Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ohne rechten Arm, aber das Herz am rechten Fleck

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„Verdad“ ist das spanische Wort für Wahrheit. Als Titel eines italienischen Comics ist es ungewöhnlich, aber da er der Name der Hauptfigur ist, hat es das Wort nun auch zum deutschen Titel geschafft. Denn „Verdad“ ist vom seit kurzer Zeit aktiven Verlag Bahoe Books aus Wien übersetzt worden, was man auch ungewöhnlich nennen darf, weil die Autorin Lorena Canottiere bislang in unserem Sprachraum nicht bekannt war. Das liegt auch daran, dass die 1972 geborene Zeichnerin ihre Comics vor allem in italienischen Zeitschriften publiziert hat; Bücher gibt es noch nicht viele, darunter aber immerhin eines auf Deutsch: „Knirpse“, das allerdings von ihrem Verlag Diabolo Ediciones gleich in mehreren Sprachen aufgelegt wurde – ohne dass das hierzulande bemerkt worden wäre.

Das war aber auch ein Kinder-Cartoonbuch, kein veritabler Comic wie „Verdad“, so dass erst jetzt klar wird, mit was für einer großartigen Zeichnerin man es zu tun hat. Leider bietet Bahoe Books keine Leseprobe an, so dass man sich kein Bild davon machen kann, aber das könnte man auch begrüßen, weil dann die Überraschung erhalten bleibt, wie hier gearbeitet wird. Dass das italienische Original bei Coconino Press erschienen ist, dem Verlag des italienischen Comic-Gurus Igort, ist schon ein Beleg für die Originalität des Projekts, und es gehört denn auch zumindest graphisch zum Interessantesten der letzten Jahre.

Erzählerisch, um das gleich zu sagen, eher nicht, denn das Frauenschicksal im Spanischen Bürgerkrieg wird arg bemüht mit dem gesellschaftlichen Reformentwurf der Kommune des in der Schweiz gelegenen Monte Veritá verbunden – und allein die arg plakative Namensparallele des Berg der Wahrheit mit dem Mädchen namens Wahrheit ist Holzhammerdramaturgie, die geradezu weh tut. Dazu kommt das übliche Liebensgedöns in Kriegszeiten und eine auch nicht eben originelle Generationenkette starker Frauen, aber das alles ist nahezu egal angesichts des zeichnerischen Einfallsreichtums, den Lorena Canottiere walten lässt. Und eine inhaltliche Stärke muss doch gefeiert werden: Dass die Titelheldin gleich zu Beginn bei einem militärischen Einsatz den rechten Arm verliert, macht sie doch zu einer ungewöhnlichen Figur. Verstümmelte Frauen sieht man im Comic selten. Dass Verdad trotzdem im buchstäbliche Sinne bildschön ist, muss man wohl nicht erwähnen.

Erzählt wird von der Verwundung bis zu einem finalen (in jedem Sinne des Wortes) Traum vom alternativen (vor allem friedlichen) Leben in ständigem Zeitwechsel; Kindheits- und Jugendepisoden runden erst nach und nach das Porträt der jungen Frau aus Spanien ab und führen auch die Figur eines Fuchses ein, der zum wichtigen imaginären Begleiter des rothaarigen Mädchens wird. Rot ist ohnehin die zentrale Farbe dieses Comics, und dessen Farbdramaturgie ist – man verzeihe das Wortspiel – ausgefuchst. Natürlich steht das Rot für die Linke im Kampf gegen Franco, natürlich auch für das von Verdad vergossene Blut, für ihre zornige Persönlichkeit, für die spanische Fahne (deren ergänzendes Gelb auch das zweite wichtige Kolorit des Bandes liefert). Das blaue Cover (und hier eben doch ein Link, denn das kann man im Netz sehen: ) führt in die Irre. Ebenso wie die abgebildete Gipfelsituation, die auf die Begeisterung für den Monte Veritá anspielt, während sich dann im Inneren fast alles gerade in bedrängten Situationen abspielt statt in Freiheit.

Vor allem jedoch macht Canottieres Seitenarchitektur staunen. Die Panels stoßen direkt aufeinander, sind zu Blocks angeordnet, die mittels schwarzer Linien unterteilt sind: auch hier Bedrängung, die aber umso spektakulärer aufgelöst werden kann, wenn plötzlich einzelne Bilder ohne Rahmen im Raum stehen, etwa bei einer Explosion, einer Aussprache mit dem Kampfgenossen und Geliebten Enrique oder auch in der Traumvision der Sterbenden. Ganzseitige Panels wiederum schaffen Ruhepole statt Actionhöhepunkte in der Handlung, und der Wechsel der graphischen Handschriften vom eleganten Pastell-Realismus des Hauptgeschehens (der immer wieder an Lorenz Mattotti erinnert) bis zu rauhen Skizzen in den Phantasmagorien zeigt das große Können von Lorena Canottiere. 150 Seiten ist der Comic lang, und dass man keine missen möchte, liegt wie gesagt nicht an dem, was erzählt wird, sondern daran, wie erzählt wird.


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