Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

20. Lesung: Facetten des Antisemitismus

| 2 Lesermeinungen

1937 überlegen Cresspahl, Kollmorgen und von Rammin, wie sie Arthur Semig und seiner Frau Dora die Emigration schmackhaft machen können. Albert Papenbrock, der Immobilienhai von Jerichow, will den Tierarzt lieber seinem Schicksal überlassen. 1967 ruft der amerikanische Dichter LeRoi Jones zum Plündern von „Hebräerläden“ auf. Um Antisemitismus in Gesine Cresspahls Vergangenheit und Gegenwart geht es in der zwanzigsten Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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Arthur Semig soll Jerichow verlassen (3. Januar 1968)

In Jerichow leben 1937 zwei jüdische Familien, der Tierarzt Dr. Arthur Semig und seine evangelische Frau Dora, geborene Köster, sowie die Familie von Oskar Tannebaum, zu der neben dessen Frau auch die Kinder Marie und Walter gehören. Die Tannebaums, Inhaber eines Geschäfts für Arbeitsbekleidung, sind nicht aus der Gegend und erst seit zehn Jahren in Jerichow ansässig, sie haben keine „Freunde in den bürgerlichen Familien“, und ihre Geschäfte gehen schlecht. Arthur Semig hingegen kommt aus der „griesen Gegend“ bei Ludwigslust, und durch seine Tätigkeit als Tierarzt war er zumindest bis 1933 in Jerichow gut vernetzt.

Jerichow, so formuliert es Johnson sarkastisch, will „sich wenigstens einen Juden vom Hals schaffen“, bevor der Flugplatz Jerichow-Nord fertig wird. Damit meint er die Bemühungen, Arthur und Dora Semig zur Auswanderung zu überreden. Johnsons Sarkasmus richtet sich sowohl gegen die Motive der Hilfsangebote wie gegen die Unterscheidung zwischen Semigs und Tannebaums. Denn nur Arthur und Dora Semig wird Hilfe angeboten: „Arthur sollte nichts passieren“, weil er „dazugehört“ hat. Gutsbesitzer Axel von Rammin, Rechtsanwalt Avenarius Kollmorgen und Heinrich Cresspahl versuchen, den Semigs die Emigration zu erleichtern.

Doch einzig Heinrich Cresspahl scheint aus freundschaftlichen Motiven zu handeln, er sorgt sich schon lange um die Semigs. Rammin verschafft Semig ungefragt eine Stelle bei seinem Freund Graf Naglinsky in Niederösterreich, der ihm Nebenverdienste im Dorf, eine Wohnung und einen Platz an seiner Tafel in Aussicht stellt. Er versteht sich als Wohltäter, der über ein adeliges Netzwerk verfügt. Die Nachgeborenen wissen natürlich, dass das in Aussicht gestellte gute Leben in Österreich nur von kurzer Dauer sein kann. Auch Kollmorgen drängt Semig zur Auswanderung, sein Motiv ist der Angriff auf einen jüdischen Kollegen, den er auch als Angriff auf seinen Berufsstand wertet. Er bietet dem Tierarzt an, dessen Haus zu kaufen und den Devisentransfer über ein „Handelshaus zu Bremen“ abzuwickeln, damit er die ökonomischen Mittel für eine neue Existenz hat.

Denn seit dem 1. Oktober 1934 konnten nur noch zehn Reichsmark an Devisen direkt mit ins Ausland genommen werden, Geldvermögen mussten auf ein Sperrmarkkonto eingezahlt werden, an die Deutsche Golddiskontbank war im Oktober 1936 eine Abgabe von 81 Prozent des Vermögens zu entrichten. Die Devisengesetzgebung, so der Historiker Ralf Banken, diente der „Ausbeutung der gesamten jüdischen Bevölkerung“. Wohl deshalb bietet Heinrich Cresspahl Semig „sein Guthaben auf der Surreybank in Richmond zur Verrechnung an […]. Cresspahl sagte: wir heben alles getreulich auf.“ Doch Semig will davon nichts wissen. Er sperrt sich gegen die Auswanderungspläne, die andere für ihn schmieden. Hilfe, so Marcel Mauss, schafft Hierarchie, und genau dagegen wehrt sich der Veterinär: Er will ein Gleicher, kein Abhängiger sein.

