Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Unterwegs zum Kern der Kernschmelze

Was Kazuto Tatsuta erzählt, lässt verstehen, warum er das unter Pseudonym tut. Der japanische Mangazeichner arbeitete 2012 im Umfeld des Reaktors von Fukushima: als einer jener Kräfte, die sich ums Aufräumen nach dem Gau vom 11. März 2011 kümmern. Danach dokumentierte er seine Erfahrungen: in einem vielhundertseitigen Comic, dessen erste fünfzehn Kapitel ( zwei kurze zusätzliche Episoden) in zwei Bänden bei Carlsen unter dem Titel „Reaktor 1F“ erschienen sind. Und wer noch immer nicht verstanden hat, was in Fukushima passiert ist, der ist bei Tatsuta richtig. Denn auch er hatte es nicht verstanden, als er seinen Aufräumjob begann. Man muss wohl sagen, dass niemand es verstehen kann, der nicht selbst dort zum Einsatz gekommen ist.

Seinen Namen entlehnte der 1965 geborene Mangaka einem Dorf in der Umgebung des Reaktorgeländes. Das ist symptomatisch, denn ans Herz der Atomkatastrophe kommt er erst einmal gar nicht heran. Bis er den titelgebenden Reaktor 1F (ein etwas irreführende Bezeichnung, denn „1F“ steht beim Betreiber Tepco für „Fukushima 1“ und damit für die gesamte Anlage, die mehrere Reaktorblöcke umfasste) zum ersten Mal betritt, vergehen acht Kapitel, und wir haben bereits den zweiten Band erreicht, obwohl das Cover zum ersten den Arbeiter Tatsuta vor dem zerstörten Reaktorblock 3 zeigt. Dessen Silhouette mit dem eingestürzten Dach, dem stehengebliebenen Betongerüst und einem daneben aufgerichteten Kran ist so etwas wie das Emblem dieses Manga. Umso mehr Spannung entsteht, wenn man Tatsutas Bemühungen verfolgt, sich immer näher an den Ort des schlimmsten Geschehens heranzutasten.

Was will er überhaupt in Fukushima? Sich ein Bild machen, wobei die ursprüngliche Motivation nicht darin lag, einen Manga darüber zu zeichnen. Tatsuta wurde von einer Mischung aus Abenteuer-, Geld- und Neugier getrieben, wobei er rasch merkte, dass die angeblich hohen Löhne, die den Aufräumarbeitern gezahlt werden sollten, Fiktion waren. Durch ein vielschichtiges System von Subunternehmen, dessen Rekonstruktion einen nicht unwesentlichen Teil des Manga ausmacht (zu recht, denn das System ist einerseits unglaublich und andererseits, wie Tatsuta betont, durchaus repräsentativ für die ganze japanische Wirtschaft), bleibt bei den Arbeitskräften kaum etwas hängen von den tatsächlich ungewöhnlich hohen Löhnen. Und den Einstieg in das System schafft man nur auf unterster Ebene, wo die Subunternehmer durch Unterbringung ihrer Angestellten in eigenen Wohnungen alles dafür tun, dass die sich nicht wieder so schnell aus den Abhängigkeiten lösen können.

Noch interessanter jedoch ist die akribische Schilderung der Arbeitsabläufe auf dem verseuchten Reaktorgelände. Jeder Schritt hinaus erfordert das Anlegen von Sicherheitsanzügen inklusive einer Atemmaske, von den ständigen Kontrollen der Strahlenbelastung ganz zu schweigen. Was Tatsuta beschreibt und zeigt, ist ein höchst skrupulöses Sicherheitsdenken, dem man kaum den Vorwurf von Nachlässigkeit machen kann. Zugleich aber sind die Arbeitsbedingungen, zumal im feuchtheißen japanischen Sommer, höchst strapaziös. Etliche Routinen haben sich mehr als ein Jahr nach dem Unfall herausgebildet, und als Newcomer muss Tasuta sie alle erlernen, wobei der Zusammenhalt der Arbeiter groß ist – was auch daran liegt, dass sich hier Männer zusammengefunden haben (Frauen werden so gut wie gar nicht beschäftigt und keinesfalls am Reaktorgelände eingesetzt), die zwar aus den unterschiedlichsten Motivationen hierhergefunden haben, aber fast alle schon viel Lebenserfahrung besitzen. Für einige ist es die letzte Chance, noch einmal ordentlich Geld zu verdienen (dachten sie), für andere eine willkommene Abwechslung vom bisherigen Trott, und manche arbeiten hier aus Überzeugung. Alle halten sie jedenfalls zusammen, und selbst über die Subunternehmer verliert Tatsuta kein wirklich böses Wort, im Gegenteil, er sieht in ihnen auch nur einigermaßen arme Teufel.

