Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Träumen Bücher von ihrer Umsetzung in Comics?

| 0 Lesermeinungen

Zamonien ist ein literarisches Wunderwerk. In bislang sieben Romanen hat Walter Moers es ausbuchstabiert. Und es auch graphisch dazu gemacht: durch seine vielen Illustrationen, die die Bücher begleiten. Wobei das jüngste, „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“, von fremder Hand mit Bildern versorgt wurde: Die begeisterte Zamonien-Leserin Lydia Kode griff zum Stift, und man darf sagen, dass diese Entdeckung von Moers ihren eigenen Reiz hat. Der Mann hat offenbar nicht nur gesegnete Hände und einen hellwachen Geist, sondern auch weit offene Augen.

So auch im Falle von Florian Biege, eines freischaffenden Illustrators aus Münster, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, bis er sich mit Moers zusammentat. Zum ersten Mal stieß ich vor sieben Jahren auf Früchte dieser Kollaboration, in der Oberhausener Ausstellung „Die 7 ½ Leben des Walter Moers“. Dort waren ein paar Comicseiten zu sehen, die Biege nach dem Zamonien-Roman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ gestaltet hatte, nach einem Szenario von Moers selbst. Es ist kein Geheimnis, dass die 2004 erschienene „Stadt der Träumenden Bücher“ mein Lieblingsbuch von Moers ist (was einiges heißen will), und ich habe Grund zur Annahme, dass es auch sein Lieblingsbuch ist – nie habe ich ihn als so persönlich berührt empfunden wie in diesem Text. Und Comics wiederum sind unser beider Lieblingsmedium. Was durfte man also mehr erhoffen als „Die Stadt der Träumenden Bücher“ als Comic?

Nun, zum Beispiel, dass Moers ihn selbst anfertigen würde. Er begann schließlich als Comiczeichner, und sein „Kleines Arschloch“ oder die „Adolf“-Bände waren Riesenerfolge. Er hatte doch das ganze Panoptikum Zamoniens schon parat: durch seine Illustrationen in den Büchern. Und ein Szenario für ein Comic schreiben, das heißt ja meistens auch zeichnen. Allemal für jemanden wie Walter Moers. Sein Szenario ist sogar vollständig gezeichnet: Jede einzelne Comicseite ist darin ausgeführt: in schwarzweißen Panels, die man sofort auch in dieser Form drucken könnte; Moers‘ französischer Kollege Joann Sfar hat doch mehrfach bewiesen, dass die Spontaneität der Skizze die beste Form einer Bildererzählung sein kann. Und Moers, so möchte man meinen, kann gar nicht skizzieren, dafür ist er ein viel zu akribischer Zeichner.

© KnausMit „Die Katakomben“ ist jetzt der zweite Teil der „Stadt der Träumenden Bücher“ als Comic erschienen.

Aber es kam eben Florian Biege zum Einsatz, und das ist keine übereilte Entscheidung gewesen, sondern wie alles bei Moers uuuuneeeendlich lang erwogen. Was vor sieben Jahren in Oberhausen angekündigt wurde, ist jetzt erst fertig geworden, ein erster Band im vergangenen Herbst, der zweite zur Jahreswende: „Die Stadt der Träumenden Bücher“ als Comic, zusammen fast 190 reine Comicseiten, angereichert im ersten Buch durch ein Glossar, das aus Anna Dollingers akribisch aufgeschlüsseltem Zamonien-Lexikon entnommen wurde, und im zweiten durch eine weitere Sensation, ein ausgiebiges Making-of, in dem sich auch einige Seiten aus dem Szenario von Moers finden. Ob das klug war, darf man bezweifeln. Denn dadurch sehnt man sich nach dem noch Besseren.

„Noch Besseren“, weil Bieges Arbeit sehr gut ist. Wer sie sich ansehen will, weil er den Comic noch nicht hat (der erste Teil hat sich schon mehr als 25.000 Mal verkauft; das sind Bestsellerzahlen in dieser Branche), der schaue hier in die etwas geizigen Leseproben des Verlags: und . In der Tat sehr gut, aber gewöhnungsbedürftig. Schon anhand des Vorgeschmacks in Oberhausen, von dem ja nicht klar war, ob er dem entsprechen würde, was dann schließlich herauskäme, wurde deutlich, dass Moers den Comic bewusst von seinen eigenen Illustrationen absetzen wollte. Nicht, was die Figurengestaltung angeht, da nimmt Biege genau auf, was Moers vorgezeichnet hat, aber stilistisch. Biege hat den Comic „gemalt“, was auch immer das im Computergraphikzeitalter bedeutet. Es gibt also keine Konturlinien, und die Figuren wirken plastisch. Dass alles farbig ist, sei nur nebenbei erwähnt. Das war 2011 noch ein größerer Schock, aber seitdem ist ja die kolorierte Ausgabe von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ erschienen (nicht zum Besten des Buches, wie ich anmerken möchte), und „Prinzessin Insomnia“ ist farbig illustriert.

Kurz gesagt: Biege verschafft der bislang bewusst klassisch-zweidimensional gezeichneten Zamonien-Welt eine dritte Dimension durch seine künstlerische Handschrift. Über die kann man geteilter Meinung sein; ich zum Beispiel mag gemalte Comics nicht. Und was bei Bieges Bildern sofort auffällt, ist, dass er etwa den Drachendichter Hildegunst von Mythenmetz, Hauptfigur und Ich-Erzähler der „Stadt der Träumenden Bücher“, fast immer so zeichnet, dass nur eines seiner Augen zu sehen ist, also in variierenden Profilperspektiven. Das ist ein probates Mittel, sich die Sache leicht zu machen: Der Micky-Maus-Zeichner Floyd Gottfredson hat einmal wunderbar ausgeführt, dass er Könner auf dem Feld der Funnies – und da gehören Moers‘ Akteure ungeachtet aller philosophischen oder pathetischen Grundstimmung hin – daran erkennt, dass sie ihre Figuren aus jeder Perspektive beherrschen.

