Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mehr Licht? Das geht gar nicht

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Das ist einer der ungewöhnlichsten Comics der jüngeren Zeit, und obwohl man von Paula Bulling seit ihrem autobiographisch-dokumentarischen Debüt „Im Land der Frühaufsteher“ Überraschungen gewöhnt ist, kommt er doch ganz unerwartet. Schon deshalb, weil ich erwartete, dass die Zeichnerin weiter an ihrem schon länger laufenden Projekt arbeitet, einer großen Recherche über muslimische französische Kriegsgefangene und Widerstandkämpfer im Zweiten Weltkrieg. Aber vielleicht hing der zweimalige Aufenthalt, den Paula Bulling in Les Ateliers Sauvages, einem Künstlerhaus in der algerischen Hauptstadt Algier, absolviert hat, mit ihren diesbezüglichen Nachforschungen zusammen. Wie dem auch sei, die Stadt scheint sie fasziniert zu haben, denn nun hat sie einen Comic über ihre Eindrücke gezeichnet. „Lichtpause“ heißt er. Beim wunderbaren Rotopol-Verlag aus Kassel ist er erschienen

Der Titel ist zunächst erst einmal ein Verweis auf eines der wichtigsten Arbeitsmittel in der Architektur, und Paula Bullings Comic ist vor allem das: Architektur. Gar nicht einmal im Sinne der Seitenarchitektur allein (die allerdings von grandioser Vielfalt ist), sondern mehr noch, weil es tatsächlich die Stadt selbst ist, die auf den 36 großformatigen Seiten die Hauptrolle spielt. Einmal etwa zeichnet Paula Bulling eine ganze Doppelseite lang nur Straßenpflaster – mit alle den verschiedenen Mustern, die eine traditionelle Pflasterung hervorbringt. Diese Sequenz wirkt wie eine Sequenz von Paul Klee. Aber auch die Materialexperimente des späten Willi Baumeister fallen einem ein; das liegt aber vor allem an den Farben, die die sonnig-sandige Welt Nordafrikas heraufbeschwören. Hier kann man es sich ansehen: .

Kunst also kommt in den Sinn, denn das, was Paula Bulling hier macht, ist in der Tat Kunst, ein großes Experiment in visueller Assoziation. Und trotzdem ist es auch ein Comic, der vom Leben als Ausländerin in Algier erzählt, an einem einzigen Tag, der vom Morgen bis zum Abend begleitet wird, formuliert als Ansprache an einen Freund, dem von Begegnungen berichtet wird, von wechselseitigem Beobachten, auch von Enttäuschungen. Und natürlich von Begeisterung, nicht zuletzt für das Licht in dieser Stadt.

Das ist „Lichtpause“ nämlich vor allem: ein gezeichneter Essay über das Licht im Tagesverlauf, komplett mit farbigen Bleistiften angefertigt. Gelb, Blau und Orange sind dabei die vorherrschenden Töne. Und selbst die Randlinien der Panels sind hier farbig und das auch noch von Seite zu Seite meist unterschiedlich gehalten. Diese simple Idee macht großen Effekt, genauso wie die über die Seiten gestreute Erzählstimme, die aus der Perspektive Paula Bullings berichtet. Aber immer wieder verstummt sie über ganze Bilderfolgen hinweg, als müsse sie Atem schöpfen, etwas überdenken, käme vor flirrender Hitze oder unter der Fülle der Eindrücke gar nicht zur Beendigung eines Satzes.

So liest sich „Lichtpause“ blitzschnell, aber fertig ist man damit nicht so rasch, denn eie abermalige Lektüre fördert neue Details (und neues Verständnis) zutage, und das wird beim dritten oder verten Mal kaum anders sein. Man mag sich an Lorenzo Mattotii erinnert fühlen, was die Freiheit des Farbgebraucht angeht, an David Mazzucchelli bei den architektonisch anmutenden Linienführungen und an Avril oder Nicolas de Crécy, wenn es um Stadtporträts geht. Aber keiner dieser vier Meister hat Paula Bullings geradezu traumartige Erzählstruktur, mit er sie sich – und wir als Leser mit ihr – durch die Straßen und Zimmer treiben lässt. Und dann dieser Blick für Details auf den Bürgersteigen, diese Kompromisslosigkeit beim Auflösen eines Eindrucks in Liniengespinste, ja Liniengewirre, die beinahe abstrakt anmuten. Und schon ist man wieder bei der modernen Kunst. Bei Kandinsky, für den es vor allem der Rhythmus war, was ein Bild ausmachte. Und Rhythmus ist eine im Comic immer noch unterschätzte Kategorie, in der nun wieder Paula Bulling sich mehr und mehr als große Meisterin erweist.

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