Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

31. Lesung: Heimat lernen

| 2 Lesermeinungen

Am Tag des 17. März 1968 erzählt Uwe Johnson von den Sommerferien, die Gesine Cresspahl im Sommer 1942 erneut mit ihren Verwandten in Althagen auf Fischland verbringt. Hilde und Alexander Paepcke schaffen für die Kinder eine Sommeridylle, ein Gefühl nicht fremd zu sein inmitten einer üppigen, auch verwilderten Landschaft, in der niemand mit „barftem Kopf“, also ohne Liebkosung ins Bett gehen muss. Gesine lernt hier Heimat und das nicht nur in Boddenwiesen, sondern auch in Büchern. Einundreißigste Wochenlektüre.

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Im Sommer 1942 wartet „ein neunjähriges Kind in einem zu oft gewaschenen, zu langen Kleid“ am Bahnhof in Ribnitz, an der Südspitze der Halbinsel Fischland vergeblich auf seinen Onkel. Der hat in Stralsund den Anschlusszug verpasst und so macht sich das Kind allein mit dem „Fischlanddampfer“ auf den Weg nach Althagen. Gerade noch rechtzeitig erwischt sie ihn, er „saß da, wie eine fette schwarze Ente, die es eilig hatte“. Später wartet sie wieder am Althagener Hafen „auf der rechten Seite der Bucht“, ohne Geld und etwas ängstlich: „Sie konnte nicht beweisen, daß sie nach Jerichow gehörte. Sie fürchtete das Paepckesche Ferienhaus nicht mehr zu finden nach den drei Jahren.“

© dpaLandkarte von Fischland-Zingst-Darß, Ribnitz liegt im Südwesten der Halbinsel

Als Alexander endlich auch mit dem Dampfer ankommt, fragt er seine Nichte zu allem Übel auch noch nach Aggie Brüshaver und ihren Kindern, doch die sind im April 1942 einem Bombenangriff auf Rostock zum Opfer gefallen. Die in Jerichow nur noch geduldete Aggie Brüshaver arbeitete seit 1939 in Rostock als Krankenschwester, sie hatte „Nachtdienst in der Klinik, und ihre Kinder waren allein zuhause, als sie verbrannten“. Dass sie ihren Cousins und Cousinen davon nicht erzählen soll, begreift Gesine nicht, die „hatten Marlene doch gar nicht gekannt“.

Althagen ist ein Ortsteil von Ahrenshoop, das Ferienhaus der Paepckes liegt zum Bodden hin. In der Bildmitte der Althagener Hafen.

Ein holpriger Ferienbeginn, der sich unmittelbar wendet, als das Mädchen am Haus ankommt, es wiedererkennt.

„Der Garten war ganz wild geworden. Sorgfältig angelegt mit einer Terrasse für Blumen und einer niedrigeren für Gemüse, war er nun zugewachsen mit Gras, Unkraut, überlebenden Blumen, ausgeschlagenen Büschen, die ihn dicht umstanden. Zum Bodden hin war eine Pforte, die auf einen wieder umwachsenen Rasenplatz führte, und der Rundlauf war noch heil. Wenn drei Kinder sich an die Seile hingen und laufen anfingen, konnten sie bald hoch über den Büschen im Kreis fliegen. Nun fingen die Ferien auf die richtige Art an, denn alle kamen sicher an, keins stieß gegen die eiserne Stange.“

In diesem Haus, das Alexander Paepckes Großonkel um 1902 von einem Maler wohl der Ahrenshooper Künstlerkolonie gekauft hat, haben die Zimmer Namen. Es ist vollgestopft mit alten Möbeln, „eben recht für Kinder. In allen Zimmern standen Blumen.“ Zeitungen und Radio und damit der Krieg sind vorerst verbannt. Wasser wird im Garten gepumpt. Johnsons Frau Elisabeth hatte die Ferien bei ihrer Tante Ilse Schmidt verbracht, der das Haus im heutigen gehörte, das der Maler 1895 als Büdnerei Nr. 9 erworben hatte. Lage und Beschreibung des Hauses ähneln denen im Roman.

Boddenlandschaft bei Ahrenshoop im Juli 2017

Gesine verbringt die Ferien in einer Idylle:

„Vom Ostzimmer oben war tief hinunterzusehen auf den morgenweißen Bodden, die Boddenwiesen, die lange Wochen unter Wasser standen. Das Wasser ging bis an die Knöchel. Darin zu gehen war angenehm, wegen des platschenden Gefühls unter den Sohlen, und nicht geheuer, weil es so tat wie das Moor in Büchern. Oft lagen vor dem dünnen Horizont Zeesenbote still, ohne die braunen Segel nach der Nachtarbeit.

