Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Glaubensfrage

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Was ist das? Ein Bilderbuch? Ein Comic? Eine Beichte? Eine Selbstbefreiung? Eine polnische Geschichte? Eine deutsche? Eine alte? Eine gegenwärtige? Eine katholische? Eine atheistische? Magdalena Kaszuba, 1988 in Polen geboren und mit ihren Eltern 1990 nach Deutschland gezogen, erzählt in „Das leere Gefäß“ (Avant Verlag) von sich selbst, von dem kleinen Mädchen der ersten zehn Lebensjahre, bis kurz nach der Erstkommunion. Es ist, so viel sei vorweggenommen, beinahe eine Horrorgeschichte.

 

Das leere Gefäß des Titels ist Magdalena Kaszuba selbst. Dabei hat sie als Kind so viele Eindrücke sammeln können: im neuen Land, aber auch im alten, denn jeden Sommer fuhr die Familie in den Ferien zurück nach Polen. Und sie hatte die dortige Lebensweise mit nach Deutschland genommen, darunter auch die tiefe Verwurzelung im Katholizismus. Im Alter von sechs Jahren bekam Magdalena Tag für Tag aus einer Kinderbibel vorgelesen, und die polnische Großmutter lebte ihr in den Sommermonaten vor, was Religiosität bedeutet. Doch schon damals verstörten die biblischen Geschichten und die Alltagspraxis des Katholizismus die kleine Magdalena.

Dass sie den Namen der größten Büßerin im Neuen Testament trägt, wird im Comic gar nicht thematisiert; aber die Buße erweist sich als die psychologisch schwerste Last für das Kind, vor allem im Moment der ersten Beichte, die Katholiken vor der Erstkommunion ablegen, um für die Aufnahme ins Gemeindeleben gereinigt zu sein. Die angeblich befreiende Wirkung des katholischen Prinzips der Beichte ist oft beschrieben worden, Magdalena Kaszuba aber berichtet von der Belastung, beichten zu müssen, als Neunjährige, die noch gar nicht hat sündigen können, deren größtes Vergehen es war, die eigene Schuld an einem zerstörten Haushaltobjekt dem Familienhund zugeschoben zu haben. Doch der Priester dringt in sie, und schließlich erfindet sie Sünden, um ihn zufriedenzustellen. Dadurch fühlt sie sich schuldiger als zuvor, ja zum ersten Mal überhaupt schuldig gegenüber Gott: als Lügnerin.

Der Gebrauch von Worten wie „in sie dringen“ oder „zufriedenstellen“ im Kontext von Beziehungen zwischen Priestern und minderjährigen Gemeindemitgliedern ist heikel; wir haben durch die aufgedeckten sexuellen Übergriffe Augen und Ohren weit offen auch nur für Andeutungen eines Missbrauchs. Den gibt es hier aber nur in geistiger Form, als womöglich mit bestem Gewissen vollzogene Schreckensausübung. Diese Vergewaltigung des Schuldgefühls eines Kindes mag nicht justiziabel sein, es ist aber ähnlich schlimm. Zumindest, wenn es sich wie im Falle von Magdalena um ein bereits tief indoktriniertes Mädchen handelt, das aus dem Dilemma von simulierter und echter Schuld nur noch um den Preis herauskommt, radikal mit der eigenen Identität zu brechen. „Das leere Gefäß“ erzählt von diesem Bruch, und der Titel des Comics beschreibt, wie sich Magdalena danach selbst empfand.

Soviel zum Inhalt, der eindrucksvoll genug ist (wenn auch recht schlicht erzählt, aber das trägt hier zur Intensität der Lektüre nur noch mehr bei). Bemerkenswert ist aber auch die Form – eine Lesprobe ist hier zu finden: . Zunächst ist da die Rahmenhandlung eines Spaziergangs der mittlerweile fast dreißigjährigen Ich-Erzählerin an einem regnerischen Novembertag durch Hamburg, während dessen sie sich an ihre Kindheit erinnert. Die ganze Stadt, all die Orte, an denen sie vorbeigeht – von Flanieren ist angesichts der Gedankenschwere keine Rede –, werden ihr zu Erinnerungsstützen oder Erinnerungsverstärkungen. Man kann diesen Gang auf der Karte nachvollziehen, wenn man will, einige Plätze sind auch für Nicht-Hamburger leicht zu identifizieren, andere weniger bekannte sind von Magdalena Kaszuba ausgewählt wegen ihrer metaphorischen Nähe zu dem, was ihre Protagonistin wieder heraufbeschwört