Was diesen Comic bemerkenswert macht, ist aber auch die Genauigkeit seiner Darstellung. Unzählige Randerläuterungen erklären Bilddetails, es gibt Aufrisszeichnungen und Lagepläne, die eine Anschaulichkeit schaffen, die in keinem anderen Medium denkbar wäre, und da mangatypisch alles schwarzweiß gehalten ist, sind die reichhaltigen Zeichnungen klarer, als sie es in farbiger Gestalt wären – von der dokumentarischen Assoziationskraft scheinbar sachlicherer Schwarzweißdarstellungen einmal ganz zu schweigen. Auch wenn stets Tatsuta selbst im Zentrum der Geschehens steht, ist er doch als Figur so verallgemeinert, dass nicht nur die Anonymität des Zeichners gewahrt bleibt, sondern dessen Alter Ego auch immer wieder zum unkenntlichen Teil des Arbeiterkollektivs wird, vor allem dann, wenn es mit Schutzanzügen vermummt auf das Reaktorgelände geht. Das ist ein durchaus typisch japanisches Verfahren, mit dem sich Tatsuta etwa vom bekanntesten Comicreporter der Welt, dem Amerikaner Joa Sacco, abgrenzt, der sich selbst auch zum Fixpunkt macht, aber der entsprechenden Figur dabei auch noch derart unverwechselbare Attribute gibt, dass sie stets als beobachtendes Individuum deutlich bleibt. Das ist ehrlicher, aber auch egozentrischer. Und zu dem japanischen Dokumentaristen, der es sich zur Aufgabe gesetzt hat, dem Einsatz der Kollegen im Sperrgebiet seine graphische Reverenz zu erweisen, passt Bescheidenheit besser. Ein Gespräch mit dem Zeichner findet man hier: .

Dennoch ist es seine Perspektive, die konsequent beibehalten wird. Etwa, wenn es im zweiten Band einmal weg vom eigentliche Reaktorumfeld und in die benachbarten Dörfer der Präfektur geht, wo die Schäden noch größer sind – eine Landschaft des Chaos mit aufeinandergetürmten Autowracks und ausradierten Küstenorten. Da wird noch einmal klar, dass die Reaktorkatastrophe zwar einen unermesslichen Schaden durch Verstrahlung angerichtet hat, der Tsunami, der das Ganze auslöste, aber den weitaus größeren Tribut an Menschenleben und Existenzen gefordert hat. So wird die Fixierung auf Reaktor 1F immer wieder einmal aufgebrochen, und auch wenn Tatsuta geradezu manisch daran arbeitet, endlich am Ort der größten Gefahr eingesetzt zu werden, weitet sich nolens volens doch auch sein Blick über die eigene Arbeitsstätte hinaus. Im Manga selbst wird das schon früh angedeutet, wenn zwischen einzelne Kapitel Fotos aus der Umgebung eingeschoben werden, zu denen der Autor kleine erzählende Beschreibungen setzt, die klarmachen, wie sehr jedes normale Leben aus der Tsunamizone verdrängt worden ist.

Ein dritter Band wird noch folgen, und wenn man sich fragen sollte, warum es mehr vier Jahre gedauert hat, dass dieser Comiczeichner seine eigenen Erfahrungen ins Bild setzt, dann muss man sich nur ansehen, wie sorgfältig hier erzählt wird: Monat für Monat entstand für das Manga-Magazin „Morning“ ein weiteres Kapitel, und so dauerte schon der japanische Erstabdruck mehr als zwei Jahre, ehe die Geschichte dann als dreiteilige Sammelausgabe herausgegeben und ins Deutsche übersetzt werden konnte. Dabei hat Jens Ossa als Übersetzer einen Knochenjob zu erledigen gehabt, denn wie gesagt: „Reaktor 1F“ strotzt vor Informationen, die es irgendwie im westlichen Schriftmodus zu integrieren galt. Dass man dabei dann manchmal das Heft drehen muss, um eine am Rand angebrachte Erläuterung lesen zu können, ist gewöhnungsbedürftig, aber unvermeidlich. Nicht nur Kazuto Tatsuta hat gut gearbeitet – erst in Fukushima und dann am Zeichentisch –, sondern auch der deutsche Verlag.