Zum Westen hin, wo die See war, stieg das Land hoch auf. Noch heute auf einem steilen Weg, erwarte ich die Ostsee, die das Kind damals unverhofft von oben gesehen hat.“

Alexander bringt den Kindern, zu denen sich auch Gesines Berliner Cousin Klaus Niebuhr gesellt hat, das Schwimmen bei, „auch indem er ihnen einredete, sie könnten es bereits“. Die stromern über die Insel, kaufen Schnecken bei Malchen Saatmann, in deren Backstube es so gut riecht wie Prousts Madeleine geschmeckt haben muss – ein Duft den die Hauptfigur nach dem Krieg nie mehr wiederfindet und der zur verlorenen Zeit dieser unbeschwerten Sommerferien gehört, in denen der einzige Ärger durch das gleichnamige Spiel verursacht wird, bei dem sich vor allem Alexander als „ein Mensch, Der Sich Ärgert“ erweist.

Die Ostsee von oben: Blick von der Kliffranddüne „Hohes Ufer“ bei Ahrenshoop

Heimat, so der Literaturwissenschaftler Norbert Mecklenburg, wird in den „Jahrestagen“ als ein „Ort der Nicht-Fremdheit“ erzählt, ein Ort, „an dem ein individuelles Leben gelingt“. Für die neunjährige Gesine ist Literatur ein Teil dieser Heimat in Althagen. Tausendundeine Nacht, Grimms Märchen, Reineke Fuchs und Annette von Droste-Hülshoffs „Knabe im Moor“ streifen durch die Ferien, den leichten Grusel des Gedichts nimmt sie mit beim Gang über die überschwemmten Boddenwiesen, der Onkel ist bereits als großer Geschichtenerzähler und Vorleser eingeführt. Beim Lesen findet das Mädchen zu sich:

„In jedem Zimmer konnte ein Kind allein sein. Dort, auf dem wackligen Sofa mit sanft sich aufbäumenden Seitenlehnen, habe ich mich ins Morgenland gelesen, schritt auf Marmorstufen hinab zum Wasser, wo große Fische anlegten, und war Harun al-Raschid.“

Auf die Ankunft Heinrich Cresspahls Ende Juli freut sich Alexander schon sehr. Mit ihm aber kommt auch die Realität des Krieges auf die Halbinsel, denn er trifft sich in Ahrenshoop mit einem Mann mit Parteiabzeichen, vermutlich der Kontaktmann des Spions Cresspahl. Seinen Schwager beobachtet ihn dabei: ob er Cresspahls Lüge, der Herr habe ihn für einen Badegast gehalten, akzeptiert, ist nicht deutlich. Gesine aber wirft ihrem Vater die Lüge vor: das habe der Onkel nicht verdient, dieses mangelnde Vertrauen. „He süll mi nich truun mötn“ entgegnet ihr der Vater, der in diesem Sommer alle Verbindlichkeiten Alexander Paepckes übernimmt und der Tochter so einen Anteil am Althagener Haus sichert.

Das individuelle Leben – den Paepckes scheint es zu gelingen. Doch Alexander Paepcke wartet bei seiner Abreise nach Frankreich mit luxuriösen Abschiedsgeschenken auf, deren Herkunft nicht nur Cresspahl suspekt sind. Sein strenger Blick deutet darauf hin, dass dieses gelungene Leben auch auf Kosten anderer geführt wird. Die Idylle des Sommers 1942, sie ist eine flüchtige. Vor die Wahl gestellt, den Rest der Ferien bei den Paepckes zu verbringen oder mit dem Vater zurück nach Jerichow zu fahren, sagt die Tochter „ohne Überlegung: Ich will mit na Jerichow. Næm mi mit“. Vielleicht hat sie den Spruch im Ohr, den ihr wohl der Onkel aufgesagt hat:

Be wise then, children, while you may,
For swiftly time is flying.
The thoughtless man, who laughs today,
To-morrow will be dying.

 

Vom Bahnhof Ribnitz, an dem Gesine Cresspahl vergeblich auf ihren Onkel Alexander Paepcke gewartet hat, geht es zurück nach Jerichow.

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Literatur:

. Künstler, Häuser, Kolonie, Rostock 2014, S. 26.

Norbert Mecklenburg, Die Erzählkunst Uwe Johnsons. Jahrestage und andere Prosa, Frankfurt a. M. 1997.

Barbara Scheuermann, . „in all de annin Saokn büssu hie nich me-i to Hus“, Göttingen 1998 (Johnson-Studien 2).

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.


2 Lesermeinungen

  1. Dr. rer. nat
    Sehr verehrte Frau Förster,
    von allem Anfang lese ich Ihren Blog zu Johnsons „Jahrestagen“.
    Jeder Abschnitt berührt mich zutiefst.
    Der Heutige, der über Ahrenshoop und Ribnitz u. a. erzählt, berührte mich besonders. Im Sommer 1958 erlitt ich beim Fußballspielen in Ahrenshoop einen Sportunfall. Mangelndes ärztliches Wissen resp. klinische Ausrüstung beschert mir noch heute Schmerzen.
    Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit über Johnson.
    PR

  2. Titel eingeben
    Eine wunderschöne Erzählung und zum Teil berührende.

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