Irritierend also, dass im Anhang zu Band 2 des Moers/Biege-Comics eigens angefertigte plastische Umsetzungen der wichtigsten Figuren abgebildet sind, ganz nach der Art der Maquettes im Zeichentrick, dass man aber bei Mythenmetz nichts davon merkt. Ich habe bei nochmaliger, zugegebenermaßen rascher Durchsicht im zweiten Band ein einziges Panel gefunden, auf dem man den Drachen frontal und also seine beide Augen sieht. Bemerkenswert übrigens, dass auf den Moechen Szenario-Seiten auch keine Frontalansicht vom Ich-Erzähler zu haben ist – und auch in allen Illustrationen zum Roman nicht. Nur fällt das dort nicht auf, weil keine Illusion von Dreidimensionalität angestrebt wird.

Aber nun genug des Bekrittelns, denn obwohl ich mit negativer Stimmung an die Zeichnungen herangegangen war, bin ich in größtem Glück aus der Lektüre herausgekommen – und in größtem Bedauern, dass ich ans Ende gelangt bin. Denn Moers und Biege ist ein Kunststück geglückt, dass man gar nicht hoch genug einschätzen kann: Sie haben die gleichermaßen abenteuerliche wie melancholische wie ironische Atmosphäre der Vorlage bewahrt, vor allem durch die höchst geschickt ausgewählten Textpassagen, die überwiegend orginalgetreu sind, an einigen Stellen aber auch variiert oder gar ganz neu. Das war natürlich allein Moers‘ Werk, und wie gesagt hat er den Comic auch graphisch weitgehend selbst konzipiert, indem sein Szenario die Panelabfolge und -perspektiven vorgab. Aber Biege hat dann auch Abwandlungen vorgenommen, und von wem etwa die spektakuläre Idee des Ausklappbildes zum Abschluss des ersten Bandes stammt, das auf vierseitiger Breite die Lederne Grotte, in der die Buchlinge leben, zeigt, würde man gerne wissen. Ein Hoch dem Knaus Verlag, dass er sich diesen speziellen Effekt geleistet hat.

Auf dieser Panoramaansicht wird ein anderer Effekt nicht eingesetzt, den Moers und Biege schätzen: das Durchwandern eines einzigen größeren Panels durch Hildegunst von Mythenmetz mittels mehrfacher Einzeichnung der Figur darin. Zum ersten Mal wird dieser Kunstgriff auf einer Doppelseite angewandt, die Mythenmetz‘ Ankunft in Buchhaim zeigt, dem Zentrum der literarischen Produktion in Zamonien, aber im Laufe des Comics verlieben sich dessen beide Macher regelrecht in diese Technik. Während einige andere graphische Experimente, etwa das Heraustreten von Mythenmetz aus den Seiten eines illustrierten Buches oder überhaupt der regelmäßige Einsatz von doppelseitigen Kompositionen auf den ersten Band beschränkt blieben. Hier wird nicht nur die Handlung, hier wird auch der Comic selbst als deren Form etabliert. Im zweiten, etwas umfangreicheren Band folgt dann die eigentliche Abenteuerhandlung, und die Atemlosigkeit des Geschehens artikuliert sich auch in den dichteren Panelsequenzen.

Hier tritt dann auch die zweite Hauptfigur auf, der Schattenkönig, und das ist natürlich die größte Herausforderung der Adaption. Im Roman hat Moers ihn nie als ganze Figur gezeichnet, lediglich einzelne Partien des aus Papier zusammengefügten Körpers werden gezeigt, während die eigentliche Vorstellung dieser im unterirdischen Höhlenlabyrinth unter Buchhaim lebenden legendären Gestalt der Phantasie des Lesers überlassen bleibt. Kein Wunder, dass Bieges Schattenkönig dann eine Enttäuschung ist – Grauen und Grusel sind ungezeigt immer stärker. Aber Moers wollte es so haben, und es gibt auch für den Schattenkönig eine plastische Vorlage, die der Puppenbauer Carsten Sommer eigens als Vorbild angefertigt hat – jener Sommer, der auch die Puppen für die „Käpt’n Blaubär“-Filme im Fernsehen geschaffen hat und der zum festen Team um Moers gehört.

Bei den zwei Bänden des Comics „Die Stadt der Träumenden Bücher“ sind sie alle wieder mit dabei: Sommer eben, aber auch Oliver Schmitt (der traditionell die Buchausstattung von Moers‘ Werken beaufsichtigt), Elvira Moers (die Gattin des Autors und unentbehrliche Lektorin) und Wolfgang Ferchl (der Verleger, dem Moers seit seinen Anfängen als Buchautor bei Eichborn treugeblieben ist). Dazu ist mit Michael Hau einer der beiden besten deutschen Letterer beteiligt (der andere ist Dirk Rehm). Was soll da noch schiefgehen? Es ist ja auch nichts schiefgegangen. Der Comic macht das Wunderwerk Zamonien noch ein kleines bisschen wundersamer.

4

Hinterlasse eine Lesermeinung