Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

27. Lesung: „Ihre Frau ist jetzt gestorben“

Am 10. November 1938 kommt Lisbeth Cresspahl unter nicht ganz geklärten Umständen bei einem Brand ums Leben, Kriminalkommissar Vick wie Pastor Brüshaver versuchen, sich diesen Tod zu eigen zu machen, Heinrich Cresspahl versucht, seinen Hergang zu verstehen. Um die kleine Tochter weiß in dieser Ausnahmesituation sich keiner recht zu kümmern, fast dreißig Jahre später liegt sie mit Fieberphantasien in New York und muss das Erzählen abgeben. Siebenundzwanzigste Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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„Lisbeth Cresspahl ist aus dem Leben gegangen“ (18., 19., 21. und 24. Februar 1968)

Kaum steigt Cresspahl nach seiner Rückkehr aus Wendisch Burg in Gneez aus dem Zug, wird er von Kriminalkommissar Vick zum Verhör abgeholt. Von den Ereignissen der Pogromnacht weiß der Witwer noch nichts, er hat seine Routinen unterbrochen und noch keine Zeitung gelesen, in Wendisch Burg auf der Schleuse hat er nichts mitbekommen und nun sitzt er – im durch Kursivierung als imaginär gekennzeichneten – Verhör auf der Gneezer Polizeiwache und wird kunstvoll ausgehorcht. Zu seiner Frau darf er nicht, für seinen Aufenthalt in Malchow und Wendisch Burg hat er Zeugen, im Schwager seiner Schwester einen besonders validen, denn Peter Niebuhr ist „vom Reichsnährstand“.

Vick will die Brandursache klären, will wissen, warum niemand im Haus die brennende Scheune bemerkt hat, ob es Brandstiftung gewesen sein könnte, doch Cresspahl hält es für unmöglich, das Tor unbemerkt aufzubrechen. Und dafür gibt es keine Spuren. Vick hält einen Konflikt zwischen Jansen und Cresspahl für ein mögliches Mordmotiv, denn der Bürgermeister ist von Lisbeth Cresspahl attackiert worden und erzählt nun schon im ganzen Dorf, sie habe sich das Leben genommen.

Die Feuerwehr konnte nicht löschen.
Versucht haben sie es wohl, Herr Cresspahl. Sie haben richtig den Hydranten auf dem Ziegeleihof gefunden und angeschlossen und die Schläuche verlängert, dauert alles seine Zeit, und dann ging das Pumpwerk nicht. Die haben mit der Spritze Unfug bei den Juden gemacht.
Und wer war das?
Jansen, Herr Cresspahl.

Vick denkt von sich, er repräsentiere die ‚bessere Seite’ des Nationalsozialismus, nicht korrupt wie Bürgermeister Jansen, er ist bei der Kripo, nicht der Gestapo tätig, wie er nicht müde wird zu betonen. Cresspahl kann er nichts anlasten und ihn auch nicht zu einer Anzeige gegen Jansen bewegen. Lieber nimmt Cresspahl in Kauf, sich die abgebrannte Werkstatt nicht von der Versicherung erstatten zu lassen. Zu seiner Frau darf er erst am kommenden Tag, ihre Leiche wird im Gneezer Krankenhaus obduziert.

Nachdem Cresspahl von Vick den Tathergang nur häppchenweise und unvollständig erfahren hat, macht er sich selbst an dessen Rekonstruktion, der Kriminalkommissar ist ihm dabei dicht auf den Fersen. Sein Hof und die niedergebrannte Scheune bieten ein Bild der Verwüstung, die Feuerwehr hat nun eine Wache aufgestellt „bei der Ruine, die sie nicht hatte löschen können“, weil sie ihre Pumpe zerstört hatten. Vom Schlafzimmer aus folgt der Erzähler Cresspahls Blick auf die fehlende Windlaterne in der Küche, eine Spur der Eile wie auch die gegen alle Gewohnheiten seiner Frau abgesäbelte Wäscheleine, die doch von allen „Pflichtjahrmädchen“ verlangt hatte, „jeden Knoten aufzulösen“. Noch abgebrannt ist das Tor zur Werkstatt als fest verschlossen sichtbar, eine Brandstiftung scheint tatsächlich ausgeschlossen.

Psalm 39, Vers 6

Um niemanden zu wecken, hatte Lisbeth kein Licht gemacht, drinnen „hatte sie noch einmal die Wahl“, nämlich der Art ihres Sterbens. Möglicherweise war es ihrer Eitelkeit geschuldet (schon einmal hatte diese aus Lisbeths Sicht einen Suizidversuch zum Scheitern gebracht), dass sie sich nicht mit der Wäscheleine erhängt hatte, denn „vielleicht wollte sie nicht schiefköpfig mit gebrochenem Genick gesehen werden“.

