Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

23. Lesung: Krach im Weißen Haus

Eartha Kitt sagt im Weißen Haus ihre Meinung und bringt so angeblich Lady Bird Johnson fast zum Weinen. In Jerichow wird Pfarrer Brüshaver bei seinen Predigten von der Gestapo bespitzelt. Arthur und Dora Semig verlassen Deutschland. Von Freiheit, Meinung und Meinungsfreiheit. Dreiundzwanzigste Lesung.

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Darum geht es in diesem Blog

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Eartha Kitt verweigert die bella figura (18.-20., 22., 23. und 25. Januar 1968)

Im Januar 1968 liegt Gesine Cresspahl im innerlichen Clinch mit ihrer ständigen Begleiterin, der New York Times. Denn bei einer Anhörung der Equal Employment Opportunity Commission zur Lage afroamerikanischer und puertorikanischer Angestellter, schneidet die alte Tante Zeitung überaus schlecht ab. Nur drei von zweihundert Journalisten sind nicht weiß, zu den Redakteuren schweigt sich das Blatt berede aus. Die liberale Politik der Zeitung schlägt sich nicht in der Einstellungspolitik nieder, das ärgert die Leserin Cresspahl. Die inneren Stimmen werfen Gesine sogleich vor, ein „keifendes, tückisches altes Weib“ erzähle ihr, wie es auf der Welt zugeht. Deshalb ist die Tante nun unter verschärfter Beobachtung, und dazu gibt ein Besuch Eartha Kitts im Weißen Haus Anlass.

Lady Bird Johnson, April 1968.

Für den 18. Januar 1968 war Eartha Kitt gemeinsam mit 49 anderen Frauen von Lady Bird Johnson zu einem sogenannten Women Doers‘ Luncheon geladen worden. Die First Lady hatte diesen Termin 1964 ins Leben gerufen, um mit professionellen wie ehrenamtlich tätigen Aktivistinnen zu unterschiedlichen Themen ins Gespräch zu kommen – etwa so als lüde Melania Trump die Initiatorinnen der #MeToo-Debatte und von Time’s Up zu sich ins Weiße Haus. Denn Hollywood-Größen waren bei diesen Treffen gern gesehen, und so wurde die Sängerin und Schauspielerin Eartha Kitt zu einem Mittagessen gebeten – sicher in der Hoffnung, der Star, der vor allem für ein weißes Publikum vermarktet wurde, würde dabei bella figura machen und dem Anliegen des Präsidentin zusätzlich Aufmerksamkeit und Glanz verleihen.

Eartha Kitt, Oktober 1967

Bei dem Treffen ging es um die Frage, wie die Kriminalität auf Amerikas Straßen zu bekämpfen sei. Kitt hatte sich zu diesem Zeitpunkt erfolgreich um staatliche Unterstützung für die Gruppe Rebels with a Cause bemüht, die sich in einem Problemviertel der Hauptstadt Washington um Jugendliche kümmerte. Außerdem hatte sie in Los Angeles im Stadtteil Watts, der für seine hohe Kriminalitätsrate bekannt war, mit Jugendlichen gearbeitet. Wegen ihres Engagements war sie auch für ein Beratungsgremium im Gespräch, das dem Präsidenten in Fragen zu mehr Chancen für Jugendliche zur Seite stehen sollte.

Folgendes Vergehen gegen die Etikette hatte sich im Weißen Haus zugetragen: Als der Präsident die Gäste seiner Frau mit den Worten begrüßte, schon die Gründerväter seien der Ansicht gewesen, Mütter sollten ihre Kinder davor bewahren, kriminell zu werden, hakte die Catwoman-Darstellerin der aktuellen Staffel der Fernsehserie „Batman“ nach: Was solle man mit delinquenten Eltern tun, die sich gar nicht um ihre Kinder kümmerten? Lyndon B. Johnson lobte die Frage, verwies auf Kinderbetreuungsprogramme der Regierung und verließ den Raum. Nach den Kurzvorträgen pochte Kitt in der Diskussion darauf, dass man auch nach den Ursachen für Jugenddelinquenz fragen müsse.

