Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl

Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson

16. Lesung: Fremd bin ich eingezogen

| 3 Lesermeinungen

Als Fremder lässt sich Heinrich Cresspahl Ende 1933 im mecklenburgischen Jerichow nieder, argwöhnisch beobachtet von der Dorfgemeinschaft. Die dichtet dem Kunsttischler und „Engländer“ alles Mögliche an, und so erzählt Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ auch vom Nährboden der Denunziation im „Dritten Reich“. Sechzehnte Wochenlektüre.

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Darum geht es in diesem Blog

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„In Jerichow hieß es“ (5. Dezember 1967)

Unmittelbar nach seiner Ankunft in Jerichow macht sich Heinrich Cresspahl daran, den am Ortsrand gelegenen Bauernhof zu renovieren, den Albert Papenbrock seiner Enkelin Gesine überschrieben hat – allerdings zu den von Cresspahl geforderten Bedingungen, denn dieser will über Papenbrocks geschenkten Gaul selbst verfügen können. Gleich dem Chor einer antiken Tragödie, der die Handlung kommentiert und bewertet, beobachten die Jerichower argwöhnisch das Treiben des Neuankömmlings. Seine Fußwege, seine Bestellungen, seine Bauarbeiten, seine Aufträge, wann Lisbeth ihm das Essen bringt, all das wird genau belauert, weitergetragen, gedeutet. Der vielstimmige Bericht der Dorfdetektive kommt aber nicht zu einem Schluss, er bestätigt nur immer wieder das Anfangsurteil: „In Jerichow hieß es schon im Dezember 1933, dieser Cresspahl sei ein sturer Hund.“

Jerichow als Hort des Klatsches (Klütz, das Vorbild für Jerichow, Schloßstrasse)

Heinrich Cresspahl verweigert den Jerichower Augenzeugen Informationen: Die Möbel für den Umzug werden trotz des schönen Aprilwetters im geschlossenen Wagen transportiert, das Tor zur Straße hin verschlossen und das zum Süden hin geöffnet, wo man sich als interessierte Spaziergängerin aber gleich verdächtig macht und sich unbequemen Fragen ausgesetzt sieht. Das macht ihn erst recht zum Objekt der Informationsbegierde macht, doch in der Gastwirtschaft von Peter und Meta Wulff lässt Cresspahl sich auch nicht mehr blicken. Die Quellenlage ist also denkbar schlecht, der sture Zugezogene vergibt zudem kaum Bauaufträge und macht alles selbst. Der ins Haus gelassene Elektriker Johannes Schmidt „hat wohl keine Augen im Kopf“ und weiß über kaum mehr als „weiße Wände“ zu berichten. Else Pienagel gibt sogar extra die Restaurierung eines Nähschranks in Auftrag – „Nich um Cresspahl eine Hilfe zu geben, aus Neugier eben.“ Der macht für einen angemessenen Preis ein Schmuckstück, liefert es „in Semig sein Pritschenauto“ frei Haus, und so hat auch Pienagel nichts Neues über ihn zu bieten. Immerhin kann sie sich darüber aufregen, wie „unlauter“ es doch sei, die Waren ins Haus zu liefern. „Sturer Hund dieser Cresspahl. So was Heimliches was der Mann an sich hat.“

„Dieser Cresspahl“ läuft etwa morgens nicht über die Adolf-Hitler-Straße zu seinem Hof, sondern macht einen Umweg, um bei Dr. Semig vorbeizugehen.

„Es hieß, und Inge Schürmann hatte es sogar eines Morgens, und zwar mit eigenen Augen gesehen, daß Cresspahl auf dem Weg zur Arbeit zu Semig ins Haus ging und daß die beiden gleich danach in Semigs neuem Auto die Bäk hinunterfuhren, die paar Schritte hin zur Ziegelei. Konnte das sein, daß Arthur dem das Fahren beibrachte? Der konnte doch fahren. War es möglich, daß ein studierter Tierarzt mit anfaßte bei Cresspahls Bauarbeiten? Das war doch nicht möglich!“

Was die Dorfgemeinschaft nicht wissen kann, was aber im Nachlass-Fragment „Heute Neunzig Jahr“ zu lesen ist: Cresspahl hat dem in finanzielle Bedrängnis geratenen Semig seinen Pritschenwagen abgekauft. Diese Freundschaft mit einem „Juden“ macht Cresspahl verdächtig, und so spinnen sich die Jerichower aus ihrem Halbwissen eine Geschichte zusammen, die in Zeiten der „“ vom 21. März 1933 über Dorfklatsch und -tratsch weit hinausgeht. Die Jerichower unterstellen Cresspahl nämlich, ein britischer Spion zu sein, „der dem Führer und Reichskanzler Hitler an den Kragen wolle“. Hier könnten die „Jahrestage“ eine Wendung hin zum Abenteuerroman nehmen: Cresspahl im Dienste seiner Majestät sozusagen. Beschäftigt mit dem Bau eines „Feindsenders“, denn wozu sonst braucht ein Mensch „zwei Rollen Draht“ und eine Leitung auf dem Scheunendach? „Rundfunk, sag ich dir.“ Und so schmeißen sie ihm die Werkstattscheiben ein, aber vorerst hat das Gerede, dem einige auch widersprechen, keine Konsequenzen. Im Mai 1934 bezieht die junge Familie Cresspahl ihr neues Domizil.

