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19. Lesung: Die lauernde Dorfgemeinschaft - Die Woche mit Frau Cresspahl- seventastic.info
Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

19. Lesung: Die lauernde Dorfgemeinschaft

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Für die „Jahrestage“ hat Uwe Johnson eine spezielle Erzählform geschaffen. Ein Kollektiv aus Jerichower Bürger*innen berichtet, durchaus widersprüchlich, über Neuankömmlinge wie Albert Papenbrock und Heinrich Cresspahl. Das Sprechen über einen, der nicht dazugehört, stellt Gemeinschaft her. So erfahren wir vom Inflationsgewinner Albert Papenbrock, aber nicht vom Selbstmordversuch Lisbeth Cresspahls Weihnachten 1936. Den vertuscht der Arzt. Neunzehnte Lektürewoche.

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Darum geht es in diesem Blog

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Albert Papenbrock, Inflationsgewinner (24., 25. und 30. Dezember 1967)

1923 – es ist die Zeit der Hyperinflation – kauft sich Albert Papenbrock in großem Stile in Jerichow ein: Er erwirbt das Haus der Familie von Lassewitz inklusive restaurierter Möbel, „noch zwanzig Meter mehr von der Bahnhofsstraße“, die Bäckerei Schwenn mit Scheune und Grundstück sowie die Düngemittelhandlung Prange. All dies bezahlt er nicht mit der am 15. November 1923 eingeführten Rentenmark, sondern noch in Reichsmark, und es ist „mehr als das doppelte vom Erwarteten“. Als die Familie Papenbrock 1922 für einen Urlaub nach Jerichow kam, hatte es noch geheißen, Papenbrock sei auf der Suche nach einer Gutspacht. Er hatte deshalb bei von Lassewitz vorgesprochen. Dass die Lassewitzens aber „Ländereien nicht eben übrig hatten“, mag ein Grund gewesen sein für den Verkauf ihres Stadthauses und den Umzug nach „Kann es oder wie die Franzosen das aussprechen“, denn Grundbesitzer gehörten eigentlich zu dem Gewinnern der Inflation, weil sie etwaige Hypotheken mit wertlosem Geld abtragen konnten.

© Mary Evans Picture LibraryBanknote, ausgegeben in Berlin am 27. Oktober 1923

Woher der gescheiterte Gutspächter Papenbrock die Mittel für seine umfänglichen Erwerbungen hat, bleibt unklar; man vermutet, er habe „einmal mit Lagerhaltung besseres Geld gemacht, als ihm anzusehen war“. Er hütet sich allerdings, mit seinem neuen Reichtum zu prahlen: Seine Frau Louise arbeitet in der Bäckerei, der Sohn Horst „hatte die Pferde zu versorgen, als solle er Kutscher werden“ und nicht eines Tages das Geschäft des Vaters übernehmen. Erst Jahre nachdem die Papenbrocks im Dezember 1923 in den „Palast“ gezogen sind, steht der wahre Besitzer von Pranges Düngemittelhandlung auf den Rechnungen. Pamebrocks Erfolg wird an anderen Stellen sichtbar: die Gleise zu seinem Kornspeicher, die Aufträge an die Deutsche Reichsbahn für den Transport von Getreide und Zuckerrüben. Seinen Wohlstand mehrt er, indem er „verarmten Leuten Darlehen“ gibt und bei Nichteinhaltung der Kreditzahlungen ihre Häuser fordert. Von „herrschaftlichem Wesen“ zeugen zunächst nur die Höheren Töchterschulen, auf die er Hilde und Lisbeth Papenbrock schickt. 1937 aber ist die Lage anders:

„Papenbrock hielt Haus im ehemaligen Besitz derer von Lassewitz, als trüge er ihren Namen, und reichlich brüderlich betrug er sich mit dem Adel des Winkels, der nicht nur das Land, sondern auch die Stadt im Griff hatte mit Mieten, Pachtgeldern, Zinsen, Hypotheken. Wenn er aber den heimlichen König von Jerichow machen wollte, so sollte er endlich aufstehen und sich kenntlich machen und nicht zulassen, daß ein Friedrich Jansen Bürgermeister war.“

Aber Opposition gegen einen Nationalsozialisten liegt Papenbrock nicht, er scheffelt „lieber im Stillen“, so das kollektive Urteil der Jerichower. Minutiös überwacht die Dorfgemeinschaft, die Johnson hier als erzählendes Kollektiv darstellt, die Ankunft der Papenbrocks, Albert Papenbrocks Geschäfte und die Eheschließungen seiner Töchter. Aber es kann bloß beobachten, seine einzige Handlung ist das Beschaffen von Informationen.

 

„Als ob sie eingesperrt wäre“ (24., 25. und 28. Dezember 1967)

Schon als die zweiundzwanzigjährige Lisbeth Papenbrock 1928 von der Hauswirtschaftsschule in Rostock zurückgekehrt war, fanden die Jerichower „uns Lisbeth“ verändert. Aber seit sie 1933 aus Richmond heimgekehrt ist, lebt sie „wie krank“, wird immer frommer und „sieht dich an, als wäre sie nicht da, als träumte sie etwas Ängstliches“. Ihr Mann und ihre Familie sind schon vor ihrem Selbstmordversuch am ersten Weihnachtsfeiertag hilflos, Heinrich Cresspahl „hielt sie noch immer für die, die er vor fünf Jahren geheiratet hat“. Von religiösen Schuldgefühlen geplagt, hat die Schwangere einen Abtreibungsversuch unternommen, der nach ihrem Willen auch für sie selbst tödlich hätte enden sollen. Allerdings ruft sie dennoch den Arzt Dr. Berling, ihr Mann erfährt erst durch dessen Ankunft, was geschehen ist.

