefüllt werden: „Es war das erste Mal, daß sie nicht in verkündendem Ton, geradezu bittend sagte: Es ist Sonnabend, immerhin. Laß uns einen Tag mit der South Ferry machen, daraus.“ Dass Marie ihren Kopfschmuck zerschneidet, um damit ihr Haar zu binden, das sie inzwischen wieder zu Zöpfen geflochten hat, ist ein Bild für die Erfahrung, sich von verlässlicher Wahrnehmung, von gemachter Wahrheit verabschieden zu müssen. Zuhause wird sie die Bilder John Vliet Lindsays aus ihrem Sammelbuch reißen. Gesine Cresspahl aber, für die Marie die einzige Tochter und das einzige noch lebende Familienmitglied ist, stemmt sich mit aller Macht dagegen, eine Helikoptermutter zu sein.

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Literatur:

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Johann Siemon: Liebe Marie, dear Mary, dorogaja Marija. Das Kind als Hoffnungsträger in Uwe Johnsons Jahrestagen, in: Johnson-Jahrbuch 3 (1996), S. 123-145.


2 Lesermeinungen

  1. Gesine
    Ich habe die „Jahrestage“ vor langer Zeit von meinem Vater als Geschenk erhalten. Ein geniales Werk eines leider oftmals unterschätzten / unbekannten Autors. Wie würde sich mein Vater freuen, wenn er Ihren Lektüreblog noch lesen könnte, bzw. erlebt hätte…. Vielen Dank für Ihre Arbeit!

    • Danke. Ich finde es schön, wenn man sich bei der Lektüre an jemanden erinnern kann und darf.

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