Albert Papenbrock aber, der heimliche „König von Jerichow“, der finanzielle Möglichkeiten im Überfluss hat, hilft nicht, obwohl es ihm ein Leichtes wäre. „Papenbrock weigerte sich, das Geld von Semigs Konto als Tilgung eines Darlehens in die eigene Kasse zu nehmen“, und er will auch Semigs Haus nicht kaufen, obwohl er in den zwanziger Jahren seinen Reichtum durch den Erwerb von Grundstücken Verschuldeter gemehrt hat. Schließlich schimpft er sogar „auf die Juden“, damit er die ihm unangenehme Unterredung mit seinem Schwiegersohn endlich beenden kann. Als Semig sich der Auswanderung weiter verweigert, offenbart Papanbrock seinen Antisemitismus. Er sagt:

„Wenn ihr den loshaben wollt, im Guten geht er nicht. Versuch es doch mal im Bösen!“

 

„LeRoi Jones, der kämpferische Schriftsteller“ (5. Januar 1968)

Am 5. Januar 1968 liest Gesine Cresspahl in der New York Times, dass der amerikanische „Schriftsteller, Neger“ Everett LeRoi Jones (alias Amiri Baraka, 1934 bis 2014) zur nahezu höchsten Strafe für Waffenbesitz verurteilt worden ist. Während der Unruhen in Newark hatte man in seinem VW-Bus zwei Revolver und Munition gefunden. Zum Zeitpunkt seiner Verurteilung im November 1967 war Leroi Jones, der sich seit 1966 Amiri Baraka nannte, einer der führenden Intellektuellen des Black Arts Movement. Für den Anhänger von Maulana Karenga war die Identifikation mit afro-amerikanischer Kultur und Identität die Voraussetzung für eine politische Befreiung der Afro-Amerikaner*innen.

LeRoi Jones im Gericht

Das Urteil begründete Richter Leon W. Kapp, indem er Jones vorwarf, „es könne Einer den Verdacht haben, der 34jährige Dichter und Dramatiker ‚habe teilgenommen an der Ausarbeitung eines Plans‘, Newark in der Nacht seiner Verhaftung niederzubrennen“. Hier ist deutlich zu sehen, was Deborah Horzen mit „interpretierender Übersetzung“ meint, die Johnson häufig bei der New York Times anwendet, etwa wenn er „Negro Writer“ zu „Schriftsteller, Neger“ macht. Das Original „one could suspect“ – man würde es juristisch wohl mit „es besteht der Verdacht“ übersetzen – wird bei Johnson wörtlich genommen, er spitzt auch durch die Großschreibung von „Einer“  die Absurdität des Vorwurfs zu.

Das Strafmaß sah Kapp auch wegen eines in der Dezemberausgabe der Evergreen Review veröffentlichten Gedichts – der Richter trägt es vor – als gerechtfertigt an. Am 5. Januar 1968 kann man Uwe Johnson nicht nur bei seiner eigenwilligen Zeichensetzung, sondern auch als Übersetzer von militanter Black-Arts-Lyrik beobachten. Der Richter hatte das Gedicht von obszönen Ausdrücken bereinigt, die er durch den Platzhalter „blank“ ersetzte, was Johnson mit „Nichts“ und zugleich so übersetzt, dass es in der deutschen Version Sinn ergibt: „Ihr Neger, nehmt an Nichts was ihr wünscht“. Damit rettet Johnson das Original und verkehrt die Aufforderung zur Plünderung ins Gegenteil.

All the stores will open if
you will say the magic words.
The magic words are: Up
against the wall mother blank [fucker]
this is a stickup! Or: Smash
the window at night (these are
magic actions) smash the windows
daytime, anytime, together,
let’s smash the windows drag
the blank [shit] from in there. No
money down. No time to pay.
Just take what you want. The
magic dance in the street. Run
up and down Broad Street
niggers, take the blank [shit] you
want. Take their lives if
need be, but get what you
want, what you need.”

 

Gewalt, Wut, Attacken gegen westliche Ideale und Konsum, aber auch Kritik an Afro-Amerikaner*innen, die sich an die Mehrheitsgesellschaft anpassten, standen im Zentrum der Dichtung der Black-Arts-Bewegung. Bei Jones/Baraka ist zudem in diesem und weiteren Gedichten antisemitische Rhetorik zu finden, wenn er etwa zur Plünderung von „Hebräerläden“ aufruft, doch die abwertende Vokabel „joosh“ bereinigt der Richter nicht. An mehreren Stellen des Romans zieht Gesine Cresspahl Parallelen zwischen Rassismus und Antisemitismus ihrer New Yorker Gegenwart.