Berlings beherztes Eingreifen rettet Lisbeth Cresspahl das Leben, er sorgt auch dafür, in Jerichow geheimzuhalten, dass sie ihr Kind verloren hat. „Se hett wat ætn; was gegessen hat sie“ – ist seine offizielle Erklärung für den Krankenhausaufenthalt. Auch im Kreiskrankenhaus in Gneez wird Berling vermutlich nichts von den Fieberphantasien seiner Patientin erzählt haben, deren Zeuge er während der Fahrt ins Krankenhaus wurde. Die deuten auf eine psychische Erkrankung hin, denn Lisbeth Cresspahl konzipiert ihre Partnerschaft als Gemeinschaft zweier Schuldiger, deren Schuld sich gegenseitig bedingt wie vermehrt: eine Gemeinschaft, aus der sie nun fliehen müsse. Dafür habe sie die größte Schuld begehen wollen: „zwar ein ungeborenes Leben Kind vor Schuld bewahren, aber das eigene Leben weggeben“, denn in Lisbeths Auslegung der christlichen Sündenlehre erben ihre Kinder ihre Schuld.

Bessere Tage. Lisbeth und Heinrich Cresspahl mit Louise und Albert Papenbrock am Strand in Margarete von Trottas Verfilmung der „Jahrestage“

Lisbeth bleibt nach dem Vorfall ohne Hilfe, Dr. Berling behauptet, sie werde von ihren Fieberphantasien nichts mehr wissen, und Heinrich Cresspahl glaubt ihm ohnehin nicht alles, was er berichtet, obwohl ihm vieles bekannt vorkommt. Er schiebt die Stimmungsschwankungen seiner Frau auf ihre Frömmigkeit, die wiederum hat ihr Louise Papenbrock eingeimpft, doch gegen eine Mutter kommt man nicht an. So konzentriert sich Heinrich Cresspahl auf die lichten Momente mit Lisbeth. Wenn „ihre Zustände umschlugen“, konnte nur sie selbst sich daraus befreien, sein Zureden half nichts.

Bei all dem schaut die Dorfgemeinschaft zu:

„Später meinte Cresspahl, Lisbeths Leben mit ihm sei Leuten in Jerichow bekannt gewesen wie eine Geschichte, bei deren Anfang sie zugegen waren, die sie hatten wachsen sehen, die sie auch Stück für Stück voraussagen konnten, auf deren Wendungen sie wetteten, die sie wohl noch abbiegen aber nicht mehr aufhalten mochten, in die sie nicht mehr eingriffen, von der sie das Ende besser als ungefähr wußten, eher als er, der das zu leben hatte.“

 

Heinrich Cresspahl, „der Engländer“ (30. Dezember 1967)

Lieblingssujet der Dorfgemeinschaft ist allerdings der Fremde Heinrich Cresspahl, der zwar aus dem in Luftlinie nur 100 Kilometer entfernten Malchow am See stammt, aber in den Niederlanden und England gelebt hat und deshalb „der Engländer“ genannt wird. Damit erklären sich die Jerichower auch seine Freundschaft zu Arthur Semig, den er mehrmals in der Woche besucht und auch mit Essen versorgt: „Es mochte ja sein, daß Einer das in England so lernte, mit Juden umzugehen, als wären das auch Freunde“. Er redet Semig lange zu, damit der für sich und seine Frau einen Pass besorge, um falls nötig ausreisen zu können.

Heinrich Cresspahl weiß von all diesem Gerede, und es ist ihm allemal lieber so, als würde er mit der Familie Papenbrock in Verbindung gebracht. Weder schätzt er das schwiegerväterliche Geschäftsgebaren noch seinen Schwager Horst, der bei der SA aktiv war. Seinen aus Brasilien zurückgekehrten Schwager Robert, der inzwischen für die Gestapo arbeitet, erklärt er schlichtweg für tot: „för mi wier de dot“. Hier scheint die Dorfgemeinschaft hellsichtig, denn sie weiß genau, dass sich Cresspahl „seine Arbeit selbst“ besorgt und dazu Papenbrock nicht nötig hat. Könnte Cresspahl selbst entscheiden, dann hieße er nicht „der Engländer“, sondern wie der andere Malchower Kliefoth: „Klattenpüker“ – „nach den Kletten, die die Malchower aus der Schafswolle pusseln mussten, bevor sie ihr Tuch anfangen konnten“.

Bahnhof Malchow

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Literatur

Gerlach, Ingeborg: Hünemörder und andere. Rundgespräch und Kollektivsubjekt in Jerichow und anderswo, in Johnson-Jahrbuch 5 (1998), S. 103–125.

Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth, Ulrich Fries (Hrsg.), Johnsons Jahrestage. Der Kommentar, Göttingen 1999. .

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.

Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt a. M. 1987, S. 71–76.


1 Lesermeinung

  1. Mitlesen
    Vielen Dank für das Mitlesen und die Verständnishilfen. Ich versuche gerade, mich über das Jahr in die Geschichte und Mentalität des Landstrichs um Malchow und Plau am See einzulesen. Wir haben dort ein Grundstück gekauft. Die Landschaft ist wunderschön. Johnsons Buch liefert die melancholische Stimmung dazu.

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