„Miß Kitt wußte eine Antwort auf die Frage, warum junge Leute auf der Straße rebellieren, warum sie Rauschgift nehmen und auf die Schule verzichten: ‚Weil man sie von ihren Müttern wegreißt, damit sie in Viet Nam erschossen werden.‘ ‚Ihr schickt die Besten des Landes in Tod und Verstümmelung.‘“

Die populäre Schauspielerin, die auch Mitglied der Women’s International League for Peace and Freedom war, hatte damit ungewöhnlich deutliche Worte gesprochen, mit denen die Gastgeberin nicht gerechnet hatte:

„Zwar war die Frau des Präsidenten blaß, aber sie stand auf und erklärte mit zitternder Stimme unter aufquellenden Tränen: Mit Gewalt könne man nicht alle Probleme lösen.
Eartha Kitt: Die anderen Gäste kennen die Ghettos von Ausflügen, sie aber habe in der Gosse gelebt.
Mrs. Johnson: Ich kann nicht die Dinge verstehen, die Sie verstehen.
Miss Kitt: Da ist wohl was verfehlt worden.“

Titelseite der NYT am 19. Januar 1968

In den Interviews nach dem Treffen nahm Kitt ihre Haltung nicht zurück, sie habe – ihrem Herzen folgend – ihre Meinung eben äußern müssen. Die First Lady hatte unmittelbar die Oberhand in der nun folgenden Debatte. Auch sie legte nach und sie bedauerte „den schrillen Ton der Wut und Zwietracht“, der vom Thema des Treffens abgelenkt habe. Sie zeigte zudem Verständnis für Kitts verhalten und ihre Umarmungstaktik funktionierte. Die Mehrheit der amerikanischen Presse schlug sich auf die Seite Lady Bird Johnsons, weil sie Verständnis für die – laut New York Times – „rüde“ Art Eartha Kitts aufbrachte. Gesine Cresspahls Leib- und Magenzeitung macht sich zudem daran, Kitts Verhalten zu psychologisieren – nach „Jahrhunderten psychischer Verletzungen komme das angestaute Gift eben heraus, oft rüde und ohne Vernunft, oft selbstzerstörerisch“. Da will die Leserin sich mit der Tante Times „doch nicht gleich wieder vertragen“

From the Heart of Eartha Kitt, NYT 20. Januar 1968, S. 28.

Die „Negerin“ wolle ihren Verstoß gegen die Etikette weiterhin nicht einsehen. Der bestand wohl eigentlich darin, sich nicht dankbar und demütig dafür gezeigt zu haben, als Afroamerikanerin von einem texanischen Präsidentenpaar ins Weiße Haus geladen worden zu sein. Kitt sagte einem Bostoner Radiosender: „‚Ich bin ziemlich erstaunt. Ich hob die Hand und sollte meine Ansichten erklären. Das habe ich getan.‘“ Während im Weißen Haus körbeweise Trostbriefe an die Präsidentengattin eingingen, weil die Künstlerin „den Krieg als Grundproblem der nationalen Kriminalität ausdeutete“, verstand Kitt die Aufregung noch immer nicht: „Ob als Schauspielerin oder als Negerin oder als wer immer habe sie doch das Recht auf eigene Meinung, insbesondere, wenn sie ihr abgefragt werde.“

Am Ende erfüllt sich Lady Bird Johnsons Interpretation des Treffens gerade nicht, denn dem Thema wurde aufgrund der umfangreichen Presseberichterstattung ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zuteil. Kitts Karriere war jedoch vorerst beendet. Amerikanische Radiosender weigerten sich, ihre Songs zu spielen, sie wurde von Produzenten boykottiert. Für einen angeblich „schrillen Ton“ wurde man nicht nur in der Antike zum Schweigen gebracht, sondern wie , zieht sich das Silencing bis in die Gegenwart. Die Afroamerikanerin Kitt wurde in den Vereinigten Staaten für mehr als ein Jahrzehnt ihrer Stimme beraubt. Weil sie ihre Meinung nicht so eloquent und brav gesagt hatte, wie erwünscht.

Gesine Cresspahl bleibt der New York Times als Leserin vorerst treu. Denn sie stellt sich eine nicht unbekannte Frage:

Wenn ich diese Tante aus dem Haus werfe; wer soll dann kommen?