Unterschiedliche Formen von Antisemitismus werden in den „Jahrestagen“ dokumentiert: wenn Gesine feststellt, in welchen Vierteln New Yorks „Juden erwünscht“ sind, jener der amerikanischen weißen Eliten, bei ihrer Fluchthilfe geht es um Antisemitismus in der DDR. Movens der Erzählung ist die Erinnerung an Nationalsozialismus und Schoah. Nachdem sie weißem (auch jüdischem) Rassismus begegnet ist – gleich zu Beginn des Romans schaut sie sich eine Wohnung gar nicht erst an, weil der jüdische Makler ihr versichert, Schwarze würden nicht einziehen – liest sie am 5. Januar 1968 nun von afro-amerikanischem Antisemitismus. Johnson kommentiert diesen, indem er den Artikel auswählt, das Zitat in seiner Zusammenfassung einbezieht und Jones/Baracks Antisemitismus so offenlegt, die Bewertung aber den Leser*innen überlässt. Zugleich führt er die Absurdität des Verfahrens gegen den Schriftsteller vor.

Gegen das Urteil legte Jones/Baraka Berufung ein, dem Menschenrechtsanwalt Raymond A. Brown gelang es, einen Freispruch zu erwirken. Von seinen antisemitischen Äußerungen distanzierte sich Baraka später nur halbherzig, in seinem Gedicht „Somebody Blew Up America“ evozierte er die antisemitische Verschwörungstheorie, die jüdischen Angestellten in den Twin Towers hätten vom Anschlag gewusst und seien der Arbeit am 9. September 2001 ferngeblieben.

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Literatur

Biographie Amiri Barakas auf

, in: New York Times, 5. Januar 1968.

Ralf Banken, Das nationalsozialistische Devisenrecht als Steuerungs- und Diskriminierungsinstrument 1933–1945, in: Johannes Bär, Ralf Banken (Hrsg.): Wirtschaftssteuerung durch Recht im Nationalsozialismus. Frankfurt/M. 2006, S. 121–236.

Gerd Blumberg, Flucht deutscher Juden über die Grenze. Devisen- und Passkontrollen der Zollbehörde an der Grenze der NS-Zeit, in: Katharina Stengel (Hrsg.): Vor der Vernichtung. Die staatliche Enteignung der Juden in der NS-Zeit, Frankfurt a. M./New York 2007, S. 94–113.

Robert L. Harris, Rosalyn Terborg-Penn (Hrsg.), The Columbia Guide to African American History since 1939, New York 2006.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Deborah Herzen, Fitting the News to the Novel. Uwe Johnson’s Use of The New York Times in Jahrestage, Johnson-Jahrbuch 6 (1999), S. 183–207.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Stuart Tarbener, Distorted Reflections. The Public and Private Faces of the Author in the Work of Uwe Johnson, Günter Grass and Martin Walser, Amsterdam 1998, S. 37–63.

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2 Lesermeinungen

  1. Keine Freude beim Lesen.
    Habe mir alle 4 Bände als Weihnachtslektüre gekauft, auf Empfehlung, ohne Stichprobe. Ich empfinde das Lesen als anstrengend.
    1. Hoher Anteil an reinen Beschreibungen – ich bin ein Handlungsleser, ich empfinde Beschreibungen als störend. Mir reichen 3 Stichworte – Großstadt, stickig, voll, und ich habe alles vor Augen. Das ändert kein weiteres Wort, und eigentlich ist jedes weitere Detail irrelevant.
    2. Satzbau – Wortfolgen entsprechen häufig nicht meinem Sprachgefühl. Kenne ich so auch nicht von anderen Autoren.
    In der Regel lege ich das Buch nach mindestens 20 Seiten erst mal weg, weil es mir einfach keine Freude macht.
    Aber ich werde es durchhalten, inhaltlich hat es einen gewissen Charme.

  2. Eine schöne Idee,
    hat mich seit ein paar Monaten zum Mitlesen animiert, inzwischen bin ich im April, lese aber parallel nochmals was im blog besprochen wird, das öffnet die Augen für manches das mir sonst entginge.

    Vielen Dank !

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