Sie wollte „überhaupt nicht gefunden werden“, hatte wohl die Windlaterne umgestoßen und sich dann in der Futterkammer eingeschlossen, die Füße gefesselt und den Schlüssel „in eine Ritze am Boden geklopft“, um den eigenen möglichen Fluchtversuch zu verhindern. Tatsächlich geht ihr düsterer Plan auf, die Feuerwehrleute finden sie tatsächlich nicht gleich und dann „hatten sie sich nicht sehr beeilt, sie nach draußen zu tragen“. Noch eine weitere Spur findet Cresspahl, bevor Vick ihm auflauert:

„Der kreidene Umriß zeigte eine auf der Seite liegende Gestalt, die Arme am Leib wie bei einer Schlafenden.“

Von Pfarrer Brüshaver erfährt Heinrich Cresspahl, dass man seine sterbende Frau auf einen braunen Mantel gebettet hat, sie ist umringt von Angestellten, den Creutzens, den Brüshavers und Friedrich Jansen, als Doktor Berling den Tod durch Ersticken feststellt und Aggie Brüshaver sie zudeckt. Lisbeth Cresspahls Kleidung beschreibt Brüshaver nicht, denn „in dem Nachthemd waren durchgeglühte Stellen aufgefallen“ – Zeichen ihres ungeschützten Körpers. Was aus der jungen Frau geworden ist, die mit achtzehn fröhlich und ungestüm „Schnittlauch auf allen Suppen“ gewesen war, wie die „secrets in my head“ Überhand gewannen, die Depression die Mutter erfasst hatte, das quält noch dreißig Jahre später ihre Tochter. Die hadert mit der Rückkehr ihrer Eltern nach Jerichow nicht nur deshalb, weil ihr Vater sehenden Auges in eine Diktatur umzog, sondern auch weil ihre Mutter in England vielleicht zu retten gewesen wäre.

Ein Kreuz auf einem Friedhof, aufgenommen am 29.11.2017 bei Bockenem. Foto: Frank May/picture alliance

„Aus dem beschädigten Leben“ eines Pfarrers (21. und 22. Februar 1968)

Kriminalkommissar Vick will Lisbeth Cresspahls Tod dazu nutzen, Jansen loszuwerden, weil „das Pack aus unseren Reihen verschwinden muss“, aber Cresspahl spielt ihm nicht in die Hände. Brüshaver macht sich ihren Tod (mit dem Wissen, ja gedrängt von seiner Frau Aggie) zu eigen, um damit aufzuhören, „falsch zu leben“ – wie Uwe Fries anmerkt, ein Echo auf Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.

Wilhelm Brüshavers falsches Leben soll nun ein Ende haben. Dafür hat er mehrere Möglichkeiten. Die Tannebaums verweigern ihm ein stilles Begräbnis ihrer in der Pogromnacht ermordeten Tochter auf seinem Friedhof – „Sie is nu gestorben wie ne Jüdin; so soll sie denn ne jüdische Beerdigung kriegen“, lässt ihn Oskar Tannebaum wissen, kurz bevor er mit seiner Familie Jerichow verlässt. Da Cresspahl ihm eine Totenrede verweigert, hält der Pfarrer am 13. November 1938, dem 22. Sonntag nach Trinitatis „den Jerichowern die Rede, die Cresspahl am Grab nicht hatte hören wollen“, und überwirft sich mit seiner geistlichen wie weltlichen Herrschaft.

Psalm 39, Vers 7

„Es ging die Bürger von Jerichow gar nichts an, wie Lisbeth Cresspahl gestorben war. Der Selbstmord sei nicht vor Menschen oder aus moralischen Gründen verwerflich. Es sei eine Sache zwischen Lisbeth und ihrem Gott, daß sie von ihm mehr erwartet habe, als er habe geben wollen. Sie sei zum Sterben so frei gewesen wie zum Leben, und wenn sie auch besser das Sterben ihm überlassen hätte, so habe sie doch ein Opfer angeboten für ein anderes Leben, den Mord an sich selbst für den Mord an einem Kind.“

Psalm 39, Vers 8

Indem er aus Lisbeths Selbstmord ein Opfer, eine Schuldübernahme macht, kann der Pfarrer ihr jenen Segen gewähren, den Selbstmörder eigentlich nicht erhalten dürfen und die von Cresspahl verlangte Lektion aus Psalm 39, genau der Verse 5-8 und 13f. vortragen. Doch er belässt es nicht bei dieser Umdeutung ihres Sterbens, er liest auch seiner Gemeinde, dem NS-Regime und vor allem wohl sich selbst die Leviten:

„Jetzt kam die Aufzählung, die die Grundlage des Urteils gegen Brüshaver wurde. Er fing an mit Voss, der in Rande zu Tode gepeitscht worden war, er vergaß weder die Verstümmelung Methfessels im Konzentrationslager noch den Tod des eigenen Sohnes im Krieg gegen die spanische Regierung, bis er in der Mittwochnacht vor dem Tannenbaumschen Laden angelangt war. Gleichgültigkeit, Duldung, Gewinnsucht. Verrat. Der Egoismus auch eines Pfarrers, der gesehen hatte nur auf die Verfolgung der eigenen Kirche, der geschwiegen habe entgegen seinem Auftrag, unter dessen Auge ein Gemeindeglied sich seinen eigenen, unentwendbaren, gnadenlosen Tod habe suchen können.“

Das lange Stillhalten und Schweigen, Thema auch in Martin Niemöllers sprichwörtlich gewordenem Schuldbekenntnis („Als die Nazis die Kommunisten holten“), hat nun für Brüshaver ein Ende. Im Morgengrauen des 15. November 1938 wird er von der Gestapo verhaftet.

Psalm 39, Vers 13

 

„Mudding secht de Dodn kåmen fri“ (15., 20. und 23. Februar 1968)

Gesine Cresspahl kann der Tochter nicht erzählen, wie ihre Mutter ums Leben gekommen ist. Seit die Erinnerung daran zurückgekehrt ist, seit Lisbeth Cresspahls gewaltsamer Tod am 10. November 1938 sich in die Chronologie der Jerichow-Erzählung einfügen muss, liegt sie mehrere Tage lang fiebernd in der New Yorker Wohnung. Marie hat den Kinderarzt Dr. Rydz gerufen, weil die im Schlaf Phantasierende sie ängstigt, doch für Gesine Cresspahl verschwimmen gegenwärtige und vergangene Personen, Rydz hält sie für ihren Patenonkel Arthur Semig, allerdings aus dem Jahr 1960, als der Verschollene von seiner Frau Dora ersucht wurde, sich beim Amtsgericht Hamburg zu melden. Mrs. Erichson wird zu Louise Papenbrock, die sie „nicht nachts an meinem Bett“ sitzen haben will.

Von Feuer hat Gesine phantasiert, dem Geburtstag ihrer Mutter und von Leuten in „schwarzen Anzügen und Kleidern“. Heinrich Cresspahl hatte seine Tochter bei seiner Schwester, „bei den Fremden auf der Schleuse“ gelassen, erst am Morgen der Beerdigung war die Fünfeinhalbjährige mit den Niebuhrs nach Jerichow gekommen. Das Kind hatte sich sechs Tage zuvor winkend von der Mutter verabschiedet, nun kommt es zurück auf den halb zerstörten Hof, nichts ahnend von der Verwüstung durch das Feuer, emotional nicht versorgt. „Als Cresspahl sie in das ausgeräumte Büro führte, war es ganz finster von Leuten in dunkler Kleidung.“

Es ist für das Kind Gesine unvorstellbar, dass in dem „Kasten aus hellem Holz“ ihre Mutter liegen soll, im hergerichteten Leichnam der Mutter erkennt sie diese nicht wieder, die ihr „fremden Hände“ sind „nicht heiß wie vom Feuer, sondern kalt wie ein Schaufelstiel im Winter“. Die Mutter hatte ihr von der Auferstehung und Befreiung der Toten erzählt, und nun erlebt das kleine Mädchen das genaue Gegenteil: „die Mutter sollte in die Erde gesperrt werden, ganz anders als sie gesagt hatte“. Sie versteht ihren Vater nicht, der das „Begraben der Mutter erlaubte“, und muss sich von Pfarrer Brüshaver „die Hand mit den drei Schaufeln Erde führen“ lassen, dann schläft sie erschöpft auf den Armen des Vaters ein.

In New York weckt Marie Cresspahl ihre Mutter, weil sie im Schlaf spricht.

„– Was träumst du denn Gesine.
– Daß ich schlafe, glaube ich.“

Psalm 39, Vers 14

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Literatur:

Theodor W. Adorno: Asyl für Obachlosen, in: ders. Minima Moralia. Reflexionen aus einem beschädigten Leben, Frankfurt a. M. 1973 (EA 1951), S. 40–42.

Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“. Erzählstruktur und politische Subjektivität, Göttingen 1990.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Uwe Johnson: Neuigkeiten von Cresspahls Tochter 2, in: „Wohin ich in Wahrheit gehöre“. Ein Uwe Johnson-Lesebuch, hg. und mit einem Nachwort versehen von Siegfried Unseld, Frankfurt a. M. 1994, S. 100–105.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Winkler, Tanja: „Ungeschickt, wie ein Kind. Als hätte sie es nicht gelernt“. Aus dem Leben von Lisbeth Cresspahl, Johnson- Jahrbuch 20 (2013), S. 237-250.