 

Bespitzelt von der Gestapo (21. und 26. Januar 1968)

1938 hält Pastor Brüshaver, der Mitglied im Pfarrernotbund ist, seine Predigten nicht mehr frei, er schreibt sie auf. Denn er wird bespitzelt, seine Predigten werden mitgeschrieben. Ein Offizier im Weltkrieg gewesen zu sein schützt den Pfarrer längst nicht mehr davor, von der Gestapo zu seinen Predigten ins Verhör genommen zu werden. So erklärt Brüshaver die Lesung zum Sonntag Judika, „in der wirklich Jesus den Leuten vorwarf, sie wollten ihn umbringen, weil er die Wahrheit sagte“ (Joh. 8, 37–45). Doch der Besuch von der Gestapo versteht alles wörtlich, auf die Gegenwart bezogen. Tatsächlich wäre Brüshaver „gern mutig gewesen“ und „tapfer geblieben“, aber er hat kaum etwas anderes als die Bibelexegese geliefert und nur im Stillen an den Metzger Methfessel gedacht, „der für ein paar Worte im Lager dumm geschlagen worden war“, und an Hinrichtungen in Hamburg. Der Gestapo gegenüber aber deutet er seine Auslegung religiös, denn es gehe um die göttliche Wahrheit.

Martin Niemöller bei einer Ansprache (um 1934)

Auch an anderer Stelle wird Brüshaver bei seiner Berufsausübung durch die Gestapo behindert. Als er die Bienmüllers aufsucht, um nach der bevorstehenden Konfirmation des in der Hitlerjugend aktiven Sohnes zu fragen, wird ihm Belästigung zur Last gelegt. Brüshaver sorgt sich, zum einen weil es nichts nützt, die Predigt aufzuschreiben: „Wenn zwei gegen ihn schworen, war dennoch als gesagt erwiesen, was er nicht gesagt hatte.“ Dann wurde Martin Niemöller, der in der Haltung der Kirche zu Jüdinnen und Juden eine ambivalente Haltung einnahm, die Brüshaver missfiel, der Hitler die Hand geschüttelt, den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund beglückwünscht und „seit 1924 bei jeder Wahl für die N.S.D.A.P. gestimmt hatte“ – dieser Mann wurde nach seiner Freilassung ins KZ Sachsenhausen verschleppt, und trotz seiner kritischen Einstellung zu Niemöllers Haltungen hatte Brüshaver die Kanzelabkündigung der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche verlesen: „Diese Maßnahme ist mit dem Urteil des Gerichts nicht vereinbar.“

Brüshaver hat also ganz andere Sorgen, als bei Lisbeth Cresspahl den Irrglauben auszuräumen, die Bibel verbiete den Selbstmord nicht. Ganz im Gegenteil sei der Selbstmord ein Abfall von Gott. Aber auch diesen Gedanken behielt der Pastor für sich. „Hätte Lisbeth erfahren, daß es diesen Zaun gab, sie hätte vielleicht nicht daran gedacht, ihn zu übersteigen.“

Arthur Semig aber, der schon seit 1934 nicht mehr zu Brüshaver in den Gottesdienst gekommen ist, was der zwar registriert hat, was ihn aber nicht zum Handeln brachte, hat mit seiner Frau Dora Jerichow verlassen.

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Berichterstattung der New York Times:

, 19. Januar 1968, S. 1.

, 20. Januar 1968, S. 5.

, 20. Januar 1968, S. 5.

, 20. Januar 1968, S. 28.

, 21. Januar 1968, S. 171.

, 22. Januar 1968, S. 3.

, 22. Januar 1968, S. 3

, 23. Januar 1968, S. 28.

, 24. Januar 1968, S. 44.

, 24. Januar 1968, S. 44.

, 25. Januar 1968, S. 9.

, 27. Januar 1968, S. 28.

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Literatur:

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Janet Mezzack: „Without Manners You Are Nothing“. Lady Bird Johnson, Eartha Kitt, and the Women Doers’ Luncheon of January 18, 1968, in: Presidential Studies Quarterly 20 (1990), S. 745–760.

, in: Journal of Interdisciplinary Feminist Thought 5 (2011), H. 1.

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