Man erkennt sofort die Schulung, die die Autorin durchlaufen hat: An der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften studierte sie bei Anke Feuchtenberger, und aus dieser Talentschmiede sind schon einige der eindrucksvollsten Erzähler des deutschen Comics hervorgegangen (in zwei Monaten darf man die nächste feiern: Antonia Kühn, aber dazu dann mehr, wenn pünktlich zum Erlanger Comicsalon ihr fulminanter Band „Lichtung“ erscheint). Es ist Anke Feuchtenberger hoch anzurechnen, dass sie in ihrer Klasse offenbar keine anderen inhaltlichen Prämissen macht als die der Intensität. Umso wirksamer ist das Beharren auf formalen Aspekten, die nicht im Sinne eines Regelkanons zu verstehen sind, sondern als Konsequenz der Form. Man erkennt Feuchtenberger-Schüler längst nicht mehr an ihrem Strich, sondern am Einfallsreichtum ihrer Seitenarchitektur. Niemand sonst setzt als akademischer Lehrer derzeit beim Zeichnernachwuchs solche künstlerischen Energien frei.

Ein nicht unwesentlicher Teil von Magdalena Kaszubas Comic in seinem klassisch-kleinen Graphic-Novel-Format besteht aus ganz- oder auch doppelseitigen Bildern, Aquarellen, die auf die bei in Panels unterteilten Seiten verwendeten dünnen Tuscheumrahmungen verzichten. Wie Bilder aus einem Skizzenbuch kommen die Stadt- und Vergangenheitsimpressionen daher, stark allegorisch aufgeladen. So etwa jene Doppelseite bei der Ankündigung der bevorstehenden Erstkommunion, die eine Gruppe von Nonnen zeigt, in deren Mitte eine Novizin mit ausgestreckten Armen auf dem Boden liegt – die gewöhnliche Szene des Übertritts in den geistlichen Stand, der Weihe, doch auch eine Szene bedingungsloser Unterwerfung und Ich-Auslöschung, noch gesteigert dadurch, dass Magdalena Kaszuba die Gesichter unter dem Habit blank lässt. Auch diese Frauen, die Gott ihr Leben geweiht haben, sind leere Gefäße.

Mit dem, was der Text erzählt, der Vorbereitung zur Erstkommunion, hat dieses Bild oberflächlich gar nichts zu tun, aber Magdalena Kaszuba agiert auf mehreren Ebenen, zeitlich, inhaltlich, metaphorisch. Und ihre Aquarelltechnik, die meist auf blasse Farben, vor allem Gelb, setzt (einmal allerdings durchfährt eine kräftiger kolorierte Doppelseite die Geschichte wie ein Messer, und tatsächlich ist auf der linken Hälfte prompt der gekreuzigte Christus zu sehen), bringt eine Stimmung der Auslöschung in das Geschehen, die perfekt illustriert, was berichtet wird.

Dieses Debüt ist von einer künstlerischen Kraft, die selten ist, nicht nur im deutschen Comic. Vor allem auch, weil es keine Befreiungsgeschichte ist, keine Philippika gegen den Glauben, sondern eine konsequente Selbstanalyse, die die Kirche nicht heftiger anklagt, als es Magdalena Kaszuba sich selbst gegenüber tut. Der aus der Verzweiflung geborene Bruch mit dem eigenen kindlichen Ich hat ein leeres Gefäß hinterlassen, und ob es jemals wieder gefüllt werden kann, bleibt bewusst offen. Dadurch ist das Buch auch ein immens mutiger Comic, weil sich darin eine junge Frau zeigt, die immer noch Sehnsucht nach der Geborgenheit ihres kindlichen Glaubens hegt – keine populäre Position in unserer Gesellschaft und Zeit. Aber zugleich auch eine, die womöglich doch einmal einen Weg dazu eröffnen wird, den Hass, den die neunjährige Magdalena sich selbst gegenüber empfand und den sie dann zusammen mit der eigenen Identität austrieb, zu überwinden. Wer über 150 Seiten hinweg so graphisch zu erzählen versteht, der ist ohnehin in jeder Beziehung auf dem besten Weg.

 


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