 

„Er wünschte sich nur heil durchzukommen in diesem Deutschland“ (6. und 9. Dezember 1967)

Nicht die Cresspahls, sondern die Familien Semig und Tannebaum sind die Ausgegrenzten und Bedrohten der Jerichower Dorfgemeinschaft. Selbst als Pastor Brüshaver nach dem Boykott gegen jüdische Geschäfte im April 1933 im Gottesdienst zur Nächstenliebe ermahnt hat, nützt das weder der wirtschaftlichen Lage beider Familien, noch verhinderte es deren Ausgrenzung im Dorf. Wie sich das Alltagsleben jüdischer Deutscher in den Jahren zwischen 1933 und 1938 immer weiter verschlechterte, beschreibt Marion Kaplan in ihrem Buch „Der Mut zum Überleben“. Ein Grund war der Mangel an Mitgefühl der nicht-jüdischen Bevölkerung, der in Johnsons Roman deutlich wird. Auch in Jerichow sind an allen drei Ortsausgängen Schilder mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ aufgestellt worden.

Solche Schilder standen auch am Ortseingang von Jerichow, wie man in „Heute Neunzig Jahr“ erfährt

Heinrich Cresspahl scheint einer der wenigen zu sein, der noch Kontakt zu den Semigs hält. Für das Jahr 1934 hofft er wohl deshalb auch auf Folgendes:

„Er wünschte, daß Dora und Arthur sich besinnen möchten und außer Landes gehen. Er war nun fast befreundet mit dem Mann, so weit es eben gehen konnte mit einem Studierten […]. Er wünschte ihn nicht weg. Er sollte nur zu den Leuten gehen, die nichts gegen ihn hatten und ihm Arbeit gaben. Es war nicht gut anzusehen, wie Semig ohne Arbeit zusammenschnurrte, wie zacher Weizen. Und Dora wurde immer stiller und sich selbst nur ähnlich, wenn sie die Gesine im Arm hatte. Er wünschte, sie wären in Sicherheit.“

Cresspahl selbst unternimmt ganz andere Schritte. Der Fremde zieht nicht wieder aus, er lässt sich 1934 im Rathaus einen Aufnahmeantrag für die NSDAP geben. Als Motiv nennt die Erzählstimme wirtschaftliche Gründe und den Wunsch „heil durchzukommen“.

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Literatur

Stephanie Abke, Denunziation, Überwachung und Kontrolle 1933 bis 1945 in einer ländlichen Region Nordwestdeutschlands, in: Anita Krätzner (Hrsg.): Hinter vorgehaltener Hand. Studien zur Denunziationsforschung, Göttingen 2015, S. 37–49.

Uwe Johnson, Heute Neunzig Jahr. Aus dem Nachlass herausgegeben von Norbert Mecklenburg, Frankfurt a. M. 1996, S. 85–87.

Marion Kaplan, Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland, Berlin 2001, Kapitel I.

Rolf Michaelis, Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York. Ein Register zu Uwe Johnsons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl« (1970-1983), Frankfurt a. M. 1983. Überarbeitet und  von Anke-Marie Lohmeier 2012.

, Teil I, 1933, Nr. 24


3 Lesermeinungen

  1. zacher Weizen
    ein interessanter Ausdruck, mein Duden Band I (1973) gibt ihn nicht her.
    Eine zu Cresspahl und Semig zeitgenössische Auflage wird den Bergriff kennen. Bibeldeutsch ?

    • Hinweise dazu, dass es sich um eine Nebenform von „zäh, eingeschrumpelt“ handelt, finden Sie im Rostocker Kommentar zu den Jahrestagen. Steht online auch im Duden.

  2. Titel eingeben
    Diese Dorfgemeinschaft ist geradezu beängstigend, weil man sich immer zu wünscht, sie möge doch wenigstens ein bisschen anders sein. Irgendwo könnte doch noch etwas Mitleid verborgen sein.
    Unerwähntes vielleicht.

    Aber wir wissen zu gut, dass sie nicht anders war.
    Nur mich selbst wünschte ich mir anders. In jedem Augenblick.

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